Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Mehrere Tage waren vergangen. Tuberozow hatte sich überzeugt, daß seine Befürchtungen, die unbändigen Taten des Diakon Achilla könnten noch ein gerichtliches Nachspiel haben, unbegründet waren. Alles ging gemütlich seinen gleichen Gang. Die Leute suchten Abwechslung in ihr eintöniges Leben zu bringen, indem sie sich zankten, um sich wieder zu versöhnen, und sich versöhnten, um sich wieder zanken zu können. Nichts drohte die allgemeine Ruhe zu stören. Im Gegenteil, dem Propst ward ein wunderschöner Tag beschieden, der ihm nichts als Freude brachte. Es war dies der Namenstag der Frau Stadthauptmann, der sehr bald auf jenen Tag folgte, an dem Achilla in seinem Glaubenseifer den öffentlichen Skandal mit dem Kommissar Danilka hervorgerufen hatte. Als alle Gäste der Pastete des Herrn Polizeichefs die gebührende Ehre erwiesen hatten, rief der Hausherr, welcher zufällig ans Fenster getreten war, plötzlich laut seiner Frau zu:

»Ach du lieber Gott! Sieh nur, Frau, was für Gäste wir bekommen!«

»Wer kommt denn da?« fragte die Frau.

»Sieh mal selber nach.«

Die Hausfrau, und mit ihr alle anwesenden Gäste, stürzten ans Fenster, und nun sah man, daß sich ein mächtiges Dreigespann kräftiger brauner Pferde vorsichtig den Berg herunterbewegte, fast wie ein dreiköpfiger Drache, der auf dem Bauche kriecht. Das mittlere Pferd bläht sich auf und strampelt, wie ein alter General, der einem Untergebenen eine Pauke halten will. Die Seitenpferde sausen bald, wie Ulanenkornetts auf dem Ball, die ein Gegenüber suchen, bald drängen sie sich an das Mittelpferd, wie Schafe im Regen. Das rote Glöcklein schlug manchmal mit dem Ring gegen den Rand, dann schien es wieder wie festgeklebt und schwieg; nur die Schellen klirrten dumpf. Jetzt war der dreiköpfige Drache unten angelangt und breitete sich aus. Die Rücken der Pferde wurden sichtbar, der Schweif des einen Seitenpferdes wehte hoch im Winde; auch eine Mähne flog empor; die Pferde hielten gleichmäßigen Trab und der Wagen polterte über die Brücke. Deutlich sah man das vergoldete Krummholz mit eingeätzten Ornamenten und den großen altertümlichen, bronzebeschlagenen, gitarrenförmigen Wagen, auf dem nebeneinander, wie auf einem Sofa, zwei kleine Geschöpfe, ein weibliches und ein männliches, saßen; der Mann in einem dunkelgrünen Kamelot-Mantel und einer großen Mütze aus haarigem Plüsch, die Frau in einem schlafrockartigen Mantel aus himbeerfarbenemGras-de-Naplesmit einem lila Samtkragen und einer Haube mit braunen Bändern.

»Mein Gott, das sind ja die Plodomasowschen Zwerge! – Nicht möglich! – Sehen Sie doch selbst! – Ja, richtig! – Gewiß doch! Da – Nikolai Afanasjewitsch hat uns schon bemerkt. Sehen Sie, er grüßt! Und jetzt nickt auch Maria Afanasjewna.«

So tönte es erfreut von allen Seiten. Die Gastgeber beeilten sich, für die Ankömmlinge das Frühstück wieder auftragen zu lassen, und die Anwesenden richteten die Blicke gespannt nach der Tür, durch die die kleinen Leute eintreten mußten.

Voran schritt ein altes Männlein, nicht größer als ein achtjähriger Knabe, gefolgt von einem alten Frauchen etwas größeren Wuchses.

Das Männlein war ganz Sauberkeit und Wohlanständigkeit. Auf seinem Gesicht war nichts von gelben Flecken oder Runzeln zu sehen, wie sie gewöhnlich die Gesichter von Zwergen entstellen. Er hatte eine sehr wohlproportionierte Gestalt, einen kugelrunden Kopf, der ganz mit weißen, kurzgeschorenen Haaren bedeckt war, und kleine braune Bärenaugen. Die Zwergin machte keinen so angenehmen Eindruck wie ihr Bruder. Ihre Gestalt war schwammig, um den Mund spielte ein Zug von Dummheit und Sinnlichkeit und die Augen blickten stumpf.

Der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch trug trotz der heißen Jahreszeit warme Tuchstiefel, schwarze Beinkleider aus haarigem Flauschstoff, eine gelbe Flanellweste und einen braunen Frack mit Metallknöpfen. Seine Wäsche war von tadelloser Sauberkeit und seine Wangen stützten sich auf eine stramm gebundene, hohe Atlashalsbinde. Die Zwergin trug ein grünes Seidenkleid mit großem Spitzenkragen.

Als Nikolai Afanasjewitsch ins Zimmer getreten war, legte er zuerst die Händchen an die Hosennaht, drückte dann die Rechte mit der Mütze ans Herz, machte einen Kratzfuß und schritt etwas breitbeinig gerade auf die Hausfrau zu.

»Unser gnädiger Herr Nikita Alexejewitsch Plodomasow und der gnädige Herr Parmen Semenowitsch Tuganow,« sagte er mit leiser und eintöniger Greisenstimme, »haben uns in ihrem eigenen und im Namen ihrer Frau Gemahlin befohlen, daß wir als ihre Diener Ihnen, gnädige Frau Olga Arsentjewna, ihren Glückwunsch darbringen. – Schwesterlein, wiederholt es,« wandte er sich an die neben ihm stehende Schwester, und als diese mit ihrer Gratulation fertig war, machte NikolaiAfanasjewitsch vor dem Polizeichef ebenfalls einen Kratzfuß und fuhr fort:

»Und auch Ihnen, gnädiger Herr Woin Wasiljewitsch, und der ganzen geehrten Gesellschaft einen herzlichen Glückwunsch zum frohen Familienfest. Und ferner habe ich, gnädiger Herr, Ihnen zu melden, daß mein gnädiger Herr und Parmen Semenowitsch Tuganow, die mich und meine Schwester als Gratulanten hierher gesandt haben, es gütigst zu entschuldigen bitten, daß sie ihren Glückwunsch durch uns unwürdige Knechte darbringen lassen; aber sie können leider über ihre Zeit nicht verfügen. Sie wollen sich heute abend noch persönlich deswegen entschuldigen.«

»Parmen Semenowitsch will herkommen?« rief der Polizeichef.

»Mit meinem gnädigen Herrn Nikita Alexejewitsch Plodomasow, der sich auf der Durchreise nach Petersburg hier aufhält, und um Vergebung bittet, wenn er im Reiseanzug erscheint.«

Der Gesellschaft bemächtigte sich bei dieser Mitteilung eine leichte Erregung, welche der Zwerg benutzte, um auf Tuberozow zuzugehen und seinen Segen entgegenzunehmen. Dabei sagte er leise:

»Parmen Semenowitsch bittet, Ihr möchtet heute abend auch hier sein.«

»Sag' ihm, Lieber, ich würde kommen,« erwiderte Tuberozow.

Der Zwerg empfing dann auch von Zacharia den Segen. Der Diakon Achilla ergriff die Hand des kleinen Mannes, der sich ehrerbietig vor ihm verbeugte und dabei lächelnd sagte:

»Ich bitte Euch nur, werter Herr, versucht Eure Heldenkraft nicht an mir.«

»Ist er denn so kräftig, Nikolai Afanasjewitsch?« scherzte der Hausherr.

»Er gibt gern Proben seiner Kraft,« antwortete der Alte. »Aber lohnt es sich an einem Krüppel?«

»Wie steht's mit der Gesundheit, Nikolai Afanasjewitsch?« fragten die Damen, welche den Zwerg von allen Seiten umringt hatten und seine Händchen drückten.

»Ach was Gesundheit, meine werten Damen! Es ist ein Spott und eine Schande! Wie ein Ferkelchen bin ich geworden. Der Sommer ist längst da, – und ich friere beständig.«

»Sie frieren?«

»Ei freilich. Schauen Sie mich bloß an. Ich bin ja ganz in Hasenwolle eingenäht. Aber was ist daran auch verwunderlich, werte Herrschaften? Ich unnützer Mensch habe doch schon die Achtzig hinter mir.«

Nikolai Afanasjewitsch wurde von allen Seiten mit Fragen überschüttet. Man setzte ihn an den Tisch, reichte ihm die Speisen. Er antwortete allen klug und gewandt, rührte aber von den Speisen nichts an: er äße längst schon sehr wenig, und auch dann nur höchstens ein leichtes Gemüse. »Aber die Schwester wird essen,« sagte er, sich zu dieser wendend. »Eßt nur, Schwesterlein, eßt. Geniert Euch nicht. Wollt Ihr aber ohne mich nicht essen, dann bitte ich Olga Arsentjewna um etwas Möhrenfüllung aus der Pastete hier auf dieses kleine Tellerchen … So ist's recht. Danke schön, danke! Was brauch' ich überhaupt noch zu essen? Ich kann ja gar nichts mehr. Nicht einmal einen Zwirnstrumpf bring' ich mehr ordentlich fertig. Und früher konnte ich doch viel besser stricken als die Schwester, sogarBroderies anglaisesverstand ich zu flechten; aber jetzt lasse ich beständig die Maschen fallen.«

Der Propst sah dem Zwerge mit glücklichem Lächeln in die Augen:

»Wenn ich dich betrachte, Nikolai, so denke ich an ein lieber altes Märchen, mit dem man sterben möchte.«

»Ach, Väterchen, unser liebes Märchen ist vor uns heimgegangen.«

»Vergißt du sie nicht schon, deine Herrin? Die Bojarin Marfa Andrejewna?« fragte, sich ihm nähernd, der Diakon Achilla, welchen der Zwerg immer noch ein wenig zu fürchten schien.

»Zum Vergessen bin ich schon zu alt, Vater Diakon, ich denke lange schon daran, daß es für mich Zeit wird, ihr in jener Welt wieder zu dienen,« erwiderte er leise und sich halb dem Diakon zukehrend.

»Sie war eine trostreiche Frau, diese Alte,« sagte der Diakon, ohne seine Rede an eine bestimmte Person zu richten.

»In welchem Sinne trostreich? Wie meinst du das?« fragte Tuberozow.

»Spaßig war sie.«

Der Propst lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. Nikolai Afanasjewitsch aber fiel Achilla ins Wort und sagte sehr bestimmt:

»Keine Spaßmacherin war sie, sondern eine wirkliche Trösterin, werter Herr.«

»Was belehrst du ihn, Nikolai! Erzähle lieber, wie sie dich erbittert hat. Und wie sie dann alles wieder zum Besten kehrte,« rief der Propst.

»Ach, Hochwürden, das ist eine so alte Geschichte.«

»Er weiß von dieser seiner Erbitterung mit so viel Wärme zu erzählen,« wandte sich Tuberozow an die Gäste.

»Ja, Väterchen, sie, meine gnädige Herrin, verstand es, einen Menschen so zu erbittern und dann so zu trösten, wienur ein Engel Gottes zu trösten vermag,« fiel der Zwerg sofort ein.

»Nun, so erzähle doch.«

»Ja, Nikolascha, erzähle, erzähle!«

»Nun, werte Herrschaften, ob Sie sich über mich lustig machen oder ob es Sie wirklich interessiert, – wenn die ganze Gesellschaft es wünscht, so will ich mich nicht widersetzen und Ihnen die Geschichte erzählen.«

Und er begann.


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