Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Nikolai Afanasjewitsch hatte viel Mühe, um seinen Auftrag auszuführen, aber er war ebenso unermüdlich wie geschickt. Dieser kleine Abgesandte der großen Gemeinde kannte weder Ermattung noch Überstürzung. Wie eine Klette hängte er sich an alle, die ihm förderlich sein konnten, und ließ sie nicht los. Den Propst besuchte er allabendlich, doch erzählte er ihm nichts von seinen Bemühungen, und Sawelij selbst dachte nicht daran, ihn zu fragen. Inzwischen rückte aber die Sache so gut vorwärts, daß am neunten Tage nach dem Tode Natalia Nikolajewnas, als der Propst vom Friedhof gekommen war, der Zwerg zu ihm sagen konnte:

»Nun, lieber Vater Propst, macht Euch zur Heimreise fertig. Man entläßt Euch.«

»Der Wille des Herrn sei über mir,« erwiderte Tuberozow gleichgültig.

»Man verlangt nur eines von Euch, Ihr sollt Euch schriftlich verpflichten, dieses hinfort nicht mehr zu tun.«

»Gut; ich will's nicht mehr tun … werde es nicht tun … ich bin schwach und zu nichts mehr zu brauchen.«

»Wollt Ihr Eure Unterschrift geben?«

»Ja … ich will … ich bin bereit.«

»Und dann bittet man noch … Ihr sollt Euch schuldig bekennen und um Verzeihung bitten.«

»Schuldig? Wessen beschuldigt man mich?«

»Des Übermuts. Das heißt – sie nennen es so: Übermut.«

»Übermut? Ich war nie übermütig und habe stets auch andere, soviel ich vermochte, davon zurückgehalten. Ich kann mich also nicht einer Sünde schuldig bekennen, die ich nicht begangen habe.«

»Aber sie nennen es so.«

»So sage ich ihnen, daß ich mir keines Übermuts bewußt bin.«

Tuberozow blieb stehen, hob den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe und rief:

»Der Prophet ward nicht übermütig genannt, da er für den Herrn eiferte. Geh hin und sage ihnen: der Priester, den ihr in den Bann getan, läßt euch melden, daß der Eifer des Herrn ihn getrieben, und daß er, wie er als Eiferer geboren, so auch sterben werde. Und jetzt will ich kein Wort von Vergebung mehr hören.«

Mit dieser kategorischen Antwort mußte der Fürsprecher sich entfernen, und wieder lief er von Tür zu Tür, bat, flehte, drohte sogar mit dem menschlichen und göttlichen Gericht, aber alles war vergeblich.

Der Zwerg wurde krank und mußte sich zu Bett legen; die Unmöglichkeit, die Sache zum Austrag zu bringen, die er auf sich genommen, hatte die Kraft und die Geduld des eigenartigen Anwalts gebrochen.

Nun tauschten die beiden Alten ihre Rollen, und wie bisher Nikolai Afanasjewitsch den Propst täglich besucht hatte, so wanderte jetzt Sawelij, wenn er die vorgeschriebene Menge Holz gesägt und die Vesper im Kloster mit angehört hatte, nach dem großen Plodomasowschen Hause, wo der Kranke in einem kleinen Hinterstübchen lag.

Der arme Zwerg tat dem Propst unsagbar leid, er fühlte alle seine Schmerzen mit ihm und sagte seufzend:

»Das hatte noch gefehlt, daß du um meinetwillen leiden mußtest.«

»Ach, Vater Propst, was redet Ihr von mir altem Hasen? Wozu bin ich denn überhaupt noch auf der Welt? Denkt lieber an Euch, und an ihn, an Euren Hohepriester! ErbittetEuch doch, daß Ihr Euch demütigt! Tröstet ihn, gebt nach, bittet um Vergebung.«

»Ich kann nicht, Nikolai, ich kann nicht.«

»Demütigt Euch.«

»Ich demütige mich vor der Gewalt, aber was höher ist als die irdische Gewalt, das hat mehr Macht über mich … Ich stehe unter dem Gesetz. Sirach hat es uns zur Pflicht gemacht, für die Ehre unseres Namens Sorge zu tragen, und der Apostel Paulus protestierte gegen die Mißachtung seiner Bürgerrechte; ich habe nicht das Recht, mich zu erniedrigen um einer Abbitte willen.«

Der Zwerg gab alle Hoffnung auf und begann, sich zur Heimreise nach Stargorod zu rüsten. Sawelij widersetzte sich dem nicht; im Gegenteil, er riet ihm selbst, schneller abzureisen und gab ihm keinerlei Aufträge, was er daheim sagen oder antworten sollte. Bis zum letzten Augenblick, als er den Zwerg aus der Stadt hinaus bis zum Zollschlagbaum begleitete, bestand er auf seinem Willen und kehrte ruhig in die Stadt und auf den Klosterhof zurück, um sein Holz zu sägen.

Der Kummer des Zwerges war grenzenlos. Er hatte ganz anders gehofft heimzukehren, und seine Gedanken umkreisten unablässig denselben Gegenstand. Plötzlich jedoch kam ihm Erleuchtung – ein einfacher, klarer, rettender, glänzender Gedanke, wie sie dem Menschen nur selten kommen und fast immer so unverhofft, als würden sie ihm von oben gesandt.

Etwa zehn Werst weit war der Zwerg gefahren, als er dem Kutscher befahl, wieder nach der Stadt zurückzukehren. Sofortbegab er sich zu Sawelijs Vorgesetzten und bat flehentlich, man möge dem Propstbefehlen, Abbitte zu tun.

Da man des halsstarrigen alten Mannes lange überdrüssig war, erfüllte man seinen Wunsch ohne weiteres. Er erschien daher wieder bei Tuberozow und erklärte:

»Nun, stolzer Vater Propst, Ihr wolltet Euch nicht bestimmen lassen, – jetzt habt Ihr's so weit gebracht, daß Ihr Euch der Strenge fügen müßt. Ich bin beauftragt, Euch mitzuteilen, daß die Obrigkeit Euch kraft der ihr zukommenden Gewalt befiehlt, Abbitte zu tun.«

»Wo soll ich denn den Kniefall tun: hier, oder auf dem Marktplatz, oder in der Kirche?« fragte Tuberozow trocken. »Mir ist es gleich. Was man mir befiehlt, muß ich tun.«

Der Zwerg antwortete, daß kein Mensch eine derartige Demütigung von ihm verlange; er habe schriftlich Abbitte zu leisten.

Sofort setzte sich Tuberozow hin und schrieb das Gewünschte nieder. Als Überschrift wählte er die Worte: »Befohlenes ergebenstes Gesuch.«

Der Zwerg bemerkte, daß das Wort »befohlen« hier ganz unpassend sei, jedoch Sawelij wies ihn energisch zurück:

»Ich hoffe, man hat dich nicht noch beauftragt, mir Unterricht in der Logik zu erteilen. Ich habe genug davon im Seminar gelernt. Du sagtest, es würde mir befohlen, und also schreibe ich auch ›befohlenes Gesuch‹.«

Die Sache endete damit, daß man den Vater Sawelij, um ihn endlich einmal los zu sein, ziehen ließ, weil aber sein ergebenstes Gesuch zugleich als »befohlenes« bezeichnet worden war, so erfolgte darauf der Bescheid, daß der Propst noch ein halbes Jahr lang keine Amtshandlungen ausüben dürfe.

Sawelij nahm das sehr kühl auf, dankte allen, denen er Dank zu schulden glaubte, und reiste mit dem Zwerge nach Stargorod. Die lange, qualvolle Verbannung war vorüber.


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