I.
Wir haben es also zunächst mit den jesajanischen Bestandteilen unseres Buches zu thun.
Wenn man die oben angegebenen jesajanischen Stücke des Buches c. 28–33 hintereinander durchliest[5], so fällt zunächst ein doppeltes auf, das man sonst im ganzen Jesaia-Buche nicht wieder antrifft, nämlich einmal der durchweg gleichartige Charakter der einzelnen Stücke, und sodanndie innerhalb derselben erkennbare chronologisch-sachliche Entwicklung.
Auf beides ist im ersten Teile der Untersuchung schon hingewiesen worden, muss aber an dieser Stelle noch näher eingegangen werden. Was die Gleichartigkeit aller dieser Stücke betrifft, so bezieht sich diese sowohl auf die Form als auch auf den Inhalt derselben. Schon ganz äusserlich, in wiederkehrenden Wendungen und Gedanken, fällt diese Gleichartigkeit auf. Bezüglich des Ausdruckes ist hinzuweisen auf das immer wiederkehrende הוי im Anfange der Rede c. 29,1. 29,15. 30,1. 31,1; ferner auf das העם חזה 28,11. 28,14. 29,13. vgl. ferner die Wendungen und Gedanken c. 28,12 mit c. 30,15; c. 29,15 mit c. 30,1 und 31,1; c. 28,7 f. mit c. 29,9 f; c. 30,5 mit c. 30,7; c. 30,1 mit 30,9; c. 28,21 mit 29,14 und c. 31,2 (c. 28,11); c. 28,15. 17b. 18a. mit c. 30,2 f.
Sämmtliche Stücke enthalten Drohworte, sei es in Form der Rede oder Schilderung. Die Adressaten der Reden sind immer die Leiter des Volkes, die Propheten und Priester oder die weltlichen Würdenträger; an sie sind die Drohreden gerichtet, die aber doch immer in ihrem Verlaufe das ganze Volk bedrohen.
Endlich ist auch die Anlage der Reden meist gleichartig: erst kommt der Grund der Drohung, dann folgt die Drohung selber. So ist es c. 28,9 ff. c. 28,14 ff. c. 29,13 f. c. 30,1 ff. c. 30,8 ff. 31,1 ff. Dabei ist auch die äussere Gleichmässigkeit der Form zu beachten; mehrere Reden wiederholen das Schema: לכן כה אמד יהוה — יען כי vgl. c. 28,15. 16 mit c. 29,13. 14. und c. 30,12; c. 30 und 31 sind ganz parallel gebaut.[6]
Sehen wir nun auf den Inhalt der Drohungen und ihrer Begründung, so ergiebt sich auch hier eine durchgehende Gleichartigkeit. Ganz deutlich ist es in c. 30 und 31 ausgesprochen, um was es sich bei den Drohreden Jesaias handelt, nämlich um das ägyptische Bündnis. Die Volksleiter führen damit einen Beschluss aus, der nicht von Jahwe ist, und um dessentwillen sie seinen Mund nicht befragt haben c. 30,1 f. c. 31,1. Es ist an diesen Stellen nicht nur ausgesprochen, dass sich Jesaias Drohreden wider das ägyptische Bündnis richten, sondern auch zugleich gesagt, warum sie das thun, nämlich weil der Anschluss an Aegypten wider Jahwes Willen ist; weil sie sich damit nicht nur an fremde Hülfe wenden, sondern das auch thun mit Umgehung Jahwes und seines Propheten. Halten wir diese Begründung fest, dann wird es klar, dass auch in den vorhergehenden Stücken nur von diesem ägyptischen Bündnisse die Rede sein kann. Am durchsichtigsten ist das noch bei c. 29,15. Hier weist nicht nur die ganze parallele Anlage, sondern auch der Ausdruck עצה darauf hin, dass unter dem Beschluss, den man vor Jahwe und seinem Propheten verbergen will, derselbe gemeint ist, wie in c. 30,1 f., nämlich „hinabzuziehen nach Aegypten um Hülfe“.
Aber schon in c. 29,13 f. scheint von diesen politischen Dingen nicht mehr die Rede zu sein. Es scheint vielmehr nur ganz allgemein die ethische Seite der Religion gegenüber dem blos äusserlichen Kultus hervorgehoben zu werden. Indessen glaube ich einmal, dass man immer gut thun wird, sich bei den Aussprüchen der alten Schriftsteller, namentlich der bedeutenderen unter ihnen, nicht bei allgemeiner Deutung zu beruhigen, sondern nach besonderen, konkreten Beziehungen zu fragen, und sodann scheint mir hier die an den Ausspruch angeknüpfte Drohung auf ein bestimmtes Faktum hinzuweisen. In v. 14b wird gesagt, dass sich die Weisheit der Weisen des Volkes verstecken, und die Einsicht seiner Einsichtigen untergehen wird. Die Drohung geht also auf die Leiter des Volkes, die sich in ihren Plänen verrechnet haben werden. Das führt uns im Blicke auf die folgenden Stücke auf das ägyptische Bündnis oder auf damit zusammenhängende Maassnahmen, etwa den Abfall von Assur.Dann lässt sich aber auch v. 13 gut auf diese politischen Dinge deuten. Die Entfernung des Herzens von Jahwe besteht darin, dass man ihn nicht um Rat fragt, dass man in Ungehorsam wider ihn diese politischen Dinge unternimmt und doch dabei äusserlich, in Opfern und Gottesdienst sich gebährdet, als ob man ihn auf das Höchste ehrt. Darum ist Jahwes Urteil darüber:
דאת ם אתי מצות אנשים מלמדה
„Ihr mich fürchten“, ist hier Ausdruck für „Religion“, indem es das Wesen des Begriffes religio bezeichnet und damit andeutet, worin ihre Religion bestehen müsste, nämlich in Gottesfurcht, die sie abhalten müsste, wider Jahwe und seinen Propheten zu handeln, ihre Religion ist aber nur ein gelerntes Gebot, „ein bindender Rechtsbrauch, der gelernt werden muss“ (Duhm).
Für das kurze Drohwort c. 29,9 f. lässt sich natürlich auch nicht mit absoluter Sicherheit eine konkrete Beziehung angeben. Nur so viel lässt sich sagen, dass sich der Ausdruck und der Ton des Stückes am besten aus der Beziehung auf jene politische Dinge erklären lässt. v. 9b: Seid trunken, doch nicht von Meth, taumelt, doch nicht von Wein, weist auf den Taumel des von Freiheitsdurst und Siegesträumen erhitzten Volkes hin. Bezüglich des Tons der Rede hebtDuhmhervor, dass die Erregtheit, mit der sie hervorgestossen wird, einen Kampf mit den Volksleitern zu reflektieren scheint.
In der Rede c. 29,1 ff. findet sich keine Begründung der Drohung. Die ironische Aufforderung: fügt Jahr zu Jahr, lasst die Feste kreisen! will ihnen nur entgegenhalten, dass ihnen die blos äussere, wenn auch noch so eifrige Ausübung des Kultus als blosser Lippendienst (c. 29,13) nichts helfen wird.
In c. 28,14 ff. kann unter der v. 13 und 18 f. erwähnten Geissel nach allem, was wir sonst von Jesaia wissen, nichts anderes gemeint sein, als Assur. Damit hat auch diese Rede inhaltlich politischen Charakter genommen, was damitstimmt, dass sie an die Beherrscher des Volkes gerichtet ist. Deshalb könnte man annehmen, dass auch der Bund mit dem Tode und der Vertrag mit Scheol v. 15 auf politische Verträge mit Assur oder Aegypten zu deuten seien. Es scheinen aber vielmehr nach den Ausdrücken, die gebraucht sind, abergläubische Praktiken gemeint zu sein. Zu diesen Mitteln greifen sie, anstatt bei Jahwe Zuflucht zu suchen, aber deshalb, weil sie durch ihren ohne Jahwes Befehl vollzognen Abfall von Assur den Zorn und die Rache Jahwes heraufbeschworen haben.
Davon, dass sie wider Jahwes Willen abgefallen sind und den Krieg mit Assur herbeigeführt haben, scheint c. 28,12 zu reden. Das Stück c. 28,7–13 wendet sich gegen die Priester und Propheten, die den Willen Jahwes nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, jedenfalls aber Prophezeiungen geben, die den Offenbarungen, welche Jesaia erhalten hat, widersprechen. Jesaia forderte im Namen Jahwes Unterwerfung und Ausharren, jene werden, wahrscheinlich auch im Bewusstsein, in Jahwes Namen zu reden, zu Abfall von Assur und Krieg geraten haben. Der Spruch Jahwes v. 12: „Dies ist die Ruhe, gebt Ruhe dem Müden, und dies ist die Erholung!“ bedeutet dann im Zusammenhange die Verzichtleistung auf politische Unternehmungen. Das ist jedenfalls die beste und auch genügende Erklärung der sonst unverständlichen Worte, die auch durch den parallelen Ausspruch c. 30,15 ihre Bestätigung erhält.
So haben alle Stücke[7]des Buches Jesaia c. 28–31 ihre Beziehung auf dieselben politischen Verhältnisse, nämlich auf den Abfall Judas von Assur und das damit zusammenhängende ägyptische Bündnis.
Dementsprechend haben auch die Drohungen den gleichen Inhalt in allen Stücken, nämlich die Unterwerfung und Vernichtung Judas durch Assur. In einigen Stellen tritt das ganz klar zu Tage. In c. 29,3 wird die Belagerung Jerusalems durch Schanzen und Belagerungswerke, die das feindliche Heer errichtet, beschrieben. In c. 30,17 wird gesagt, dass die judäischen Truppen trotz der ägyptischen Hülfe von dem feindlichen Heere zersprengt werden würden, so dass von ihrem ganzen Heere nur versprengte Flüchtlinge, wie ein einzelner Signalmast auf dem Berge, übrig bleiben werden. Nach c. 31,3 wird Jahwe wie ein Löwe im Heerzuge über den Berg Zions und seinen Hügel herfallen. Es ist schon oben erwähnt worden, dass die c. 28,15 und 18 erwähnte Geissel nichts Anderes bedeuten kann als Assur, und auch v. 21 lässt auf eine aus Kriegsgefahr entstehende Not schliessen. So wird auch das Bild von der einstürzenden Mauer c. 30,13 f. im Munde des Jesaia auf den Sturz der Mauern Jerusalems zu deuten sein, vgl. 29,1 ff., auch 32,13 f., c. 22 und 5,1 ff.
Die Vergleichung der einzelnen jesajanischen Stücke unseres Buches ergiebt, dass dieselben sowohl der Form als auch dem Inhalte nach zusammengehören. Ausgenommen sind dabei das erste und das letzte Stück des Buches, c. 28,1–4 und c. 32,9–14. Das erste Stück c. 28,1–4 hat es überhaupt nicht mit Juda und Jerusalem zu thun, sondern mit Ephraim und weissagt den schnellen Untergang Samarias durch Assur. Das letzte Stück c. 32,9–14 wendet sich zwar gegen Jerusalem und weissagt sogar am deutlichsten den definitiven Untergang der Stadt; es zeigt aber doch so bedeutende Abweichungen von den vorangehenden Stücken, dass es nicht ohne Weiteres mit denselben zusammengethan werden kann. Nicht nur in der poetischen Form weicht es von denselben ab, auch inhaltlich unterscheidet es sich von ihnen dadurch, dass es nicht an die Volksleiter, sondern an die Frauen Jerusalems gerichtet ist, und dass ihm im Zusammenhange damit jede Beziehung auf das ägyptische Bündnis fehlt. Abgesehen von diesen beiden Stücken aber herrscht, wie wir gesehen haben, eine weitgehende formelle wie sachliche Uebereinstimmung unter den jesajanischen Stücken des Buches c. 28–33. Wir werden abernoch weiter gehen können. Es lässt sich zeigen, dass innerhalb derselben eine chronologische und sachliche Entwickelung stattfindet.
Nach c. 31,2 f. nimmt Jesaia, wie schon bemerkt worden ist, als ausgemachte Thatsache an, dass die Aegypter Juda zu Hülfe kommen und darum auch mit demselben zu Grunde gehen werden. Das setzt voraus, dass das Bündnis mit Aegypten eine abgeschlossene Thatsache ist. Aus v. 1 und 3a ist übrigens auch zu schliessen, dass die Aegypter Juda nicht blos sachliche Unterstützung, etwa Geld und Pferde, sondern auch die Hülfe eines Kriegsheeres versprochen haben, und v. 3a zeigt, wie grosse Hoffnung die Judäer auf diese Unterstützung gesetzt haben. Aus c. 30,9 ff. ist das noch nicht klar; da richtet sich auch die Drohung nur gegen Juda. Indessen ergiebt sich dort auch aus v. 15 ff., dass der Vertrag mit Aegypten bereits abgeschlossen ist.
c. 30,1 ff. wendet sich gegen die, die einen Beschluss ausführen wollen, der nicht von Jahwe ausgegangen ist, die Gussopfer giessen wollen, aber nicht mit Jahwes Geist, d. h. die nach Aegypten hinabziehen, um dort den wider Jahwes Willen eingegangenen Bund abzuschliessen.
c. 30,6 f. schildert sie, wie sie den dafür zu entrichtenden Tribut nach Aegypten bringen.
Dreimal also, in c. 30,1 ff, in c. 30,6 f. und in c. 31,1 ff. ist von einem Hinabziehen nach Aegypten die Rede. Aber jedes Mal hat dasselbe einen anderen Zweck.Duhmmeint, dass c. 30,6 f. inhaltlich ziemlich identisch mit dem vorhergehenden sei und hält c. 31,1 ff. für ein vom Redaktor zusammengestelltes kürzeres Seitenstück zu c. 30. Das ist indessen nicht der Fall. In c. 30,1 ff. ziehen sie hinab, um den Bund abzuschliessen (vgl. v. 1 und die Ausdrücke in v. 2b), nach c. 30,6 f. thun sie es, um ihre Güter und Schätze hinzubringen, d. h., um denfür die versprocheneHülfe zu leistenden Tribut zu entrichten; endlich nach c. 31,1 ff. ziehen sie dem versprochenen Hülfsheer entgegen. Darauf deuten die Ausdrücke in v. 1: die auf Rosse schauen und aufden Tross, weil er gross, und auf die Reiter, weil sie sehr stark sind. Darauf deutet auch der weitere Inhalt der Rede, der sich mindestens ebenso sehr gegen die Hülfe der Aegypter als gegen Juda selbst wendet.
Man wird zwar diese inhaltliche Unterscheidung innerhalb dieser drei Stücke, die sich gegen die wenden, die „nach Aegypten hinabgehen“, nicht mit absoluter Gewissheit machen dürfen; aber neben den doch mit ziemlicher Deutlichkeit im Texte gegebenen Andeutungen führt noch eine Erwägung allgemeiner Art auf die Notwendigkeit überhaupt, derartige Unterscheidungen besonders bei Reden von so konkreter Veranlassung festzustellen. Will man nicht, was doch gewiss niemand thun wird, annehmen, dass Jesaia seine Reden, ehe er sie hielt, predigtähnlich ausgearbeitet habe, so ist kein irgendwie durchschlagender Grund einzusehen, warum er nachträglich Reden von so gleichartigem konkreten Inhalt in nur variierter Form zu Papier gebracht und herausgegeben haben sollte. Mündlich konnte und wird Jesaia sich mehrfach über denselben Gegenstand ausgesprochen haben; aber schriftlich genügte eine Aufzeichnung völlig zur Dokumentierung seiner Ansicht.
Wir kommen zu c. 29,15. Dieses kurze Stück besagt ein doppeltes über das Bündnis mit Aegypten: 1. dass die Volksleiter den Beschluss, mit Aegypten ein Bündnis zu schliessen, definitiv gefasst haben, aber heimlich vor Jahwe und seinem Propheten, und 2. dass Jesaia davon Kunde erhalten hat. Es geht also chronologisch und sachlich den folgenden, oben besprochenen Stücken voran. Als Jesaia das Wort c. 29,15 sprach, war gewissermassen im Staatsrate beschlossen, in Aegypten um ein Bündnis wider Assur nachzusuchen. Die folgenden Stücke wenden sich gegen die Ausführung dieses Staatsbeschlusses.
Sehen wir uns nun die vorhergehenden Abschnitte in c. 28 und 29 an, so haben sie gegenüber den folgenden dies gemeinsam, dass in ihnen von diesem förmlichen und definitiven Beschluss der Volksleiter noch nicht die Rede ist.Denn wir haben gesehen, dass auch die Stelle c. 28,15 nicht direkt auf den Bund mit Aegypten bezogen werden darf, obwohl derselbe auch dort schon im Hintergrunde steht. Die Situation, welche die jesajanischen Stücke in c. 28 und 29 voraussetzen, ist folgende. Die Vorgänge in Assur haben die schon vorhandenen ägyptenfreundlichen Neigungen und Strömungen Judas mächtig geschürt. Das ganze Volk ist erfüllt von Freiheitsdurst und Thatendrang, es sehnt sich danach, das drückende und verhasste Joch Assurs abzuschütteln. Diese patriotische Begeisterung wird von Priestern und Propheten geteilt und genährt; auch die Leiter des Volkes treten dafür ein und haben sich über das Gelingen des Planes durch Nekromantie und allerhand Zaubermittel Gewissheit verschafft.
Diese Situation spiegeln die Stücke in c. 28 und 29 nun auch unter sich in gewisser chronologischer und sachlicher Ordnung wieder.
c. 28,7–13 hat es mit den Priestern und Propheten zu thun, die das Feuer der Begeisterung im Volke durch Opfer und Weissagungen schüren. Jesaia kommt ihnen in seiner Nüchternheit einfältig vor, so dass sie über ihn spotten. Aber eine andere Begeisterung hat auch ihn erfasst, die Begeisterung, im Dienste seines Gottes und der Wahrheit zu stehen, und in gewaltiger Drohrede voll erhabenstem Schwung giebt er ihnen ihren Spott zurück.
Das zweite Stück, c. 28,14–23, wendet sich gegen die Volksleiter, die sich von Priestern und Propheten haben „fest“ machen lassen. Dass das unter anderem auch durch Orakel geschehen ist, zeigt v. 19: „und es wird rein Entsetzen sein, Orakel zu deuten“. Das setzt voraus, dass sie dem Propheten Orakel entgegengehalten haben, die ihnen das Gelingen ihres Planes verheissen, eine weitere Bestätigung für unsere Auffassung von v. 15. In v. 22 deuten die Worte, „dass nicht fest werden eure Bande“, auch darauf hin, dass der Plan des Bündnisses mit Aegypten noch nicht zum definitiven Staatsbeschluss erhoben worden ist.
In c. 29,1 ff. ist von dem Bündnisse mit Aegypten nicht die Rede; aber die Gewissheit, mit der Jesaia hier die Belagerung Jerusalems kommen sieht, beweist, dass der Plan vorgeschritten ist, und dass seine Reden dagegen fruchtlos geblieben sind. c. 29,9 f. setzt, wie wir schon gesehen haben, einen erbitterten Kampf Jesaias mit den Volksleitern voraus, zeigt aber zugleich, dass sie in ihrer wilden Begeisterung (v. 9 b) blind gegen seine Warnungsreden sind (v. 9 a), so dass Jesaia an ihnen verzweifelt und in ihrem Verhalten das definitive Verstockungsgericht Jahwes erkennt (v. 10).
c. 29,13 f. endlich wendet sich an das Volk, das in fanatisiertem Eifer nur um so mehr den äusserlichen Jahwekult betreibt. Jesaia verachtet es um seines Lippendienstes willen, erkennt aber zugleich, dass es von seinen „Weisen“ verführt ist v. 14.
Ueberblicken wir diese innerhalb der einzelnen jesajanischen Stücke nachgewiesene chronologisch-sachliche Entwicklung noch einmal, so erkennen wir innerhalb derselben zwei scharf von einander unterschiedene Phasen. Die erste umfasst die Abschnitte in c. 28 und 29 bis zu dem Stücke 29,13 f. In ihr ist noch alles in Bewegung und der Plan des ägyptischen Bündnisses noch nicht zum Staatsbeschluss erhoben; von c. 29,15 an ist dagegen dieser Staatsbeschluss gefasst und kommt zur Ausführung. Das ergiebt nun eine formelle und inhaltliche Unterscheidung dieser beiden grösseren Abschnitte, die freilich ihren inneren Zusammenhang nicht zerreisst, sondern vielmehr nur die Richtigkeit der nachgewiesenen chronologisch-sachlichen Entwicklung bestätigt.
Der äusserlich gleichmässige Eingang der Reden in c. 29,15, c. 30,1 ff. und 31,1 ff. ist schon erwähnt worden. Alle drei Reden beginnen mit dem „Wehe denen, die u. s. w.“ In dem ersten Abschnitt findet sich weder diese Form noch überhaupt solche Gleichmässigkeit. Das kommt daher, dass der Prophet im zweiten Abschnitte immer dieselben Gegner vor Augen hat, nämlich die, welche den Bund beschliessenund zur Ausführung bringen, während er sich im ersten Abschnitte bald an die Priester und Propheten, bald an die Volksleiter, bald an das Volk wendet, um das Zustandekommen des Beschlusses zu verhüten. Damit hängt auch zusammen, dass im ersten Abschnitte die Drohung noch unbestimmter, an einer Stelle c. 28,22 sogar halb hypothetisch ausgesprochen ist. Jesaia sagt nur, dass sie straucheln und zerschellen werden, dass er Untergang und Entscheidung von Jahwe gehört habe, dass Jahwe sie wunderbar behandeln werde. Nur c. 29,1 ff. redet er bestimmt von der Belagerung Jerusalems; denn freilich ist er von ihrer Unverbesserlichkeit überzeugt c. 29,10. Aber doch ist seine Strafverkündigung im zweiten Teile bestimmter und konkreter. Da heisst es nicht mehr: wenn ihr das thut, sondern: weil ihr das gethan habt, so werdet ihr untergehen c. 30,12 f., 15 f. c. 31,1 ff. vgl. auch 30,2 f. Da redet c. 30,13 f. von der gänzlichen Zerstörung Jerusalems, c. 30,16 f. von der völligen Vernichtung ihres Heeres, und c. 31,1–3 verkündet den verbündeten Heeren den Untergang ebenso wie c. 31,4 die rettungslose Zerstörung Jerusalems.
Dieser Unterschied in beiden Teilen der in Betracht kommenden Stücke hebt darum aber den oben nachgewiesenen inneren Zusammenhang nicht auf, sondern bestätigt nur die Richtigkeit der nachgewiesenen Entwicklung, indem er ein Moment der Erklärung fordert, welches gerade in dem definitiven Beschluss, das ägyptische Bündnis einzugehen, ausreichend gegeben ist.
Das Urteil Dillmanns über den Zusammenhang der Kapitel 28–32, dass Jesaia den Plan des ägyptischen Bündnisses in denselben von seinem ersten Auftauchen an bis zu seiner schliesslichen Ausführung Schritt für Schritt mit seinen Warnungsreden verfolgt, hat sich also auch für uns, wenn auch in anderer Weise und jedenfalls in sachlich zutreffenderer Weise als richtig herausgestellt. Die jesajanischen Stücke unseres Buches, mit Ausnahme des ersten und des letzten, stehen nicht nur unter einander in formellem und sachlichemVerwandtschaftsverhältnis, sondern weisen auch in der uns vorliegenden Reihenfolge eine stufenweise chronologische und sachliche Ordnung und Entwicklung auf.
Diese Thatsache ist es auch gewesen, die die Kritik so lange verhindert hat, an die scheinbar dadurch so geschlossene Einheit der Kapitel 28–32 ihren Hebel anzusetzen. Nachdem das aber nun geschehen ist, und die jesajanischen Bestandteile dieser Kapitel trotzdem dieselbe, ja eine noch viel engere Geschlossenheit aufweisen, so sollte man meinen, dass wir nun in den jesajanischen Bestandteilen das eigentliche, von Jesaia selbst verfasste Buch, vor uns haben. Indessen wird die weitere Untersuchung doch zeigen, dass auch diese jesajanischen Bestandteile des Buches wenigstens nicht in der Gestalt, in der sie uns jetzt vorliegen, als ein einheitliches Ganze aus der Hand des Jesaia hervorgegangen sein können. Nehmen wir diese zusammengehörigen Stücke so vor uns, wie wir sie jetzt haben, so fehlt ihnen zunächst der Anfang.[8]
Das Stück c. 28,7 ff. beginnt mit den Worten:
וגם אלה בלין שגי ובשכר תעו
Die Worte וגם אלה weisen ganz notwendig auf etwas Vorhergegangenes. Wollte man sie aber als einen nachträglichen Zusatz des Redaktors streichen, der durch dieselben das Stück c. 28,7 ff. mit dem Vorhergehenden habe verbinden wollen, so bliebe doch auch so noch der übrige Anfang des Stückes unerklärt und unverständlich. Mit den Worten: „im Wein schwindeln und im Meth schwanken sie“ kann Jesaia auch nicht ein Buch oder eine Redesammlung angefangen haben. Man kann aber auch nicht die ganze Einleitung zu der folgenden Scene, also v. 7 und 8, für einen nachträglichen, erläuternden Zusatz erklären, denn die v. 9 ff. geschilderte Szene bedarf notwendig eines solchen Zusatzes und ist erst recht kein passender und verständlicher Eingang der folgenden Rede oder gar der ganzen Sammlung. Es ist also notwendig anzunehmen, dass dem v. 7 noch etwas Anderes vorausgegangen ist. Was ist dies aber?
Auf v. 5 und 6 kann hier keine Rücksicht genommen werden, da diese Verse nicht von Jesaia sind. Dagegen bieten sich uns die Verse 1–4 unseres Kapitels als eine scheinbar sehr befriedigende Lösung unserer Frage dar. Das Stück c. 28,1–4 wendet sich gegen Samaria und seine Trunkenen, die v. 1 und 3 erwähnt werden, und droht den schnellen Untergang der Stadt durch einen Gewaltigen Jahwes an. An diese Drohung scheint sich nun v. 7 f. äusserst bequem anzuschliessen. Besonders eindrucksvoll scheint dann das וגם אלה zu sein, indem es so zugleich auch auf die Strafe hinweist, die auch den jerusalemischen Trunkenbolden droht. Zudem scheint das Stück wie geschaffen als Einleitung in eine derartige Sammlung wie die vorliegende. Der Eingang dieser Drohung lässt an poetischer Kraft und Fülle sonstigen Eingängen Jesaias in Reden und Redesammlungen nichts nach. Deshalb steht auchDuhmnicht an, anzunehmen, dass Jesaia selbst die Verbindung in v. 7 f. mit v. 1–4 hergestellt habe, als er nämlich alle einzelnen Stücke zu einem Büchlein vereinigte. Allein diese AnnahmeDuhmsbereitet doch Schwierigkeiten, die sich nicht beseitigen lassen, und die deshalb dieseAnnahme für unser Stück mindestens widerraten, für andere Stücke aber geradezu unmöglich machen.
Dass man nicht etwa annehmen darf, dass Jesaia c. 28,1–4 und v. 7 ff. in einem Zuge in Jerusalem gesprochen habe, ist im ersten Teile dieser Abhandlung schon bewiesen worden. Die Ereignisse, auf die sich c. 28,1–4 bezieht, liegen 20 Jahre früher, und v. 7 ff. bilden gar keine eigentliche Rede, sondern enthalten die Schilderung einer wahrscheinlich im Tempelvorhof vorgefallenen Szene.
Es kann sich also nur um nachträgliche schriftstellerische Verbindung beider Stücke handeln. Dies kann nach der gangbaren Vorstellung der Entstehung jesajanischer Schriften nur geschehen sein, als Jesaia das Stück v. 7–13 niederschrieb, oder als er die Sammlung der einzelnen vorliegenden Stücke vornahm. Die erstere Annahme ist an sich sehr unwahrscheinlich. Denn es ist nicht wohl denkbar, dass Jesaia als Einleitung zu dem kurzen Stücke v. 7–13 eine fast gleich lange Rede gesetzt habe, die sich inhaltlich auf ganz andere Umstände und Zeitlage bezieht. Denn die Trunkenheit der Priester und Propheten bildet doch nur den Ausgangspunkt und Hintergrund der Szene, während sich die eigentlichen Auseinandersetzungen auf ganz andere Dinge beziehen (v. 12). Vor allen Dingen aber sollte man erwarten, dass dann der Prophet irgendwie auf seine Einleitung Bezug genommen hätte. Da dies aber nicht geschehen ist, so ist auch an eine engere schriftstellerische Verbindung zwischen v. 1–4 und v. 7–13 nicht zu denken.
Aehnliche Einwände erheben sich gegen die AnnahmeDuhms, dass Jesaia die Verbindung zwischen v. 1–4 und v. 7 ff. erst später hergestellt habe, als er die einzelnen Stücke unseres Buches zu einer Sammlung vereinigte. Welche Gründe sollte wohl der Prophet gehabt haben, diese inhaltlich und zeitlich so fern liegende Drohrede mit den andern so eng zusammengehörigen Stücken zu vereinigen, und dieselbe als Einleitung an die Spitze derselben zu stellen. Denn ein besonderer Grund musste doch dafür angegebenwerden können, aus dem Jesaia dieses Stück aus der Zeit vor der Zerstörung Samarias mit den aus der Sanherib-Zeit stammenden Stücken verbunden haben könnte. Nun ergiebt sich aber aus einem Vergleich dieses Stückes mit den übrigen Abschnitten
1. dass in den sämmtlichen übrigen Stücken auch nicht ein einziges Mal ausser in c. 28,7, auf c. 28,1–4 Bezug genommen wird.
2. dass c. 28,1–4 in inhaltlicher Beziehung völlig andersartig ist als die sämmtlichen anderen Stücke. In letzteren handelt es sich, wie wir gesehen haben, um politische Dinge; der Grund aller Drohungen ist das wider Jahwes Willen geplante und vollzogene Bündnis mit Aegypten. In c. 28,1–4 wird dagegen als Ursache des Unterganges von Samaria die sittliche Verkommenheit seiner Bewohner angeführt, die sich in ihrer Völlerei kundgiebt.
Die einzige Beziehung hat das Stück c. 28,1–4 zu den Versen 7 und 8 dieses Kapitels, und zwar auch nur darin, dass in v. 7 und 8 auch von Trunkenen die Rede ist. Allein diese Beziehung ist doch eben nur sehr äusserlich und kann deshalb eher einem Redaktor als dem Jesaia selbst zugetraut werden. Ein solches Armutszeugnis dürfen wir doch dem Jesaia nicht ausstellen, dass er nicht eine selbstständige Einleitung zu seiner Sammlung habe herstellen können, sondern dass er dazu ein möglichst wenig passendes Stück aus früherer Zeit gewissermassen an den Haaren herbeigezogen habe. Es spricht auch noch ausser den inneren Gründen ein äusserer Umstand dafür, dass c. 28,1–4 nicht von Jesaia, sondern von einem späteren Redaktor an die Spitze der Sammlung gestellt sei, das sind die beiden unechten Verse 5 und 6. Wären v. 1–4 von Anfang an eng mit v. 7 ff. verbunden gewesen, so wäre es kaum denkbar, dass sich zwischen v. 4 und das וגם אלה v. 7 jene beiden Verse eingedrängt hätten. Ist aber die Verbindung von v. 1–4 mit v. 7 ff. erst vom Redaktor hergestellt, dann stammen jedenfalls auch die dieselbe herstellenden Worte von ihm, undwahrscheinlich ist dann überhaupt v. 7 f. eine für jene Verbindung vom Redaktor hergestellte Umarbeitung einer etwas anderen jesajanischen Einleitung zu der v. 9 ff. geschilderten Szene im Tempelvorhof. Denn es ist schon im ersten Teile der Abhandlung hervorgehoben worden, dass v. 7 f. wahrscheinlich nicht so, wie wir sie haben, von Jesaia niedergeschrieben worden sind. Eine jesajanische Einleitung hat sicher vor v. 9 ff. gestanden, weil dieselben sonst unverständlich wären und keinen Eingang hätten. Aber der Redaktor hat wahrscheinlich das darin von der Trunkenheit der Priester und Propheten Gesagte stark betont und weiter ausgemalt, um einen möglichst engen Anschluss an v. 1–4 zu erhalten, und hat dagegen Manches weggelassen, was uns vielleicht für das Verständnis von v. 9 ff. wertvoller gewesen wäre. Ob aber die Verbindung von c. 28,1–4 mit den übrigen Stücken dadurch entstanden sei, dass in der jesajanischen Aufzeichnung erzählt war, wie der Prophet sich im Streite mit den trunkenen Jerusalemiten auf die ehemalige Weissagung über Samaria und auf ihre vor Augen liegende Erfüllung berufen hat, wieHackmann[9]annimmt, lässt sich nicht mehr ausmachen. Nötig ist diese Annahme keineswegs, da die späteren Sammler durchaus keine Rücksicht auf die Chronologie nahmen, und für denselben zur Aufnahme des Stückes z. B. auch das חוי im Anfange sehr wohl ausschlaggebend gewesen sein kann.
So viel scheint mir wenigstens erwiesen zu sein, dass der Anfang der zusammengehörigen jesajanischen Stücke unseres Buches nicht mehr erhalten, sondern von einem anderen durch das allerdings auch jesajanische, aber unserm Zusammenhange fremdartig gegenüberstehende Stück Jes. 28,1–4 ersetzt worden ist.
Aber auch die übrigen sachlich zusammengehörigen Stücke können so, wie sie uns vorliegen, trotz ihres grossen sachlichen Zusammenhanges und ihrer strengen zeitlichenReihenfolge nicht als eine von Jesaia selbst hergestellte Sammlung angesehen werden.Duhmvertritt allerdings diese Meinung. Er sagt[10]: „Ich halte es für möglich, dass Jesaia die Stücke, die wir jetzt von c. 28,1 an lesen, die sich recht gut als eine durch Jesaias eigene Hand redigierte Schrift auffassen lassen, in ihrer dem Anschein nach beispiellos korrekten chronologischen Reihenfolge zusammengestellt habe; diese Schrift geht dann mindestens bis c. 30,17 umfasst aber vielleicht auch noch c. 30,27–31,9.“
AberDuhmvermag es selbst nicht, diese seine Ansicht für alle jesajanischen Stücke innerhalb des von ihm angenommenen Rahmens durchzuführen.
Das ist zunächst bei dem Stücke c. 30,6 f. der Fall. Das Stück trägt die Ueberschrift:
משא בהמות גנב
Hätte dieses Stück ursprünglich dicht neben c. 30,1–5 gestanden, so wäre nicht einzusehen, wie diese Ueberschrift gerade zwischen v. 5 und 6 hineingekommen wäre. Denn auch v. 1–5 reden von dem Zuge nach Aegypten, gehören also äusserlich und innerlich ziemlich eng zusammen, und kein Mensch würde v. 6 f. für ein besonderes, für sich bestehendes Orakel gehalten haben. Man müsste also erwarten, dass dann die Ueberschrift vor v. 1 stünde.Duhmfindet es daher wahrscheinlich, dass das Stück einst, wegen seiner Stichwortüberschrift neben c. 21. 22 gestanden habe und erst von dem letzten Redaktor hierher versetzt worden sei. Ob sich nicht eine andere, ebenso befriedigende Erklärung dafür wird finden lassen, werden wir nachher sehen; hier soll nur festgestellt werden, dass das Stück v. 6 f. sich nicht ursprünglich direkt an v. 1–5 angeschlossen haben kann.
Zweifelhaft erscheint esDuhmferner, ob das Stück c. 29,13 f. die Fortsetzung zu v. 9 f. bildet. Die einleitenden Worte: der Herr sprach, scheinen ihm auf einen andern,vielleicht historischen Zusammenhang hinzuweisen, aus dem der Sammler das Stück herausgebrochen hat. Dass sein Inhalt für seine Zuweisung zur Periode Sanheribs spricht, ist an sich noch kein Beweis für die Ursprünglichkeit seiner jetzigen Stellung. Denn wir haben auch jetzt noch an anderen Stellen des Jesaia-Buches Stücke, die jener Periode zugehören. Es handelt sich hier nicht um den Inhalt, sondern um die Form des Anschlusses. Und da muss doch gesagt werden, dass die einleitende Formel „und es sprach der Herr“ nicht zum direkten Anschlusse von v. 13 f. an v. 9 f. passt. Denn diese Formel würde, falls sie von Jesaia zur Verbindung der beiden Stücke geschrieben wäre, beide zu einem Ganzen verbinden. Dass das aber nicht geht, ist bereits im ersten Teile der Abhandlung gezeigt worden.
Das einzige Stück, welches ausser dem eben besprochenen noch eine scheinbare Verbindung mit dem vorhergehenden aufweist, ist c. 28,14 ff. Aber auch hier zeigt grade die Art dieser Verbindung, dass dieselbe nicht von Jesaia zum Zwecke des direkten Anschlusses von v. 14 ff. an v. 7–13 hergestellt sein kann. Denn die Verbindung von v. 14 ff. mit dem Vorhergehenden durch לכן ist ungeschickt und verdunkelt den Sinn. Es ist oben gezeigt worden, welche Schwierigkeiten dieses לכן den Auslegern bereitet, und zu welchen gezwungenen Erklärungen es geführt hat. Denn einmal enthält das Stück v. 14 ff. selbst in v. 15 die Begründung zu der folgenden Drohung, auf die auch ausdrücklich in v. 18 Bezug genommen wird; andrerseits ist aber in v. 7 ff. von einer solchen Begründung, auf die doch das לכן weisen müsste, gar keine Rede. Daher ist das לכן entweder nachträglich vom Redaktor hergestellt, oder weist, was noch wahrscheinlicher ist, auf einen anderen Zusammenhang hin. Denn es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass ein Sammler, der doch sonst jesajanische Stücke ohne besondere Verknüpfung aneinandergereiht hat, ohne Grund diese unpassende Verbindung hergestellt haben sollte.
So ergiebt sich uns also, dass grade die Stücke, die mitdem vorhergehenden schriftstellerisch verbunden zu sein scheinen, eben um dieser Verbindung willen nicht von Jesaia selbst so zusammengestellt sein können, sondern dass ihr Eingang vielmehr auf einen anderen, als ihren jetzigen Zusammenhang hinweist. Doch ehe wir auf die Frage eingehen, welches etwa ihr ursprünglicher Zusammenhang gewesen sein könne, müssen wir uns noch mit den übrigen jesajanischen Stücken befassen. Es sind die Stücke: c. 29,1 ff., 29,9 f., 29,15, 30,1 ff., 30,8 ff., 31,1 ff. Alle diese Stücke stehen ohne irgendwelche schriftstellerische Verbindung neben einander.
An sich ist das Fehlen redaktioneller Verbindung der Stücke nun freilich kein Grund, ihre Zusammenstellung dem Jesaia abzusprechen. Es ist im Gegenteil oft der Fehler bei der Erklärung prophetischer Schriften, dass man eine Verbindung zwischen einzelnen Reden herzustellen sucht, die nicht vorhanden und nicht beabsichtigt ist.
Aber wenn wir die in Rede stehenden Stücke betrachten, so werden wir doch zu dem Schlusse gedrängt, dassdieseStücke in ihrer jetzigen Gestalt nicht von Jesaia selbst zu einem Buch zusammengestellt sein können.
Zunächst müssen wir c. 30,8 ff. aus der vermeintlichen Sammlung ausscheiden. Denn dieses Stück setzt in seinem Eingange unbedingt einen anderen Zusammenhang voraus, als er in dem vorhergehenden Stücke gegeben ist. Das Stück beginnt mit den Worten:
Jetzt geh’ hinein, schreib es nieder, und auf ein Buch zeichne es!
Jetzt geh’ hinein, schreib es nieder, und auf ein Buch zeichne es!
Jetzt geh’ hinein, schreib es nieder, und auf ein Buch zeichne es!
Jetzt geh’ hinein, schreib es nieder, und auf ein Buch zeichne es!
Mag der Vers auch nicht mehr ganz in Ordnung sein[11], so bleibt doch immer bestehen, dass Jesaia aufgefordert wird, „jetzt“ hinein (?) zu gehen und „es“ aufzuschreiben. Worauf bezieht sich das עתה, und was ist mit den Suffixen in den Verben gemeint? Da uns das nicht im Folgenden gesagt wird, so müssten wir erwarten, dass es im Vorhergehendenirgendwie angedeutet sei. Das Witzwort in v. 7 b kann es nicht sein; denn erstens stammt es nicht von Jesaia, und zweitens steht es in dem Stück v. 6 f., das, wie wir gesehen haben, auch nicht ohne Weiteres dem Zusammenhange angehört. In dem vorhergehenden Stück c. 30,1–5 lässt sich aber auch nichts zur Erklärung finden. Dann ist aber klar, dass auch dieses Stück nicht als unmittelbare Fortsetzung des vorhergehenden von Jesaia niedergeschrieben sein kann.
Die noch übrigen Stücke fordern in ihren Anfängen keine Beziehungen auf etwas Vorangegangenes. Sie könnten also an sich wohl in ihrer Reihenfolge von Jesaia zu einer Sammlung zusammengestellt worden sein. Aber ein anderer Umstand widerspricht dieser Möglichkeit. Würden wir nämlich die vorherbesprochenen Abschnitte aus dieser Sammlung herausnehmen, so würde dadurch der sachlich-chronologische Zusammenhang der Stücke, den wir oben nachgewiesen haben, zerstört werden. Wir kämen ja auch dann zu der unglaublichen Annahme, dass Jesaia seine eigenen zusammengehörigen Stücke nur zum kleinen Teil geordnet habe, und dass es erst einem späteren Bearbeiter gelungen sei, für alle Stücke die chronologisch-sachliche Ordnung herzustellen. Dieser Annahme ist jedenfalls die andere vorzuziehen, dass die Zusammenstellung der Stücke in der Gestalt, in welcher sie uns vorliegen, überhaupt nicht auf Jesaia, sondern auf einen späteren Sammler zurückzuführen ist.
Zu diesem Resultate werden wir auch noch durch eine andere, etwas allgemeinere Erwägung geführt. Wenn wir fragen, in welcher Weise Jesaia die vorliegende Sammlung hergestellt haben könnte, so bieten sich zur Beantwortung dieser Frage überhaupt nur zwei Möglichkeiten. Entweder hat der Prophet seine früher vereinzelt und nacheinander aufgeschriebenen Stücke und Reden in einer späteren Zeit geordnet und zusammengestellt, oder er hat die in einer früheren Zeit nur gehaltenen Reden selbstständig reproduziert und zu Papier gebracht. In letzterem Falle wäre dann die Sammlung gewissermassen wie aus einem Gusse entstanden. Aber in diesem Falle müssten erst recht alle einzelnen Stücke der Sammlung unter einander verbunden sein und auch schriftstellerisch zusammen ein wohl abgerundetes Ganze bilden. Das kann man aber von den vorliegenden Stücken trotz ihrer korrekten sachlichen Ordnung nicht behaupten.[12]
Darum müssten sie auf die erstere Art entstanden sein, wenn sie in ihrer jetzigen Form eine von Jesaia hergestellte Sammlung bilden sollten. Es ist aber unmöglich, sich alle einzelnen Stücke auf diese Art entstanden sein zu denken. Ueberhaupt ist diese ganze gangbare Vorstellung von der Niederschrift wirklich gehaltener prophetischer Reden schwer zu vollziehen. Man mussHackmannRecht geben, dass es „beinahe etwas ebenso Unnatürliches hat, zu denken, der Prophet habe seine in der Glut des Geistes geredeten Worte nachher schriftlich wiederholt, wie wenn man annähme, er hätte sie vorher wie eine zu haltende Predigt ausgearbeitet.“ So lange wir indessen nicht eine andere genügende Erklärung für die Aufzeichnung prophetischer Reden in unsern Prophetenbüchern haben, wird diese Vorstellung wohl weiter gangbar bleiben. Wir müssen darum auch an dieser Stelle mit ihr rechnen und hoffen, sie wenigstens für unser Buch zerstören zu können.
Auf diejenigen längeren Reden unserer Stücke, welche deutlich Schuld und Strafe verkünden, und die auch einen selbstständigen Eingang und Abschluss bilden, lässt sich vielleicht die angegebene Vorstellung ihrer Niederschrift anwenden. In ihnen hatte der Prophet dann, entweder für sich, oder für seine Zeitgenossen und die späteren Geschlechter deutlich seine Meinung aufbewahrt.
Aber es giebt grade auch unter den uns vorliegenden Stücken solche, bei denen man für sich allein weder erkennt, an wen sie gerichtet sind, noch worauf sie sich beziehen; kurze Sprüche, die für sich allein überhaupt gar keinen Sinn geben.
So hätte sich der Prophet aus der Zeit, in der er den definitiven Entschluss der Volksleiter, sich mit Aegypten zu verbinden erfuhr, nur c. 29,15 notiert! Ist es ferner vorstellbar, dass sich Jesaia als Wiedergabe einer oder mehrerer Reden und heftiger Kämpfe mit den Volksleitern c. 29,9 f. aufgeschrieben habe לְעֵד עד עולם?! Oder was mochte wohl Jesaia damit bezwecken, als er, nicht als Rede, sondern in Form der Erzählung die Thatsache niederschrieb, dass die judäischen Gesandten auf dem Wege nach Aegypten seien (c. 30,6 f.)? Dieselbe Frage erhebt sich gegenüher der Schilderung jener Szene im Tempelvorhof c. 28,7 ff. Endlich müssten wir auch annehmen, dass die jetzt in ihrem Anfange unvollständigen Stücke schon bei ihrer ersten Aufzeichnung von Jesaia so unvollständig niedergeschrieben wären, da es sonst unbegreiflich wäre, warum er sie nicht vollständig in seine Sammlung herübergenommen hätte. Aus allen diesen Gründen ist die Annahme, dass Jesaia die vorliegende Sammlung aus einzelnen früher selbstständigen Stücken hergestellt habe, unzulässig, und damit ist überhaupt die Sammlung der Stücke in der uns vorliegenden Gestalt durch Jesaia selbst unerklärlich.
So hat uns also nicht nur die Untersuchung der einzelnen Stücke auf ihren Zusammenhang untereinander, sondern auch die Erwägung allgemeinerer Art zu demselben Resultate geführt, dass die inhaltlich zusammengehörigen Stücke unseres Buches, so wie sie uns jetzt vorliegen, nicht von Jesaia zusammengestellt sein können.
Sie müssen daher von einem späteren Sammler in ihren jetzigen Zusammenhang gebracht sein. Aber woher hat sie dieser spätere Sammler entnommen? Er kann sie jedenfalls nicht aus einzelnen Aufzeichnungen Jesaias zusammengestellt haben. Denn wir haben gesehen, dass es undenkbar ist, dass Jesaia alle diese einzelnen Stücke zu verschiedenen Zeiten einzeln und als selbstständige Stücke aufgezeichnet habe. Ausserdem wäre auch ein späterer Sammler kaum im Stande gewesen, die in der Reihenfolge der Stücke waltende grosse sachliche Ordnung herzustellen.
Daher müssen die einzelnen Stücke aus einem grösseren Zusammenhange stammen. Darauf führt 1. ihre chronologisch-sachliche Ordnung, 2. der Umstand, dass mehrere Stücke teils in ihrem Anfange unvollständig sind (c. 28,7 ff. c. 30,8 ff.), teils auch durch die Art ihres Anfanges auf etwas Verlorengegangenes schliessen lassen (c. 28,14 ff. c. 29,13 f.). Halten wir die beiden Punkte zusammen, so lässt sich vermuten, und zwar namentlich aus der innerhalb der einzelnen Stücke herrschenden chronologischen Ordnung, dass der grössere Zusammenhang, aus dem die einzelnen Stücke entnommen sind, ein geschichtlicher Zusammenhang gewesen ist.
Es gilt nun im Folgenden zunächst, diese Vermutung wissenschaftlich näher zu begründen, und zu zeigen, dass sich durch diese Annahme eines ursprünglich geschichtlichen Zusammenhanges der in Frage stehenden jesajanischen Stücke des Buches alle vorhandenen Schwierigkeiten beseitigen lassen.
Der einzige, der bisher diese Vermutung ausgesprochen hat, istHackmann, in seiner Schrift über die Zukunftserwartung des Jesaia. Er sagt dort Seite 47: „Unwillkürlich umgiebt man diese Reden mit Geschichte, und — sollten sie nicht auch ursprünglich in geschichtlicher Umrahmung gestanden haben? Anzeichen für ein früheres Vorhandensein historischer Einkleidung liegen wohl vor. Das cap. 28 steht so sehr mit einem konkreten geschichtlichen Vorgange in Verbindung, dass die Vorstellung nahe liegt, eine kurze Darstellung der begleitenden Verhältnisse sei einmal damit Hand in Hand gegangen. Manche Einzelheiten sind wie eine Bezugnahme auf eine nebenhergehende Erzählung; v. 9 f. setzt eine Unterbrechung der Rede durch Einwürfe der Trunkenen voraus; v. 15 redet in Anspielungen von einem Faktum, über welches ursprünglich vielleicht auch einige Worte verloren waren. Aehnlich ist es mit Stellen wie 30,1. 6. 15 und 16. Natürlich ist nur ein kurzer und einfacher Rahmen der Situation für die einzelnen Aussprüche anzunehmen, in der Weise von c. 7 und 8.“
Es gilt nun im Folgenden, diese vonHackmannmehr andeutungsweise ausgesprochene Vermutung näher zu begründen und allseitig sicher zu stellen.
Ein starker Wahrscheinlichkeitsgrund für die Richtigkeit dieser Annahme liegt ja vor allen Dingen in der oben nachgewiesenen chronologischen Reihenfolge unserer Stücke. Wir müssen uns aber auch nach möglichst starken äusseren Stützen für dieselbe umsehen. Diese liegen nun aber meines Erachtens nicht zuerst in den vonHackmannhervorgehobenen Anzeichen einer früheren geschichtlichen Umrahmung, obwohl auch diese, wie wir nachher sehen werden, stark mit ins Gewicht fallen.
Der Hauptbeweis für die Annahme eines früheren geschichtlichen Zusammenhanges unserer Stücke liegt vielmehr in der Beschaffenheit dieser Stücke selbst.
Diese enthalten nämlich keineswegs alle, wie man bisher meist angenommen hat, Reden, sondern sind zum guten Teil selbst noch geschichtliche Darstellungen, zum Teil geben sie auch Reden in geschichtlich referierender Form wieder.
Eigentliche Reden enthalten überhaupt nur folgende Stücke: 1. c. 28,14–22. Dieses Stück wendet sich mit direkter Anrede gleich in v. 14 an die Machthaber in Jerusalem und behält die Form der Anrede bis zum Schlusse bei. 2. c. 29,9 f. Wer in dem kurzen Stücke angeredet ist, ist nicht gesagt; wahrscheinlich sind es die Volksleiter, denen Jesaia das Verstockungsgericht Jahwes ankündigt. 3. c. 30,1–5. Indessen ist hier schon zu merken, dass die Rede erst von v. 3 an mit dem והיה לכם direkte Anrede wird. In v. 1 f. ist der Spruch Jahwes in dritter Person referierend wiedergegeben. Denn die Worte: הוי בנים סוררם נאם יהוה darf man nicht übersetzen: Wehe euch widerspenstigen Söhnen, ist der Spruch Jahwes; sondern sie heissen: Wehe über die widerspenstigen Söhne u. s. w. Das geht klar hervor aus c. 29,15. Das Stück beginnt ganz parallel: הוי המעמיקים und fügt dann den Nachsatz in dritter Person an, wie ausdem מעשיהם und dem ויאמרו hervorgeht, vgl. auch c. 31,1 f. 4. c. 30,12–17. Die Rede wendet sich an die Volksleiter und verkündet ihnen wegen ihres Ungehorsams gegen den Willen Jahwes den Untergang. Aber diese Rede will nicht die Wiedergabe einer Rede Jesaias an das Volk sein. Jesaia steht gar nicht vor dem Volk, sondern sitzt in seinem Hause und schreibt diese Rede als eine Rede Jahwes an das Volk für einen späteren Tag auf. Denn mit den Worten: לכן כה אמר קדןש ישראל (v. 12) ist dieselbe nicht nur als Rede Jahwes bezeichnet, sondern auch eng an die vorangehenden Verse 8–11 angeschlossen. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass Jesaia nicht ähnliche Reden an das Volk gehalten hat. Aber es kommt hier auf die Form an, in welcher die vorliegende Rede aufgezeichnet ist; und darnach ist dieselbe nicht die Wiedergabe einer an das Volk gehaltenen Rede, sondern einer dem Jesaia von Jahwe geoffenbarten Rede, die ihm zum Zeugnis dienen soll ליום אחרון.
Die vier Reden sind die einzigen direkten, in der zweiten Person an das Volk oder dessen Leiter gerichteten Reden unserer Stücke. Und auch diese erfahren in ihrer Bedeutung als solcher, wie wir gesehen haben, Einschränkungen.
Neben diesen direkten Reden an das Volk stehen andere, die in erzählender Form in der dritten Person berichtet sind. Dazu gehören, wie oben zu c. 30,1–5 schon bemerkt worden ist, die Wehereden in c. 29,15 und c. 31,1 ff. Es sind Zornesausbrüche Jesaias im Namen seines Gottes, hervorgerufen durch das Zustandekommen und die Ausführung jenes Beschlusses, durch welchen sich das Volk in seinen Führern definitiv vom Gehorsam gegenüber Jahwe losgesagt hat. Es ist fraglich, ob Jesaia diese Aussprüche je mündlich vorgetragen hat; sie eignen sich mehr zu schriftlichen Drohworten, und nach c. 30,8 scheint es, als ob sich Jesaia von da an überhaupt auf Weisung seines Gottes vom Schauplatz der öffentlichen Thätigkeit zurückgezogen habe. Die Form von c. 31 überhaupt ist nicht die einer feurigen Rede,als vielmehr die einer grimmigen und doch siegesgewissen Argumentation. Man achte auf das וגם הוא חכם ויבא רע in v. 2 und die Gegenüberstellung Jahwes und Aegyptens in v. 3; ebenso auf das siegesgewisse: כי כה אמר יהוה אלי in v. 4. Er weiss es, dass Jahwe zu ihm und durch ihn geredet hat, und dass er darum zuletzt noch Recht behalten wird seinen Gegnern gegenüber.
Jedenfalls ist auch c. 29,1 ff. zu diesen indirekten Drohreden zu rechnen. Das ergiebt sich schon daraus, dass Ariel (der Opferherd) angeredet ist. Aber das Stück bietet solche Schwierigkeiten, dass sich seine Form überhaupt nicht mehr wird mit Sicherheit feststellen lassen. In v. 1 redet Jesaia, v. 2 geht unvermittelt in die Rede Jahwes über, so dass anzunehmen ist, dass zwischen v. 1 und 2 etwas ausgefallen ist, was auch der völlig abweichende Text der LXX wahrscheinlich macht. Gehört v. 7 zum ursprünglichen Text, dann ist die Rede überhaupt in Schilderung übergegangen. Denn in v. 7 ist Ariel in der dritten Person genannt.
Wir kommen nun zu einer dritten Gruppe von Stücken, in denen Worte Jahwes an Jesaia berichtet werden; und weil dies ganz in der Gestalt geschieht, wie sie dem Jesaia gegeben werden, so tragen diese Stücke vollkommen die Form der Erzählung. Zu diesen Stücken gehören c. 29,13 f. und c. 30,8 ff.
Zu c. 29,13 f. bemerkt schonDuhm, dass dieser Spruch wegen der Einleitung der Herr sprach, vielleicht auf einen historischen Zusammenhang hinweise. Aber nicht nur die einleitenden Worte, sondern auch die Worte der Rede Jahwes tragen die Form der historischen Darstellung. Es heisst ja nicht: weil ihr euch nähert... sondern weil sich dies Volk nähert... drum siehe behandle ich es wunderbar. Der Angeredete ist der Erzähler.
In c. 30,8 bezieht sich nun auch der Inhalt der Rede Jahwes auf Jesaia, Jesaia erzählt hier einen Befehl Jahwes, den er erhalten hat, mit den Worten Jahwes wieder; dasist also auch keine Rede Jesaias, sondern historische Darstellung einer Rede Jahwes an Jesaia. Wahrscheinlich gehören die mit כי angeschlossenen Worte v. 9–11 noch mit zur Rede Jahwes als Begründung des Befehls. Jahwe wird zwar in v. 9 und 11 in dritter Person erwähnt; aber es hat nichts Befremdliches, wenn Jahwe von sich in dritter Person redet. Ueber die weitere Fortsetzung v. 12 ff. ist schon oben die Rede gewesen.
Nun bleiben noch zwei Stücke übrig, die jedes für sich behandelt werden müssen: c. 30,6 f. und c. 28,7 ff. c. 30,6 f. enthält überhaupt keine Rede, sondern reine Erzählung. Es steht zwar jetzt: Orakel „Wüsten des Südlandes“ darüber; aber auch diese geheimnisvolle Ueberschrift kann natürlich für uns nicht die Erzählung in eine Rede verwandeln. „Im Land der Enge und Angst.... führen sie auf... Eseln ..... ihre Schätze zum Volk, das nicht nützt.....“ Dieser einfache Satz ist durch einiges poëtische Beiwerk erläutert und erweitert. Das ist das geheimnisvolle Orakel. Das Land der Angst ist die Wüste, die Schätze sind der Tribut für die versprochene Hülfe, das Volk, das nicht nützt, ist Aegypten. Es liegt derber Spott in dieser Schilderung Jesaias.
c. 28,7–13 ist weder blos Erzählung noch blos Rede, sondern es ist Erzählung, direkte und indirekte Rede zusammen, kurz, es ist die lebendige historische Darstellung einer gewaltigen im Tempelvorhof vorgefallenen Scene. Die Einleitung erzählt oder vielmehr hat erzählt die Situation; denn wie wir oben gesehen haben, ist sie jetzt wahrscheinlich von einem späteren Bearbeiter stark modifiziert. In v. 9 f. folgt dann in direkter Rede die Wiedergabe der Anrede oder besser der Hohnrede der trunkenen Priester und Propheten. Sie reden nicht Jesaia, sondern sich gegenseitig an, da sie von Jesaia in der dritten Person reden. Und darauf folgt — nicht eine Anrede an, sondern ein Urteil Jesaias über die Trunkenen und ihre Rede; denn von den Trunkenen ist im Folgenden in der dritten Person geredet. Wenn wir fragen wollen, an wen Jesaia sich dieses Urteilüber die Trunkenen und ihre Rede gerichtet dachte, so werden wir wohl antworten müssen, dass er dabei nicht jene Spötter, sondern die Leser seines Buches im Auge hatte. Dass Jesaia nicht eine ähnliche Drohrede jenen Spöttern ins Gesicht geschleudert habe, soll damit wieder nicht gesagt sein; die hier so drastisch und lebendig dargestellte Szene hat Jesaia gewiss selbst erlebt. Aber die Form der Wiedergabe seiner Entgegnung ist doch nun einmal nicht Rede — dann müsste die zweite Person stehen —, sondern urteilende Darstellung.
Der Überblick über die Form der in Frage stehenden jesajanischen Stücke hat uns gezeigt, dass dieselben nur zum kleinsten Teil wörtlich wiedergegebene Reden enthalten, dass die Aufzeichnung auch vieler Reden in indirekt referierender Form gehalten ist, und dass, was für unsere Frage die Hauptsache ist, sich sogar mehrere Stücke in rein historischer Darstellung finden. Um die letzteren noch einmal aufzuzählen, so sind dies c. 28,7–13. c. 29,13 f. c. 30,6 f. c. 30,8–11.
Dieser bisher immer übersehene Thatbestand ist natürlich ein sehr entscheidendes äusseres Moment für die Richtigkeit unserer Vermutung, dass die zusammenhängenden jesajanischen Stücke unseres Buches ursprünglich einem grösseren historischen Zusammenhange angehört haben. Denn bei dieser Annahme erklärt es sich allein, dass sich in den uns erhaltenen jesajanischen Stücken unseres Buches bald die Form der direkten, bald der indirekten Rede findet, und dass sogar einige Stücke die Form der reinen Erzählung tragen, während sich dieser Wechsel der Form bei der bisher üblichen Vorstellung der Entstehung jesajanischer Stücke doch durchaus nicht verstehen lässt. Wie sollte Jesaia dazu gekommen sein, solche zum Teil abgerissenen und unvollständigen Stücke von Reden, Erzählungen und Szenen aufgeschrieben und später zusammengestellt zu haben!
Auf einen grösseren ursprünglich historischen Zusammenhang weisen nun auch zweitens die oben besprochenen Eingänge einzelner Stücke hin, die jetzt zum Teil völlig Unzusammengehöriges eng mit einander verbinden. Es sind die Eingänge c. 28,7. 28,14. 29,13. 30,8. und in weiterem Sinne noch c. 31,4.
Am deutlichsten ist das bei c. 29,13. Die Worte ויאמר יהוה können, wie wir gesehen haben, nicht v. 13 mit v. 10 verbinden. Es muss also vor v. 13 etwas ausgefallen sein, woran die Worte ויאמר יהוה ursprünglich angeknüpft haben. Dann weist aber das Stück, das selber erzählende Form trägt, gerade auch mit seiner der Erzählungsform entnommenen Einleitungsformel unabweislich auf einen historischen Zusammenhang hin. Der Inhalt lässt sich natürlich nicht mehr bestimmen, muss aber mit der angeführten Rede Jahwes irgendwie in Beziehung gestanden haben.
Über den Eingang in c. 28,7 ist oben schon näher die Rede gewesen. c. 28,9 ff. fordern eine Einleitung, die die Situation beschreibt. Wären die Worte in c. 28,7 אלה נגם jesajanisch, dann würden sie, wieHackmannmeint, allerdings auf eine ähnliche historische Beschreibung der trunkenen Ephraims zurückweisen. Aber die Ursprünglichkeit des überlieferten Textes in v. 7 f. ist nicht sehr wahrscheinlich. Andererseits weist aber gerade auch der überlieferte Text darauf hin, dass vor v. 9 eine ähnliche und jedenfalls umfassendere historische Einleitung gestanden haben muss; denn der Bearbeiter kann die jetzige nicht aus der Luft gegriffen haben, zumal im Folgenden von der Trunkenheit der Priester nicht mehr die Rede ist, und dann liegt es auch durchaus, wie wir noch sehen werden, der Art des Bearbeiters unserer Stücke fern, derartige geschichtliche Einleitungen zu bilden; er hat sie im Gegenteil, überall, wo es möglich war, entfernt und nur die Reden in seine Sammlung aufgenommen.
In c. 28,14 bereitet das לכן, wie wir gesehen haben, den Auslegern grosse Schwierigkeiten. Dasselbe setzt voraus, dass der Grund der folgenden Drohrede im Vorhergehendenangegeben war. Nun ist derselbe aber in v. 7–13 nicht angegeben. Also muss vor v. 14 etwas ausgefallen sein, was den Grund der folgenden Drohung enthalten hat. Das kann aber nicht etwa der Anfang der Rede selbst gewesen sein. Denn in der v. 14 ff. angeführten Rede ist der Grund der Drohung in v. 15 voll und ausreichend angegeben vgl. v. 17 f. Dieser Umstand fordert vielmehr nothwendig die Annahme, dass der Grund der Drohrede vorher in geschichtlichem Bericht gegeben war. Man könnte höchstens noch annehmen, dass das לכן v. 14 überhaupt nicht ursprünglich zu dem jesajanischen Stücke gehört habe, sondern vom Bearbeiter hinzugesetzt sei, um v. 14 ff. mit dem Vorhergehenden zu verbinden. Aber einmal hat der Sammler auch sonst in unserem Buche jesajanische Stücke ohne besondere Verbindung nebeneinander gestellt, und es wäre kein rechter Grund ersichtlich, warum er grade dieses durch ein nachträglich hinzugefügtes לכן mit dem vorhergehenden verbunden haben sollte; sodann aber setzt auch die Art und Weise, in der v. 15 der Grund der Drohung angegeben wird, eine Rückbeziehung auf konkrete geschichtliche Verhältnisse voraus, die ohne vorhergegangene Erläuterung dunkel bliebe und darum auch für uns thatsächlich dunkel ist. Hier kommen wir mitHackmannüberein, der in seiner oben angeführten Ausführung sagt, v. 15 rede in Anspielungen auf ein Faktum, über welches ursprünglich vielleicht einige Worte verloren waren. Wir meinen, dass das לכן in v. 14 noch deutlich diesen Ausfall erkennen lässt.
In c. 30,8 ist es nicht die Form, sondern der Inhalt des Verses selbst, der auf geschichtliche Beziehungen zurückweist, deren Angabe einmal vor ihm gestanden haben muss. Sowohl der Zeitpunkt des עתה, als auch der Inhalt dessen, was Jesaia aufschreiben soll, muss einmal irgendwie vor v. 8 erzählt gewesen sein. Denn jetzt steht der Vers völlig in der Luft und die Suffixe in den Verben haben keine Beziehung auf etwas Vorhergehendes, die sie doch notwendig fordern.
In c. 31,4 endlich kann sich der Eingang: כי כה אמר יהוה אלי zur Not als Fortsetzung an v. 3 anschliessen. Wahrscheinlich ist dies indessen nicht. Denn einmal hat das Stück v. 1–3 in den Worten:
וכשל עוזר ונפל עזר
einen gewaltigen und völlig genügenden Abschluss erreicht; und zweitens passt der Inhalt von v. 4 nicht genau zu 1–3. Denn v. 1–3 stellen Ägypten in den Vordergrund, während v. 4 von der Belagerung Jerusalems handelt. Ist aber v. 4 von v. 1–3 zu trennen, dann verlangen die Worte: כי כה אמר יהוה אלי eine Ergänzung, die jetzt ausgefallen ist. Die Annahme wird dadurch noch wahrscheinlicher, dass das letzte Sätzchen in v. 3 mit seinem יחדו und יכליון jedenfalls mitDuhmfür einen vom Sammler hinzugesetzten Abschluss zu halten ist.
Die besprochenen Eingänge in c. 28,7. 28,14. 29,13. 30,8. und 31,4 machen also wahrscheinlich, dass den durch sie eingeleiteten Stücken andere, und zwar zum Teil sicher in geschichtlicher Form, einst vorangegangen sind. Dasselbe ist natürlich auch bei den übrigen, nicht besprochenen Stücken, nicht ausgeschlossen; es finden sich in denselben nur keine Anzeichen mehr vor, die noch mit einiger Deutlichkeit darauf hinweisen.
Diese Untersuchungen bestätigen die VermutungHackmanns, dass unsere Stücke ursprünglich in geschichtlicher Umrahmung gestanden haben. Die inneren Gründe, die er als Stützen seiner Vermutung anführt, lassen sich freilich nicht so beweisen, dienen aber dem geführten Beweise zur Bestätigung. Denn dass wirklich manche Einzelheiten in unseren Stücken wie eine Bezugnahme auf eine nebenhergehende Erzählung erscheinen, wird jeder zugeben, der die Stücke mit Aufmerksamkeit liest. Ueber c. 28,15 ist vorhin schon die Rede gewesen. Aehnliches wird man von den auch inhaltlich ähnlichen Versen c. 30,15 f. sagen dürfen. Doch c. 30,6 kann nicht mit angeführt werden, da v. 6 f. nicht Rede, sondern Erzählung enthalten. Ebenso ist es mitc. 28,9 f., das nachHackmanneine Unterbrechung der Rede Jesaias durch Einwürfe der Trunkenen voraussetzt. Denn die v. 9 f. vorausgehenden Verse 6 und 7 sind nicht Bestandteile einer Rede Jesaias, sondern bilden die geschichtliche Einleitung zu der v. 9 ff. dargestellten Szene.
Doch wir bedürfen auch keiner weiteren Beweise mehr für die Richtigkeit der aufgestellten Hypothese, dass die zusammengehörigen jesajanischen Stücke unseres Buches ursprünglich einem grösseren geschichtlichen Zusammenhange angehört haben. Wir haben folgende Thatsachen festgestellt: