Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Seit dem Hinscheiden Sawelijs hatte der Diakon sich nicht mehr zu Bette gelegt und die drei schlaflosen Nächte nebst der gespannten Aufmerksamkeit, die er unausgesetzt dem Toten widmete, hatten die stahlharten Nerven Achillas in einen Zustand äußerster Erregung versetzt.

Die Instinkte und Leidenschaften, welche sonst vor allem das Tun und Lassen des Diakons bestimmt hatten, schienen jetzt völlig verstummt zu sein und an ihre Stelle traten Seelenzustände, wie sie ihm bisher gar nicht eigentümlich gewesen waren.

Von seiner einstigen Zerfahrenheit und seinem Leichtsinn war nichts mehr zu merken. Er war in sich gekehrt und ganz im Banne schwerer Gedanken, von denen er sich nicht zu befreien vermochte. Er war nicht bleich geworden und seine Augen blickten nicht matt: im Gegenteil, über seiner gebräunten Haut lag ein mattrosiger Schimmer. Er sah alles mit einer Deutlichkeit und Schärfe, daß ihm die Augen schmerzten. Jeden Ton hörte er, als käme er aus seinem eigenen Innern, und vieles war ihm verständlich geworden, woran er früher überhaupt nie mehr gedacht hatte.

Er begriff jetzt alles, was der verstorbene Sawelij gewollt und angestrebt hatte, und er nannte den Entschlafenen einen Märtyrer.

In den drei Nächten der Totenwache redete er wiederholt mit dem Verstorbenen und wartete allen Ernstes darauf, daßunter dem Brokattuch, das über das Antlitz des toten Propstes gebreitet war, eine Antwort erschallen würde.

»Väterchen!« sprach der Diakon leise, sich im Lesen des Evangeliums unterbrechend und in der nächtlichen Stille an den Sarg herantretend, – »stehe auf! Wie? Für mich allein stehe auf! Du kannst nicht? Du liegst da wie Gras?«

Und dann stand oder saß er einige Minuten stumm da, um endlich das monotone Lesen wieder aufzunehmen.

In der dritten und letzten Nacht war Achilla für einen Augenblick eingeschlummert. Als er kurz vor Mitternacht erwachte, löste er den Vorleser ab und schloß die Tür hinter ihm zu.

Nachdem er das Sticharion angelegt hatte, stellte er sich vor das Pult, berührte die Schulter des Toten mit der Hand und sagte:

»Nun höre, Väterchen, heut lese ich zum letztenmal,« – und dann fing er an, das Johannisevangelium zu lesen. Vier Kapitel las er, und als er beim fünften angelangt war, stockte er bei einem Vers, seufzte tief auf und wiederholte die große Verheißung zweimal: »Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens.«

Nachdem er diesen Satz zweimal laut gesprochen hatte, wiederholte Achilla ihn in Gedanken noch einige Male, – und kam nicht weiter.

»Jetzt hat er doch schon die Stimme des Gottessohnes gehört und ist zu neuem Leben erwacht … Ich sehe ihn nur nicht, aber er ist hier.«

Er merkte nicht, daß die Nacht schon vergangen war und am Himmel der erste bleiche, bernsteinfarbene Streif der Morgenröte aufleuchtete, die letzte Morgenröte, die auf Erdendie sich auflösenden Reste dessen beleuchten sollte, der einst Vater Sawelij war und die Stimme seiner heimischen Erde so gerne hörte und so gut verstand.

Als der Diakon sah, daß es hell geworden war, seufzte er, trat vom Pult zum Sarge, stützte sich mit den Armen auf die beiden Seitenwände, so daß die hohe Brust Sawelijs unter seiner Brust lag, hob sachte mit zwei Fingern das Brokattuch empor, das über dem Gesicht des Toten gebreitet lag, und sprach:

»Väterchen, Väterchen, wo ist jetzt dein Geist? Wo ist dein flammendes Wort? Gib mir Unverständigem etwas von deinem Geiste!«

Achilla fiel an die Brust des Toten, zuckte plötzlich zusammen und fuhr zurück: ein Schauer war ihm durch seine Glieder gefahren. Er sah sich nach allen Seiten um: alles war still, nur seine schwergewordenen Augenlider klebten zusammen und eine große Müdigkeit zog seinen Kopf abwärts.

Der Diakon raffte sich auf, warf sich zum Gebet nieder und erschrak vor dem Laut seines fallenden Körpers: über sich glaubte er ein Knacken zu vernehmen, und es schien ihm, als sitze Sawelij aufrecht, das Brokattuch vor dem Gesicht und das Evangelienbuch in den todesstarren Händen.

Achilla sprang auf und flüsterte, die Arme vorstreckend:

»Friede sei mit dir! Friede! Ich lasse dir keine Ruhe!«

Nach diesen Worten nahm er wieder das Buch und wollte weiterlesen, aber mit Staunen fand er dasselbe zugeschlagen. Und er konnte sich nicht mehr entsinnen, wo er stehen geblieben war.

Er schlug das Buch aufs Geratewohl auf und las: »Er war in der Welt und die Welt kannte ihn nicht …«

»Was suche ich denn da?« dachte er. Sein Kopf war ganz verwirrt. Er schlug eine andere Stelle auf. Dort stand:

»Und es werden ihn sehen alle Augen und die ihn zerstochen haben.«

Aber wie Achilla das Blatt umwenden will, merkt er, daß seine Hand ganz schwer geworden ist und jemand ihn festhält.

»Was will ich denn? Was suche ich eigentlich? Welche Perikope? Was ist denn heute für ein Tag?« denkt Achilla und kann es nicht herausbekommen, denn er ist ganz von der Erde entrückt …

In der strahlend erleuchteten Kirche steht Sawelij im hellen, festlichen Meßgewand, mit der hohen violetten Scheitelkappe vor dem Altar und liest mit voller runder Stimme, jedes Wort wie eine leuchtende Kugel von sich stoßend: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.«

»Was ist das? Gott im Himmel! Und ich meinte, der Vater Sawelij wäre gestorben! Ich habe den Introitus verschlafen! Ich bin zu spät zur Frühmesse gekommen!«

Achilla zuckte zusammen und öffnete die Augen. Er merkte, daß er wirklich geschlafen hatte, und draußen heller Morgen war. Das rote Leuchten der Begräbniskerzen erstarb in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Die Luft war dick vom Qualm, trauriges Glockengeläute klang von draußen herüber und an die Zimmertür wurde heftig gepocht.

Achilla fuhr sich hastig mit der trockenen Hand über das Gesicht und öffnete.

»Eingeschlafen?« fragte ihn der eintretende Benefaktow leise.

»Ein wenig,« erwiderte der Diakon und trat zur Seite, um den Priestern Platz zu machen, die dem Vater Zacharia folgten.

»Aber ich … weißt du … ich habe nicht geschlafen: ich habe die ganze Nacht an der Leichenrede gearbeitet,« flüsterte Benefaktow dem Diakon zu.

»Nun, und ist sie fertig?«

»Nein, es kommt nichts heraus.«

»Ja, so geht es Euch allemal.«

»Vielleicht könntest du etwas sagen?«

»Ich, Vater Zacharia? Ich bin doch kein Gelehrter!«

»Was denn? Du hast doch das Sticharion! Das Recht hast du.«

»Was hilft mir das Recht, Vater Zacharia, wenn ich weder die Gabe noch den Verstand dafür besitze?«

»So betet recht inbrünstig um die Gabe, werter Herr, dann wird sie von selber kommen,« mischte sich flüsternd der Zwerg ins Gespräch.

»Beten? Nein, Freund Nikolascha, vielleicht betest du für mich. Mich hat der Schmerz um den Verstand gebracht. Ich habe selbst in wachem Zustande Gesichte.«

»Gut, ich will beten, wenn Ihr es wünscht,« erwiderte der Zwerg.


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