Zweites Buch.Erstes Kapitel.
Der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch war vorüber und der erwachende Morgen verhieß einen heiteren und stillen Tag.
Tuberozow, von der Messe zurückgekommen, saß beim Tee, auf demselben Sofa, auf dem er nachts geschlafen, und vor demselben Tisch, an dem er seine Memorabilien geschrieben hatte. Die Pröpstin bediente ihren Gatten, um dessen Ruhe sie so besorgt war, daß sie ihm alles an den Augen abzusehen suchte und nicht wagte, durch irgendeine Frage seine ernsten Gedanken zu stören. Flüsternd befahl sie dem Dienstmädchen, die beiden Pfeifen des Propstes mit Shukowschem Knaster zu stopfen und sie in den Ständer in der Ecke zu stellen, und dann setzte sie sich ihm gegenüber und wartete, das Kinn auf die Hand gestützt, bis der Propst das erste Glas geleert habe und ein zweites verlangen würde.
Aber ehe es so weit war, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen ungewöhnlichen Lärm ganz in der Nähe des Hauses abgelenkt. Man vernahm hastige Schritte und wirre Stimmen, die sich hin und wieder zu wütendem Geschrei verdichteten.Die Pröpstin schaute zum Fenster ihres Schlafzimmers hinaus und sah, daß Lärm und Geschrei von einer Menschenmenge herüberdrangen, welche sich mit großer Hast geradewegs auf ihr Haus zu bewegte.
»Was kann das sein?« dachte die Pröpstin, ging ins Wohnzimmer zurück und sagte ihrem Manne:
»Sieh doch, Vater Sawelij, was da für eine Menge Leute kommt.«
»Leute gibt es viel, meine Liebe, aber es sind keine Menschen darunter,« antwortete Sawelij ruhig.
»Nein, du solltest wirklich hinaussehen, es sind ihrer furchtbar viele.«
»Laß sie doch rumlaufen, soviel sie wollen; gib mir lieber noch ein Gläschen Tee.«
Die Pröpstin nahm sein Glas, füllte es, reichte es ihm und trat wieder ans Fenster. Der lärmende Haufe war verschwunden. Nur drei oder vier aus ihm standen noch herum und blickten mit offenkundiger Verlegenheit nach dem Tuberozowschen Hause.
»Um Gotteswillen, brennt es nicht irgendwo bei uns, Vater Sawelij!« rief die Pröpstin und stürzte entsetzt ins Zimmer ihres Gatten, aber schon an der Schwelle blieb sie stehen und begriff endlich, was eigentlich geschehen war.
Die Tür zum Wohnzimmer ging lärmend auf und in der Wohnstube des Propstes erschien der Diakon Achilla, und dicht hinter ihm, feuerrot und ganz verwirrt, der Kommissar, welchen Achilla fest am Ohr hielt.
»Vater Propst,« begann Achilla, indem er Danilka losließ und die Hände dem Propst entgegenstreckte.
Tuberozow segnete ihn.
Hierauf trat auch Danilka vor Sawelij hin und nahm den Segen in Empfang.
Nachdem dies geschehen war, packte der Diakon ihn wieder fest am Ohr, riß ihn zwei Schritte zurück und fing an:
»Stellt Euch vor, Vater Sawelij, eben gehe ich die Straße entlang, da höre ich laut reden. Ein paar Kleinbürger sprechen vom gestrigen Regen, den uns der liebe Gott auf unseren Bittgottesdienst gesandt hat, – und jener dort« – Achilla stieß den Zeigefinger seiner linken Hand dem ängstlich zwinkernden Danilka gerade in die Nase – »wagt zu widersprechen!«
Tuberozow hob den Kopf.
»Denkt nur, er behauptete,« fuhr der Diakon fort und zog Danilka näher zu sich heran, »er behauptete, der Regen, den wir vorige Nacht nach dem Bittgottesdienst gehabt hätten, sei gar nicht infolge des Gottesdienstes gekommen.«
»Woher weißt du denn das?« fragte Tuberozow trocken.
Danilka schwieg verlegen.
»Denkt doch bloß, Vater Propst! Er behauptet, der Regen sei einfach kraft eines Naturgesetzes gekommen.«
»Zu welchem Zwecke hast du die Betrachtungen angestellt?« fragte Tuberozow.
»Ein Zweifel regte sich in mir,« antwortete Danilka bescheiden.
»Zu zweifeln hat ein so kompletter Ignorant, wie du, überhaupt nicht, und also hat der Täter seinen Lohn dahin. Du hast bekommen, was du verdientest. Und nun hinaus aus meinem Hause, du Schwätzer.«
Nachdem der Freigeist Danilka auf diese Weise an die Luft befördert war, nahm der Propst wieder am Teetisch Platz, trank sein Glas schweigend aus, und als er damit fertig war, wandte er sich an den Diakon Achilla. »Und du, Vater Diakon, – hast du die Absicht, noch lange so zu wüten? Hab' ich dich nicht ermahnt, deine Hände davon zu halten?«
»Es geht nicht, Vater Propst; ich konnte mich nicht bezwingen; ich wollte Euch schon längst davon Mitteilung machen, wie er – denkt nur – immer gegen die Gottheit und gegen die Schrift redet.«
»Und da mußtest du dich vor allem Volke mit ihm prügeln?«
»Und wenn's auch vor allem Volke war, – was ist denn dabei, Vater Propst? Ich bin ein Diener des Altars und muß an jedem Ort für meinen Glauben eintreten. Der heilige Nikolaus hat dem Ketzer Arius auch vor allem Volke eins ausgewischt …«
»Du bist aber nicht der heilige Nikolaus,« fiel ihm Tuberozow ins Wort. »Du bist eine simple Krähe, verstehst du, und als solche hast du dich nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen. Was hast du mit deinem Knüppel so zu fuchteln? Du hast wohl vergessen, daß ein Knüppel zwei Enden hat? Du verläßt dich immer auf deine Kraft, du Dromedar!«
»Das tu ich.«
»Tust du's? Nun, so tu es lieber nicht. Nicht deine Kraft hat dich gerettet, sondern das da,« – sagte der Propst und zog den Diakon am Ärmel seiner Kutte.
»Wollt Ihr mir das zum Vorwurf machen, Vater Propst? Ich bin mir der Würde meines Amtes bewußt.«
»So? Du bist dir der Würde deines Amtes bewußt?«
Mit diesen Worten trat der Propst dem Diakon einen Schritt näher, schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie und flüsterte:
»Ist es Euch vielleicht bekannt, Vater Diakon, wer mit den Handlungsgehilfen vor dem Kolonialwarenladen sitzt und Zigaretten raucht?«
Der Diakon wurde verlegen und erwiderte hastig:
»Ja, gewiß hab' ich, Vater Propst … Ich kann's nicht leugnen … Aber das geschah nur aus Unvorsichtigkeit, Vater Propst, wirklich nur aus Unvorsichtigkeit.«
»Seht nur, ihr Leute, was wir für einen feinen Diakon haben, wie famos er die Zigaretten zu drehen versteht.«
»Nein, wirklich, Vater Propst, nicht deswegen war es. Was hätt' ich mich groß damit zu rühmen? In bezug auf das Tabakskraut sind auch andere geistliche Personen nicht sehr enthaltsam.«
Tuberozow maß den Diakon von Kopf bis zu Fuß mit einem sehr vielsagenden Blick, dann warf er den Kopf zurück und fragte:
»Was willst du damit sagen? Daß der Propst auch Tabak raucht, nicht wahr?«
Der Diakon war so verlegen, daß er nichts zu erwidern vermochte.
Tuberozow wies mit der Hand nach der Zimmerecke, wo seine drei Pfeifen standen.
»Was rauche ich wohl, Vater Diakon?«
Der Diakon schwieg.
»Habt die Güte, mir Antwort zu geben. Was rauche ich? Rauche ich Pfeifen?«
»Ihr raucht Pfeifen,« antwortete der Diakon.
»Pfeifen? Ausgezeichnet. Und wo rauche ich sie? Rauche ich sie zu Hause?«
»Ihr raucht sie zu Hause.«
»Manchmal rauche ich auch eine bei guten Freunden, die ich besuche.«
»Ihr raucht auch manchmal bei guten Freunden.«
»Aber nicht mit Ladenjungen vor dem Tor!« rief Tuberozow und schlug mit dem rechten Zeigefinger drohend gegen die linke Handfläche. »Geh jetzt deines Weges undhab' Acht auf dich,« schloß er. »Es kommt eine neue Ordnung, es wird ein neues Gerichtsverfahren eingeführt, es kommen neue Gebräuche, nichts soll mehr im Verborgenen bleiben, sondern alles offenbar werden; dann werde ich dich nicht mehr schützen können.«
Nach diesen Worten trat der Propst mit seinem großen Fuß auf einen Strohstuhl und langte vorsichtig den gelben Käfig mit dem Kanarienvogel herunter.
»Pfui! Daß Gott sich erbarme! Da hab' ich den Glauben verteidigen wollen und wieder war's ein Reinfall!« brummte Achilla vor sich hin, als er das Haus des Propstes verlassen hatte und mit schnellen Schritten auf ein kleines gelbes Häuschen zuging, aus dessen offenen Fenstern ein ganzer Haufen blonder Kinderköpfchen herausguckte.
Der Diakon stieg eilig die Verandastufen hinauf, trat ins Vorhaus und öffnete, nachdem er mit der Stirn erst gegen den Querbalken gerannt war, die Tür zum Wohnzimmer.
In dem niedrigen Raume ging der dürre, winzige Zacharia im Leibrock, die Hände auf dem Rücken, eine lange silberne Kette auf der eingefallenen Brust, auf und ab.
Achilla betrat dieses Haus mit einem ganz anderen Gesicht und in ganz anderer Haltung, als das des Propstes. Die Verwirrung, in der er sich befunden hatte, als er das Haus Tuberozows verließ, war geschwunden, und schon erfüllten ihn eitel Milde und Güte.
»Nun, Vater Zacharia! Nun, Brüderlein, liebes … Nun!« begann er ungeduldig in der Tür.
»Was gibt's?« fragte Zacharia mit sanftem Lächeln. »Was drehst und windest du dich so?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann der dürre Pfarrer wieder auf- und abzulaufen.
Der Diakon brach erst in ein lustiges Lachen aus und rief dann:
»Ach, Freundchen, hat das wieder eine Kopfwäsche gegeben! Ach, Vater, sogar der Schädel tut mir weh von der Seife. Kann ich mal fix einen kippen?«
»Einen kippen? Schön! Aber wer hat dich denn vorgekriegt?«
»Wer sonst als der Justizminister!«
»Vater Sawelij!«
»Eben der! Es ist eine ganz ungewöhnliche Sache, Vater Zacharia. Ich wollte mich verdient machen, aber er hat alles herumgedreht, durcheinandergeschmissen. Erzählen läßt es sich gar nicht.«
Aber nachdem der Diakon sich gesetzt und das ihm auf einem Teller präsentierte Gläschen Branntwein geleert hatte, erzählte er Vater Zacharia doch die ganze Geschichte seines Konflikts mit Danilka und mit Tuberozow in allen Einzelheiten. Zacharia hüpfte währenddem unausgesetzt im Zimmer hin und her und blieb nur stehen, um bald den einen, bald den andern der herumhuschenden Blondköpfe aus dem Wege zu räumen. Als der Diakon seine Erzählung beendet hatte, brummte Zacharia, das Ende seines dünnen Bartes zwischen die Lippen geklemmt, bedeutungsvoll: »Ja, ja, ja, aber das tut nichts.«
»Ich kann mir's nicht anders denken, als daß er erzürnt ist und …«
»Und was noch? Packt euch raus, ihr Bälger! Also was noch?« fragte Zacharia, die Kinder zur Seite schiebend.
»Daß es unpolitisch von mir war, die Pfeife zu erwähnen,« erklärte der Diakon.
»Ja natürlich … versteht sich … zum Teil mag auch das … Weg mit euch, ihr Bälger! … Übrigens glaube ich,daß er nicht so sehr unzufrieden mit dir ist … Er ist vielmehr … nehme ich an … Wollt ihr wohl Platz machen, ihr Bälger! … Ich meine, daß er in seinem Herzen … verstehst du?«
»Betrübt ist?« sagte der Diakon.
Vater Zacharia fuhr sich mit der kleinen Hand über die Brust, zog ein saures Gesicht und sagte:
»Empört ist.«
»Gepeinigt,« entschied Achilla. »Ich weiß, der Lehrer Warnawka bringt ihn immer in Zorn, aber ich nehme mir den Warnawka noch einmal ordentlich vor – – und so weiter.«
Und ohne sich in weitere Auseinandersetzungen einzulassen, verabschiedete sich der Diakon und ging.
Auf dem Heimwege traf er Danilka und hielt ihn an:
»Sei so gut, lieber Danilka, und zürne mir nicht. Wenn ich dich gestraft habe, so geschah es nur in Erfüllung meiner Christenpflicht.«
»Ihr habt mich vor dem ganzen Volke gekränkt, Vater Diakon,« antwortete Danilka in einem Tone, der zwar noch immer beleidigt, aber doch auch schon ein wenig nach Friedensbereitschaft klang.
»Nun, was willst du mir dafür tun, daß ich dich gekränkt habe? Ich weiß, daß es eine Kränkung war, aber wenn ich streng bin … Ich habe es ja nicht aus Frechheit getan. Schon im vorigen Jahr, als ich dich ertappte, wie du im Vorhause beim Polizeichef das Meßgewand des Propstes angelegt hattest und den Weihwasserwedel schwenktest, sagte ich zu dir: ›Du kannst über die Schrift philosophieren, soviel du willst, Danilka, von der Wissenschaft verstehe ich selbst nicht viel, aber den Ritus darfst du mir nicht antasten.‹ – Hab' ich das gesagt oder nicht?«
Danilka schüttelte widerwillig den Kopf und brummte:
»Vielleicht habt Ihr so was gesagt.«
»Nein, mein Lieber, keine Winkelzüge! Gestehen sollst du! Ich hab' es deutlich ausgesprochen: den Ritus nicht antasten, und damit basta! Und warum sagte ich das? Weil es unser Lebensinhalt ist, unsere Wesenheit, deshalb hast du auch deine Finger davon zu lassen. Hast du mich verstanden?«
Danilka drehte sich nur zur Seite und lächelte. Ihm selbst war es furchtbar komisch vorgekommen, als der Diakon ihn am Ohr durch die ganze Stadt zerrte, und die andern Kleinbürger, welche Zeugen dieser Szene waren, hatten, im Scherz und mühsam das Lachen verbeißend, dem Diakon ebenfalls übermäßige Strenge vorgeworfen.
»Ihr seid zu streng, Vater Diakon! Ihr seid übermäßig streng,« hatten sie ihm gesagt.
Achilla machte nach dieser Bemerkung ein nachdenkliches Gesicht, und mit einem tugendhaften Seufzer seine Hände auf die Schultern der beiden zunächst stehenden Kleinbürger legend, meinte er:
»Streng, sagt ihr? Ja, gewiß bin ich streng, da redet ihr wahr. Aber dafür bin ich auch gerecht. Wenn nun diese Sache vor den Friedensrichter käme? Da ginge es doch viel schlimmer. Er knöpft einem sofort drei Rubel zum Besten der Kinderbewahranstalten ab.«
»Wer weiß? Mancher Friedensrichter gibt einem dafür noch einen Rubel Trinkgeld.«
»Na siehst du wohl! Ich weiß, daß ich gerecht bin, mein Lieber.«
»Gerecht? Ach nein, Vater Diakon, Eure Gerechtigkeit ist nicht weit her!«
»Wieso?«
»Weil doch der Danilka gar nicht so viel Schuld hat. Er hat doch nur wiederholt, was der gelehrte Mann ihm sagte.Wenn's nach Recht ginge, müßtet Ihr den Lehrer Warnawa zur Vernunft bringen. Er hat uns das erklärt, Danilka hat bloß gezweifelt, ob der Lehrer recht hat und der Regen von selber durchs Naturgesetz gekommen ist, oder ob ihn doch der Bittgottesdienst hervorgerufen hat. Wenn Ihr den Lehrer durchgewalkt hättet, so wäre das nur recht und billig gewesen.«
»Den Lehrer?!« Der Diakon breitete die Arme weit aus, schob die Lippen rüsselförmig vor, stand einen Augenblick vor den Kleinbürgern und flüsterte dann: »Gerecht? Ja, die Gerechtigkeit verlangt es … Aber Vater Sawelij will es nicht … und also ist es unmöglich …«