Er sah auf sie herab.Ihr Gesicht war schmerzverzogen, ihr Atem ging stöhnend, wie wenn sie mit jedem Schritt über spitze Messer dahinglitte, und doch lag sie eng und voll in seinen Armen, daß er gänzlich die Besinnung verlor.»Süßes, liebes, Heting,« flüsterte er.Sie zuckte zusammen und schloß die Augen.Da war auch der Tanz zu Ende, sie trennten sich hastig und kamen erst wieder zusammen, als man aufbrach.»Adschö auch.«»Auf Wiedersehen.«Die Förstersleute versprachen bald auf Wilmshus vorzusprechen. »Wenn Ihre Frau erst zurück ist, Wilms,« meinte der Förster, »das ist doch jetzt bald.«»Ja, das ist bald,« bestätigte Wilms überstürzt, »das ist bald.«Wieder saßen sie im Schlitten, der Landmann hatte ein Tuch um das Mädchen geschlagen, daß man fast nichts von ihr sah. Dann ging es durch den nächtigen Wald, in dem die Schlittenglocken seltsam wiedertönten.»Kling-ling – Kling-ling.«Hedwigs Haupt neigte sich leicht gegen seine Schulter. Ihr war so bleischwer in allen Gliedern, der Schlaf schien sie erdrücken zu wollen. Wie im Traum zog es ihr durch den Sinn, daß sie mit diesem Mann nicht länger allein in einem Hause bleiben solle. Aber die silbernen Schellen verscheuchten den Spuk gleich wieder:»Kling-ling – Kling-ling.«In dem dunklen Gehöft zu Wilmshus war keine Menschenseele zu erspähen. Schwärzer als anderswo lag die Nacht auf diesem Ort. Fürsorglich hob der Landmann seine Schwägerin aus dem Gefährt und sie duldete es, obwohl sie fühlte, wie seine Arme zitterten. Da erleuchtete sich die Nacht. Aus dem Hause schlürfte etwas heran, der alte Krischan schlich heraus, seinen Herrn zu empfangen, eine Stallaterne warf einen breiten Schein über den Hof. Da machte sich Hedwig ungestüm frei.Erst auf dem dunklen Flur vor der Tür des Wohnzimmers, wo sie in Elses Bett schlief, erreichte der Pächter seine Begleiterin noch einmal.Rabenschwärze herrschte hier.Zaghaft ergriff er ihre Hand und drängte sich scheu an sie.»Heting,« flüsterte er leise und berührte furchtsam ihre Schulter.»Wilms, versprich mir was.«»Alles, Heting, was du willst.«»Dann soll Christian aus dem Hause und ins Altenheim.«»Ja, dann soll er fort,« wiederholte Wilms ohne Überlegung. Halb betäubt beugte er sich zu ihr hinab.Und derselbe schlürfende Greis, den sie eben verleugnet hatten, bewahrte die beiden, die nicht mehr gerettet sein wollten, zum letzten Male.An der Schwelle klapperten seine hölzernen Pantoffeln, in den Flur ergoß sich matter Lichtschimmer, eben als Hedwig, die gegen die Tür lehnte, fühlte, daß der Boden unter ihr zittere und schwanke und daß sie in jene Arme stürzen würde, die nach ihr tasteten.»Gute Nacht, Wilms,« stotterte sie auffahrend.»Ach, gute Nacht, Heting,« klagte der Pächter und starrte sinnlos auf die Tür, die sich rasch hinter ihr schloß.Der Alte war unterdes vorüber geschlichen und hatte seine Schlafstelle aufgesucht. Stille, webende, undurchdringliche Nacht umgab den Einsamen wieder.Er horchte und lauschte.Kein Laut regte sich mehr, alles schlief, nur er stand noch wie ein Dieb und wollte stehlen.Dort drinnen also, dort drinnen.Er wußte, es war unverschlossen.Die grobe, arbeitsgewohnte Hand reckte sich aus nach der Klinke, aber über dem Messing, in der Luft blieb sie, wie auf einer unsichtbaren Mauer, liegen.Das vermochte er nicht. Das wagte er nicht. Der Frost schüttelte ihn, daß ihm die Zähne klapperten. Er schlug die Hände vors Gesicht und stieg wie vernichtet und zerbrochen in seine Kammer hinauf.Er hatte einen schlimmen Traum.Da sah er sein Weib auf der Totenbahre liegen, gelb und wächsern. Sie war endlich gestorben. Fröhlich tönten Geigen und Trompeten dazu, und er selbst hatte Hedwig im Arm und tanzte jauchzend mit ihr um den Sarg herum und küßte sie auf den Mund. Die Leiche aber lag im Brautkleid und öffnete die Augen und Pastor Schirmer predigte über ihr: »Wirf die Last von dir. Sei mutig.«Er wälzte sich im Schweiß und schrie so laut auf, daß er erwachte.VII.So war der Winter hingeschwunden.Der Schnee schmolz. Frühlingsstürme bogen und peitschten die Pappeln der Landstraße, in allen Lachen spiegelte sich blendender Sonnenschein, an den Birkenbüschen begann es grün zu schimmern, und an einem frischen Morgen vernahm Hedwig, die barhäuptig auf dem Hof stand, rauschenden Flügelschlag vor ihren Ohren, so daß sie danach ausschauen mußte.Mit lautem Gezirp umkreisten die Hausschwalben das Dach und suchten ihr Nest.Das Mädchen, das ganz sonnenüberglänzt dastand, legte die Hand vor die Augen und blickte hinauf. Ja, es wurde wahr, der Frühling zog wieder ins Land. Sie wohnte nun bald ein Jahr in diesem Gehöft.Und noch immer war Else nicht zurückgekehrt.Von Woche zu Woche zog es sich hin. Immer trat wieder etwas dazwischen, Monate wurden daraus. Wenn Hedwig dem Pächter nicht noch einmal von ihrem Erbteil vorgestreckt hätte, er hätte die Pensionder letzten Wochen nicht bestreiten können. Zumal er jetzt alles Vorhandene zur Saatzeit brauchte. Das zog ihm die Stirn oft sorgenvoll in Falten, aber Hedwig hatte ihm die Summe aufgedrängt, ungeduldig, stürmisch. Da hatte er sie genommen. Sie gehörten ja zusammen, das Gedächtnis an Else wurde jetzt seltener. Zwar langten wöchentlich Briefe von der Kranken an, die von einer immer fortschreitenden Besserung berichteten, doch diese Mahnungen hatten das Schreckhafte verloren und schienen aus unbestimmter Ferne zu stammen. Elses Gestalt wurde ihnen allmählich unpersönlich und verfloß.Dafür hatten sie sich gegenseitig immer enger aneinander angeschlossen. Wilms blickte auf die stillen Wintertage als auf die glücklichsten seines Lebens zurück. Ja, er hatte wieder ein Heim, in das er beseeligt zurückeilte. Alles war wieder fest, gemütlich, geordnet. Auch hatte er die Wintermußestunden benutzt, um von ihr zu lernen. Da hatten sie zusammen unter der großen Stehlampe gesessen und die modernen Bücher gelesen, die Hedwig kommen ließ. Selbst seine politischen Ansichten wurden durch sie geklärt. Und allmählich begann er mit anderen Augen auf Nahes und Fernes zu blicken. Die sklavische Gottesfurcht, die in dem Höchsten einen Schergensieht, einen kleinlichen Späher und Topfgucker, entschwand ihm, erst zaghaft und scheu, bald aber sicherer fing er an, nach dem Muster der Geliebten für sich selbst Gutes und Böses zu unterscheiden. Der schüchterne Mann erwachte, er erhob sich wie aus einer Gruft und sah sich erstaunt in der Welt um. Frische Luft wehte überall, dem Starken gehörte überall auch das Recht.Ja, der Krankendunst war aus seinem Heim herausgezogen.Und Hedwig liebte ihren Schüler. In dem reichen Geben und sich Mitteilen vergaß sie, daß sie sich nach ihm sehnte. Ihre verschwenderische Natur fand Befriedigung.Oft auch kam Besuch zu ihnen. Einmal die Förstersleute mit ihren Eleven, dann Pastor Schirmer mit seiner Tochter, zuweilen auch der Inspektor von Boltenhagen, sehr oft der schmeerbäuchige Kreisphysikus aus Grimmen. Nur die Frau Pastorin hielt sich zurück. Hedwig fragte nicht nach ihr und suchte nach keinem Grunde.Dann wurde musiziert und gesungen, häufig auch getanzt oder ernsthafte Gespräche geführt, und alle fühlten sich von dem klugen, liebenswürdigen Mädchen angeregt. Wilms wurde allmählich stolz auf sie.Ihr Widersacher, der taube Krischan, war vom Hofe entfernt worden. Das hatte sich jedoch nicht so glatt abgewickelt und war jetzt die Ursache zu vielem Verdruß.»Wat soll ick?« hatte der Greis gefragt, als Wilms ihm seinen Entschluß ein wenig zögernd eröffnete. »Wo soll ick hen?« Dabei hob er das taube Ohr empor und wackelte kraftlos mit dem Kopfe.»Ins Altenheim. Da wirst du’s gut haben.«»Ne,« hauchte der Alte und kaute widerwärtig mit dem stoppelbewachsenen Kinn: »Ick bünn nu all’ fifuntwintig Johr up dit Flag. – De Fru hett mi verspraken, dat ick hier starwen künn.«Wilms wurde ungeduldig. »Meine Frau is aber jetzt fort,« rief er heftig.»Sei ward äwer wedderkamen,« grinste der Alte und lachte kauend.Das war dem Landmann zuviel. Hedwig hatte auch darin recht. Es wurde dem Tauben kurz und entschieden ein Termin zum Abzug gestellt.Gelassen hörte der Greis die Entscheidung an.Aber als der Tag herangekommen war, war der Alte nirgends zu finden. Knechte und Mägde suchten ihn im ganzen Hause vergeblich, auch seine Schlafstelle war leer, schon munkelten die Leute, daß derAlte, den niemand leiden konnte, in den Teich gesprungen sei. Da entdeckte Dörthe, die Obermagd, ein Zeichen. Sie hörte über sich krächzendes Rabengeschrei, und als sie aufblickte, sah sie, wie der zerzauste Vogel des Vermißten in die offene Luke des Heubodens flog.Da fanden sie ihn. In dem tiefsten Winkel, verborgen im warmen Heu, lag er und wehrte sich halb blödsinnig gegen die Knechte. Ein Gensdarm brachte ihn und seine Habseligkeiten endlich vom Hof herunter und lieferte beides im Altenheim ab. Dort wurde er krank und man dachte an seinen Tod. Allein in wenigen Tagen erholte er sich bei der guten Pflege und unter der Obhut der Ärzte. Und bald sah man ihn täglich die Landstraße hinunterschlottern, bis nach Wilmshus, wo er sich auf einen Grabenstein setzte und ins Gehöft hineinstarrte.Das konnte ihm niemand verwehren, die Straße war frei. Wenn Hedwig vorüberkam, schüttelte er sich und grinste in sich hinein.»Er wird mir noch mal das Haus über dem Kopf anstecken,« murmelte Wilms einmal ingrimmig.Hedwig redete ihm das aus.Auf dem Schlosse zu Boltenhagen war in der Zwischenzeit ein großes Fest gefeiert worden. DieBraut des jungen Herrn hatte dem alten Grafen einen Besuch abgestattet. Hedwig sah sie vorüberfahren, und der Bräutigam, der neben der Erwählten saß, hatte sie ernst und ehrerbietig gegrüßt. Er wandte sich noch einmal nach ihr um. Am Abend sprühte ein prächtiges Feuerwerk herüber. Leuchtkugeln und Raketen zischten durch die winterstille Luft, und Wilms, der neben Hedwig am Fenster lehnte, kehrte sich ihr beklommen zu, wie wenn er ihre Augen ergründen wollte. Aber sie lächelte wehmütig und sah ihn groß und ehrlich an. Da beruhigte sich der Ängstliche wieder.Wer nach langer Armut Reichtum erlangt, wird ein Geizhals und fürchtet das Gewonnene wieder zu verlieren.Das Schönste aber, was Hedwig dem öden Besitztum gewonnen hatte, war der Garten hinter dem Hause. Zur Saatzeit, wo Wilms meistenteils auf seinen Feldern weilte, hatte sie mit Dörthe von der jahrelangen Verwilderung Besitz ergriffen. Beete wurden gegraben, mit heimischen, wie ausländischen Blumensaaten bepflanzt, Gänge abgesteckt, Rasenteppiche angelegt. Der riesige Apfelbaum in der Mitte ward beschnitten, die verwilderten Johannis- und Stachelbeerhecken zu ordentlichen Grenzen gerundet, das schwierigste aber mit den zerstreuten Fliederbäumchenvorgenommen. Hedwig ließ eine dünne Laube zurechtschlagen und die Stämmchen rings herumsetzen. Der gute Gärtner im Himmel gab seinen Segen dazu, er ließ seinerseits in linden Nächten warmen Regen träufeln, und als die Störche auf dem Schindeldach des Pachthauses erschienen, da hatten sich die Zweige zusammengeschlossen, da bildeten weiße und blaue Fliederbüsche ein duftendes Dach, und an hellen Mondscheinabenden sahen die Zugeflogenen den Pächter und seine junge Begleiterin in der Laube sitzen und hörten, wie sie beide zusammen heitere und traurige Weisen sangen.Solche Töne waren hier selten vernommen worden.Der Flieder streute seine Blüten über sie, und vom blühenden Apfelbaum quoll ein wundervoller Duft herüber, der Storchvater klapperte im Traum leise dazwischen. Den beiden Menschenkindern aber unten klopfte das Herz heiß und voll und sie schwiegen noch immer.***Es war an einem Maienabend. Wilms, Hedwig und der kleine Pastor Schirmer saßen in der Fliederlaube und schwatzten über dies und das. Ein Windlicht leuchtete auf dem Tisch. Die Luft ging so sacht,daß selbst der winzige geistliche Herr mit seinen spärlichen Silberlocken barhäuptig saß.Da knirschte ein starker Schritt den Gang entlang. Ein paar Zweige wurden zurückgeschoben, die mächtige Gestalt des Försters wurde sichtbar.»’n Abend meine Herrschaften,« rief er fröhlich und schüttelte allen die Hand. »Sie haben hier ein schönes Plätzchen – wahrhaftig. – ’n Abend Fräulein Hedwig, Ihnen bring’ ich was ganz Besonderes mit –« er schnalzte mit der Zunge – »hier.«Dabei reichte er dem Mädchen ein starkes Bündel grüner Kräuter herüber. Die strömten einen würzigen Duft aus.»Waldmeister?« sprach Hedwig überrascht.»Richtig – meine Frau hat ihn selbst gepflückt. Er blüht in diesem Jahr so prächtig, daß – –«»Daß man ihn nicht umkommen lassen darf,« ergänzte die junge Wirtin anmutig, »wie wär’s, Herr Forstmeister, wenn wir gleich eine Bowle zusammen brauten? Sie haben doch nichts dagegen?«»Dagegen?« schrie der Weidmann und sah sich so triumphierend um, als hätte er eben ein gutes Werk zustande gebracht. »Deshalb habe ich ihn ja gerade zu mir gesteckt. Und mit Ihnen in der Küche, Fräulein Hedwig? – Herrje, wenn meine Frau daswüßte, daß ich mich jetzt noch mit Kochen abgebe. Aber das soll auch ein Schlückchen werden, passen Sie mal auf, Herr Pastor, was da rauskommt.«Die andern riefen Beifall. Und nach kurzer Zeit erschien Hedwig wieder mit einer großen Terrine, hinter ihr der Förster, der noch eine Flasche Rheinwein unter dem Arm trug. »Wenn’s zu dünn sein sollte,« erklärte er augenblinzelnd.Aber es war nicht zu dünn.Sie ließen die Gläser klingen, rötlich spiegelte sich das Windlicht in dem gelben Naß, fein läutete der silberne Ton in die Maiennacht hinaus.»Schön,« rief der Förster und legte sich befriedigt die Hände auf den Leib, »sehr schön.«»Ich dank’ dir, Heting,« sprach Wilms mit einem langen bewundernden Blick und hob das Glas.Und der kleine Pastor leckte sich die Lippen und nickte nachdenklich lächelnd: »Die Bibel hat einen Trinkspruch dafür, meine Freunde,« sagte er vor sich hin und faltete die Hände um das Glas. »Psalm 65 – 11, 12 und 14.«»Jawohl,« sagte der Förster beifällig, »sehr schön.« Er hielt bereits beim dritten Becher und man wußte nicht, ob er den passenden Vers oder Hedwigs gelungene Bowle so sehr bewundere. Dann zog er einPäckchen der Stralsunder Fabrik hervor und sprach halb bittend, halb verschämt: »Ein Skätchen?«Und ohne abzuwarten fuhr er fort: »Wilms gibt.«Lächelnd griffen die Herren zu den Karten, die Zigarren wurden entzündet, und bald fielen die bekannten Worte:»Tourné? – Solo? – Pastor, zeigen Sie mir Ihre Karten nicht.«Hedwig schritt leise aus der Laube hinaus. Langsam wandelte sie im Garten herum, der Mond stand voll am Himmel und beleuchtete die schmalen Pfade. An einem blühenden Rotdorn wandte sich das Mädchen und blickte in die helle Laube zurück. Da saßen die drei unter den weißen und blauen Fliederbüschen, schlürften den guten Wein und spielten munter fort.Es nahm sich aus wie ein Bild der Behaglichkeit.»Und das hast du geschaffen,« wollte es in Hedwig auftönen, aber sie sprach es nicht aus, nur ein Gefühl der Ruhe und des Stolzes überkam sie.Unhörbar öffnete sie die Gartentür, ging leise über den schweigenden Hof, bis sie die Einfahrt an der Landstraße erreicht hatte.Hier war sie vor einem Jahr zuerst eingefahren. Vieles hatte sich seitdem geändert.Ausruhend blickte sie die Landstraße hinunter. Dort atmete alles tiefste Stille, zwischen den Stämmen der Pappeln spann sich blaugraue Dämmerung, nur die Grillen in dem Graben zirpten ohne Unterlaß.Da tönte ein fernes Rollen dazwischen. Es wurde wieder still, aber dann – von einer Biegung der Chaussee hörte man deutlich Peitschenklang und das Nahen eines Wagens. Ein paar Laternen blitzten auf.Hedwig trat zurück. Kam das Gefährt nicht aus Boltenhagen? Wohin ging so spät noch eine Equipage? Sollte in der gräflichen Familie jemand krank geworden sein?Die Chaise hielt an, gerade vor der Einfahrt des Gehöftes, wo das Mädchen stand.Hedwig begann das Herz zu schlagen.Aus dem Lederverschlag streckte sich ein unförmlicher Kopf heraus und eine belegte Stimme rief: »Fräulein Schröder? Sind Sie’s, Fräulein Schröder? Ich bin’s, Rosenblüt aus Grimmen, Sie wissen schon, ein guter Freund von Ihrem Herrn Vater.«Hedwig trat an den Schlag heran und reichte dem Geschäftsmann die Hand. Verwundert fragte sie, ob er denn aus der Stadt eine Bestellung an sie hätte.Der Händler wiegte den Kopf: »Wissen Sie’s denn noch nicht? Das heißt wieso sollen Sie’s wissen?«wiederholte er sich selbst. »Da hab’ ich heut den Kreisarzt getroffen, Rumpf – behandelt mir auch wegen mein Steinleiden, macht ümmer faule Witze, sagt ümmer ›Se müssen’s aushalten Herr Rosenblüt, Sie sind eben ’n steinreicher Mann.‹«»Ja, aber Herr Rosenblüt – –«Der Händler besann sich: »Da hat mir der Kreisarzt aufgetragen, Ihnen ’ne Überraschung zu machen. Nu, wissen Sie’s noch immer nicht? Ihre Frau Schwester ist zurück – bei Ihrem Herrn Vater – und morgen wird sie hier ankommen.«»Wer ist zurück?« fragte Hedwig ganz leise.»Nu, die Frau Wilms. Und aussehen soll se, ich sag’ Ihnen, so gesund, wie Sie und ich. Kann mir denken. Es ist ne große Freude für Sie. Na, grüßen Sie mir den Herrn Wilms – ich lass’ ihm gratulieren. – Gute Nacht, Fräulein Schröder.«»Ich danke Ihnen auch bestens,« sagte Hedwig und reichte ihm die Hand.Der Wagen rollte weiter.»E seltsam ruhiges Mädchen,« dachte der Händler, während er sich in die Kissen zurückdrückte. »Sie bleibt sich immer gleich – in Freud und Leid.«Hedwig ging langsam über den Hof zurück und betrat wieder den Garten. Lange stand sie hinterder erleuchteten Laube und zupfte gedankenlos einen Zweig des weißen Flieders ab. Drinnen hatten die Herren die Karten zusammengeschoben, sie stießen noch einmal zum Abschied mit den Gläsern an und der Förster reckte sich, strich das gewonnene Geld ein und summte vor sich hin:»Im Wald und auf der Heide,Da such ich meine Freude.Ich bin ein Jägersmann,Ich bin ein Jägersmann.«Fröhlich klang die Weise in die Nacht hinaus. Und der kleine Pastor, der nicht viel vertragen konnte, schob seinen Arm unter den des Sängers und murmelte undeutlich:»Lieber Freund – Sie – Sie begleiten mich nach Hause, nicht wahr?«»Natürlich – wird besorgt werden, Herr Pastor,« lachte der Förster mit einem Seitenblick, »wird alles pünktlich abgeliefert. Gute Nacht, Wilms, grüß die kleine Hedwig. Ein famoses Ding. Donnerwetter, wenn ich jung wär – wenn ich jung wär –«»Gute Nacht.«Die beiden Herren zogen ab, Wilms gab ihnen bis zur Einfahrt das Geleit, und noch auf der Chaussee konnte man den Förster das Jägerlied singen hören.Heiter begab sich Wilms in den Garten zurück. Als er in die Laube trat, fand er Hedwig dort, die am Tisch saß und den Kopf in die Hand stützte.Er stockte.»Heting, du? – Ich glaubte, du wärst schon zu Bett gegangen?«»Nein, Wilms, ich wollte dich noch erwarten.«»Wirklich? – Das ist schön. – Na, da komm, Heting, wir trinken noch ein letztes Glas zusammen. – Wir haben ja heut noch gar nicht zusammen angestoßen. – Willst du?«Er setzte sich ihr gegenüber und schob ein volles Glas vor sie hin, aber sie verhielt sich so regungslos, sie hatte das Haupt so trübe gesenkt, daß Wilms sie befremdet anstarrte.»Heting, du bist doch nicht etwa krank?« stotterte er.»Nein, nein, Schwager –« sie richtete sich auf und lächelte ein wenig. »Ich habe dir sogar etwas sehr Gutes mitzuteilen.«»Sehr Gutes? – Und dabei siehst du so traurig aus?«»Traurig?« entgegnete sie verwirrt, und plötzlich überzog eine tiefe Blässe ihr Gesicht. Wilms sah, wie ihre Hände sich zitternd bewegten. »DieFrühlingsluft wohl – ich habe Kopfschmerzen – ich freue mich auch so sehr – Wilms, Else ist nach Grimmen zurückgekommen und morgen trifft sie hier ein.«Der Landmann ließ sein Glas niedersinken und tat einen tiefen Atemzug.Da erzählte sie ihm alles. »Und,« schloß sie unsicher, »sie soll ganz hergestellt sein. – Gottlob.« Aber sie vermied es, ihn anzublicken.Wilms regte sich. »Gottlob,« murmelte er mechanisch. Dann reckte er sich, legte sich die Hand vor die Stirn und schritt wortlos in den Garten hinein. Seine Gestalt bückte sich dabei, als ob er etwas trüge.Nach einiger Zeit kehrte er langsam zurück. In seinem Gesicht zuckte es, wie er seinen Platz ihr gegenüber wieder einnahm. Die gutmütigen blauen Augen schienen ganz überbuscht. Er reckte die Hand aus und ergriff die ihrige.»Ich dank’ dir auch für alles, Heting, was du an mir getan hast,« sprach er mit zitternder Stimme und umklammerte krampfhaft ihre Finger, »auch dafür, Heting, daß du wieder ein bißchen Zufriedenheit in mein Haus gebracht hast. – Ich hab’ mich so wohl gefühlt –« murmelte er leise und aus seinemAuge drang ein großer, schwerer Tropfen hervor: »Gott geb’s, daß alles so bleibt.«Da senkte Hedwig ihr Haupt auf seine Hand hernieder und blieb unbewegt so liegen, daß er ihre goldbraunen Flechten im flüchtigen Glanz des Windlichtes schimmern sah. Ihre Stirn brannte auf seiner Haut.Die Brust des Mannes hob sich immer mühsamer. Sanft zog er seine Hand zurück.»Wollen’s uns nich noch schwerer machen, Heting,« sagte er mit Aufbietung aller Kräfte. »Es is ja so nich leicht. – Komm, Heting, wollen darauf anstoßen, daß wir immer gute Freunde bleiben, so wie heut.«Langsam erhob sie sich. Schlank und aufrecht stand sie vor ihm, als sie das Glas ergriff, aber ihre Augen hingen an den seinen, so dringend, so unabwendbar, so gewaltig ernst, daß er beinahe davor erschrak.Die Bibel hat ein Wort für diese Liebe: »Feurig, wie die Flamme des Herrn und stark, wie der Tod.«Die Gläser klangen zusammen, sie sahen sich noch einmal in die Augen, dann reichten sie sich die Hände und gingen schweigend in das Pachthaus zurück.VIII.»Willkommen« stand über der Haustür geschrieben, und grüne Guirlanden mit roten und weißen Gartenblumen schmückten die Pfosten, als die Herrin des Hauses zum erstenmal wieder über die Schwelle von Wilmshus schritt.Wilms und Hedwig hatten sie gemeinsam vom Bahnhof abgeholt.»Ach, wie schön habt ihr alles für mich gemacht,« flüsterte Else erregt, als sie an der Hand ihres Mannes den Flur betrat, und warf sich an seine Brust.»O Gott, wie danke ich dir, daß du mich das noch erleben ließest. – Erwartet mich der Pastor nicht hier?« setzte sie begierig hinzu.»Nein, mein Kind,« entgegnete Wilms, »ich dachte, wir wollten zuerst unter uns sein.«Else nickte: »Ja, du hast recht. Kommt nur schnell in die Stube.« Und als sie in das große Wohnzimmereingetreten waren, wo bereits ein festlicher, mit Blumen geschmückter Tisch ihrer harrte, da umarmte sie ihre Schwester und küßte sie stürmisch auf den Mund:»Liebes Heting, das kommt von dir. Nein, wie freue ich mich, daß ich wieder in meinem eigenen Heim bin. Und noch dazu wieder ganz erholt.« – Sie stellte sich vor den Spiegel und nahm sich den Hut ab. »Nicht wahr, Wilms,« fuhr sie hastig fort, »man merkt mir doch gar nichts mehr an? Ich sehe beinahe wieder so aus, wie zu unserer Hochzeit? – Oder findest du nicht?«»Ja, mein Kind,« antwortete Wilms gedrückt, »du hast dich sehr – sehr erholt.«Hedwig und er warfen sich dabei einen Blick zu. Beide bemerkten, wie hektisch rot ihre Wangen gefärbt waren und welch tiefe, blaue Ringe die Augen der Heimgekehrten umränderten. Ihre Gestalt war leicht nach vorn geneigt und auch die Schultern vornüber gezogen. Und doch ließ das schmale Gesichtchen noch immer Spuren einstiger Schönheit erkennen.Unterdessen hatte Else sich wieder zu ihrem Manne gekehrt, sie legte ihm beide Hände auf die Brust und rief zwischen Lachen und Weinen:»Freust du dich denn gar nicht, Wilms, daß ich wieder da bin? Du bist ja so still.«Zärtlich hob sie den Mund zu ihm empor und schloß die Augen, als Wilms sich schwer und wortlos zu ihr niederbeugte. Aber während er es tat, streifte sein Blick ängstlich die Jüngere. Schweigend wandte sich Hedwig zum Fenster.»Und nun wollen wir zu Tisch gehen,« rief Else. »Ihr sollt mal sehen, wieviel ich jetzt essen kann. Nicht mehr so wie früher.«Mit diesen Worten ließ sie sich auf das Sofa nieder, wo Hedwig sonst bei Tisch gesessen hatte, und zog Wilms neben sich.Die Schwester mußte ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz nehmen.Dann teilte sie selbst in eifriger Geschäftigkeit die Speisen aus, ja die Heimgekehrte schien an einem Tage alles wieder einholen zu wollen, was sie in jahrelanger Krankheit in der Wirtschaft verabsäumt hatte. Zum mindesten wünschte sie dem Gatten ihre frischgewonnene Kraft zu zeigen, damit er sich daran erfreue.Und dann begann sie ihre Erlebnisse in der Klinik zu erzählen.Wilms Stirn verdüsterte sich immer mehr.Seit Monden schon hatte ihn bei seinem Verkehr mit Hedwig nicht mehr die leiseste Andeutung daran erinnert, daß sein Heim einmal einem Lazarett geglichen, in dem nur über Ärzte, Krankheit und Medikamente verhandelt worden war. Jetzt, während Else umständlich ihre überstandenen Leiden beschrieb, erhob sich förmlich wieder jener laue Krankheits- und Verwesungsgeruch, der jahrelang seine Sinne niedergedrückt hatte.Hilfesuchend sah er auf Hedwig, aber das Mädchen schien aufmerksam zuzuhören und auch seine Abneigung nicht zu teilen. Das verdarb ihm das erste Mittagsmahl vollständig. Nur zum Schein hielt er noch Messer und Gabel in der Hand, ja er dankte Gott, als seine Frau, die trotz ihres gerühmten Appetites von allem nur flüchtig genippt hatte, endlich die Tafel aufhob.»Weißt du, Heting,« sagte sie zur Schwester und klopfte ihr beim Aufstehen mütterlich die Wange: »Du siehst blaß aus. Gewiß hast du dich in der letzten Zeit hier überanstrengt. Aber jetzt soll das alles anders werden. Ach, Wilms, wie glücklich bin ich darüber, daß ich jetzt selbst wieder alles in die Hand nehmen werde. Und paßt nur auf, wie raschich mich wieder hineinfinde. Dann will ich dich auch ordentlich pflegen, mein kleines Heting.«Die Angeredete lächelte wehmütig, und wieder trafen sich ihre und des Landmanns Augen in einem langen, vielsagenden Blick.Es war bereits das drittemal, daß sie so stumm und traurig miteinander sprachen.Bedrückt und nicht fähig, sich länger zu beherrschen, riß sich endlich Wilms los. Er verabschiedete sich von seiner Frau, um aufs Feld zu gehen, die Saat weiter zu beaufsichtigen.Aber das alte Spiel wiederholte sich, Else haschte rasch nach seiner Hand.»Wilms, du willst mich jetzt schon allein lassen?« rief sie mit leisem Ton des Unmuts, »gleich den ersten Tag, wo ich hier bin?«Dabei wurden ihre Wangen glühend rot, mit den Zähnen nagte sie an der Unterlippe. »Das wirst du doch nicht tun, nicht wahr?«Hier schon war es ersichtlich, daß die Halbgenesene eine Aufregung oder gar einen Streit nicht würde ertragen können.Der Landmann blieb stehen.Das also war seine Zukunft? Sollte er wieder gefesselt werden, daß er der daherfahrenden Not abermals gebunden und widerstandslos überliefert war?Die Angst um seine Existenz, die ihn schon einmal erfüllt hatte, und die erst seit kurzem gebannt war, von jenem stillen, schweigenden Mädchen dort, das lähmende Entsetzen wollte ihn von neuem erfassen. Aber nur einen Augenblick, dann richtete sich der große Mann entschlossen auf, bereit, endlich, endlich seine Manneswürde gegenüber der Krankheit zu behaupten.Jedoch er sollte zu keinem unvorsichtigen Wort gelangen. Hedwig hatte in seinen Mienen die heftige Bewegung gelesen und rasch eilte sie, ihm zu helfen.»Elsing,« erklärte sie mit ihrer freundlichen, aber doch so stolzen Bestimmtheit, als wenn ein Widerspruch von vornherein ausgeschlossen wäre, und legte ihr leicht die Hand auf den Arm: »Dein Mann hat für uns gar keine Zeit weiter, du mußt ihn schon gehen lassen. Es steht zu viel Geldverlust auf dem Spiel, wenn er in diesen Monaten aufgehalten wird.«Die Kranke warf der Schwester einen überraschten Blick zu:»So?« sprach sie dann, noch immer ein wenig spitz, »du scheinst hier ja schon viel in der Landwirtschaft gelernt zu haben, Hedwig?«Allein ganz unvermittelt gab sie nach und winkte lächelnd mit der Hand, daß er sich entfernen solle.»Geh nur, Wilms – geh. Ihr habt ja recht. Es ist ja wahr. Mir ist es nur, als ob ich mich jetzt gar nicht von euch trennen könnte – aber geh nur.«Da ging Wilms schwerfällig und bedrückt hinaus. Und als er langsam über seine Felder schritt, auf denen geharkt und gesät wurde, da war ihm weh zumute, viel schlimmer als damals, als sein Weib auf dem Krankenlager gelegen. Wie sollte das enden?Mitten in seiner schweren Arbeit tanzte ihm alles durcheinander. Hedwigs fragende Augen, ihr herrlicher Wuchs, ihre roten Lippen und daneben wieder das zarte, nervöse Bild der Heimgekehrten, das sich zärtlich an ihn schmiegte, um ihn zu küssen.Er schauderte zusammen, rings lag heißer Sonnendunst auf der Erde, und doch war es ihm, als hätte eben etwas Kaltes seinen Mund berührt. Ein heftiger, körperlicher Widerwille beschlich ihn, als er sich an die Liebkosungen seines Weibes erinnerte.»Nein – nein – Gott schütz’ mich – bewahrmich davor. – Das darf ich ja nicht denken – Karl, Jochen,« rief er laut seinen Leuten zu.Er wollte Menschen um sich haben, um die Gespenster mitten in der Sonnenglut zu scheuchen.***Inzwischen waren die beiden Schwestern allein.Hedwig riet der Kranken, sie solle sich jetzt etwas niederlegen, allein Else wollte davon nichts wissen, obwohl ihre Bewegungen seit Wilms Fortgange sichtlich matter geworden waren.»Nein, nein, Heting,« lehnte sie hastig ab, »glaub’ mir, das hab’ ich jetzt nicht mehr nötig. Wir wollen jetzt lieber die Wirtschaft ein bißchen durchmustern, vor allen Dingen meine Schränke. Darauf freue ich mich schon wochenlang. Hast du sie auch hübsch in Ordnung gehalten?«Die andere bejahte leidend und schloß im Wohnzimmer einen Wäscheschrank auf, aber Else ging das alles zu langsam. In der Hast riß sie der Jüngeren das Schlüsselbund aus der Hand und lief damit von einem Schrank zum andern. Überall sah sie hinein. Dann hing sie sich die Schlüssel in den Gürtel.»Ich möchte sie jetzt doch lieber wieder selbst behalten,« erklärte sie Hedwig mit vor Vergnügen gerötetemGesicht. »Von jetzt an werde ich ja wieder alles allein beaufsichtigen.« Und sie küßte ihre Schwester stürmisch auf die Wange: »Nicht wahr, Heting, du freust dich doch darüber?«Die Jüngere nickte ernst. Ein wehmütiges Lächeln spielte um ihre Lippen, als die klappernden Dinger wieder den Gürtel ihrer Schwester schmückten.Jetzt war sie also abgesetzt, sie kam sich überflüssig vor. Mutlos blickte sie zu Boden. Dagegen gab es keinen Kampf. Der Aufenthalt im Zimmer wurde ihr drückend.»Komm, Else,« nahm sie sich zusammen, »ich habe noch eine Überraschung für dich. Komm mit.«Sie gedachte der Heimgekehrten den Platz zu zeigen, der früher mit wildem Gestrüpp bedeckt gewesen und sich nun unter Hedwigs Hand in einen blühenden Garten verwandelt hatte.Sie schritten dorthin.Und Elses Entzücken war zuerst ganz aufrichtig. Still und selig schlang sie den Arm um Hedwigs Schulter, und so saßen die beiden Schwestern in der blühenden Fliederlaube und träumten in den sinkenden, rosigen Tag hinaus.Hedwig erinnerte sich an den vergangenen Abend. In ihrem Ohr klang der silberne Ton wieder, wiegestern, als sich ihr Glas mit dem des Landmanns berührt hatte.So würde fortan Else mit ihrem Mann hier sitzen, dachte das Mädchen, sie aber würde gehen. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und sah über die Stachelbeerhecken fort auf die angrenzende weite grüne Wiese hin, auf der zahllose Schmetterlinge im letzten Abendsonnenschein herumgaukelten.»Du bist so still?« fragte Else.In demselben Augenblick kehrte Wilms zurück. Er freute sich darüber, die beiden Frauen an der liebgewordenen Stätte zu finden, und erzählte Else, wie oft sie hier schon gemütlich gespeist hätten. Zum Schluß bat er, daß auch heute an dieser Gewohnheit festgehalten werde.Else sah erstaunt zu dem vor ihr Stehenden auf.»Hier?« fragte sie verwundert. »Aber hier wird es doch bald zu kühl?«»Bewahre, Elsing,« widerlegte Wilms, »wir haben ja gestern erst mit Hedwig hier gesessen, sogar bis spät in die Nacht hinein.«»So?« entgegnete Else gedehnt. Eine leichte Wolke zog über ihre Stirn, die Falten um ihren Mund prägten sich etwas schärfer aus, es war nur eineganz leise Andeutung von Verstimmung und ebenso schnell wieder entschwunden, wie sie entstanden war.Noch war kein Argwohn in der Leidenden erwacht.»Dann habt ihr euch ja in meiner Abwesenheit ganz gut unterhalten,« meinte sie achselzuckend.Sie lächelte dabei, wie wenn sie das Ganze für einen Scherz hielte, und liebkoste die Hand ihrer Schwester. Gleich darauf aber verzog sie die Schultern.Eben war die Sonne hinter rotglühenden Streifen verschwunden, ein laues Lüftchen strich über die Wiesen.»Mir wird doch zu kalt,« sagte Else matt und erhob sich rasch, »und ich denke, wir wollen deshalb lieber im Zimmer essen. Dafür sind wir ja auch alle drei wieder zusammen.«Sofort erhoben sich auch die andern. Der Wille der Kranken war mächtiger als ihre eigenen Neigungen. Sitte und Gewohnheit geboten immer dieselbe rücksichtsvolle Unterordnung.Sorglich legte ihr Hedwig ein Tuch um die Schultern, Else nahm den Arm der Jüngeren, und nach all der selbst auferlegten Anstrengung dieses Tages wandelte sie matt und müde neben der jugendfrischen Führerin her.Wilms folgte ihnen.Finster sah er auf die beiden so verschiedenen Gestalten, aber er wagte keinen Vergleich mehr. Nur am Ausgang des Gartens wandte er sich noch einmal nach der blühenden Fliederlaube zurück. Ein schwerer Duft wehte herüber.»Auch das vorbei,« murmelte Wilms. Verstört riß er sich los. Die Lebensfreude entfloh von ihm, wie ein vorbeipfeifender Vogel, und der düstere Geist der Verzweiflung beschattete ihn wieder mit seinen dunklen Fledermausflügeln.IX.Am nächsten Morgen erschien der dicke Kreisphysikus.Aus seinem äußeren Gebaren konnte man schwer enträtseln, was er von dem Zustand der Pächterfrau hielt. Er küßte ihr zwar ein paarmal die Fingerspitzen, aber doch mit Zurückhaltung.Das war ein seltsames Zeichen, denn Patienten, an denen der beleibte alteDr.Rumpf Freude erlebte, beehrte er mit seiner stürmischsten Zärtlichkeit.Bei Else jedoch benahm er sich beinahe mitleidig. Er streichelte ihr nach der Untersuchung das feine blonde Haar aus der Stirn und sagte begütigend wie zu einem kleinen Kinde:»Na, es macht sich ja. Aber schonen, mein Kinding, immer hübsch schonen. Nur recht still, das ist die Hauptsache.«Damit begab er sich in den Garten, wo Wilms und Hedwig seiner schon harrten.»Ja,« meinte er dort mit leisem Kopfschütteln, »es ist ja zum Stillstand gekommen bei Ihrer Frau,lieber Wilms – wollen ’s Beste hoffen. Aber keine Aufregungen, hören Sie, davor müssen Sie sie in acht nehmen, ich sage es Ihnen ausdrücklich, eine Erregung wäre das reine Gift für die Kranke.«Als der Physikus kurz nachher vom Hofe heruntergefahren war, blieben der Pächter und das Mädchen noch einen Augenblick nebeneinander im Garten stehen.Tiefe Niedergeschlagenheit malte sich in den ehrlichen Zügen des Landmanns.»Heting,« begann er endlich heiser, während er sich scheu umblickte, und seine Brust hob sich so gewaltsam, als ob er unter Bergesschwere seufze: »Es ist schrecklich, was mir fortwährend im Kopf herumgeht, aber nicht wahr, du wirst keinen Abscheu vor mir bekommen? Heting,« er ergriff ihre Hand und keuchend flüsterte er weiter, als ob’s ein Geheimnis wäre: »Ich kann das Ungewisse nicht mehr ertragen, es geht über meine Kräfte. Ich wünschte, es wäre so oder so, biegen oder brechen, entweder sie würde gesund, oder – sie ginge von uns.«Dabei stierte er erhobenen Hauptes verzweifelt in den blauen Himmel hinauf, wie wenn er von dort oben eine tröstende Antwort erwarte.Aber nichts regte sich, nur der Wind führte Wiesenduft in den Garten hinein.Wilms preßte plötzlich mit beiden Händen seinen mächtigen Kopf und stöhnte laut auf: »Großer Gott – wie kann ich nur an so was denken? – – Ich bin ja woll selbst schon wahnsinnig geworden – schon wahnsinnig,« wiederholte er tonlos.»Warum soll man nicht einen Wunsch hegen?« sprach Hedwig verloren vor sich hin.Sie hatte bis jetzt wie ein weißes Marmorbild den Jammer des Mannes, den sie glücklich machen wollte, mitangesehen, jedoch während sie das letzte sprach, erweiterten sich ihre großen Augen schreckhaft weit. Regungslos starrte sie in die Ferne. Etwas Rotes, Blutendes flimmerte ihr dort undeutlich entgegen, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und als sie Wilms noch einmal anblickte, wurde sie leichenblaß.Entsetzen.Sie mußte etwas Gräßliches erschaut haben.Grußlos gingen die beiden auseinander. Bald darauf betrat Wilms das Wohnzimmer, um sich von seinem Weibe zu verabschieden. Munter und emsig fand er Else an ihrem Nähtisch sitzen, eifrig damit beschäftigt, Leinenzeug zusammenzusticheln.»Wo ist Hedwig?« fragte sie rasch bei seinem Eintritt und hob ihre hellen Augen.Wilms stutzte: »Wahrscheinlich in der Küche,« gaber unbeholfen zurück. Er log. Etwas Unerkanntes, Dunkles zwang ihn dazu.Sein Weib ließ ihre Arbeit langsam in den Schoß sinken und sah ihn an. Eben hatte ihr Dörthe, die Obermagd, erzählt, daß sich Hedwig mit dem Herrn im Garten erginge. Und doch sagte er, daß er mit ihrer Schwester nicht zusammengetroffen wäre?Sie atmete rasch, ihre Finger erzitterten ein wenig, in der Hast stach sie sich mit der Nadel, daß ein kleiner Blutstropfen hervorquoll.Wilms wollte ihr rasch sein Taschentuch herumwinden. Sie wehrte ihn ab:»Laß das. – Es macht nichts,« sagte sie fest, obwohl ihre schwache Stimme leise zitterte. Dann wandte sie sich und schaute eine Zeitlang still zum Fenster hinaus. Als sie ihrem Mann ihr Antlitz wieder zukehrte, hatte es seinen alten Ausdruck zurückgewonnen, nur ihre Augen blickten nachdenklich und grübelnd vor sich hin.»Adieu Wilms,« sagte sie etwas gezwungen, und nachdem sie sich noch die Hände gereicht hatten, bat sie ihren Gatten: »Schick’ mir doch Christian einmal herein. Er soll eine Einladung zu Pastors tragen.«Wilms stand bereits an der Tür. Er wurde verlegen. »Wen soll ich – –?« fragte er zögernd.»Nun den alten Christian.«»Ach so den – – ja – den – Elsing – den hab’ ich entlassen.«Wilms wußte, daß er Unrecht auf sich geladen hatte, er hatte den Alten fortgejagt aus Liebe zu dem schönen Weibe, vor deren Kammer er damals gestanden. Der Mann hatte ein Menschenalter auf dem Hofe gedient. Der Schweiß brach ihm aus der Stirn, in seiner Befangenheit scharrte er mit den Stiefeln auf dem sandbestreuten Estrich der Stube hin und her und wagte die Augen nicht zu seinem Weibe zu erheben. Aber Else saß zuerst ganz stumm. »Du hast den alten Christian entlassen?« murmelte sie endlich ungläubig. »Im Ernst?«Der Pächter nickte.Die Kranke fuhr auf: »Aber weißt du denn nicht, daß ich dem Alten versprochen hatte, er könne hier sein Leben beschließen!« rief sie entrüstet.In heftigem Unmut warf sie ihr Leinenzeug von sich und preßte beide Hände an die Schläfen. Die Augen, die sich immer dunkler umränderten, begannen krankhaft zu leuchten.Auch Wilms bemerkte es. Angsterfüllt trat er näher: »Du sollst dich doch nicht aufregen, Elsing,«bat er atemlos. »Hörst du, mein Kind, nicht deswegen.«Allein Elses Geduld war erschöpft. Ein Tränenstrom brach hervor, sie schleuderte die Schere auf den Fußboden, daß sie klirrte, und war ganz fassungslos.»Ich will endlich wissen, was hier hinter meinem Rücken vorgegangen ist?« rief sie empört, obgleich sie nach Luft rang. »Warum hast du denn nur den alten Mann entfernt, wie?«»Weil er sich ausverschämt benommen hat.«»Gegen dich?«Da kam die Frage. Wilms stotterte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe.»Gegen mich – Elsing? – Nein, das gerade nicht.«»Gegen wen denn?«»Gegen – gegen deine Schwester – gegen Hedwig.«Else zuckte schmerzhaft zusammen. Dann schnellte sie empor und machte ein paar widerspruchsvolle Bewegungen.»Und da hat Hedwig wohl auch verlangt,« schluchzte sie wütend, »daß er fort soll? – Nicht wahr?«Jedoch gerade der Ausbruch ihres Zornes verstockte den Landmann. Über der Nase zogen sich bei ihm ein paar tiefe Falten zusammen:»Natürlich,« gab er langsam zurück, »auf Hedwigs Wunsch hab’ ich’s dann getan.«Da verlor die Leidende allen Halt.»Aber sie hat hier nichts zu wünschen,« schrie sie jetzt gänzlich sinnlos. »Was geht dich überhaupt meine Schwester an, während du doch ganz genau wußtest, daß ich nie und nimmer meine Einwilligung zu dieser Entlassung geben würde? – Sag mir bloß, was geht dich dabei Hedwig an?«Sie wollte noch weiter klagen, aber plötzlich brach sie ab, und ihr Blick richtete sich verwirrt auf ihren Mann.Was ging so schnell mit ihm vor?Er sah sie groß an, der ungelenke Riese, als ob er dieses schwache Frauenbild zum erstenmal sähe. Die Fäuste ballten und öffneten sich wieder, seltsam schwer ging die Brust.»Elsing,« kam es dumpf heraus, indem er schwerfällig auf sie zutrat – »nu is es genug – nu will ich nichts weiter davon hören, du bist krank, das halt ich dir zugut.«Wuchtig und nachdrücklich wie nie hatte er gesprochen. Es klang hart und herb, als ob Steine aufeinander geworfen werden.Kopfnickend schritt er dann zur Tür. Jedoch eh’ er sie erreicht hatte, schwankte plötzlich sein Weib auf ihn zu, um mit ihren schwachen Armen seine Brust zu umklammern:»Wilms, ich weiß ja nicht, was ich spreche,« stammelte sie halb ohnmächtig, und in dem blassen Gesicht schlossen sich müde die Augen, »ich – ich – ach Gott, ich tu’ ja alles aus Liebe zu dir. – Glaubst du das denn nicht?«Kraftlos lag sie in seinen Armen, Wilms mußte sie aufheben.»Ja, ja, das glaub’ ich,« murmelte er durch das eine Wort verwandelt und bezwungen – »du arme Dirn – komm, Elsing.«Er trug sie zum Sofa und bettete sie sanft hinauf.Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, warf sie die Arme um seinen Hals und hob ihre Lippen stürmisch zu den seinen.»Nicht wahr, du bist wieder gut?« lächelte sie.»Ja, ja, Elsing.«Ein heißer Kuß brannte auf seinem Munde.Dann befand er sich draußen und schritt gebeugter, als je zuvor, seinen Feldern zu.In einer Furche lag ein Schmetterling, der von einem Sandklos getroffen war. Mitleidslos stampfte ihn der Landmann mit schwerem Stiefel in die Erde.»Dir is wohl,« sprach er rauh.***Und dieselbe Hedwig, auf welche die Kranke eben anfing neidisch zu werden, trat zur Türe herein und brachte der völlig erschöpft Liegenden eine Tasse Bouillon. Das rührte die Leidende und stimmte sie um. Zwar flossen noch immer Tränen aus ihren Augen, aber sie zog dennoch das schöne blühende Mädchen zu sich nieder und streichelte zärtlich sein braunes, goldig schimmerndes Haar. »Nicht wahr, Heting,« flüsterte sie kaum vernehmbar, »du bist nicht schlecht zu mir, nicht wahr?« Und sie hob das Gesicht der Schwester empor und forschte in ihren dunklen, sprechenden Augen: »Nein, nein, du wirst mir nicht weh tun,« setzte sie getröstet hinzu.Später, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte, nahm die Leidende, die da glaubte genesen zu sein, die Bibel und versuchte, ihre bösen Gedanken durch die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verständnislosüberflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen murmelten allerlei abgebrochene Laute, die nicht hierher gehörten. Zerstreut erhob sie sich endlich und schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer.»Weshalb er mich wohl belogen hat?« sann sie, ohne eine Antwort finden zu können. Müde und abgespannt lehnte sie endlich am Fenster und blickte auf den Hof hinaus, über dem warmer Sonnenschein lag.Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt saß dort draußen auf dem Prellstein vor dem Tor? Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte dort und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf das Gehöft.Die Spähende beugte sich vor. Das war ja der alte Krischan? Eine merkwürdige Freude befiel die Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es passend sei, mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und berührte seine Schulter.Mühsam hob der Greis das nickende Haupt, und als er die Frau in dem einfachen, grauen Kleide erkannte, lief ein schwaches Lächeln über die vertrockneten Lippen.Für Else war er stets ein treuer Kettenhund gewesen.»Arm’ Fru,« sagte er und strich mit seiner welken, zitternden Hand an ihrem Arm herunter. »Arm’ Fru.«Das war die Begrüßung.»Nein, nein,« rief Else laut, damit er sie verstände. »Ich bin nicht mehr krank, Krischan, ich fühle mich viel wohler.«»Arm’ Fru,« nickte der Alte unverändert, beinahe mitleidig.Else erschrak. Was meinte der Taube damit? Ohne Überlegung, mit jähem Erröten fragte sie ihn, warum er ihre Schwester denn beleidigt hätte?»Ick?« flüsterte der Alte und hob das Kinn. Dann raffte er sich auf und keuchte der Wartenden etwas ins Ohr.Ein paar Worte nur, aber Else taumelte zurück und wurde schneeweiß. Nur ein paar helle, rote Flecken glühten auf ihren Wangen.»Du lügst, Krischan,« schrie sie auf. »Das ist nicht wahr.«Allein der Greis verstand das unglückliche Weib nicht, oder ließ sich nicht stören. Denn von neuem streichelte er mit seiner Knochenhand über ihren Arm und brachte mit Anstrengung hervor:»Arm’ Fru – ne, ne, ick heww’s sülwst seihn, as sei tausamen in’n Schlidden seten hewwen. De beiden täuben [Fußnote: warten] nu all ungedüllig.«»Warten?« stöhnte die Ärmste schwach. Alles drehte sich vor ihr. Sie mußte sich an die Mauer der Einfahrt lehnen.»Dat Sei, min arm’ Fru, starwen süllen. Se luren all up den Dod von de Fru. Dann willen sei sick friegen.«Ein herzzerreißender Schrei, schrill, kreischend gellte über die Landstraße und wurde von den Mauern des Pachthauses zurückgeworfen.Die Gepeinigte glaubte zu ersticken, eine eisige Hand griff nach ihrer Kehle, das Gesicht des Krüppels tanzte wie hundert Fratzen um sie herum. Noch gurgelte sie etwas.»Hilfe – – Hilfe.«Dann ein dumpfer Fall.»Arm’ Fru,« ächzte der greise Knecht und beugte sich zu ihr hinab, »arm’ Kinding, sei hed di ümbracht, de anner Dirn.«***Aber Else war nicht gestorben.»Klang das nicht wie ein Hilferuf?« fragte Hedwig die Obermagd, mit der sie gemeinsam in der Molkerei weilte. Auch Dörthe hatte den schrillen Ruf vernommen. Als sie nachforschten, fanden sie die Herrin des Hauses unter dem Unkraut des Grabenbords hingestreckt, weiß wie eine zertrümmerte Statue, die, in Schmutz und Unrat, der Vergessenheit anheimgefallen.Ein zerschlagenes Menschenbild.Beim Fall hatte sie einen Stein gestreift, eine blutige Narbe zog sich davon über die Stirn.Da warf sich das schöne Mädchen in die Knie. Ihr Mund öffnete sich:»Ist – sie tot – Dörthe?«Die Magd schrie auf. »Ne, ne, Fräulein, sie bewegt sich ja – heben Sie ihr den Kopf.«»Ja, ja – sie lebt,« wiederholte Hedwig erwachend.Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und gebraust hatte, war nicht wahr. – Sie hatte ihr wohl den Tod gewünscht, aber das war im Fiebertraum, in einer Vision geschehen. – Sie lebte ja – sie lebte – Gott sei Dank. Jetzt waren es nurGedanken gewesen, schlimme Gedanken, aber kraftlos – großer Gott – sie lebte ja.Mit starken Armen umfaßte sie den starren, zuckenden Leib und trug ihn, wankend und zitternd unter der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne Hilfe in das große Zimmer. Dort entkleidete sie die Schwester und bettete sie auf das Lager, das die Hausherrin wieder aufnahm in seine weißen Kissen.Ja, die Kranke kehrte zurück in die linnene Gruft.Ob für immer?»Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze Ruhestätte, auf der Blumen blühen,« dachte Hedwig, die wie früher an dem Bett saß und auf die sich regenden Atemzüge der Kranken lauschte. Und diese Behausung hatte sie der Schwester gewünscht, grübelte sie weiter, um allein den Mann zu besitzen, dessen Herz ihr schon gehörte, den sie erzogen, gebildet, veredelt hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach der Erlösung. Der morsche Körper dort sollte im Grabe liegen, und der junge blühende Leib bei dem geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft und Besonnenheit zurückgewonnen. Sah das wächserne, bleiche Gesicht der Leidenden nicht schon aus, wie das einer Leiche? – Ja, Hedwig war sich jetztvöllig klar. Die Kranke unten – sie selbst oben. Das war das Rechte, keine Sünde, es zu wünschen, nur der Lauf der Natur.Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf die Landstraße hinauszuspähen; ob Wilms und der Arzt noch nicht kämen, nach denen sie sofort geschickt hatte. Dabei mußte sie an dem langen Mahagonispiegel vorüber. Unwillkürlich blieb sie vor ihm stehen und zog sich die Taille zurecht.Das Glas zeigte ein wunderschönes, zur Reife strebendes Weib, ganz dazu geboren, um zu wirken, zu schaffen und glücklich zu machen. Sie lächelte schwermütig, als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da befremdete sie etwas. Auch das Bett hinter ihr spiegelte sich in der Scheibe und jetzt – täuschte sie sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere Gestalt richtete sich auf, und ein paar umflorte, düster umschleierte Augen starrten nach ihr hin.»Hed – wig,« stöhnte etwas.Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre Hand, die Kranke schaute sie gläsern an, als suche sie sich zu besinnen.»Wie komm’ ich hierher?« flüsterte sie und befühlte angsterfüllt die Kissen des Bettes.Plötzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stießjedoch plötzlich die Schwester mit heftigstem Abscheu von sich.»Else, ich bin es ja,« rief Hedwig befremdet, »erkennst du mich denn nicht?«Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren. Sie wälzte sich stöhnend herum und bedeckte ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie dem Anblick der Schwester entfliehen wollte.»Ja, ich erkenne dich,« wimmerte sie mit so schriller Stimme, daß es die Jüngere wie mit spitzen Nadeln durchdrang. »Du hast dich hier eingeschlichen, um mir mein Glück zu stehlen. – Du wartest nur auf meinen Tod! – – Aber ich sterbe noch nicht – ich mache dir nicht Platz – ich will leben – hörst du, ich will leben!«Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt rann es ihr über den Rücken hinab. Immer den Blick auf das schluchzende, schmerzzerwühlte Weib gerichtet, tastete sie sich rückwärts zum Tisch und umklammerte dort fest die Kante. Auch sie mußte sich halten. Alles schwankte und fiel in ihr, aber während des Hinstarrens biß sie noch immer die Zähne trotzig zusammen.Nie war sie so schön, wie in diesem stummen Ringen mit der Sterbenden.Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und krallte beide Fäuste nach der Schwester. Der höchste Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste. Gespenstisch sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten im Gesicht bereits aus, als ob eine Tote noch die Fäuste schüttele.»Geh’ mir aus den Augen,« kreischte das arme Weib – »fort – fort – ich will dich nicht sehen – du willst mich vergiften –! – Meinen Mann hast du auch verführt, – heut nacht warst du bei ihm – ich weiß alles – Jesus Christus, Ehebrecherin du! – Jesus – Erbarmen.« Dann ein langes Röcheln, und sie fiel ohnmächtig auf ihr Lager zurück.In demselben Moment betrat Wilms das Zimmer.X.Ein sanfter Maientag ging zur Rüste.Am Horizont lösten sich prachtvolle Farben ab. Ein Spiel von Gelb, Tiefblau und Rot wogte durcheinander, und durch die Äste der Fliederlaube fielen die letzten rötlichen Lichter. Ein leises Lüftchen wehte durch den Garten, sonst atmete alles Beruhigung und Abendstille.Aber zu dieser friedlichen Umgebung paßte schlecht die wilde Bewegung, die in dem Pachthause ausgebrochen war.Scheu und lautlos wie früher schlichen Knechte und Mägde umher, die Türangeln wurden eingeölt, damit sie die Kranke nicht durch Knarren störten, alles im Hause hüllte sich wieder in Schweigen, eine dumpfe, düstere Feierlichkeit drückte abermals auf Menschen und Gehöft herab.Am Abend war der Kreisphysikus eingetroffen und weilte jetzt allein in dem großen Wohnzimmer. Immer stiller wurde es im Haus, nur zuweilen hörte man einen schrillen Wehruf aus der Krankenstube.In der Fliederlaube aber saßen zwei schweigsame Menschen, die fuhren zusammen, wenn solch ein klagender Laut heraustönte, und hielten den Atem an, ob er sich nicht wiederhole.Immer heimlicher und dämmernder wurde es um sie herum, hinter Baum und Strauch quollen lichte, weiße Nebel hervor, und die beiden verängsteten Menschen konnten kaum noch ihre Züge erkennen.»Heting, nun geh zu meiner Frau,« forderte endlich der Pächter undeutlich, indem er noch tiefer in den Schatten der Laube rückte, »und sieh dich um, warum der Doktor gar nicht zurückkommt.«Damit sank die große Gestalt wieder in sich zusammen und brütete so verloren vor sich hin, daß der Landmann nicht bemerkte, wie Hedwig seinem Wunsch nicht Folge leistete, sondern still neben ihm sitzen blieb.Endlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Das gewahrte Wilms.»Hedwig, wolltest du nicht – –?«»Nein, Schwager, ich gehe nicht zu deiner Frau.«»Du – gehst nicht?«»Nein – nicht – bitte, Wilms – laß mich nicht mehr hinein.«»Ja – aber – Heting, warum denn?«»Weil – weil ich mich vor ihr fürchte,« kam es bebend über ihre Lippen.Der Pächter starrte sie an – verständnislos – und faßte sich an den Kopf.Noch wußte der Hofpächter ja nicht, was sich heute morgen zwischen den beiden Schwestern abgespielt hatte. Schweigend hatte Hedwig alles in sich verschlossen; der zartfühlende, weichherzige Mann brauchte es ja nicht zu erfahren, daß sie entdeckt seien, daß ihre heimliche Sehnsucht, die sich noch niemals geäußert, die noch Wunsch war ohne Erfüllung, daß diese bereits belauert und verflucht sei von der Scheidenden, die sie nun bald nicht mehr stören würde.Alles wollte sie kalt und stolz von ihm fernhalten, um selbst zu harren und zu lauern, bis die Erlösung endlich da wäre – der Anfang des Glücks.Aber jetzt – jetzt, wenn die wilden Wehlaute herausdrangen bis in den stillen Garten, dann ertrug sie es nicht. Dann schreckte sie zusammen und zitterte. Wie Eis lag es ihr ums Herz. War sie wirklich schuld, daß ein Menschenleben dort drinnen scheiden mußte? Hatte sie wirklich eine Verzweifelte in den Tod getrieben?Wieder schlug ein Schmerzensschrei an ihr Ohr.Das überwältigte sie, dem war sie nicht gewachsen, alles schrie in ihr nach Trost – Ruhe – Verzeihung.Ein Wort der Liebe entbehrte sie, ein einziges Wort von dem Manne, dem sie ihre Jugend schenken wollte, dem sie sich hingeben wollte, bedingungslos, jetzt, wo es auch immer sei, weil er sie mit seiner dumpfen Hilflosigkeit von Anfang an betört hatte.Aber der Pächter saß verstört da und regte sich nicht.Da ließ Hedwig mutlos die Hände in den Schoß sinken und verzweifelt murmelte sie:»Ich wünschte, ich wäre es, die sich zur ewigen Ruhe legen könnte, und bei euch bliebe alles beim alten. – Ich stürbe so gern.«Aber der Tod hatte noch keine Gewalt über sie, das Leben schlug vielmehr brausend über ihr zusammen.Wilms packte krampfhaft ihre Hand: »Du – Heting?« stammelte er, »nein, nein – nur nicht du – das könnt’ ich nicht ertragen – nur du nicht – wir wollen ja zusammen bleiben.« Er umklammerte sie und drückte sie an sich.Und dann war es plötzlich da, was sich seit Monden näher und näher geschlichen hatte.Ohne Übergang fühlte sie seine zuckenden Lippen auf den ihren, sie schlang ihre Arme um den gewaltigen Nacken des Mannes und unter schmerzhaften Küssen merkte sie, wie seine Tränen ihr Gesicht netzten. Auch sie schluchzte. Als ob sie sich trösten wollten, lagen sie einander in den Armen.Es war kein freudiges Finden.***In dem weiten, ungemütlichen Wohnzimmer war es inzwischen stiller geworden. Der dicke Kreisphysikus hatte seine Untersuchung beendet und die Schwerleidende schonend befragt, durch was sie denn so plötzlich in Erregung versetzt worden wäre. Lange hatte das matte Weib seinem Drängen widerstanden, endlich jedoch, als der alte Herr sie gar so väterlich und gut in die Arme nahm, faßte sie sich ein Herz, und wie ein kleines Kind an den alten Freund geschmiegt, flüsterte sie ihm stockend und weinend ihre entsetzliche Entdeckung zu.»O, Gott, das hätt’ ich nicht geglaubt – aber es ist wahr, Herr Doktor, Krischan hat es selbst gesehen.«Der alte Arzt schüttelte den Kopf und redete ihr aus voller Überzeugung solche Vermutungen aus. »Ach, Unsinn – mein Kinding – Gesindegeklätsch.«»Wirklich?« hauchte sie schwach. Aus ihren Augen brach ein Hoffnungsstrahl.»Selbstverständlich – da kenn’ ich die beiden zu gut.«»Ach, ja,« flüsterte die Liegende dankbar, dann hob sie den müden Blick zur Decke empor, auf welche die brennende Lampe ihren gelben Kreis warf, und drückte dem Physikus zum Schluß die Hand, »ich glaube es ja auch nicht,« sagte sie mit zuckenden Lippen, »nein, ich glaub’ es nicht – glaub’ es nicht.«Wilms trat ein.Sein Weib lächelte ihn an und bewegte die Lippen. Jedoch es war unverständlich, was sie verlangte.Der Arzt beugte sich über sie.»Wilms, Ihre Frau wünscht auch ihre Schwester zu sehen,« erklärte er sodann und begab sich selbst in den Garten, um das Mädchen zu holen. In der Laube traf er sie. Es herrschte schon Finsternis.»Nach mir verlangt Else?« sprach Hedwig verwirrt, aber den langjährigen Freund durfte sie die Unruhe, die in ihr stürmte, nicht merken lassen. »Ja, wir wollen zu ihr.«Welch ein Gang. Noch brannten die ersten Küsse auf ihrem Munde, noch wußte sie nicht, wie das alles möglich war, und was nun folgen sollte.»Wird sie noch lange leiden?« forschte sie atemlos.Ob der kleine Physikus den nachzitternden Wunsch aus dieser Frage herausgehört hatte? Vor dem Hausflur blieb er stehen und strich ihr gedankenvoll über die welligen Haare.»Ja, sie kann noch sehr lange leiden,« gab er halblaut zurück, »und deshalb – Heting, ich glaube, es wäre gut, wenn du jetzt dauernd von hier fortgingst.«»Ich?« Sie erschrak; – wußte er schon etwas?»Der Aufenthalt hier ist dir nicht gut bekommen. Du kamst hier als eine Dame an, und – ich weiß nicht, aber du hast hier draußen etwas Hartes, Bäuerisches angenommen, und – es wäre wirklich für alle gut, verstehst du,« brach er ab, »wenn du zu deinem Vater zurückgingst.«Keine Antwort.Starr und groß blickte das Mädchen durch die Dunkelheit zu dem alten Freunde hinüber. Es war ihr zumute, als sollte sie ihm jetzt um den Hals stürzen, um ihm all ihre peinigenden Gedanken, die gierig um den Tod der eigenen Schwester herumflatterten,zu beichten und anzuvertrauen. Aber noch war ihre Kraft nicht erschöpft.Sie faßte sich und gab dem Doktor ruhig zur Antwort: »Es ist vor allen Dingen meine Pflicht, hierzubleiben, solange Else mich nötig hat. – Ich danke Ihnen aber für Ihren Ratschlag,« setzte sie beklommen hinzu, während sie schon durch den Flur schritten.»Es war gut gemeint,« sprach der kleine Physikus nachdrücklich.Die Ansicht über die Unschuld des Mädchens stand nicht mehr so felsenfest bei ihm. Er maß seine Begleiterin mit einem mißtrauischen Blick.Sie traten ein.An dem Bette der Kranken saß Wilms, das Haupt mit den kurzgeschorenen blonden Haaren tief auf die Brust gesenkt. Er hob es auch nicht, als er den Schritt des Mädchens hörte. Seine große Hand ruhte in der seines Weibes.Die Trostesworte des Arztes mußten der Hingestreckten Linderung verschafft haben, denn sie lag jetzt still und nickte Hedwig eifrig zu, näher heranzukommen.
Er sah auf sie herab.
Ihr Gesicht war schmerzverzogen, ihr Atem ging stöhnend, wie wenn sie mit jedem Schritt über spitze Messer dahinglitte, und doch lag sie eng und voll in seinen Armen, daß er gänzlich die Besinnung verlor.
»Süßes, liebes, Heting,« flüsterte er.
Sie zuckte zusammen und schloß die Augen.
Da war auch der Tanz zu Ende, sie trennten sich hastig und kamen erst wieder zusammen, als man aufbrach.
»Adschö auch.«
»Auf Wiedersehen.«
Die Förstersleute versprachen bald auf Wilmshus vorzusprechen. »Wenn Ihre Frau erst zurück ist, Wilms,« meinte der Förster, »das ist doch jetzt bald.«
»Ja, das ist bald,« bestätigte Wilms überstürzt, »das ist bald.«
Wieder saßen sie im Schlitten, der Landmann hatte ein Tuch um das Mädchen geschlagen, daß man fast nichts von ihr sah. Dann ging es durch den nächtigen Wald, in dem die Schlittenglocken seltsam wiedertönten.
»Kling-ling – Kling-ling.«
Hedwigs Haupt neigte sich leicht gegen seine Schulter. Ihr war so bleischwer in allen Gliedern, der Schlaf schien sie erdrücken zu wollen. Wie im Traum zog es ihr durch den Sinn, daß sie mit diesem Mann nicht länger allein in einem Hause bleiben solle. Aber die silbernen Schellen verscheuchten den Spuk gleich wieder:
»Kling-ling – Kling-ling.«
In dem dunklen Gehöft zu Wilmshus war keine Menschenseele zu erspähen. Schwärzer als anderswo lag die Nacht auf diesem Ort. Fürsorglich hob der Landmann seine Schwägerin aus dem Gefährt und sie duldete es, obwohl sie fühlte, wie seine Arme zitterten. Da erleuchtete sich die Nacht. Aus dem Hause schlürfte etwas heran, der alte Krischan schlich heraus, seinen Herrn zu empfangen, eine Stallaterne warf einen breiten Schein über den Hof. Da machte sich Hedwig ungestüm frei.
Erst auf dem dunklen Flur vor der Tür des Wohnzimmers, wo sie in Elses Bett schlief, erreichte der Pächter seine Begleiterin noch einmal.
Rabenschwärze herrschte hier.
Zaghaft ergriff er ihre Hand und drängte sich scheu an sie.
»Heting,« flüsterte er leise und berührte furchtsam ihre Schulter.
»Wilms, versprich mir was.«
»Alles, Heting, was du willst.«
»Dann soll Christian aus dem Hause und ins Altenheim.«
»Ja, dann soll er fort,« wiederholte Wilms ohne Überlegung. Halb betäubt beugte er sich zu ihr hinab.
Und derselbe schlürfende Greis, den sie eben verleugnet hatten, bewahrte die beiden, die nicht mehr gerettet sein wollten, zum letzten Male.
An der Schwelle klapperten seine hölzernen Pantoffeln, in den Flur ergoß sich matter Lichtschimmer, eben als Hedwig, die gegen die Tür lehnte, fühlte, daß der Boden unter ihr zittere und schwanke und daß sie in jene Arme stürzen würde, die nach ihr tasteten.
»Gute Nacht, Wilms,« stotterte sie auffahrend.
»Ach, gute Nacht, Heting,« klagte der Pächter und starrte sinnlos auf die Tür, die sich rasch hinter ihr schloß.
Der Alte war unterdes vorüber geschlichen und hatte seine Schlafstelle aufgesucht. Stille, webende, undurchdringliche Nacht umgab den Einsamen wieder.
Er horchte und lauschte.
Kein Laut regte sich mehr, alles schlief, nur er stand noch wie ein Dieb und wollte stehlen.
Dort drinnen also, dort drinnen.
Er wußte, es war unverschlossen.
Die grobe, arbeitsgewohnte Hand reckte sich aus nach der Klinke, aber über dem Messing, in der Luft blieb sie, wie auf einer unsichtbaren Mauer, liegen.
Das vermochte er nicht. Das wagte er nicht. Der Frost schüttelte ihn, daß ihm die Zähne klapperten. Er schlug die Hände vors Gesicht und stieg wie vernichtet und zerbrochen in seine Kammer hinauf.
Er hatte einen schlimmen Traum.
Da sah er sein Weib auf der Totenbahre liegen, gelb und wächsern. Sie war endlich gestorben. Fröhlich tönten Geigen und Trompeten dazu, und er selbst hatte Hedwig im Arm und tanzte jauchzend mit ihr um den Sarg herum und küßte sie auf den Mund. Die Leiche aber lag im Brautkleid und öffnete die Augen und Pastor Schirmer predigte über ihr: »Wirf die Last von dir. Sei mutig.«
Er wälzte sich im Schweiß und schrie so laut auf, daß er erwachte.
So war der Winter hingeschwunden.
Der Schnee schmolz. Frühlingsstürme bogen und peitschten die Pappeln der Landstraße, in allen Lachen spiegelte sich blendender Sonnenschein, an den Birkenbüschen begann es grün zu schimmern, und an einem frischen Morgen vernahm Hedwig, die barhäuptig auf dem Hof stand, rauschenden Flügelschlag vor ihren Ohren, so daß sie danach ausschauen mußte.
Mit lautem Gezirp umkreisten die Hausschwalben das Dach und suchten ihr Nest.
Das Mädchen, das ganz sonnenüberglänzt dastand, legte die Hand vor die Augen und blickte hinauf. Ja, es wurde wahr, der Frühling zog wieder ins Land. Sie wohnte nun bald ein Jahr in diesem Gehöft.
Und noch immer war Else nicht zurückgekehrt.
Von Woche zu Woche zog es sich hin. Immer trat wieder etwas dazwischen, Monate wurden daraus. Wenn Hedwig dem Pächter nicht noch einmal von ihrem Erbteil vorgestreckt hätte, er hätte die Pensionder letzten Wochen nicht bestreiten können. Zumal er jetzt alles Vorhandene zur Saatzeit brauchte. Das zog ihm die Stirn oft sorgenvoll in Falten, aber Hedwig hatte ihm die Summe aufgedrängt, ungeduldig, stürmisch. Da hatte er sie genommen. Sie gehörten ja zusammen, das Gedächtnis an Else wurde jetzt seltener. Zwar langten wöchentlich Briefe von der Kranken an, die von einer immer fortschreitenden Besserung berichteten, doch diese Mahnungen hatten das Schreckhafte verloren und schienen aus unbestimmter Ferne zu stammen. Elses Gestalt wurde ihnen allmählich unpersönlich und verfloß.
Dafür hatten sie sich gegenseitig immer enger aneinander angeschlossen. Wilms blickte auf die stillen Wintertage als auf die glücklichsten seines Lebens zurück. Ja, er hatte wieder ein Heim, in das er beseeligt zurückeilte. Alles war wieder fest, gemütlich, geordnet. Auch hatte er die Wintermußestunden benutzt, um von ihr zu lernen. Da hatten sie zusammen unter der großen Stehlampe gesessen und die modernen Bücher gelesen, die Hedwig kommen ließ. Selbst seine politischen Ansichten wurden durch sie geklärt. Und allmählich begann er mit anderen Augen auf Nahes und Fernes zu blicken. Die sklavische Gottesfurcht, die in dem Höchsten einen Schergensieht, einen kleinlichen Späher und Topfgucker, entschwand ihm, erst zaghaft und scheu, bald aber sicherer fing er an, nach dem Muster der Geliebten für sich selbst Gutes und Böses zu unterscheiden. Der schüchterne Mann erwachte, er erhob sich wie aus einer Gruft und sah sich erstaunt in der Welt um. Frische Luft wehte überall, dem Starken gehörte überall auch das Recht.
Ja, der Krankendunst war aus seinem Heim herausgezogen.
Und Hedwig liebte ihren Schüler. In dem reichen Geben und sich Mitteilen vergaß sie, daß sie sich nach ihm sehnte. Ihre verschwenderische Natur fand Befriedigung.
Oft auch kam Besuch zu ihnen. Einmal die Förstersleute mit ihren Eleven, dann Pastor Schirmer mit seiner Tochter, zuweilen auch der Inspektor von Boltenhagen, sehr oft der schmeerbäuchige Kreisphysikus aus Grimmen. Nur die Frau Pastorin hielt sich zurück. Hedwig fragte nicht nach ihr und suchte nach keinem Grunde.
Dann wurde musiziert und gesungen, häufig auch getanzt oder ernsthafte Gespräche geführt, und alle fühlten sich von dem klugen, liebenswürdigen Mädchen angeregt. Wilms wurde allmählich stolz auf sie.
Ihr Widersacher, der taube Krischan, war vom Hofe entfernt worden. Das hatte sich jedoch nicht so glatt abgewickelt und war jetzt die Ursache zu vielem Verdruß.
»Wat soll ick?« hatte der Greis gefragt, als Wilms ihm seinen Entschluß ein wenig zögernd eröffnete. »Wo soll ick hen?« Dabei hob er das taube Ohr empor und wackelte kraftlos mit dem Kopfe.
»Ins Altenheim. Da wirst du’s gut haben.«
»Ne,« hauchte der Alte und kaute widerwärtig mit dem stoppelbewachsenen Kinn: »Ick bünn nu all’ fifuntwintig Johr up dit Flag. – De Fru hett mi verspraken, dat ick hier starwen künn.«
Wilms wurde ungeduldig. »Meine Frau is aber jetzt fort,« rief er heftig.
»Sei ward äwer wedderkamen,« grinste der Alte und lachte kauend.
Das war dem Landmann zuviel. Hedwig hatte auch darin recht. Es wurde dem Tauben kurz und entschieden ein Termin zum Abzug gestellt.
Gelassen hörte der Greis die Entscheidung an.
Aber als der Tag herangekommen war, war der Alte nirgends zu finden. Knechte und Mägde suchten ihn im ganzen Hause vergeblich, auch seine Schlafstelle war leer, schon munkelten die Leute, daß derAlte, den niemand leiden konnte, in den Teich gesprungen sei. Da entdeckte Dörthe, die Obermagd, ein Zeichen. Sie hörte über sich krächzendes Rabengeschrei, und als sie aufblickte, sah sie, wie der zerzauste Vogel des Vermißten in die offene Luke des Heubodens flog.
Da fanden sie ihn. In dem tiefsten Winkel, verborgen im warmen Heu, lag er und wehrte sich halb blödsinnig gegen die Knechte. Ein Gensdarm brachte ihn und seine Habseligkeiten endlich vom Hof herunter und lieferte beides im Altenheim ab. Dort wurde er krank und man dachte an seinen Tod. Allein in wenigen Tagen erholte er sich bei der guten Pflege und unter der Obhut der Ärzte. Und bald sah man ihn täglich die Landstraße hinunterschlottern, bis nach Wilmshus, wo er sich auf einen Grabenstein setzte und ins Gehöft hineinstarrte.
Das konnte ihm niemand verwehren, die Straße war frei. Wenn Hedwig vorüberkam, schüttelte er sich und grinste in sich hinein.
»Er wird mir noch mal das Haus über dem Kopf anstecken,« murmelte Wilms einmal ingrimmig.
Hedwig redete ihm das aus.
Auf dem Schlosse zu Boltenhagen war in der Zwischenzeit ein großes Fest gefeiert worden. DieBraut des jungen Herrn hatte dem alten Grafen einen Besuch abgestattet. Hedwig sah sie vorüberfahren, und der Bräutigam, der neben der Erwählten saß, hatte sie ernst und ehrerbietig gegrüßt. Er wandte sich noch einmal nach ihr um. Am Abend sprühte ein prächtiges Feuerwerk herüber. Leuchtkugeln und Raketen zischten durch die winterstille Luft, und Wilms, der neben Hedwig am Fenster lehnte, kehrte sich ihr beklommen zu, wie wenn er ihre Augen ergründen wollte. Aber sie lächelte wehmütig und sah ihn groß und ehrlich an. Da beruhigte sich der Ängstliche wieder.
Wer nach langer Armut Reichtum erlangt, wird ein Geizhals und fürchtet das Gewonnene wieder zu verlieren.
Das Schönste aber, was Hedwig dem öden Besitztum gewonnen hatte, war der Garten hinter dem Hause. Zur Saatzeit, wo Wilms meistenteils auf seinen Feldern weilte, hatte sie mit Dörthe von der jahrelangen Verwilderung Besitz ergriffen. Beete wurden gegraben, mit heimischen, wie ausländischen Blumensaaten bepflanzt, Gänge abgesteckt, Rasenteppiche angelegt. Der riesige Apfelbaum in der Mitte ward beschnitten, die verwilderten Johannis- und Stachelbeerhecken zu ordentlichen Grenzen gerundet, das schwierigste aber mit den zerstreuten Fliederbäumchenvorgenommen. Hedwig ließ eine dünne Laube zurechtschlagen und die Stämmchen rings herumsetzen. Der gute Gärtner im Himmel gab seinen Segen dazu, er ließ seinerseits in linden Nächten warmen Regen träufeln, und als die Störche auf dem Schindeldach des Pachthauses erschienen, da hatten sich die Zweige zusammengeschlossen, da bildeten weiße und blaue Fliederbüsche ein duftendes Dach, und an hellen Mondscheinabenden sahen die Zugeflogenen den Pächter und seine junge Begleiterin in der Laube sitzen und hörten, wie sie beide zusammen heitere und traurige Weisen sangen.
Solche Töne waren hier selten vernommen worden.
Der Flieder streute seine Blüten über sie, und vom blühenden Apfelbaum quoll ein wundervoller Duft herüber, der Storchvater klapperte im Traum leise dazwischen. Den beiden Menschenkindern aber unten klopfte das Herz heiß und voll und sie schwiegen noch immer.
Es war an einem Maienabend. Wilms, Hedwig und der kleine Pastor Schirmer saßen in der Fliederlaube und schwatzten über dies und das. Ein Windlicht leuchtete auf dem Tisch. Die Luft ging so sacht,daß selbst der winzige geistliche Herr mit seinen spärlichen Silberlocken barhäuptig saß.
Da knirschte ein starker Schritt den Gang entlang. Ein paar Zweige wurden zurückgeschoben, die mächtige Gestalt des Försters wurde sichtbar.
»’n Abend meine Herrschaften,« rief er fröhlich und schüttelte allen die Hand. »Sie haben hier ein schönes Plätzchen – wahrhaftig. – ’n Abend Fräulein Hedwig, Ihnen bring’ ich was ganz Besonderes mit –« er schnalzte mit der Zunge – »hier.«
Dabei reichte er dem Mädchen ein starkes Bündel grüner Kräuter herüber. Die strömten einen würzigen Duft aus.
»Waldmeister?« sprach Hedwig überrascht.
»Richtig – meine Frau hat ihn selbst gepflückt. Er blüht in diesem Jahr so prächtig, daß – –«
»Daß man ihn nicht umkommen lassen darf,« ergänzte die junge Wirtin anmutig, »wie wär’s, Herr Forstmeister, wenn wir gleich eine Bowle zusammen brauten? Sie haben doch nichts dagegen?«
»Dagegen?« schrie der Weidmann und sah sich so triumphierend um, als hätte er eben ein gutes Werk zustande gebracht. »Deshalb habe ich ihn ja gerade zu mir gesteckt. Und mit Ihnen in der Küche, Fräulein Hedwig? – Herrje, wenn meine Frau daswüßte, daß ich mich jetzt noch mit Kochen abgebe. Aber das soll auch ein Schlückchen werden, passen Sie mal auf, Herr Pastor, was da rauskommt.«
Die andern riefen Beifall. Und nach kurzer Zeit erschien Hedwig wieder mit einer großen Terrine, hinter ihr der Förster, der noch eine Flasche Rheinwein unter dem Arm trug. »Wenn’s zu dünn sein sollte,« erklärte er augenblinzelnd.
Aber es war nicht zu dünn.
Sie ließen die Gläser klingen, rötlich spiegelte sich das Windlicht in dem gelben Naß, fein läutete der silberne Ton in die Maiennacht hinaus.
»Schön,« rief der Förster und legte sich befriedigt die Hände auf den Leib, »sehr schön.«
»Ich dank’ dir, Heting,« sprach Wilms mit einem langen bewundernden Blick und hob das Glas.
Und der kleine Pastor leckte sich die Lippen und nickte nachdenklich lächelnd: »Die Bibel hat einen Trinkspruch dafür, meine Freunde,« sagte er vor sich hin und faltete die Hände um das Glas. »Psalm 65 – 11, 12 und 14.«
»Jawohl,« sagte der Förster beifällig, »sehr schön.« Er hielt bereits beim dritten Becher und man wußte nicht, ob er den passenden Vers oder Hedwigs gelungene Bowle so sehr bewundere. Dann zog er einPäckchen der Stralsunder Fabrik hervor und sprach halb bittend, halb verschämt: »Ein Skätchen?«
Und ohne abzuwarten fuhr er fort: »Wilms gibt.«
Lächelnd griffen die Herren zu den Karten, die Zigarren wurden entzündet, und bald fielen die bekannten Worte:
»Tourné? – Solo? – Pastor, zeigen Sie mir Ihre Karten nicht.«
Hedwig schritt leise aus der Laube hinaus. Langsam wandelte sie im Garten herum, der Mond stand voll am Himmel und beleuchtete die schmalen Pfade. An einem blühenden Rotdorn wandte sich das Mädchen und blickte in die helle Laube zurück. Da saßen die drei unter den weißen und blauen Fliederbüschen, schlürften den guten Wein und spielten munter fort.
Es nahm sich aus wie ein Bild der Behaglichkeit.
»Und das hast du geschaffen,« wollte es in Hedwig auftönen, aber sie sprach es nicht aus, nur ein Gefühl der Ruhe und des Stolzes überkam sie.
Unhörbar öffnete sie die Gartentür, ging leise über den schweigenden Hof, bis sie die Einfahrt an der Landstraße erreicht hatte.
Hier war sie vor einem Jahr zuerst eingefahren. Vieles hatte sich seitdem geändert.
Ausruhend blickte sie die Landstraße hinunter. Dort atmete alles tiefste Stille, zwischen den Stämmen der Pappeln spann sich blaugraue Dämmerung, nur die Grillen in dem Graben zirpten ohne Unterlaß.
Da tönte ein fernes Rollen dazwischen. Es wurde wieder still, aber dann – von einer Biegung der Chaussee hörte man deutlich Peitschenklang und das Nahen eines Wagens. Ein paar Laternen blitzten auf.
Hedwig trat zurück. Kam das Gefährt nicht aus Boltenhagen? Wohin ging so spät noch eine Equipage? Sollte in der gräflichen Familie jemand krank geworden sein?
Die Chaise hielt an, gerade vor der Einfahrt des Gehöftes, wo das Mädchen stand.
Hedwig begann das Herz zu schlagen.
Aus dem Lederverschlag streckte sich ein unförmlicher Kopf heraus und eine belegte Stimme rief: »Fräulein Schröder? Sind Sie’s, Fräulein Schröder? Ich bin’s, Rosenblüt aus Grimmen, Sie wissen schon, ein guter Freund von Ihrem Herrn Vater.«
Hedwig trat an den Schlag heran und reichte dem Geschäftsmann die Hand. Verwundert fragte sie, ob er denn aus der Stadt eine Bestellung an sie hätte.
Der Händler wiegte den Kopf: »Wissen Sie’s denn noch nicht? Das heißt wieso sollen Sie’s wissen?«wiederholte er sich selbst. »Da hab’ ich heut den Kreisarzt getroffen, Rumpf – behandelt mir auch wegen mein Steinleiden, macht ümmer faule Witze, sagt ümmer ›Se müssen’s aushalten Herr Rosenblüt, Sie sind eben ’n steinreicher Mann.‹«
»Ja, aber Herr Rosenblüt – –«
Der Händler besann sich: »Da hat mir der Kreisarzt aufgetragen, Ihnen ’ne Überraschung zu machen. Nu, wissen Sie’s noch immer nicht? Ihre Frau Schwester ist zurück – bei Ihrem Herrn Vater – und morgen wird sie hier ankommen.«
»Wer ist zurück?« fragte Hedwig ganz leise.
»Nu, die Frau Wilms. Und aussehen soll se, ich sag’ Ihnen, so gesund, wie Sie und ich. Kann mir denken. Es ist ne große Freude für Sie. Na, grüßen Sie mir den Herrn Wilms – ich lass’ ihm gratulieren. – Gute Nacht, Fräulein Schröder.«
»Ich danke Ihnen auch bestens,« sagte Hedwig und reichte ihm die Hand.
Der Wagen rollte weiter.
»E seltsam ruhiges Mädchen,« dachte der Händler, während er sich in die Kissen zurückdrückte. »Sie bleibt sich immer gleich – in Freud und Leid.«
Hedwig ging langsam über den Hof zurück und betrat wieder den Garten. Lange stand sie hinterder erleuchteten Laube und zupfte gedankenlos einen Zweig des weißen Flieders ab. Drinnen hatten die Herren die Karten zusammengeschoben, sie stießen noch einmal zum Abschied mit den Gläsern an und der Förster reckte sich, strich das gewonnene Geld ein und summte vor sich hin:
»Im Wald und auf der Heide,Da such ich meine Freude.Ich bin ein Jägersmann,Ich bin ein Jägersmann.«
»Im Wald und auf der Heide,Da such ich meine Freude.Ich bin ein Jägersmann,Ich bin ein Jägersmann.«
Fröhlich klang die Weise in die Nacht hinaus. Und der kleine Pastor, der nicht viel vertragen konnte, schob seinen Arm unter den des Sängers und murmelte undeutlich:
»Lieber Freund – Sie – Sie begleiten mich nach Hause, nicht wahr?«
»Natürlich – wird besorgt werden, Herr Pastor,« lachte der Förster mit einem Seitenblick, »wird alles pünktlich abgeliefert. Gute Nacht, Wilms, grüß die kleine Hedwig. Ein famoses Ding. Donnerwetter, wenn ich jung wär – wenn ich jung wär –«
»Gute Nacht.«
Die beiden Herren zogen ab, Wilms gab ihnen bis zur Einfahrt das Geleit, und noch auf der Chaussee konnte man den Förster das Jägerlied singen hören.
Heiter begab sich Wilms in den Garten zurück. Als er in die Laube trat, fand er Hedwig dort, die am Tisch saß und den Kopf in die Hand stützte.
Er stockte.
»Heting, du? – Ich glaubte, du wärst schon zu Bett gegangen?«
»Nein, Wilms, ich wollte dich noch erwarten.«
»Wirklich? – Das ist schön. – Na, da komm, Heting, wir trinken noch ein letztes Glas zusammen. – Wir haben ja heut noch gar nicht zusammen angestoßen. – Willst du?«
Er setzte sich ihr gegenüber und schob ein volles Glas vor sie hin, aber sie verhielt sich so regungslos, sie hatte das Haupt so trübe gesenkt, daß Wilms sie befremdet anstarrte.
»Heting, du bist doch nicht etwa krank?« stotterte er.
»Nein, nein, Schwager –« sie richtete sich auf und lächelte ein wenig. »Ich habe dir sogar etwas sehr Gutes mitzuteilen.«
»Sehr Gutes? – Und dabei siehst du so traurig aus?«
»Traurig?« entgegnete sie verwirrt, und plötzlich überzog eine tiefe Blässe ihr Gesicht. Wilms sah, wie ihre Hände sich zitternd bewegten. »DieFrühlingsluft wohl – ich habe Kopfschmerzen – ich freue mich auch so sehr – Wilms, Else ist nach Grimmen zurückgekommen und morgen trifft sie hier ein.«
Der Landmann ließ sein Glas niedersinken und tat einen tiefen Atemzug.
Da erzählte sie ihm alles. »Und,« schloß sie unsicher, »sie soll ganz hergestellt sein. – Gottlob.« Aber sie vermied es, ihn anzublicken.
Wilms regte sich. »Gottlob,« murmelte er mechanisch. Dann reckte er sich, legte sich die Hand vor die Stirn und schritt wortlos in den Garten hinein. Seine Gestalt bückte sich dabei, als ob er etwas trüge.
Nach einiger Zeit kehrte er langsam zurück. In seinem Gesicht zuckte es, wie er seinen Platz ihr gegenüber wieder einnahm. Die gutmütigen blauen Augen schienen ganz überbuscht. Er reckte die Hand aus und ergriff die ihrige.
»Ich dank’ dir auch für alles, Heting, was du an mir getan hast,« sprach er mit zitternder Stimme und umklammerte krampfhaft ihre Finger, »auch dafür, Heting, daß du wieder ein bißchen Zufriedenheit in mein Haus gebracht hast. – Ich hab’ mich so wohl gefühlt –« murmelte er leise und aus seinemAuge drang ein großer, schwerer Tropfen hervor: »Gott geb’s, daß alles so bleibt.«
Da senkte Hedwig ihr Haupt auf seine Hand hernieder und blieb unbewegt so liegen, daß er ihre goldbraunen Flechten im flüchtigen Glanz des Windlichtes schimmern sah. Ihre Stirn brannte auf seiner Haut.
Die Brust des Mannes hob sich immer mühsamer. Sanft zog er seine Hand zurück.
»Wollen’s uns nich noch schwerer machen, Heting,« sagte er mit Aufbietung aller Kräfte. »Es is ja so nich leicht. – Komm, Heting, wollen darauf anstoßen, daß wir immer gute Freunde bleiben, so wie heut.«
Langsam erhob sie sich. Schlank und aufrecht stand sie vor ihm, als sie das Glas ergriff, aber ihre Augen hingen an den seinen, so dringend, so unabwendbar, so gewaltig ernst, daß er beinahe davor erschrak.
Die Bibel hat ein Wort für diese Liebe: »Feurig, wie die Flamme des Herrn und stark, wie der Tod.«
Die Gläser klangen zusammen, sie sahen sich noch einmal in die Augen, dann reichten sie sich die Hände und gingen schweigend in das Pachthaus zurück.
»Willkommen« stand über der Haustür geschrieben, und grüne Guirlanden mit roten und weißen Gartenblumen schmückten die Pfosten, als die Herrin des Hauses zum erstenmal wieder über die Schwelle von Wilmshus schritt.
Wilms und Hedwig hatten sie gemeinsam vom Bahnhof abgeholt.
»Ach, wie schön habt ihr alles für mich gemacht,« flüsterte Else erregt, als sie an der Hand ihres Mannes den Flur betrat, und warf sich an seine Brust.
»O Gott, wie danke ich dir, daß du mich das noch erleben ließest. – Erwartet mich der Pastor nicht hier?« setzte sie begierig hinzu.
»Nein, mein Kind,« entgegnete Wilms, »ich dachte, wir wollten zuerst unter uns sein.«
Else nickte: »Ja, du hast recht. Kommt nur schnell in die Stube.« Und als sie in das große Wohnzimmereingetreten waren, wo bereits ein festlicher, mit Blumen geschmückter Tisch ihrer harrte, da umarmte sie ihre Schwester und küßte sie stürmisch auf den Mund:
»Liebes Heting, das kommt von dir. Nein, wie freue ich mich, daß ich wieder in meinem eigenen Heim bin. Und noch dazu wieder ganz erholt.« – Sie stellte sich vor den Spiegel und nahm sich den Hut ab. »Nicht wahr, Wilms,« fuhr sie hastig fort, »man merkt mir doch gar nichts mehr an? Ich sehe beinahe wieder so aus, wie zu unserer Hochzeit? – Oder findest du nicht?«
»Ja, mein Kind,« antwortete Wilms gedrückt, »du hast dich sehr – sehr erholt.«
Hedwig und er warfen sich dabei einen Blick zu. Beide bemerkten, wie hektisch rot ihre Wangen gefärbt waren und welch tiefe, blaue Ringe die Augen der Heimgekehrten umränderten. Ihre Gestalt war leicht nach vorn geneigt und auch die Schultern vornüber gezogen. Und doch ließ das schmale Gesichtchen noch immer Spuren einstiger Schönheit erkennen.
Unterdessen hatte Else sich wieder zu ihrem Manne gekehrt, sie legte ihm beide Hände auf die Brust und rief zwischen Lachen und Weinen:
»Freust du dich denn gar nicht, Wilms, daß ich wieder da bin? Du bist ja so still.«
Zärtlich hob sie den Mund zu ihm empor und schloß die Augen, als Wilms sich schwer und wortlos zu ihr niederbeugte. Aber während er es tat, streifte sein Blick ängstlich die Jüngere. Schweigend wandte sich Hedwig zum Fenster.
»Und nun wollen wir zu Tisch gehen,« rief Else. »Ihr sollt mal sehen, wieviel ich jetzt essen kann. Nicht mehr so wie früher.«
Mit diesen Worten ließ sie sich auf das Sofa nieder, wo Hedwig sonst bei Tisch gesessen hatte, und zog Wilms neben sich.
Die Schwester mußte ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz nehmen.
Dann teilte sie selbst in eifriger Geschäftigkeit die Speisen aus, ja die Heimgekehrte schien an einem Tage alles wieder einholen zu wollen, was sie in jahrelanger Krankheit in der Wirtschaft verabsäumt hatte. Zum mindesten wünschte sie dem Gatten ihre frischgewonnene Kraft zu zeigen, damit er sich daran erfreue.
Und dann begann sie ihre Erlebnisse in der Klinik zu erzählen.
Wilms Stirn verdüsterte sich immer mehr.
Seit Monden schon hatte ihn bei seinem Verkehr mit Hedwig nicht mehr die leiseste Andeutung daran erinnert, daß sein Heim einmal einem Lazarett geglichen, in dem nur über Ärzte, Krankheit und Medikamente verhandelt worden war. Jetzt, während Else umständlich ihre überstandenen Leiden beschrieb, erhob sich förmlich wieder jener laue Krankheits- und Verwesungsgeruch, der jahrelang seine Sinne niedergedrückt hatte.
Hilfesuchend sah er auf Hedwig, aber das Mädchen schien aufmerksam zuzuhören und auch seine Abneigung nicht zu teilen. Das verdarb ihm das erste Mittagsmahl vollständig. Nur zum Schein hielt er noch Messer und Gabel in der Hand, ja er dankte Gott, als seine Frau, die trotz ihres gerühmten Appetites von allem nur flüchtig genippt hatte, endlich die Tafel aufhob.
»Weißt du, Heting,« sagte sie zur Schwester und klopfte ihr beim Aufstehen mütterlich die Wange: »Du siehst blaß aus. Gewiß hast du dich in der letzten Zeit hier überanstrengt. Aber jetzt soll das alles anders werden. Ach, Wilms, wie glücklich bin ich darüber, daß ich jetzt selbst wieder alles in die Hand nehmen werde. Und paßt nur auf, wie raschich mich wieder hineinfinde. Dann will ich dich auch ordentlich pflegen, mein kleines Heting.«
Die Angeredete lächelte wehmütig, und wieder trafen sich ihre und des Landmanns Augen in einem langen, vielsagenden Blick.
Es war bereits das drittemal, daß sie so stumm und traurig miteinander sprachen.
Bedrückt und nicht fähig, sich länger zu beherrschen, riß sich endlich Wilms los. Er verabschiedete sich von seiner Frau, um aufs Feld zu gehen, die Saat weiter zu beaufsichtigen.
Aber das alte Spiel wiederholte sich, Else haschte rasch nach seiner Hand.
»Wilms, du willst mich jetzt schon allein lassen?« rief sie mit leisem Ton des Unmuts, »gleich den ersten Tag, wo ich hier bin?«
Dabei wurden ihre Wangen glühend rot, mit den Zähnen nagte sie an der Unterlippe. »Das wirst du doch nicht tun, nicht wahr?«
Hier schon war es ersichtlich, daß die Halbgenesene eine Aufregung oder gar einen Streit nicht würde ertragen können.
Der Landmann blieb stehen.
Das also war seine Zukunft? Sollte er wieder gefesselt werden, daß er der daherfahrenden Not abermals gebunden und widerstandslos überliefert war?
Die Angst um seine Existenz, die ihn schon einmal erfüllt hatte, und die erst seit kurzem gebannt war, von jenem stillen, schweigenden Mädchen dort, das lähmende Entsetzen wollte ihn von neuem erfassen. Aber nur einen Augenblick, dann richtete sich der große Mann entschlossen auf, bereit, endlich, endlich seine Manneswürde gegenüber der Krankheit zu behaupten.
Jedoch er sollte zu keinem unvorsichtigen Wort gelangen. Hedwig hatte in seinen Mienen die heftige Bewegung gelesen und rasch eilte sie, ihm zu helfen.
»Elsing,« erklärte sie mit ihrer freundlichen, aber doch so stolzen Bestimmtheit, als wenn ein Widerspruch von vornherein ausgeschlossen wäre, und legte ihr leicht die Hand auf den Arm: »Dein Mann hat für uns gar keine Zeit weiter, du mußt ihn schon gehen lassen. Es steht zu viel Geldverlust auf dem Spiel, wenn er in diesen Monaten aufgehalten wird.«
Die Kranke warf der Schwester einen überraschten Blick zu:
»So?« sprach sie dann, noch immer ein wenig spitz, »du scheinst hier ja schon viel in der Landwirtschaft gelernt zu haben, Hedwig?«
Allein ganz unvermittelt gab sie nach und winkte lächelnd mit der Hand, daß er sich entfernen solle.
»Geh nur, Wilms – geh. Ihr habt ja recht. Es ist ja wahr. Mir ist es nur, als ob ich mich jetzt gar nicht von euch trennen könnte – aber geh nur.«
Da ging Wilms schwerfällig und bedrückt hinaus. Und als er langsam über seine Felder schritt, auf denen geharkt und gesät wurde, da war ihm weh zumute, viel schlimmer als damals, als sein Weib auf dem Krankenlager gelegen. Wie sollte das enden?
Mitten in seiner schweren Arbeit tanzte ihm alles durcheinander. Hedwigs fragende Augen, ihr herrlicher Wuchs, ihre roten Lippen und daneben wieder das zarte, nervöse Bild der Heimgekehrten, das sich zärtlich an ihn schmiegte, um ihn zu küssen.
Er schauderte zusammen, rings lag heißer Sonnendunst auf der Erde, und doch war es ihm, als hätte eben etwas Kaltes seinen Mund berührt. Ein heftiger, körperlicher Widerwille beschlich ihn, als er sich an die Liebkosungen seines Weibes erinnerte.
»Nein – nein – Gott schütz’ mich – bewahrmich davor. – Das darf ich ja nicht denken – Karl, Jochen,« rief er laut seinen Leuten zu.
Er wollte Menschen um sich haben, um die Gespenster mitten in der Sonnenglut zu scheuchen.
Inzwischen waren die beiden Schwestern allein.
Hedwig riet der Kranken, sie solle sich jetzt etwas niederlegen, allein Else wollte davon nichts wissen, obwohl ihre Bewegungen seit Wilms Fortgange sichtlich matter geworden waren.
»Nein, nein, Heting,« lehnte sie hastig ab, »glaub’ mir, das hab’ ich jetzt nicht mehr nötig. Wir wollen jetzt lieber die Wirtschaft ein bißchen durchmustern, vor allen Dingen meine Schränke. Darauf freue ich mich schon wochenlang. Hast du sie auch hübsch in Ordnung gehalten?«
Die andere bejahte leidend und schloß im Wohnzimmer einen Wäscheschrank auf, aber Else ging das alles zu langsam. In der Hast riß sie der Jüngeren das Schlüsselbund aus der Hand und lief damit von einem Schrank zum andern. Überall sah sie hinein. Dann hing sie sich die Schlüssel in den Gürtel.
»Ich möchte sie jetzt doch lieber wieder selbst behalten,« erklärte sie Hedwig mit vor Vergnügen gerötetemGesicht. »Von jetzt an werde ich ja wieder alles allein beaufsichtigen.« Und sie küßte ihre Schwester stürmisch auf die Wange: »Nicht wahr, Heting, du freust dich doch darüber?«
Die Jüngere nickte ernst. Ein wehmütiges Lächeln spielte um ihre Lippen, als die klappernden Dinger wieder den Gürtel ihrer Schwester schmückten.
Jetzt war sie also abgesetzt, sie kam sich überflüssig vor. Mutlos blickte sie zu Boden. Dagegen gab es keinen Kampf. Der Aufenthalt im Zimmer wurde ihr drückend.
»Komm, Else,« nahm sie sich zusammen, »ich habe noch eine Überraschung für dich. Komm mit.«
Sie gedachte der Heimgekehrten den Platz zu zeigen, der früher mit wildem Gestrüpp bedeckt gewesen und sich nun unter Hedwigs Hand in einen blühenden Garten verwandelt hatte.
Sie schritten dorthin.
Und Elses Entzücken war zuerst ganz aufrichtig. Still und selig schlang sie den Arm um Hedwigs Schulter, und so saßen die beiden Schwestern in der blühenden Fliederlaube und träumten in den sinkenden, rosigen Tag hinaus.
Hedwig erinnerte sich an den vergangenen Abend. In ihrem Ohr klang der silberne Ton wieder, wiegestern, als sich ihr Glas mit dem des Landmanns berührt hatte.
So würde fortan Else mit ihrem Mann hier sitzen, dachte das Mädchen, sie aber würde gehen. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und sah über die Stachelbeerhecken fort auf die angrenzende weite grüne Wiese hin, auf der zahllose Schmetterlinge im letzten Abendsonnenschein herumgaukelten.
»Du bist so still?« fragte Else.
In demselben Augenblick kehrte Wilms zurück. Er freute sich darüber, die beiden Frauen an der liebgewordenen Stätte zu finden, und erzählte Else, wie oft sie hier schon gemütlich gespeist hätten. Zum Schluß bat er, daß auch heute an dieser Gewohnheit festgehalten werde.
Else sah erstaunt zu dem vor ihr Stehenden auf.
»Hier?« fragte sie verwundert. »Aber hier wird es doch bald zu kühl?«
»Bewahre, Elsing,« widerlegte Wilms, »wir haben ja gestern erst mit Hedwig hier gesessen, sogar bis spät in die Nacht hinein.«
»So?« entgegnete Else gedehnt. Eine leichte Wolke zog über ihre Stirn, die Falten um ihren Mund prägten sich etwas schärfer aus, es war nur eineganz leise Andeutung von Verstimmung und ebenso schnell wieder entschwunden, wie sie entstanden war.
Noch war kein Argwohn in der Leidenden erwacht.
»Dann habt ihr euch ja in meiner Abwesenheit ganz gut unterhalten,« meinte sie achselzuckend.
Sie lächelte dabei, wie wenn sie das Ganze für einen Scherz hielte, und liebkoste die Hand ihrer Schwester. Gleich darauf aber verzog sie die Schultern.
Eben war die Sonne hinter rotglühenden Streifen verschwunden, ein laues Lüftchen strich über die Wiesen.
»Mir wird doch zu kalt,« sagte Else matt und erhob sich rasch, »und ich denke, wir wollen deshalb lieber im Zimmer essen. Dafür sind wir ja auch alle drei wieder zusammen.«
Sofort erhoben sich auch die andern. Der Wille der Kranken war mächtiger als ihre eigenen Neigungen. Sitte und Gewohnheit geboten immer dieselbe rücksichtsvolle Unterordnung.
Sorglich legte ihr Hedwig ein Tuch um die Schultern, Else nahm den Arm der Jüngeren, und nach all der selbst auferlegten Anstrengung dieses Tages wandelte sie matt und müde neben der jugendfrischen Führerin her.
Wilms folgte ihnen.
Finster sah er auf die beiden so verschiedenen Gestalten, aber er wagte keinen Vergleich mehr. Nur am Ausgang des Gartens wandte er sich noch einmal nach der blühenden Fliederlaube zurück. Ein schwerer Duft wehte herüber.
»Auch das vorbei,« murmelte Wilms. Verstört riß er sich los. Die Lebensfreude entfloh von ihm, wie ein vorbeipfeifender Vogel, und der düstere Geist der Verzweiflung beschattete ihn wieder mit seinen dunklen Fledermausflügeln.
Am nächsten Morgen erschien der dicke Kreisphysikus.
Aus seinem äußeren Gebaren konnte man schwer enträtseln, was er von dem Zustand der Pächterfrau hielt. Er küßte ihr zwar ein paarmal die Fingerspitzen, aber doch mit Zurückhaltung.
Das war ein seltsames Zeichen, denn Patienten, an denen der beleibte alteDr.Rumpf Freude erlebte, beehrte er mit seiner stürmischsten Zärtlichkeit.
Bei Else jedoch benahm er sich beinahe mitleidig. Er streichelte ihr nach der Untersuchung das feine blonde Haar aus der Stirn und sagte begütigend wie zu einem kleinen Kinde:
»Na, es macht sich ja. Aber schonen, mein Kinding, immer hübsch schonen. Nur recht still, das ist die Hauptsache.«
Damit begab er sich in den Garten, wo Wilms und Hedwig seiner schon harrten.
»Ja,« meinte er dort mit leisem Kopfschütteln, »es ist ja zum Stillstand gekommen bei Ihrer Frau,lieber Wilms – wollen ’s Beste hoffen. Aber keine Aufregungen, hören Sie, davor müssen Sie sie in acht nehmen, ich sage es Ihnen ausdrücklich, eine Erregung wäre das reine Gift für die Kranke.«
Als der Physikus kurz nachher vom Hofe heruntergefahren war, blieben der Pächter und das Mädchen noch einen Augenblick nebeneinander im Garten stehen.
Tiefe Niedergeschlagenheit malte sich in den ehrlichen Zügen des Landmanns.
»Heting,« begann er endlich heiser, während er sich scheu umblickte, und seine Brust hob sich so gewaltsam, als ob er unter Bergesschwere seufze: »Es ist schrecklich, was mir fortwährend im Kopf herumgeht, aber nicht wahr, du wirst keinen Abscheu vor mir bekommen? Heting,« er ergriff ihre Hand und keuchend flüsterte er weiter, als ob’s ein Geheimnis wäre: »Ich kann das Ungewisse nicht mehr ertragen, es geht über meine Kräfte. Ich wünschte, es wäre so oder so, biegen oder brechen, entweder sie würde gesund, oder – sie ginge von uns.«
Dabei stierte er erhobenen Hauptes verzweifelt in den blauen Himmel hinauf, wie wenn er von dort oben eine tröstende Antwort erwarte.
Aber nichts regte sich, nur der Wind führte Wiesenduft in den Garten hinein.
Wilms preßte plötzlich mit beiden Händen seinen mächtigen Kopf und stöhnte laut auf: »Großer Gott – wie kann ich nur an so was denken? – – Ich bin ja woll selbst schon wahnsinnig geworden – schon wahnsinnig,« wiederholte er tonlos.
»Warum soll man nicht einen Wunsch hegen?« sprach Hedwig verloren vor sich hin.
Sie hatte bis jetzt wie ein weißes Marmorbild den Jammer des Mannes, den sie glücklich machen wollte, mitangesehen, jedoch während sie das letzte sprach, erweiterten sich ihre großen Augen schreckhaft weit. Regungslos starrte sie in die Ferne. Etwas Rotes, Blutendes flimmerte ihr dort undeutlich entgegen, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und als sie Wilms noch einmal anblickte, wurde sie leichenblaß.
Entsetzen.
Sie mußte etwas Gräßliches erschaut haben.
Grußlos gingen die beiden auseinander. Bald darauf betrat Wilms das Wohnzimmer, um sich von seinem Weibe zu verabschieden. Munter und emsig fand er Else an ihrem Nähtisch sitzen, eifrig damit beschäftigt, Leinenzeug zusammenzusticheln.
»Wo ist Hedwig?« fragte sie rasch bei seinem Eintritt und hob ihre hellen Augen.
Wilms stutzte: »Wahrscheinlich in der Küche,« gaber unbeholfen zurück. Er log. Etwas Unerkanntes, Dunkles zwang ihn dazu.
Sein Weib ließ ihre Arbeit langsam in den Schoß sinken und sah ihn an. Eben hatte ihr Dörthe, die Obermagd, erzählt, daß sich Hedwig mit dem Herrn im Garten erginge. Und doch sagte er, daß er mit ihrer Schwester nicht zusammengetroffen wäre?
Sie atmete rasch, ihre Finger erzitterten ein wenig, in der Hast stach sie sich mit der Nadel, daß ein kleiner Blutstropfen hervorquoll.
Wilms wollte ihr rasch sein Taschentuch herumwinden. Sie wehrte ihn ab:
»Laß das. – Es macht nichts,« sagte sie fest, obwohl ihre schwache Stimme leise zitterte. Dann wandte sie sich und schaute eine Zeitlang still zum Fenster hinaus. Als sie ihrem Mann ihr Antlitz wieder zukehrte, hatte es seinen alten Ausdruck zurückgewonnen, nur ihre Augen blickten nachdenklich und grübelnd vor sich hin.
»Adieu Wilms,« sagte sie etwas gezwungen, und nachdem sie sich noch die Hände gereicht hatten, bat sie ihren Gatten: »Schick’ mir doch Christian einmal herein. Er soll eine Einladung zu Pastors tragen.«
Wilms stand bereits an der Tür. Er wurde verlegen. »Wen soll ich – –?« fragte er zögernd.
»Nun den alten Christian.«
»Ach so den – – ja – den – Elsing – den hab’ ich entlassen.«
Wilms wußte, daß er Unrecht auf sich geladen hatte, er hatte den Alten fortgejagt aus Liebe zu dem schönen Weibe, vor deren Kammer er damals gestanden. Der Mann hatte ein Menschenalter auf dem Hofe gedient. Der Schweiß brach ihm aus der Stirn, in seiner Befangenheit scharrte er mit den Stiefeln auf dem sandbestreuten Estrich der Stube hin und her und wagte die Augen nicht zu seinem Weibe zu erheben. Aber Else saß zuerst ganz stumm. »Du hast den alten Christian entlassen?« murmelte sie endlich ungläubig. »Im Ernst?«
Der Pächter nickte.
Die Kranke fuhr auf: »Aber weißt du denn nicht, daß ich dem Alten versprochen hatte, er könne hier sein Leben beschließen!« rief sie entrüstet.
In heftigem Unmut warf sie ihr Leinenzeug von sich und preßte beide Hände an die Schläfen. Die Augen, die sich immer dunkler umränderten, begannen krankhaft zu leuchten.
Auch Wilms bemerkte es. Angsterfüllt trat er näher: »Du sollst dich doch nicht aufregen, Elsing,«bat er atemlos. »Hörst du, mein Kind, nicht deswegen.«
Allein Elses Geduld war erschöpft. Ein Tränenstrom brach hervor, sie schleuderte die Schere auf den Fußboden, daß sie klirrte, und war ganz fassungslos.
»Ich will endlich wissen, was hier hinter meinem Rücken vorgegangen ist?« rief sie empört, obgleich sie nach Luft rang. »Warum hast du denn nur den alten Mann entfernt, wie?«
»Weil er sich ausverschämt benommen hat.«
»Gegen dich?«
Da kam die Frage. Wilms stotterte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe.
»Gegen mich – Elsing? – Nein, das gerade nicht.«
»Gegen wen denn?«
»Gegen – gegen deine Schwester – gegen Hedwig.«
Else zuckte schmerzhaft zusammen. Dann schnellte sie empor und machte ein paar widerspruchsvolle Bewegungen.
»Und da hat Hedwig wohl auch verlangt,« schluchzte sie wütend, »daß er fort soll? – Nicht wahr?«
Jedoch gerade der Ausbruch ihres Zornes verstockte den Landmann. Über der Nase zogen sich bei ihm ein paar tiefe Falten zusammen:
»Natürlich,« gab er langsam zurück, »auf Hedwigs Wunsch hab’ ich’s dann getan.«
Da verlor die Leidende allen Halt.
»Aber sie hat hier nichts zu wünschen,« schrie sie jetzt gänzlich sinnlos. »Was geht dich überhaupt meine Schwester an, während du doch ganz genau wußtest, daß ich nie und nimmer meine Einwilligung zu dieser Entlassung geben würde? – Sag mir bloß, was geht dich dabei Hedwig an?«
Sie wollte noch weiter klagen, aber plötzlich brach sie ab, und ihr Blick richtete sich verwirrt auf ihren Mann.
Was ging so schnell mit ihm vor?
Er sah sie groß an, der ungelenke Riese, als ob er dieses schwache Frauenbild zum erstenmal sähe. Die Fäuste ballten und öffneten sich wieder, seltsam schwer ging die Brust.
»Elsing,« kam es dumpf heraus, indem er schwerfällig auf sie zutrat – »nu is es genug – nu will ich nichts weiter davon hören, du bist krank, das halt ich dir zugut.«
Wuchtig und nachdrücklich wie nie hatte er gesprochen. Es klang hart und herb, als ob Steine aufeinander geworfen werden.
Kopfnickend schritt er dann zur Tür. Jedoch eh’ er sie erreicht hatte, schwankte plötzlich sein Weib auf ihn zu, um mit ihren schwachen Armen seine Brust zu umklammern:
»Wilms, ich weiß ja nicht, was ich spreche,« stammelte sie halb ohnmächtig, und in dem blassen Gesicht schlossen sich müde die Augen, »ich – ich – ach Gott, ich tu’ ja alles aus Liebe zu dir. – Glaubst du das denn nicht?«
Kraftlos lag sie in seinen Armen, Wilms mußte sie aufheben.
»Ja, ja, das glaub’ ich,« murmelte er durch das eine Wort verwandelt und bezwungen – »du arme Dirn – komm, Elsing.«
Er trug sie zum Sofa und bettete sie sanft hinauf.
Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, warf sie die Arme um seinen Hals und hob ihre Lippen stürmisch zu den seinen.
»Nicht wahr, du bist wieder gut?« lächelte sie.
»Ja, ja, Elsing.«
Ein heißer Kuß brannte auf seinem Munde.Dann befand er sich draußen und schritt gebeugter, als je zuvor, seinen Feldern zu.
In einer Furche lag ein Schmetterling, der von einem Sandklos getroffen war. Mitleidslos stampfte ihn der Landmann mit schwerem Stiefel in die Erde.
»Dir is wohl,« sprach er rauh.
Und dieselbe Hedwig, auf welche die Kranke eben anfing neidisch zu werden, trat zur Türe herein und brachte der völlig erschöpft Liegenden eine Tasse Bouillon. Das rührte die Leidende und stimmte sie um. Zwar flossen noch immer Tränen aus ihren Augen, aber sie zog dennoch das schöne blühende Mädchen zu sich nieder und streichelte zärtlich sein braunes, goldig schimmerndes Haar. »Nicht wahr, Heting,« flüsterte sie kaum vernehmbar, »du bist nicht schlecht zu mir, nicht wahr?« Und sie hob das Gesicht der Schwester empor und forschte in ihren dunklen, sprechenden Augen: »Nein, nein, du wirst mir nicht weh tun,« setzte sie getröstet hinzu.
Später, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte, nahm die Leidende, die da glaubte genesen zu sein, die Bibel und versuchte, ihre bösen Gedanken durch die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verständnislosüberflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen murmelten allerlei abgebrochene Laute, die nicht hierher gehörten. Zerstreut erhob sie sich endlich und schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer.
»Weshalb er mich wohl belogen hat?« sann sie, ohne eine Antwort finden zu können. Müde und abgespannt lehnte sie endlich am Fenster und blickte auf den Hof hinaus, über dem warmer Sonnenschein lag.
Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt saß dort draußen auf dem Prellstein vor dem Tor? Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte dort und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf das Gehöft.
Die Spähende beugte sich vor. Das war ja der alte Krischan? Eine merkwürdige Freude befiel die Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es passend sei, mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und berührte seine Schulter.
Mühsam hob der Greis das nickende Haupt, und als er die Frau in dem einfachen, grauen Kleide erkannte, lief ein schwaches Lächeln über die vertrockneten Lippen.
Für Else war er stets ein treuer Kettenhund gewesen.
»Arm’ Fru,« sagte er und strich mit seiner welken, zitternden Hand an ihrem Arm herunter. »Arm’ Fru.«
Das war die Begrüßung.
»Nein, nein,« rief Else laut, damit er sie verstände. »Ich bin nicht mehr krank, Krischan, ich fühle mich viel wohler.«
»Arm’ Fru,« nickte der Alte unverändert, beinahe mitleidig.
Else erschrak. Was meinte der Taube damit? Ohne Überlegung, mit jähem Erröten fragte sie ihn, warum er ihre Schwester denn beleidigt hätte?
»Ick?« flüsterte der Alte und hob das Kinn. Dann raffte er sich auf und keuchte der Wartenden etwas ins Ohr.
Ein paar Worte nur, aber Else taumelte zurück und wurde schneeweiß. Nur ein paar helle, rote Flecken glühten auf ihren Wangen.
»Du lügst, Krischan,« schrie sie auf. »Das ist nicht wahr.«
Allein der Greis verstand das unglückliche Weib nicht, oder ließ sich nicht stören. Denn von neuem streichelte er mit seiner Knochenhand über ihren Arm und brachte mit Anstrengung hervor:
»Arm’ Fru – ne, ne, ick heww’s sülwst seihn, as sei tausamen in’n Schlidden seten hewwen. De beiden täuben [Fußnote: warten] nu all ungedüllig.«
»Warten?« stöhnte die Ärmste schwach. Alles drehte sich vor ihr. Sie mußte sich an die Mauer der Einfahrt lehnen.
»Dat Sei, min arm’ Fru, starwen süllen. Se luren all up den Dod von de Fru. Dann willen sei sick friegen.«
Ein herzzerreißender Schrei, schrill, kreischend gellte über die Landstraße und wurde von den Mauern des Pachthauses zurückgeworfen.
Die Gepeinigte glaubte zu ersticken, eine eisige Hand griff nach ihrer Kehle, das Gesicht des Krüppels tanzte wie hundert Fratzen um sie herum. Noch gurgelte sie etwas.
»Hilfe – – Hilfe.«
Dann ein dumpfer Fall.
»Arm’ Fru,« ächzte der greise Knecht und beugte sich zu ihr hinab, »arm’ Kinding, sei hed di ümbracht, de anner Dirn.«
Aber Else war nicht gestorben.
»Klang das nicht wie ein Hilferuf?« fragte Hedwig die Obermagd, mit der sie gemeinsam in der Molkerei weilte. Auch Dörthe hatte den schrillen Ruf vernommen. Als sie nachforschten, fanden sie die Herrin des Hauses unter dem Unkraut des Grabenbords hingestreckt, weiß wie eine zertrümmerte Statue, die, in Schmutz und Unrat, der Vergessenheit anheimgefallen.
Ein zerschlagenes Menschenbild.
Beim Fall hatte sie einen Stein gestreift, eine blutige Narbe zog sich davon über die Stirn.
Da warf sich das schöne Mädchen in die Knie. Ihr Mund öffnete sich:
»Ist – sie tot – Dörthe?«
Die Magd schrie auf. »Ne, ne, Fräulein, sie bewegt sich ja – heben Sie ihr den Kopf.«
»Ja, ja – sie lebt,« wiederholte Hedwig erwachend.
Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und gebraust hatte, war nicht wahr. – Sie hatte ihr wohl den Tod gewünscht, aber das war im Fiebertraum, in einer Vision geschehen. – Sie lebte ja – sie lebte – Gott sei Dank. Jetzt waren es nurGedanken gewesen, schlimme Gedanken, aber kraftlos – großer Gott – sie lebte ja.
Mit starken Armen umfaßte sie den starren, zuckenden Leib und trug ihn, wankend und zitternd unter der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne Hilfe in das große Zimmer. Dort entkleidete sie die Schwester und bettete sie auf das Lager, das die Hausherrin wieder aufnahm in seine weißen Kissen.
Ja, die Kranke kehrte zurück in die linnene Gruft.
Ob für immer?
»Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze Ruhestätte, auf der Blumen blühen,« dachte Hedwig, die wie früher an dem Bett saß und auf die sich regenden Atemzüge der Kranken lauschte. Und diese Behausung hatte sie der Schwester gewünscht, grübelte sie weiter, um allein den Mann zu besitzen, dessen Herz ihr schon gehörte, den sie erzogen, gebildet, veredelt hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach der Erlösung. Der morsche Körper dort sollte im Grabe liegen, und der junge blühende Leib bei dem geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft und Besonnenheit zurückgewonnen. Sah das wächserne, bleiche Gesicht der Leidenden nicht schon aus, wie das einer Leiche? – Ja, Hedwig war sich jetztvöllig klar. Die Kranke unten – sie selbst oben. Das war das Rechte, keine Sünde, es zu wünschen, nur der Lauf der Natur.
Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf die Landstraße hinauszuspähen; ob Wilms und der Arzt noch nicht kämen, nach denen sie sofort geschickt hatte. Dabei mußte sie an dem langen Mahagonispiegel vorüber. Unwillkürlich blieb sie vor ihm stehen und zog sich die Taille zurecht.
Das Glas zeigte ein wunderschönes, zur Reife strebendes Weib, ganz dazu geboren, um zu wirken, zu schaffen und glücklich zu machen. Sie lächelte schwermütig, als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da befremdete sie etwas. Auch das Bett hinter ihr spiegelte sich in der Scheibe und jetzt – täuschte sie sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere Gestalt richtete sich auf, und ein paar umflorte, düster umschleierte Augen starrten nach ihr hin.
»Hed – wig,« stöhnte etwas.
Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre Hand, die Kranke schaute sie gläsern an, als suche sie sich zu besinnen.
»Wie komm’ ich hierher?« flüsterte sie und befühlte angsterfüllt die Kissen des Bettes.
Plötzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stießjedoch plötzlich die Schwester mit heftigstem Abscheu von sich.
»Else, ich bin es ja,« rief Hedwig befremdet, »erkennst du mich denn nicht?«
Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren. Sie wälzte sich stöhnend herum und bedeckte ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie dem Anblick der Schwester entfliehen wollte.
»Ja, ich erkenne dich,« wimmerte sie mit so schriller Stimme, daß es die Jüngere wie mit spitzen Nadeln durchdrang. »Du hast dich hier eingeschlichen, um mir mein Glück zu stehlen. – Du wartest nur auf meinen Tod! – – Aber ich sterbe noch nicht – ich mache dir nicht Platz – ich will leben – hörst du, ich will leben!«
Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt rann es ihr über den Rücken hinab. Immer den Blick auf das schluchzende, schmerzzerwühlte Weib gerichtet, tastete sie sich rückwärts zum Tisch und umklammerte dort fest die Kante. Auch sie mußte sich halten. Alles schwankte und fiel in ihr, aber während des Hinstarrens biß sie noch immer die Zähne trotzig zusammen.
Nie war sie so schön, wie in diesem stummen Ringen mit der Sterbenden.
Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und krallte beide Fäuste nach der Schwester. Der höchste Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste. Gespenstisch sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten im Gesicht bereits aus, als ob eine Tote noch die Fäuste schüttele.
»Geh’ mir aus den Augen,« kreischte das arme Weib – »fort – fort – ich will dich nicht sehen – du willst mich vergiften –! – Meinen Mann hast du auch verführt, – heut nacht warst du bei ihm – ich weiß alles – Jesus Christus, Ehebrecherin du! – Jesus – Erbarmen.« Dann ein langes Röcheln, und sie fiel ohnmächtig auf ihr Lager zurück.
In demselben Moment betrat Wilms das Zimmer.
Ein sanfter Maientag ging zur Rüste.
Am Horizont lösten sich prachtvolle Farben ab. Ein Spiel von Gelb, Tiefblau und Rot wogte durcheinander, und durch die Äste der Fliederlaube fielen die letzten rötlichen Lichter. Ein leises Lüftchen wehte durch den Garten, sonst atmete alles Beruhigung und Abendstille.
Aber zu dieser friedlichen Umgebung paßte schlecht die wilde Bewegung, die in dem Pachthause ausgebrochen war.
Scheu und lautlos wie früher schlichen Knechte und Mägde umher, die Türangeln wurden eingeölt, damit sie die Kranke nicht durch Knarren störten, alles im Hause hüllte sich wieder in Schweigen, eine dumpfe, düstere Feierlichkeit drückte abermals auf Menschen und Gehöft herab.
Am Abend war der Kreisphysikus eingetroffen und weilte jetzt allein in dem großen Wohnzimmer. Immer stiller wurde es im Haus, nur zuweilen hörte man einen schrillen Wehruf aus der Krankenstube.
In der Fliederlaube aber saßen zwei schweigsame Menschen, die fuhren zusammen, wenn solch ein klagender Laut heraustönte, und hielten den Atem an, ob er sich nicht wiederhole.
Immer heimlicher und dämmernder wurde es um sie herum, hinter Baum und Strauch quollen lichte, weiße Nebel hervor, und die beiden verängsteten Menschen konnten kaum noch ihre Züge erkennen.
»Heting, nun geh zu meiner Frau,« forderte endlich der Pächter undeutlich, indem er noch tiefer in den Schatten der Laube rückte, »und sieh dich um, warum der Doktor gar nicht zurückkommt.«
Damit sank die große Gestalt wieder in sich zusammen und brütete so verloren vor sich hin, daß der Landmann nicht bemerkte, wie Hedwig seinem Wunsch nicht Folge leistete, sondern still neben ihm sitzen blieb.
Endlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Das gewahrte Wilms.
»Hedwig, wolltest du nicht – –?«
»Nein, Schwager, ich gehe nicht zu deiner Frau.«
»Du – gehst nicht?«
»Nein – nicht – bitte, Wilms – laß mich nicht mehr hinein.«
»Ja – aber – Heting, warum denn?«
»Weil – weil ich mich vor ihr fürchte,« kam es bebend über ihre Lippen.
Der Pächter starrte sie an – verständnislos – und faßte sich an den Kopf.
Noch wußte der Hofpächter ja nicht, was sich heute morgen zwischen den beiden Schwestern abgespielt hatte. Schweigend hatte Hedwig alles in sich verschlossen; der zartfühlende, weichherzige Mann brauchte es ja nicht zu erfahren, daß sie entdeckt seien, daß ihre heimliche Sehnsucht, die sich noch niemals geäußert, die noch Wunsch war ohne Erfüllung, daß diese bereits belauert und verflucht sei von der Scheidenden, die sie nun bald nicht mehr stören würde.
Alles wollte sie kalt und stolz von ihm fernhalten, um selbst zu harren und zu lauern, bis die Erlösung endlich da wäre – der Anfang des Glücks.
Aber jetzt – jetzt, wenn die wilden Wehlaute herausdrangen bis in den stillen Garten, dann ertrug sie es nicht. Dann schreckte sie zusammen und zitterte. Wie Eis lag es ihr ums Herz. War sie wirklich schuld, daß ein Menschenleben dort drinnen scheiden mußte? Hatte sie wirklich eine Verzweifelte in den Tod getrieben?
Wieder schlug ein Schmerzensschrei an ihr Ohr.
Das überwältigte sie, dem war sie nicht gewachsen, alles schrie in ihr nach Trost – Ruhe – Verzeihung.
Ein Wort der Liebe entbehrte sie, ein einziges Wort von dem Manne, dem sie ihre Jugend schenken wollte, dem sie sich hingeben wollte, bedingungslos, jetzt, wo es auch immer sei, weil er sie mit seiner dumpfen Hilflosigkeit von Anfang an betört hatte.
Aber der Pächter saß verstört da und regte sich nicht.
Da ließ Hedwig mutlos die Hände in den Schoß sinken und verzweifelt murmelte sie:
»Ich wünschte, ich wäre es, die sich zur ewigen Ruhe legen könnte, und bei euch bliebe alles beim alten. – Ich stürbe so gern.«
Aber der Tod hatte noch keine Gewalt über sie, das Leben schlug vielmehr brausend über ihr zusammen.
Wilms packte krampfhaft ihre Hand: »Du – Heting?« stammelte er, »nein, nein – nur nicht du – das könnt’ ich nicht ertragen – nur du nicht – wir wollen ja zusammen bleiben.« Er umklammerte sie und drückte sie an sich.
Und dann war es plötzlich da, was sich seit Monden näher und näher geschlichen hatte.
Ohne Übergang fühlte sie seine zuckenden Lippen auf den ihren, sie schlang ihre Arme um den gewaltigen Nacken des Mannes und unter schmerzhaften Küssen merkte sie, wie seine Tränen ihr Gesicht netzten. Auch sie schluchzte. Als ob sie sich trösten wollten, lagen sie einander in den Armen.
Es war kein freudiges Finden.
In dem weiten, ungemütlichen Wohnzimmer war es inzwischen stiller geworden. Der dicke Kreisphysikus hatte seine Untersuchung beendet und die Schwerleidende schonend befragt, durch was sie denn so plötzlich in Erregung versetzt worden wäre. Lange hatte das matte Weib seinem Drängen widerstanden, endlich jedoch, als der alte Herr sie gar so väterlich und gut in die Arme nahm, faßte sie sich ein Herz, und wie ein kleines Kind an den alten Freund geschmiegt, flüsterte sie ihm stockend und weinend ihre entsetzliche Entdeckung zu.
»O, Gott, das hätt’ ich nicht geglaubt – aber es ist wahr, Herr Doktor, Krischan hat es selbst gesehen.«
Der alte Arzt schüttelte den Kopf und redete ihr aus voller Überzeugung solche Vermutungen aus. »Ach, Unsinn – mein Kinding – Gesindegeklätsch.«
»Wirklich?« hauchte sie schwach. Aus ihren Augen brach ein Hoffnungsstrahl.
»Selbstverständlich – da kenn’ ich die beiden zu gut.«
»Ach, ja,« flüsterte die Liegende dankbar, dann hob sie den müden Blick zur Decke empor, auf welche die brennende Lampe ihren gelben Kreis warf, und drückte dem Physikus zum Schluß die Hand, »ich glaube es ja auch nicht,« sagte sie mit zuckenden Lippen, »nein, ich glaub’ es nicht – glaub’ es nicht.«
Wilms trat ein.
Sein Weib lächelte ihn an und bewegte die Lippen. Jedoch es war unverständlich, was sie verlangte.
Der Arzt beugte sich über sie.
»Wilms, Ihre Frau wünscht auch ihre Schwester zu sehen,« erklärte er sodann und begab sich selbst in den Garten, um das Mädchen zu holen. In der Laube traf er sie. Es herrschte schon Finsternis.
»Nach mir verlangt Else?« sprach Hedwig verwirrt, aber den langjährigen Freund durfte sie die Unruhe, die in ihr stürmte, nicht merken lassen. »Ja, wir wollen zu ihr.«
Welch ein Gang. Noch brannten die ersten Küsse auf ihrem Munde, noch wußte sie nicht, wie das alles möglich war, und was nun folgen sollte.
»Wird sie noch lange leiden?« forschte sie atemlos.
Ob der kleine Physikus den nachzitternden Wunsch aus dieser Frage herausgehört hatte? Vor dem Hausflur blieb er stehen und strich ihr gedankenvoll über die welligen Haare.
»Ja, sie kann noch sehr lange leiden,« gab er halblaut zurück, »und deshalb – Heting, ich glaube, es wäre gut, wenn du jetzt dauernd von hier fortgingst.«
»Ich?« Sie erschrak; – wußte er schon etwas?
»Der Aufenthalt hier ist dir nicht gut bekommen. Du kamst hier als eine Dame an, und – ich weiß nicht, aber du hast hier draußen etwas Hartes, Bäuerisches angenommen, und – es wäre wirklich für alle gut, verstehst du,« brach er ab, »wenn du zu deinem Vater zurückgingst.«
Keine Antwort.
Starr und groß blickte das Mädchen durch die Dunkelheit zu dem alten Freunde hinüber. Es war ihr zumute, als sollte sie ihm jetzt um den Hals stürzen, um ihm all ihre peinigenden Gedanken, die gierig um den Tod der eigenen Schwester herumflatterten,zu beichten und anzuvertrauen. Aber noch war ihre Kraft nicht erschöpft.
Sie faßte sich und gab dem Doktor ruhig zur Antwort: »Es ist vor allen Dingen meine Pflicht, hierzubleiben, solange Else mich nötig hat. – Ich danke Ihnen aber für Ihren Ratschlag,« setzte sie beklommen hinzu, während sie schon durch den Flur schritten.
»Es war gut gemeint,« sprach der kleine Physikus nachdrücklich.
Die Ansicht über die Unschuld des Mädchens stand nicht mehr so felsenfest bei ihm. Er maß seine Begleiterin mit einem mißtrauischen Blick.
Sie traten ein.
An dem Bette der Kranken saß Wilms, das Haupt mit den kurzgeschorenen blonden Haaren tief auf die Brust gesenkt. Er hob es auch nicht, als er den Schritt des Mädchens hörte. Seine große Hand ruhte in der seines Weibes.
Die Trostesworte des Arztes mußten der Hingestreckten Linderung verschafft haben, denn sie lag jetzt still und nickte Hedwig eifrig zu, näher heranzukommen.