VII.

VII.Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden.Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen.Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des Pächtersabzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim zurückzuführen.So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah.Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich gefühlt. – Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre.Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht unbegleitet aufbrechen lassen wollen – »es schicke sich nicht,« hatte er geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort.Die Uhr schlug.Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand.Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen.Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte läuten können.Ganz verlassen – ohne jede fremde Hilfe.Sie begann sich zu ängstigen.Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig Ungewohntes.Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her – dann hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte.Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich die Blasen platzen – – aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt, ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den Hof gesprengt – – ein Pferd wieherte hell und anhaltend – ein kurzer Stimmwechsel – –Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine kurze liebenswürdige Verbeugung.Die Sporen klirrten dabei hell an den hohenStiefeln, und von der Lodenjoppe troff das Wasser herunter.»Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze – »ich weiß, es ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit hineinbringe. Nicht wahr? – Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?«»Nein – nein – leider« – Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu erheben – »mein Mann und meine Schwester sind fort – aber wer – – mit wem habe ich denn –?«Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten, wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des Reiters daran verhindert.»Oh« – meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte – »ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. – Aber dieses niederträchtige Wetter draußen – Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie eine Morchel – und da dacht’ ich, Herr Wilms würde mich wohl ein Stündchen bei sich aufnehmen. – Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der Sohn natürlich – Ihr Mann kennt mich ganz genau – vielleicht haben auch Sie schonvon mir gehört – – ist’s wirklich erlaubt? Sie sind zu liebenswürdig.«Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen.»Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? – Oder falle ich Ihnen lästig?«»O – bewahre,« hüstelte die Kranke.Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig suffisant, als Else ihm mitteilte,daß sie als Mädchen stets gesund gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe.»So? – hm« – der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise: »Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. – Ich bin auch prinzipiell dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? – hm« – – – er schlug mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig gegen ein Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer umzusehen. Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an langweilig zu werden.»Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen wollen?«»Nein – nein – bewahre – lassen Sie sich nur nicht stören – wir plaudern ja hier ganz vorzüglich. Hm – ein recht gemütliches Zimmer – ein bißchen groß – – ja – sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch, als wenn ich neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen hätte. Oder schon wieder abgefahren?«»Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt?Nein, meine Schwester Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.«»So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche junge Dame – also, Ihre Schwester? – Na ja, die Ähnlichkeit ist unverkennbar« – hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. – »Ein Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt – nicht wahr?«»Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich geschmeichelt.Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles suchen wolle. – Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« – fuhr er gleichgültig fort: »Wir kennen uns – oberflächlich natürlich nur, denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne zusammengebracht – das können Sie sich doch denken.«»Ach – der Herr Graf scherzen nur –«»Durchaus nicht – man erzählt die schauderhaftestenGeschichten von mir – – na hier wird es ja auch bald losgehen und – –«Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? – Dort draußen fährt ein Wagen über die Chaussee – zwei feste Traber übrigens, jetzt lenken sie über die Brücke – das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein Schwester sein.«»Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.«»So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.«Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte.»Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf – seit – seit langer Zeit.«»Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,« meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen Seufzer derKranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. – Ich habe doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.«***Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes, weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von der ängstlichen Vorstellunglösen zu können, was dieser Besuch wohl bedeute.So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt haben.»Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms. Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben ihm verharrte.»So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen – na ängstigen Sie sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast werden Sie los.«»Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von ihrem Stuhl aus.»Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? – Abgemacht – dann bleibe ich. – Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir unsselten gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. – Guten Abend, mein liebes Fräulein – alle Wetter, ich wage gar nicht mehr ›Du‹ zu sagen. Oder darf ich es doch noch?«So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen.Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen, gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver Koketterie gefallen wollte.Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch einen Sitz für Hedwig herbei.Wo sie nur bleiben mochte?»Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der Mägde.»Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.«»Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie uns so lange auf? Ich versteh’ das gar nicht – der Herr Graf kennt sie doch auch.«»Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.«»So geh doch,« drängte die Kranke erregt.Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht. Ihre Tür stand offen.Es war so seltsam still dort drinnen.Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben.Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem benahm.Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher.In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch, ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte die Gestalt der Bewohnerin auf.Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte.Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr.Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken,während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten.Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen – damals in den Stunden des Glücks – aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer Schönheit.Seine Lippen bebten.Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort drinnen.Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor.»Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird – das arme Weib,« – war sein erster, unwilliger Gedanke, – dann wartete er noch ein paar Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. – Langsam wandte sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort.»Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?«»Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.«»Mich? – Ja, ich wollte mich erst ein wenigsäubern nach dem schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. – Sind denn unsere Gäste schon alle versammelt?«»Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen, Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich danke dir dafür, mein Kind. Und – und Herr von Brachwitz befindet sich ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?«»Ja, ich sah ihn.«»Sag’ einmal – Hedwig – gehört denn der Herr zu deinen Freunden?«»Nein.«»Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?«»Ja – nein – das heißt, ich kenne ihn näher.«»Sieh – ich will mich nicht ’rein mischen – es geht mich ja nichts an – aber – er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?«»Auch das.«Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?«»Nein – nie.«»Nie?«Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut.Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes Haar.Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er nachgrübelte, und der ihn anwiderte.»Hedwig« – – murmelte er unwillkürlich.»Ja, Schwager,« antwortete sie leise.Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her.»Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.«Die Sprache versagte dem kräftigen Manne.Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich in die Herzensangelegenheitendieses Mädchen drängen wollte, und doch – eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem innigen Gefühl gesprochen werden könnte – oder ob – das Blut stieg ihm dabei in die Stirn – ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische.»Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?«»Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach.Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus, so daß völlige Dunkelheit entstand.Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit:»Lassen wir doch den Grafen. – Er ist eine häßliche Erinnerung für mich, die ich gern abschütteln möchte. – Übrigens« – lachte sie leicht – »brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager – eine ganz alltägliche Dummheit. – –«Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und Treppe einhülle. Mühsam tastetensie sich zurecht. Beide dicht beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine wohltuende Wärme von ihr ausströme.Da stieß sie einen leichten Schrei aus.Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab. Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht ernsthaft Rücksprache zu nehmen.«Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. – »Ja, ja,« stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. – Seine Schuldenlast, die ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen, Mißernte und die hohe Pacht – alles zusammen stürzte plötzlich wieder auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten Flur, bereit, den Herabsteigendenzu empfangen. Dort oben in Hedwigs Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht.Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte ihr dann schweren Trittes.Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband, das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin abstach.»Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen.VIII.»Ha, ha, ganz ausgezeichnet – ganz ausgezeichnet« schrie der Förster Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen – stoß mit dem Herrn Grafen an – – Ihr Wohlsein, Herr Graf – ganz großartig – wahrhaftig. So was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. – Nicht wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? – Liebesbriefe unter das Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko – –«Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen:»Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen die letzteresich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen.Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen.Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen Aristokraten.»Mein Gott« – schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde Greisenköpfchen. »Die Weiber – die Weiber – gar nicht auszustudieren – Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde, jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde – und nun dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den Weg läuft.«»Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die Höhe.Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf, sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:»Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, – Fräulein Schröder,« verbesserte er sich – »sagen können. Denn sie hat sich ja auch in dieser Pension befunden.«»Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer lebhaft dazwischen.Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? – Na, wie war’s denn?«»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde.Alles sah auf Hedwig.Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt, sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt.»Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt wäre.Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert?O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz, überredete sich der unglückliche Mann selbst.»Weiter nichts – gewiß – gar nichts weiter.«»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine Gedanken hinein. – Was sie jetzt wohl antworten würde?Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den Grafen zum erstenmal fest ansah:»O ja – der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde abgebunden.«Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.»Bitte, Herr Pastor – nicht ein Pfefferkuchen gefällig? – Nein? – Nun dann aber einen Apfel, – ich werde ihn gleich schälen – Sie erlauben.«In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen hatte,färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall flüsterte sie kurzatmig und gereizt:»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? – Hedwig, das ist doch nur Scherz, nicht wahr? – Sag’ das doch den Herrschaften.«Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin, die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in solche Heimlichkeiten einzudringen.Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«.Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens nicht? – Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?«Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich erwiderte siegelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte: »Gewiß – Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« –»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn begann allen sichtlich zu mißfallen.Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen.Was das nur bedeutete?Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich aufrecht.Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt fiel ihr das auf.Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten?Aber was?Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise.Worüber?Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender Schmerz durchschnitt sie.»Gott im Himmel – Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu sagen, »ich möchte – du solltest – etwas singen – so lange habe ich nichts gehört.« Sie schauerte zusammen.Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die Noten zu holen.In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem Lichte.Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß.Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem Notenschränkchen gebückt stand und suchte.Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunkenzu tanzen, und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose Roheit gegen sie verübt hatte.Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen.Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn völlig besinnungslos.»Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. – Können Sie denn die Dummheit von damals nicht vergessen?«Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die Hand von ihrer Schulter gleiten ließ.War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte?»Liebe Hedwig, wenn – –«»Still – ich will das nicht –« befahl sie flüsternd und heiser.»Aber Sie wissen ja nicht – –«Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück.Was war das?Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung, zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie hervor: »Nein, Sie wissen nicht – Sie – Sie wissen nicht, was Sie aus mir gemacht haben – Sie – –«»Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen.Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme.Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an.Was hatte sie nur vorgebracht? – Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche Geheimnis verraten,das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis, das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte?Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten müßte.Er begann wieder zu lächeln.Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos gemacht.Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten, oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu werfen. Aber nichts regte sich.Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.»Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da – Gott sei Dank, sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause unsicher und gepreßtzu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr solle es nicht übel nehmen. – Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein. Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu schlecht gestimmt sei.Hedwig?Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf sie hin.Wollte man sie herausfordern?»Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte Kraft zusammenraffend.Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken Nebel hindurch.Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrtwar. Wie sie dann am Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied gesungen:»Täglich ging die wunderschöneSultanstochter auf und niederUm die Abendzeit am Springbrunn,Wo die weißen Wasser plätschern.«Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig zusammen.Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht.Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes Amulett umspannt hielt.IX.Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kam der Arzt. Es war der Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwöchentlich besuchte und als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit kannte.Ein kleiner, fetter, fröhlicher Herr, behaftet mit einem unförmlichen Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer burschikosen Neigung zu allen hübschen Mädchen und Frauen, trotzdem er in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besaß.Schon bei seinem Eintritt begrüßte der kleineDr.Rumpf die Anwesenden mit einem lauten: »Morgen, Kindtings; na, wie geht’s?« stiefelte mitten in das große Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen.In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und weiß, als wenn sie bereits verschieden wäre. Und der Mann, sowie das junge Mädchen am Kopf- undFußende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu wachen.Das stimmte den Arzt doch bedenklich.Als aber Else langsam und begrüßend die abgezehrte Hand gegen ihn ausstreckte, ermannte sichDr.Rumpf, schritt schnell an das Bett und küßte seiner Patientin zuvörderst zärtlich die Hand.Sein stachliger, weißer Knebelbart kratzte dabei die Ärmste, daß sie das Gesicht vor Schmerz verzog.»Schlimmer, mein Kindting?« fragte er teilnehmend, ohne sich um die andern zu kümmern, »schlimmer?« Damit entblößte er ungeniert die Brust der Kranken, horchte aufmerksam herum und schüttelte endlich den Kopf.Wenn der Physikus so sehr zärtlich wurde, so galt es immer für ein schlechtes Zeichen.»Herr Doktor,« hauchte die Liegende kaum hörbar, »steht es sehr trostlos mit mir? – Sagen Sie es – sagen Sie es, bitte,« wiederholte sie dringend, »ich bin ja auf alles gefaßt.«»So? gefaßt? ja, ja, mein Liebchen,« murmelte der Doktor achtlos und bewegte im Selbstgespräch die Lippen. »Raus,« schloß er plötzlich sein Nachdenken und machte den beiden anderen eine energischeBewegung mit dem Kopf, daß sie sich entfernen sollten.Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit den grünen Ripsmöbeln.Matt und in sich versunken lehnte das Mädchen hier auf dem Sofa, über das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, während Wilms schweigend durch das einzige Fenster auf den Hühnerhof hinausblickte.Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander gewechselt.Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen.Eine lange, bange Viertelstunde verstrich.Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schloß die Tür hinter sich zu.»Nun, Herr Doktor?« fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick zurückgewendet hatte. Aus den grob gemeißelten Zügen des Mannes sprach arbeitende, zurückgedämmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Höhlen heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie ihren Blick flüchtig über den zitternden Riesen fortgleiten ließ, da drang zugleich ein spöttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in ihr Denken.Mitten in ihrer Spannung lächelte sie spöttisch.»Können Sie mir denn nicht ein bißchen Trost schenken?« stammelte der Pächter von neuem. »Ich kann’s ja gar nicht mehr mit ansehen.«»Trost? – hm ja.« – Der Physikus ließ seinen dicken Leib schwerfällig in einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben hatte, freundlich die Hand.»Na, Kindchen, immer hübsch artig hier draußen?«»Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,« fuhr er dann ganz ernsthaft fort, »das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.«»Großer Gott – das – das hätt’ ich nicht erwartet.«Der Pächter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: »Das ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.«»Armer Kerl,« murmelte der Physikus und schüttelte bedenklich den Kopf, »leider werden sich jetzt noch Krampfanfälle einstellen – ich hab’ mir’s längst gedacht, längst. Und dann – –«»Und dann?« unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat aufgerichtet vor den Arzt hin. »Nun muß doch etwas Energisches geschehen, lieber HerrDoktor. Man kann es doch nicht einfach so fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?«In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fuß und preßte die Hände gegeneinander.»Eine Operation?« knurrte der Physikus in sich hinein. Er schüttelte den Kopf, erhob sich ächzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So oft er dabei an dem Landmann vorüberkam, drehte er ein bißchen an dessen Rockknöpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem Selbstgespräch gedankenlos zu.Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weißen Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptsächlich an der Entwickelung vorzüglicher Gedanken beteiligt wäre, gab er laut und bestimmt sein Urteil ab: »Nein, keine Operation; aber sie muß in ein Solbad – ja, ja – ganz recht – und zwar sofort, denn es ist die allerhöchste Zeit.«»In ein Bad?« wiederholte Wilms verwirrt, während er sich langsam über die Stirn strich.Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelöste, und wie ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwererZunge konnte er einwerfen: »Aber – aber die Mittel dazu werden wohl sehr große sein?«»Ja, billig ist’s nicht,« meinteDr.Rumpf und sah den Pächter teilnehmend an: »Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu gehen hat.«Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schüttelte Wilms die Hand und wollte eben dem Mädchen väterlich galant die Fingerspitzen küssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurückfuhr und mit lautem Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief hervorbrachte. »Das hätte ich beinahe vergessen,« strafte er sich selbst, »Kindchen, hier – dein Vater hat es mir mitgegeben. – Es ist Geld drinnen, und er sagte mir, daß du es bereits erwartest. Ei, das wäre ja eine schöne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.« Damit schrittDr.Rumpf breitbeinig und ehrwürdig zur Türe hinaus und fuhr geradeswegs zur Försterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine Heilmethode jedesmal hinterließen. – – –In der ungemütlichen »guten Stube« des Pachthauses blieben die zwei Menschen allein.Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mädchen fest und beinahe auffordernd,als erwarte sie, der Schwager möchte sie nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen.Bezeichnend drückte sie den Brief gegen ihre Brust und ließ ihre braunen Augen ermunternd an den seinen hängen, jedoch Wilms schwieg und biß die Lippen fest zusammen.Eine Demütigung sollte nun folgen – »nur kein Geld von ihr – nur das nicht«, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte hinausgehen.Da tönte aus dem Krankenzimmer eine schwache, röchelnde Stimme dazwischen.»Wilms – Hedwig – kommt zu mir.«Beide erschraken.Es klang so fern, so geisterhaft.Nun mußte es geschehen.Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und bewußt und als gäbe es keinen Widerspruch, drückte sie ihm mit einem festen Blick den Brief in die Hand.Er schob ihn zurück, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beißendes Feuer würde, aber heftig, zornig stieß das Mädchen das Dargebotene noch einmal von sich.»Kommt doch zu mir,« klagte es abermals von drinnen, »weshalb bleibt ihr so lange?«»Hedwig – was soll ich damit?« stammelte Wilms, auf den Brief weisend.»Schnell! – Es sind 5000 Mark – ein Drittel meines Erbteils – Wilms, damit mußt du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hörst du?«»Ich kann nicht – ich darf ja nicht, Hedwig.«»Warum nicht?«»Weil – weil – –« er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel erfaßt, das Geld weit von sich.»Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?«»Ja,« stöhnte er.»Und aus welchem Grunde?«»Weil – –«Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. O, er fühlte deutlich, daß er das Geld nicht nehmen dürfe, weil dieses Mädchen, das so blühend, so kräftig vor ihm stand, weil dieses schöne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sündhaft und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob.»Und wenn ich dich so recht darum bitte?« drängte Hedwig einfach und legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter.Beide blickten sich eine Sekunde lang an.Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am ganzen Körper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm durcheinander.»Schlag sie nieder,« reizten die einen.»Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?« flüsterten die andern, »umarm’ sie, küss’ sie.«»Großer Gott, was machst du aus mir, Hedwig?« stieß er tonlos hervor. »Ich darf ja nicht!«»Und Elsen willst du nicht helfen?« bat sie von neuem. Noch niemals hatte sie so sanft zu ihm gesprochen.Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut.Da preßte Wilms plötzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden Hände in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und näherte sein Haupt dem ihren, als ob er dem Mädchen etwas zuraunen wollte. Aber kein Wort ging über seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer Zeit dranges stückweise hervor: »Ich nehm’ es ja – wenn du es willst – denn du bist gut – ja du bist gut.«Es war wie ein geheimes Einverständnis über beide gekommen. Und jetzt lächelte sie ihn auch frisch und freimütig an, als sie ihn bat, nach seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst würde Else alles, was über die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen.Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tür streckte er ihr in überwallendem Gefühl zum zweitenmal die Hand entgegen.Hedwig stand noch immer und lächelte.»Geh nur.«»Ja, ja,« murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: »Du bist gut.«X.Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt gefahren, um Herrn Rosenblüt das vorgeschossene Geld zurückzuzahlen.Es war gerade der achte Tag.Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der sich bereits in Dämmerung hüllte.Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber ließ sie sich ebenfalls am Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gestützt, träumte sie nun, leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus.Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rüste. Einen Augenblick lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht.»Wie schön du bist, Hedwig,« murmelte dieLiegende, als ihr Blick die Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in Verklärung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: »Gott – so war ich auch einmal, und nun elend, gelähmt, immer auf fremde Leute angewiesen.«»Jesus Christus,« schrie sie plötzlich in ekstatischer Glut und hob die abgemagerten Hände in die leuchtende Höhe, daß sie wie mit Blut befleckt erschienen. »Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem Krüppel – ich ertrag’s ja nicht länger, wenn ich andere sehe, so schön, so jung, und ich – – ach, in dem Bade wird’s ja auch nicht besser werden.«Hedwig rührte sich nicht.Die Kranke starrte ängstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flüchtiger als sonst.Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer, legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und entfernte sich wortlos, wie er erschienen war.Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mädchen deshalb, um die Lampe zu entzünden und einen Blick in das Blatt werfen zu können.»Hedwig,« rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das Mädchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte, obgleich sie sich erregt hin und her warf.»Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?« fragte die Gerufene willig, indem sie die Zeitung hinlegte.»Nein, mein Kind, noch nicht – ich möchte, – setze dich doch her zu mir ans Bett, – – Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja nicht mehr lange so sitzen.«Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf einen Korblehnstuhl, der zu Häupten des Bettes stand.Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nähe der Schwester, ergriff schließlich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust.Deutlich fühlte das Mädchen, wie keuchend und rasch der Atem ging.Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf undfragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele gelegen hätte:»Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?«Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig wurde.»Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich zu pflegen –«Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du – von Wilms?« fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen.Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich.»Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester.»O ja« – murmelte diese verwirrt – »dein Mann macht einen braven, rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so aufrichtig besorgt.«»Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf.– Dann drückte sie sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte.Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde.»Ja, Gottlob,« raunte die Ärmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester. »Er liebt mich noch immer. – Aber – aber – o Gott, Hedwig, ich will dir etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schön und gesund, gerade wie ich jetzt auch sein könnte, wenn ich mir unsere fröhliche Jugendzeit vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms – o Gott – verzeih’ mir die Sünde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur das Elend« – wimmerte sie dazwischen – »Hedwig, dann ist es mir manchmal, als ob ich meinen Mann haßte, – hörst du? – der mich zu alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen gehaßt habe. Und dabei – ach, du kannst es ja nicht verstehen – dabei sehne ich mich ja so nach ihm, dabei muß ich immer an die ersten Monate unserer Ehe denken, wo ich so glücklich bei ihm war und wir uns herzten,« sie zuckte zusammen und riß die glänzenden Augen weit auf.»Nein – nein – nein – ach, du mein Gott, was sag’ ich nur alles – das ist ja alles Todsünde – Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere – höre nicht darauf.«Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den Worten des Psalms:

Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden.

Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen.

Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des Pächtersabzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim zurückzuführen.

So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah.

Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich gefühlt. – Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre.

Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht unbegleitet aufbrechen lassen wollen – »es schicke sich nicht,« hatte er geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort.

Die Uhr schlug.

Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand.

Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen.

Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte läuten können.

Ganz verlassen – ohne jede fremde Hilfe.

Sie begann sich zu ängstigen.

Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig Ungewohntes.

Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her – dann hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte.

Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich die Blasen platzen – – aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt, ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den Hof gesprengt – – ein Pferd wieherte hell und anhaltend – ein kurzer Stimmwechsel – –

Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine kurze liebenswürdige Verbeugung.

Die Sporen klirrten dabei hell an den hohenStiefeln, und von der Lodenjoppe troff das Wasser herunter.

»Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze – »ich weiß, es ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit hineinbringe. Nicht wahr? – Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?«

»Nein – nein – leider« – Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu erheben – »mein Mann und meine Schwester sind fort – aber wer – – mit wem habe ich denn –?«

Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten, wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des Reiters daran verhindert.

»Oh« – meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte – »ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. – Aber dieses niederträchtige Wetter draußen – Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie eine Morchel – und da dacht’ ich, Herr Wilms würde mich wohl ein Stündchen bei sich aufnehmen. – Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der Sohn natürlich – Ihr Mann kennt mich ganz genau – vielleicht haben auch Sie schonvon mir gehört – – ist’s wirklich erlaubt? Sie sind zu liebenswürdig.«

Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen.

»Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? – Oder falle ich Ihnen lästig?«

»O – bewahre,« hüstelte die Kranke.

Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.

Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig suffisant, als Else ihm mitteilte,daß sie als Mädchen stets gesund gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe.

»So? – hm« – der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise: »Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. – Ich bin auch prinzipiell dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? – hm« – – – er schlug mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig gegen ein Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer umzusehen. Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an langweilig zu werden.

»Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen wollen?«

»Nein – nein – bewahre – lassen Sie sich nur nicht stören – wir plaudern ja hier ganz vorzüglich. Hm – ein recht gemütliches Zimmer – ein bißchen groß – – ja – sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch, als wenn ich neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen hätte. Oder schon wieder abgefahren?«

»Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt?Nein, meine Schwester Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.«

»So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche junge Dame – also, Ihre Schwester? – Na ja, die Ähnlichkeit ist unverkennbar« – hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. – »Ein Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt – nicht wahr?«

»Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich geschmeichelt.

Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles suchen wolle. – Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« – fuhr er gleichgültig fort: »Wir kennen uns – oberflächlich natürlich nur, denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne zusammengebracht – das können Sie sich doch denken.«

»Ach – der Herr Graf scherzen nur –«

»Durchaus nicht – man erzählt die schauderhaftestenGeschichten von mir – – na hier wird es ja auch bald losgehen und – –«

Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? – Dort draußen fährt ein Wagen über die Chaussee – zwei feste Traber übrigens, jetzt lenken sie über die Brücke – das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein Schwester sein.«

»Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.«

»So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.«

Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte.

»Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf – seit – seit langer Zeit.«

»Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,« meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen Seufzer derKranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. – Ich habe doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.«

Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes, weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von der ängstlichen Vorstellunglösen zu können, was dieser Besuch wohl bedeute.

So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt haben.

»Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms. Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben ihm verharrte.

»So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen – na ängstigen Sie sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast werden Sie los.«

»Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von ihrem Stuhl aus.

»Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? – Abgemacht – dann bleibe ich. – Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir unsselten gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. – Guten Abend, mein liebes Fräulein – alle Wetter, ich wage gar nicht mehr ›Du‹ zu sagen. Oder darf ich es doch noch?«

So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen.

Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen, gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver Koketterie gefallen wollte.

Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch einen Sitz für Hedwig herbei.

Wo sie nur bleiben mochte?

»Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der Mägde.

»Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.«

»Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie uns so lange auf? Ich versteh’ das gar nicht – der Herr Graf kennt sie doch auch.«

»Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.«

»So geh doch,« drängte die Kranke erregt.

Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht. Ihre Tür stand offen.

Es war so seltsam still dort drinnen.

Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?

Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben.

Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem benahm.

Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?

Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher.

In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch, ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte die Gestalt der Bewohnerin auf.

Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte.

Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr.

Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken,während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten.

Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen – damals in den Stunden des Glücks – aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer Schönheit.

Seine Lippen bebten.

Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort drinnen.

Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor.

»Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird – das arme Weib,« – war sein erster, unwilliger Gedanke, – dann wartete er noch ein paar Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. – Langsam wandte sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort.

»Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?«

»Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.«

»Mich? – Ja, ich wollte mich erst ein wenigsäubern nach dem schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. – Sind denn unsere Gäste schon alle versammelt?«

»Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen, Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich danke dir dafür, mein Kind. Und – und Herr von Brachwitz befindet sich ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?«

»Ja, ich sah ihn.«

»Sag’ einmal – Hedwig – gehört denn der Herr zu deinen Freunden?«

»Nein.«

»Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?«

»Ja – nein – das heißt, ich kenne ihn näher.«

»Sieh – ich will mich nicht ’rein mischen – es geht mich ja nichts an – aber – er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?«

»Auch das.«

Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?«

»Nein – nie.«

»Nie?«

Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut.

Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes Haar.

Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er nachgrübelte, und der ihn anwiderte.

»Hedwig« – – murmelte er unwillkürlich.

»Ja, Schwager,« antwortete sie leise.

Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her.

»Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.«

Die Sprache versagte dem kräftigen Manne.

Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich in die Herzensangelegenheitendieses Mädchen drängen wollte, und doch – eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem innigen Gefühl gesprochen werden könnte – oder ob – das Blut stieg ihm dabei in die Stirn – ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische.

»Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?«

»Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach.

Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus, so daß völlige Dunkelheit entstand.

Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit:

»Lassen wir doch den Grafen. – Er ist eine häßliche Erinnerung für mich, die ich gern abschütteln möchte. – Übrigens« – lachte sie leicht – »brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager – eine ganz alltägliche Dummheit. – –«

Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und Treppe einhülle. Mühsam tastetensie sich zurecht. Beide dicht beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine wohltuende Wärme von ihr ausströme.

Da stieß sie einen leichten Schrei aus.

Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab. Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.

Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht ernsthaft Rücksprache zu nehmen.«

Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. – »Ja, ja,« stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. – Seine Schuldenlast, die ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen, Mißernte und die hohe Pacht – alles zusammen stürzte plötzlich wieder auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.

Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten Flur, bereit, den Herabsteigendenzu empfangen. Dort oben in Hedwigs Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht.

Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte ihr dann schweren Trittes.

Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband, das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin abstach.

»Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen.

»Ha, ha, ganz ausgezeichnet – ganz ausgezeichnet« schrie der Förster Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen – stoß mit dem Herrn Grafen an – – Ihr Wohlsein, Herr Graf – ganz großartig – wahrhaftig. So was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. – Nicht wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? – Liebesbriefe unter das Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko – –«

Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen:

»Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen die letzteresich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen.

Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen.

Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen Aristokraten.

»Mein Gott« – schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde Greisenköpfchen. »Die Weiber – die Weiber – gar nicht auszustudieren – Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde, jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde – und nun dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den Weg läuft.«

»Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die Höhe.

Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf, sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:

»Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, – Fräulein Schröder,« verbesserte er sich – »sagen können. Denn sie hat sich ja auch in dieser Pension befunden.«

»Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer lebhaft dazwischen.

Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? – Na, wie war’s denn?«

»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde.

Alles sah auf Hedwig.

Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt, sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt.

»Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt wäre.

Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert?

O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz, überredete sich der unglückliche Mann selbst.

»Weiter nichts – gewiß – gar nichts weiter.«

»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine Gedanken hinein. – Was sie jetzt wohl antworten würde?

Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den Grafen zum erstenmal fest ansah:

»O ja – der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde abgebunden.«

Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.

»Bitte, Herr Pastor – nicht ein Pfefferkuchen gefällig? – Nein? – Nun dann aber einen Apfel, – ich werde ihn gleich schälen – Sie erlauben.«

In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen hatte,färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall flüsterte sie kurzatmig und gereizt:

»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? – Hedwig, das ist doch nur Scherz, nicht wahr? – Sag’ das doch den Herrschaften.«

Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin, die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in solche Heimlichkeiten einzudringen.

Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«.

Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:

»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens nicht? – Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?«

Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich erwiderte siegelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte: »Gewiß – Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« –

»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn begann allen sichtlich zu mißfallen.

Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen.

Was das nur bedeutete?

Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich aufrecht.

Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt fiel ihr das auf.

Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten?

Aber was?

Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise.

Worüber?

Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender Schmerz durchschnitt sie.

»Gott im Himmel – Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu sagen, »ich möchte – du solltest – etwas singen – so lange habe ich nichts gehört.« Sie schauerte zusammen.

Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die Noten zu holen.

In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.

Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem Lichte.

Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß.

Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem Notenschränkchen gebückt stand und suchte.

Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunkenzu tanzen, und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose Roheit gegen sie verübt hatte.

Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen.

Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn völlig besinnungslos.

»Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. – Können Sie denn die Dummheit von damals nicht vergessen?«

Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die Hand von ihrer Schulter gleiten ließ.

War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte?

»Liebe Hedwig, wenn – –«

»Still – ich will das nicht –« befahl sie flüsternd und heiser.

»Aber Sie wissen ja nicht – –«

Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück.

Was war das?

Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung, zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie hervor: »Nein, Sie wissen nicht – Sie – Sie wissen nicht, was Sie aus mir gemacht haben – Sie – –«

»Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen.

Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme.

Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an.

Was hatte sie nur vorgebracht? – Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche Geheimnis verraten,das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis, das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte?

Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten müßte.

Er begann wieder zu lächeln.

Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos gemacht.

Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten, oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu werfen. Aber nichts regte sich.

Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.

»Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da – Gott sei Dank, sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause unsicher und gepreßtzu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr solle es nicht übel nehmen. – Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein. Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu schlecht gestimmt sei.

Hedwig?

Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf sie hin.

Wollte man sie herausfordern?

»Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte Kraft zusammenraffend.

Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken Nebel hindurch.

Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrtwar. Wie sie dann am Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied gesungen:

»Täglich ging die wunderschöneSultanstochter auf und niederUm die Abendzeit am Springbrunn,Wo die weißen Wasser plätschern.«

»Täglich ging die wunderschöneSultanstochter auf und niederUm die Abendzeit am Springbrunn,Wo die weißen Wasser plätschern.«

Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig zusammen.

Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht.

Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes Amulett umspannt hielt.

Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kam der Arzt. Es war der Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwöchentlich besuchte und als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit kannte.

Ein kleiner, fetter, fröhlicher Herr, behaftet mit einem unförmlichen Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer burschikosen Neigung zu allen hübschen Mädchen und Frauen, trotzdem er in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besaß.

Schon bei seinem Eintritt begrüßte der kleineDr.Rumpf die Anwesenden mit einem lauten: »Morgen, Kindtings; na, wie geht’s?« stiefelte mitten in das große Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen.

In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und weiß, als wenn sie bereits verschieden wäre. Und der Mann, sowie das junge Mädchen am Kopf- undFußende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu wachen.

Das stimmte den Arzt doch bedenklich.

Als aber Else langsam und begrüßend die abgezehrte Hand gegen ihn ausstreckte, ermannte sichDr.Rumpf, schritt schnell an das Bett und küßte seiner Patientin zuvörderst zärtlich die Hand.

Sein stachliger, weißer Knebelbart kratzte dabei die Ärmste, daß sie das Gesicht vor Schmerz verzog.

»Schlimmer, mein Kindting?« fragte er teilnehmend, ohne sich um die andern zu kümmern, »schlimmer?« Damit entblößte er ungeniert die Brust der Kranken, horchte aufmerksam herum und schüttelte endlich den Kopf.

Wenn der Physikus so sehr zärtlich wurde, so galt es immer für ein schlechtes Zeichen.

»Herr Doktor,« hauchte die Liegende kaum hörbar, »steht es sehr trostlos mit mir? – Sagen Sie es – sagen Sie es, bitte,« wiederholte sie dringend, »ich bin ja auf alles gefaßt.«

»So? gefaßt? ja, ja, mein Liebchen,« murmelte der Doktor achtlos und bewegte im Selbstgespräch die Lippen. »Raus,« schloß er plötzlich sein Nachdenken und machte den beiden anderen eine energischeBewegung mit dem Kopf, daß sie sich entfernen sollten.

Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit den grünen Ripsmöbeln.

Matt und in sich versunken lehnte das Mädchen hier auf dem Sofa, über das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, während Wilms schweigend durch das einzige Fenster auf den Hühnerhof hinausblickte.

Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander gewechselt.

Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen.

Eine lange, bange Viertelstunde verstrich.

Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schloß die Tür hinter sich zu.

»Nun, Herr Doktor?« fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick zurückgewendet hatte. Aus den grob gemeißelten Zügen des Mannes sprach arbeitende, zurückgedämmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Höhlen heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie ihren Blick flüchtig über den zitternden Riesen fortgleiten ließ, da drang zugleich ein spöttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in ihr Denken.

Mitten in ihrer Spannung lächelte sie spöttisch.

»Können Sie mir denn nicht ein bißchen Trost schenken?« stammelte der Pächter von neuem. »Ich kann’s ja gar nicht mehr mit ansehen.«

»Trost? – hm ja.« – Der Physikus ließ seinen dicken Leib schwerfällig in einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben hatte, freundlich die Hand.

»Na, Kindchen, immer hübsch artig hier draußen?«

»Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,« fuhr er dann ganz ernsthaft fort, »das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.«

»Großer Gott – das – das hätt’ ich nicht erwartet.«

Der Pächter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: »Das ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.«

»Armer Kerl,« murmelte der Physikus und schüttelte bedenklich den Kopf, »leider werden sich jetzt noch Krampfanfälle einstellen – ich hab’ mir’s längst gedacht, längst. Und dann – –«

»Und dann?« unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat aufgerichtet vor den Arzt hin. »Nun muß doch etwas Energisches geschehen, lieber HerrDoktor. Man kann es doch nicht einfach so fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?«

In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fuß und preßte die Hände gegeneinander.

»Eine Operation?« knurrte der Physikus in sich hinein. Er schüttelte den Kopf, erhob sich ächzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So oft er dabei an dem Landmann vorüberkam, drehte er ein bißchen an dessen Rockknöpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem Selbstgespräch gedankenlos zu.

Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weißen Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptsächlich an der Entwickelung vorzüglicher Gedanken beteiligt wäre, gab er laut und bestimmt sein Urteil ab: »Nein, keine Operation; aber sie muß in ein Solbad – ja, ja – ganz recht – und zwar sofort, denn es ist die allerhöchste Zeit.«

»In ein Bad?« wiederholte Wilms verwirrt, während er sich langsam über die Stirn strich.

Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelöste, und wie ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwererZunge konnte er einwerfen: »Aber – aber die Mittel dazu werden wohl sehr große sein?«

»Ja, billig ist’s nicht,« meinteDr.Rumpf und sah den Pächter teilnehmend an: »Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu gehen hat.«

Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schüttelte Wilms die Hand und wollte eben dem Mädchen väterlich galant die Fingerspitzen küssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurückfuhr und mit lautem Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief hervorbrachte. »Das hätte ich beinahe vergessen,« strafte er sich selbst, »Kindchen, hier – dein Vater hat es mir mitgegeben. – Es ist Geld drinnen, und er sagte mir, daß du es bereits erwartest. Ei, das wäre ja eine schöne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.« Damit schrittDr.Rumpf breitbeinig und ehrwürdig zur Türe hinaus und fuhr geradeswegs zur Försterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine Heilmethode jedesmal hinterließen. – – –

In der ungemütlichen »guten Stube« des Pachthauses blieben die zwei Menschen allein.

Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mädchen fest und beinahe auffordernd,als erwarte sie, der Schwager möchte sie nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen.

Bezeichnend drückte sie den Brief gegen ihre Brust und ließ ihre braunen Augen ermunternd an den seinen hängen, jedoch Wilms schwieg und biß die Lippen fest zusammen.

Eine Demütigung sollte nun folgen – »nur kein Geld von ihr – nur das nicht«, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte hinausgehen.

Da tönte aus dem Krankenzimmer eine schwache, röchelnde Stimme dazwischen.

»Wilms – Hedwig – kommt zu mir.«

Beide erschraken.

Es klang so fern, so geisterhaft.

Nun mußte es geschehen.

Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und bewußt und als gäbe es keinen Widerspruch, drückte sie ihm mit einem festen Blick den Brief in die Hand.

Er schob ihn zurück, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beißendes Feuer würde, aber heftig, zornig stieß das Mädchen das Dargebotene noch einmal von sich.

»Kommt doch zu mir,« klagte es abermals von drinnen, »weshalb bleibt ihr so lange?«

»Hedwig – was soll ich damit?« stammelte Wilms, auf den Brief weisend.

»Schnell! – Es sind 5000 Mark – ein Drittel meines Erbteils – Wilms, damit mußt du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hörst du?«

»Ich kann nicht – ich darf ja nicht, Hedwig.«

»Warum nicht?«

»Weil – weil – –« er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel erfaßt, das Geld weit von sich.

»Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?«

»Ja,« stöhnte er.

»Und aus welchem Grunde?«

»Weil – –«

Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. O, er fühlte deutlich, daß er das Geld nicht nehmen dürfe, weil dieses Mädchen, das so blühend, so kräftig vor ihm stand, weil dieses schöne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sündhaft und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob.

»Und wenn ich dich so recht darum bitte?« drängte Hedwig einfach und legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter.

Beide blickten sich eine Sekunde lang an.

Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am ganzen Körper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm durcheinander.

»Schlag sie nieder,« reizten die einen.

»Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?« flüsterten die andern, »umarm’ sie, küss’ sie.«

»Großer Gott, was machst du aus mir, Hedwig?« stieß er tonlos hervor. »Ich darf ja nicht!«

»Und Elsen willst du nicht helfen?« bat sie von neuem. Noch niemals hatte sie so sanft zu ihm gesprochen.

Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut.

Da preßte Wilms plötzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden Hände in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und näherte sein Haupt dem ihren, als ob er dem Mädchen etwas zuraunen wollte. Aber kein Wort ging über seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer Zeit dranges stückweise hervor: »Ich nehm’ es ja – wenn du es willst – denn du bist gut – ja du bist gut.«

Es war wie ein geheimes Einverständnis über beide gekommen. Und jetzt lächelte sie ihn auch frisch und freimütig an, als sie ihn bat, nach seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst würde Else alles, was über die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen.

Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tür streckte er ihr in überwallendem Gefühl zum zweitenmal die Hand entgegen.

Hedwig stand noch immer und lächelte.

»Geh nur.«

»Ja, ja,« murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: »Du bist gut.«

Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt gefahren, um Herrn Rosenblüt das vorgeschossene Geld zurückzuzahlen.

Es war gerade der achte Tag.

Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der sich bereits in Dämmerung hüllte.

Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber ließ sie sich ebenfalls am Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gestützt, träumte sie nun, leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus.

Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rüste. Einen Augenblick lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht.

»Wie schön du bist, Hedwig,« murmelte dieLiegende, als ihr Blick die Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in Verklärung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: »Gott – so war ich auch einmal, und nun elend, gelähmt, immer auf fremde Leute angewiesen.«

»Jesus Christus,« schrie sie plötzlich in ekstatischer Glut und hob die abgemagerten Hände in die leuchtende Höhe, daß sie wie mit Blut befleckt erschienen. »Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem Krüppel – ich ertrag’s ja nicht länger, wenn ich andere sehe, so schön, so jung, und ich – – ach, in dem Bade wird’s ja auch nicht besser werden.«

Hedwig rührte sich nicht.

Die Kranke starrte ängstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flüchtiger als sonst.

Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer, legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und entfernte sich wortlos, wie er erschienen war.

Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mädchen deshalb, um die Lampe zu entzünden und einen Blick in das Blatt werfen zu können.

»Hedwig,« rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das Mädchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte, obgleich sie sich erregt hin und her warf.

»Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?« fragte die Gerufene willig, indem sie die Zeitung hinlegte.

»Nein, mein Kind, noch nicht – ich möchte, – setze dich doch her zu mir ans Bett, – – Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja nicht mehr lange so sitzen.«

Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf einen Korblehnstuhl, der zu Häupten des Bettes stand.

Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nähe der Schwester, ergriff schließlich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust.

Deutlich fühlte das Mädchen, wie keuchend und rasch der Atem ging.

Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf undfragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele gelegen hätte:

»Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?«

Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig wurde.

»Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich zu pflegen –«

Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du – von Wilms?« fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen.

Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich.

»Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester.

»O ja« – murmelte diese verwirrt – »dein Mann macht einen braven, rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so aufrichtig besorgt.«

»Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf.– Dann drückte sie sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte.

Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde.

»Ja, Gottlob,« raunte die Ärmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester. »Er liebt mich noch immer. – Aber – aber – o Gott, Hedwig, ich will dir etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schön und gesund, gerade wie ich jetzt auch sein könnte, wenn ich mir unsere fröhliche Jugendzeit vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms – o Gott – verzeih’ mir die Sünde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur das Elend« – wimmerte sie dazwischen – »Hedwig, dann ist es mir manchmal, als ob ich meinen Mann haßte, – hörst du? – der mich zu alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen gehaßt habe. Und dabei – ach, du kannst es ja nicht verstehen – dabei sehne ich mich ja so nach ihm, dabei muß ich immer an die ersten Monate unserer Ehe denken, wo ich so glücklich bei ihm war und wir uns herzten,« sie zuckte zusammen und riß die glänzenden Augen weit auf.

»Nein – nein – nein – ach, du mein Gott, was sag’ ich nur alles – das ist ja alles Todsünde – Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere – höre nicht darauf.«

Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den Worten des Psalms:


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