Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Der durchlauchtige Gefährte Termosesows lag in einem weißen Jackett auf dem für ihn aufgeschlagenen Bette, hatte die Füße mit einem leichten Plaid zugedeckt und schien mit geschlossenen Augen vor sich hin zu träumen.

Termosesow wollte sich überzeugen, ob sein Vorgesetzter schlafe oder sich bloß schlafend stelle, darum trat er leise an das Bett, beugte sich über das Gesicht des Fürsten und nannte ihn beim Namen.

»Schlafen Sie?« fragte er.

»Ja,« antwortete Bornowolokow.

»Was soll das heißen? Wenn Sie mir antworten, können Sie nicht schlafen.«

»Ja.«

»Das ist also ein Blödsinn.«

Termosesow begab sich zu dem zweiten Sofa, warf seinen Mantel ab und streckte sich ebenfalls aus.

»Während Sie sich hier rekelten, habe ich schon sehr viel geleistet,« sagte er, sich zurechtlegend.

Bornowolokow antwortete wieder nichts als »Ja«, es war aber ein ganz besonderes Ja, sozusagen ein neugieriges Ja, das eher wie eine Frage klang.

»Jawohl, ja! Ich kann sagen, daß ich einige für uns sehr bedeutsame Entdeckungen gemacht habe.«

»Mit dieser Dame?«

»Die Dame? Die ist eine Sache für sich. Erinnern Sie sich aber noch, was ich Ihnen sagte, als ich Sie in Moskau auf der Sadowaja fing?«

»Ach ja!«

»Ich sagte: ›Eure Durchlaucht, gnädigster Fürst! So geht man mit alten Kameraden nicht um, – daß man sie nämlich fallen läßt. Nur Lumpen handeln so.‹ Habe ich Ihnen das gesagt oder nicht?«

»Ja, Sie haben das gesagt.«

»Aha, Sie erinnern sich noch! Nun, dann müssen Sie sich auch noch erinnern, wie ich Ihnen meine Gedanken weiter entwickelte und bewies, daß Sie als unser heutiger Prinz Egalité nicht das Recht haben, auf Ihre Herkunft und Ihre bevorzugte amtliche Stellung zu pochen und über uns alte Montagnards, Ihre einstigen Freunde, die Nase zu rümpfen. Ich habe Ihnen das alles haarklein auseinandergesetzt.«

»Ja, ja.«

»Schön! Sie verstanden, daß mit mir nicht gut Kirschen essen ist, und zeigten sich sehr nachgiebig. Dafür lob' ich Sie. Sie begriffen, daß Sie mich nicht so am Wege liegen lassen durften, denn Hunger ist ein böser Berater, und einem Hungrigen fällt alles mögliche ein. Termosesow hat zudem noch ein vorzügliches Gedächtnis und einen scharfen Riecher. Als Sie noch ein feuerroter Umstürzler waren, wußte er schon, daß Sie bestimmt mal Kehrt machen würden.«

»Ja.«

»Sie beschlossen, mich als Ihren Sekretär mitzunehmen … Das heißt, um der Wahrheit die Ehre zu geben und Sie nicht durch Schmeichelei zu kränken, Sie entschlossen sich nicht selbst dazu, sondern ich zwang Sie, mich mitzunehmen. Ich machte Ihnen Angst, ich könnte Ihre Korrespondenzmit gewissen Freunden an der Weichsel bekannt geben.«

»Ach!«

»Tut nichts, mein Fürst, seufzen Sie nicht. Was ich Ihnen damals in Moskau auf der Sadowaja sagte, als ich Sie am Rockknopf festhielt und Sie vor mir davonlaufen wollten, das sag' ich Ihnen auch heute wieder: seufzen Sie nicht und jammern Sie nicht, daß Termosesow über Sie gekommen ist. Ismail Termosesow wird Ihnen noch einen großen Dienst leisten. Sie und Ihre gegenwärtige Partei, in der keine solchen Halunken zu finden sind wie Termosesow, sondern viel feinere Kunden, gründen Zeitungen und suchen auf diese oder jene Art Fühlung mit dem Volk zu gewinnen.«

»Ja.«

»Das wird Ihnen aber nie gelingen.«

»Warum nicht?«

»Weil ihr ungeschickt seid. Die Patrioten erkennen euch sofort an den Klauen, packen euch am Schopf und schmeißen euch auf die Gasse hinaus.«

»Hm!«

»Jawohl! Aber laßt ihr die Zeitungen schwimmen und haltet euch an Termosesow, so deichselt er euch die ganze Geschichte glänzend. Seien Sie mein Märchenprinz Iwan, so will ich Ihr grauer Wolf sein.«

»Ein Wolf sind Sie schon.«

»Das ist es eben. So ein grauer Wolf schafft Ihnen die goldmähnigen Rosse und den Feuervogel und die Prinzessin und setzt Sie zu guter Letzt auf den Königsthron.«

Und damit sprang der graue Wolf von seiner Lagerstätte auf, lief an das Bett seines Prinzen Iwan und sagte leise:

»Rücken Sie mal ein bißchen zur Wand, ich will Ihnen was ins Ohr flüstern.«

Bornowolokow gehorchte, und Termosesow setzte sich auf den Bettrand, legte seinen Arm um den Fürsten und fing mit leiser Stimme an:

»Versetzen Sie mal der Kirche eins. Da steckt das Gift! Jagt ihren Bonzen mal einen heilsamen Schrecken ein.«

»Ich verstehe nichts.«

»Das Christentum macht die Menschen doch gleich, nicht wahr? Es hat doch Staatsmänner genug gegeben, die in der Übersetzung der Bibel in die Volkssprache eine Gefahr sahen. Nein, das Christentum … man kann es sehr leicht … wissen Sie, in gefährlichem Sinne auslegen. Und solch ein Ausleger kann jeder beliebige Pope sein.«

»Das klingt ganz plausibel.«

»Na also. Danken Sie Ihrem Schicksal, daß es Ihnen Termosesow gesandt hat! Ich stelle Ihnen einen Bericht zusammen, daß sogar Ihre Feinde Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Sie für ein administratives Genie erklären.«

Termosesow dämpfte die Stimme noch mehr und fuhr fort:

»Erinnern Sie sich noch, wie wir schon hier in der Gouvernementsstadt auf dem Heimweg aus dem Klub mit dem Kanzleivorsteher sprachen, und wie er einen freisinnigen Popen erwähnte, welcher sogar frech gegen Seine Exzellenz geworden sei?«

»Ja.«

»Daran haben Sie natürlich nicht gedacht, daß dieser Pope Tuberozow heißt und daß er hier, in dieser Stadt amtiert, wo Sie sich auf dem Lotterbette rekeln und nichts über ihn zu melden imstande sein werden.«

Bornowolokow fuhr in die Höhe und fragte, aufrecht auf dem Bette sitzend:

»Wie können Sie wissen, was der Kanzleivorsteher mir gesagt hat?«

»Sehr einfach. Ich ging damals leise hinter Ihnen. Es ist gut, wenn man Sie immer im Auge behält. Aber das ist jetzt Nebensache. Wir müssen unsere Taktik zuerst an diesem Tuberozow erproben und seine Gemeingefährlichkeit, wie überhaupt die Gemeingefährlichkeit derartiger unabhängiger Charaktere unter den Geistlichen erweisen. So kommen wir zu dem logischen Ergebnis, daß die Religion überhaupt nur als ein Zweig der Verwaltung geduldet werden kann. Sobald aber der Glaube als wirklicher Glaube auftritt, ist er gefährlich und muß eingeschränkt, muß unter Kontrolle gestellt werden. Diesen Gedanken werden Sie als Erster verkünden, und man wird ihn stets in Verbindung mit Ihrem Namen wiederholen, wie man die Gedanken eines Macchiavelli und Metternich wiederholt. Sind Sie zufrieden mit mir, mein Herr und Gebieter?«

»Ja.«

»Und geben mir Vollmacht zu handeln?«

»Ja.«

»Wie soll ich dieses Ja verstehen? Heißt das, daß Sie es ebenfalls wollen?«

»Ja, ich will es.«

»Also! Manchmal heißt Ihr Ja nämlich zugleich Ja und Nein.«

Termosesow erhob sich vom Bette seines Gebieters und sagte:

»Wir armen Sklaven können nicht lange untätig sein. Uns hat keine gütige Fee die Mittel in die Hand gegeben, vom Nihilisten im Handumdrehen zum Satrapen zu werden. Ich sorge für Sie, aber auch für mich. Ich mag nicht mehr hungern. Wo immer ich mich auch zeige, immer heißt's ›ein Roter‹ – und niemand will mich nehmen.«

»Waschen Sie sich weiß.«

»Wo soll ich die Seife hernehmen?«

»Warum haben Sie sich nicht in Petersburg als Spion gemeldet?«

»Ich hab's versucht,« antwortete Termosesow ungeniert, »aber wir leben in einem realistischen Zeitalter: alle einträglichen Stellen waren schon besetzt. Man muß sich erst irgendwie bewährt haben, wurde mir gesagt.«

»So bewähren Sie sich doch.«

»Geben Sie mir Gelegenheit, zu zeigen, was ich kann. Sonst fang' ich, bei Gott, mit Ihnen an.«

»Vieh!« zischte Bornowolokow.

»M–m–m–mu–u–uh!« brummte Termosesow ganz laut.

Bornowolokow sprang auf, faßte sich entsetzt an den Kopf und rief:

»Was soll das noch?«

»Was? Das schwarze Vieh brüllt, weil es fressen will, und es bittet das weiße, es etwas höflicher zu behandeln,« sagte Termosesow ruhig.

Bornowolokow knirschte vor Wut mit den Zähnen und drehte sich schweigend zur Wand.

»Aha! So ist's schon besser! Zähme deinen Zorn, edler Fürst, und bilde dir nicht so viel darauf ein, daß du weiß bist, sonst mal' ich dich so schön an, daß du grau-gelb-grün schimmern wirst und im Schatten blau mit schwarzen Pünktchen. Vergiß nicht, daß ich dir als Zuchtrute mitgegeben bin; ich bin der Dorn in den Blättern deines Kranzes. Trage mich mit Ehrfurcht.«

Der gemarterte Bornowolokow unterdrückte einen Seufzer und stellte sich schlafend. Der triumphierende Sieger aber schlief wirklich ein.


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