Zweites Kapitel.
Nikolai Afanasjewitsch hatte mit Recht nicht viel von dem Brief erwartet, mit dem der Diakon davongeritten war. Achilla blieb eine ganze Woche fort, und als er gesenkten Hauptes auf mattem Pferde heimkam, berichtete er, daß er mit seinem Briefe nichts ausgerichtet habe und auch nichts habe ausrichten können.
»Warum denn das?« fragte man ihn.
»Sehr einfach! Weil der Vater Sawelij selbst zu mir sagte: ›Laß ab, mein Lieber, wir Geistlichen haben keinen, der sich unser annimmt. Bitte alle, daß sie mir den Gefallen tun, sich nicht für mich zu verwenden.‹«
Und der Diakon wollte darüber weiter gar nicht reden.
Viel lieber erzählte Achilla, wie er den Propst angetroffen und was dieser in der einen Woche erlebt hatte.
»Der Bischof«, so berichtete er, »ist gar nicht so böse auf ihn, ja eigentlich überhaupt nicht erzürnt, er hat ihn bloß aus Politik der Marter überantwortet, um es mit der weltlichen Obrigkeit nicht zu verderben. Deswegen allein wurde der Vater Sawelij in die Stadt geholt. Jawohl! Und der Vater Sawelij könnte die ganze Schuld von sich abwälzen und zu uns zurückkommen, denn der Bischof hält es insgeheim mit ihm … Jawohl! Gleich am nächsten Tage wurde ihm eine geheime Mitteilung vom Bischof, daß er zum Herrn Gouverneur gehen solle und um Entschuldigungbitten … Jawohl! Aber der Vater Sawelij hat in seiner Hartnäckigkeit sehr schroff darauf geantwortet: ›Ich bin mir keiner Schuld bewußt, kann also auch nicht um Vergebung bitten!‹ Dadurch hat er nun auch den Bischof aufgebracht. Jawohl! Aber auch jetzt war der Zorn nicht groß, denn den Beschluß des Konsistoriums, eine Untersuchung wegen jener Predigt einzuleiten, hat er mit einem großen blauenXdurchstrichen und alle Gemüter im stillen beruhigt, indem er den Vater Sawelij dem niedern Klerus am Bischofshofe zuzählen ließ. Jawohl!«
»Und Vater Sawelij dient jetzt?« fragte Zacharia.
»Jawohl! Er liest die Hora und die Parömie, aber seinen Sinn ändert er nicht, und auf die politische Frage der Eminenz: ›Worin hast du dich vergangen?‹ – antwortete er noch politischer, als hätte er die Frage nicht verstanden: ›In diesem Leibrock, hohe Eminenz!‹ – und hat sich dadurch nur geschadet. Jawohl!«
»A–a–ach!« rief Zacharia und schüttelte verzweifelt den kleinen Kopf, sich die Ohren mit den Händchen zuhaltend.
»Er hat sich bei einem Gendarmenwachtmeister in der Klostervorstadt ein gelbes Stübchen für zweiundeinenhalben Silberrubel monatlich gemietet und läuft jeden Morgen mit seinem Krug an den Fluß hinunter nach Wasser. Aber Gesicht und Gestalt sind sehr spitz geworden, und er läßt Euch sagen, Natalia Nikolajewna, Ihr möchtet recht bald zu ihm kommen.«
»Morgen noch reise ich hin,« antwortete die Pröpstin weinend.
»So, daswärensämtliche Neuigkeiten. Der Staatsanwalt aber, dem ich den Brief brachte, sagte nur: ›Die ganze Sache geht mich gar nichts an, ihr habt eure eigene Obrigkeit.‹ Er hat mir auch keinen Brief mitgegeben, sondern nur schöngrüßen lassen. Nehmen Sie also, bitte, hiermit seinen Gruß entgegen, wenn Ihnen was dran liegt. Und noch einen Gruß an Sie alle habe ich, vom Herrn Termosesow. Ich traf ihn in der Stadt; er kam in einem feinen Wagen vorbeigefahren und rief, wie er mich sah: ›Warte mal ein wenig hier vor dem Tor, Diakon, ich bring dir gleich etwas. Eure Postmeisterin nebst Töchtern hat mir bei meiner Abreise ihr Stammbuch aufgehalst. Ich sollte ihr da ein paar Verse hineinschreiben. Ich hab's versehentlich mitgenommen, und nun weiß ich nicht, wie ich's ihr zurückschicken soll. Sei so gut und nimm's mit!‹ Ich denke mir: Hol dich dieser und jener! Gib her, sag' ich, um ihn loszuwerden. Hier ist es!«
Der Diakon holte aus der Tasche seines Leibrocks ein dünnes Büchlein mit bunten Blättern und las vor:
»Auf das letzte Blatt PapierSchreibe ich der Zeilen vier,Voller Ehrfurcht, meine Damen …Wohl bekomm's in Teufels Namen!
»Auf das letzte Blatt PapierSchreibe ich der Zeilen vier,Voller Ehrfurcht, meine Damen …Wohl bekomm's in Teufels Namen!
Damit bezeugt er Euch seine Ehrfurcht, – nehmt sie also hin als den Lohn, der Euch gebührt.«
Und Achilla warf das Album mit der Ehrfurchtsbezeigung Termosesows auf den Tisch und begab sich in den Pferdestall, um sich dort nach den Reisestrapazen auszuschlafen.
Am Tage darauf reiste Natalia Nikolajewna zu ihrem Gatten, und der Diakon blieb allein in dem Hause des Verbannten zurück.