III.
Wir haben nun im Vorstehenden auch für die nichtjesajanischen Partieen unseres Buches eine Scheidung und Zeitansetzung der untereinander zusammengehörigen Stücke zu geben versucht. Es erübrigt noch, dass wir aus den gewonnenen Resultaten einen Ueberblick über den Zweck und die Anlage unseres Buches gewinnen. Das wird am besten durch eine kurze, zusammenfassende Darstellung der Entstehungsgeschichte unseres Buches geschehen.[29]
Als im Jahre 705 v. Chr. der gewaltige König Sargon von Assur ermordet worden war, und der Babylonier Merodachbaladan den Regierungswechsel zu einem Aufstande benutzt hatte, schien vielen Vasallenstaaten des grossen Assyrerreiches der Augenblick gekommen zu sein, das verhasste Joch abzuschütteln. Auch in Juda regten sich Abfallsgelüste. Allein freilich konnte mans nicht wagen; es galt, sich mit Ägypten zu verbinden. Die ägyptenfreundliche Partei gewann die Oberhand; ein Freiheitstaumel patriotischer Begeisterung erfasste alle. Nur ein Mann blieb ruhig, der Prophet Jesaia; im Namen seines Gottes forderte er das Aufgeben dieser Pläne. Nicht auf Menschen, auf Jahwe solle man sich verlassen. „Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht.“ Er schleuderte seine Drohungen hinein in das Volk; er trat in dem Tempelvorhofe den trunkenen Priestern entgegen; er verkündete den Leitern und Machthabern des Volkes den Untergang. Es half nichts. Der Aufstand im Bunde mit Ägypten wurde Thatsache. Heimlich vor dem gewaltigen Manne verwirklichte man seine Pläne. Als Jesaia davon erfuhr, hat er wohl noch einmal in gewaltiger Drohrede das Strafgericht Jahwes verkündet.[30]Aber dann zog er sich zurück: „Jetzt geh’ hinein und schreib es nieder, und auf ein Buch zeichne es, dass es sei für einen spätern Tag, zum Zeugen für immer!“ c. 30,8.
Dieser Befehl Jahwes, den Jesaia erhielt, war der Antrieb zur Aufzeichnung des Buches, das unserm Buche Jesaia c. 28–33 zu Grunde liegt. Nicht aus eigenem Antriebe hat Jesaia geschrieben; er führt seine schriftstellerische Thätigkeit selbst auf einen besonderen Befehl Jahwes zurück. Auch nicht aus blossem schriftstellerischen oder rein historischem Interesse hat Jesaia sein Buch verfasst, sondern zum Zeugnis für einen folgenden Tag, um der Wahrheit willen, damit Jahwe in seinem Propheten Recht behalte.[31]Wir dürfen darum auch nicht annehmen, dass die unserm Buche zu Grunde liegende Schrift Jesaias, in welcher er sein Auftreten geschildert hat, einen allzugrossen Umfang gehabt habe; einige kurze Notizen[32]über die den Reden zu Grunde liegenden Ereignisse werden die uns jetzt erhaltenen Stücke verbunden haben, etwa in der Weise von c. 7.
Welche Schicksale dieses Buch bis zum zweiten Jahrhundert gehabt hat, ist uns unbekannt. Aus c. 30,27 ff. geht indes hervor, dass auch dieses Buch von fremden Einflüssen nicht unberührt geblieben ist. Ebenso ist möglicherweise c. 28,16 spätere Zuthat. Ob unter den fortgelassenen geschichtlichen Bestandteilen fremde Stücke waren, lässt sich natürlich nicht sagen. Der Text der jesajanischen Stücke ist teilweise sehr verdorben, zum Teil auch verloren gegangen. Ganz verstümmelt ist c. 29,1 ff., wahrscheinlichauch der Anfang des Buches; unvollständig erhalten ist wohl auch der Schluss c. 31,4. Dennoch geht aber aus der grossen chronologisch-sachlichen Ordnung unserer noch jetzt erhaltenen jesajanischen Stücke hervor, dass das ursprüngliche Buch sich ziemlich vollständig erhalten haben muss.[33]
Endlich ist aber auch dieses Buch dem Schicksale so vieler anderen älteren Schriften verfallen. Ein Apokalyptiker des zweiten Jahrhunderts besorgte eine neue Ausgabe dieses alten Buches. Er fand, dass die darin aufgezeichneten Gesichte Jesaias in seiner bedrängten Zeit sich zu erfüllen begännen. Die Not der Fremdherrschaft, unter der seine Zeit seufzte, ist die Erfüllung der von dem uralten Propheten geweissagten Gerichte Jahwes über sein Volk wegen des Abfalls, den „sie“ (nämlich die frühere Generation) begingen.[34]Er deutete die darin geweissagte Bedrängung Jerusalems auf die syrische Tyrannei.[35]Bei dieser Deutung konnte ihmfreilich die geschichtliche Umrahmung nichts helfen. Es kam ihm auch an sich nur auf die Offenbarungen, also auf die Sammlung des reinen Wortes an. So brach er denn alle wirklichen und vermeintlichen Reden aus ihrem geschichtlichen Zusammenhange heraus und verarbeitete sie zu einem neuen Buche.
In den jesajanischen „Gesichten“ (c. 29,11) war aber nur eine Seite der Endzeit hervorgehoben, nämlich das Gericht. Die andere Seite, die Erlösung und das messianische Heil, fehlte. Sie hat der Herausgeber aus seinem eigenen Schatze hinzugefügt. Das sollte kein Betrug sein und war auch keiner.
Der Verfasser schrieb seine Stücke als notwendige Erläuterungen und Ergänzungen, und zwar, wie er sicher annahm, ganz im Geiste Jesaias. Was er über das zu erwartende Heil geschrieben hat, war nicht seine Erfindung, sondern zu seiner Zeit allgemeingültiges Dogma. Ja, er hat seine Gedanken zum Teil aus einem anderen von ihm für jesajanisch gehaltenen Buche, dem Deuterojesaja, entlehnt. Wie harmlos er den jesajanischen Stücken gegenübergestanden hat, ergiebt sich z. B. daraus, dass er die Schilderung Jesaias von dem Zuge der jüdischen Gesandtschaft nach Aegypten c. 30,6 f. für ein geheimnisvolles Orakel über die Tiere des Südlandes gehalten hat.
Seine Schrift sollte eine Trostschrift sein. In der Zeit des Verfassers fing man an, an der Sicherheit des messianischen Heils irre zu werden. Da galt es, die Zeichen der Zeit zu verstehen und sie zum Trost und zur Belehrung des Volkes nach den Weissagungen der alten Propheten zu deuten. Aus diesem Zwecke erklärt sich der teils lehrhafte, teils weinerliche Ton der Schrift. „Die Gerichte, die Jesaia verkündet hat, geschehen jetzt in eurer Mitte; nur noch ein kleines Weilchen, dann folgt die grosse Umwandlung der Dinge; du Volk in Sion sollst nicht immerfort weinen; gab auch der Herr Brot der Not und Wasser der Drangsal, so wird er sich jetzt bald eurer erbarmen; wie man nichtimmerfort drischt, so wird euch der Herr auch nicht immerfort schlagen. Grade die Trübsal ist ein sicheres Zeichen des nahen Heils; dann wird „Assur“ vernichtet, ihr aber werdet gesegnet werden.“
Eine derartige Trostschrift wollte der Verfasser geben. Er that dies, indem er aus dem jesajanischen Buche alle wirklichen und vermeintlichen Reden herausbrach und sie mit seinen Erklärungen und Ergänzungen zu einem neuen Buche verarbeitete. So ist es gekommen, dass in dem neuen Buche die beiden sich ergänzenden Gedankenreihen von Gericht und Segen immer abwechselnd zu Worte kamen. Für den Zweck der Schrift konnte das nur um so wirksamer und eindringlicher sein, jemehr dadurch der eigentliche Charakter der Drohreden verwischt wurde. Dem Verfasser aber war diese Methode durch die Art der Gewinnung der jesajanischen Stücke an die Hand gegeben.
Als Einteilungsprinzip diente ihm das mehrfach in den jesajanischen Stücken vorkommende הוי. Das wird ihn wohl auch veranlasst haben, an Stelle des vielleicht verstümmelten Einganges des Buches das in formaler Beziehung ganz passende Stück c. 28,1–4 zu setzen. Denn mit einem jesajanischen Stücke wollte er doch sein Buch beginnen.[36]Als Abschluss seines ganzen Werkes dichtete er nach dem Muster von c. 9,1–6 oder c. 11,1–9 die etwas verunglückte Weissagung c. 32,1–8. Ein späterer hat dann in ähnlicher Weise c. 32,9–20 hinzugefügt. Als zweiter Nachtrag reihte sich dann noch c. 33 an. Der Verfasser hat es in seinem Anfange dem Buche c. 28 ff. nachgebildet. So erschien dann die Schrift in damaliger Weise als חסון ישעיהו, wurde als solche später in das Ganze unseres Jesajabuches aufgenommen und blieb in dieser Geltung seitdem unangefochten.
Dadurch, dass es der Kritik gelungen ist, die widerspruchsvolle Einheit auch dieser Sammlung des Jesaia-Bucheszu zerstören, hat sie der alttestamentlichen Wissenschaft einen grossen Dienst geleistet.
Zunächst ist es dadurch erst möglich geworden, ein entsprechendes Bild von der schriftstellerischen Thätigkeit jenes grossen Propheten des 8. Jahrhunderts zu gewinnen. Man hat sich nie eine rechte Anschauung davon machen können. Weder die Annahme einer vorhergehenden predigtähnlichen Ausarbeitung noch die der eigenen nachträglichen Niederschrift und redaktionellen Sammlung seiner in glühender Begeisterung gehaltenen Reden konnte befriedigen. Die Aufgabe des „Schriftstellers“ Jesaia ist gewiss kein Schaden für seine Bedeutung als Prophet. Sehr wohl erklärlich aber ist, dass Jesaia, nachdem er vergeblich durch mündliche Predigt gewirkt hat, nun auf Befehl seines Gottes davon eine kurze Darstellung giebt zum Zeugnis für einen folgenden Tag. So wird seine schriftstellerische Thätigkeit in seine prophetische mit hineingezogen.
Von weittragendster Bedeutung ist aber die richtige Erkenntnis von der Komposition von Jesaia c. 28–33 für die inhaltliche Beurteilung seiner Prophetie. Gehören ihm nämlich in jenen Kapiteln nur die Drohreden an, hat demnach Jesaia grade in den Jahren 705 ff. den Untergang Jerusalems verkündet, so darf wahrlich seine Bedeutung für die Folgezeit nicht mehr darin gesehen werden, dass er die Unverletzlichkeit Jerusalems als der Gottesstadt festgehalten habe. Ja, es wird dann überhaupt der Meinung, die in ihm noch gern den Propheten „einer beglückenden Fernsicht und milden Tröstung“ sieht, immer mehr der Boden entzogen. „Ihn darf man nicht den Propheten der Hoffnung, wohl aber mehr als alle andern den Propheten desGlaubensnennen“ (Hackmann).
Endlich lässt uns auch die Erkenntnis der Komposition unseres Buches einen lehrreichen Einblick in die Arbeit und Anschauungen des späteren Judentums thun. Denn wir haben es bei diesem Buche nicht mit blosser Ueberarbeitung oder mit Einschaltungen zu thun, sondern mit völliger Umgestaltung einer altprophetischen Schrift; und es dürfte im ganzen Kanon kaum eine Schrift geben, bei der, wie an unserer, der Zweck und die Art der Umgestaltung deutlich zu erkennen wäre.
Duhmist der erste gewesen, der dem Buche c. 28–33 den falschen Schein der Einheitlichkeit genommen hat;Hackmannhat die Scheidung von jesajanischem und nichtjesajanischem Materiale auf die richtigen Prinzipien zurückgeführt. Der Zweck dieser Abhandlung ist es gewesen, durch eingehende Darlegung der Komposition des Buches die Richtigkeit der vonHackmannaufgestellten Prinzipien zu begründen und dadurch der vonDuhmeröffneten Anschauung von der Gestaltung dieses Buches weiter Bahn zu brechen. Sie will an ihrem Teile einen kleinen Beitrag liefern zur Lösung des grossen Problems, das die Erkenntnis von der Beschaffenheit des Jesaia-Buches der neueren alttestamentlichen Forschung gestellt hat.