»Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir.Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis.Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? – Erbarm’ dich meiner – Sela – Sela.«Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf in ihre Kissen zurück, und blieb mit langsam verlöschenden Augen liegen.Kalt durchfröstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische Art flößte Hedwig der Erschöpften, welche die Zähne krampfartig zusammenbiß, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte sie ihr den Schweiß von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben erstarrten, ausdruckslosen Zügen geschehen ließ.Fast eine Stunde verrann so.Kein Laut regte sich mehr in dem großen Zimmer.Traulich dämmernd, wie immer, verbreitete die große Stehlampe ihr Licht, und Hedwig saß an dem Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstörer ihrer Gesundheit haßte und sich zugleich nach ihm sehnte in einer wilden, unreinen Leidenschaft.»Unrein?«Mit schwachem Lächeln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurück, wo zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so sehr sie sich auch Mühe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen – nein, seltsam – beinahe lächerlich – immer fort, und je länger desto deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, faßte sie an beiden Armen und beugte sich über sie, immer gewaltsamer – mit seinem ehrlichen Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so schmerzhaftes, unselig-frohes Gefühl. – – Und sie sagte sich in ihrem Hinträumen, daß alles nur der Nachklang von Elses Erzählung wäre, und sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms Halse gehangen hätte, und dennoch – und dennoch – die Ahnung wurde immer deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schüttelte.Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht.Aus der großen Kastenuhr schlug es achtmal.»So spät schon? – Wo Wilms nur bleiben mochte?« Und wieder erschrak sie darüber, daß sie ihn erwarte.Da – sie fuhr auf.Sprach ihr zur Seite nicht etwas?»Ach, mir ist viel besser,« flüsterte die Kranke leise sich regend und legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: »Du bist auch so still und sanft, mein süßes Heting.«Wohl eine Stunde hatte die Ärmste vor Ermattung in tiefem Schlummer gelegen, jetzt erhob sie sich müde und zerschlagen und blickte sich dumpf im Zimmer um.»Ist Wilms noch nicht zurück?«»Nein, noch nicht.«»Wo fuhr er denn hin?«»Nach Grimmen.«»So?« murmelte die Kranke in sich zusammensinkend – »Erzählte er dir das?« Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgültig hinzu: »Er hat wohl viel Vertrauen zu dir?«»Ja, ich denke.«Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin,das Mädchen schlug ihr die Kissen zurecht, sodaß sich die Leidende besänftigt und ruhiger als bisher ausstrecken konnte.Dann lag sie und blickte ihrer schönen Schwester mehrere Minuten lang unausgesetzt und grübelnd ins Gesicht. Hedwig schoß das Blut in die Wangen.Sie wußte selbst nicht warum.»Wünschst du etwas?« forschte sie rasch.»Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen – Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen – Sieh, da möcht’ ich gern wissen, mein Heting, – du darfst es mir aber nicht übel nehmen – ob du – was du dort drüben so in der Pension erlebt hast?«Es klang ein wenig ängstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig.Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurück und schloß die Augen. – Es war ihr, als senke sich die Decke des niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft, als wäre alles zu eng und öde auf diesem weltverlassenen Pachthofe. – Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? – Wieviel Spießbürgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an?»Ah, jetzt verstehe ich dich,« sagte sie endlich mit ihrer klaren Stimme. »Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzählte.«Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl leise hin und her.»Ja, ja,« pflichtete Else bei, »das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und daß gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel, Hedwig, sag’ mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?«»Was ich mit ihm hatte?«»Ja – du mußt mich recht verstehen – – ach, es regt mich so auf und jagt mir soviel Angst ein – – du bist ja auch noch so unerfahren – – diese schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollständig niedergeworfen. – Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich –«»Was ich mit ihm hatte?«Über das Antlitz der Jüngeren glitt ein kaltes, merkwürdiges Lächeln, das wohl dem häßlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewählt hatte. Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schüttelte den Kopf, als wollte sie damit das Gespräch ein für allemal abschneiden.»Hedwig, peinige mich nicht,« rief die Kranke plötzlichmit spitzer, gereizter Stimme. »Was hattest du mit ihm?«Die Jüngere wollte aufstehen. Die Gewöhnlichkeit des Ausdruckes stach sie geradezu, aber die Schwüle, die von dieser abgezehrten Frau ausging, die dumpfe Schwere, die bereits den kräftigen Wilms zermürbt hatte, preßte auch sie in ihren Stuhl zurück.»Willst du mir keine Antwort geben?«»Ja,« antwortete Hedwig.»Nun also – ich bitte dich.«»Ganz einfach, Else. – Der Graf ist, wie du weißt, ein Lebemann –«»O Gott – und?«»Du hörtest ja gestern. Deshalb drängte er sich, weil er viele hübsche Mädchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei lockere Tändeleien anzuknüpfen.«»Aber mit dir – Hedwig – mit dir?«»Mit mir?«»Ja.«Ein rascher Atemzug wurde hörbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses schönen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berührung empfände, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich über sie hin,dann aber stürzte es rasch und wie gehetzt über ihre Lippen:»Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu küssen – weiter nichts.«»Weiter nichts?«Zuvörderst ein langer befriedigter Seufzer der gesättigten Neugier. Dann raffte sich die Kranke mühsam auf und blickte die schlanke, zurückgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen, Neid und Bewunderung glühenden Augen an.»Ja,« schoß es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, während sie beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, »ja sie ist verführerisch schön, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen, goldfunkelnden Haaren.« Und mit heftig erwachender Neigung überflog sie die blühende Gesichtsfarbe der Schwester, entzückte sich an dem verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschloß.»Heting, mein süßes Kind,« stammelte sie und überdeckte unvermutet die Hand der Überraschten mit brennenden Küssen. Eine irre, praktische Hoffnung dämmerte dabei in ihr auf: »Liebt dich denn der Graf so sehr?«Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr blaß.Else bemerkte es.»Laß das,« erwiderte die Jüngere endlich herb, erhob sich und schritt rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben.»Nein?« rief Else entsetzt, »ja aber aus welchem Grunde?«»Er ist einfach frech gewesen.«»Frech? – Großer Gott – Hedwig, dreh’ dich doch um – dann – dann durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen – wenn ich das gewußt hätt’ – – Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?«»Ja,« flog es halblaut vom Tisch herüber.Es klang wie von zusammengepreßten Lippen.»Hedwig, du sollst dich umdrehen. – Ich will dich sehen können,« schrie die Kranke mit durchdringender Stimme.Und in demselben Augenblick wendete sich das Mädchen, und die Leidende, so erschöpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewußten Ausdruck und achselzuckend auf das Bett zuschritt.»Heting, mein Liebling,« flüsterte sie, »beruhige mich doch. Weiter ist zwischen euch nichts vorgefallen?«»Nichts,« entgegnete die andere, die Augenbrauen zusammenziehend. »Siehst du, daß du doch diese ganze dumme Geschichte viel zu ernst nimmst? Hier trink’ deine Medizin.«»Nein, laß noch – Heting – wirklich weiter nichts? – Weiter nichts?«War es möglich?Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte plötzlich halb besinnungslos um eine Entgegnung und hob ihren mageren Körper weit in die Höhe.Eine Pause entstand.Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein verächtliches Zucken um die aufgeworfenen Mädchenlippen und kurz und gereizt kam die Antwort: »Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was soll denn noch alles vorgefallen sein? – Komm’, Else, du mußt deine Medizin nehmen.«So endete dieses Gespräch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es wurde spät. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms nicht heimgekehrt. Erst als die große Kastenuhr bereits die elfte Stunde gemeldet hatte, hörten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den Torweg rollen.»Wo ist Hedwig?« fragte Wilms noch unter der Tür. Aber er forschte vergeblich.Beim ersten Geräusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die Schwester auf die Stirn geküßt und war dann sofort in ihre Kammer hinaufgestiegen.»Schon zu Bett,« entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf, daß der Pächter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten aussah, zuerst nach dem Mädchen gefragt hatte.Und siehe – eine Stunde später, da war der frohe Schein von seiner Stirn verschwunden.Zusammengeduckt saß der große Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, röchelnden Atemzüge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem Glase flackerte ein auf Öl schwimmendes Nachtlichtchen heraus.Und der Mann saß und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben anvertraut hatte.»Geküßt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?«Es war eine grobe Beleidigung – auch für den Landmann. Aber das fühlte er nicht.Er nickte und hockte und das Herz drückte ihm etwas weh und wund.»Ob sie sich wohl gewehrt hat?« dachte er müde.Ein Ächzen seines Weibes schob sich dazwischen.Er beugte sich leise zu ihr hinüber und fuhr ihr beruhigend mit seiner groben Hand über Wange und Hals.Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem jungen Geschöpf, das dort oben unter dem Dach schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich vielleicht sehnte und verlangend die weißen Arme nach dem Verführer ausstreckte.Halb betäubt vor Müdigkeit sank sein mächtiges Haupt endlich schwer auf die Kissen, so daß Else davon erwachte und zärtlich ihre Arme um seinen Nacken schlang.Und mit irrer Sehnsucht und verlöschendem Bewußtsein preßte er seine Lippen auf den abgezehrten Arm der Bedauernswerten und stöhnte in verzweifelter Seelenqual tief und markerschütternd auf.***Aber als die Wünsche des unglücklichen Mannes scheu in das Dachkämmerchen drangen, wo er das schönere jüngere Weib auf seinem Lager ruhend vermutete, da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn sein geistiges Auge die Mauern hätte durchdringen können.Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd,und streckte die weißen Arme aus. Aber nicht nach dem Verführer, nein, nach etwas anderem, Unbekannten, das sie nicht nennen konnte.Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig, schauernd, sich selbst unerklärlich, warf sie sich herum, stützte den Kopf in die weichen Hände und schaute regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel empor. Über das Strohdach, dicht über ihr säuselte der Nachtwind. Sie hörte das heimliche Geräusch, wenn er mit den losen Halmen spielte, und ihr war es, als schlüge wieder die heiße, glühende Stimme des jungen, frechen Edelmannes an ihr Ohr. Ihre Brust ging auf und ab. Und da – da stieg es wieder herauf – da sah sie von neuem das ganze Bild jener unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten sie vorhin ihrer Schwester so sorglich verborgen hatte.Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstübchen, ein vor Überraschung und Angst gelähmtes Geschöpf, das von dem liebestollen Eindringling mit Küssen überdeckt wird, – das vor Scham nur leise Bitten hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, – wehrt mit verzweifelter, glühender, endlich siegreicher Kraftgegen einen Angriff, von dem sie ahnt, daß er ihr etwas Kostbares, Höchstes rauben muß! Großer Gott, was ist seitdem aus ihr geworden? – Was!! Sie wirft sich nieder und preßt ihr Gesicht in die Kissen. Seitdem ringt sie ja täglich so. Nicht mit dem einen, nein, mit allen, allen. Sie schleicht sich in ihrer Vorstellung an diese Rohen, Verhaßten heran, wie das hungrige Meer dort drüben nahe der Insel, das gegen die Felsblöcke schlägt und donnert, und das die Steine zu sich herabziehen will, um sie zu küssen, zu umarmen und zu ersäufen.»Großer Gott!« – Sie will beten. Aber sie kann nicht beten. Sie verlacht ja den geoffenbarten Glauben. Das hat sie auch drüben gelernt von ein paar schwedischen Mitschülerinnen, welche ihr all jene Bücher geborgt haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken verjagen, aber auch das Meer der Leidenschaft immer wilder in die Höhe peitschen.Jetzt schäumt’s und brandet’s. Hui, der Sturm pfeift.Großer Gott – Großer Gott.Und dann stößt sie die Decken von sich, daß der Mond ihre weißen Glieder küßt, und weint bitterlich.Frühlingsschauer!Zweites Buch.I.Wilmshus liegt versunken im tiefen Schnee. Zeitig ist der Winter hereingebrochen und hat den öden Pachthof völlig verschneit. Und doch regt sich Leben in der weltabgeschiedenen Besitzung. Seit die Kranke, von Hedwig begleitet, in dem fernen Solbad weilt, ist der lastende Zauber von der Wirtschaft gewichen.Lichter Rauch steigt aus dem Schornstein in die blaue, kalte Luft, Wilms steht mit seinen großen Transtiefeln, das Wams bis an den Hals zugeknöpft, frisch und rüstig auf dem Hof und läßt die Scheunen ausbessern, Viehzucht und Molkerei gedeihen, überall Tätigkeit in dem einsamen Winkel, Spuren künftigen, rückkehrenden Wohlstandes.Da klingelt ein Schlitten auf der Landstraße heran. Vielstimmiges Hundegebell wird laut, und da hält auch schon der unförmige Kasten und enthüllt seine seltsam gemischte Ladung. Es sind der junge Graf Brachwitz und Förster Eltze, welche zur Jagd fahren, mit dem Pastor Schirmer, der Wilms aufsuchen will, und deshalb allein aussteigt.»Ho, ho – Wilms, hier heran, – hier heran,« brüllt inzwischen der gutmütige Förster, während er mit seinen Riesenfäusten, die in kolossalen Pelzhandschuhen stecken, aus Leibeskräften winkt, und als Wilms an den Schlitten tritt, um den jungen Edelmann befangen und einsilbig zu begrüßen, wird dem Pächter von dem Weidmann ein großes Paket unter den Arm geschoben.»Hier, Wilms – von meiner Frau. – Ein paar Würste und so was. Na schon gut. – Bei Ihnen als Strohwitwer wird ja diesmal davon wenig zu spüren sein, was?«»Ja, sagen Sie mal, lieber Nachbar,« wirft der junge Brachwitz dazwischen, der in seinem pelzbesetzten Jagdkostüm zurücklehnt und eine Zigarre raucht. »Wie geht es eigentlich Ihrer Frau? – Gute Nachrichten?«Einsilbig erzählt der Pächter, daß er kürzlich von seiner Schwägerin einen Brief erhalten, wonach der Zustand der Kranken sich schon etwas gebessert hätte.»Nun, da gratuliere ich Ihnen von Herzen, lieber Herr Wilms,« entgegnet der Graf aufmerksam, und nachdem er dem Pächter eine Zigarre angeboten, erkundigt er sich leichthin:»Ihr Fräulein Schwägerin kommt ja wohl in Kürze wieder hierher zurück?«Wilms Antlitz verfinstert sich. Er nickt bloß.»Und wann, wenn ich fragen darf?«»Das ist unbestimmt,« sagt der Landmann düster, und tritt dem Schlitten etwas näher.»So, so,« der Graf mißt den kräftigen Pächter von oben bis unten, wobei er unwillkürlich an das Gewehr greift, dann gibt er dem Kutscher lächelnd das Zeichen zum Weiterfahren, nicht jedoch, ohne vorher mit großer Höflichkeit die Hoffnung ausgesprochen zu haben, den Pächter bald wieder begrüßen zu können.»Vorwärts.«Der Schlitten fliegt davon.***Pastor Schirmer blieb über den Kaffee da.In dem großen Zimmer, in dem noch immer das Krankenbett wie eine düstere Mahnung stand, dampfte in großen altfränkischen Schalen der braune Trank auf dem Tische, und die beiden Herren saßen gemütlich dahinter und plauderten.Die Hofarbeit war vollendet, das Tagewerk vollbracht, nun konnte der emsige Landmann der Ruhe pflegen. Man steckte zwei große, lange Pfeifen an, die Wilms in den Krankheitsjahren unbenutzt imSchrank verborgen hatte, und in kurzer Zeit hatten die beiden Herren, jeder behaglich im Sofa zurückgelehnt, mächtige blaue Wolken um sich verbreitet.Ein süßer, angenehmer Tabaksduft füllte die Stube.»Ja, ja,« sprach der Landmann nachdenklich vor sich hin, »meine arme Frau konnte den Geruch nicht vertragen, er verursachte ihr Hustenreiz und ich – –« kam es unwillkürlich heraus, »hab’ ihn dabei so gern.«»Lieber Freund, man muß sich eben fügen,« paffte der kleine Pastor und nahm einen Schluck Kaffee, »ja, muß sich fügen. Darin besteht schließlich unser ganzes Christentum. – Was ich sagen wollte – – Ihre liebe Frau – – – Sie bangen sich doch wohl schon sehr nach ihr?«Wilms nickte und rauchte in langen Zügen weiter.Ja, es fehlte ihm etwas, er sehnte sich nach irgend etwas, sein Haus erschien ihm jetzt oft so leer und freudlos, und dennoch zog sich sein Herz vor Furcht zusammen, wenn er an Elses Rückkehr dachte. Sein jetziges einsames Dasein schien ihm dann erträglicher. Wenn er nur dieses schmerzliche Sehnsuchtsgefühl aus seiner Brust hätte verbannen können. Es galt ja doch bloß seinem Weibe. Nur ihr.»Freilich, solch ewiges Leid,« murmelte der kleine Pastor mit seiner dünnen Stimme weiter, »das schließtdie Menschen wie mit eisernen Ketten aneinander, nicht wahr?«»Ewiges – Leid,« wiederholte der andere mechanisch und blickte starr auf das Bett hinüber. »Ja, Sie haben recht, Herr Pastor.« Eine Zeitlang schwiegen die beiden Freunde und hingen ihren Gedanken nach.Die Pfeifen glimmten, draußen fiel Schnee, es war behaglich warm im Zimmer.So merkten sie nicht, daß sich inzwischen die Tür leise geöffnet und der dicke KreisphysikusDr.Rumpf unbemerkt hereingetreten war. In seinem Pelz, in Pelzmütze und derben Wasserstiefeln sah er wie ein borstiges Ungeheuer aus. »’n Abend, Kindtings, ’n Abend,« ächzte er.Kaum hatte Wilms seinen muntern Gast erfreut seiner zottigen Hüllen beraubt, so warf sich der Physikus pustend neben dem Pastor auf einen Lehnstuhl nieder, nahm dem Geistlichen einfach die Tasse weg, trank dann mehrere Schalen des heißen Getränks und schien endlich erwärmt zu sein.»Verdammter Frost,« schnaufte er zuletzt und schlug sich befriedigt auf seinen Kugelbauch. »Komme hier bloß ’raus, Wilms, um Ihnen zu erzählen, daß ich einen Brief vom Anstaltsarzt in Inowrazlaw erhalten habe.«»Nun, was denn, Herr Doktor, was gibt es denn?« rief der Landmann aufgeschreckt und sprang auf.»Na, es geht ganz leidlich, schreibt er. Sehen Sie, ich hab’s gleich gesagt. Nun soll sie nur noch an größere Selbständigkeit gewöhnt werden, und deshalb schickt er Ihre Schwägerin nach Hause. In diesen Tagen sogar schon. – Ein reizendes Ding übrigens, die kleine Hete, was?« schmunzelte der Physikus plötzlich über das ganze Gesicht und kratzte in seinem Stoppelbart; »ich freue mich ordentlich darauf, daß wir sie bald wieder nach Grimmen bekommen.«Wilms blieb stehen. »Nach Grimmen?« wiederholte er schwerfällig. »Geht denn – Hedwig zu meinem Schwiegervater zurück?«»Na, vermutlich doch; oder haben Sie sie hier nötig, Wilms?«»Ich?«Eine Unruhe befiel den starken Mann, er strich mit seiner Hand über die kurzgeschorenen Haare, dann äußerte er auffallend hart und abweisend: »Nein, ich nicht.«»Na, sehen Sie,« sagte der Physikus gemütlich. Dann klopfte er mit der Hand auf den Tisch. »Vorwärts, meine Herren, jetzt machen wir ein Skätchen;Karten hab’ ich bei mir, und Sie stecken die Lampe an, Wilms.«»Lieber Doktor, das viele Kartenspielen halte ich für – – –« wollte Pastor Schirmer kleinlaut einwenden, aber der Physikus schlug noch energischer auf den Tisch und knurrte: »Ach Unsinn, machen Sie weiter keine Umstände, Pastor, – und solange Sie gewinnen, ist Ihre liebe Frau mit allem einverstanden. – Wer gibt? – Na also – Wilms, bringen Sie die Lampe – Tourné, Pastor? Solettchen auch? Na dann Eichel. Raus mit den Triümphern, meine Herren, – Wilms, die Lampe blakt – was gibt’s Neues, Pastor?«In bester Eintracht spielten die Herren fort.Nur Wilms, der sonst ein vorzüglicher Spieler war, beging einen Fehler nach dem andern, zuletzt störte er sogar offenbar die Pläne seines Partners.Der Pastor legte sanft die Karten auf den Tisch.»Na hören Sie mal, Wilms« – sagte er bedenklich, »so was ist noch gar nicht dagewesen – haben die Treffzehn blank und werfen Sie mir nicht ’rein?«»Ja, und ziehen dem geistlichen Herrn das Geld aus der Tasche?« schrie der Physikus.»Worüber grübeln Sie denn immerfort? Müssen auch nicht zu viel an Ihre Frau denken.«An seine Frau? Ja, er grübelte und quälte sich und sann – – aber die Hände mit den Karten begannen ihm vor Schreck zu zittern, bleischwer fiel es ihm aufs Herz, er dachte ja gar nicht an sein unglückliches Weib, all seine Erinnerung galt der Jüngeren, diesem herrlichen jungen Geschöpfe, dessen Bild er nicht bannen konnte, das er immer wieder sah, weiß und rosig, so wie damals als sie ihre junge Schönheit dem Regen preisgab. Den Sinn verwirrte es ihm noch.Und sie wollte zu ihrem Vater zurückkehren, und nicht zu ihm, nicht in dies Haus, das so leer war?Die Herren spielten weiter. Noch ein paar Stunden, dann trennte man sich.***Einige Tage verstrichen, emsig wurde geschafft, nur mit der Molkerei, die Wilms mit Hedwig eingerichtet, wollte es nicht mehr glücken. Hier fehlte die anordnende, weibliche Hand.»Wenn das Fräulein man wieder da wär,« klagte die Obermagd eines Tages dem Landmann.»Sie geht zu ihrem Vater,« dachte Wilms trübe. »Was kümmern wir sie.«Ernst und verschlossen ging er seitdem umher. DerSchnee fiel draußen immer dichter und legte sich wie ein weißer Wall um das Gehöft.Dadurch wurde es wieder so still und einsam, wie je zuvor. Ein Tag nach dem andern verfloß. In der Landwirtschaft gab es jetzt nichts mehr zu wirken. Schweigend saß der Pächter oft stundenlang am Fenster, blickte über den verschneiten Hof und wartete, ob ihm nicht der Landbriefträger ein Lebenszeichen von den beiden Frauen bringen würde.Aber nichts von alledem geschah.Und allmählich verfiel er wieder in sein düsteres Hinbrüten; der große Mann mit den kurzgeschorenen, blonden Haaren verbrachte dann ganze Stunden im Zimmer. Er wanderte auf und ab, sah dabei auf das reinlich zugedeckte Krankenlager seines Weibes, oder nahm ihre Bibel in die Hand und starrte interesselos hinein, während er sich an die von ihr mit Vorliebe gebrauchten Gebete erinnerte.Dann begann er einige der Verse nachzusprechen und schüttelte sich zuweilen plötzlich, als ob ihn etwas Widerliches überliefe. Oft auch nahm er ein Bild von der Spiegelkommode, das Else als Braut darstellte, um es lange und aufmerksam zu betrachten. Wie blond sich ihre Zöpfe damals ums Haupt ringelten. – Wie ähnlich sie zu jener Zeit Hedwig gewesen! Raschstellte er bei solcher Gelegenheit die Photographie wieder an ihren Platz und lief auf den Hof hinaus, wo er mit seinen Leuten schalt und haderte.Sie wunderten sich über den Herrn. So hatte man ihn selten gesehen.Und noch immer langte die erwünschte Nachricht nicht an.Da endlich, eines Morgens, – Wilms saß noch beim Kaffee – da schlich der taube Krischan in die Stube, schielte seinen Herrn an und legte schweigend einen Brief auf den Tisch.Wilms klopfte das Herz. Mit zitternden Fingern erbrach er das Schreiben, nachdem sich der Alte entfernt hatte, aber es war nur ein gedrucktes Formular, das eine Einladung zu einer ländlichen Versammlung enthielt, die der ältere Graf Brachwitz einberief.Wilms warf den Fetzen achtlos auf die Erde und seufzte tief auf. Er interessierte sich nicht für Politik.»Jawoll,« meinte der Förster, der nachmittags im Vorbeigehen vorsprach, indem er das Zirkular bemerkte. »Der Graf will sich ja in den Reichstag wählen lassen. Dazu soll hier ein Verein gegründet werden. Zur Hebung der Sittlichkeit auf dem Lande. Na ja, alter Freund, es soll ja bei uns auch ganz doll zugehen. – Die verdammten Weibsbilder – haben Sie’s nichtauch schon bemerkt, Wilms? Kaum hat man mal eine für die Hofarbeit in Lohn genommen – pardauz muß man sie wieder entlassen. – Is da was los mit so ner Person. – Ne – die Sittlichkeit, – weiß der Deuwel – man kann den Frauenzimmern nicht trauen.«Er kraute sich hinter den Ohren. »Da soll ja neulich auch was mit einer Verheirateten vorgekommen sein, – warten Sie mal – es war sogar ’ne Adlige hier in der Nähe. Aber lachen Sie mich nicht aus, ich glaub’s nicht, weil bei Eheleuten ’ne zu große Portion Schlechtigkeit dazu gehört – Pfui Deuwel, kann ich bloß sagen.«Wilms blickte den gutmütigen Riesen starr an. Seine Lippen bewegten sich, aber er erwiderte kein Wort.»Na guten Morgen, Wilms, wie geht’s Ihrer Frau?«»Besser.«»Und Ihrer Schwägerin?«Wilms rührte sich nicht: »Darüber weiß ich nichts.«»Na, denn Adieu!«»Adieu auch, Eltze.«Aber lange noch, während er über seinen Wirtschaftsbüchern rechnete und schrieb, tönte es vor seinen Ohren:»Bei Eheleuten gehört eine zu große Schlechtigkeit dazu.«Der Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Die Zahlen vor ihm fingen an zu tanzen. – Wenn er nur Kraft finden könnte, sich gegen die bösen Gedanken zu wehren. Aber da nagte und biß schon wieder solch tückischer Einfall. »Bei Eheleuten« hieß es – Ja, aber war er denn eigentlich verheiratet? Besaß er denn ein Weib? – – – oder hatte Gott der Allmächtige nicht eine Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet?»Nur das nicht,« stöhnte er, »nur das nicht. Nur nicht diese entsetzlichen, verzweifelten Anklagen.« Und er vergrub sich von neuem in seine Papiere und arbeitete, bis die Lampe zu verlöschen drohte.***Am nächsten Tage erhielt er abermals ein gleichlautendes Zirkular. Zugleich erschien bei ihm der Inspektor Grothe aus Boltenhagen, ein großer, breitschultriger Mann, der das Hauptgut des Grafen Brachwitz bewirtschaftete. Er sollte den Pächter noch besonders zu der Versammlung einladen.»Nein, ich komm nicht,« entgegnete Wilms, während sich der Inspektor in der großen Stube den Schnee abschüttelte, und der Abgesandte räusperte sich zufrieden und meinte: »Da haben Sie auch recht.«»Na, wieso, Herr Grothe, es handelt sich doch eigentlich um einen guten Zweck.«»Schönen guten Zweck,« brummte der andre, indem er den Mund verzog: »Sittlichkeit – da soll sich der Graf man zuerst um seinen Sohn kümmern. Aber da werden alle Dirns auf dem Hofe unsicher gemacht, daß es eine Schande ist, und dann soll so’n Verein gegründet werden.«Sobald der Pächter den Namen des jungen Brachwitz vernahm, stieg ihm langsam das Blut in die Schläfen, so daß er kaum dem anderen seine Bewegung verbergen konnte. »Lassen Sie man, Grothe,« schnitt er kurz ab, »ich hör’ so was nicht gern.«»I – ich sag ja auch gar nichts gegen den jungen Mann. – Is sogar ein ganz netter, liebenswürdiger Mensch. Und es is ’ne wahre Dummheit vom Alten, daß er den Jungen nicht bei’s Militär gelassen. Hier in der Wirtschaft versteht das natürlich nichts, und weiß das nichts – und verfällt auf lauter Dummheiten. – Die Förstersfrau kann ihn ja auch nicht los werden,« setzte er leiser hinzu, »aber sie soll ihm ja neulich gehörig die Tür gewiesen haben.«Wilms konnte nicht länger zuhören.»Herr Grothe – ich muß jetzt – ich hab nochnotwendig was zu tun – Grüßen Sie den Herrn Grafen, und – ja ich werd’ woll auch kommen.«»Na schön,« verabschiedete sich der Inspektor. »Geht’s Ihrer lieben Frau gut?«»Ja, ich danke.«Sie schüttelten sich die Hände, und der Abgesandte des Grafen ritt langsam vom Hof herunter.***Aber der Besuch hatte seine Folge.In der langen Zeit, in der sich Wilms in dem schneeverwehten Gehöft so einsam fühlte und mit all seinen sehnsüchtigen Gedanken an der fernen Hedwig hing, da hatte er alles vergessen, was er von ihr zu wissen glaubte, da war sie ihm als die reine, herbe unerreichbar hohe Jungfrau erschienen. Jetzt, als ihm das wilde Treiben des Junkers geschildert wurde, da erhoben die häßlichen Zweifel abermals ihr Haupt, da erwachte er wieder zur Wirklichkeit, ein kräftiges Gefühl der Verachtung gegen sich selbst regte sich in ihm, und mit aller Macht suchte er die häßliche aufkeimende Neigung abzuschütteln.Zehnmal des Tages las er jetzt die wenigen Zeilen, die ihm Else bereits wöchentlich schreiben konnte, fuhr dann mit seiner rauhen Hand zärtlich überdas Papier, und legte es schließlich in das Paket, in dem er die Briefe aus der Brautzeit bewahrte.»Mein Elsing – sie wird nun bald ganz gesund sein – und dann werden wir mit Gottes Hilfe wieder glücklich – ach so glücklich, wie damals, eh’ die schwere Zeit begann.« Er seufzte. »Wenn sie doch erst da wär.«***Immer mehr rückte der Winter vor. Es ging stark auf Weihnachten. Wilms merkte, daß seine Leute kleine Geschenke für ihre Familien einkauften.Das bewegte ihm das Herz. Wieder mußte er an sein fernes Weib denken.»Soll ich für den Herrn auch ’ne schöne Tann’ putzen?« fragte die Obermagd.Es klang wie Mitgefühl aus den wenigen Worten, als sie auf den einsamen Mann blickte.Wilms dankte.»Ne, laß man, Dörthe – für mich allein. – Es hat keinen Zweck.«Aber nachmittags ließ er den Schlitten anspannen und fuhr zur Stadt. Er wollte Else etwas kaufen, seinem armen, langsam gesundenden Weibe eine Freude bereiten.Über die verschneite, dunkle Landstraße klingelte erendlich in Grimmen ein und wählte bei dem einzigen Juwelier des Städtchens ein kleines goldnes Herz an einer dünnen Kette.Er stand dabei, als man seinen Namen »Wilms« in das Gold eingrub.Mit der Poesie einfacher Naturen wollte er damit dartun, daß sein ganzes Herz auf ewig seinem Weibe gehöre. In dem Gasthof, in welchem er seinen Schlitten eingestellt hatte, saß er noch eine Weile bei einem Glase Grog und plauderte mit dem Wirt in der dunkelbraun verräucherten Gaststube. Der Pächter erfuhr, daß sein Schwiegervater, der alte Rendant Schröder, noch allabendlich die Honoratiorenstube besuche.»Hedwig ist wohl noch nicht zurück?« erkundigte sich der Landmann leichthin.Der Wirt mit dem grünen Sammetmützchen verneinte. Da bezahlte Wilms und brach auf.Es war dunkel und kalt auf dem Heimweg. Der Wind strich scharf über den offenen Schlitten und warf dem Landmann spitze Eisnadeln ins Gesicht. Eine Sehnsucht nach einer warmen, gemütlichen Stube beschlich ihn, wo ein helles Feuer brannte, und eine liebe weibliche Hand dem Eintretenden den dick beschneiten Pelz abnahm.Die Luft wurde immer schneidender. Hochoben flimmerten ein paar frostige Sterne. Wilms fror. Manchmal konnte er bei einzelnen freistehenden Häusern, an denen sie vorbeiflogen, in die trüb erleuchteten Stuben blicken. Da sah man schon Christbäume, welche geschmückt wurden. Im Hauptgut Boltenhagen klangen Kirchenglocken durch die Nacht. Hohl und feierlich läuteten sie das Fest ein. Vorboten der großen Freude.Wilms faßte unwillkürlich an die Brusttasche, in der das Päckchen mit dem Goldherz verborgen war, und trieb seinen Kutscher zu größerer Eile an.Die Glockentöne verklangen, wieder Schnee, Dunkelheit, Landstraße und weißes Feld – halb erlahmt vor Nässe und Kälte langten Mensch und Vieh endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in den einsamen, von dickem Schneewall umgebenen Hof.Rings lag alles in Dunkelheit gehüllt. Nur hinter den herabgelassenen Rouleaux der großen Stube leuchtete Licht.»Hübsch von Dörthe,« dachte Wilms, während er über den Flur schritt, »die Dirn hat Mitleid mit mir.«Er öffnete gleichgültig, zuckte zusammen und blieb starr und groß unter den Pfosten stehen.II.Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und streckte ihm mit froher Herzlichkeit die Hand entgegen. Ein anmutiges Lächeln umspielte dabei ihr blühendes Antlitz. »Na, Schwager,« neckte sie leicht, »der neue Gast gefällt dir wohl nicht?«In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in der hellen, durchwärmten Stube weilte ein liebes, reizendes Geschöpf, bereit, den großen Mann von seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so, wie er es sich gedacht hatte.Aber den ungeschickten Mann würgte es zuerst, als ob von unsichtbarer Hand seine Kehle zusammengepreßt würde. – Halb religiöse Vorstellungen durchflogen ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von Else angenommen hatte.Sie war da.Die Versuchung war wieder da.All die Angst, die er ihretwegen in der langen Zeit erduldet, stürzte in seine Erinnerung und wandelteseinen Gegengruß, als er sich endlich aufraffte, zu einem unverständlichen Murmeln.»Hedwig – – willkommen – du –«Dann bemerkte er, daß sie ihm noch immer die Hand entgegenhielt, und preßte sie unbeholfen zwischen seinen Fingern.»O –« sie verzog schmerzhaft den Mund.Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid.Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie ihm beim Ausziehen behilflich war.Der Tisch war weiß gedeckt, ein heißer Grog dampfte schon, alles war für ein schmackhaftes Abendbrot zubereitet. Sogar die beiden Servietten waren in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, daß diesmal eine Frau von guter Erziehung den Tisch besorgt hatte.Verblüfft musterte Wilms diese Anstalten.Es kam ihm alles so überraschend, er konnte sich so gar nicht in den neuen Zustand finden. Ungelenk nötigte er endlich den Gast auf das Sofa und setzte sich dem Mädchen auf einem Stuhl gegenüber.Lächelnd über seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig einige Speisen vorlegen, jedoch er hielt plötzlich ihre schon erhobene Hand fest und begann ungestüm zu fragen:»Noch nicht – noch nicht – vor allen Dingen, wie geht es meiner Frau?«Das Mädchen nickte ermunternd: »Gut – überhaupt überraschend – so gut, daß sie schon in acht Tagen hier eintreffen wird.«»Was? Gott sei Dank,« murmelte Wilms. »Kann sie denn schon gehen?«»Ja, zwar noch auf einen Stock gestützt, aber es wird mit jedem Tag besser.«»Und du, Hedwig?« stockte er und sah sie wieder so verständnislos an, daß sie in ein fröhliches Gelächter ausbrach.»Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier bei dir will?« begann sie endlich.»Ja, – das heißt – –«»Kannst du dir’s wirklich nicht denken? Was seid ihr Männer doch schwerfällig. – Vorausgeschickt bin ich – aufräumen soll ich, das Unterste zu oberst kehren, damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht wahr, Schwager, das gefällt dir nicht?«»Mir? Warum?«»Weil du ein so grämliches Gesicht dazu machst.«»Bewahre, Hedwig – du weißt doch, daß du uns immer willkommen bist.«»Wirklich?«Er schlug die Augen nieder und begann zu essen.Sie dagegen nippte nur von allem und erzählte ihm unaufhörlich von Else und beschrieb alle Einzelheiten ihres Aufenthalts. Die halb polnische Stadt, die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen, die Bäder, und das Ganze so nüchtern und verständlich, daß Wilms längst Messer und Gabel hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu lauschen.Von Zeit zu Zeit goß sie ihm den angenehm erwärmenden Trank ein und lächelte liebenswürdig, wenn er ihr zaghaft zutrank.Plötzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen beiden ein. Hedwig hatte aufgehört zu erzählen und lehnte sich in die Sofaecke zurück, da die Reise sie wahrscheinlich ermüdet hatte. Auch Wilms hielt eine Scheu davon ab, jetzt irgend etwas Gleichgültiges vorzubringen.Er blickte mehrfach rasch zu ihr hinüber, beobachtete dann das verglimmende Ofenfeuer, faltete umständlich die Serviette, und sah von neuem unruhig auf das junge Mädchen hin.Sie träumte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand gestützt, schien sie an etwas Fernes zu denken.Der Pächter wurde unruhig.»Hedwig,« räusperte er sich halblaut.»Ja, Schwager.«Sofort richtete sich das Mädchen auf und drückte flüchtig beide Hände gegen die Schläfen, als wollte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Fragenden lenken.»Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem Vater?«»Nein, ich bin direkt hierher gefahren.«»Sofort hierher?« wiederholte Wilms. Eine peinliche Verstimmung stieg in ihm auf. Was konnte sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten Gehöft suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen, wie jedoch sein Blick ihre ruhigen, braunen Augen traf, verstummte er wieder und kratzte verlegen auf dem Tisch hin und her.Eine Zeitlang blieb es still.Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte Wilms nicht ertragen. Etwas quälte und marterte ihn dabei grenzenlos.»Hedwig,« fing er mit Überwindung plötzlich an und zum erstenmal wendete er ihr ganz sein ehrliches Gesicht zu. »Es muß mal zwischen uns zur Sprache kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen.– Weshalb bist du eigentlich – ich – mein Kind – ich meine, warum bist du eigentlich so gut zu uns?«»Gut?«»Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe deines Erbteils geborgt, und ich hab mir damit helfen können. Das hätt’ mir schon kein anderer getan, – nein, laß – ich muß es mal sagen, auch meine Frau hast du gepflegt, um die es nur wenige aushalten konnten. Und nu – nu kommst du wieder hierher zurück, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen und unterstützen und aufrichten, und das alles soll ich mir gefallen lassen, ohne eigentlich zu wissen, warum du das alles tust; ich kann’s mir ja gar nicht erklären, du paßt ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine vornehme, junge Dame, warum bestehst du also darauf?«Das letzte rief der große Mann in einem heftigen, beinahe unglücklichen Ton.Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre Wangen erblaßten etwas, aber sonst strömte ihr Wesen unveränderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr eigentümlich war. Langsam schritt sie zum Ofen, wärmte sich die Hände, durchmaß dann mit gesenktem Haupt mehrmals das Zimmer, als ob sie nachdenke, und blieb endlich an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf dieGlocke der Lampe legte, daß Wilms das Blut hindurchrinnen sah.Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem Stuhl, er konnte das Webemuster ihres Kleides erkennen.Unwillkürlich wandte er den Kopf fort.»Siehst du, Schwager,« hob sie nach schwerer Pause klar und bedacht an zu sprechen, immer den Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet: »Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, warum ich so gern hierher zurückkam in eure Einsamkeit.«»Gern?« unterbrach sie der Pächter erstaunt.»Ja, ich kam gern,« fuhr sie hastiger fort, »gerade weil es hier so still ist. – Mir ist diese Stille Bedürfnis. – Ich verabscheute schon als Kind alles Unruhige und Geräuschvolle. Aber das ist nicht der Hauptgrund,« setzte sie sinnend hinzu: »ich kam wohl zumeist deinetwegen, Schwager.«»Meinetwegen?« schreckte Wilms auf. Aber es war alles so leidenschaftslos, so überlegt und ohne eine Spur von Zärtlichkeit hingesprochen, daß der Pächter fühlte, er müßte ihre Worte falsch aufgefaßt haben.Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen, er scharrte ungeduldig mit den Füßen und blickte erregt zu ihr auf.»Ja, Hedwig, wie meinst du denn das?« murmelte er.Sie zog langsam die Hände von dem Glase zurück und ließ sich wieder auf das Sofa nieder.»Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie unglücklich geworden, Wilms.«»Das bin ich nicht.«»Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie jeder andere Mann, eine Ehe eingegangen, um eine Häuslichkeit zu besitzen? – Nun, und hast du sie gefunden? – Nein, das ging dir alles durch die lange Krankheit verloren – und auch jetzt, Schwager, – ich muß es dir sagen, mit vielem Schmerz, glaub’ mir das – auch jetzt wird dir meine arme Schwester dieses Glück nicht schaffen können.«»Nicht schaffen können?« echote Wilms entsetzt. Eiseskälte durchströmte ihn, wie vorhin, als er auf dem Schlitten saß.Im Moment haßte er das Mädchen, welches ihm das alles so schonungslos enthüllte.»Und warum nicht, Hedwig?« flüsterte er.»Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute,« schloß Hedwig leise, als wenn sie ihn nicht noch mehr erregen wollte, »daß Else nach wie vor aufs äußerste geschont werden muß, und daß sie nie wieder als eineGesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt werden darf – du armer Mann.«Ein leises Stöhnen unterbrach sie.»Sieh,« beendete sie hastig, indem sie auffallend die Farbe wechselte, »und da stand es bei mir fest, daß ich hier vielleicht den Wirkungskreis aufnehmen könnte, den meine Schwester nicht ausfüllen wird, damit du wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du schon so viel gelitten.«»Und da wolltest du – –?« stammelte er.Er begriff es nicht.»Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichmäßigen Beschäftigung.«»Aber – aber willst du denn nicht heiraten?« fuhr es ihm heraus. Er schämte sich, als er es sagte.Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln: »Schwerlich,« erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe als Tochter eines kleinen Beamten den törichten Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber –« – sie zögerte und wurde zum erstenmal unruhig – »das ist mir wohl nicht zum Heile ausgeschlagen. Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem ich gefalle, und der zu mir paßt.«»O Hedwig, doch – doch –« widersprach Wilms gedankenlos, – »du bist ja schön und klug, daswird sich schon finden.« Aber während er es sprach, mußte er plötzlich widerwillig daran denken, daß diese vollen, roten Lippen schon stürmisch und sündhaft geküßt worden seien.Das verdarb ihm den Abend vollends.Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie erschöpft in ihrer Sofaecke. – Nur als er äußerte, daß sie schön und klug sei, traf ihn ein kurzer, erstaunter Blick. Dann schlug sie wieder müde die Augen nieder.So saßen sie noch eine Stunde zusammen und sprachen über alles, was in der Umgegend in der Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte sich Hedwig nach den Wirtschaftsverhältnissen.Er gab über alles genau Auskunft.Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und Hedwig erhob sich.Wilms empfand, daß er gehen müsse.Er stand sofort auf.»Noch eins,« sagte er, »hier hast du die Schlüssel.«Er nahm aus einem Körbchen, das auf dem Nähtisch am Fenster stand, ein Schlüsselbund und händigte es seiner Schwägerin ein.Achtlos empfing das Mädchen die klirrenden Dinger und hing sie sich in den Gürtel, aber Wilms beschlich ein schmerzliches Gefühl dabei, daß ElsensBefugnisse damit gleichermaßen auf ihre Schwester übergingen. Sie erschien ihm auch nicht mehr so schön, wie früher.Dann reichten sie sich die Hände und wünschten sich »Gute Nacht«.»Schläfst du hier?« fragte Wilms.»Ja, in Elses Bett.«»Nun, gute Nacht.«»Gute Nacht, Schwager.«***Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch brannte ein Licht, darunter lag ein großes Kuvert, das Elses Aufschrift trug.Hastig zerriß Wilms den Umschlag. Drinnen fand er ein Bild und einen Zettel mit den wenigen Worten:
»Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir.Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis.Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? – Erbarm’ dich meiner – Sela – Sela.«
»Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir.Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis.Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? – Erbarm’ dich meiner – Sela – Sela.«
Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf in ihre Kissen zurück, und blieb mit langsam verlöschenden Augen liegen.
Kalt durchfröstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische Art flößte Hedwig der Erschöpften, welche die Zähne krampfartig zusammenbiß, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte sie ihr den Schweiß von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben erstarrten, ausdruckslosen Zügen geschehen ließ.
Fast eine Stunde verrann so.
Kein Laut regte sich mehr in dem großen Zimmer.Traulich dämmernd, wie immer, verbreitete die große Stehlampe ihr Licht, und Hedwig saß an dem Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstörer ihrer Gesundheit haßte und sich zugleich nach ihm sehnte in einer wilden, unreinen Leidenschaft.
»Unrein?«
Mit schwachem Lächeln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurück, wo zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so sehr sie sich auch Mühe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen – nein, seltsam – beinahe lächerlich – immer fort, und je länger desto deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, faßte sie an beiden Armen und beugte sich über sie, immer gewaltsamer – mit seinem ehrlichen Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so schmerzhaftes, unselig-frohes Gefühl. – – Und sie sagte sich in ihrem Hinträumen, daß alles nur der Nachklang von Elses Erzählung wäre, und sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms Halse gehangen hätte, und dennoch – und dennoch – die Ahnung wurde immer deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schüttelte.
Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht.
Aus der großen Kastenuhr schlug es achtmal.
»So spät schon? – Wo Wilms nur bleiben mochte?« Und wieder erschrak sie darüber, daß sie ihn erwarte.
Da – sie fuhr auf.
Sprach ihr zur Seite nicht etwas?
»Ach, mir ist viel besser,« flüsterte die Kranke leise sich regend und legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: »Du bist auch so still und sanft, mein süßes Heting.«
Wohl eine Stunde hatte die Ärmste vor Ermattung in tiefem Schlummer gelegen, jetzt erhob sie sich müde und zerschlagen und blickte sich dumpf im Zimmer um.
»Ist Wilms noch nicht zurück?«
»Nein, noch nicht.«
»Wo fuhr er denn hin?«
»Nach Grimmen.«
»So?« murmelte die Kranke in sich zusammensinkend – »Erzählte er dir das?« Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgültig hinzu: »Er hat wohl viel Vertrauen zu dir?«
»Ja, ich denke.«
Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin,das Mädchen schlug ihr die Kissen zurecht, sodaß sich die Leidende besänftigt und ruhiger als bisher ausstrecken konnte.
Dann lag sie und blickte ihrer schönen Schwester mehrere Minuten lang unausgesetzt und grübelnd ins Gesicht. Hedwig schoß das Blut in die Wangen.
Sie wußte selbst nicht warum.
»Wünschst du etwas?« forschte sie rasch.
»Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen – Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen – Sieh, da möcht’ ich gern wissen, mein Heting, – du darfst es mir aber nicht übel nehmen – ob du – was du dort drüben so in der Pension erlebt hast?«
Es klang ein wenig ängstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig.
Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurück und schloß die Augen. – Es war ihr, als senke sich die Decke des niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft, als wäre alles zu eng und öde auf diesem weltverlassenen Pachthofe. – Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? – Wieviel Spießbürgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an?
»Ah, jetzt verstehe ich dich,« sagte sie endlich mit ihrer klaren Stimme. »Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzählte.«
Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl leise hin und her.
»Ja, ja,« pflichtete Else bei, »das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und daß gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel, Hedwig, sag’ mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?«
»Was ich mit ihm hatte?«
»Ja – du mußt mich recht verstehen – – ach, es regt mich so auf und jagt mir soviel Angst ein – – du bist ja auch noch so unerfahren – – diese schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollständig niedergeworfen. – Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich –«
»Was ich mit ihm hatte?«
Über das Antlitz der Jüngeren glitt ein kaltes, merkwürdiges Lächeln, das wohl dem häßlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewählt hatte. Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schüttelte den Kopf, als wollte sie damit das Gespräch ein für allemal abschneiden.
»Hedwig, peinige mich nicht,« rief die Kranke plötzlichmit spitzer, gereizter Stimme. »Was hattest du mit ihm?«
Die Jüngere wollte aufstehen. Die Gewöhnlichkeit des Ausdruckes stach sie geradezu, aber die Schwüle, die von dieser abgezehrten Frau ausging, die dumpfe Schwere, die bereits den kräftigen Wilms zermürbt hatte, preßte auch sie in ihren Stuhl zurück.
»Willst du mir keine Antwort geben?«
»Ja,« antwortete Hedwig.
»Nun also – ich bitte dich.«
»Ganz einfach, Else. – Der Graf ist, wie du weißt, ein Lebemann –«
»O Gott – und?«
»Du hörtest ja gestern. Deshalb drängte er sich, weil er viele hübsche Mädchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei lockere Tändeleien anzuknüpfen.«
»Aber mit dir – Hedwig – mit dir?«
»Mit mir?«
»Ja.«
Ein rascher Atemzug wurde hörbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses schönen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berührung empfände, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich über sie hin,dann aber stürzte es rasch und wie gehetzt über ihre Lippen:
»Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu küssen – weiter nichts.«
»Weiter nichts?«
Zuvörderst ein langer befriedigter Seufzer der gesättigten Neugier. Dann raffte sich die Kranke mühsam auf und blickte die schlanke, zurückgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen, Neid und Bewunderung glühenden Augen an.
»Ja,« schoß es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, während sie beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, »ja sie ist verführerisch schön, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen, goldfunkelnden Haaren.« Und mit heftig erwachender Neigung überflog sie die blühende Gesichtsfarbe der Schwester, entzückte sich an dem verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschloß.
»Heting, mein süßes Kind,« stammelte sie und überdeckte unvermutet die Hand der Überraschten mit brennenden Küssen. Eine irre, praktische Hoffnung dämmerte dabei in ihr auf: »Liebt dich denn der Graf so sehr?«
Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr blaß.
Else bemerkte es.
»Laß das,« erwiderte die Jüngere endlich herb, erhob sich und schritt rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben.
»Nein?« rief Else entsetzt, »ja aber aus welchem Grunde?«
»Er ist einfach frech gewesen.«
»Frech? – Großer Gott – Hedwig, dreh’ dich doch um – dann – dann durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen – wenn ich das gewußt hätt’ – – Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?«
»Ja,« flog es halblaut vom Tisch herüber.
Es klang wie von zusammengepreßten Lippen.
»Hedwig, du sollst dich umdrehen. – Ich will dich sehen können,« schrie die Kranke mit durchdringender Stimme.
Und in demselben Augenblick wendete sich das Mädchen, und die Leidende, so erschöpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewußten Ausdruck und achselzuckend auf das Bett zuschritt.
»Heting, mein Liebling,« flüsterte sie, »beruhige mich doch. Weiter ist zwischen euch nichts vorgefallen?«
»Nichts,« entgegnete die andere, die Augenbrauen zusammenziehend. »Siehst du, daß du doch diese ganze dumme Geschichte viel zu ernst nimmst? Hier trink’ deine Medizin.«
»Nein, laß noch – Heting – wirklich weiter nichts? – Weiter nichts?«
War es möglich?
Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte plötzlich halb besinnungslos um eine Entgegnung und hob ihren mageren Körper weit in die Höhe.
Eine Pause entstand.
Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein verächtliches Zucken um die aufgeworfenen Mädchenlippen und kurz und gereizt kam die Antwort: »Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was soll denn noch alles vorgefallen sein? – Komm’, Else, du mußt deine Medizin nehmen.«
So endete dieses Gespräch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es wurde spät. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms nicht heimgekehrt. Erst als die große Kastenuhr bereits die elfte Stunde gemeldet hatte, hörten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den Torweg rollen.
»Wo ist Hedwig?« fragte Wilms noch unter der Tür. Aber er forschte vergeblich.
Beim ersten Geräusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die Schwester auf die Stirn geküßt und war dann sofort in ihre Kammer hinaufgestiegen.
»Schon zu Bett,« entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf, daß der Pächter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten aussah, zuerst nach dem Mädchen gefragt hatte.
Und siehe – eine Stunde später, da war der frohe Schein von seiner Stirn verschwunden.
Zusammengeduckt saß der große Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, röchelnden Atemzüge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem Glase flackerte ein auf Öl schwimmendes Nachtlichtchen heraus.
Und der Mann saß und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben anvertraut hatte.
»Geküßt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?«
Es war eine grobe Beleidigung – auch für den Landmann. Aber das fühlte er nicht.
Er nickte und hockte und das Herz drückte ihm etwas weh und wund.
»Ob sie sich wohl gewehrt hat?« dachte er müde.
Ein Ächzen seines Weibes schob sich dazwischen.Er beugte sich leise zu ihr hinüber und fuhr ihr beruhigend mit seiner groben Hand über Wange und Hals.
Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem jungen Geschöpf, das dort oben unter dem Dach schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich vielleicht sehnte und verlangend die weißen Arme nach dem Verführer ausstreckte.
Halb betäubt vor Müdigkeit sank sein mächtiges Haupt endlich schwer auf die Kissen, so daß Else davon erwachte und zärtlich ihre Arme um seinen Nacken schlang.
Und mit irrer Sehnsucht und verlöschendem Bewußtsein preßte er seine Lippen auf den abgezehrten Arm der Bedauernswerten und stöhnte in verzweifelter Seelenqual tief und markerschütternd auf.
Aber als die Wünsche des unglücklichen Mannes scheu in das Dachkämmerchen drangen, wo er das schönere jüngere Weib auf seinem Lager ruhend vermutete, da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn sein geistiges Auge die Mauern hätte durchdringen können.
Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd,und streckte die weißen Arme aus. Aber nicht nach dem Verführer, nein, nach etwas anderem, Unbekannten, das sie nicht nennen konnte.
Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig, schauernd, sich selbst unerklärlich, warf sie sich herum, stützte den Kopf in die weichen Hände und schaute regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel empor. Über das Strohdach, dicht über ihr säuselte der Nachtwind. Sie hörte das heimliche Geräusch, wenn er mit den losen Halmen spielte, und ihr war es, als schlüge wieder die heiße, glühende Stimme des jungen, frechen Edelmannes an ihr Ohr. Ihre Brust ging auf und ab. Und da – da stieg es wieder herauf – da sah sie von neuem das ganze Bild jener unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten sie vorhin ihrer Schwester so sorglich verborgen hatte.
Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstübchen, ein vor Überraschung und Angst gelähmtes Geschöpf, das von dem liebestollen Eindringling mit Küssen überdeckt wird, – das vor Scham nur leise Bitten hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, – wehrt mit verzweifelter, glühender, endlich siegreicher Kraftgegen einen Angriff, von dem sie ahnt, daß er ihr etwas Kostbares, Höchstes rauben muß! Großer Gott, was ist seitdem aus ihr geworden? – Was!! Sie wirft sich nieder und preßt ihr Gesicht in die Kissen. Seitdem ringt sie ja täglich so. Nicht mit dem einen, nein, mit allen, allen. Sie schleicht sich in ihrer Vorstellung an diese Rohen, Verhaßten heran, wie das hungrige Meer dort drüben nahe der Insel, das gegen die Felsblöcke schlägt und donnert, und das die Steine zu sich herabziehen will, um sie zu küssen, zu umarmen und zu ersäufen.
»Großer Gott!« – Sie will beten. Aber sie kann nicht beten. Sie verlacht ja den geoffenbarten Glauben. Das hat sie auch drüben gelernt von ein paar schwedischen Mitschülerinnen, welche ihr all jene Bücher geborgt haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken verjagen, aber auch das Meer der Leidenschaft immer wilder in die Höhe peitschen.
Jetzt schäumt’s und brandet’s. Hui, der Sturm pfeift.
Großer Gott – Großer Gott.
Und dann stößt sie die Decken von sich, daß der Mond ihre weißen Glieder küßt, und weint bitterlich.
Frühlingsschauer!
Wilmshus liegt versunken im tiefen Schnee. Zeitig ist der Winter hereingebrochen und hat den öden Pachthof völlig verschneit. Und doch regt sich Leben in der weltabgeschiedenen Besitzung. Seit die Kranke, von Hedwig begleitet, in dem fernen Solbad weilt, ist der lastende Zauber von der Wirtschaft gewichen.
Lichter Rauch steigt aus dem Schornstein in die blaue, kalte Luft, Wilms steht mit seinen großen Transtiefeln, das Wams bis an den Hals zugeknöpft, frisch und rüstig auf dem Hof und läßt die Scheunen ausbessern, Viehzucht und Molkerei gedeihen, überall Tätigkeit in dem einsamen Winkel, Spuren künftigen, rückkehrenden Wohlstandes.
Da klingelt ein Schlitten auf der Landstraße heran. Vielstimmiges Hundegebell wird laut, und da hält auch schon der unförmige Kasten und enthüllt seine seltsam gemischte Ladung. Es sind der junge Graf Brachwitz und Förster Eltze, welche zur Jagd fahren, mit dem Pastor Schirmer, der Wilms aufsuchen will, und deshalb allein aussteigt.
»Ho, ho – Wilms, hier heran, – hier heran,« brüllt inzwischen der gutmütige Förster, während er mit seinen Riesenfäusten, die in kolossalen Pelzhandschuhen stecken, aus Leibeskräften winkt, und als Wilms an den Schlitten tritt, um den jungen Edelmann befangen und einsilbig zu begrüßen, wird dem Pächter von dem Weidmann ein großes Paket unter den Arm geschoben.
»Hier, Wilms – von meiner Frau. – Ein paar Würste und so was. Na schon gut. – Bei Ihnen als Strohwitwer wird ja diesmal davon wenig zu spüren sein, was?«
»Ja, sagen Sie mal, lieber Nachbar,« wirft der junge Brachwitz dazwischen, der in seinem pelzbesetzten Jagdkostüm zurücklehnt und eine Zigarre raucht. »Wie geht es eigentlich Ihrer Frau? – Gute Nachrichten?«
Einsilbig erzählt der Pächter, daß er kürzlich von seiner Schwägerin einen Brief erhalten, wonach der Zustand der Kranken sich schon etwas gebessert hätte.
»Nun, da gratuliere ich Ihnen von Herzen, lieber Herr Wilms,« entgegnet der Graf aufmerksam, und nachdem er dem Pächter eine Zigarre angeboten, erkundigt er sich leichthin:
»Ihr Fräulein Schwägerin kommt ja wohl in Kürze wieder hierher zurück?«
Wilms Antlitz verfinstert sich. Er nickt bloß.
»Und wann, wenn ich fragen darf?«
»Das ist unbestimmt,« sagt der Landmann düster, und tritt dem Schlitten etwas näher.
»So, so,« der Graf mißt den kräftigen Pächter von oben bis unten, wobei er unwillkürlich an das Gewehr greift, dann gibt er dem Kutscher lächelnd das Zeichen zum Weiterfahren, nicht jedoch, ohne vorher mit großer Höflichkeit die Hoffnung ausgesprochen zu haben, den Pächter bald wieder begrüßen zu können.
»Vorwärts.«
Der Schlitten fliegt davon.
Pastor Schirmer blieb über den Kaffee da.
In dem großen Zimmer, in dem noch immer das Krankenbett wie eine düstere Mahnung stand, dampfte in großen altfränkischen Schalen der braune Trank auf dem Tische, und die beiden Herren saßen gemütlich dahinter und plauderten.
Die Hofarbeit war vollendet, das Tagewerk vollbracht, nun konnte der emsige Landmann der Ruhe pflegen. Man steckte zwei große, lange Pfeifen an, die Wilms in den Krankheitsjahren unbenutzt imSchrank verborgen hatte, und in kurzer Zeit hatten die beiden Herren, jeder behaglich im Sofa zurückgelehnt, mächtige blaue Wolken um sich verbreitet.
Ein süßer, angenehmer Tabaksduft füllte die Stube.
»Ja, ja,« sprach der Landmann nachdenklich vor sich hin, »meine arme Frau konnte den Geruch nicht vertragen, er verursachte ihr Hustenreiz und ich – –« kam es unwillkürlich heraus, »hab’ ihn dabei so gern.«
»Lieber Freund, man muß sich eben fügen,« paffte der kleine Pastor und nahm einen Schluck Kaffee, »ja, muß sich fügen. Darin besteht schließlich unser ganzes Christentum. – Was ich sagen wollte – – Ihre liebe Frau – – – Sie bangen sich doch wohl schon sehr nach ihr?«
Wilms nickte und rauchte in langen Zügen weiter.
Ja, es fehlte ihm etwas, er sehnte sich nach irgend etwas, sein Haus erschien ihm jetzt oft so leer und freudlos, und dennoch zog sich sein Herz vor Furcht zusammen, wenn er an Elses Rückkehr dachte. Sein jetziges einsames Dasein schien ihm dann erträglicher. Wenn er nur dieses schmerzliche Sehnsuchtsgefühl aus seiner Brust hätte verbannen können. Es galt ja doch bloß seinem Weibe. Nur ihr.
»Freilich, solch ewiges Leid,« murmelte der kleine Pastor mit seiner dünnen Stimme weiter, »das schließtdie Menschen wie mit eisernen Ketten aneinander, nicht wahr?«
»Ewiges – Leid,« wiederholte der andere mechanisch und blickte starr auf das Bett hinüber. »Ja, Sie haben recht, Herr Pastor.« Eine Zeitlang schwiegen die beiden Freunde und hingen ihren Gedanken nach.
Die Pfeifen glimmten, draußen fiel Schnee, es war behaglich warm im Zimmer.
So merkten sie nicht, daß sich inzwischen die Tür leise geöffnet und der dicke KreisphysikusDr.Rumpf unbemerkt hereingetreten war. In seinem Pelz, in Pelzmütze und derben Wasserstiefeln sah er wie ein borstiges Ungeheuer aus. »’n Abend, Kindtings, ’n Abend,« ächzte er.
Kaum hatte Wilms seinen muntern Gast erfreut seiner zottigen Hüllen beraubt, so warf sich der Physikus pustend neben dem Pastor auf einen Lehnstuhl nieder, nahm dem Geistlichen einfach die Tasse weg, trank dann mehrere Schalen des heißen Getränks und schien endlich erwärmt zu sein.
»Verdammter Frost,« schnaufte er zuletzt und schlug sich befriedigt auf seinen Kugelbauch. »Komme hier bloß ’raus, Wilms, um Ihnen zu erzählen, daß ich einen Brief vom Anstaltsarzt in Inowrazlaw erhalten habe.«
»Nun, was denn, Herr Doktor, was gibt es denn?« rief der Landmann aufgeschreckt und sprang auf.
»Na, es geht ganz leidlich, schreibt er. Sehen Sie, ich hab’s gleich gesagt. Nun soll sie nur noch an größere Selbständigkeit gewöhnt werden, und deshalb schickt er Ihre Schwägerin nach Hause. In diesen Tagen sogar schon. – Ein reizendes Ding übrigens, die kleine Hete, was?« schmunzelte der Physikus plötzlich über das ganze Gesicht und kratzte in seinem Stoppelbart; »ich freue mich ordentlich darauf, daß wir sie bald wieder nach Grimmen bekommen.«
Wilms blieb stehen. »Nach Grimmen?« wiederholte er schwerfällig. »Geht denn – Hedwig zu meinem Schwiegervater zurück?«
»Na, vermutlich doch; oder haben Sie sie hier nötig, Wilms?«
»Ich?«
Eine Unruhe befiel den starken Mann, er strich mit seiner Hand über die kurzgeschorenen Haare, dann äußerte er auffallend hart und abweisend: »Nein, ich nicht.«
»Na, sehen Sie,« sagte der Physikus gemütlich. Dann klopfte er mit der Hand auf den Tisch. »Vorwärts, meine Herren, jetzt machen wir ein Skätchen;Karten hab’ ich bei mir, und Sie stecken die Lampe an, Wilms.«
»Lieber Doktor, das viele Kartenspielen halte ich für – – –« wollte Pastor Schirmer kleinlaut einwenden, aber der Physikus schlug noch energischer auf den Tisch und knurrte: »Ach Unsinn, machen Sie weiter keine Umstände, Pastor, – und solange Sie gewinnen, ist Ihre liebe Frau mit allem einverstanden. – Wer gibt? – Na also – Wilms, bringen Sie die Lampe – Tourné, Pastor? Solettchen auch? Na dann Eichel. Raus mit den Triümphern, meine Herren, – Wilms, die Lampe blakt – was gibt’s Neues, Pastor?«
In bester Eintracht spielten die Herren fort.
Nur Wilms, der sonst ein vorzüglicher Spieler war, beging einen Fehler nach dem andern, zuletzt störte er sogar offenbar die Pläne seines Partners.
Der Pastor legte sanft die Karten auf den Tisch.
»Na hören Sie mal, Wilms« – sagte er bedenklich, »so was ist noch gar nicht dagewesen – haben die Treffzehn blank und werfen Sie mir nicht ’rein?«
»Ja, und ziehen dem geistlichen Herrn das Geld aus der Tasche?« schrie der Physikus.
»Worüber grübeln Sie denn immerfort? Müssen auch nicht zu viel an Ihre Frau denken.«
An seine Frau? Ja, er grübelte und quälte sich und sann – – aber die Hände mit den Karten begannen ihm vor Schreck zu zittern, bleischwer fiel es ihm aufs Herz, er dachte ja gar nicht an sein unglückliches Weib, all seine Erinnerung galt der Jüngeren, diesem herrlichen jungen Geschöpfe, dessen Bild er nicht bannen konnte, das er immer wieder sah, weiß und rosig, so wie damals als sie ihre junge Schönheit dem Regen preisgab. Den Sinn verwirrte es ihm noch.
Und sie wollte zu ihrem Vater zurückkehren, und nicht zu ihm, nicht in dies Haus, das so leer war?
Die Herren spielten weiter. Noch ein paar Stunden, dann trennte man sich.
Einige Tage verstrichen, emsig wurde geschafft, nur mit der Molkerei, die Wilms mit Hedwig eingerichtet, wollte es nicht mehr glücken. Hier fehlte die anordnende, weibliche Hand.
»Wenn das Fräulein man wieder da wär,« klagte die Obermagd eines Tages dem Landmann.
»Sie geht zu ihrem Vater,« dachte Wilms trübe. »Was kümmern wir sie.«
Ernst und verschlossen ging er seitdem umher. DerSchnee fiel draußen immer dichter und legte sich wie ein weißer Wall um das Gehöft.
Dadurch wurde es wieder so still und einsam, wie je zuvor. Ein Tag nach dem andern verfloß. In der Landwirtschaft gab es jetzt nichts mehr zu wirken. Schweigend saß der Pächter oft stundenlang am Fenster, blickte über den verschneiten Hof und wartete, ob ihm nicht der Landbriefträger ein Lebenszeichen von den beiden Frauen bringen würde.
Aber nichts von alledem geschah.
Und allmählich verfiel er wieder in sein düsteres Hinbrüten; der große Mann mit den kurzgeschorenen, blonden Haaren verbrachte dann ganze Stunden im Zimmer. Er wanderte auf und ab, sah dabei auf das reinlich zugedeckte Krankenlager seines Weibes, oder nahm ihre Bibel in die Hand und starrte interesselos hinein, während er sich an die von ihr mit Vorliebe gebrauchten Gebete erinnerte.
Dann begann er einige der Verse nachzusprechen und schüttelte sich zuweilen plötzlich, als ob ihn etwas Widerliches überliefe. Oft auch nahm er ein Bild von der Spiegelkommode, das Else als Braut darstellte, um es lange und aufmerksam zu betrachten. Wie blond sich ihre Zöpfe damals ums Haupt ringelten. – Wie ähnlich sie zu jener Zeit Hedwig gewesen! Raschstellte er bei solcher Gelegenheit die Photographie wieder an ihren Platz und lief auf den Hof hinaus, wo er mit seinen Leuten schalt und haderte.
Sie wunderten sich über den Herrn. So hatte man ihn selten gesehen.
Und noch immer langte die erwünschte Nachricht nicht an.
Da endlich, eines Morgens, – Wilms saß noch beim Kaffee – da schlich der taube Krischan in die Stube, schielte seinen Herrn an und legte schweigend einen Brief auf den Tisch.
Wilms klopfte das Herz. Mit zitternden Fingern erbrach er das Schreiben, nachdem sich der Alte entfernt hatte, aber es war nur ein gedrucktes Formular, das eine Einladung zu einer ländlichen Versammlung enthielt, die der ältere Graf Brachwitz einberief.
Wilms warf den Fetzen achtlos auf die Erde und seufzte tief auf. Er interessierte sich nicht für Politik.
»Jawoll,« meinte der Förster, der nachmittags im Vorbeigehen vorsprach, indem er das Zirkular bemerkte. »Der Graf will sich ja in den Reichstag wählen lassen. Dazu soll hier ein Verein gegründet werden. Zur Hebung der Sittlichkeit auf dem Lande. Na ja, alter Freund, es soll ja bei uns auch ganz doll zugehen. – Die verdammten Weibsbilder – haben Sie’s nichtauch schon bemerkt, Wilms? Kaum hat man mal eine für die Hofarbeit in Lohn genommen – pardauz muß man sie wieder entlassen. – Is da was los mit so ner Person. – Ne – die Sittlichkeit, – weiß der Deuwel – man kann den Frauenzimmern nicht trauen.«
Er kraute sich hinter den Ohren. »Da soll ja neulich auch was mit einer Verheirateten vorgekommen sein, – warten Sie mal – es war sogar ’ne Adlige hier in der Nähe. Aber lachen Sie mich nicht aus, ich glaub’s nicht, weil bei Eheleuten ’ne zu große Portion Schlechtigkeit dazu gehört – Pfui Deuwel, kann ich bloß sagen.«
Wilms blickte den gutmütigen Riesen starr an. Seine Lippen bewegten sich, aber er erwiderte kein Wort.
»Na guten Morgen, Wilms, wie geht’s Ihrer Frau?«
»Besser.«
»Und Ihrer Schwägerin?«
Wilms rührte sich nicht: »Darüber weiß ich nichts.«
»Na, denn Adieu!«
»Adieu auch, Eltze.«
Aber lange noch, während er über seinen Wirtschaftsbüchern rechnete und schrieb, tönte es vor seinen Ohren:
»Bei Eheleuten gehört eine zu große Schlechtigkeit dazu.«
Der Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Die Zahlen vor ihm fingen an zu tanzen. – Wenn er nur Kraft finden könnte, sich gegen die bösen Gedanken zu wehren. Aber da nagte und biß schon wieder solch tückischer Einfall. »Bei Eheleuten« hieß es – Ja, aber war er denn eigentlich verheiratet? Besaß er denn ein Weib? – – – oder hatte Gott der Allmächtige nicht eine Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet?
»Nur das nicht,« stöhnte er, »nur das nicht. Nur nicht diese entsetzlichen, verzweifelten Anklagen.« Und er vergrub sich von neuem in seine Papiere und arbeitete, bis die Lampe zu verlöschen drohte.
Am nächsten Tage erhielt er abermals ein gleichlautendes Zirkular. Zugleich erschien bei ihm der Inspektor Grothe aus Boltenhagen, ein großer, breitschultriger Mann, der das Hauptgut des Grafen Brachwitz bewirtschaftete. Er sollte den Pächter noch besonders zu der Versammlung einladen.
»Nein, ich komm nicht,« entgegnete Wilms, während sich der Inspektor in der großen Stube den Schnee abschüttelte, und der Abgesandte räusperte sich zufrieden und meinte: »Da haben Sie auch recht.«
»Na, wieso, Herr Grothe, es handelt sich doch eigentlich um einen guten Zweck.«
»Schönen guten Zweck,« brummte der andre, indem er den Mund verzog: »Sittlichkeit – da soll sich der Graf man zuerst um seinen Sohn kümmern. Aber da werden alle Dirns auf dem Hofe unsicher gemacht, daß es eine Schande ist, und dann soll so’n Verein gegründet werden.«
Sobald der Pächter den Namen des jungen Brachwitz vernahm, stieg ihm langsam das Blut in die Schläfen, so daß er kaum dem anderen seine Bewegung verbergen konnte. »Lassen Sie man, Grothe,« schnitt er kurz ab, »ich hör’ so was nicht gern.«
»I – ich sag ja auch gar nichts gegen den jungen Mann. – Is sogar ein ganz netter, liebenswürdiger Mensch. Und es is ’ne wahre Dummheit vom Alten, daß er den Jungen nicht bei’s Militär gelassen. Hier in der Wirtschaft versteht das natürlich nichts, und weiß das nichts – und verfällt auf lauter Dummheiten. – Die Förstersfrau kann ihn ja auch nicht los werden,« setzte er leiser hinzu, »aber sie soll ihm ja neulich gehörig die Tür gewiesen haben.«
Wilms konnte nicht länger zuhören.
»Herr Grothe – ich muß jetzt – ich hab nochnotwendig was zu tun – Grüßen Sie den Herrn Grafen, und – ja ich werd’ woll auch kommen.«
»Na schön,« verabschiedete sich der Inspektor. »Geht’s Ihrer lieben Frau gut?«
»Ja, ich danke.«
Sie schüttelten sich die Hände, und der Abgesandte des Grafen ritt langsam vom Hof herunter.
Aber der Besuch hatte seine Folge.
In der langen Zeit, in der sich Wilms in dem schneeverwehten Gehöft so einsam fühlte und mit all seinen sehnsüchtigen Gedanken an der fernen Hedwig hing, da hatte er alles vergessen, was er von ihr zu wissen glaubte, da war sie ihm als die reine, herbe unerreichbar hohe Jungfrau erschienen. Jetzt, als ihm das wilde Treiben des Junkers geschildert wurde, da erhoben die häßlichen Zweifel abermals ihr Haupt, da erwachte er wieder zur Wirklichkeit, ein kräftiges Gefühl der Verachtung gegen sich selbst regte sich in ihm, und mit aller Macht suchte er die häßliche aufkeimende Neigung abzuschütteln.
Zehnmal des Tages las er jetzt die wenigen Zeilen, die ihm Else bereits wöchentlich schreiben konnte, fuhr dann mit seiner rauhen Hand zärtlich überdas Papier, und legte es schließlich in das Paket, in dem er die Briefe aus der Brautzeit bewahrte.
»Mein Elsing – sie wird nun bald ganz gesund sein – und dann werden wir mit Gottes Hilfe wieder glücklich – ach so glücklich, wie damals, eh’ die schwere Zeit begann.« Er seufzte. »Wenn sie doch erst da wär.«
Immer mehr rückte der Winter vor. Es ging stark auf Weihnachten. Wilms merkte, daß seine Leute kleine Geschenke für ihre Familien einkauften.
Das bewegte ihm das Herz. Wieder mußte er an sein fernes Weib denken.
»Soll ich für den Herrn auch ’ne schöne Tann’ putzen?« fragte die Obermagd.
Es klang wie Mitgefühl aus den wenigen Worten, als sie auf den einsamen Mann blickte.
Wilms dankte.
»Ne, laß man, Dörthe – für mich allein. – Es hat keinen Zweck.«
Aber nachmittags ließ er den Schlitten anspannen und fuhr zur Stadt. Er wollte Else etwas kaufen, seinem armen, langsam gesundenden Weibe eine Freude bereiten.
Über die verschneite, dunkle Landstraße klingelte erendlich in Grimmen ein und wählte bei dem einzigen Juwelier des Städtchens ein kleines goldnes Herz an einer dünnen Kette.
Er stand dabei, als man seinen Namen »Wilms« in das Gold eingrub.
Mit der Poesie einfacher Naturen wollte er damit dartun, daß sein ganzes Herz auf ewig seinem Weibe gehöre. In dem Gasthof, in welchem er seinen Schlitten eingestellt hatte, saß er noch eine Weile bei einem Glase Grog und plauderte mit dem Wirt in der dunkelbraun verräucherten Gaststube. Der Pächter erfuhr, daß sein Schwiegervater, der alte Rendant Schröder, noch allabendlich die Honoratiorenstube besuche.
»Hedwig ist wohl noch nicht zurück?« erkundigte sich der Landmann leichthin.
Der Wirt mit dem grünen Sammetmützchen verneinte. Da bezahlte Wilms und brach auf.
Es war dunkel und kalt auf dem Heimweg. Der Wind strich scharf über den offenen Schlitten und warf dem Landmann spitze Eisnadeln ins Gesicht. Eine Sehnsucht nach einer warmen, gemütlichen Stube beschlich ihn, wo ein helles Feuer brannte, und eine liebe weibliche Hand dem Eintretenden den dick beschneiten Pelz abnahm.
Die Luft wurde immer schneidender. Hochoben flimmerten ein paar frostige Sterne. Wilms fror. Manchmal konnte er bei einzelnen freistehenden Häusern, an denen sie vorbeiflogen, in die trüb erleuchteten Stuben blicken. Da sah man schon Christbäume, welche geschmückt wurden. Im Hauptgut Boltenhagen klangen Kirchenglocken durch die Nacht. Hohl und feierlich läuteten sie das Fest ein. Vorboten der großen Freude.
Wilms faßte unwillkürlich an die Brusttasche, in der das Päckchen mit dem Goldherz verborgen war, und trieb seinen Kutscher zu größerer Eile an.
Die Glockentöne verklangen, wieder Schnee, Dunkelheit, Landstraße und weißes Feld – halb erlahmt vor Nässe und Kälte langten Mensch und Vieh endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in den einsamen, von dickem Schneewall umgebenen Hof.
Rings lag alles in Dunkelheit gehüllt. Nur hinter den herabgelassenen Rouleaux der großen Stube leuchtete Licht.
»Hübsch von Dörthe,« dachte Wilms, während er über den Flur schritt, »die Dirn hat Mitleid mit mir.«
Er öffnete gleichgültig, zuckte zusammen und blieb starr und groß unter den Pfosten stehen.
Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und streckte ihm mit froher Herzlichkeit die Hand entgegen. Ein anmutiges Lächeln umspielte dabei ihr blühendes Antlitz. »Na, Schwager,« neckte sie leicht, »der neue Gast gefällt dir wohl nicht?«
In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in der hellen, durchwärmten Stube weilte ein liebes, reizendes Geschöpf, bereit, den großen Mann von seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so, wie er es sich gedacht hatte.
Aber den ungeschickten Mann würgte es zuerst, als ob von unsichtbarer Hand seine Kehle zusammengepreßt würde. – Halb religiöse Vorstellungen durchflogen ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von Else angenommen hatte.
Sie war da.
Die Versuchung war wieder da.
All die Angst, die er ihretwegen in der langen Zeit erduldet, stürzte in seine Erinnerung und wandelteseinen Gegengruß, als er sich endlich aufraffte, zu einem unverständlichen Murmeln.
»Hedwig – – willkommen – du –«
Dann bemerkte er, daß sie ihm noch immer die Hand entgegenhielt, und preßte sie unbeholfen zwischen seinen Fingern.
»O –« sie verzog schmerzhaft den Mund.
Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid.
Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie ihm beim Ausziehen behilflich war.
Der Tisch war weiß gedeckt, ein heißer Grog dampfte schon, alles war für ein schmackhaftes Abendbrot zubereitet. Sogar die beiden Servietten waren in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, daß diesmal eine Frau von guter Erziehung den Tisch besorgt hatte.
Verblüfft musterte Wilms diese Anstalten.
Es kam ihm alles so überraschend, er konnte sich so gar nicht in den neuen Zustand finden. Ungelenk nötigte er endlich den Gast auf das Sofa und setzte sich dem Mädchen auf einem Stuhl gegenüber.
Lächelnd über seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig einige Speisen vorlegen, jedoch er hielt plötzlich ihre schon erhobene Hand fest und begann ungestüm zu fragen:
»Noch nicht – noch nicht – vor allen Dingen, wie geht es meiner Frau?«
Das Mädchen nickte ermunternd: »Gut – überhaupt überraschend – so gut, daß sie schon in acht Tagen hier eintreffen wird.«
»Was? Gott sei Dank,« murmelte Wilms. »Kann sie denn schon gehen?«
»Ja, zwar noch auf einen Stock gestützt, aber es wird mit jedem Tag besser.«
»Und du, Hedwig?« stockte er und sah sie wieder so verständnislos an, daß sie in ein fröhliches Gelächter ausbrach.
»Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier bei dir will?« begann sie endlich.
»Ja, – das heißt – –«
»Kannst du dir’s wirklich nicht denken? Was seid ihr Männer doch schwerfällig. – Vorausgeschickt bin ich – aufräumen soll ich, das Unterste zu oberst kehren, damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht wahr, Schwager, das gefällt dir nicht?«
»Mir? Warum?«
»Weil du ein so grämliches Gesicht dazu machst.«
»Bewahre, Hedwig – du weißt doch, daß du uns immer willkommen bist.«
»Wirklich?«
Er schlug die Augen nieder und begann zu essen.
Sie dagegen nippte nur von allem und erzählte ihm unaufhörlich von Else und beschrieb alle Einzelheiten ihres Aufenthalts. Die halb polnische Stadt, die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen, die Bäder, und das Ganze so nüchtern und verständlich, daß Wilms längst Messer und Gabel hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu lauschen.
Von Zeit zu Zeit goß sie ihm den angenehm erwärmenden Trank ein und lächelte liebenswürdig, wenn er ihr zaghaft zutrank.
Plötzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen beiden ein. Hedwig hatte aufgehört zu erzählen und lehnte sich in die Sofaecke zurück, da die Reise sie wahrscheinlich ermüdet hatte. Auch Wilms hielt eine Scheu davon ab, jetzt irgend etwas Gleichgültiges vorzubringen.
Er blickte mehrfach rasch zu ihr hinüber, beobachtete dann das verglimmende Ofenfeuer, faltete umständlich die Serviette, und sah von neuem unruhig auf das junge Mädchen hin.
Sie träumte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand gestützt, schien sie an etwas Fernes zu denken.
Der Pächter wurde unruhig.
»Hedwig,« räusperte er sich halblaut.
»Ja, Schwager.«
Sofort richtete sich das Mädchen auf und drückte flüchtig beide Hände gegen die Schläfen, als wollte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Fragenden lenken.
»Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem Vater?«
»Nein, ich bin direkt hierher gefahren.«
»Sofort hierher?« wiederholte Wilms. Eine peinliche Verstimmung stieg in ihm auf. Was konnte sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten Gehöft suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen, wie jedoch sein Blick ihre ruhigen, braunen Augen traf, verstummte er wieder und kratzte verlegen auf dem Tisch hin und her.
Eine Zeitlang blieb es still.
Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte Wilms nicht ertragen. Etwas quälte und marterte ihn dabei grenzenlos.
»Hedwig,« fing er mit Überwindung plötzlich an und zum erstenmal wendete er ihr ganz sein ehrliches Gesicht zu. »Es muß mal zwischen uns zur Sprache kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen.– Weshalb bist du eigentlich – ich – mein Kind – ich meine, warum bist du eigentlich so gut zu uns?«
»Gut?«
»Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe deines Erbteils geborgt, und ich hab mir damit helfen können. Das hätt’ mir schon kein anderer getan, – nein, laß – ich muß es mal sagen, auch meine Frau hast du gepflegt, um die es nur wenige aushalten konnten. Und nu – nu kommst du wieder hierher zurück, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen und unterstützen und aufrichten, und das alles soll ich mir gefallen lassen, ohne eigentlich zu wissen, warum du das alles tust; ich kann’s mir ja gar nicht erklären, du paßt ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine vornehme, junge Dame, warum bestehst du also darauf?«
Das letzte rief der große Mann in einem heftigen, beinahe unglücklichen Ton.
Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre Wangen erblaßten etwas, aber sonst strömte ihr Wesen unveränderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr eigentümlich war. Langsam schritt sie zum Ofen, wärmte sich die Hände, durchmaß dann mit gesenktem Haupt mehrmals das Zimmer, als ob sie nachdenke, und blieb endlich an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf dieGlocke der Lampe legte, daß Wilms das Blut hindurchrinnen sah.
Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem Stuhl, er konnte das Webemuster ihres Kleides erkennen.
Unwillkürlich wandte er den Kopf fort.
»Siehst du, Schwager,« hob sie nach schwerer Pause klar und bedacht an zu sprechen, immer den Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet: »Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, warum ich so gern hierher zurückkam in eure Einsamkeit.«
»Gern?« unterbrach sie der Pächter erstaunt.
»Ja, ich kam gern,« fuhr sie hastiger fort, »gerade weil es hier so still ist. – Mir ist diese Stille Bedürfnis. – Ich verabscheute schon als Kind alles Unruhige und Geräuschvolle. Aber das ist nicht der Hauptgrund,« setzte sie sinnend hinzu: »ich kam wohl zumeist deinetwegen, Schwager.«
»Meinetwegen?« schreckte Wilms auf. Aber es war alles so leidenschaftslos, so überlegt und ohne eine Spur von Zärtlichkeit hingesprochen, daß der Pächter fühlte, er müßte ihre Worte falsch aufgefaßt haben.
Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen, er scharrte ungeduldig mit den Füßen und blickte erregt zu ihr auf.
»Ja, Hedwig, wie meinst du denn das?« murmelte er.
Sie zog langsam die Hände von dem Glase zurück und ließ sich wieder auf das Sofa nieder.
»Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie unglücklich geworden, Wilms.«
»Das bin ich nicht.«
»Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie jeder andere Mann, eine Ehe eingegangen, um eine Häuslichkeit zu besitzen? – Nun, und hast du sie gefunden? – Nein, das ging dir alles durch die lange Krankheit verloren – und auch jetzt, Schwager, – ich muß es dir sagen, mit vielem Schmerz, glaub’ mir das – auch jetzt wird dir meine arme Schwester dieses Glück nicht schaffen können.«
»Nicht schaffen können?« echote Wilms entsetzt. Eiseskälte durchströmte ihn, wie vorhin, als er auf dem Schlitten saß.
Im Moment haßte er das Mädchen, welches ihm das alles so schonungslos enthüllte.
»Und warum nicht, Hedwig?« flüsterte er.
»Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute,« schloß Hedwig leise, als wenn sie ihn nicht noch mehr erregen wollte, »daß Else nach wie vor aufs äußerste geschont werden muß, und daß sie nie wieder als eineGesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt werden darf – du armer Mann.«
Ein leises Stöhnen unterbrach sie.
»Sieh,« beendete sie hastig, indem sie auffallend die Farbe wechselte, »und da stand es bei mir fest, daß ich hier vielleicht den Wirkungskreis aufnehmen könnte, den meine Schwester nicht ausfüllen wird, damit du wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du schon so viel gelitten.«
»Und da wolltest du – –?« stammelte er.
Er begriff es nicht.
»Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichmäßigen Beschäftigung.«
»Aber – aber willst du denn nicht heiraten?« fuhr es ihm heraus. Er schämte sich, als er es sagte.
Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln: »Schwerlich,« erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe als Tochter eines kleinen Beamten den törichten Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber –« – sie zögerte und wurde zum erstenmal unruhig – »das ist mir wohl nicht zum Heile ausgeschlagen. Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem ich gefalle, und der zu mir paßt.«
»O Hedwig, doch – doch –« widersprach Wilms gedankenlos, – »du bist ja schön und klug, daswird sich schon finden.« Aber während er es sprach, mußte er plötzlich widerwillig daran denken, daß diese vollen, roten Lippen schon stürmisch und sündhaft geküßt worden seien.
Das verdarb ihm den Abend vollends.
Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie erschöpft in ihrer Sofaecke. – Nur als er äußerte, daß sie schön und klug sei, traf ihn ein kurzer, erstaunter Blick. Dann schlug sie wieder müde die Augen nieder.
So saßen sie noch eine Stunde zusammen und sprachen über alles, was in der Umgegend in der Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte sich Hedwig nach den Wirtschaftsverhältnissen.
Er gab über alles genau Auskunft.
Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und Hedwig erhob sich.
Wilms empfand, daß er gehen müsse.
Er stand sofort auf.
»Noch eins,« sagte er, »hier hast du die Schlüssel.«
Er nahm aus einem Körbchen, das auf dem Nähtisch am Fenster stand, ein Schlüsselbund und händigte es seiner Schwägerin ein.
Achtlos empfing das Mädchen die klirrenden Dinger und hing sie sich in den Gürtel, aber Wilms beschlich ein schmerzliches Gefühl dabei, daß ElsensBefugnisse damit gleichermaßen auf ihre Schwester übergingen. Sie erschien ihm auch nicht mehr so schön, wie früher.
Dann reichten sie sich die Hände und wünschten sich »Gute Nacht«.
»Schläfst du hier?« fragte Wilms.
»Ja, in Elses Bett.«
»Nun, gute Nacht.«
»Gute Nacht, Schwager.«
Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch brannte ein Licht, darunter lag ein großes Kuvert, das Elses Aufschrift trug.
Hastig zerriß Wilms den Umschlag. Drinnen fand er ein Bild und einen Zettel mit den wenigen Worten: