»Lieber, guter, einziger Mann!Wie gern möchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fügt, bin ich wieder bei Dir.Mit tausend innigen KüssenDeine arme Else.«Wilms griff nach dem Bilde.Auf einem Polsterstuhl saß die Kranke, das schmale Gesicht mit den großen Augen ein wenig vornübergeneigt. Neben ihr Hedwig, schlank aufgerichtet, der vollendete Wuchs zum Greifen deutlich, als wenn Gesundheit und Verfall gegen einander kontrastieren sollten.Der Pächter schauerte, als er es sah.Auf dem Antlitz des Mädchens ruhte ein so sicherer, triumphierender Schein.Freut sie sich, daß sie leben wird, und die Schwester dem Tode zuwankt? dachte Wilms erschüttert.In der Kammer war nicht geheizt. Ein Frösteln durchlief den Einsamen vom Kopf bis zu den Füßen. Mit Abscheu, als ob die Photographie Hedwig allein darstelle, warf er das Bild von sich auf den Tisch und suchte müde und zerbrochen sein Lager auf.Bald erlosch das Licht.III.Am frühen Morgen, als Wilms aufstand, hörte er, wie seine Schwägerin den Mägden im Hausflur schon etwas auftrug.Er sah auf die Uhr. Es war erst sechs. Und noch stockfinster.Das lockte ihm den Seufzer ab: »Ach, wenn Else das doch auch vermöchte.«Eine Viertelstunde später, er hatte sich kaum völlig angekleidet, brachte ihm Dörthe Kaffee und Frühstück. Der Landmann erstaunte.»Soll ich denn hier oben frühstücken?« fragte er.»Ja, Herr, das Fräulein hat schon unten getrunken.«»Na, wie sie will. Es is gut.«Die Obermagd ging.Wilms saß eine Weile allein und wunderte sich, mit welcher Willenskraft Hedwig ihre neue Aufgabe gleich erfaßte.Dann fuhr er sich mit der groben Hand unwillig über die Stirn.Immerfort zwang ihn das Mädchen, sich mit ihr zu beschäftigen. Aber er wollte ihr an Regsamkeit nicht nachstehen. Er hatte ja einige wichtige Geschäfte in der Nähe abzuwickeln, und deshalb wollte er fortreiten, damit er erst gegen Mittag wieder zurückzukehren brauchte.»Möglichst wenig mit ihr zusammen sein,« dachte er.Mit diesem Entschluß trat er an das kleine Kammerfenster und sah auf den schneebedeckten Hof herunter.In einem steinernen Seitengebäude hörte er viele weibliche Stimmen durcheinander sprechen, lachen und plaudern. Es war die Molkerei, die solange auf Hedwig geharrt hatte.»Sollte sie schon unten sein?« dachte er verwundert.Als er etwas später über den Hof schritt, um sich im Stall sein Pferd zu satteln, machte er den Umweg am Seitenhaus vorbei und warf einen raschen Blick in den von einer Lampe erleuchteten, ziegelsteingepflasterten Raum.Richtig – umgeben von ihren Mägden sah er Hedwig vor einem großen Fasse stehen und mit ihren jugendlichen Kräften den großen Klüngel heben undwieder herunterstampfen. Beifällig murmelten die Mägde und versuchten, es ihr an zwei anderen Fässern nachzuahmen.Sie hatte sich von Dörthe eine gewöhnliche Arbeitsbluse geborgt, an der die Ärmel fehlten, und nun sah der Pächter, wie ihre vollen Arme vor Anstrengung sich röteten. Ihr Atem umdampfte sie in der kalten Küche wie eine Wolke.Dem Lauscher fiel wieder jener Abend ein, als er sie allein in ihrer Kammer getroffen, und augenblicklich war seine Freude an dem arbeitsfrohen Bild wie fortgescheucht.Widerwillig murmelte er etwas vor sich hin, schlug dann mit Geräusch die Stalltür auf und ritt nach einiger Zeit grußlos vom Hof herunter. Als er sich auf der Landstraße noch einmal umwandte, glaubte er Hedwig unter der Tür des Seitenhauses zu erkennen, die ihm nachblickte.***»Was ißt der Herr gerne?« befragte Hedwig die Obermagd, ehe sie die Molkerei verließ.Dörthe sann nach. Dann gab sie Kartoffelsuppe an. »Und der Herr hat gestern selbst einen Hasen geschossen. Der hängt noch.«Hedwig war zufrieden. Sie wollte selbst alles zubereiten. Der taube Krischan wurde ins Dorf nach allerlei Zutaten zum Krämer geschickt.Er hinkte unlustig vom Hof herunter.Bewundernd lugten die Obermagd und ihre Untergebenen dem Mädchen nach, als sie eilig dem Hause zuschritt.»Die versteht’s,« urteilte Dörthe, »schade, daß die Frau nich auch so is.«Den ganzen Vormittag über revidierte Hedwig das Haus vom Keller bis unter das Dach. Mit Elsens Schlüsseln öffnete sie alle Schränke, zählte nach und legte zurecht, als ob alles ihr gehöre. Ihre Wangen röteten sich dabei vor Vergnügen. Sie erschien sich wie eine Hausfrau, die für Mann und Heim zu sorgen hat.Dann waltete sie in der Küche. Zuletzt gab sie Dörthe den Auftrag, eine kleine Tanne schlagen zu lassen.»Ja, aber Fräulen,« meinte die Magd bedenklich, »der Herr will aber keine.«»Warum denn nicht?«»Er sagte, weil er so allein is. – Und – dann – unsre Frau fehlt auch.«»Sagte er das?«»Ja, so ähnlich sagte er woll.«Das Mädchen sah einen Augenblick zu Boden. Dann entschied sie lächelnd: »Ich bin ja da – höre, Dörthe, es muß eine recht schöne Tanne sein. – Haben wir etwas zum Putzen?«»Ne, Fräulen, daß ich nich wüßte.«»Nun, dann machen wir es uns heute selbst. – Und für euch auch,« setzte sie hinzu. »Christian soll buntes Papier holen.«»Sie is zu nett,« sprach die Obermagd dankbar hinter ihr her.***Wilms merkte bei Tisch, daß gerade seine Lieblingsspeisen gewählt seien, und als er sich in seiner ruhigen Weise dafür bedankte, glitt ein heiteres, selbstzufriedenes Lächeln über Hedwigs schönes Gesicht.Es bereitete ihr Freude, für die Bedürfnisse eines Menschen sorgen zu dürfen, und namentlich für diesen großen, unbeholfenen Mann, dem das Schicksal schon so grausam mitgespielt hatte.Freundlich plauderten sie wieder über allerlei. Das Mädchen erzählte von ihren Erfahrungen bei der Molkerei. Wilms sagte ihr, daß er ihre Kraft undEnergie bewundere. Dann berichtete er von den Geschäften, die er vormittags betrieben.Es kam ihm ganz selbstverständlich vor, daß er dergleichen mit Hedwig bespräche. Ja, er glaubte, daß ihm noch einmal so gute Eingebungen kämen, wenn sie ihn mit ihren klugen, aufmunternden Augen dazu anblickte.Nach Tisch führte er sie in den Pferdestall. Hedwig riet ihm dringend, einige von den Tieren zu verkaufen. Es war in den nächsten Tagen gerade Pferdemarkt in Grimmen, und Wilms gestand, daß er selbst etwas Ähnliches geplant habe.Dann trennten sie sich.Als der Landmann zum Kaffee erschien, fand er ihren Platz leer. Er fragte mehrfach nach ihr, endlich erfuhr er von Dörthe, die ein geheimnisvolles Gesicht aufsetzte, daß das Fräulein beschäftigt wäre.Wilms verstand das nicht und trank mit einem merkwürdigen Gefühl seinen Kaffee allein.Er wollte sich nicht eingestehen, daß er ihre stets dienstbereite Gesellschaft vermisse.Zum Abendbrot dagegen erschien Hedwig wieder und zeigte sich so aufgeräumt und heiter wie selten. Sie erzählte allerhand lustige Geschichten und Witze und brachte Wilms oft zum Lachen.Wenn sie etwas Anzügliches vorbrachte, dann sah ihr Gesicht so reizend aus, um ihren vollen Mund zuckte dann oft ein so feiner, liebenswürdig-frecher Zug, daß ihr Gegenüber unwillkürlich mitlachen mußte.Und so fremd dem Landmann zuerst dies alles war, so stark fühlte er sich bald davon angemutet. Auch er besaß eine Art derben, tiefen Humors, und es dauerte nicht lange, so ging der Pächter gemütlich auf ihre Scherze ein.Gelassen nickte er, wenn sie ihn mit seiner groben Unbehilflichkeit neckte.Nur als er seine große Pfeife in Brand setzte und ein paar mächtige Dampfstöße herausjagte, verzog sie die Brauen.Wilms hörte auf. »Stört es dich?« fragte er bedauernd.Ungern hätte er auf dieses Vergnügen verzichtet. »Sollte sie etwa dieselbe Abneigung dagegen empfinden wie meine arme Else?« dachte er ein wenig verstimmt. Allein Hedwig zog ihr parfümiertes Taschentuch hervor und während sie sich Luft zufächelte, äußerte sie leichthin: »Bis morgen darfst du so rauchen, lieber Wilms, aber länger nicht.«»Bis morgen?« dachte Wilms verwundert.Er verstand sie wieder nicht.Ferne, langhinhallende Töne mischten sich in ihr Gespräch. Von der Kirche des Hauptgutes, die fast eine Viertelstunde entfernt lag, begannen wiederum die Glocken zu läuten, zum letztenmal vor dem Fest.Wie ein feiner, verträumter Silberton zog es durch die Luft. Hedwig erhob sich. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang fort.Draußen weißer, blinkender Schnee, die graue Luft ganz erfüllt von großen Flocken, die langsam und schwer herabfielen. Wie erstarrt schienen die weichen Daunen manchmal im leeren Raum festhalten zu wollen.Als sie so in das Gestöber hineinblickte, beschlich das Mädchen eine stille Wehmut: »Morgen ist Weihnachten,« sagte sie leise. Nichts regte sich hinter ihr. Keine Antwort wurde laut. Langsam wendete sie sich zurück.Am Tisch saß Wilms, den schweren Kopf auf die Hand gestützt, und betrachtete das kleine Goldherz, das er vor kurzem gekauft. Eine Träne war auf das Gold gerollt, gerade auf seinen Namen, der dort eingraviert stand.Jetzt sah er auf:»In acht Tagen ist sie wieder bei uns,« sagte erweich, als ob er seine schwere Empfindung zurückdrängen wollte.»Else?« fragte das Mädchen rasch.»Ja. – Komm, Hedwig – ich will ihr dieses Herz zum Fest schicken. Wir wollen es einpacken.«Das Mädchen richtete sich auf. Langsam schritt sie zum Tisch, langsam wog sie das kleine Herz in der Hand. Erst als sie den eingeprägten Namen bemerkte, blickte sie ihrem Schwager, der sich ebenfalls erhoben hatte, fest und nachdenklich in die gutmütigen Augen.»Sie wird sich freuen,« sagte sie schwer und nachdrücklich.Das Kästchen wurde verschnürt, Wilms schrieb die Adresse, Hedwig trug ihm Licht und Siegellack hinzu. Er drückte das Petschaft darauf.Mit seltsam starren Blicken verfolgte sie sein Tun. Ein Atom von dem flüssigen Siegellack fiel auf ihre Hand und lag auf der weißen Fläche, wie ein runder Blutstropfen.»O« – rief Wilms erschreckt, »ich habe dir weh getan.«»Mir?«Sie hatte kaum etwas gemerkt.»Es brennt nicht mehr,« beruhigte sie den Landmann abwehrend.Gleich darauf nickte sie ihm freundlich zu und ging zur Tür. – Dabei sah sie wohl nicht, daß er ihr die Hand entgegengestreckt hatte, wie er es immer tat, wenn er ihr »Gute Nacht« bot.Die Tür schloß sich, bevor sie seinen Wunsch vernehmen konnte. Befremdet blickte ihr der Pächter nach. Dann ging er noch lange in dem großen Zimmer auf und nieder, bis er endlich unter das Fenster trat, genau dort, wo Hedwig vorhin gestanden hatte.Und ebenso, wie sie, spähte er in das lautlose Schneetreiben hinein, er drückte die Stirn an das eisige Glas und regte sich nicht. Dachte er an sein fernes Weib?Er stellte sich vor, wie sie sich das goldene Herzchen um den weißen abgemagerten Hals schlingen würde, aber während er sich es ausmalte, wurde draußen das Getriebe immer stürmischer, die Flocken wirbelten und balgten sich immer toller – das verwirrte seine Gedanken.»Was wohl Hedwig sagen würde,« raunte etwas in ihm, »wenn ich ihr morgen das dünne Kettchen um den Nacken legen würde?« Er wollte den Gedanken abschütteln, aber im Geist beugte er sich undküßte sie auf diesen weißen, blühenden Nacken. Und immer heißer und toller braute seine Phantasie. »Ob sie dann wohl die Arme um ihn schlingen und ihren roten Mund zu ihm erheben würde, wie ein liebendes Weib, das sich an den Mann schmiegt?«Ein irres Lächeln umspielte seine Lippen.Plötzlich fuhr er auf und brach in ein gewaltsames, schmerzliches Stöhnen aus:»Jesus Christus – nicht in Versuchung,« stammelte er, »o Gott, nicht in Versuchung.«Wie im Krampf faltete er die Hände.Und draußen klangen noch immer die Glocken, bim – bum – bim – bum, feierlich leise, wie Gesang mahnender Geister, welche die Botschaft vom Heiland auch in dies verlassene, im Schnee versunkene Gehöft trugen.IV.So war das Fest herangekommen.Schon am Nachmittag bat Hedwig den Pächter, er möchte das große Wohnzimmer verlassen. Irgend etwas Geheimnisvolles bereite sich vor.Mürrisch und verdrießlich, wie er sich sonst nie gegen das Mädchen betragen hatte, ging Wilms hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und indem er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den Vorbereitungen für den Heiligen Abend fiel Hedwig dies Benehmen nicht sonderlich auf, sie rief ihre getreue Dörthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen Türen.Unterdessen saß Wilms in seiner Kammer und schrieb an Else einen Brief. Heiß und dringend flehte er sein Weib an, zurückzukehren, sobald es ihre Gesundheit nur irgendwie gestatte. Er freue sich auf ihre Rückkehr, wie auf ein Fest. Überall fehle sie ihm. Alles erinnerte ihn an sie. Ach, wenn sie doch erst da wäre. – Ganz am Schluß erwähnte er auchHedwig. Sie führe das Hauswesen zu seiner Zufriedenheit, aber sein armes, geliebtes Weib könne sie natürlich doch nicht ersetzen. Er stockte, da er es schrieb. Das Blut sauste und summte durch alle seine Adern. »Gelogen – gelogen,« tönte es deutlich vor seinen Ohren. Hastig schloß er das Schreiben, und saß dann stundenlang in dem immer dunkler werdenden Raum.Er wußte, daß Hedwig unten einen Christbaum schmücke. Für seine Leute natürlich, suchte er sich einzureden. Jedoch gleichviel. Bald würde sie nach ihm schicken, damit er teilnehmen solle an der allgemeinen, großen Freude. »Und er sollte dann mit ihr zusammen unter den flimmernden Lichtern stehen?« grübelte er, »und dann allein sein mit dem Mädchen, während der Baum seinen kräftigen Tannengeruch verbreitete und die Flämmchen darauf hell und aufrecht in die Höhe züngelten? Würden dann nicht die aufreizenden Gedanken wiederkehren, die ihn gestern bis zum Wahnsinn gepeinigt? – Nein, nein – nur das nicht mehr. – Wie wäre es, wenn er sich still aus dem Hause schliche und den Abend wo anders zubrächte, vielleicht beim Pastor?«Wie gehetzt erhob er sich, warf seinen Mantel um und tappte leise über die dunkle Treppe nach unten.Er durchschritt den Hausflur, da öffnete sich die Tür des großen Zimmers, eine Gestalt trat heraus.Wilms fuhr zusammen und blieb unwillkürlich stehen. Die Dunkelheit verhinderte ein Erkennen.Unsicher näherte sich Hedwig dem Schweigenden.»Du willst noch ausgehen, Schwager?«»Ja.«»Jetzt?«»Ja, ich hab’ noch einen notwendigen Gang.«»Aber doch jetzt nicht,« drängte das Mädchen und faßte leicht seinen Mantel. »Ich wollte dich ja gerade holen; Wilms, du wirst uns doch am Heiligen Abend nicht allein lassen?«Der Pächter wand sich hin und her, je mehr sie ihn bat, desto qualvoller glaubte er sich gefoltert: »Mir macht das ja aber alles keine Freude, Hedwig,« brachte er hervor. »Mich peinigt das geradezu.«»O – nein, nein,« widersprach sie und ergriff seine Hand.Das verwirrte ihn immer heftiger.»Hedwig, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, wenn andere sich freuen und ich allein davon ausgeschlossen sein soll. Laß mich lieber fort, mein Kind, ich will –«Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in der seinen.»Dazu bist du ja viel zu gut,« sagte sie weich und mitleidig, wie selten ein Mensch zu dem Unglücklichen gesprochen. »Willst du mir denn auch die ganze Freude rauben?«»Dir auch?«»Ja natürlich – für dich haben wir doch den Baum geputzt.« Immer noch ruhte ihre Hand in der seinigen, jedoch mit der anderen riß sie jetzt hastig die Tür auf.Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den dunklen Flur und übergoß das eng beieinanderstehende Paar mit seiner Helle.Groß, dunkelgrün, mit weithin reichenden Zweigen stand der Tannenbaum mitten in der Stube, bunte Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast, unzählige Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die Leute des Gehöfts, Männer und Frauen, alle sonntäglich gekleidet, daß der Herr des Hauses das Fest mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum aber hatte Hedwig zwei kleine Mädchen aufgestellt, Kinder, die Hofleuten gehörten. Sie hielten rote Papierrosen in den Händen und sangen mit schwachen Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schloß:»Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den Lichterglanz hineinsah und in die erwartungsvoll-feierlichen Gesichter seiner Leute, da hielt er sich nicht länger, er legte langsam die Hand vor die Augen und weinte bitterlich.Und die Hofleute nickten einander zu und stießen sich heimlich an, als wüßten sie, was ihren Herrn bedrücke.Aber nur wenige Sekunden ließ sich Wilms so übermannen. Dann richtete er sich auf und sah auf das Mädchen, das alles nur für ihn angeordnet hatte. Das Licht flutete über ihre braunen Haare, ihre großen Augen hingen fest und fragend an den seinigen. Sie stand noch immer dicht neben ihm.»Ich dank’ dir, Hedwig,« sagte er einfach und preßte ihre Hand mit verzweiflungsvoller Glut. »So schön haben wir in Wilmshus Weihnachten noch nie gefeiert.« Er ließ sie voranschreiten und folgte ihr dann in die Stube.Freudig erregt saß der Pächter nachher in seiner Sofaecke und verfolgte Hedwig, wie sie jedem der Hofangehörigen ein kleines Geldgeschenk überreichte, das Wilms für seine Leute bestimmt hatte, und für sich selbst außerdem noch eine Aufmerksamkeit hinzufügte. Dörthe bekam eine Schürze, der alte Krischaneinen Tabaksbeutel, die beiden kleinen Mädchen küßte Hedwig und band ihnen seidene Halstücher um.Hierauf allgemeines Knixen und Handschütteln.»Ich dank’ auch, Herr – schönen Dank auch, Fräulen – ne es is auch gar zu viel – so was hätt’ ich mich nich vermutet – Herrje und was die Leinwand schön is.«Damit entfernten sich die Leute und Hedwig ging mit ihnen.Wieder saß der Pächter allein und blickte träumerisch in die ruhig brennenden Lichter hinüber.Da flog die Tür noch einmal auf: »Julklapp,« rief es und dann noch zweimal »Julklapp – Julklapp.«Drei Pakete polterten in das Zimmer, und da nur Hedwig so frisch und hell rufen konnte, so wußte der Landmann, daß die drei Geschenke für ihn bestimmt seien. Er wartete, ob Hedwig nicht wieder zurückkehren würde, aber als er allein blieb, öffnete er die Schachteln. In der ersten fand er eine Kiste feiner Zigarren, sodann eine Meerschaumspitze, in der letzten endlich einen ledernen Bilderrahmen, auf dem mit Seide ein Kranz blauer Veilchen gestickt war. Ein Zettel war mit einer Stecknadel daran befestigt, darauf stand »von Else«.War es möglich?Behutsam nahm der Landmann den Rahmen in die Hand. Und diesen wundervollen leuchtenden Kranz sollte sein armes Weib mit ihren zitternden Fingern hergestellt haben? Ein Zweifel beschlich ihn.Aber wer sonst?Hinter ihm näherte sich etwas, ein leises Knistern wurde hörbar, Wilms kehrte sich um und sah in das liebenswürdige Gesicht Hedwigs.Er hob die Stickerei in die Höhe und fragte erregt: »Wirklich von Else?«Ein Schatten flog über die Stirn des Mädchens, aber sie bejahte. Allein den Ungläubigen überzeugte sie nicht.»Hedwig – ich glaub’s nicht – Else hat ja so feine Arbeit gar nicht gelernt – nicht wahr – du – von dir?«Wieder schüttelte sie leise das Haupt.»So sag’s doch,« rief er dringend.Endlich gab sie es zu: »Nun ja, es ist von mir,« gestand sie, »Else wollte dir gern etwas Derartiges anfertigen, aber sie vermochte es noch nicht. Da habe ich es übernommen.«»Also auch von dir?« murmelte der Pächter mit zitternder Stimme. Eine Weile stand er in Gedankenversunken unter dem leuchtenden Baum; ohne ein Wort des Dankes zu sprechen. »Und ich,« überlegte er bei sich, »ich habe gar nicht daran gedacht, diesem lieben, reizenden Geschöpf eine kleine Freude zu bereiten. Mit leeren Händen steh’ ich vor ihr, als gehörte sie gar nicht in mein Haus! Während sie –«Es überlief ihn heiß und kalt. Vor Beschämung wagte er gar nicht die Augen zu erheben. Langsam und beklommen drängte es sich über seine Lippen.»Und die Zigarren und die Spitze, Hedwig, von wem sind die?«Aus ihren Augen sprühte ein spitzbübischer Funke, um ihren Mund flog ein schelmischer Zug. – Die seltsame Unbehilflichkeit des Mannes ergötzte sie.»Von wem sie sind? – Wer weiß?«Sie zuckte die Achseln, aber als sein verstörtes Antlitz sie darüber belehrte, daß er sich härmte und litt, tat es ihr leid, diese verschlossene Natur, deren tiefes Gemüt sie immer stärker und gewaltiger anzog, verletzt zu haben.Die Lichter brannten noch immer, es war so gemütlich im Zimmer, tiefe Stille umgab die beiden.Wilms fuhr auf. Er hatte in seinem Hinbrüten nicht bemerkt, wie das schöne Mädchen, nachdem sielange auf ein Dankeswort geharrt, sich enttäuscht abgewendet und an das Klavier gesetzt hatte.Sie spielte jetzt. Ganz leise klang unter ihren Fingern ein altes Kinderlied, das sie variierte und umbildete.»Schlaf, Kindchen, schlaf.«Der Bauer horchte hoch auf. Wie weich das tönte, wie wenn eine Mutter ihr unruhiges Kind einwiegt. Ja, und dasselbe hatte ja auch seine Mutter ihm vorgesungen. Eine arme Fischersfrau in der Katenhütte am Strand. Ach er sehnte sich so nach Ruhe, sein Herz war müde und wollte schlafen, so traumlos wie damals in Mutters Schoß.Hedwig spielte immer ernster und gewaltiger. Alle Saiten brausten, wie ein Choral tönte es jetzt, das alte Lied.Der Pächter schauerte, unwillkürlich fiel sein Blick auf einen einfachen Silberring, den er seiner sterbenden Mutter vom Finger gezogen und seitdem an der Uhrkette trug. Verstohlen küßte er den Reif und trat hinter Hedwigs Stuhl.Und das Brausen und Donnern löste sich, der gewaltige Orgelton verlor sich in der Ferne, wie ein süßer, gestammelter Kindergruß klang es aus.Noch spielte sie die letzten ersterbenden Töne, dafühlte sie, wie Wilms seine Hand auf ihr Haupt legte und leise ihr Haar streichelte. – Sachte, sachte, eine scheue, zaghafte Liebkosung.Sofort brach das Spiel ab, aber sie hob die langen Wimpern nicht auf.Noch einmal fuhr er ihr leicht über die Flechten, dann – ihr stockte das Herz – dann fühlte sie, wie er ihre Hand ergriff und sanft einen silbernen Ring an ihren Finger schob.»Da, Heting,« sprach er weich, »du hast so schön gespielt – ich schenk’ ihn dir – er is von meiner Mutter.«Sie zuckte krampfhaft zusammen, blickte mit ihren braunen, ernsten Augen zu ihm empor und wollte etwas erwidern, aber die Zunge war ihr wie gelähmt. Nur eine düsterrote Glut stieg ihr langsam über Hals und Wangen.Da wurde plötzlich seine Hand, die noch liebkosend auf ihren Haaren ruhte, drückend und schwer, als ob sie sich in Eisen verwandele.Hedwig hätte aufschreien mögen, so schmerzte es sie.»Was ist dir, Schwager?«Oh, es bedeutete nur eine Kleinigkeit, fast gar nichts; es war nur unheimlich, die hervorquillenden Augen zu sehen, die unverwandt auf das Bett starrten. Ganzzufällig war der Blick des Pächters über das reinlich zugedeckte Lager geglitten und da, – da wurde eben seine Hand so schwer, als würde sie Eisen.In dem Bett lag Else, schattenhaft, abgemagert, blaß und streckte die Arme nach dem Manne aus, der ihre Schwester streichelte.»Wilms,« rief Hedwig entsetzt und sprang auf. Ihre kräftige Stimme verscheuchte den Spuk.»Ja, ja – Hedwig – willst du etwas?«»Um Gottes willen, Schwager – was ist dir? – fühlst du dich krank?«»Nein – ich? bewahre – mir war nur so – seltsam. – Ich glaubte – es ist lächerlich – mir kam es vor, als läge Else mit einemmal dort drüben in ihrem Bett,« murmelte er einfach, und doch mit hervorbrechendem inneren Entsetzen.»Else?« stammelte das Mädchen.Beide starrten sich an, beide versuchten ein Lächeln zu erzwingen, aber die Furcht schüttelte sie, wie wenn ein kaltes, graues Gespenst zwischen ihnen stände.Das war das erstemal, daß es sie auseinander trieb.Der Landmann faßte sich zuerst. »Wollen ein Ende für heute machen,« ermannte er sich kurz – »es ist schon spät – gute Nacht, mein Kind.«Sie reichten sich wie immer die Hände. Die Finger des Mädchens waren eiskalt. Dann trat Wilms an den Baum und löschte die Lichter aus.Es wurde immer dunkler und dunkler, gleichgültig sah Hedwig zu, wie ein Flämmchen nach dem anderen unter seinen Fingern erstarb, zuletzt brannten nur noch die Kerzen zu beiden Seiten des Instrumentes.»Gute Nacht,« murmelte Wilms noch einmal, dann hatte er das Zimmer hastig verlassen.Hedwig war es, als müßte sie ihm nacheilen, sich in seine Arme werfen und Schutz suchen, Hilfe gegen die Traumgestalt dort in dem Bette, das auch sie jetzt aufnehmen sollte.Wenn sie das Phantom dann ebenfalls bemerkte, wenn es neben ihr läge und sie mit dürren, weißen Armen umfing, um sie zu würgen!»Warum?«»Weil du denselben Mann begehrst, der mir gehört – mir.«Einen leisen Angstschrei stieß Hedwig aus.»Gib mir den Ring,« klagte es neben ihr weiter. »Er gebührt dir nicht!«»Licht – Licht.«Mit zitternden Händen entzündete Hedwig die große Stehlampe und blickte sich um. Rings lagalles friedlich und still, alles in den traulichen Schein der Lampe getaucht. Jetzt lächelte Hedwig und setzte sich an den Tisch, aber es war ein müdes, herzzerreißendes Lächeln, und als das Mädchen den Reif an ihrem Finger fühlte, war es ihr, als ob er sie stäche.»Weißes Silber bedeutet Tränen, sagen die Leute,« dachte sie.Ermattet schritt sie wieder zum Klavier und ließ noch einmal die Finger über die Tasten eilen. Leise drangen die Töne durch das Haus, und Wilms, der oben in seinem Bett den Kopf gegen die Wand preßte und den Schlummer herbeiflehte – ihn umschmeichelte plötzlich die liebe, alte Melodie, das Lied, mit dem ihn seine Mutter schon eingesungen hatte:»Schlaf, Kindchen, schlaf.«Aber es hatte seine Zauberwirkung verloren. Er fand keine Ruhe mehr, sondern dachte unausgesetzt an das wunderbare, schöne Weib, dem er den Silberring geschenkt.So endete der Weihnachtsabend in Wilmshus.V.»Komm, Hedwig – willst du nicht mit in die Kirche?« fragte am nächsten Morgen der Pächter, indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig vor dem Fenster saß und las.Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt und blaß aus, und auch der Pächter mißfiel ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die Tracht ließ ihn altfränkisch, kleinbürgerlich erscheinen. – Früher, in dem Pensionat würde Hedwig über eine solche Figur gelacht haben.Was war nur aus ihr geworden?»Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht in die Kirche begleiten?« wiederholte der Landmann dringender. Ihm erschien der Kirchgang am ersten Feiertag als selbstverständlich.Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr gestern geschenkt, und lehnte dann seine Aufforderung mit kurzen Worten ab.»Du willst nicht?« stotterte Wilms, als wenn er es nicht glauben könne.Das Mädchen tippte auf ihr Buch und schüttelte den Kopf. »Geh nur allein, Schwager. In der Kirche ist es mir zu voll. Die vielen Leute stören mich dort.«»Stören dich?«»Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen, weißt du, der Gott, an den ich glaube, der kümmert sich um das Singen gar nicht.«Verständnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie der Pächter an. Eine tiefe Trauer zog allmählich über sein ehrliches Gesicht. – Sie war so schön, wenn sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und erwiderte kleinlaut:»Ich hab’ dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht – – ich wußte ja nicht, daß du – daß du so gesonnen bist – – und also –« er drehte das kleine Buch hin und her, »du begleitest mich also nicht?«Es sprach soviel schwermütige Bitte daraus, daß Hedwigs Herz unwillkürlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altväterlichen Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um.Ihre heftig brennende Neigung kam ihr plötzlich wie ein Traum vor. Nach Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend etwas, was sie noch nicht kannte, – und nun dieser schwarzgekleidete, unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphäre von dumpfer Kirchenluft.Sie erwachte förmlich. Die Stunde in dem Pensionsstübchen fiel ihr ein, – und – –»Nein, ich gehe nicht,« entschied sie entschlossen.Wilms nickte und ließ noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen. »Wie du willst. – Dann ruh’ dich hier aus, Heting. Und wenn ich wiederkomm’, singst du wieder so schön wie gestern.«Er konnte ihr Erröten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurückhalten wolle.Langsam schritt er über den Hof in den klaren Wintertag hinein, während das Mädchen ihm durch das Fenster ernst und düster nachschaute.In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichenstühlen blieb ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else früher gesessen, und der Pächter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.Wie silberhell würde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz gerührt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an Haupt, aus dem kleinen Büchlein die Psalmen verfolgt hätten. Und nun – – – die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schöne, junge Geschöpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand.Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch höhere Scheidewand aufrichte – aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst des Herrn nicht, keine Tröstung fand er in den Worten des kleinen Pastor Schirmer, immer wieder beschäftigten sich seine Gedanken mit dem Mädchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn.Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besaß auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und küssen und immer wieder küssen wollte, sein Heiland war ein Mädchen, das ihn fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.»Wirf die Last von dir,« zuckte es durch seine Sinne.Hatte es der Pastor gesprochen? – War es ein Bibelwort? – Er wußte es nicht.***Als Wilms seine Schwägerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher versetzt hätte. Ihr war plötzlich alles zu eng und dumpf. Die entsetzliche Angst von gestern drückte noch auf ihr Gemüt, ihr dämmerte es, als wäre sie bis jetzt von einem häßlichen Zauberschlaf umsponnen worden.»Luft – Licht.«Sie spähte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr ärmlich vor.Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Draußen blitzte und funkelte die Landschaft. – Die dickbeschneiten Bäume der Straße sahen wie ungeheure, weiße Korallen aus.Das Mädchen befiel ein ungestümer, heißer Drang, dort draußen hinzustürmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu betätigen. Ja, sie wollteebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann hinfliegen auf der glatten Bahn, das würde sie wieder gesund machen.Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames Pelzjäckchen geschlüpft, hatte sich ihr keckes Barett aufgesetzt und lief jetzt über den einsamen, menschenverlassenen Hof.»Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen Hause.«Jedoch sie täuschte sich.Vor dem Stall saß der alte Krischan, der Zauberer des Hofes, und zitterte vor Frost oder vor Schwäche. Neben ihm hielt der Rabe seinen beständigen Schlaf und zitterte ebenfalls.Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch.»Alterchen,« befahl sie, »holen Sie mir mal den Schlitten aus dem Stall und das braune Handpferd dazu.«Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und grinste sie an.»Willen dat Fräulen utführen?« hustete er.»Ja, und nun schnell.«Allein der Greis hatte nicht gehört, oder wollteden Befehl nicht ausführen. Langsam schlich er zur Seite und schüttelte den Kopf.Das Mädchen blickte ihn an: »Was soll das heißen? Haben Sie mich denn nicht verstanden?«Der Alte schüttelte wieder und steckte die Hände in die Hosentaschen. Dann begann er von neuem zu zittern, wie ein Knochengerüst, das im Winde klappert.Ein widerwärtiger Anblick.Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht an den häßlichen Alten heran und sagte scharf und bestimmt:»Christian, es wird Zeit, daß Sie vom Hof herunter und in das Gemeindehaus kommen. – Verstehen Sie mich? Hier können Sie nichts mehr leisten, dort dagegen können Sie sich ausruhen. – Mein Schwager wird Sie beköstigen. Wollen Sie?«Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte, kaute weiter und murmelte gelassen:»Ick bliew hier. Se sünd nich de Fru. Se hewwen hier nix tau seggen.«»Was?« entgegnete Hedwig erblassend, »das wird sich finden.« Mit schnellem Atem betrat sie den Stall, wo sie einen Hofjungen fand, der sein flachsblondes Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war. Sie rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine,blaue Schlitten bald herausgehoben und mit dem schönen braunen Pferde bespannt.Hedwig setzte sich hinein.»Aber der Kutscher is in die Kirche,« meinte der Junge.»Schadet nicht – ich fahre allein – adieu!«Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter.Windschnell ging es über die weiße Landstraße. Die kleinen Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele zu erspähen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein genoß jetzt die weiße, blitzende Landschaft.Wie ihre Wangen sich röteten, wie die Augen vor Lust und Freude blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder die Hedwig von ehemals.Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Gläubigen gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Männern und Frauen. Ihr war es auch, als hätte sie auf der Portaltreppe ihren Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinübersah.Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so daß das kleine Gefährt wie ein Gedanke vorüberschoß. Sie wollte einmal allein sein, alles vergessen, alles abschütteln.»War sie’s? – War sie’s nicht?« dachte Wilms und strengte seine Augen aufs äußerste an. »Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,« beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer heftiger. Mächtig schritt er aus, um heimzugelangen.Währenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures, erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die Grenzbüsche und die kleinen eisbereiften Tannenschläge schienen enorme Sturzwellen, die in der Höhe festgebannt waren. Nur leichte Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gönnte ihrem dampfenden Braunen jetzt größere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstraße liegendes Gasthaus erreicht hatten, das man in dortiger Gegend »Krug« nennt.Hier warf das Mädchen dem Braunen eine Decke über, stieg ab und betrat die niedrige weißgetünchteGaststube. Ein kolossaler Kachelofen verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weißgescheuerter Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefüge Stühle davor, sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglänzendes Ledersofa und mehrere Öldruckbilder, welche glückliche Familienszenen darstellten, das Meublement der verlassenen Gaststube.Und verödet blieb sie noch eine Weile. Hätte nicht eine unsichtbare Klingel bei Hedwigs Eintritt hell geläutet, die Krugwirte würden überhaupt nichts von ihrem Besuch erfahren haben.So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines blasses Weib, an deren Röcken sich zwei Kinder festklammerten, während es ein drittes, einen Säugling, auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs Wunsch, ein Glas Milch zu bringen.Hedwig ließ sich an dem weißgescheuerten Tisch nieder, streifte sich die Handschuhe ab und sah durch das kleine pappgeflickte Fenster der Gaststube auf das blinkende Feld hinüber.Draußen stand ihr Brauner, schüttelte sich und wieherte laut.Das gab ihren Gedanken die Richtung.»Am besten wär’s,« überlegte sie sich, »ich bestieg wieder den Schlitten, und dann rasch, weit fort vonhier in die Stadt und von dort wieder weiter, viel weiter, wo ich nichts mehr höre von alledem, was ich hier zurückgelassen. O, es wäre so gut, wenn ich jetzt ginge, bevor – ja bevor irgend etwas Schlechtes sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich weiß nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus, so ansteckend, ich wünschte, ich wäre nie dort eingekehrt. – Warum mir das heut wohl gerade einfällt?«Sie stützte den Kopf in beide Hände und saß eine Zeitlang regungslos. Das eiserne Blech vor dem Ofen knackte und bog sich regelmäßig hin und her. Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen hinein. Hinten auf dem Hof des Hauses schienen mehrere Männer miteinander zu sprechen.Das Mädchen regte sich. Sie war also nicht allein hier? Auch brachte die Krugwirtin das Verlangte noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel frische Milch vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte sich, ob sie noch andere Gäste beherberge.»Nein, Fräulein, mein Mann hat bloß Besuch. Wir woll’n Pferd verkaufen.«Damit ging sie wieder hinaus.Aber während Hedwig an dem Glase nippte,wurde draußen wiederum die Flurtür geöffnet, und das Mädchen hörte eine kräftige Männerstimme sprechen.Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte. Allein sie vernahm nichts mehr. Das laute Gespräch hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen. Rasch schritt sie zur Tür und rief die Wirtin: die erschien auch bereitwilligst mit ihrem Säugling auf dem Arm und wischte mit einem Tuch den Tisch sauber.»Nun, ist das Pferd schon verkauft?« fragte Hedwig.»Ja, sie sind woll schon einig.«»Wer ist denn der Käufer?«»Je, ich kenn’ ihm auch nich. Mein Mann sagt ja woll ›Herr Graf‹ zu ihm.«»Graf?« stotterte die andere erblassend, »vielleicht Graf Brachwitz?«»Ja, so kann er woll heißen,« antwortete die Wirtin gleichgültig und trocknete sich die Hand ab, um die Bezahlung entgegenzunehmen.»Hier, liebe Frau, hier haben Sie – – hier haben Sie.« Hedwigs Bewegungen wurden immer hastiger. Vergeblich durchwühlte sie ihre Taschen, ohnejedoch ihr Portemonnaie finden zu können. Wahrscheinlich hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt überhaupt vergessen, Geld zu sich zu stecken.»Na, das schad’t ja nich,« tröstete die Krugwirtin verwundert, »das Fräulein schickt mich’s dann.«»Ja, ja, ich schicke es Ihnen.«Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte hinauseilen. Mit hastigen Fingern rückte sie es sich zurecht, da schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren Schlitten hinausführte.Jetzt hoffte das Mädchen nur noch, daß der Mann, dem das Roß dort draußen gehörte, an der geschlossenen Tür der Gaststube vorübergehen würde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tür wurde aufgemacht, ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmütze, guckte herein und rief gutmütig:»Sie, Frau Wirtin, ich hab’ doch noch die paar Taler zugelegt – wir sind jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn’s nicht wirklich eine Whalebonestute ist. – Na, guten – – –«»Morgen,« wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf die Dame, die ihm zuvor den Rücken wandte, deren Gestalt ihm aber so einzigvorkam, daß er sie sofort erkannte. Da erblaßte auch er und verlor die Herrschaft über sich. Allerlei Entschlüsse fuhren ihm wild durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er es doch noch einmal wagen, vor das schöne Mädchen, das er so beleidigt hatte, hinzutreten?Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tür wies?Er starrte ungewiß auf sie hin und merkte, daß über ihre abgewandte Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kämpfe. Plötzlich kehrte sie sich hastig um. »Wie gesagt, ich habe das Geld vergessen – ja, ich – ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau,« brachte sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu äußern, und schritt rasch auf die Tür zu, auf deren Schwelle ihr Bedränger von ehemals noch immer verharrte.Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drückte sich soviel Trotz, Kraft und Selbstbewußtsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so eigenartig schön, daß Brachwitz vollkommen überwältigt zurücktrat und die Mütze vom Kopf riß.»Guten Morgen,« murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, während sie an ihm vorüberschritt.Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dannauf die Landstraße hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog umgehängt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so daß er dem Mädchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehängten Blechbüchse wieder zu befreien.Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen, in der Eile überhastete sie alles. Auch die Decke konnte sie nicht schnell genug zusammenfalten.Am liebsten wäre sie zu Fuß durch den Schnee davongerannt.Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf den niedrigen Stufen des Gasthauses und beobachtete das Treiben des Mädchens eine Zeitlang gespannt. Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat ihm ehrlich leid, daß Hedwig eine so schlechte Meinung von ihm hatte, und er verwünschte sein ungestümes Blut, das ihn damals zu dem offenbaren Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er zu Hedwigs Braunem, nahm unbeirrt von ihrem Zurückweichen dem Tiere den Trog ab, dann faltete er die Decke und trat höflich an den Schlitten, den Hedwig inzwischen ratlos bestiegen hatte.»Darf ich die Decke hier hereinlegen?« murmelte er kleinlaut.Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den wollenen Fries leicht über die Füße warf.»Keinen Kutscher?« fragte er dann erstaunt, während er ihr die Zügel in die Hände gab.»Nein,« versetzte sie fest, »ich fahre selbst.«Sie hob die Peitsche.Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz auf die Schwelle des Schlittens getreten. »Ich möchte Sie bitten – gnädiges Fräulein, daß Sie mir die Zügel überlassen,« bat er leise und verwirrt.Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig.Hedwig wandte ihre großen, braunen Augen auf den hübschen Menschen. Ihr Blick war seltsam. Es schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen. Und nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit zitternder Stimme:»Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz, ich muß Ihre Begleitung bestimmt ablehnen. – Ein für allemal.«»Ein für allemal?« wiederholte er.»Vorwärts!«Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand des Grafen legte sich sanft auf den Griff.Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer atmend auf.»Liebes Fräulein,« bat er dringend, »ich bitte Sie – bitte Sie von Herzen – hören Sie mich doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu – – nun ja, zu rechtfertigen. Darf ich denn nicht, wenn Sie mich nicht bei sich im Schlitten dulden wollen, wenigstens nebenher gehen, natürlich nur so lange es Ihnen gefällt, langsam zu fahren? – Ich möchte doch gar zu gern Ihre Verzeihung erhalten, darf ich?«Er ergriff die Zügel seines Pferdes, und da Hedwig nichts antwortete, so hielt er es für Zustimmung und schämte sich nicht, zu Fuß neben dem langsam gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit sich zu führen.Hedwig selbst kam es wie eine Art Bußwanderung vor, als wenn der junge Mann, der sie so beleidigt hatte, sich allein demütigen wollte. Mit Interesse blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment aber fiel ihr ein, wie heiß und wahnsinnig dieser fremde Mensch sie schon einmal geküßt hatte. Das empörte sie plötzlich wieder so ungestüm, daß sie der Szene ein Ende zu machen beschloß.»Was wollen Sie also von mir?« forschte sie hart.»Endlich Ihre Verzeihung erlangen,« erwiderteder Graf treuherzig. – »Ich schäme mich aufrichtig, daß ich so häßlich gegen Sie gehandelt habe; Fräulein Hedwig – gnädiges Fräulein, wollen Sie mir nicht die Versicherung geben, daß Sie mir nicht mehr zürnen?«»Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung, daß damit unsere Unterredung zu Ende ist, und sich unsere Wege nie mehr kreuzen.«»Nie mehr?«»Nein.«»Und warum nicht?«»Das wissen Sie doch – weil es zwecklos wäre, Herr Graf.«Sein dunkles Gesicht färbte sich höher, er sah sie voll an und empfand wieder ihre Schönheit. Leicht seufzte er auf und legte die eine Hand auf die Lehne des Schlittens.»Sie haben recht,« gab er endlich in sich gekehrt zu, und über seine frischen, offnen Züge legte sich ein Schatten. »Ach, Unsinn, Fräulein Hedwig, ich muß es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander handeln. Es ist tatsächlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen wirklich gut war – nein, werden Sie mir nicht böse, Ihnen war ich wirklich gut, wenn ich Sie auch in meiner Tollheit geradezu mißhandelt habe, ich unterschätzteSie vielleicht – – aber das ist es nicht allein –«»Nun, aber?« fragte das Mädchen hastig. Ihr Herz klopfte. Unvermittelt blitzte es ihr auf, als ob dieser junge Aristokrat, der ihr eben so treuherzig seine Liebe gestand, die Hände ausstrecken würde, um sie vor dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. »Nun, aber?« kam es zitternd über ihre Lippen. »Was wollen Sie mir noch mitteilen?«Sie wußte jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte gerettet werden.»Aber,« murmelte er widerwillig und riß an dem Zügel seines Pferdes – »man hat mich da vorige Woche in der Hauptstadt verlobt.«»Sie?«Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich ihren Wangen. Und doch durchschauerte sie es nur deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom Schicksal zum Untergang bestimmt hielt.»Und wer ist Ihre Braut?« wollte sie stammeln, aber in demselben Augenblick hatte sie ihrem Braunen mit voller Wucht die Peitsche versetzt, das Tier zuckte in die Höhe und raste dann in voller Wut mit dem Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaumhörte sie noch, was ihr überraschter Begleiter ihr nachrief.Mit aller Kraft riß und zerrte sie an den Zügeln, jedoch sie hatte ganz die Gewalt über das schäumende Tier verloren. Wie jagende Traumbilder schossen Bäume, Häuser und Menschen an ihr vorüber, die vorübersausende Luft nahm ihr den Atem.***In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte nicht gefunden. Er fragte den alten Krischan. Der zuckte die Achseln und wies auf die Landstraße hinaus.»Da is sie fortgefahren, Krischan?« forschte Wilms betroffen – »allein? Saß sie nicht im Schlitten?«Der Alte nickte und schlotterte weiter.»Fort?« murmelte Wilms, während er in sein Haus zurückschritt. Und er hatte sich so gefreut, mit ihr zusammen zu sein. Das einsame große Zimmer schien ihm ohne sie unwirtlich. Als das Mädchen nach einer Stunde nicht zurückgekehrt war, warf er sich in seine gewöhnliche Joppe, band den Hofhund los und wanderte die Landstraße nach Boltenhagen zu.In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise, in denen sie gefahren war. Wilms Herz zogsich zusammen. Da er das Mädchen jetzt schon entbehrte, wie sollte es werden, wenn sie ihn gänzlich verließ, sobald sein Weib zurückgekehrt war?Kurz vor Boltenhagen hörte er etwas über die Chaussee klingeln. Der ferne Punkt, den er wahrnahm, wurde größer und größer, schon vernahm er das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes.Er sprang zur Seite.»Halt!« rief er mit harter Stimme den Anstürmenden entgegen.Hedwig sah ihn, hörte ihn, aber dem Durchbrenner konnte und wollte sie keinen Einhalt tun. Nur vorbei, nur nicht gefragt werden, nur weiter sich austoben können, hart begleitet von der Gefahr.Schon waren sie nahe.»Halt,« schrie Wilms noch einmal.Sein ganzer Kopf rötete sich. Er hielt dieses Vorübersausen für beabsichtigt, um ihm zu entgehen. Schon heute früh war sie an der Kirche so vor ihm entflohen.»Ich bin’s, Hedwig,« brüllte er noch einmal.Keine Antwort.Immer näher.Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem Bauern. Er springt vor, seine gutmütigen Augendrohen, ein mächtiger Faustschlag trifft das Pferd vor die Stirn, daß es hoch in die Höhe steigt. Der Schlitten wird umgeschleudert und das Mädchen schlägt hart in den Schnee, wo es mit weitaufgerissenen Augen liegen bleibt, als hätte sie der Blitz getroffen.»Wilms,« murmelt sie betäubt.Er hob sie auf, und noch halb über sie gebeugt, gurgelte er heiser vor Aufregung: »Hedwig, dir is doch nichts? Sag’ doch, Heting, dir is doch nichts?«Er wußte gar nicht, was er getan hatte.»Nein, nein – Wilms, ich will nach Hause.«»Ja, wir wollen nach Hause, Heting,« brachte er bestürzt heraus, »komm’, ich heb’ dich in den Schlitten.« Und während er das Mädchen in das wieder aufgerichtete Gefährt niederließ, befühlte und betastete er sie ängstlich, ob sie auch keinen Schaden genommen hätte.»Heting, sag’ mir bloß, wo bist du denn gewesen?«Allein sie saß wie erstarrt.»Frag’ mich jetzt nicht – ich will nach Haus.«»Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht fragen,« gab er sofort nach. »Aber nicht wahr, Heting, dir fehlt doch nichts?«Sie schüttelte den Kopf.»Dann kommt es bloß vom Schreck,« tröstete er sich und sie. Er nahm neben ihr Platz, ergriff die Zügel, und der gebändigte Braune begann folgsam im Trabe zu laufen.Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Gedankenlos saß Hedwig neben dem Pächter und hörte auf das Läuten der Glöckchen. Nur einmal stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt das Tier jeder Bewegung des Lenkers folge, das vorher so wild gewesen.Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite und merkte, daß seine Augen gleichfalls auf ihr hafteten, voller Angst.Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er das Pferd zurückgeschlagen hatte.Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe sie selbst der Faustschlag getroffen.Was sollte daraus noch werden?Es war ihr, als hätte er damit auch sie gebändigt.VI.Und die Erkenntnis, daß sie langsam unterlag, rührte ihr ganzes Wesen auf.Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt, so setzte sich Hedwig völlig erschöpft in eine Sofaecke und begann plötzlich heftig zu schluchzen. Wilms sah bestürzt, daß all ihre Glieder bebten und zitterten wie Grashalme, über die der Sturm rauscht.»Heting – liebes Heting,« murmelte er und fuhr ihr unbeholfen über das Haar. – »Bist du krank? – Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?«Immer heftiger flossen ihre Tränen. Wie ein plötzlicher Regenhusch, der das Gewitter anzeigt.»Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist noch böse auf mich von vorhin?«Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten gestürzt.»O nein.«Sie schüttelte den Kopf und drückte krampfhaft seine Hand.»Wilms – ich bitte dich, Schwager,« flüsterte sie dringend. »Geh’ jetzt hinaus und laß mich allein – ganz allein – nicht wahr, du tust mir den Gefallen?«»Natürlich, Heting, ich tu’ ja alles, was du willst,« erwiderte der Landmann. »Bloß sag’ mir noch, bist du vielleicht ungehalten, weil ich heute ohne dich in die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht für recht hältst, dann will ich ja überhaupt nicht mehr hingehen.«Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung, und der Pächter schritt schwer und erschüttert hinaus. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchrüttelt und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo sie ihren Kopf in die Kissen grub.»Schwester – Schwester,« murmelte sie halb betäubt vor Seelenangst.Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung auf dem Hof hin und her. Und immer wieder richteten sich seine überbuschten Augen auf das Fenster, hinter dem früher seine kranke Frau gelegen hatte und ihm Qual bereitete. Jetzt spähte er nach der gesunden Schwester.Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich.Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte nicht, über ihm schwamm der Schneehimmel und spie keine Feuerballen aus, um ihn herum ragten Haus und Scheunen festgefügt wie sonst, und doch brütete der Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte, über eine der Todsünden nach.»Gedankensünden,« hatte der Pastor einmal gesagt, »Gedankensünden.«Es sollte noch schlimmer kommen.Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und händigte ihm einen Brief aus. Er enthielt eine Einladung für den heutigen Abend zur Försterfamilie. Die Försterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift geschrieben.Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer trat, fand er seine junge Schwägerin am Nähtisch emsig mit einem Brief beschäftigt.»An wen schreibst du, Heting?« fragte er zaghaft.Sie blickte mit trübem Lächeln zu ihm auf. »An Else,« antwortete sie stockend.Der Pächter stutzte. »An meine Frau?« wiederholte er düster und blickte zu Boden.»Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt.« Sie senkte dabei das Haupt, schrieb noch ein paarZeilen und übergab Wilms dann den geschlossenen Brief zur Besorgung.Eine drückende Stille trat ein, wie sie jetzt immer entstand, wenn der Entfernten zwischen beiden Erwähnung geschah.»Wann sie wiederkommt,« dachte der Landmann mutlos. Er reckte sich. »Ist dir bange nach ihr, Heting?«Es sollte gleichgültig klingen, aber seine tiefe Stimme bebte leicht.Zitternd wandte sich das Mädchen ab und antwortete nicht.»Nur von etwas anderem sprechen,« dachte Wilms, »von etwas anderem.« Da erwähnte er die Einladung, die er eben erhalten. Natürlich würde Hedwig ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Blässe, und sie hatte noch eben über ihr Befinden geklagt. Aber zu seinem Erstaunen rief sie erregt: »Ja, wir wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.«Kopfschüttelnd blieb er zurück.Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter in demselben Schlitten, den Hedwig heute vormittag benutzt hatte.In dem gemütlichen Försterhäuschen mitten im Walde ging es hoch her. Vielstimmiger Gesang,Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon bei ihrer Ankunft. Der Förster hatte von der benachbarten Akademie mehrere Forsteleven, selbst einen Assessor eingeladen. Der hatte seine Geige mitgebracht zur Verschönerung des Festes. Auch des Pastors Töchterlein war da.In einer der braungetäfelten Stuben mit den vielen Hirschgeweihen brannte noch der Tannenbaum. Darunter saß das blonde Töchterchen der Forstleute in seinem Wägelchen und streckte die Arme nach den Lichtern aus.Hedwig nahm das Kind in die Höhe und küßte es. Als sie sich umwandte, stand Wilms hinter ihr, dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr ruhten.Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: »Warum gehört mir dieses schöne Weib nicht und dieses Kind?« Langsam fuhr er sich über die Stirn und ging zu den Männern.Es wurde spät.Der Abend verfloß in lauter Fröhlichkeit.Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof gemacht, Paula Schirmer schmiegte sich an sie, sie mußte singen. Zum Schluß spielte der Forstassessor zum Tanz auf. Da war es selbstverständlich, daß das Mädchen von einem Arm in den andern flog.Nur Wilms stand ernsthaft beiseite, er hielt es für unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in der Klinik weilte.Stirnrunzelnd überkam es ihn, als ob seine Jugend in Trauer verfließe. Und wie anmutig Hedwig tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu wild erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag dann etwas Rasendes darin.Er schüttelte den Kopf.»Hören Sie auf, Fräulein Hedwig,« mahnte auch die Försterin, »sonst wird es zuviel.«Sie zog das Mädchen mit sich fort und stäubte ihr in ihrem Schlafzimmer etwas Kölnisches Wasser ins erhitzte Gesicht.»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte sie dabei.»Das weiß ich nicht,« versetzte Hedwig geistesabwesend.Die Försterin starrte sie an. Sie merkte, daß die Erregung ihres jungen Besuches unnatürlich sei. Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu haben.»Wissen Sie schon, daß sich der junge Graf Brachwitz verlobt hat?« forschte sie gespannt.»Ja, ich hörte schon davon,« nickte Hedwig gleichgültig und wollte wieder zu den andern.Die Försterin verstand nicht, was sie aus ihrmachen sollte. Sie hielt das Mädchen am Arm fest und klopfte ihr fast mütterlich die Wangen. Eine Regung des Mitleids überkam sie für dies schöne, fiebernde Geschöpf. Wenigstens einen guten Rat wollte sie ihr erteilen, geschöpft aus den Erfahrungen einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig kam es heraus: »Fräulein Hedwig, ich wollte schon immer einmal mit Ihnen darüber sprechen. Bleiben Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager in Wilmshus. – Hören Sie?«»Warum?« wandte sich Hedwig ruckartig um.Sie war leichenblaß geworden, nur die braunen Augen glänzten und funkelten wie feurige Kohlen.»Weil,« fuhr die Frau eindringlich fort, »die Lästerzungen in der Umgegend sich schon darüber aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch nichts daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem Wege.«Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut schoß ihr zum Herzen, es war ihr so weh, daß sie laut hätte schreien mögen, denn sie fühlte, daß sie jetzt den Scheideweg erreicht habe.»Liebe Frau Annchen,« sprach sie dennoch straff aufgerichtet, obwohl die vollen Lippen in dem bleichen Gesicht bebten, so daß ihr Gegenüber nur mit Müheihre Worte verstand. »Solch müßiges Geschwätz ist mir gleichgültig. Ich tue das, was ich für recht halte, und scheue niemand.«Damit riß sie sich heftig los und ging in der großen Stube mitten durch die Fröhlichen hindurch, gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz aufzufordern.Die Försterin wurde rot vor Unwillen, als sie es sah, und flüsterte aufgeregt mit ihrem Manne.»Heting,« sprach Wilms betreten, »ich möchte nicht gern. Solange Else fort ist – –«Sie achtete nicht darauf. »Komm, Schwager, – wenn ich dich bitte?«Dabei sah sie ihn an mit ihren fieberigen Augen so heiß, so flehend, als ob er ihr damit das Leben retten könnte, als ob ihr ganzes Dasein an diesem einen Tanze hing.Da schlug es auch über ihm zusammen. Weib – Ruf – die Furcht vor dem Gerede, alles ging unter in dem einen Wunsche, dieses lebenstrotzende Wesen einmal umschlingen und forttragen zu dürfen.Er packte sie, gewaltsam, verzweiflungsvoll, als wollte er sie an seiner Brust zerpressen.»Bravo,« riefen der Forstassessor wie die Eleven und ließen ihre Instrumente noch lauter jubeln. Undunter Geigenspiel und Trompetenklang schwenkte er sie herum, schwer, wuchtig, als ob es sich um Leben und Tod handele.
»Lieber, guter, einziger Mann!Wie gern möchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fügt, bin ich wieder bei Dir.Mit tausend innigen KüssenDeine arme Else.«
»Lieber, guter, einziger Mann!
Wie gern möchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fügt, bin ich wieder bei Dir.
Mit tausend innigen Küssen
Deine arme Else.«
Wilms griff nach dem Bilde.
Auf einem Polsterstuhl saß die Kranke, das schmale Gesicht mit den großen Augen ein wenig vornübergeneigt. Neben ihr Hedwig, schlank aufgerichtet, der vollendete Wuchs zum Greifen deutlich, als wenn Gesundheit und Verfall gegen einander kontrastieren sollten.
Der Pächter schauerte, als er es sah.
Auf dem Antlitz des Mädchens ruhte ein so sicherer, triumphierender Schein.
Freut sie sich, daß sie leben wird, und die Schwester dem Tode zuwankt? dachte Wilms erschüttert.
In der Kammer war nicht geheizt. Ein Frösteln durchlief den Einsamen vom Kopf bis zu den Füßen. Mit Abscheu, als ob die Photographie Hedwig allein darstelle, warf er das Bild von sich auf den Tisch und suchte müde und zerbrochen sein Lager auf.
Bald erlosch das Licht.
Am frühen Morgen, als Wilms aufstand, hörte er, wie seine Schwägerin den Mägden im Hausflur schon etwas auftrug.
Er sah auf die Uhr. Es war erst sechs. Und noch stockfinster.
Das lockte ihm den Seufzer ab: »Ach, wenn Else das doch auch vermöchte.«
Eine Viertelstunde später, er hatte sich kaum völlig angekleidet, brachte ihm Dörthe Kaffee und Frühstück. Der Landmann erstaunte.
»Soll ich denn hier oben frühstücken?« fragte er.
»Ja, Herr, das Fräulein hat schon unten getrunken.«
»Na, wie sie will. Es is gut.«
Die Obermagd ging.
Wilms saß eine Weile allein und wunderte sich, mit welcher Willenskraft Hedwig ihre neue Aufgabe gleich erfaßte.
Dann fuhr er sich mit der groben Hand unwillig über die Stirn.
Immerfort zwang ihn das Mädchen, sich mit ihr zu beschäftigen. Aber er wollte ihr an Regsamkeit nicht nachstehen. Er hatte ja einige wichtige Geschäfte in der Nähe abzuwickeln, und deshalb wollte er fortreiten, damit er erst gegen Mittag wieder zurückzukehren brauchte.
»Möglichst wenig mit ihr zusammen sein,« dachte er.
Mit diesem Entschluß trat er an das kleine Kammerfenster und sah auf den schneebedeckten Hof herunter.
In einem steinernen Seitengebäude hörte er viele weibliche Stimmen durcheinander sprechen, lachen und plaudern. Es war die Molkerei, die solange auf Hedwig geharrt hatte.
»Sollte sie schon unten sein?« dachte er verwundert.
Als er etwas später über den Hof schritt, um sich im Stall sein Pferd zu satteln, machte er den Umweg am Seitenhaus vorbei und warf einen raschen Blick in den von einer Lampe erleuchteten, ziegelsteingepflasterten Raum.
Richtig – umgeben von ihren Mägden sah er Hedwig vor einem großen Fasse stehen und mit ihren jugendlichen Kräften den großen Klüngel heben undwieder herunterstampfen. Beifällig murmelten die Mägde und versuchten, es ihr an zwei anderen Fässern nachzuahmen.
Sie hatte sich von Dörthe eine gewöhnliche Arbeitsbluse geborgt, an der die Ärmel fehlten, und nun sah der Pächter, wie ihre vollen Arme vor Anstrengung sich röteten. Ihr Atem umdampfte sie in der kalten Küche wie eine Wolke.
Dem Lauscher fiel wieder jener Abend ein, als er sie allein in ihrer Kammer getroffen, und augenblicklich war seine Freude an dem arbeitsfrohen Bild wie fortgescheucht.
Widerwillig murmelte er etwas vor sich hin, schlug dann mit Geräusch die Stalltür auf und ritt nach einiger Zeit grußlos vom Hof herunter. Als er sich auf der Landstraße noch einmal umwandte, glaubte er Hedwig unter der Tür des Seitenhauses zu erkennen, die ihm nachblickte.
»Was ißt der Herr gerne?« befragte Hedwig die Obermagd, ehe sie die Molkerei verließ.
Dörthe sann nach. Dann gab sie Kartoffelsuppe an. »Und der Herr hat gestern selbst einen Hasen geschossen. Der hängt noch.«
Hedwig war zufrieden. Sie wollte selbst alles zubereiten. Der taube Krischan wurde ins Dorf nach allerlei Zutaten zum Krämer geschickt.
Er hinkte unlustig vom Hof herunter.
Bewundernd lugten die Obermagd und ihre Untergebenen dem Mädchen nach, als sie eilig dem Hause zuschritt.
»Die versteht’s,« urteilte Dörthe, »schade, daß die Frau nich auch so is.«
Den ganzen Vormittag über revidierte Hedwig das Haus vom Keller bis unter das Dach. Mit Elsens Schlüsseln öffnete sie alle Schränke, zählte nach und legte zurecht, als ob alles ihr gehöre. Ihre Wangen röteten sich dabei vor Vergnügen. Sie erschien sich wie eine Hausfrau, die für Mann und Heim zu sorgen hat.
Dann waltete sie in der Küche. Zuletzt gab sie Dörthe den Auftrag, eine kleine Tanne schlagen zu lassen.
»Ja, aber Fräulen,« meinte die Magd bedenklich, »der Herr will aber keine.«
»Warum denn nicht?«
»Er sagte, weil er so allein is. – Und – dann – unsre Frau fehlt auch.«
»Sagte er das?«
»Ja, so ähnlich sagte er woll.«
Das Mädchen sah einen Augenblick zu Boden. Dann entschied sie lächelnd: »Ich bin ja da – höre, Dörthe, es muß eine recht schöne Tanne sein. – Haben wir etwas zum Putzen?«
»Ne, Fräulen, daß ich nich wüßte.«
»Nun, dann machen wir es uns heute selbst. – Und für euch auch,« setzte sie hinzu. »Christian soll buntes Papier holen.«
»Sie is zu nett,« sprach die Obermagd dankbar hinter ihr her.
Wilms merkte bei Tisch, daß gerade seine Lieblingsspeisen gewählt seien, und als er sich in seiner ruhigen Weise dafür bedankte, glitt ein heiteres, selbstzufriedenes Lächeln über Hedwigs schönes Gesicht.
Es bereitete ihr Freude, für die Bedürfnisse eines Menschen sorgen zu dürfen, und namentlich für diesen großen, unbeholfenen Mann, dem das Schicksal schon so grausam mitgespielt hatte.
Freundlich plauderten sie wieder über allerlei. Das Mädchen erzählte von ihren Erfahrungen bei der Molkerei. Wilms sagte ihr, daß er ihre Kraft undEnergie bewundere. Dann berichtete er von den Geschäften, die er vormittags betrieben.
Es kam ihm ganz selbstverständlich vor, daß er dergleichen mit Hedwig bespräche. Ja, er glaubte, daß ihm noch einmal so gute Eingebungen kämen, wenn sie ihn mit ihren klugen, aufmunternden Augen dazu anblickte.
Nach Tisch führte er sie in den Pferdestall. Hedwig riet ihm dringend, einige von den Tieren zu verkaufen. Es war in den nächsten Tagen gerade Pferdemarkt in Grimmen, und Wilms gestand, daß er selbst etwas Ähnliches geplant habe.
Dann trennten sie sich.
Als der Landmann zum Kaffee erschien, fand er ihren Platz leer. Er fragte mehrfach nach ihr, endlich erfuhr er von Dörthe, die ein geheimnisvolles Gesicht aufsetzte, daß das Fräulein beschäftigt wäre.
Wilms verstand das nicht und trank mit einem merkwürdigen Gefühl seinen Kaffee allein.
Er wollte sich nicht eingestehen, daß er ihre stets dienstbereite Gesellschaft vermisse.
Zum Abendbrot dagegen erschien Hedwig wieder und zeigte sich so aufgeräumt und heiter wie selten. Sie erzählte allerhand lustige Geschichten und Witze und brachte Wilms oft zum Lachen.
Wenn sie etwas Anzügliches vorbrachte, dann sah ihr Gesicht so reizend aus, um ihren vollen Mund zuckte dann oft ein so feiner, liebenswürdig-frecher Zug, daß ihr Gegenüber unwillkürlich mitlachen mußte.
Und so fremd dem Landmann zuerst dies alles war, so stark fühlte er sich bald davon angemutet. Auch er besaß eine Art derben, tiefen Humors, und es dauerte nicht lange, so ging der Pächter gemütlich auf ihre Scherze ein.
Gelassen nickte er, wenn sie ihn mit seiner groben Unbehilflichkeit neckte.
Nur als er seine große Pfeife in Brand setzte und ein paar mächtige Dampfstöße herausjagte, verzog sie die Brauen.
Wilms hörte auf. »Stört es dich?« fragte er bedauernd.
Ungern hätte er auf dieses Vergnügen verzichtet. »Sollte sie etwa dieselbe Abneigung dagegen empfinden wie meine arme Else?« dachte er ein wenig verstimmt. Allein Hedwig zog ihr parfümiertes Taschentuch hervor und während sie sich Luft zufächelte, äußerte sie leichthin: »Bis morgen darfst du so rauchen, lieber Wilms, aber länger nicht.«
»Bis morgen?« dachte Wilms verwundert.
Er verstand sie wieder nicht.
Ferne, langhinhallende Töne mischten sich in ihr Gespräch. Von der Kirche des Hauptgutes, die fast eine Viertelstunde entfernt lag, begannen wiederum die Glocken zu läuten, zum letztenmal vor dem Fest.
Wie ein feiner, verträumter Silberton zog es durch die Luft. Hedwig erhob sich. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang fort.
Draußen weißer, blinkender Schnee, die graue Luft ganz erfüllt von großen Flocken, die langsam und schwer herabfielen. Wie erstarrt schienen die weichen Daunen manchmal im leeren Raum festhalten zu wollen.
Als sie so in das Gestöber hineinblickte, beschlich das Mädchen eine stille Wehmut: »Morgen ist Weihnachten,« sagte sie leise. Nichts regte sich hinter ihr. Keine Antwort wurde laut. Langsam wendete sie sich zurück.
Am Tisch saß Wilms, den schweren Kopf auf die Hand gestützt, und betrachtete das kleine Goldherz, das er vor kurzem gekauft. Eine Träne war auf das Gold gerollt, gerade auf seinen Namen, der dort eingraviert stand.
Jetzt sah er auf:
»In acht Tagen ist sie wieder bei uns,« sagte erweich, als ob er seine schwere Empfindung zurückdrängen wollte.
»Else?« fragte das Mädchen rasch.
»Ja. – Komm, Hedwig – ich will ihr dieses Herz zum Fest schicken. Wir wollen es einpacken.«
Das Mädchen richtete sich auf. Langsam schritt sie zum Tisch, langsam wog sie das kleine Herz in der Hand. Erst als sie den eingeprägten Namen bemerkte, blickte sie ihrem Schwager, der sich ebenfalls erhoben hatte, fest und nachdenklich in die gutmütigen Augen.
»Sie wird sich freuen,« sagte sie schwer und nachdrücklich.
Das Kästchen wurde verschnürt, Wilms schrieb die Adresse, Hedwig trug ihm Licht und Siegellack hinzu. Er drückte das Petschaft darauf.
Mit seltsam starren Blicken verfolgte sie sein Tun. Ein Atom von dem flüssigen Siegellack fiel auf ihre Hand und lag auf der weißen Fläche, wie ein runder Blutstropfen.
»O« – rief Wilms erschreckt, »ich habe dir weh getan.«
»Mir?«
Sie hatte kaum etwas gemerkt.
»Es brennt nicht mehr,« beruhigte sie den Landmann abwehrend.
Gleich darauf nickte sie ihm freundlich zu und ging zur Tür. – Dabei sah sie wohl nicht, daß er ihr die Hand entgegengestreckt hatte, wie er es immer tat, wenn er ihr »Gute Nacht« bot.
Die Tür schloß sich, bevor sie seinen Wunsch vernehmen konnte. Befremdet blickte ihr der Pächter nach. Dann ging er noch lange in dem großen Zimmer auf und nieder, bis er endlich unter das Fenster trat, genau dort, wo Hedwig vorhin gestanden hatte.
Und ebenso, wie sie, spähte er in das lautlose Schneetreiben hinein, er drückte die Stirn an das eisige Glas und regte sich nicht. Dachte er an sein fernes Weib?
Er stellte sich vor, wie sie sich das goldene Herzchen um den weißen abgemagerten Hals schlingen würde, aber während er sich es ausmalte, wurde draußen das Getriebe immer stürmischer, die Flocken wirbelten und balgten sich immer toller – das verwirrte seine Gedanken.
»Was wohl Hedwig sagen würde,« raunte etwas in ihm, »wenn ich ihr morgen das dünne Kettchen um den Nacken legen würde?« Er wollte den Gedanken abschütteln, aber im Geist beugte er sich undküßte sie auf diesen weißen, blühenden Nacken. Und immer heißer und toller braute seine Phantasie. »Ob sie dann wohl die Arme um ihn schlingen und ihren roten Mund zu ihm erheben würde, wie ein liebendes Weib, das sich an den Mann schmiegt?«
Ein irres Lächeln umspielte seine Lippen.
Plötzlich fuhr er auf und brach in ein gewaltsames, schmerzliches Stöhnen aus:
»Jesus Christus – nicht in Versuchung,« stammelte er, »o Gott, nicht in Versuchung.«
Wie im Krampf faltete er die Hände.
Und draußen klangen noch immer die Glocken, bim – bum – bim – bum, feierlich leise, wie Gesang mahnender Geister, welche die Botschaft vom Heiland auch in dies verlassene, im Schnee versunkene Gehöft trugen.
So war das Fest herangekommen.
Schon am Nachmittag bat Hedwig den Pächter, er möchte das große Wohnzimmer verlassen. Irgend etwas Geheimnisvolles bereite sich vor.
Mürrisch und verdrießlich, wie er sich sonst nie gegen das Mädchen betragen hatte, ging Wilms hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und indem er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den Vorbereitungen für den Heiligen Abend fiel Hedwig dies Benehmen nicht sonderlich auf, sie rief ihre getreue Dörthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen Türen.
Unterdessen saß Wilms in seiner Kammer und schrieb an Else einen Brief. Heiß und dringend flehte er sein Weib an, zurückzukehren, sobald es ihre Gesundheit nur irgendwie gestatte. Er freue sich auf ihre Rückkehr, wie auf ein Fest. Überall fehle sie ihm. Alles erinnerte ihn an sie. Ach, wenn sie doch erst da wäre. – Ganz am Schluß erwähnte er auchHedwig. Sie führe das Hauswesen zu seiner Zufriedenheit, aber sein armes, geliebtes Weib könne sie natürlich doch nicht ersetzen. Er stockte, da er es schrieb. Das Blut sauste und summte durch alle seine Adern. »Gelogen – gelogen,« tönte es deutlich vor seinen Ohren. Hastig schloß er das Schreiben, und saß dann stundenlang in dem immer dunkler werdenden Raum.
Er wußte, daß Hedwig unten einen Christbaum schmücke. Für seine Leute natürlich, suchte er sich einzureden. Jedoch gleichviel. Bald würde sie nach ihm schicken, damit er teilnehmen solle an der allgemeinen, großen Freude. »Und er sollte dann mit ihr zusammen unter den flimmernden Lichtern stehen?« grübelte er, »und dann allein sein mit dem Mädchen, während der Baum seinen kräftigen Tannengeruch verbreitete und die Flämmchen darauf hell und aufrecht in die Höhe züngelten? Würden dann nicht die aufreizenden Gedanken wiederkehren, die ihn gestern bis zum Wahnsinn gepeinigt? – Nein, nein – nur das nicht mehr. – Wie wäre es, wenn er sich still aus dem Hause schliche und den Abend wo anders zubrächte, vielleicht beim Pastor?«
Wie gehetzt erhob er sich, warf seinen Mantel um und tappte leise über die dunkle Treppe nach unten.Er durchschritt den Hausflur, da öffnete sich die Tür des großen Zimmers, eine Gestalt trat heraus.
Wilms fuhr zusammen und blieb unwillkürlich stehen. Die Dunkelheit verhinderte ein Erkennen.
Unsicher näherte sich Hedwig dem Schweigenden.
»Du willst noch ausgehen, Schwager?«
»Ja.«
»Jetzt?«
»Ja, ich hab’ noch einen notwendigen Gang.«
»Aber doch jetzt nicht,« drängte das Mädchen und faßte leicht seinen Mantel. »Ich wollte dich ja gerade holen; Wilms, du wirst uns doch am Heiligen Abend nicht allein lassen?«
Der Pächter wand sich hin und her, je mehr sie ihn bat, desto qualvoller glaubte er sich gefoltert: »Mir macht das ja aber alles keine Freude, Hedwig,« brachte er hervor. »Mich peinigt das geradezu.«
»O – nein, nein,« widersprach sie und ergriff seine Hand.
Das verwirrte ihn immer heftiger.
»Hedwig, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, wenn andere sich freuen und ich allein davon ausgeschlossen sein soll. Laß mich lieber fort, mein Kind, ich will –«
Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in der seinen.
»Dazu bist du ja viel zu gut,« sagte sie weich und mitleidig, wie selten ein Mensch zu dem Unglücklichen gesprochen. »Willst du mir denn auch die ganze Freude rauben?«
»Dir auch?«
»Ja natürlich – für dich haben wir doch den Baum geputzt.« Immer noch ruhte ihre Hand in der seinigen, jedoch mit der anderen riß sie jetzt hastig die Tür auf.
Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den dunklen Flur und übergoß das eng beieinanderstehende Paar mit seiner Helle.
Groß, dunkelgrün, mit weithin reichenden Zweigen stand der Tannenbaum mitten in der Stube, bunte Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast, unzählige Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die Leute des Gehöfts, Männer und Frauen, alle sonntäglich gekleidet, daß der Herr des Hauses das Fest mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum aber hatte Hedwig zwei kleine Mädchen aufgestellt, Kinder, die Hofleuten gehörten. Sie hielten rote Papierrosen in den Händen und sangen mit schwachen Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schloß:
»Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«
Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den Lichterglanz hineinsah und in die erwartungsvoll-feierlichen Gesichter seiner Leute, da hielt er sich nicht länger, er legte langsam die Hand vor die Augen und weinte bitterlich.
Und die Hofleute nickten einander zu und stießen sich heimlich an, als wüßten sie, was ihren Herrn bedrücke.
Aber nur wenige Sekunden ließ sich Wilms so übermannen. Dann richtete er sich auf und sah auf das Mädchen, das alles nur für ihn angeordnet hatte. Das Licht flutete über ihre braunen Haare, ihre großen Augen hingen fest und fragend an den seinigen. Sie stand noch immer dicht neben ihm.
»Ich dank’ dir, Hedwig,« sagte er einfach und preßte ihre Hand mit verzweiflungsvoller Glut. »So schön haben wir in Wilmshus Weihnachten noch nie gefeiert.« Er ließ sie voranschreiten und folgte ihr dann in die Stube.
Freudig erregt saß der Pächter nachher in seiner Sofaecke und verfolgte Hedwig, wie sie jedem der Hofangehörigen ein kleines Geldgeschenk überreichte, das Wilms für seine Leute bestimmt hatte, und für sich selbst außerdem noch eine Aufmerksamkeit hinzufügte. Dörthe bekam eine Schürze, der alte Krischaneinen Tabaksbeutel, die beiden kleinen Mädchen küßte Hedwig und band ihnen seidene Halstücher um.
Hierauf allgemeines Knixen und Handschütteln.
»Ich dank’ auch, Herr – schönen Dank auch, Fräulen – ne es is auch gar zu viel – so was hätt’ ich mich nich vermutet – Herrje und was die Leinwand schön is.«
Damit entfernten sich die Leute und Hedwig ging mit ihnen.
Wieder saß der Pächter allein und blickte träumerisch in die ruhig brennenden Lichter hinüber.
Da flog die Tür noch einmal auf: »Julklapp,« rief es und dann noch zweimal »Julklapp – Julklapp.«
Drei Pakete polterten in das Zimmer, und da nur Hedwig so frisch und hell rufen konnte, so wußte der Landmann, daß die drei Geschenke für ihn bestimmt seien. Er wartete, ob Hedwig nicht wieder zurückkehren würde, aber als er allein blieb, öffnete er die Schachteln. In der ersten fand er eine Kiste feiner Zigarren, sodann eine Meerschaumspitze, in der letzten endlich einen ledernen Bilderrahmen, auf dem mit Seide ein Kranz blauer Veilchen gestickt war. Ein Zettel war mit einer Stecknadel daran befestigt, darauf stand »von Else«.
War es möglich?
Behutsam nahm der Landmann den Rahmen in die Hand. Und diesen wundervollen leuchtenden Kranz sollte sein armes Weib mit ihren zitternden Fingern hergestellt haben? Ein Zweifel beschlich ihn.
Aber wer sonst?
Hinter ihm näherte sich etwas, ein leises Knistern wurde hörbar, Wilms kehrte sich um und sah in das liebenswürdige Gesicht Hedwigs.
Er hob die Stickerei in die Höhe und fragte erregt: »Wirklich von Else?«
Ein Schatten flog über die Stirn des Mädchens, aber sie bejahte. Allein den Ungläubigen überzeugte sie nicht.
»Hedwig – ich glaub’s nicht – Else hat ja so feine Arbeit gar nicht gelernt – nicht wahr – du – von dir?«
Wieder schüttelte sie leise das Haupt.
»So sag’s doch,« rief er dringend.
Endlich gab sie es zu: »Nun ja, es ist von mir,« gestand sie, »Else wollte dir gern etwas Derartiges anfertigen, aber sie vermochte es noch nicht. Da habe ich es übernommen.«
»Also auch von dir?« murmelte der Pächter mit zitternder Stimme. Eine Weile stand er in Gedankenversunken unter dem leuchtenden Baum; ohne ein Wort des Dankes zu sprechen. »Und ich,« überlegte er bei sich, »ich habe gar nicht daran gedacht, diesem lieben, reizenden Geschöpf eine kleine Freude zu bereiten. Mit leeren Händen steh’ ich vor ihr, als gehörte sie gar nicht in mein Haus! Während sie –«
Es überlief ihn heiß und kalt. Vor Beschämung wagte er gar nicht die Augen zu erheben. Langsam und beklommen drängte es sich über seine Lippen.
»Und die Zigarren und die Spitze, Hedwig, von wem sind die?«
Aus ihren Augen sprühte ein spitzbübischer Funke, um ihren Mund flog ein schelmischer Zug. – Die seltsame Unbehilflichkeit des Mannes ergötzte sie.
»Von wem sie sind? – Wer weiß?«
Sie zuckte die Achseln, aber als sein verstörtes Antlitz sie darüber belehrte, daß er sich härmte und litt, tat es ihr leid, diese verschlossene Natur, deren tiefes Gemüt sie immer stärker und gewaltiger anzog, verletzt zu haben.
Die Lichter brannten noch immer, es war so gemütlich im Zimmer, tiefe Stille umgab die beiden.
Wilms fuhr auf. Er hatte in seinem Hinbrüten nicht bemerkt, wie das schöne Mädchen, nachdem sielange auf ein Dankeswort geharrt, sich enttäuscht abgewendet und an das Klavier gesetzt hatte.
Sie spielte jetzt. Ganz leise klang unter ihren Fingern ein altes Kinderlied, das sie variierte und umbildete.
»Schlaf, Kindchen, schlaf.«
Der Bauer horchte hoch auf. Wie weich das tönte, wie wenn eine Mutter ihr unruhiges Kind einwiegt. Ja, und dasselbe hatte ja auch seine Mutter ihm vorgesungen. Eine arme Fischersfrau in der Katenhütte am Strand. Ach er sehnte sich so nach Ruhe, sein Herz war müde und wollte schlafen, so traumlos wie damals in Mutters Schoß.
Hedwig spielte immer ernster und gewaltiger. Alle Saiten brausten, wie ein Choral tönte es jetzt, das alte Lied.
Der Pächter schauerte, unwillkürlich fiel sein Blick auf einen einfachen Silberring, den er seiner sterbenden Mutter vom Finger gezogen und seitdem an der Uhrkette trug. Verstohlen küßte er den Reif und trat hinter Hedwigs Stuhl.
Und das Brausen und Donnern löste sich, der gewaltige Orgelton verlor sich in der Ferne, wie ein süßer, gestammelter Kindergruß klang es aus.
Noch spielte sie die letzten ersterbenden Töne, dafühlte sie, wie Wilms seine Hand auf ihr Haupt legte und leise ihr Haar streichelte. – Sachte, sachte, eine scheue, zaghafte Liebkosung.
Sofort brach das Spiel ab, aber sie hob die langen Wimpern nicht auf.
Noch einmal fuhr er ihr leicht über die Flechten, dann – ihr stockte das Herz – dann fühlte sie, wie er ihre Hand ergriff und sanft einen silbernen Ring an ihren Finger schob.
»Da, Heting,« sprach er weich, »du hast so schön gespielt – ich schenk’ ihn dir – er is von meiner Mutter.«
Sie zuckte krampfhaft zusammen, blickte mit ihren braunen, ernsten Augen zu ihm empor und wollte etwas erwidern, aber die Zunge war ihr wie gelähmt. Nur eine düsterrote Glut stieg ihr langsam über Hals und Wangen.
Da wurde plötzlich seine Hand, die noch liebkosend auf ihren Haaren ruhte, drückend und schwer, als ob sie sich in Eisen verwandele.
Hedwig hätte aufschreien mögen, so schmerzte es sie.
»Was ist dir, Schwager?«
Oh, es bedeutete nur eine Kleinigkeit, fast gar nichts; es war nur unheimlich, die hervorquillenden Augen zu sehen, die unverwandt auf das Bett starrten. Ganzzufällig war der Blick des Pächters über das reinlich zugedeckte Lager geglitten und da, – da wurde eben seine Hand so schwer, als würde sie Eisen.
In dem Bett lag Else, schattenhaft, abgemagert, blaß und streckte die Arme nach dem Manne aus, der ihre Schwester streichelte.
»Wilms,« rief Hedwig entsetzt und sprang auf. Ihre kräftige Stimme verscheuchte den Spuk.
»Ja, ja – Hedwig – willst du etwas?«
»Um Gottes willen, Schwager – was ist dir? – fühlst du dich krank?«
»Nein – ich? bewahre – mir war nur so – seltsam. – Ich glaubte – es ist lächerlich – mir kam es vor, als läge Else mit einemmal dort drüben in ihrem Bett,« murmelte er einfach, und doch mit hervorbrechendem inneren Entsetzen.
»Else?« stammelte das Mädchen.
Beide starrten sich an, beide versuchten ein Lächeln zu erzwingen, aber die Furcht schüttelte sie, wie wenn ein kaltes, graues Gespenst zwischen ihnen stände.
Das war das erstemal, daß es sie auseinander trieb.
Der Landmann faßte sich zuerst. »Wollen ein Ende für heute machen,« ermannte er sich kurz – »es ist schon spät – gute Nacht, mein Kind.«
Sie reichten sich wie immer die Hände. Die Finger des Mädchens waren eiskalt. Dann trat Wilms an den Baum und löschte die Lichter aus.
Es wurde immer dunkler und dunkler, gleichgültig sah Hedwig zu, wie ein Flämmchen nach dem anderen unter seinen Fingern erstarb, zuletzt brannten nur noch die Kerzen zu beiden Seiten des Instrumentes.
»Gute Nacht,« murmelte Wilms noch einmal, dann hatte er das Zimmer hastig verlassen.
Hedwig war es, als müßte sie ihm nacheilen, sich in seine Arme werfen und Schutz suchen, Hilfe gegen die Traumgestalt dort in dem Bette, das auch sie jetzt aufnehmen sollte.
Wenn sie das Phantom dann ebenfalls bemerkte, wenn es neben ihr läge und sie mit dürren, weißen Armen umfing, um sie zu würgen!
»Warum?«
»Weil du denselben Mann begehrst, der mir gehört – mir.«
Einen leisen Angstschrei stieß Hedwig aus.
»Gib mir den Ring,« klagte es neben ihr weiter. »Er gebührt dir nicht!«
»Licht – Licht.«
Mit zitternden Händen entzündete Hedwig die große Stehlampe und blickte sich um. Rings lagalles friedlich und still, alles in den traulichen Schein der Lampe getaucht. Jetzt lächelte Hedwig und setzte sich an den Tisch, aber es war ein müdes, herzzerreißendes Lächeln, und als das Mädchen den Reif an ihrem Finger fühlte, war es ihr, als ob er sie stäche.
»Weißes Silber bedeutet Tränen, sagen die Leute,« dachte sie.
Ermattet schritt sie wieder zum Klavier und ließ noch einmal die Finger über die Tasten eilen. Leise drangen die Töne durch das Haus, und Wilms, der oben in seinem Bett den Kopf gegen die Wand preßte und den Schlummer herbeiflehte – ihn umschmeichelte plötzlich die liebe, alte Melodie, das Lied, mit dem ihn seine Mutter schon eingesungen hatte:
»Schlaf, Kindchen, schlaf.«
Aber es hatte seine Zauberwirkung verloren. Er fand keine Ruhe mehr, sondern dachte unausgesetzt an das wunderbare, schöne Weib, dem er den Silberring geschenkt.
So endete der Weihnachtsabend in Wilmshus.
»Komm, Hedwig – willst du nicht mit in die Kirche?« fragte am nächsten Morgen der Pächter, indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig vor dem Fenster saß und las.
Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt und blaß aus, und auch der Pächter mißfiel ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die Tracht ließ ihn altfränkisch, kleinbürgerlich erscheinen. – Früher, in dem Pensionat würde Hedwig über eine solche Figur gelacht haben.
Was war nur aus ihr geworden?
»Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht in die Kirche begleiten?« wiederholte der Landmann dringender. Ihm erschien der Kirchgang am ersten Feiertag als selbstverständlich.
Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr gestern geschenkt, und lehnte dann seine Aufforderung mit kurzen Worten ab.
»Du willst nicht?« stotterte Wilms, als wenn er es nicht glauben könne.
Das Mädchen tippte auf ihr Buch und schüttelte den Kopf. »Geh nur allein, Schwager. In der Kirche ist es mir zu voll. Die vielen Leute stören mich dort.«
»Stören dich?«
»Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen, weißt du, der Gott, an den ich glaube, der kümmert sich um das Singen gar nicht.«
Verständnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie der Pächter an. Eine tiefe Trauer zog allmählich über sein ehrliches Gesicht. – Sie war so schön, wenn sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und erwiderte kleinlaut:
»Ich hab’ dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht – – ich wußte ja nicht, daß du – daß du so gesonnen bist – – und also –« er drehte das kleine Buch hin und her, »du begleitest mich also nicht?«
Es sprach soviel schwermütige Bitte daraus, daß Hedwigs Herz unwillkürlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altväterlichen Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um.
Ihre heftig brennende Neigung kam ihr plötzlich wie ein Traum vor. Nach Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend etwas, was sie noch nicht kannte, – und nun dieser schwarzgekleidete, unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphäre von dumpfer Kirchenluft.
Sie erwachte förmlich. Die Stunde in dem Pensionsstübchen fiel ihr ein, – und – –
»Nein, ich gehe nicht,« entschied sie entschlossen.
Wilms nickte und ließ noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen. »Wie du willst. – Dann ruh’ dich hier aus, Heting. Und wenn ich wiederkomm’, singst du wieder so schön wie gestern.«
Er konnte ihr Erröten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurückhalten wolle.
Langsam schritt er über den Hof in den klaren Wintertag hinein, während das Mädchen ihm durch das Fenster ernst und düster nachschaute.
In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichenstühlen blieb ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else früher gesessen, und der Pächter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.
Wie silberhell würde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz gerührt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an Haupt, aus dem kleinen Büchlein die Psalmen verfolgt hätten. Und nun – – – die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schöne, junge Geschöpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand.
Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch höhere Scheidewand aufrichte – aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst des Herrn nicht, keine Tröstung fand er in den Worten des kleinen Pastor Schirmer, immer wieder beschäftigten sich seine Gedanken mit dem Mädchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn.
Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besaß auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und küssen und immer wieder küssen wollte, sein Heiland war ein Mädchen, das ihn fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.
»Wirf die Last von dir,« zuckte es durch seine Sinne.
Hatte es der Pastor gesprochen? – War es ein Bibelwort? – Er wußte es nicht.
Als Wilms seine Schwägerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher versetzt hätte. Ihr war plötzlich alles zu eng und dumpf. Die entsetzliche Angst von gestern drückte noch auf ihr Gemüt, ihr dämmerte es, als wäre sie bis jetzt von einem häßlichen Zauberschlaf umsponnen worden.
»Luft – Licht.«
Sie spähte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr ärmlich vor.
Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Draußen blitzte und funkelte die Landschaft. – Die dickbeschneiten Bäume der Straße sahen wie ungeheure, weiße Korallen aus.
Das Mädchen befiel ein ungestümer, heißer Drang, dort draußen hinzustürmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu betätigen. Ja, sie wollteebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann hinfliegen auf der glatten Bahn, das würde sie wieder gesund machen.
Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames Pelzjäckchen geschlüpft, hatte sich ihr keckes Barett aufgesetzt und lief jetzt über den einsamen, menschenverlassenen Hof.
»Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen Hause.«
Jedoch sie täuschte sich.
Vor dem Stall saß der alte Krischan, der Zauberer des Hofes, und zitterte vor Frost oder vor Schwäche. Neben ihm hielt der Rabe seinen beständigen Schlaf und zitterte ebenfalls.
Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch.
»Alterchen,« befahl sie, »holen Sie mir mal den Schlitten aus dem Stall und das braune Handpferd dazu.«
Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und grinste sie an.
»Willen dat Fräulen utführen?« hustete er.
»Ja, und nun schnell.«
Allein der Greis hatte nicht gehört, oder wollteden Befehl nicht ausführen. Langsam schlich er zur Seite und schüttelte den Kopf.
Das Mädchen blickte ihn an: »Was soll das heißen? Haben Sie mich denn nicht verstanden?«
Der Alte schüttelte wieder und steckte die Hände in die Hosentaschen. Dann begann er von neuem zu zittern, wie ein Knochengerüst, das im Winde klappert.
Ein widerwärtiger Anblick.
Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht an den häßlichen Alten heran und sagte scharf und bestimmt:
»Christian, es wird Zeit, daß Sie vom Hof herunter und in das Gemeindehaus kommen. – Verstehen Sie mich? Hier können Sie nichts mehr leisten, dort dagegen können Sie sich ausruhen. – Mein Schwager wird Sie beköstigen. Wollen Sie?«
Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte, kaute weiter und murmelte gelassen:
»Ick bliew hier. Se sünd nich de Fru. Se hewwen hier nix tau seggen.«
»Was?« entgegnete Hedwig erblassend, »das wird sich finden.« Mit schnellem Atem betrat sie den Stall, wo sie einen Hofjungen fand, der sein flachsblondes Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war. Sie rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine,blaue Schlitten bald herausgehoben und mit dem schönen braunen Pferde bespannt.
Hedwig setzte sich hinein.
»Aber der Kutscher is in die Kirche,« meinte der Junge.
»Schadet nicht – ich fahre allein – adieu!«
Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter.
Windschnell ging es über die weiße Landstraße. Die kleinen Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele zu erspähen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein genoß jetzt die weiße, blitzende Landschaft.
Wie ihre Wangen sich röteten, wie die Augen vor Lust und Freude blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder die Hedwig von ehemals.
Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Gläubigen gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Männern und Frauen. Ihr war es auch, als hätte sie auf der Portaltreppe ihren Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinübersah.
Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so daß das kleine Gefährt wie ein Gedanke vorüberschoß. Sie wollte einmal allein sein, alles vergessen, alles abschütteln.
»War sie’s? – War sie’s nicht?« dachte Wilms und strengte seine Augen aufs äußerste an. »Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,« beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer heftiger. Mächtig schritt er aus, um heimzugelangen.
Währenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures, erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die Grenzbüsche und die kleinen eisbereiften Tannenschläge schienen enorme Sturzwellen, die in der Höhe festgebannt waren. Nur leichte Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.
Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gönnte ihrem dampfenden Braunen jetzt größere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstraße liegendes Gasthaus erreicht hatten, das man in dortiger Gegend »Krug« nennt.
Hier warf das Mädchen dem Braunen eine Decke über, stieg ab und betrat die niedrige weißgetünchteGaststube. Ein kolossaler Kachelofen verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weißgescheuerter Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefüge Stühle davor, sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglänzendes Ledersofa und mehrere Öldruckbilder, welche glückliche Familienszenen darstellten, das Meublement der verlassenen Gaststube.
Und verödet blieb sie noch eine Weile. Hätte nicht eine unsichtbare Klingel bei Hedwigs Eintritt hell geläutet, die Krugwirte würden überhaupt nichts von ihrem Besuch erfahren haben.
So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines blasses Weib, an deren Röcken sich zwei Kinder festklammerten, während es ein drittes, einen Säugling, auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs Wunsch, ein Glas Milch zu bringen.
Hedwig ließ sich an dem weißgescheuerten Tisch nieder, streifte sich die Handschuhe ab und sah durch das kleine pappgeflickte Fenster der Gaststube auf das blinkende Feld hinüber.
Draußen stand ihr Brauner, schüttelte sich und wieherte laut.
Das gab ihren Gedanken die Richtung.
»Am besten wär’s,« überlegte sie sich, »ich bestieg wieder den Schlitten, und dann rasch, weit fort vonhier in die Stadt und von dort wieder weiter, viel weiter, wo ich nichts mehr höre von alledem, was ich hier zurückgelassen. O, es wäre so gut, wenn ich jetzt ginge, bevor – ja bevor irgend etwas Schlechtes sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich weiß nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus, so ansteckend, ich wünschte, ich wäre nie dort eingekehrt. – Warum mir das heut wohl gerade einfällt?«
Sie stützte den Kopf in beide Hände und saß eine Zeitlang regungslos. Das eiserne Blech vor dem Ofen knackte und bog sich regelmäßig hin und her. Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen hinein. Hinten auf dem Hof des Hauses schienen mehrere Männer miteinander zu sprechen.
Das Mädchen regte sich. Sie war also nicht allein hier? Auch brachte die Krugwirtin das Verlangte noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel frische Milch vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte sich, ob sie noch andere Gäste beherberge.
»Nein, Fräulein, mein Mann hat bloß Besuch. Wir woll’n Pferd verkaufen.«
Damit ging sie wieder hinaus.
Aber während Hedwig an dem Glase nippte,wurde draußen wiederum die Flurtür geöffnet, und das Mädchen hörte eine kräftige Männerstimme sprechen.
Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte. Allein sie vernahm nichts mehr. Das laute Gespräch hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen. Rasch schritt sie zur Tür und rief die Wirtin: die erschien auch bereitwilligst mit ihrem Säugling auf dem Arm und wischte mit einem Tuch den Tisch sauber.
»Nun, ist das Pferd schon verkauft?« fragte Hedwig.
»Ja, sie sind woll schon einig.«
»Wer ist denn der Käufer?«
»Je, ich kenn’ ihm auch nich. Mein Mann sagt ja woll ›Herr Graf‹ zu ihm.«
»Graf?« stotterte die andere erblassend, »vielleicht Graf Brachwitz?«
»Ja, so kann er woll heißen,« antwortete die Wirtin gleichgültig und trocknete sich die Hand ab, um die Bezahlung entgegenzunehmen.
»Hier, liebe Frau, hier haben Sie – – hier haben Sie.« Hedwigs Bewegungen wurden immer hastiger. Vergeblich durchwühlte sie ihre Taschen, ohnejedoch ihr Portemonnaie finden zu können. Wahrscheinlich hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt überhaupt vergessen, Geld zu sich zu stecken.
»Na, das schad’t ja nich,« tröstete die Krugwirtin verwundert, »das Fräulein schickt mich’s dann.«
»Ja, ja, ich schicke es Ihnen.«
Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte hinauseilen. Mit hastigen Fingern rückte sie es sich zurecht, da schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren Schlitten hinausführte.
Jetzt hoffte das Mädchen nur noch, daß der Mann, dem das Roß dort draußen gehörte, an der geschlossenen Tür der Gaststube vorübergehen würde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tür wurde aufgemacht, ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmütze, guckte herein und rief gutmütig:
»Sie, Frau Wirtin, ich hab’ doch noch die paar Taler zugelegt – wir sind jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn’s nicht wirklich eine Whalebonestute ist. – Na, guten – – –«
»Morgen,« wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf die Dame, die ihm zuvor den Rücken wandte, deren Gestalt ihm aber so einzigvorkam, daß er sie sofort erkannte. Da erblaßte auch er und verlor die Herrschaft über sich. Allerlei Entschlüsse fuhren ihm wild durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er es doch noch einmal wagen, vor das schöne Mädchen, das er so beleidigt hatte, hinzutreten?
Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tür wies?
Er starrte ungewiß auf sie hin und merkte, daß über ihre abgewandte Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kämpfe. Plötzlich kehrte sie sich hastig um. »Wie gesagt, ich habe das Geld vergessen – ja, ich – ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau,« brachte sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu äußern, und schritt rasch auf die Tür zu, auf deren Schwelle ihr Bedränger von ehemals noch immer verharrte.
Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drückte sich soviel Trotz, Kraft und Selbstbewußtsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so eigenartig schön, daß Brachwitz vollkommen überwältigt zurücktrat und die Mütze vom Kopf riß.
»Guten Morgen,« murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, während sie an ihm vorüberschritt.
Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dannauf die Landstraße hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog umgehängt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so daß er dem Mädchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehängten Blechbüchse wieder zu befreien.
Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen, in der Eile überhastete sie alles. Auch die Decke konnte sie nicht schnell genug zusammenfalten.
Am liebsten wäre sie zu Fuß durch den Schnee davongerannt.
Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf den niedrigen Stufen des Gasthauses und beobachtete das Treiben des Mädchens eine Zeitlang gespannt. Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat ihm ehrlich leid, daß Hedwig eine so schlechte Meinung von ihm hatte, und er verwünschte sein ungestümes Blut, das ihn damals zu dem offenbaren Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er zu Hedwigs Braunem, nahm unbeirrt von ihrem Zurückweichen dem Tiere den Trog ab, dann faltete er die Decke und trat höflich an den Schlitten, den Hedwig inzwischen ratlos bestiegen hatte.
»Darf ich die Decke hier hereinlegen?« murmelte er kleinlaut.
Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den wollenen Fries leicht über die Füße warf.
»Keinen Kutscher?« fragte er dann erstaunt, während er ihr die Zügel in die Hände gab.
»Nein,« versetzte sie fest, »ich fahre selbst.«
Sie hob die Peitsche.
Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz auf die Schwelle des Schlittens getreten. »Ich möchte Sie bitten – gnädiges Fräulein, daß Sie mir die Zügel überlassen,« bat er leise und verwirrt.
Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig.
Hedwig wandte ihre großen, braunen Augen auf den hübschen Menschen. Ihr Blick war seltsam. Es schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen. Und nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit zitternder Stimme:
»Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz, ich muß Ihre Begleitung bestimmt ablehnen. – Ein für allemal.«
»Ein für allemal?« wiederholte er.
»Vorwärts!«
Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand des Grafen legte sich sanft auf den Griff.
Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer atmend auf.
»Liebes Fräulein,« bat er dringend, »ich bitte Sie – bitte Sie von Herzen – hören Sie mich doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu – – nun ja, zu rechtfertigen. Darf ich denn nicht, wenn Sie mich nicht bei sich im Schlitten dulden wollen, wenigstens nebenher gehen, natürlich nur so lange es Ihnen gefällt, langsam zu fahren? – Ich möchte doch gar zu gern Ihre Verzeihung erhalten, darf ich?«
Er ergriff die Zügel seines Pferdes, und da Hedwig nichts antwortete, so hielt er es für Zustimmung und schämte sich nicht, zu Fuß neben dem langsam gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit sich zu führen.
Hedwig selbst kam es wie eine Art Bußwanderung vor, als wenn der junge Mann, der sie so beleidigt hatte, sich allein demütigen wollte. Mit Interesse blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment aber fiel ihr ein, wie heiß und wahnsinnig dieser fremde Mensch sie schon einmal geküßt hatte. Das empörte sie plötzlich wieder so ungestüm, daß sie der Szene ein Ende zu machen beschloß.
»Was wollen Sie also von mir?« forschte sie hart.
»Endlich Ihre Verzeihung erlangen,« erwiderteder Graf treuherzig. – »Ich schäme mich aufrichtig, daß ich so häßlich gegen Sie gehandelt habe; Fräulein Hedwig – gnädiges Fräulein, wollen Sie mir nicht die Versicherung geben, daß Sie mir nicht mehr zürnen?«
»Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung, daß damit unsere Unterredung zu Ende ist, und sich unsere Wege nie mehr kreuzen.«
»Nie mehr?«
»Nein.«
»Und warum nicht?«
»Das wissen Sie doch – weil es zwecklos wäre, Herr Graf.«
Sein dunkles Gesicht färbte sich höher, er sah sie voll an und empfand wieder ihre Schönheit. Leicht seufzte er auf und legte die eine Hand auf die Lehne des Schlittens.
»Sie haben recht,« gab er endlich in sich gekehrt zu, und über seine frischen, offnen Züge legte sich ein Schatten. »Ach, Unsinn, Fräulein Hedwig, ich muß es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander handeln. Es ist tatsächlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen wirklich gut war – nein, werden Sie mir nicht böse, Ihnen war ich wirklich gut, wenn ich Sie auch in meiner Tollheit geradezu mißhandelt habe, ich unterschätzteSie vielleicht – – aber das ist es nicht allein –«
»Nun, aber?« fragte das Mädchen hastig. Ihr Herz klopfte. Unvermittelt blitzte es ihr auf, als ob dieser junge Aristokrat, der ihr eben so treuherzig seine Liebe gestand, die Hände ausstrecken würde, um sie vor dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. »Nun, aber?« kam es zitternd über ihre Lippen. »Was wollen Sie mir noch mitteilen?«
Sie wußte jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte gerettet werden.
»Aber,« murmelte er widerwillig und riß an dem Zügel seines Pferdes – »man hat mich da vorige Woche in der Hauptstadt verlobt.«
»Sie?«
Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich ihren Wangen. Und doch durchschauerte sie es nur deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom Schicksal zum Untergang bestimmt hielt.
»Und wer ist Ihre Braut?« wollte sie stammeln, aber in demselben Augenblick hatte sie ihrem Braunen mit voller Wucht die Peitsche versetzt, das Tier zuckte in die Höhe und raste dann in voller Wut mit dem Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaumhörte sie noch, was ihr überraschter Begleiter ihr nachrief.
Mit aller Kraft riß und zerrte sie an den Zügeln, jedoch sie hatte ganz die Gewalt über das schäumende Tier verloren. Wie jagende Traumbilder schossen Bäume, Häuser und Menschen an ihr vorüber, die vorübersausende Luft nahm ihr den Atem.
In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte nicht gefunden. Er fragte den alten Krischan. Der zuckte die Achseln und wies auf die Landstraße hinaus.
»Da is sie fortgefahren, Krischan?« forschte Wilms betroffen – »allein? Saß sie nicht im Schlitten?«
Der Alte nickte und schlotterte weiter.
»Fort?« murmelte Wilms, während er in sein Haus zurückschritt. Und er hatte sich so gefreut, mit ihr zusammen zu sein. Das einsame große Zimmer schien ihm ohne sie unwirtlich. Als das Mädchen nach einer Stunde nicht zurückgekehrt war, warf er sich in seine gewöhnliche Joppe, band den Hofhund los und wanderte die Landstraße nach Boltenhagen zu.
In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise, in denen sie gefahren war. Wilms Herz zogsich zusammen. Da er das Mädchen jetzt schon entbehrte, wie sollte es werden, wenn sie ihn gänzlich verließ, sobald sein Weib zurückgekehrt war?
Kurz vor Boltenhagen hörte er etwas über die Chaussee klingeln. Der ferne Punkt, den er wahrnahm, wurde größer und größer, schon vernahm er das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes.
Er sprang zur Seite.
»Halt!« rief er mit harter Stimme den Anstürmenden entgegen.
Hedwig sah ihn, hörte ihn, aber dem Durchbrenner konnte und wollte sie keinen Einhalt tun. Nur vorbei, nur nicht gefragt werden, nur weiter sich austoben können, hart begleitet von der Gefahr.
Schon waren sie nahe.
»Halt,« schrie Wilms noch einmal.
Sein ganzer Kopf rötete sich. Er hielt dieses Vorübersausen für beabsichtigt, um ihm zu entgehen. Schon heute früh war sie an der Kirche so vor ihm entflohen.
»Ich bin’s, Hedwig,« brüllte er noch einmal.
Keine Antwort.
Immer näher.
Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem Bauern. Er springt vor, seine gutmütigen Augendrohen, ein mächtiger Faustschlag trifft das Pferd vor die Stirn, daß es hoch in die Höhe steigt. Der Schlitten wird umgeschleudert und das Mädchen schlägt hart in den Schnee, wo es mit weitaufgerissenen Augen liegen bleibt, als hätte sie der Blitz getroffen.
»Wilms,« murmelt sie betäubt.
Er hob sie auf, und noch halb über sie gebeugt, gurgelte er heiser vor Aufregung: »Hedwig, dir is doch nichts? Sag’ doch, Heting, dir is doch nichts?«
Er wußte gar nicht, was er getan hatte.
»Nein, nein – Wilms, ich will nach Hause.«
»Ja, wir wollen nach Hause, Heting,« brachte er bestürzt heraus, »komm’, ich heb’ dich in den Schlitten.« Und während er das Mädchen in das wieder aufgerichtete Gefährt niederließ, befühlte und betastete er sie ängstlich, ob sie auch keinen Schaden genommen hätte.
»Heting, sag’ mir bloß, wo bist du denn gewesen?«
Allein sie saß wie erstarrt.
»Frag’ mich jetzt nicht – ich will nach Haus.«
»Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht fragen,« gab er sofort nach. »Aber nicht wahr, Heting, dir fehlt doch nichts?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Dann kommt es bloß vom Schreck,« tröstete er sich und sie. Er nahm neben ihr Platz, ergriff die Zügel, und der gebändigte Braune begann folgsam im Trabe zu laufen.
Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Gedankenlos saß Hedwig neben dem Pächter und hörte auf das Läuten der Glöckchen. Nur einmal stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt das Tier jeder Bewegung des Lenkers folge, das vorher so wild gewesen.
Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite und merkte, daß seine Augen gleichfalls auf ihr hafteten, voller Angst.
Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er das Pferd zurückgeschlagen hatte.
Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe sie selbst der Faustschlag getroffen.
Was sollte daraus noch werden?
Es war ihr, als hätte er damit auch sie gebändigt.
Und die Erkenntnis, daß sie langsam unterlag, rührte ihr ganzes Wesen auf.
Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt, so setzte sich Hedwig völlig erschöpft in eine Sofaecke und begann plötzlich heftig zu schluchzen. Wilms sah bestürzt, daß all ihre Glieder bebten und zitterten wie Grashalme, über die der Sturm rauscht.
»Heting – liebes Heting,« murmelte er und fuhr ihr unbeholfen über das Haar. – »Bist du krank? – Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?«
Immer heftiger flossen ihre Tränen. Wie ein plötzlicher Regenhusch, der das Gewitter anzeigt.
»Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist noch böse auf mich von vorhin?«
Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten gestürzt.
»O nein.«
Sie schüttelte den Kopf und drückte krampfhaft seine Hand.
»Wilms – ich bitte dich, Schwager,« flüsterte sie dringend. »Geh’ jetzt hinaus und laß mich allein – ganz allein – nicht wahr, du tust mir den Gefallen?«
»Natürlich, Heting, ich tu’ ja alles, was du willst,« erwiderte der Landmann. »Bloß sag’ mir noch, bist du vielleicht ungehalten, weil ich heute ohne dich in die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht für recht hältst, dann will ich ja überhaupt nicht mehr hingehen.«
Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung, und der Pächter schritt schwer und erschüttert hinaus. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchrüttelt und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo sie ihren Kopf in die Kissen grub.
»Schwester – Schwester,« murmelte sie halb betäubt vor Seelenangst.
Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung auf dem Hof hin und her. Und immer wieder richteten sich seine überbuschten Augen auf das Fenster, hinter dem früher seine kranke Frau gelegen hatte und ihm Qual bereitete. Jetzt spähte er nach der gesunden Schwester.
Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich.
Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte nicht, über ihm schwamm der Schneehimmel und spie keine Feuerballen aus, um ihn herum ragten Haus und Scheunen festgefügt wie sonst, und doch brütete der Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte, über eine der Todsünden nach.
»Gedankensünden,« hatte der Pastor einmal gesagt, »Gedankensünden.«
Es sollte noch schlimmer kommen.
Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und händigte ihm einen Brief aus. Er enthielt eine Einladung für den heutigen Abend zur Försterfamilie. Die Försterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift geschrieben.
Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer trat, fand er seine junge Schwägerin am Nähtisch emsig mit einem Brief beschäftigt.
»An wen schreibst du, Heting?« fragte er zaghaft.
Sie blickte mit trübem Lächeln zu ihm auf. »An Else,« antwortete sie stockend.
Der Pächter stutzte. »An meine Frau?« wiederholte er düster und blickte zu Boden.
»Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt.« Sie senkte dabei das Haupt, schrieb noch ein paarZeilen und übergab Wilms dann den geschlossenen Brief zur Besorgung.
Eine drückende Stille trat ein, wie sie jetzt immer entstand, wenn der Entfernten zwischen beiden Erwähnung geschah.
»Wann sie wiederkommt,« dachte der Landmann mutlos. Er reckte sich. »Ist dir bange nach ihr, Heting?«
Es sollte gleichgültig klingen, aber seine tiefe Stimme bebte leicht.
Zitternd wandte sich das Mädchen ab und antwortete nicht.
»Nur von etwas anderem sprechen,« dachte Wilms, »von etwas anderem.« Da erwähnte er die Einladung, die er eben erhalten. Natürlich würde Hedwig ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Blässe, und sie hatte noch eben über ihr Befinden geklagt. Aber zu seinem Erstaunen rief sie erregt: »Ja, wir wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.«
Kopfschüttelnd blieb er zurück.
Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter in demselben Schlitten, den Hedwig heute vormittag benutzt hatte.
In dem gemütlichen Försterhäuschen mitten im Walde ging es hoch her. Vielstimmiger Gesang,Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon bei ihrer Ankunft. Der Förster hatte von der benachbarten Akademie mehrere Forsteleven, selbst einen Assessor eingeladen. Der hatte seine Geige mitgebracht zur Verschönerung des Festes. Auch des Pastors Töchterlein war da.
In einer der braungetäfelten Stuben mit den vielen Hirschgeweihen brannte noch der Tannenbaum. Darunter saß das blonde Töchterchen der Forstleute in seinem Wägelchen und streckte die Arme nach den Lichtern aus.
Hedwig nahm das Kind in die Höhe und küßte es. Als sie sich umwandte, stand Wilms hinter ihr, dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr ruhten.
Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: »Warum gehört mir dieses schöne Weib nicht und dieses Kind?« Langsam fuhr er sich über die Stirn und ging zu den Männern.
Es wurde spät.
Der Abend verfloß in lauter Fröhlichkeit.
Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof gemacht, Paula Schirmer schmiegte sich an sie, sie mußte singen. Zum Schluß spielte der Forstassessor zum Tanz auf. Da war es selbstverständlich, daß das Mädchen von einem Arm in den andern flog.Nur Wilms stand ernsthaft beiseite, er hielt es für unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in der Klinik weilte.
Stirnrunzelnd überkam es ihn, als ob seine Jugend in Trauer verfließe. Und wie anmutig Hedwig tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu wild erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag dann etwas Rasendes darin.
Er schüttelte den Kopf.
»Hören Sie auf, Fräulein Hedwig,« mahnte auch die Försterin, »sonst wird es zuviel.«
Sie zog das Mädchen mit sich fort und stäubte ihr in ihrem Schlafzimmer etwas Kölnisches Wasser ins erhitzte Gesicht.
»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte sie dabei.
»Das weiß ich nicht,« versetzte Hedwig geistesabwesend.
Die Försterin starrte sie an. Sie merkte, daß die Erregung ihres jungen Besuches unnatürlich sei. Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu haben.
»Wissen Sie schon, daß sich der junge Graf Brachwitz verlobt hat?« forschte sie gespannt.
»Ja, ich hörte schon davon,« nickte Hedwig gleichgültig und wollte wieder zu den andern.
Die Försterin verstand nicht, was sie aus ihrmachen sollte. Sie hielt das Mädchen am Arm fest und klopfte ihr fast mütterlich die Wangen. Eine Regung des Mitleids überkam sie für dies schöne, fiebernde Geschöpf. Wenigstens einen guten Rat wollte sie ihr erteilen, geschöpft aus den Erfahrungen einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig kam es heraus: »Fräulein Hedwig, ich wollte schon immer einmal mit Ihnen darüber sprechen. Bleiben Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager in Wilmshus. – Hören Sie?«
»Warum?« wandte sich Hedwig ruckartig um.
Sie war leichenblaß geworden, nur die braunen Augen glänzten und funkelten wie feurige Kohlen.
»Weil,« fuhr die Frau eindringlich fort, »die Lästerzungen in der Umgegend sich schon darüber aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch nichts daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem Wege.«
Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut schoß ihr zum Herzen, es war ihr so weh, daß sie laut hätte schreien mögen, denn sie fühlte, daß sie jetzt den Scheideweg erreicht habe.
»Liebe Frau Annchen,« sprach sie dennoch straff aufgerichtet, obwohl die vollen Lippen in dem bleichen Gesicht bebten, so daß ihr Gegenüber nur mit Müheihre Worte verstand. »Solch müßiges Geschwätz ist mir gleichgültig. Ich tue das, was ich für recht halte, und scheue niemand.«
Damit riß sie sich heftig los und ging in der großen Stube mitten durch die Fröhlichen hindurch, gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz aufzufordern.
Die Försterin wurde rot vor Unwillen, als sie es sah, und flüsterte aufgeregt mit ihrem Manne.
»Heting,« sprach Wilms betreten, »ich möchte nicht gern. Solange Else fort ist – –«
Sie achtete nicht darauf. »Komm, Schwager, – wenn ich dich bitte?«
Dabei sah sie ihn an mit ihren fieberigen Augen so heiß, so flehend, als ob er ihr damit das Leben retten könnte, als ob ihr ganzes Dasein an diesem einen Tanze hing.
Da schlug es auch über ihm zusammen. Weib – Ruf – die Furcht vor dem Gerede, alles ging unter in dem einen Wunsche, dieses lebenstrotzende Wesen einmal umschlingen und forttragen zu dürfen.
Er packte sie, gewaltsam, verzweiflungsvoll, als wollte er sie an seiner Brust zerpressen.
»Bravo,« riefen der Forstassessor wie die Eleven und ließen ihre Instrumente noch lauter jubeln. Undunter Geigenspiel und Trompetenklang schwenkte er sie herum, schwer, wuchtig, als ob es sich um Leben und Tod handele.