1. Den in Betracht kommenden jesajanischen Stücken liegt eine streng chronologisch-sachliche Ordnung zu Grunde.2. Dieselben enthalten nur zum Teil die Wiedergabe von Reden des Propheten; zum Teil enthalten sie auch erzählende Darstellungen von Reden und Ereignissen.3. Die Eingänge mehrerer Stücke nehmen deutlich auf einst vorhergegangene geschichtliche Darstellungen Bezug.
1. Den in Betracht kommenden jesajanischen Stücken liegt eine streng chronologisch-sachliche Ordnung zu Grunde.
2. Dieselben enthalten nur zum Teil die Wiedergabe von Reden des Propheten; zum Teil enthalten sie auch erzählende Darstellungen von Reden und Ereignissen.
3. Die Eingänge mehrerer Stücke nehmen deutlich auf einst vorhergegangene geschichtliche Darstellungen Bezug.
Diese Thatsachen finden ihre Erklärung nur durch die Annahme, dass unsere Stücke einst in einer grösseren geschichtlichen Umrahmung gestanden haben.
Diese Annahme wird nun noch durch folgende Umstände bestätigt. Zunächst erklärt sich durch dieselbe am leichtesten die Beschaffenheit, in welcher uns die jesajanischen Stücke vorliegen. Die jesajanischen Partieen unseres Buches bestehen aus lauter einzelnen, zum Teil abgebrochenen Stücken und lassen jede schriftstellerische Verbindung unter einander vermissen. Diese Thatsache findet allein eine genügende Erklärung in der Annahme, dass dieselben aus einem grösseren Zusammenhange herausgebrochen sind.
Dadurch erklärt sich vor allem auch das Vorhandensein vieler so kurzer Stücke, die jetzt wegen ihrer Zusammenhangslosigkeit als selbstständige Stücke behandelt werden müssen, ohne dass man einsieht, wie sie entstanden sein und für sich allein existiert haben könnten. Solche Stückesind c. 29,9 f. 13 f. 15 c. 30,6 f. Man kann nicht sagen, dass ihnen am Anfange oder Schlusse etwas fehlt.Duhmnimmt dies zwar von c. 29,15 an: „was etwa noch fehlt, scheint unleserlich geworden und darum vom Redaktor durch v. 16–24 ersetzt zu sein.“ Allein in diesen Versen lässt sich nichts entdecken, was die AnnahmeDuhmsbegünstigen könnte. Das nimmt auchDuhmnicht an; er hat keinen anderen Grund für seine Annahme als die Unwahrscheinlichkeit, dass dieses kurze Stück einst selbstständig existiert habe. Innerhalb einer geschichtlichen Darstellung kann aber auch eine so kurze Rede sehr wohl gestanden haben.
Dasselbe gilt von den anderen Stücken. c. 29,9 f. ist als selbstständig aufgezeichnete Rede völlig unerklärlich. Man weiss weder, an wen sie gerichtet ist, noch, worauf sie sich bezieht, noch, was sie droht. Ist es wohl wahrscheinlich, dass Jesaia solche kurze Sätze aufgezeichnet hat? Eine irgendwie genügende Erklärung dafür kann man nicht finden. Dagegen liefert die Annahme, dass ein späterer Redaktor diese Reden aus einem geschichtlichen Zusammenhange herausgebrochen habe, eine vollständig genügende Erklärung sowohl für ihre Kürze als auch für ihre sonst befremdliche Unverständlichkeit. Denn in ihrem ursprünglichen Zusammenhange können alle ihre uns jetzt zum Teil dunklen Beziehungen sehr deutlich gewesen sein.
Einer besonderen Erklärung bedarf noch das kurze Stück c. 30,6 f., das jetzt die Ueberschrift משא בהמות נגב trägt. Dass dieses kurze, noch dazu rein erzählende Stück einst eine besondere und selbstständige Aufzeichnung Jesaias gebildet haben soll, ist undenkbar, trotzdem, dass es jetzt als besonderes Stück behandelt werden muss und auch schon von dem Verfasser jener Ueberschrift als solches behandelt worden ist. AberDuhmwill nun eben um dieser Stichwortüberschrift willen das Stück ganz aus seinem jetzigen Zusammenhange entfernen und hält es für wahrscheinlich, dass es einst neben c. 21. 22 gestanden hat und erst vom letzten Redaktor an seine jetzige Stelle versetzt worden ist.Allein die in c. 21 mit Stichwortüberschriften versehenen Orakel sind nicht jesajanisch und werden auch vonDuhmnicht für jesajanisch gehalten, und c. 22 gehört nicht derselben Zeit an wie unsere Stücke. Andrerseits passt das Stück c. 30,5 f. seinem Inhalte nach vorzüglich hinter v. 1–5, während es doch nicht einzusehen ist, dass es der letzte Redaktor, der es doch gewiss unter der dogmatischen Brille seiner Stichwortüberschrift betrachtet hat, an seinen geschichtlich richtigen Platz gesetzt haben sollte. Ich glaube aber, dass sich bei unserer Annahme eines ursprünglich geschichtlichen Zusammenhanges unserer Stücke eine genügende Erklärung für das Stück und seine Ueberschrift geben lässt.
Es ist nämlich klar, dass der Sammler unserer Stücke, wie der von c. 1 (resp. 2) — 12 und der von c. 13 ff. eine Sammlung von משאות ישעיהו hat geben wollen vgl. c. 1,1. 2,1. 13,1. Dazu gehörten vor allem alleReden, die Jesaia gehalten hat, oder die ihm als חזון (c. 1,1) von Jahwe offenbart worden sind. Daraus erklärt es sich, dass unsere sämmtlichen Stücke Reden, sei es von Jesaia, sei es von Jahwe enthalten, und dass der Sammler grade die sie verbindenden geschichtlichen Partieen weggelassen hat. Er hat nun diese Reden wörtlich so aus ihrem geschichtlichen Zusammenhange herausgenommen, wie er sie vorfand; daher es kommt, dass viele durch ihre Form noch den geschichtlichen Zusammenhang verraten. Nur in c. 28,7 f. hat er eine kurze geschichtliche Einleitung stehen lassen, um v. 9 ff. mit v. 1–4 zu verbinden.
Ausser diesen Einleitungsversen ist nun das Stück c. 30,6 f. das einzige, welches überhaupt keine Rede, weder von Jesaia, noch von Jahwe, enthält, sondern der reinen Erzählungsform angehört. Wie kommt es nun, dass es der Hersteller unseres Buches dennoch aus seinem Zusammenhange herausgelöst und seiner Sammlung einverleibt hat? Es lässt sich kein anderer Grund dafür finden als der, dass er es dennoch für eine משא ישעיהו gehalten hat. Entweder that er dies, weil er die Stichwortüberschrift, vielleicht amRande seines Exemplares, schon vorfand, oder er hat dieselbe, was auch möglich ist, erst selbst verfasst und zugesetzt, weil er die Verse für ein „Orakel“ des Jesaia hielt und sie als solches kennzeichnen wollte. Denn es wird ja immerhin auch für seine damaligen Leser nicht ganz leicht gewesen sein, in diesen Versen ein „Orakel über die Tiere des Südlandes“ zu erkennen. So erklärt sich m. E. die Ueberschrift dieses Stückes so wie auch die Aufnahme desselben in unsere Sammlung am leichtesten.
Es lassen sich also alle Schwierigkeiten, die sich aus der Beschaffenheit der jesajanischen Stücke unseres Buches für ihre Herkunft und Aufnahme in unsere Sammlung ergeben, durch die Annahme eines ursprünglich geschichtlichen Zusammenhanges derselben beseitigen, während sie sonst unerklärlich bleiben würden. Dieser Umstand stützt und bestätigt daher die Richtigkeit unserer These.
Es lässt sich aber noch eine andere, sehr wertvolle Bestätigung derselben aufweisen. Das ist die Thatsache, dass sich auch sonst im Jesaia-Buche unzweifelhaft jesajanische Stücke in geschichtlicher Darstellung finden. Es sind dies die Abschnitte c. 6–8,18, c. 20 und c. 22.
Es ist klar, von welcher Bedeutung diese Thatsache für die Annehmbarkeit unseres Ergebnisses sein muss. Fänden sich nämlich im Jesaia-Buche sonst keine derartigen, von Jesaia stammenden geschichtlichen Darstellungen, sondern nur, worauf etwa c. 1–5 führen könnten, Redesammlungen, so würde sich immer wieder gegen unser Ergebnis das Bedenken erheben, dass es doch sonst nicht Jesaias Art sei, derartige geschichtliche Darstellungen zu geben.
Wir müssen deshalb noch kurz auf das Verhältnis der übrigen Prophetieen des Jesaia zu den in unserer Sammlung enthaltenen eingehen. Es wird sich zeigen, dass nicht nur wenigstens die in c. 6–8 enthaltene Schrift der unserer Sammlung zu Grunde liegenden nach Zweck und Anlage sehr ähnlich ist, sondern auch, dass diese geschichtlichen Darstellungen den wesentlichsten Teil von allem ausmachen,was Jesaia überhaupt gegen Jerusalem und Juda geschrieben hat.
Gewöhnlich nimmt man an, dass c. 6–9,6 eine kleine, von Jesaia selbst hergestellte Sondersammlung seiner Prophetieen sei. Richtig ist an dieser Annahme nur, dass der Hersteller der grösseren Sammlung, etwa der von c. 2–12, c. 6–9,6 bereits als abgeschlossene Sammlung vor sich hatte; denn sonst hätte er c. 6 an den Anfang seiner grösseren Sammlung gestellt. AberHackmannhat meines Erachtens entscheidend nachgewiesen, dass das Büchlein c. 6–9,6 nicht von Jesaia zusammengestellt sein kann.[13]Denn die hinter c. 8,18 folgenden Worte bilden ein Fragment aus allerlei zerbröckelten Stücken, und sind dazu zusammengetragen, um den Uebergang zu c. 9 herzustellen.Hackmannmacht nun darauf aufmerksam, dass c. 8,16–18 den Eindruck eines Schlusses machen. „Die Schlussworte:
אשר נתן לי יהוה לאתות ולמופתים בישראלמעם יהוה צבאות השכן בהר ציון
אשר נתן לי יהוה לאתות ולמופתים בישראלמעם יהוה צבאות השכן בהר ציון
אשר נתן לי יהוה לאתות ולמופתים בישראלמעם יהוה צבאות השכן בהר ציון
אשר נתן לי יהוה לאתות ולמופתים בישראל
מעם יהוה צבאות השכן בהר ציון
sind ein guter Abschluss“.
Da nun c. 6 ein in sich geschlossenes Ganze für sich bildet, so liegt die Folgerung nahe, dass die Zusammenhänge von c. 7 und 8 in c. 8,16–18 ihren Abschluss finden.
Und in der That ist es grade die Sammlung c. 7–8,18, die der dem Buche c. 28–33 zu Grunde liegenden jesajanischen Schrift nach Zweck und Anlage so überaus ähnlich ist.
Dieselbe kann dem von uns gefundenen Resultate einer ursprünglich geschichtlichen Form jener Schrift um so mehr zur Bestätigung dienen, als hier die geschichtliche Darstellungsform in den einzelnen Stücken noch viel deutlicher zu Tage tritt. Sehen wir uns dieselben daraufhin etwas näher an!
c. 7,1–17 enthält nachDuhmeinen „Bericht“ vonHandlungen und Reden Jesaias beim Herannahen der Syrer und Israeliten gegen Juda. Wirklich enthält auch c. 7, auch wenn man v. 1 (= II. Kön. 16,5) vom Sammler entlehnt sein lässt, um den verlorenen Eingang einigermassen zu ersetzen, nicht die Wiedergabe einer Rede Jesaias, sondern einen Bericht, eine Erzählung aus des Propheten Feder.
Zuerst erzählt der Prophet kurz von dem Herannahen der beiden Heere und den darob entstandenen Schrecken beim Hause Davids. Darauf giebt er den ihm von Jahwe zu teil gewordenen Auftrag wieder, dem Ahas auf die Strasse des Walkerfeldes ans Ende der Wasserleitung des oberen Teiches entgegenzugehen und ihm Mut und Trost zuzusprechen. Hieran schliesst sich die Wiedergabe der Unterredung zwischen Jesaia und dem Könige: Jesaia bietet dem Ahas ein Zeichen (או ת) an; Ahas schlägt es ab; Jesaia bestimmt nun selbst ein tröstliches Zeichen baldiger Rettung, knüpft aber zugleich wegen des verstockten Unglaubens des Königs eine Drohung gegen ihn und das Reich Juda daran.[14]
In c. 8,1 und 3 f.erzähltJesaia zwei weitere Versuche, das verstockte Volk zur Umkehr und zum Glauben zu bewegen. Da seine Reden nichts helfen, versucht er, durch ein anderes Wahrzeichen (אות) seinem Volke nahe zukommen. Er nimmt eine Tafel und schreibt darauf: Maher-schalal-chas-baz. Dann giebt er diesen Namen seinem bald darauf geborenen Sohne. So viel hat Jesaia gethan, um das Volk zur Umkehr und zum Glauben zu bringen. Es hat aber nichts geholfen: c. 8,6:
מאס העם הזה את מי השלח ההלכים לאט
Nun folgt das Verwerfungsurteil über Juda in mehreren Drohreden c. 8,6–18, die wohl inhaltlich zusammengehören, aber auch wie in c. 28 ff. die schriftstellerische Verbindung nicht mehr aufweisen.
Wie in der in c. 28 ff. enthaltenen jesajanischen Schrift ist auch hier der Zweck derselben, dem verstockten Volke das Verwerfungsurteil Jahwes zu verkünden und zu begründen. Auch diese Schrift zerfällt in zwei Teile: c. 7–8,4 schildern die Bemühungen Jesaias um die Bekehrung des Volkes; c. 8,5–16 verkünden dem verstockten Volke das Gericht.
Dass c. 8,5 ff. wirklich mit dem Vorhergehenden zusammenhängen, zeigt v. 5:
ויסף יהוה דבר אלי עוד לאמר
Nur kann Jesaia unmöglich die mit diesen Worten eingeleitete Rede so an das vorhergehende Stück angeschlossen haben. Denn v. 3 f. enthalten eine tröstliche Zusage an Juda, v. 6 ff. dagegen eine scharfe Gerichtsdrohung. Es muss also zwischen v. 4 und 5 etwas ausgefallen sein; und zwar muss vor v. 5 eine ähnliche Drohrede gestanden haben wegen des יוסף und des עוד in v. 5. Das ist vielleicht die Drohung gewesen, die jetzt in c. 7,18 ff. enthalten ist (vgl. vorige Anmerkung).
Dass auch dieser zweite Teil der Schrift ursprünglich in historischem Rahmen gestanden hat, beweist der in der Form eines Berichtes abgefasste Eingang zu v. 11 ff., beweist auch der Schluss der Schrift v. 16–18, der keine Rede enthält und von dem Vorhergehenden losgerissen sinnlos wird.
Der gegebene Überblick über den Zusammenhang und die Darstellungsform von c. 7–8,18 zeigt, dass wir hier auch eine in der Form der geschichtlichen Darstellung verfasste Schrift Jesaias vor uns haben. Auf die litterarische Beschaffenheit derselben kann hier natürlich nicht näher eingegangen werden[15]; es ist nur noch zu fragen, wann etwa Jesaia diese Aufzeichnungen gemacht haben könnte. Wir werden anzunehmen haben, dass c. 7 und 8 eine längere Wirkungsperiode Jesaias umspannen, dass namentlich zwischen c. 8,4 und 8,5 ff. Ereignisse liegen, die den Umschwung in Jesaias Prophetie begründet und veranlasst haben. Diese Ereignisse haben den Jesaia bewogen, sich vom öffentlichen Auftreten zurückzuziehen, c. 8,16–18. Sie müssen daher sein Auftreten nutzlos gemacht haben. Da sie auch nur politischer Natur gewesen sein können, denn um politische Ereignisse dreht sich der ganze Inhalt von c. 7 f., so kann nichts Anderes gemeint sein als die Botschaft des Ahas an Thiglath-Pileser 2. Kön. 16,7. Also ganz ähnlich wie in c. 28 ff. ist es auch hier das Bündnis mit einer auswärtigen Macht, um das es sich handelt. Statt auf Jahwe zu trauen,setzt „dies Volk da“ seine Hoffnung auf eine heidnische Grossmacht.
Stellen wir nun noch einmal die Vergleichungspunkte der in c. 7 f. und in c. 28 ff. enthaltenen geschichtlichen Aufzeichnungen Jesaias zusammen. Analog ist:
1. Die Veranlassung derselben. In beiden Fällen handelt es sich um das Zustandekommen eines Bündnisses mit einer heidnischen Weltmacht, gegen das Jesaia vergeblich gekämpft hat. Da sein Reden nutzlos geblieben ist, zieht er sich zurück und schreibt (c. 8,16 ff. 30,8).2. Der Zweck derselben. Sie sollen beide ein ewiges Zeugnis dafür sein, dass Jesaia die Schuld des Volkes erkannt und gebrandmarkt, sowie die Strafgerichte Jahwes vorhergesagt habe.3. Die Anlage derselben. In beiden schildert Jesaia zuerst seine vergeblichen Versuche, Volk und König zum Glauben zu bewegen, um dann dem verstockten Volke den Untergang zu verkünden.4. Einzelheiten des Inhalts und der Form: c. 7,4 mit 30,15 f., 7,9 mit 28,16, 8,6 f. mit 30,12 f., 8,9 f. mit 29,9 f., 8,15 mit 28,13., 8,14 mit 28,16., 8,16–18 mit 30,8.5. „v. 16 (in c. 8) klingt wie ein Abschiednehmen von der Arbeit unter dem Volke (Duhm).“ Dasselbe gilt von dem עתה בוא c. 30,8.
1. Die Veranlassung derselben. In beiden Fällen handelt es sich um das Zustandekommen eines Bündnisses mit einer heidnischen Weltmacht, gegen das Jesaia vergeblich gekämpft hat. Da sein Reden nutzlos geblieben ist, zieht er sich zurück und schreibt (c. 8,16 ff. 30,8).
2. Der Zweck derselben. Sie sollen beide ein ewiges Zeugnis dafür sein, dass Jesaia die Schuld des Volkes erkannt und gebrandmarkt, sowie die Strafgerichte Jahwes vorhergesagt habe.
3. Die Anlage derselben. In beiden schildert Jesaia zuerst seine vergeblichen Versuche, Volk und König zum Glauben zu bewegen, um dann dem verstockten Volke den Untergang zu verkünden.
4. Einzelheiten des Inhalts und der Form: c. 7,4 mit 30,15 f., 7,9 mit 28,16, 8,6 f. mit 30,12 f., 8,9 f. mit 29,9 f., 8,15 mit 28,13., 8,14 mit 28,16., 8,16–18 mit 30,8.
5. „v. 16 (in c. 8) klingt wie ein Abschiednehmen von der Arbeit unter dem Volke (Duhm).“ Dasselbe gilt von dem עתה בוא c. 30,8.
Eine geschichtliche Aufzeichnung Jesaias haben wir nun ferner in c. 6, in welchem Jesaia seine Berufungsvision erzählt. Sie ist uns dem Anscheine nach noch vollständig so erhalten, wie sie aus der Hand des Propheten hervorgegangen ist[16].
In diesem Kapitel haben wir also eine weitere wertvolle Bestätigung dafür, dass Jesaia in geschichtlicher Darstellung auch sonst geschrieben hat. Wollte man darauf hinweisen, dass die Schilderung dieser Berufungsvision eben etwas ganz Besonderes sei, so ist dagegen zu erwidern, dass der Zweck ihrer Niederschrift dennoch ganz derselbe ist wie der der Aufzeichnung von c. 7 f. und c. 28 ff.
Es ist oben schon darauf hingewiesen worden, dass das Kapitel sicher vom Propheten erst später aufgezeichnet worden ist, und ebenso ist der VersuchHackmanns, seinen Inhalt auf Nordisrael zu deuten, als unhaltbar nachgewiesen worden. Der Ausdruck העם הזה fordert gerade auch in diesem Kapitel (v. 5 und v. 1) seine Beziehung auf Juda. Der Zweck des Kapitels geht natürlich aus dem Inhalte der dem Jesaia gewordenen Offenbarung v. 9 ff. hervor: in v. 9 f. wird das Verstockungsgericht über das Volk ausgesprochen; in v. 11 (-13) wird ihm als Strafe dafür der gänzliche Untergang verkündet. Dieser in c. 6 ausgesprochene Zweck setzt voraus, dass der Niederschrift dieses Kapitels eine längere Wirksamkeit vorausgegangen ist. Nicht, als ob Jesaia im Beginne seiner Wirksamkeit nicht ähnliche Gedanken oder Offenbarungen gehabt haben könnte; über solche Möglichkeiten lässt sich schwer streiten; aber niedergeschrieben haben kann Jesaia solche Gedanken erst, nachdem sich das Volk wirklich seiner Predigt gegenüber verstockt gezeigt hat. Daher wirdDuhmrecht haben, dass die Niederschrift dieser Berufungsvision neben den c. 8,16 und c. 30,8 erwähnten ein neues Dokument von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Mission sein soll.
Mir scheint es nun inhaltlich dem c. 30,8 erwähnten Dokumente, d. h. also der in c. 28 ff. enthaltenen jesajanischen Schrift näher zu stehen. Denn einmal erscheint Jesaia dort mehr als in c. 7 f. von Anfang an von der Unverbesserlichkeit des Volkes überzeugt (vgl. c. 6,9 f. mit c. 29,9 f.), und dann entspricht auch die radikale Verkündigung des Unterganges von Juda in c. 6 mehr den Drohreden in c. 28 ff. alsden in c. 8[17]. Wir haben also in c. 6 eine weitere wertvolle Bestätigung für unser Resultat bezüglich der geschichtlichen Darstellungsform der in c. 28 ff. enthaltenen Schrift.
Es kommen nun noch als geschichtliche Stücke c. 20 und c. 22 in Betracht, über die wir aber schnell hinweggehen können.
c. 20 gehört seiner Überschrift und seinem Inhalte nach ins Jahr 711. Es ist aber seiner Herkunft nach nicht ganz unverdächtig. Möglich wäre es, „dass es ähnlichen Ursprung hätte wie c. 36–39, und zu Gunsten dieser Annahme könnte man auf den in mehrfacher Beziehung verdächtigen v. 2 hinweisen (Duhm).“
c. 22 fällt in die Zeit nach 701. Es ist bezüglich seiner Einheitlichkeit und Darstellungsform durchaus nicht allgemein anerkannt; da ich es aber für eine geschichtliche Darstellung halte; so sollte es wenigstens nicht unerwähnt bleiben[18].
Diese im Vorhergehenden besprochenen geschichtlichen Darstellungen bilden nun nicht etwa den kleinsten, sondern vielmehr den weitaus grössten Teil dessen, was der Prophet Jesaia gegen Juda und Jerusalem überhaupt geschrieben hat. Denn ausser den besprochenen Abschnitten sind nur noch das kurze Stück c. 32,9–14 und die in c. 1–5 enthaltenen Drohreden gegen Juda und Jerusalem dem Jesaia zuzuschreiben[19].
Eine vollgültige Bestätigung dieses statistischen Befundes können wir nun noch aus des Jesaia eigenen Worten entnehmen, nämlich aus den beiden Versen c. 30,8 und c. 8,16.
In c. 30,8 heisst es: Jetzt geh hinein und schreib es nieder! Also, nachdem Jesaia lange vergeblich durch öffentliche Rede unter dem Volke gewirkt hatte, erhielt er den göttlichen Auftrag, sich vom Schauplatz der öffentlichen Thätigkeit zurückzuziehen und seine Drohungen niederzuschreiben לעֵד עד עולם. Dieser Auftrag Jahwes an Jesaia enthält doch offenbar für unsere Frage ein Doppeltes:
1. dass Jesaia bis dahin seine Reden nicht aufgeschrieben hat, dass also die gewöhnliche Annahme, dass er gewissermassen ein Tagebuch über seine Reden geführt habe, gegenüber den eigenen Worten Jesaias nicht stichhaltig ist;2. dass es für Jesaia eines besonderen Auftrages Jahwes oder eines besonderen Zweckes bedurfte, seine Weissagungen niederzuschreiben.
1. dass Jesaia bis dahin seine Reden nicht aufgeschrieben hat, dass also die gewöhnliche Annahme, dass er gewissermassen ein Tagebuch über seine Reden geführt habe, gegenüber den eigenen Worten Jesaias nicht stichhaltig ist;
2. dass es für Jesaia eines besonderen Auftrages Jahwes oder eines besonderen Zweckes bedurfte, seine Weissagungen niederzuschreiben.
Der Zweck ist auch in c. 8,16 besonders hervorgehoben:
צור תעודה חתום תורה בלמדי
Der Zweck der Niederschrift ist also nach beiden Stellen wie bei der Aufstellung der Tafel c. 8,1 f. und der Namengebung seiner Söhne c. 8,3 f. 18 der, dass sie einer späteren Generation (עד עולם c. 30,8 und בלמדי 8,16) zum Zeugnis (לעד c. 30,8 und תעודה 8,16) der Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Prophezeiungen dienen soll.
Jedenfalls geht aus beiden Stellen hervor, dass der Prophet erst deshalb zur Niederschrift schreitet, weil er erkennt, dass die mündliche Predigt aussichtslos sei. Das wird daher auch von den anderen Stücken gelten, die etwa noch auf ihn zurückzuführen sind. Ein eigentlicher Schriftsteller wie Jeremia und die späteren Propheten, ist Jesaia noch nicht gewesen. Da nun die Niederschriften, auf welche jene beiden Stellen weisen, c. 7 f. und c. 28 ff., die Hauptperioden der Wirksamkeit Jesaias umspannen, so werden wir a priori anzunehmen haben, dass sie auch den grössten Teil dessen ausmachen, was Jesaia gegen Jerusalem und Juda geschrieben hat. Durch diese Stellen wird also das durch den statistischen Befund herausgestellte Verhältnis bestätigt.
Der Ueberblick über die schriftstellerische Thätigkeit des Jesaia hat gezeigt, dass die Annahme einer ursprünglich geschichtlich-darstellenden Gestalt der jesajanischen Stücke in c. 28–33 durch die Beschaffenheit der in den anderen Sammlungen enthaltenen Stücke nicht widerraten, sondern vielmehr empfohlen wird. Ja, es ist gezeigt worden, dass jene in darstellender Form geschriebenen Stücke den weitaus grössten Teil von allem ausmachen, was Jesaia gegen Jerusalem und Juda geschrieben hat.
Kehren wir nach diesem Ueberblicke über die Entstehung der übrigen jesajanischen Stücke zu unserem Buche c. 28 ff. zurück, so können wir jetzt folgendes Resultat feststellen:
1. In dem Buche c. 28–33 sind drei verschiedene jesajanische Schriften enthalten, nämlich ausser den beiden kurzen Stücken c. 28,1–4 und c. 32,9–14 eine Anzahl Bruchstücke aus einer grösseren Schrift Jesaias.2. c. 28,1–4 enthält eine Weissagung Jesaias von dem Untergange Samarias. Die Abfassung dieses Stückes fällt also jedenfalls vor 722, wegen des Schweigens über Aram und Damaskus wahrscheinlich nach 732; vielleicht liegt ihm als bestimmter Anlass der Abfall Hoseas vonAssyrien zu Grunde, dann stammt es etwa aus dem Jahre 725/24[20].3. Die in c. 28,7–31,4 enthaltenen Bruchstücke gehören ursprünglich einer grösseren geschichtlichen Darstellung der Kämpfe Jesaias mit den Volksleitern wider das Zustandekommen des ägyptischen Bündnisses an. Jesaia hat diese Schrift etwa im Jahre ± 703 v. Chr. selbst verfasst zum Zeugnis für einen späteren Tag.4. Es bleibt noch das kurze Stück c. 32,9–14 übrig. Ueber die Abfassungszeit dieses Stückes lässt sich aus seinem Inhalte nichts absolut Sicheres entnehmen. Jesaia kündigt den Weibern Jerusalems die völlige Verwüstung der Stadt und ihrer anmutigen Umgebung an. Das könnte Jesaia freilich zu jeder Zeit seiner Wirksamkeit gethan haben. Aber die Verkündigung klingt so radikal und unbedingt, dass sie mit ihrem Inhalte auf Anzeichen ihrer Verwirklichung zu deuten scheint. Vor allem ist hier der Ton etwas anders als sonst. Man könnte die Dichtung fast ein Klagelied nennen. Die Anrede in v. 9 ist weniger bitter als traurig. Statt des sonstigen harten und verächtlichen העם הזה steht hier v. 13 das mitleidig empfindende עמי. Man hat den Eindruck, als ob einerseits Jerusalem mitten im Unglück stände, Jesaia die Erfüllung seiner Drohungen eintreten sähe, als ob aber das Volk und namentlich die Frauen Jerusalems nicht recht daran glaubten. Die Stimmung ist ähnlich wie in c. 22; vgl. namentlich v. 4: lasst mich bitter weinen! auch v. 11 b. 13 f. Dieses Kapitel ist nach dem VorgangeSörensens[21]mitHackmannin die Zeit nach dem Abzuge Sanheribs zu setzen[22]. Die überstandene Not hat die Jerusalemiter nicht gebessert; der Prophet schaut tiefer. Er sieht in ihrer Unbussfertigkeit die Besiegelung ihres gewissen Unterganges: „Wahrlich, nicht wird diese Sünde euch gesühnt, bis dass ihr tot seid.“ v. 14. Dieselbe Stimmung atmet unsere Weissagung, nur fehlt ihr die Bitterkeit. Vielleicht fällt sie deshalb noch vor den Abzug Sanheribs in das Jahr 702/1. Sicheres lässt sich nicht aussagen.
1. In dem Buche c. 28–33 sind drei verschiedene jesajanische Schriften enthalten, nämlich ausser den beiden kurzen Stücken c. 28,1–4 und c. 32,9–14 eine Anzahl Bruchstücke aus einer grösseren Schrift Jesaias.
2. c. 28,1–4 enthält eine Weissagung Jesaias von dem Untergange Samarias. Die Abfassung dieses Stückes fällt also jedenfalls vor 722, wegen des Schweigens über Aram und Damaskus wahrscheinlich nach 732; vielleicht liegt ihm als bestimmter Anlass der Abfall Hoseas vonAssyrien zu Grunde, dann stammt es etwa aus dem Jahre 725/24[20].
3. Die in c. 28,7–31,4 enthaltenen Bruchstücke gehören ursprünglich einer grösseren geschichtlichen Darstellung der Kämpfe Jesaias mit den Volksleitern wider das Zustandekommen des ägyptischen Bündnisses an. Jesaia hat diese Schrift etwa im Jahre ± 703 v. Chr. selbst verfasst zum Zeugnis für einen späteren Tag.
4. Es bleibt noch das kurze Stück c. 32,9–14 übrig. Ueber die Abfassungszeit dieses Stückes lässt sich aus seinem Inhalte nichts absolut Sicheres entnehmen. Jesaia kündigt den Weibern Jerusalems die völlige Verwüstung der Stadt und ihrer anmutigen Umgebung an. Das könnte Jesaia freilich zu jeder Zeit seiner Wirksamkeit gethan haben. Aber die Verkündigung klingt so radikal und unbedingt, dass sie mit ihrem Inhalte auf Anzeichen ihrer Verwirklichung zu deuten scheint. Vor allem ist hier der Ton etwas anders als sonst. Man könnte die Dichtung fast ein Klagelied nennen. Die Anrede in v. 9 ist weniger bitter als traurig. Statt des sonstigen harten und verächtlichen העם הזה steht hier v. 13 das mitleidig empfindende עמי. Man hat den Eindruck, als ob einerseits Jerusalem mitten im Unglück stände, Jesaia die Erfüllung seiner Drohungen eintreten sähe, als ob aber das Volk und namentlich die Frauen Jerusalems nicht recht daran glaubten. Die Stimmung ist ähnlich wie in c. 22; vgl. namentlich v. 4: lasst mich bitter weinen! auch v. 11 b. 13 f. Dieses Kapitel ist nach dem VorgangeSörensens[21]mitHackmannin die Zeit nach dem Abzuge Sanheribs zu setzen[22]. Die überstandene Not hat die Jerusalemiter nicht gebessert; der Prophet schaut tiefer. Er sieht in ihrer Unbussfertigkeit die Besiegelung ihres gewissen Unterganges: „Wahrlich, nicht wird diese Sünde euch gesühnt, bis dass ihr tot seid.“ v. 14. Dieselbe Stimmung atmet unsere Weissagung, nur fehlt ihr die Bitterkeit. Vielleicht fällt sie deshalb noch vor den Abzug Sanheribs in das Jahr 702/1. Sicheres lässt sich nicht aussagen.
Wir stehen am Ende mit der Besprechung der jesajanischen Stücke unseres Buches. Sie hat uns nicht nur einen interessanten und lehrreichen Einblick in die schriftstellerische Thätigkeit des Jesaia gegeben, sondern sie wird uns nun auch die Beantwortung der Frage, wie diese Stücke in ihren jetzigen Zusammenhang gekommen sind, wesentlich erleichtern. Halten wir an der Annahme fest, dass der Bearbeiter unseres Buches, um eine Sammlung von משאות ישעיהו herauszugeben, die meisten seiner jesajanischen Stücke aus einem grösseren Zusammenhange herausgenommen hat, so werden wir auch verstehen, wie er dazu gekommen ist, sie mit eigenen Zuthaten und Ergänzungen zu versehen. Die Komposition unseres Buches, die sonst bei seinem mosaikartigen Charakter und den beiden sich widersprechenden Gedankenreihen ein Rätsel bleibt, wird so erklärlich.