DIE SCHLOSSFRAU VON FROBERG

La nature prudente et sageForce le temps de respecterLes charmes de ce beau visage,Qu'elle n' aurait pu répéter.Ach, und ihr Tanz! Wissen Sie noch, wie der Wind in Etupes über die Tulpenbeete strich? Solch ein Neigen und Wiegen, solch ein Aufglühen und Verlöschen leuchtender Farben ist er! Das Schönste schien er mir zu sein, was ich bisher gesehen hatte, bis ich noch Schöneres sah. Als sich vor mir zum erstenmal die Vorhänge der Oper teilten, und ich die entzückendste aller Sylphiden, Fräulein Guimard, aus dem weißen Wolkenbett zur Erde schweben sah, wo der große Vestris sich ihr entgegenhob, als gäbe es keine Schwere für ihn, da erkannte ich erst, daß die Tulpen noch an der Erde kleben, und die Schmetterlinge, die über Rosenhecken gaukeln, die wirklich Lebendigen sind.An Pracht, so glaubte ich, könnte dieses Schauspiel von keinem anderen übertroffen werden. Dann kam ich nach Versailles zum Ordensfest Ludwigsdes Heiligen. Frankreichs Fürsten und sein Adel waren versammelt. All die Namen schlugen an mein Ohr, von denen jeder einen Quaderstein im Tempel seines Ruhmes bildet. Und die goldstarrenden Mäntel, die schweren Kronen der Männer, die schimmernden Juwelen auf den Häuptern und um die Nacken der Frauen erschienen mir wie ein einziges Symbol seines unerschöpflichen Reichtums. Alle Glocken läuteten. Durch die Spiegelgallerie flutete ein Meer von Glanz, als ströme der Regenbogen selbst durch die offenen Türen. Es war ein Brausen in der Luft. Ich wußte nicht, rauschte es mir nur in den Ohren, oder waren es Stimmen, oder ferner Gesang. Der König erschien; von einem Himmel von Purpur überdacht, aus dem Tropfen von Gold und Perlen niederflossen. Auf seinem blauen Mantel strahlten die goldenen Lilien, jeden Schritt, den er vorwärts tat, begleitete das Funkeln der Diamanten an seinen Füßen.Mein Vater liebt den König nicht. Selten sind die Ersten des Hofs beisammen, ohne daß Böses über ihn geflüstert würde. Wie oft hab ich selbst seines großen Ahnherrn Heldenzeit herbeigewünscht, weil ich meinte, keinem anderen dienen zu können. Das war jetzt vergessen. Eine höhere Gewalt zwang alle Nacken, sich ehrfurchtsvoll zu neigen, nicht weil es der fünfzehnte Ludwig war, der vorüberging, sondern Frankreichs Majestät.Ich habe mich ihr nun angelobt, wie meine Väter es taten.Noch viele Bogen könnte ich füllen, wollte ich erzählen, was ich sah. Alles ist für mich ein Erleben gewesen. Nur weiß ich nicht, ob Sie, mit der ich meine Kindheit teilte, mir auch jetzt noch zuhören mögen. Kein Nichtwissen schmerzt mich so tief wie dieses. Darum bitte ich Sie, antworten Sie mir, aber, wenn es sein kann, ohne Guy Chevreuse damit zu bemühen. Ich vertrage nun einmal sein Lächeln nicht.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Paris,den 15. März 1773.Liebste Delphine, solch einen Brief mir! Womit verdiente ich ihn? Leichtsinn, ja Treulosigkeit werfen Sie mir vor. Schon wollte ich die Zeilen die von Ihnen kamen, zärtlich an mein Herz drücken, als Ihre stacheligen Worte mich blutig rissen. Ich wäre trostloser, wenn ich nicht glaubte, daß die Langeweile Ihrer Gefangenschaft Sie so reizbar und der leidende Zustand Ihres Vaters Sie so trübsinnig macht. Die Zeit wird vorübergehen, Delphine; Ihr Vater wird sich erholen und Ihre schönen Augen werden mir wieder lachen, wenn Sie erfahren, daß selbst Ihre ungerechte Härte meine Gefühle für Sie nicht ändern kann.Marquis Montjoie an Delphine.Paris1773. Am Tage der Verkündigung Mariä.Der kurzen Unterredung im Beisein unsers teuren Kranken lasse ich diesen Brief folgen, dessen Inhalt Ihnen die Hoffnungen meines Herzens, die zugleich die Wünsche Ihres Vaters, meines treuen Freundes sind, näher bringen sollen. Als gehorsame Tochter haben Sie der durch den Mund Ihres Vaters Ihnen übermittelten Werbung zustimmend geantwortet, Sie haben dann als Zeichen des Vertrauens Ihre kleine Hand wortlos in die meine gelegt. Seien Sie versichert, daß ich die hohe Auszeichnung, die darin liegt, zu schätzen weiß und mich bemühen werde, ihrer würdig zu sein.Ihr Herr Vater ist über das Schicksal seiner geliebten einzigen Tochter nunmehr etwas beruhigt und auf seinen Zustand hat die Tatsache, daß er Sie in gutem Schutze weiß, auf das günstigste eingewirkt. Möchten Sie, teure Komtesse, mit ähnlichen Empfindungen einer Zukunft entgegensehen, die, soweit es an mir liegt, eine heitere für Sie sein soll. Ein junges Mädchen, – das istmirnicht unbekannt –, träumt gern von jener Liebe, die seichte Romane so reizend zu schildern wissen. Aber auf solchen, meist flüchtigen Gefühlen sollte keine Ehe gegründet werden. Vertrauen, ruhige Zuneigung, und vor allem die Übereinstimmungder Familieninteressen, die Gleichheit der Lebensgewohnheiten, sind vielmehr ihre einzig sichere Grundlage. Darum fürchten Sie nicht, verehrte Komtesse, daß ich, der überdies an Jahren so viel reichere Mann, von Ihnen die leidenschaftlichen Empfindungen einer Julie wünsche oder erwarte. Unser Zusammenleben wird ohne sie ein würdigeres, der Vornehmheit unserer Gesinnung entsprechenderes sein.Wie Sie wissen, sehnt Ihr Herr Vater eine baldige Trauung herbei, und da die Ärzte uns über den Ernst seines Zustandes keinen Zweifel lassen, – so sehr unsere Liebe sich gegen die schlimmste Möglichkeit sträubt, – so vereinige ich nochmals meine Bitte mit der seinigen, die Zeremonie nicht hinauszuschieben, wie es anscheinend Ihren Wünschen zunächst entsprach. Ich begreife, daß Ihre große Jugend vor dem Ernst der vollzogenen Tatsache erschrickt, aber ich gebe Ihnen demgegenüber zu bedenken, daß der Name einer Marquise Montjoie Ihnen sofort neben der Freiheit eine neue Sicherheit und eine anerkannte Position in der Gesellschaft gewähren wird. Ich habe die Absicht, meine Gemahlin nach der Trauung dem Schutze meiner Mutter anzuvertrauen. Sie werden auf Schloß Montjoie als Herrin einziehen und dabei doch der liebevollen Erziehung und Leitung einer Frau unterstehen, die Ihnen in allen Dingen Vorbild sein kann. L'Abbayeaux Bois erscheint mir nicht geignet, Sie länger zu beherbergen; ich wünsche, daß Sie Paris in Zukunft mit gefestigterem Charakter gegenübertreten.Darf ich hoffen, daß die Ruhe der Überlegung Sie unseren Wünschen geneigter gemacht hat? Mein Kammerdiener wird morgen Ihre Antwort entgegennehmen.Ihre Freude über das Diamantenkollier, das ich mir erlaubte, Ihnen als erstes kleines Angebinde zusenden zu lassen, war ein so willkommenes Geschenk für mich, daß ich es in der Hoffnung auf seine Wiederholung wage, Ihnen heute diese Perlenschnur zu Füßen zu legen. Möchte sie nicht nur ein Zeichen dafür sein, daß Sie sich mir verbinden, sondern Ihnen auch die Zuversicht einflößen, daß die Fesseln der Ehe Sie niemals stärker drücken werden, als diese Kette.DIE SCHLOSSFRAU VON FROBERGMarquis Montjoie an Delphine.Paris,im Juli 1773.Meine liebe Delphine. Ihr kleiner Brief, den ich als Beilage eines längeren Schreibens meiner Mutter hier vorfand, war mir sehr erfreulich, geht doch aus ihm hervor, daß Sie den Vorsatz gefaßt haben, die ängstliche Scheu mir gegenüber allmählich abzustreifen.Ich brauche Ihnen nicht noch einmal zu versichern, daß ich sie weder durch mein von aller schuldigen Rücksicht getragenes Benehmen verdient habe, noch daß ich sie erwarten konnte, nachdem Sie mir als eine fröhliche, ja fast allzu kecke, junge Dame bekannt geworden waren. Ihre häufigen, trüben Stimmungen, Ihre Art, sich stundenlang in Ihren Gemächern einzuschließen, durch die Sie die Würde Ihrer Stellung gegenüber den Domestiken in unstatthafter Weise gefährden, weil Sie zu allerlei Vermutungen und Geklatsch den Anlaß gaben, habe ich bisher zu übersehen versucht, da ich ihre Ursache in der Trauer um Ihren verehrten Vater zu finden glaubte. Die Marquise Montjoie, die Herrin meines Hauses, darf sich jedoch auf die Dauer solchen Empfindungen eines kleinen Mädchens nicht hingeben. Ich wünschte, daß Sie darauf bedacht sein mögen, in Ihrem Benehmen mehr Haltung zu zeigen.Durch eine Bemerkung in dem Briefe meinerMutter, sehe ich mich genötigt, diesem Wunsch besonderen Nachdruck zu verleihen. Sie schreibt wörtlich: 'Meine gute Schwiegertochter scheint an der Unterhaltung mit Monsieur Gaillard viel Gefallen zu finden'. Daraus schließe ich, daß Sie vergessen haben, was ich Ihnen über die Stellung Gaillards in unserem Hause gesagt habe. Mein verstorbener Bruder, dessen Sorge um diesen seinen illegitimen Sohn eine um so größere war, als dessen unglücklicher, körperlicher Zustand ihn für alle bemitleidenswert machte, sprach in seinem Testament den Wunsch aus, daß ich ihm auf Froberg eine gute Erziehung und eine dauernde Unterkunft gewähren möchte. Selbstverständlich ist es ihm dabei nicht eingefallen, irgend welche Art von Familienzugehörigkeit für Gaillard zu verlangen; meine Mutter und ich sind stets bemüht gewesen, die scharf gezogenen Grenzen des Respekts aufrecht zu erhalten, was oft nicht leicht war. So wurde Gaillard ein nicht unbrauchbarer Haushofmeister, also nichts anderes als der erste unter den Bedienten.Nun scheint er die unerfahrene Jugend meiner Gemahlin in seinem Interesse ausnutzen zu wollen, und ich muß Ihnen demgegenüber die größte Kühle und Zurückhaltung zur Pflicht machen. Nach Abschluß des Trauerjahres wird es Ihnen an Unterhaltung nicht fehlen; bis dahin sollten Sie die Zeit benutzen, um sich unter der Leitungeiner so vollendeten Dame wie meiner Mutter zu einer ihr ähnlichen Persönlichkeit heranzubilden.Damit Sie sehen, daß ich in meiner Sorge um Sie bemüht bin, Ihnen auch eine Freude zu bereiten, die Sie zugleich auf das angenehmste beschäftigen wird, teile ich Ihnen mit, daß ich beschlossen habe, an der Stelle unseres Parks, an der Sie sich einen Gartenpavillon wünschten, ein größeres Gebäude modernen Stils errichten zu lassen. Sie hatten nicht Unrecht: Das alte Schloß mit seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern entspricht unserem Geschmack nicht mehr, und, wenn es auch Einbildung ist, daß Sie sich darin zu fürchten behaupten, so wäre ein Palais im Stil von Trianon ein weitaus günstigerer Rahmen für Sie.Ich habe meine freien Stunden benutzt, um mir die neuesten und berühmtesten Pariser Privat-Hotels anzusehen. Am meisten gefiel mir das der Tänzerin Fräulein Guimard, die ich übrigens nicht aufgesucht haben würde, wenn ich nicht in der Angelegenheit unseres Abbé Morelli ihre Intervention bei Monseigneur de Jarente, über den sie alles vermag, hätte beanspruchen müssen.Siewar ungemein liebenswürdig und zeigte mir ihr eben vollendetes Palais in allen Details. Es ist ein Bijou und bis auf jeden Stuhl, ja jeden Teller von erlesenem Geschmack. Die ersten Künstler habendaran mitgeschaffen, und ich betrachte es als ein Zeichen der Höhe unserer Kultur, daß sie ihre Begabungen auf diese Weise in den Dienst des täglichen Lebens stellen. Auf Empfehlung der Guimard habe ich mit den Architekten Bellisard und Ledoux Rücksprache genommen; sie dürften mit mir zusammen auf Froberg eintreffen, um an Ort und Stelle die Pläne zu entwerfen.Leider verzögert sich meine Rückkehr noch etwas. Den Ausgang des Prozesses Morangiès, der hier alles beschäftigt und die öffentliche Meinung in jene zwei Lager teilt, die es zwar immer gibt, die sich aber leider nur zu oft verwischen: die von Hof und Adel auf der einen, von Bourgeois und Parvenüs auf der anderen Seite, möchte ich noch abwarten. Nicht nur, weil der Marquis mein Freund ist, sondern weil die ganze Angelegenheit mir für unsere Verhältnisse typisch erscheint: Eine Gesellschaft von Krämern, die einen Kavalier von ältestem Adel ehrloser Handlungen bezichtigt, ein Haufe von Schriftstellern und sogenannten Philosophen, der diesen Jägern als Meute dient, der Pöbel von Paris, der schadenfroh zuschaut, bereit, sich als erster über das Wild zu stürzen, wenn es erlegt ist.Angesichts solcher Zustände ist es doppelt widerlich zu sehen, wie nicht nur Aristokraten mit bürgerlichen Emporkömmlingen fraternisieren, sondern wie leider der Hof mit dem bösen Beispielvorangeht. Traditionen werden über Bord geworfen, sobald es gilt für irgendeinen Financier dunkelster Herkunft Platz zu machen; die bewährte Etiquette des großen Königs wird durchbrochen, wenn irgendeine Ausländerin, die sich mit Hilfe ihres Geldes einen armen Marquis gekauft hat, hoffähig zu sein beansprucht. Und dabei muß ich befürchten, daß der junge Hof, auf den ich so große Hoffnungen setzte, nach dieser Richtung wenig ändern wird. Die Dauphine wählt ihren Umgang nur nach den Beweggründen ihres Amüsements und ihr Gemahl huldigt allerhand bürgerlichen Passionen, die zwar schließen lassen, daß der künftige König einige Millionen weniger verbrauchen, zugleich aber auch, daß der repräsentative Glanz des Königtums weiter verbleichen wird. Und dieser Glanz, der es umgeben soll, wie die goldene, juwelenbesetzte Hülle das Allerheiligste, ist notwendig, um das Volk, gewissermaßen im Schiff der Kirche, ehrfürchtig vom Hochaltar, auf dem der Herrscher thront, entfernt zu halten. Je mehr der Pöbel bemerkt, daß die da oben auch nur Menschen sind, desto mehr wird er sie als seinesgleichen behandeln wollen.Verzeihen Sie, meine Teure, daß ich Sie schließlich mit Gedanken langweile, die weniger für Ihr kindliches Gemüt, als für das reife Verständnis meiner Mutter bestimmt waren: Lassen Sie sich von ihr des weiteren darüber belehren.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Am 20. Juli 1773.Vergebens suche ich, schönste Frau Marquise, in Ihrem Briefe an Clarisse nach einem noch so leisen Zeichen, das ich als eine Erinnerung an mich hätte deuten können. Bin ich Ihnen wirklich so ganz gleichgültig? Oder sah das Gespenst Ihrer einstigen Gouvernante Ihnen über die Schulter, als Sie ein Schreiben verfaßten, dessen würdevoller Trockenheit sich die reizende Klosterschülerin von l'Abbaye aux Bois geschämt hätte? Ich würde der selbstsüchtigen Sehnsucht, mich Ihnen zu Füßen zu legen, widerstanden haben, aber der ritterlichen Verpflichtung, die Dame meines Herzens von dem Einfluß der bösen Geister Ihres alten Bergschlosses zu befreien, kann ich mich nicht entziehen. Nur Ihr ausdrückliches Verbot wird mich davon zurückhalten, meine Schwester auf der Reise zu Ihnen, die sie unmöglich ohne meinen Schutz machen kann, zu begleiten. Seien Sie gewiß: mit dem ersten Lächeln, das ich um Ihre roten Lippen hervorzaubere, wird die Erinnerung an mich, als an Ihren getreusten Bewunderer, zurückgekehrt sein. Und Sie müssen und Sie werden lächeln, wenn erst ein Hauch Pariser Luft Ihre Rosenwangen streichelt.Sie vibriert von Leichtsinn, Erregung, Leidenschaft! sie ist wie verflüchtigter Champagnerund wer sie ständig atmet, ist immer trunken. Es gibt Salons, die so sehr von ihr erfüllt sind, daß die Pulse schneller klopfen, sobald man ihre Schwelle überschreitet. Darf ich Ihnen heute zu einer Promenade à deux den Arm reichen, die einen der entzückendsten dieser Salons zum Ziele hat?Wir wandern durch die Allee dunkler Taxushecken bis zu dem stillen Wasserspiegel, in dem die üppigen Leiber steinerner Nymphen baden. Ein Schlößchen, nein: ein Traum in Gold und Weiß, steigt dahinter empor. Schlanke Säulen tragen die Sternendecke der Vorhalle; jubelnde Bacchanten schwingen den Thyrsosstab auf dem Fries über den Türen. Sie stehen weit offen. Licht und Lachen, süßer Duft und rauschende Musik dringen heraus. Die Wände des Saals, den wir betreten, sind aus weißem Marmor, goldene Pilaster unterbrechen sie, und vor den hohen Spiegeln in den acht Ecken des Raums, stehen auf Sockeln von Malachit lebensgroße Bronzegestalten lichtertragender Frauen. Strahlende Helle strömt von ihnen aus und vereint sich mit dem Kerzenglanz kristallener Lüster. Auf die Decke zauberte Drouais den ganzen Olymp, aber die Grazien und Musen, ja Venus selbst werden von der Schönheit der sterblichen Frauen unter ihm überstrahlt. Von der Galerie herab singt ein Chor von Knaben –, Adonis und Ganymed konnten nicht reizender sein –, Grétrys süßeste Lieder, rings um ihn lehnentiefdekolletierte, fächerschlagende Damen an der vergoldeten Balustrade; und unten um die runde, mit Spitzen und Blumen, mit schwerem Silber und rosenübersätem Porzellan geschmückte Tafel schart sich eine illustre Gesellschaft von Gräfinnen und Marquis, Prinzen und Herzoginnen. Ihre Augen, ihre Diamanten, ihre Wangen, ihre seidenen Kleider und goldenen Parüren wetteifern an Glanz miteinander, und schwellende Busen beschämen das schimmernde Weiß der Perlen, die zärtlich auf ihnen ruhen. Angesichts dieser chaotischen Fülle von Schönheit und Reichtum müßte sich das Auge ermüdet schließen, wenn sie nicht in einer Erscheinung, wie in einem Brennpunkt, zusammenflössen. In der Mitte der Tafel thront sie, Venus selbst, die eine gütige Woge aus unbekannter Tiefe an das Gestade der Irdischen warf.Wage ich es, vor Ihren keuschen Ohren den Namen zu nennen, den sie für ihre Wiedergeburt in Frankreich gewählt hat? Es ist die Gräfin Dubarry!Sie erschrecken! Dürfen Sie das als loyale Französin?! Wissen Sie nicht, daß Ihr König sie zu sich erhob, daß der Kanzler, daß der Finanzminister, daß die ersten Damen des Landes zu ihrem Hofstaat gehören? Und sind nicht auch Sie ihr Dank schuldig, weil sie Choiseul, den Minister der Philosophen und der Freigeister zu Falle brachte und den gefährdeten Einfluß der Kirche wieder gefestigt hat?!Sie lächeln – endlich! Das Pathos der hohen Politik steht Guy Chevreuse so schlecht, wie Ihnen die steife Würde einer elsässischen Schloßfrau. Ich frage nach den Verdiensten und den Sünden der Gräfin ebensowenig, wie der König nach der Herkunft seiner Göttin gefragt hat. Daß sie uns amüsiert, ist ein ausreichender Grund ihrer Existenz. Es scheint, wir brauchen von Zeit zu Zeit solch eine frische Quelle aus der Tiefe des Volkes, damit wir Armen, seit Urzeiten im gleichen Boden Wurzelnden, nicht verdorren.Also sträuben Sie sich nicht länger, reizende Frau Marquise! Dort in dem runden Salon, dessen Spiegelwände Fragonards Liebesszenen, die sein Pinsel auf die gewölbte Decke malte, hundertfach zurückwerfen, schwingt sich die Volkstänzerin Courtille in ihren grotesken Vorstadttänzen, und nicht lange, so stampfen Prinzessinnenfüßchen mit ihr um die Wette die Fricasée. Das ist kein Menuett mehr mit Fingerspitzenreichen und ehrfurchtsvoller Verneigung, das ist ein Haschen und Greifen, ein Wiegen und Schmiegen voll heißer Lust.Sie erröten? Kommen Sie weiter, holde Delphine, durch die chinesische Galerie mit ihren Vasen und Vögeln und Drachen, bis in den Theatersaal. Vor seiner Bühne verstecken selbst die Pariserinnen das Antlitz zuweilen verschämt hinter dem Fächer. Man spielt nämlich nicht mehr Racineund Molière und holt sich nicht mehr die Schauspieler der königlichen Theater. Collés »Vérité dans le vin« läßt uns plötzlich erinnern, daß wir, aller Etikette zum Trotz, noch herzhaft lachen können, und Larrinée, der Straßensänger, bringt uns mit seinen Kuplets dazu, uns selbst zu verhöhnen, während Audinot, der Gott der Crapule, uns mit seinen Verbrecherromanzen Schauer des Entsetzens über den Rücken jagt, – ein Gefühl das wir bisher nicht kannten.Sie atmen rascher –, Sie klammern sich an mich. Jetzt sind Sie es, die nach mehr – noch mehr verlangen! Aber wir müssen gehen. Für die schwere Bronzetür dort hat, – wenigstens im Augenblick –, nur der König den Schlüssel!Und nun ist es Abend geworden und das Feenreich von Louveciennes versinkt im Dunkel der Nacht.Wie denken Sie jetzt über die »wohltuende Einsamkeit von Froberg«, über »die beste Gesellschaft der vornehmen, frommen Mutter«?! Schwarze Dominos stehen Ihnen nicht, Frau Marquise!Ich möchte auch Ihre Seele in Sonnenfarben gekleidet wissen. Darum wird es mir schwer, den einzigen Wunsch zu erfüllen, den Sie meiner Schwester geäußert haben: den nach neuen Romanen. Unsere Schriftsteller sind heute nichts als Lumpensammler; sie wühlen im Schmutz des Leids und des Elends; und finden sie wirklicheinmal einen Fetzen der Vergangenheit, so ist auch er schwarz und zerrissen. Allen Schmerz der Welt versuchen sie in den engen Rahmen einer Erzählung zu spannen. Sie bilden sich ein, tiefsinnig zu erscheinen, und sind nur langweilig, schwächlich, nervös. Sie schneiden ein langes Gesicht, schlagen die Augen nieder und ziehen die Mundwinkel herab; und meinen dann den Philosophen oder den Engländern ähnlich zu sehen, die heute beinahe noch mehr gelten als jene.Bis ich nach Froberg komme, werde ich irgend etwas finden, was französisch und daher heiter ist, aber da schöne Frauen Bücher nur lieben, wenn es Ihnen an Anbetern fehlt, so werden Sie mich gewiß des Auftrags entheben.Verzeihen Sie die Länge dieses Briefes. Es ist so süß, wenigstens in Gedanken in Ihrer Nähe zu sein, daß man versucht wird, die Trennung so weit als möglich hinauszuschieben.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Am 26. Juli 1773.Ihr rosenrotes Briefchen, schönste Frau Marquise, hat mich in einen Rausch des Entzückens versetzt. Der Schneiderin meiner Schwester werde ich Tag und Nacht keine Ruhe lassen, damit sie die Ausstattung der ländlichen Toiletten beschleunigt und unsere Ankunft in Froberg so rasch als möglich erfolgen kann. Seitdem ich weiß, das Sie uns»mit Freuden« erwarten, – (warum, ach warum sprechen Sie immer nur »von uns«, statt ein einziges Mal von mir allein?!) –, habe ich keine Ruhe mehr. Meine Koffer sind gepackt; die schönsten Liebesgeschichten, die ich finden konnte, – denn wer vermöchte in Ihrer Nähe etwas anderes zu lesen? – die neuesten Chansons, die witzigsten Kuplets befinden sich schon wohl verwahrt in der Reisekalesche; die schnellsten Pferde suchte ich aus. Aber selbst wenn sie fliegen könnten, würde meine Sehnsucht ihnen immer weit voraus sein.Noch eine Bitte, die ich für eine andere wage, weil sie zu schüchtern ist, sie auszusprechen, – für Clarisse: Sie wissen, der Chevalier de Motteville bewirbt sich um sie und das Herz meiner Schwester ist durch seine treuen Huldigungen so ganz gewonnen worden, daß sie behauptet, sterben zu müssen, wenn der Widerstand meiner Mutter sich nicht besiegen läßt. Würden Sie Clarisse den Freundschaftsdienst erweisen wollen, den Chevalier zu gleicher Zeit mit uns nach Froberg einzuladen, und ihr dadurch die Möglichkeit einer Begegnung zu gewähren, nach der ihr Herz stürmisch verlangt? Sie brauchten nicht zu besorgen, daß Herr von Motteville lästig fiele; er würde selbst die Göttin der Liebe nicht beachten, wenn seine Geliebte neben ihm stünde.Seien Sie gewärtig, schönste Marquise, Ihre Gäste diesen Zeilen auf dem Fuße folgen zu sehen.Marquis Montjoie an Delphine.Paris,den 5. August 1773.Meine liebe Delphine! Wie konnten Sie meinen wohlgemeinten Brief nur so mißverstehen?! Nichts liegt mir ferner, als Ihren Augen Tränen erpressen zu wollen. Seien Sie versichert, ich will weder Ihre »Freiheit beschränken«, noch »statt eines Gemahls ein Schulmeister sein«. Ich will Sie nur leiten – so unmerklich wie möglich – und auch meine Mutter hat gewiß keine andere Absicht. Hätten Sie ein wenig mehr Vertrauen gehabt, ein wenig mehr kindliche Liebe, statt Hochmut und Heftigkeit gezeigt, so wäre es zu der peinlichen Auseinandersetzung mit ihr nicht gekommen. Daß meine Mutter den Besuch des Grafen Chevreuse ablehnte, ist vielleicht etwas rigoros, aber in Anbetracht Ihrer Familientrauer und meiner Abwesenheit gewiß verständlich. Es hat mich fast amüsiert, daß Sie sich daraufhin plötzlich Ihrer Stellung als Herrin des Hauses erinnerten und den Befehl gaben, die Zimmer für die Gäste bereitzuhalten. Meine Mutter schreibt sehr verletzt, aber ich denke, mein heutiger Brief, in dem ich ihr auseinandersetzte, daß meine Gemahlin eine gewisse Selbständigkeit auch ihr gegenüber zu beanspruchen das Recht hat, wird sie beruhigen.Ihren Zorn aber, meine Teure, hoffe ich durch den Inhalt des kleinen Koffers ein wenig zu besänftigen, den mein Kurier Ihnen übergeben wird.Ich war selbst bei Madame Bertin, die in ihrem Schneideratelier empfängt wie eine Herzogin. Die hübschesten Mädchen mußten mir die neuesten Kleider vorführen. Merkwürdig, wie auch hier die Mode das Leichte, Weiche dem Schweren und Steifen mehr und mehr vorzieht. Man trägt sich auf der Straße wie unsere Großmütter sich geschämt haben würden, im Hause zu erscheinen. Ich wäre fast versucht gewesen, diese Mode nicht zu akzeptieren, wenn ich mir nicht vorgestellt hätte, wie entzückend diese schmiegsamen Negligée-Gewänder die zarte Gestalt meiner Delphine zur Geltung bringen, wie verlockend diese Mullfichus, diese Seidenschals sich um ihren weißen Nacken schmiegen werden. Auch bei Monsieur Bourbon, dem Schuhmacher der Dauphine, war ich und übergab ihm Ihren Probeschuh. Sie hätten seine Begeisterung, nicht über den Schuh, den er für mesquin erklärte, sondern über das Füßchen, für das er bestimmt war, sehen sollen. »Noch kleiner als das der Prinzessin Guéménée, und der Spann noch höher als der der Marschallin Mirefoix!« sagte er einmal über das andere, »wir werden dies Füßchen mit Juwelen bedecken müssen,« fügte er hinzu, und ich habe mich von ihm bestimmen lassen, auf seine zarten Kunstwerke all die bunten Steine zu streuen. Von Madame Martin habe ich ein Sèvrestöpfchen Rouge des Indes besorgt, von Beaulard, dessen Coiffüren die des alten Belouxan Geschmak und Grazie bei weitem übertreffen, den neuen Puder d'or.Werde ich immer noch der gefürchtete Hofmeister sein, oder darf ich auf ein gnädiges Lächeln hoffen?!Leider werde ich mir die Antwort auf diese Frage erst in einigen Wochen holen können. Meine Geschäfte sind noch nicht erledigt.Ich sprach Ihnen seinerzeit von Monsieur Beaujon, dem Bankier des Hofs. Männer, wie der Prinz Rohan schenken ihm unbegrenztes Vertrauen, sodaß ich meine wohl etwas altmodische Auffassung, daß Edelleute keine Geldgeschäfte machen sollten, überwunden und mit ihm wiederholt konferiert habe. Sein Benehmen war ein tadelloses, und ich wäre wahrscheinlich schon zu einem gewissen Abschluß mit ihm gekommen, wenn ich nicht gestern seiner Einladung in sein luxuriöses Haus in den Champs-Élysées gefolgt wäre, wo der Eindruck, den ich empfing, ein äußerst peinlicher war. Kein königlicher Prinz hat ein Palais, wie dieser Emporkömmling; alle Künstler scheinen sich in seinen Dienst gestellt zu haben; die Gesellschaft, die er empfängt, ist in bezug auf Vornehmheit und geistige Bedeutung die erste von Paris, und die Art, mit der jeder einzelne in ihr dem Hausherrn begegnet, hat einen Anstrich von Devotion, der mir das Blut sieden machte. Um die jungen Damen seiner Familie bemühen sichOffiziere und Kammerherrn mit den ältesten Namen; sie brauchen sichtlich nur die Hände auszustrecken, um irgendeine Grafen- oder Herzogskrone in Empfang zu nehmen. Wir sind also bereits soweit, diese Finanziers nicht nur zu ertragen, sie gesellschaftlich uns gleich zu setzen, sondern wir sind in unserer aristokratischen Gesinnung heruntergekommen genug, um ihren Hofstaat abzugeben. Und das Traurige ist, daß Versailles für eine streng aristokratische Auffassung, wie ich sie noch vertrete, keinen Rückhalt bietet.Am Tage nach dem Souper bei Beaujon habe ich die Verhandlungen mit ihm abgebrochen und eine Verbindung mit seinem Rivalen Herrn von Saint-James angeknüpft, der den Finanzier mit dem Edelmann verbindet, mir daher mehr zusagt. Er steht überdies der Regierung sehr nahe und machte mir Konfidenzen, die meine pessimistische Auffassung über unsere innere Lage nur bestätigten.Ich war daher in keiner rosigen Stimmung, als ich am gleichen Tage nach Compiègne befohlen wurde, wo der Hof sich im Augenblick aufhält. Nebenbei bemerkt: Diese unaufhörlichen Reisen des Königs, die mit seinem Alter, mit seiner wachsenden Unruhe und der krankhaften Jagd nach Abwechslung an Zahl zunehmen, sind der Schrecken des Generalauditeurs der königlichen Finanzen. Das Gefolge ist stets enorm, die Gastfreundschaft, die den persönlichen Gästen Seiner Majestät gewährtwird, ist unbegrenzt; die großen Finanziers, die, bei den häufigen Verlegenheiten des Hofs, ihm Gelder bereitwilligst vorstrecken, sind oft die gefeiertesten unter ihnen.Im Augenblick meiner Ankunft in Compiègne erfuhr ich erst, daß die unter dem Einfluß der Dauphine wiederholt hinausgeschobene Vorstellung der jungen Vikomtesse Dubarry durch die Gräfin Dubarry heute erwartet würde. Ich hätte eine Entschuldigung gefunden, wenn ich früher davon gewußt hätte, denn dem neuen Sieg dieser Aventurière zu assistieren widerstand mir aufs äußerste. Jetzt mußte ich bleiben und tat es nicht ohne starke Selbstüberwindung. Der Schloßhof und die Gallerien waren überfüllt, und ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich behaupte, daß heute niemand eine von Neid und Bewunderung getragene Neugierde mehr reizt als die Kurtisanen. Ein Beweis dafür ist die Eile, mit der die Damen des Hofs jede neue Bizarrerie ihrer Toilette und ihres Benehmens nachahmen.Nun kann ich nicht leugnen: die Gräfin überraschte mich, und zwar weniger durch ihre Schönheit, als durch die Tadellosigkeit ihres Auftretens, durch die vollendete Form, mit der sie selbst der abweisenden Kühle des Dauphins und der Dauphine begegnete. Sie verriet auch dem König gegenüber mit keiner Miene die nahen Beziehungen, die zwischen ihnen bestehen. Manche Damen vonRang, die heute etwas darin suchen, sich über gute Formen hinwegzusetzen, könnten sich an ihr ein Beispiel nehmen.Abends war große Soirée im Schloß. Ich hatte die Freude, den Marschall Morangiès zu treffen, der seiner eben erfolgten Freisprechung wegen ein Gegenstand allgemeiner Beglückwünschung war. Seine Geschichte stand im Mittelpunkt der Diskussion, und man war sich einig über die ausschlaggebende Rolle, die Monsieur Linguet und Herr von Voltaire dabei gespielt haben. Linguet scheint ein Advokat und Schriftsteller ersten Ranges, dabei freilich ein skrupelloser Mensch zu sein. Er hat die Marotte, sich stets dem allgemeinen Urteil des Volks entgegenzusetzen und ist auf diese Weise aus einem Republikaner und Freigeist der Verteidiger aristokratischer und klerikaler Interessen geworden. Daß Herr von Voltaire ihn im Fall Morangiès unterstützte, hat jeden, der seine Vergangenheit kennt, überrascht. Es wirkt eigentümlich, diesen berühmten Mann obskurer Herkunft in seiner Verteidigungsschrift plötzlich als Wortführer des französischen Adels auftreten zu sehen, und zu erfahren, wie er mit der nirgends zu überhörenden Stimme eines Herolds für den Schutz unserer gefährdeten Ehre zu den Waffen rief. Er hat es tatsächlich erreicht, daß alle ehrgeizigen Krämer glaubten, es genüge, sich öffentlich zur Partei Morangiès zu erklären, um für einen Edelmann gehalten zuwerden. Was mich betrifft, so hat die Stellungnahme der beiden Schriftsteller, obwohl ich sie billigen muß, meine Mißachtung für diese Art Leute nur verstärkt. Ich bin überzeugt: hätte man sämtliche Philosophen und »Volksfreunde« Frankreichs in die Intimität der Hofgesellschaft gezogen, statt ihre Bücher zu verbrennen, wir brauchten sie heute nicht mehr zu fürchten.Wie sehr das Volk von Paris durch die Hetzereien dieser skrupellosen Vielschreiber schon beeinflußt wird, ging mir aus einer turbulenten Szene hervor, die ich wenige Tage nach der Prozeßentscheidung in der Comédie française erlebte. Man gab »La Réconciliation normande« und bei der Stelle: »Dans une cause obscure des juges bien payés verraient plus clair que nous« hallte der Saal von einem so ohrenbetäubenden Lärm wieder, daß man glaubte, das Spiel abbrechen zu müssen. Man tobte, trampelte und pfiff, dazwischen fielen die beleidigendsten Ausdrücke gegen Morangiès, gegen das Parlament, gegen Linguet und Voltaire. Ich verstand nur das eine nicht: warum die Polizei nicht einschritt.Freuen wir uns, teure Delphine, unserer ruhigen Elsässer Bauern, bei denen die Autorität von Staat und Kirche noch nicht erschüttert ist. Hier ist das feste Bollwerk gegen den Ansturm des verdorbenen Pöbels der Großstadt.Ich werde glücklich sein, den Frieden von Frobergwieder genießen und seine schöne Herrin an mein Herz drücken zu dürfen....P. S. In Compiègne sah ich den Prinzen Friedrich-Eugen. Er ging mir jedoch so sichtlich aus dem Wege, und seine Erwiderung meines Grußes war so steif und förmlich, daß ich nicht in der Lage war, mit ihm zu sprechen. Ich bedauerte es sehr. Hätte ich doch die Freude genossen, mich mit Ihrem einstigen Spielgefährten über Sie, teure Delphine, unterhalten zu können.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Abtei Rémiremont,im September 1773.Schönste Frau Marquise. Selbst das unangenehmste Abenteuer würde ich freudig begrüßen wenn es mir die Gelegenheit verschaffte, Ihnen früher schreiben zu dürfen, als es sonst geschehen wäre. Um wieviel mehr ein so reizendes. Kurz vor Rémiremont brach die Achse unseres Wagens. Wir schickten einen unserer Diener bis zur Abtei und wurden in kürzester Frist von einem Vierspänner der Prinzessin Christine aus unserer unangenehmen Lage befreit und in den eleganten Räumen dieses im weitesten Sinne des Worts weltlichen Damenstifts von einem Flor reizender Frauen willkommen geheißen. Über ihre bunten Quesacos trugen sie das breite blaue Band des Ordens vom heiligen Romaric und den schwarzen hermelinverbrämten Mantel. Sie warenalle sehr erhitzt, und da ich mir leider nicht schmeicheln durfte, die roten Wangen und glänzenden Augen auf meine Ankunft zurückführen zu können, so vermutete ich in ihnen die Wirkung einer allzu üppigen Tafel, die ich beschloß durch Witz und Galanterie zu steigern und auszunützen. Aber schon bei Tisch wurde ich eines Besseren belehrt: meine Nachbarin, eine süße kleine Blondine, erzählte mir, daß die jungen Stiftsfräuleins schon seit Wochen um eine Umänderung der Satzungen kämpften, die ihnen das – Wahlrecht im Stiftskonzil vorenthielten. Je scherzhafter ich die Sache nahm, desto mehr überschlug sich ihr Vogelstimmchen. Clarisse, die mir gegenübersaß, wurde von einer anderen streitbaren jungen Dame in demselben Sinne aufgeklärt, und als wir uns am Abend im Garten ergingen, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß die Prinzessin, trotz ihres Alters und ihres Ranges als Äbtissin, auf der Seite der Jugend steht.»Wir sehen es lieber«, sagte sie, »die Fräuleins würden das Recht haben, innerhalb des Sitzungssaals zu streiten, als daß sie sich das Recht nehmen, vor geschlossener Türe zu intriguieren. Das erzieht zu jener Hintertreppenpolitik der Frauen, die das Verhängnis Frankreichs ist.«Und nun entspann sich hinter den Klostermauern von Rémiremont eine politische Debatte, wie in den Gärten des Palais-Royal in Paris, nurdaß sich hier Damen des ältesten Adels über Fragen echauffierten, die dort nur zwischen Advokaten, Bummlern und Philosophen Rededuelle hervorrufen. Ich wäre mir mehr als überflüssig vorgekommen, wenn es mich nicht gereizt hätte, die jungen Amazonen mit allen Zaubermitteln der Galanterie der Waffen zu entkleiden und ihnen Rosen in die Hände zu spielen. Meine Bescheidenheit verbietet mir, das Resultat zu schildern. Ihnen, reizende Delphine, überlasse ich, es sich auszumalen. Kämpft doch auch in Ihnen die streitbare Kriegerin mit der hingebenden Nymphe.Wie haben Sie mich mißhandelt! Und wie wenig haben Sie die Wunden, die Sie schlugen, zu heilen gewußt! In den hohen Räumen ihres schrecklichen alten Schlosses, zwischen seinen steifen Stühlen und dunklen Schränken erschienen Sie unnahbar, feierlich. Ihre Lippen waren bleich, Ihre Blicke abweisend, Ihre Hände eiskalt. Schloß sich die eisenbeschlagene Pforte hinter Ihnen und Clarisse und mir und waren wir erst weit draußen im sonnendurchglühten Park, – unerreichbar für das Auge der alten Marquise, für die Stimme des Herrn Marquis! –, dann kehrte wohl das Leben in Ihre Marmorglieder zurück, – aber nicht ich durfte mich einen Prometheus preisen, der es einhauchte –, dann lachte Ihr Auge wieder, aber es lachte nicht mir! Trotzdem ist mir jeder Augenblick unvergeßlich, den ich mit dieser Delphinezusammen war, aber am unvergeßlichsten die, ach so seltenen, die ich allein mit Ihnen verleben durfte!Warum haben Sie meine Bitte nicht erfüllt, den Herrn von Motteville einzuladen? Warum, vor allem, haben Sie sie nicht verstanden?! Die Lektüre von Boufflers, von Prévost, von Marivaux wäre dann nicht nötig gewesen, um Clarisse zu verscheuchen!All meine Ritterdienste haben nicht erreicht, was die Leidenschaft, was das beklagenswerte Schicksal der Romanheldinnen erreicht hat: Ihnen wenigstens die Liebe Ihres Anbeters verständlich zu machen. O, Aline, Manon und Marianne, auf eure Gräber würde ich, wenn ich sie finden könnte, Floras schönste Kinder streuen! Euch verdanke ich, daß Delphines rosige Ohren sich nicht abwandten, als ich ihr von meiner Liebe sprach, daß sie nach langem, langem Flehen die einzige Gunst gewährte und meinen heißen Lippen den schneeigen Arm nicht entriß!Zürnen Sie mir nicht, weil die Erinnerung mich fortreißt. Die schönen Pariserinnen werden Mühe haben, ihre schmerzhaften Spuren zu verwischen, aber ihre Süßigkeit und – die Hoffnung, die sie erwecken, werden sie nicht verscheuchen können. Sollte der heiße Atem von Paris das Eis um das Herz der reizenden Marquise nicht zu schmelzen vermögen?!Darf ich erwarten, daß Sie mich mit einer Zeile von Ihrer schönen Hand beglücken werden, damit der Faden zwischen uns, der heute noch so spinnwebfeine, nicht ganz zerreißt? Als ein Bittender küsse ich diese Hand und hoffe, sie bald als ein Dankbarer küssen zu dürfen.Graf Guy Chevreuse an Delphine.Paris,am 21. Februar 1774.Endlich, schönste Marquise, ein Brief von Ihnen! Ich hatte schon aufgehört, darauf zu hoffen; ich kämpfte mit mir, ob ich Sie noch einmal an mich erinnern dürfe, ich fürchtete, als ein Zudringlicher von Ihnen abgewiesen zu werden. Nun ist es zwar nicht gerade schmeichelhaft, daß Sie mir »nur aus Langerweile« schreiben und ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, diese Langeweile zu verscheuchen, um so mehr, als sie jetzt in Paris ein allgemeines Leiden ist.Die Krankheit des Königs liegt wie ein Alp auf dem Hof von Versailles. Priester, wie der Abbé Beauvais, Nonnen wie Madame Louise gewinnen wechselnden Einfluß; allerlei dunkle Gestalten werden durch Hinterpforten eingelassen, denn Seine Majestät ist abergläubisch geworden und läßt sich weissagen. Nur auf Stunden, höchstens Tage, vermag die schöne Bacchantin Dubarry ihn seiner Melancholie zu entreissen. Alles um ihn zittert –, teils aus Angst, teils aus Hoffnung–, und bei manchen Leuten habe ich immer den Eindruck, als hätten sie schon heimlich ihre Koffer gepackt. Nur in den inneren Gemächern der Dauphine und im kleinsten Kreise wird noch gelacht, gespielt, getanzt. Sonst hat sich die Fröhlichkeit in die kleinen Hotels der Duthé, der Guimard, der Raucourt geflüchtet und mit ihr manche lebenslustige Dame der Gesellschaft, – nicht zu ihrem Schaden, denn erst hier lernt sie, was Vergnügen und was – Liebe ist.Ich erinnere mich noch Ihres Erstaunens darüber, daß die Romanheldinnen, die ich Sie kennen lehrte, lauter Kurtisanen sind. Wenn Sie nicht wie eine Eingekerkerte in Ihrem alten Schlosse lebten, – die Vollendung des neuen Palais wird doch wohl noch lange auf sich warten lassen und die des Pavillons, den ich Ihnen riet für sich allein errichten zu lassen, gewiß noch länger! – so würden Sie rascher als viele andere die Ursachen begreifen lernen. Diese Mädchen sind frei; keine Scheere der Rücksichten und der Etikette beschneidet ihre Gefühle, damit sie hübsch artig in Reih und Glied stehen wie die Kugelakazien; kein Ehemann macht sie zu seinem Privatbesitz, ähnlich seinem Hunde, den er darauf dressiert, selbst wenn ihn hungert, von einem anderen kein Stück Brot zu nehmen.In den Hotels der Raucourt, – einer unvergleichlichen Schauspielerin, die der Herzog vonArgenson lanciert hat, und der im Augenblick halb Paris zu Füßen liegt, – und der Guimard, die infolge der gefährlichen Rivalin alle ihre Künste spielen läßt, all ihren Liebreiz entfaltet, traf ich wiederholt unseren gemeinsamen Freund, Friedrich-Eugen. Erfüllt wie ich von Ihnen, schönste Marquise, bin, wurde ich nicht müde, von Ihnen zu sprechen; die wortkarge Ruhe, um nicht zu sagen Gleichgültigkeit, mit der er mir zuhörte, hätte mich fast auf eine ernstere Differenz zwischen Ihnen und dem Prinzen schließen lassen, wenn er nicht mit einer mir in diesem Maße freilich auch unverständlichen Gereiztheit eine harmlose Bemerkung meinerseits, – daß die reizende Marquise das alte deutsche grämliche Froberg demnächst in einen blühenden französischen Mont de joie verwandeln würde –, als eine Beleidigung Ihrer Person betrachtet hätte. Er warf sich dabei zu Ihrem Verteidiger auf, und spielte die Rolle eines alten, einzig dazu berechtigten Freundes so täuschend, daß ich nicht wußte, was ich davon halten sollte und die kleine Guimard vielsagend lächelte.Nur ein paar Tage lang wünschte ich Ihnen übrigens den Verkehr mit der himmlischen Tänzerin. Sie erinnert mich oft an Sie in der Art, wie sie langsam die schweren Lider von den dunklen Augen hebt und in den weichen Bewegungen ihres zarten Körpers. Nur daß er fessellos ist, der neuestenMode Englands entsprechend, – fessellos wie ihre Hingabe, ihre Zärtlichkeit.»Wer in der Liebe nicht verschwenden kann, ist selbst ein Bettler,« sagte sie mir neulich, und einer kleinen Gräfin, die ihr klagend von der Wankelmütigkeit ihres Liebhabers erzählte, rief sie höhnend zu: »Füttern sie ihn nur weiter mit den Almosen heimlicher Blicke und Händedrücke, dann wird er ihr ärgster Feind, ein Revolutionär, wie das frierende und hungernde Volk von Paris angesichts der brennenden Holzstöße, die die großen Herren ihnen zuliebe vor ihren Palais entzünden, und der Brosamen, die sie ihnen zuwerfen.«Mein Brief wird Sie enttäuschen, denn ich fürchte, daß er Sie nicht einmal für eine Stunde von Ihrer Schwermut befreit, ja, daß er sie vielleicht noch vertieft. Ich bin so grausam, schönste Frau, diese Folge sogar zu wünschen, denn Sie sind so starrköpfig, – oder so sanftmütig?! – daß Sie sich erst sehr unglücklich fühlen müssen, um sich vom Unglück zu befreien.Lucien Gaillard an Delphine.Paris,März 1774.Hochzuverehrende Frau Marquise. Zwei Pferde ritt ich zu Schanden. Ob infolge der Schwere meines Buckels oder der Schärfe meiner Sporen will ich dahingestellt sein lassen. Ich habe mich weder vom Staub gereinigt, noch gegessen undgetrunken. Ich bin mit der Tür ins Haus gefallen. Der Kammerdiener des Prinzen Friedrich-Eugen hat erst durch ein paar Louisd'or an meine Ehrlichkeit geglaubt.Euer Gnaden können ohne Sorgen sein. Die Schreiberseele des Mercure de France hat natürlich die Provinz schaudern machen wollen. Es bestand keinerlei Lebensgefahr. Der Degen des Grafen Guy Chevreuse hat nur die Wange Seiner Erlaucht ein wenigzerschlitztund ihm einige Unzen Blut abgezogen. Das dürfte nicht ungünstig sein, sondern die allzu große Hitze des Prinzen kühlen.Über die Ursachen des Duells weiß selbst der Kammerdiener, dessen hingebendste Freundschaft ich mit einigen weiteren Louisd'or gewann, nichts Bestimmtes. Das eine nur scheint gewiß: Der Streit entstand im Hotel der Demoiselle Guimard, derselben schönen Dame, die der Prinz gestern empfing. Es scheint darnach in Paris Mode geworden zu sein, daß auch der männliche Teil der vornehmen Welt im Bett Audienz erteilt.Ich selbst bin, da Euer Gnaden mir nicht gestatteten, den Namen derjenigen, die mich sandte, einem anderen als dem Prinzen selbst zu nennen, natürlich nicht empfangen worden. Es war nur die Folge meiner eigenen Dummheit. Morgen werde ich den simplen Gaillard mit irgendeinem sieben- oder neunzackig gekrönten Namen vertauschenund man wird nicht die Hinterpforte, sondern die Flügeltüren weit vor mir aufreißen.Ich lasse dann sofort einen zweiten Kurier dem heutigen folgen.Gestatten mir Euer Gnaden, meiner unvergänglichen Dankbarkeit und Ergebenheit Ausdruck zu verleihen. Ich bedaure, der Frau Marquise nicht mehr opfern zu können, als ein paar Pferdebeine.Lucien Gaillard an Delphine.Am 22. März 1774.Hochzuverehrende Frau Marquise. Soeben verlasse ich den Prinzen. Meine Eröffnung ließ ihn vom Bett emporschnellen. Ich konnte mich von der gesunden Menge von Blut überzeugen, das seine Adern noch füllt, denn es ließ sein Gesicht wie ein Feuer glühen, als ich zuerst Ihren Namen nannte.»Schreiben Sie Ihrer Gebieterin«, sagte er, »daß ich jetzt nichts sehnlicher wünschte, als wirklich todkrank zu sein, um von ihr und ihrer rührenden Sorge um mich dem Leben zurückgewonnen zu werden.«Fast drei Stunden hielt er mich fest. Er hörte nicht auf, mich auszufragen, mir zuzuhören. Ich durfte mich glücklich schätzen, daß Euer Gnaden Erscheinung sich mir so unauslöschlich eingeprägt hat, und ich imstande war, jeden Blick, jedes Lächeln, jede Bewegung zu schildern, so daß SeineErlaucht mir versicherte, die Farben Bouchers könnten nicht lebensvoller malen, als meine Worte. Eine Demoiselle Raucourt, die sich während meines Besuchs melden ließ, hat er mit einem so verächtlichen Stirnrunzeln abweisen lassen, daß sie nicht wiederkommen würde, wenn sie es gesehen hätte.Meine »kranke« Mutter habe ich heute besucht. Ich brauche dem Herrn Marquis sonach kein Märchen aufzubinden. Ihre »Sehnsucht« war übrigens so groß wie die meine. Erst als sie sich überzeugte, daß ich nichts zu fordern kam, erwachte ihre mütterliche Zärtlichkeit gegenüber ihrer Mißgeburt. Es geht ihr übrigens vortrefflich. Von dem Gelde ihres Liebhabers, dem ich infolge eines unglücklichen Zufalls mein Leben verdanke, – daß ich ihm wirklich dafür Dank schuldig bin, weiß ich erst, seit ich Euer Gnaden dienen darf –, hat sie im Garten des Palais-Royal ein Café-Restaurant gepachtet. Die größten Räsonneure von Paris verkehren bei ihr. Ich habe in einer Stunde mehr gehört, als ich in meinem ganzen Leben gedacht habe, obwohl, wie Euer Gnaden wissen, das nicht wenig ist, da man mir ja reichlich Zeit dazu gelassen hat. War ich doch ein Bastard, also gemieden von den Herren wie von den Dienern. Aber wessen ich mich schämte, dessen werde ich mich auf Grund meiner neuen Einsicht noch rühmen können. Als »Bastarde im Geist«, bezeichneteeiner der Gäste Madame Gaillards, in dem ich den einstigen Hofmeister des Prinzen Friedrich-Eugen, den Herrn von Altenau, wieder erkannte, all jene Aufklärer, Schriftsteller und Philosophen, die zwischen dem Volk und dem Adel stehen, nicht etwa als ein verbindendes, sondern als ein zersetzendes Element. Was die großen Denker, die Herren Voltaire, Rousseau, Diderot und wie sie alle heißen, – ich hörte die Namen zum erstenmal –, in ihren Werken niedergelegt haben, das verbreiten jene anderen durch die Zeitungen, durch Flugschriften und Reden jetzt im Volk. In jeder kleinen Wirtschaft, zwischen Krämern und Handwerkern, hört man infolgedessen politisieren und philosophieren. Vom König redet man, als wenn er schon tot wäre. Man erörtert eifrig das Für und Wider der Männer, die der Dauphin berufen wird. Es gibt Hoffnungsvolle, die eine glorreiche Zeit und ein Ende aller Not erwarten. Die meisten lächeln zweifelnd dazu, oder zucken nur stumm die Achseln. Für einen, der, wie ich, aus lebenslanger Einsamkeit hierher verschlagen wurde, ist das alles wie ein Fiebertraum. Wenn ich im Frühling durch die Froberger Gärten ging, hatte ich zuweilen solch ein Gefühl in den Gliedern, als stünde etwas Ungeheures bevor. Aber dann fiel mir stets rechtzeitig ein, daß das nur die Gradegewachsenen erwarten dürfte. Hier habe ich die unbestimmte Empfindung, als bedürfees nur eines graden Geistes, um das Große, das wird, mit zu empfangen.Euer Gnaden haben mich, den immer Schweigsamen, zuerst sprechen gelehrt, und müssen mir daher gütigst verzeihen, wenn ich nun schwatzhaft werde.Ich erwarte, der Verabredung gemäß, Euer Gnaden weitere Befehle.Johann von Altenau an Delphine.Paris,am 30. März 1774.Verehrte Frau Marquise! Als die kleine Gräfin Laval sich in eine Marquise Montjoie verwandelte, war sie mir, offen gestanden, entschwunden, wie ein schöner Traum. Einmal, so dachte ich, würde ich wohl der Frau Marquise begegnen, aber sie wäre dann eine Fremde für mich, eine der vielen schönen Frauen, mit demselben Rouge auf den Wangen, das alle Spuren von Leid und Liebe verwischt, demselben Lächeln um die Lippen, das Freund und Feind gleichmäßig grüßt, demselben Geist, dem Himmel und Erde nichts anderes bedeutet, als einen Gegenstand der Konversation.Und nun ließ mich ein Zufall, der sich in der dicken Wirtin des Café de la Regence verkörpert hatte, einen buckligen Menschen kennen lernen, von dem ich noch nicht weiß, ist er Ihr Hofnarr oder Ihr Kavalier, und dieser seltsame Kauzmachte mich mit der Marquise Montjoie bekannt. Die Gräfin Laval ist sie nicht, – darin ging mein Vorgefühl nicht fehl –, aber sie ist auch nicht eine von den Vielen. Ich glaube fast, sie ist ein Mensch, denn sie fühlt die Qualen des Lebens.Zürnen Sie mir darum nicht, wenn ich Ihnen mitteile, daß sich in Paris ein Mann befindet, der sich Ihnen ganz zur Verfügung stellt. Vielleicht findet er, wenn Sie nur gütigst eine Verbindung mit ihm herstellen wollen, irgend ein Mittel, das Ihre Schmerzen, wenn nicht in Freuden verwandelt, so doch betäubt.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Paris,den 3. April 1774.Teuerste Delphine, unvergeßliche Freundin! Meinen heißen Dank für die Wohltat, die Sie mir erwiesen haben, muß ich Ihnen persönlich, nicht nur durch Ihren treuen Boten, auszudrücken versuchen. Sie können in Ihrer Reinheit nicht ermessen, was Sie für mich getan haben; Sie retteten mir vielleicht mehr als das Leben, nachdem Sie mich in einen schlimmeren Abgrund als den des Todes gestürzt hatten. Ich war auf dem Wege, mich selbst zu verlieren –, ach, ich möchte Ihnen das Alles beichten dürfen, und von Ihnen eine Absolution empfangen, die mich sicherer von allen meinen Sünden freisprechenwürde, als wenn der Papst in eigener heiliger Person es täte!Mir ist Paris verleidet; ich kann seine schwere stickige Luft nicht mehr atmen; mich verlangt nach dem kräftigen Vorfrühlingsbrodem, den die heimatliche Erde ausstrahlt. Sobald meine Verwundung die Reise möglich macht, will ich nach Montbéliard zurückkehren, und dort bleiben, bis die tiefere Verwundung meines Herzens es mir erlaubt, nach Etupes – unserem schönen Etupes! – überzusiedeln. Noch weiß ich nicht, wie sie zu heilen ist: die Vergnügungen von Paris haben sich nur als der Verband eines ungeschickten Chirurgen erwiesen, denn die Trennung von Ihnen war wie fressendes Pfeilgift, das die Vernarbung verhindert. Wird ein Wiedersehen sie schließen machen?! Einerlei! Und wenn ich im Voraus wüßte, daß ich daran verblute, ich würde keine Minute zögern, es herbeizuführen. Nur Ihre Ablehnung, meine Freundin, würde wirken, wie Königsbann. Aber ich weiß, Sie vermögen nicht, sie auszusprechen. Monsieur Gaillard wußte nicht, was höher zu preisen sei: Ihre Schönheit oder Ihre Güte! Der arme Kerl, der sich wie ein Nachtfalter am Licht Ihrer Augen die grauen Flügel verbrannte!Ich werde Sie wiedersehen, und werde versuchen, zu vergessen, daß es die Marquise Montjoie ist, die ich begrüße.Verzeihen Sie die zitternde Greisenschrift dieses Briefes. Sie dürfen sich darum nicht sorgen, liebste Delphine, – so sehr mich auch diese Sorge beglückt –, denn es ist weniger die Schwäche, die sie verursacht, als die Erregung. Ich weiß jetzt, wie einem Wüstenwanderer zu Mute ist, der mit ausgedörrter Kehle und zerrissener Haut, dem Tode nahe, die schattende Kühle hoher Palmen, die klaren Wellen sprudelnden Quells vor sich sieht.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Montbéliard,30. April 1774.Delphine, liebste Delphine, warum antworten Sie mir nicht?! Ich wartete in Paris vergebens darauf und hoffte, hier ein Lebenszeichen von Ihnen vorzufinden. Vergebens! War ich zu vorschnell, als ich aus Ihrer Sorge um mich auf einen Rest alter Neigung schloß? Als der Graf Chevreuse vor Dirnen und Roués von dem Mont de joie erzählte, auf dem er den Palast der Venus gefunden hat, glaubte ich die ganze Frechheit seines Wortspiels zu verstehen. Daß ich es tat, war eine Beleidigung gegen Sie, – und Sie hätten ein Recht, mich deshalb keines Wortes mehr zu würdigen.Aber um unserer Kindheit willen, Delphine, die mir hier aus jedem Busch, jedem Wasserspiegelentgegenlacht, verzeihen Sie mir! Und um meiner Liebe willen schenken Sie mir ein einziges gutes Wort. Nur Ihr Mitleid und Ihr Zorn sind mir unerträglich.Sollte aber Krankheit die Ursache Ihres Schweigens sein, – ich wage es nicht zu denken, daß Sie leiden –, so beauftragen Sie Gaillard mit Ihrer Antwort. Ich klammere mich zu sehr an jeden Strohhalm der Hoffnung, ich fürchte mich zu sehr, daß Sie selbst ihn mir entreißen könnten, als daß ich es wagte, ein Begegnen mit Ihnen zu erzwingen.Marquis Montjoie an Delphine.Paris,am 8. Mai 1774.Meine Liebe, die Nachricht vom Tode des Königs wird meinem Briefe vorangegangen sein. Als ich am Donnerstag früh in Versailles eintraf, war die Aufregung bereits eine allgemeine. Sowohl die Partei Dubarry mit dem Herzog von Aiguillon an der Spitze, hatte sich versammelt, als die Partei Choiseul, die mit der zur höchsten Empörung des Königs aus dem Exil zurückberufenen Herzogin von Gramont bei der Dauphine zusammentraf. Ein Uneingeweihter hätte aus der unverhohlenen Angst in den Zügen der Einen, dem nicht mehr zu unterdrückenden Triumphgefühl in denen der Anderen, auf den Stand der Dinge schließen können.Gegen Abend wurde der König aus Trianon, wohin die alles vermögende Favorite ihn entführt hatte, um ihn womöglich bis zuletzt in ihrer Gewalt zu behalten, zurückgeführt. Der Eindruck dieser Heimkehr mußte auch einen kühlen Beobachter erschüttern: es regnete in Strömen, als die goldüberladenen Karossen des Königs sich langsam wie ein Leichenzug durch den Schlamm der Straße, dem Schlosse entgegen bewegten. Die Federbüsche der Pferde hingen schwer vom Wasser an ihren Köpfen hernieder. Man hob den König aus den Kissen; sein Kopf sank vorn über, der Schweiß perlte auf seiner wachsgelben Stirn, zwischen den aufeinandergepreßten Lippen drangen hie und da gurgelnde Laute hervor, als er an seinem Hofstaat vorübergetragen wurde. Sobald er auf sein Lager gebettet war, beschwor er seine Umgebung ängstlich, ihm den Stand seiner Krankheit mitzuteilen. Wenn er auch von seinem Heldenmut viel zu reden pflegt, so fürchtete er sich doch von jeher vor nichts so sehr, als sterben zu müssen, und umgab sich auf Schritt mit einer offenen und geheimen Schutzgarde, ohne daran zu denken, daß der Tod sich von ihr nicht würde zurückhalten lassen.Im Verlaufe der nächsten Tage wurde der König zweimal zur Ader gelassen. Als die Ärzte von der Möglichkeit eines dritten Males sprachen, wurde ihm und seiner Umgebung der Ernst derLage erst völlig klar. Die Herzöge von Richelieu und von Aumont traten den Ärzten in meiner Gegenwart mit geballten Fäusten entgegen, um die Operation zu verhindern, und da diese ihre Stellung bedroht sahen, gaben sie nach. Am Sonnabend den 30. April bedeckte sich plötzlich der Körper des Königs mit demselben Ausschlag, unter dem er schon in seiner Jugend gelitten hatte. Die Ärzte bezeichneten ihn auch jetzt offiziell als Blattern. Während der König in einen Zustand von Apathie verfiel, gelang es der Partei Choiseul, den Zutritt von Mesdames Adélaide, Sophie und Victoire zu ihrem königlichen Vater zu erzwingen. Der Erzbischof hielt sich erwartungsvoll im Vorzimmer auf; man rechnete bestimmt darauf, durch seinen Einfluß die Ausweisung der Dubarry und ihres Anhangs durchzusetzen. Aber sobald der Kranke zu sich kam, wies er seine Töchter hinaus und verlangte heftig nach der Gräfin. Die Prinzessinnen hätten übrigens die pestilenzialische Atmosphäre im Zimmer des Königs nicht länger ertragen können, während die Gräfin ohne schwindelig zu werden, in seiner nächsten Nähe aushielt.Kein Wunder, wenn man selbst aus der Gosse stammt!Wie erzählt wird, soll sie die Kühnheit gehabt haben, ein Diamantenhalsband von märchenhaftem Wert, das der Juwelier Boehmer ihr zum Kauf angebotenhatte, dem sterbenden König vorzulegen und zum Geschenk zu erbitten. Er verstand kaum noch etwas davon, aber er zog das Schmuckstück immer wieder durch seine fieberheißen, von Schwären bedeckten Hände, die die kalten Steine wohltätig kühlten.Durch Scherze und Zärtlichkeiten suchte die Gräfin den Lebensglauben des Sterbenden aufs neue anzufachen, worin der Herzog von Richelieu sie insofern unterstützte, als er den Erzbischof, der nicht von der Stelle weichen wollte, um dem König rechtzeitig die Beichte abzunehmen, fern zu halten vermochte.»Wenn es Ihnen, Monseigneur, durchaus nach großen Sünden gelüstet,« sagte der alte Roué mit seinem ganzen Zynismus, »so nehmen Sie die meinen dafür. Ich garantiere Ihnen, Sie haben in den zwanzig Jahren Ihres Pariser Erzbistums nichts Ähnliches gehört.«Der Kampf der Parteien um den sterbenden König wurde schließlich so heftig, daß sein Lärm bis in sein Zimmer drang. Vergebens bemühte ich mich, Ruhe zu stiften, denn so feindlich ich auch der Partei Dubarry gegenüberstehe, der König ist immerhin des großen Ludwig Nachfolger gewesen, und verdient als ein Sterbender zum mindesten den stillen Respekt, der allen gewährt wird, die dem ewigen Richter nahen. Erst von dem schon halb Besinnungslosenerreichten die Priester dieEntfernungder Gräfin.Wenige Stunden nach dem Tode des Königs kam ich nach Paris. Überall begegnete ich jubelnden Volksmassen und das »Es lebe Ludwig XVI.!« klang in allen Gassen wieder. So antipathisch mir sonst jeder öffentliche Auflauf ist, in diesem Falle fühlte ich mich durch die Gesinnung mit dem Pöbel eins.Die erschütternden Ereignisse, die die Geschicke Frankreichs umgestalten werden, haben die persönlichen Differenzen zwischen Ihnen und mir, wie sie kurz vor meiner beschleunigten Abreise von Froberg in Erscheinung traten, in den Hintergrund gedrängt. Ich denke jetzt ruhiger darüber, da ich annehme, daß Ihr Verhalten nur eine Folge der Beschwerden ist, die Ihr Zustand Ihnen verursacht. Ich will mich bemühen, Sie wie eine Kranke zu behandeln, möchte Sie jedoch nur daran erinnern, daß es bei Frauen von guter Erziehung bisher selbstverständlich war, sich auch in der peinlichsten Lebenslage zu beherrschen. Ich verstehe noch heute nicht, wie die liebenswürdige Einladung der Fürstin Montbéliard, und mein Wunsch, durch Ihre Zusage die freundnachbarlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten, Ihre Aufregung verursachen konnte. Die Fürstin ist Ihnen, nach Ihrer eigenen Versicherung eine zweite Mutter gewesen, sie sprach in ihrem Brief ausdrücklichvon einem »stillen Landaufenthalt in Etupes,« der Ihnen geboten würde; Ihr Einwand, daß Sie sich mit Ihrer »deformierten Gestalt« nicht sehen lassen könnten, ist also in diesem Fall nichts als ein leerer Vorwand. Sie würden zu gesellschaftlichen Triumphen gar keine Gelegenheit haben, die Beeinträchtigung Ihrer Schönheit hätte also keinerlei Konsequenzen. Da Ihnen Froberg überdies so unbehaglich ist, würde Ihnen das sonnige Etupes gerade jetzt doppelt wohltätig sein, und die Fürstin würde es in ihrer Güte an hingebendster Pflege nicht fehlen lassen.Aber die Auseinandersetzung über die Frage der Einladung war ja nur das Vorspiel der Szene, die Sie mit einem unleugbaren Talent für die Rolle einer tragischen Heldin mir dann vorzuführen die Güte hatten. Ich glaubte, Sie damit zu besänftigen, daß ich Sie an die notwendige Rücksicht auf das Kind erinnerte, aber ich warf damit nur neue Nahrung in das Feuer ihres Zorns. »Rücksicht auf das Kind?!« schrieen Sie, ohne bemerken zu wollen, daß Gaillard sich in unverhohlener Neugierde vor Ihren offenen Fenstern zu schaffen machte, »ich will – ich will kein Kind von Ihnen! Ich schäme mich dieses Kindes!«Ich hoffe, Sie schämen sich jetzt Ihres eigenen Benehmens, das ich in ihre Erinnerung zurückgerufen habe, um es Ihnen wie einen Spiegel vorzuhalten.Wie gesagt: ich nehme an, Sie waren von Sinnen, wie es bei jungen Frauen in gewissen Zuständen vorkommen soll, und ich verzeihe Ihnen den Affront, den ich durch Sie erleben mußte. Auch auf den Besuch in Etupes will ich nicht bestehen. Soll es doch vorkommen, daß schwangere Frauen gerade ihren Lieblingsspeisen gegenüber einen unüberwindlichen Ekel empfinden.Ich schreibe Ihnen das Alles, weil ich wünsche, daß nunmehr von der ganzen Sache zwischen uns keine Rede mehr ist.Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.Montbéliard,am 10. Mai 1774.Angebetete Delphine! Je länger Ihre Antwort ausblieb, desto fieberhafter arbeitete meine Phantasie; Himmel und Hölle sah ich vor mir, und glaubte, alles ertragen zu können. Und doch würde mich die Wirklichkeit vernichtet haben, wenn ich nicht zwischen den Zeilen Ihres Briefes das Klopfen Ihres Herzens gespürt, die Tränen in Ihren Augen gesehen hätte.Sie lehnen meinen Besuch ab; Sie fürchten sich vor ihm; Sie wünschen, daß ich Delphine Laval nicht vergesse, und darum Delphine Montjoie nicht wiedersehe. Sie lassen mir nur die leise Hoffnung auf eine Zeit, wo irgend eine große Wendung des Schicksals die Jugendfreundin aus dem Starrkrampferweckt. Sie sind unglücklich, Delphine, unglücklich wie ich, und Sie gestatten mir nicht, Ihnen zu helfen! Ich beneide den Grafen Chevreuse, ja ich will mich sogar bemühen, seine leichtfertigen Reden zu vergessen, weil er imstande gewesen ist, Ihnen Stunden des Frohsinns zu schaffen.Es gab seit dem Empfang Ihres Briefes Augenblicke, in denen der Wunsch, Ihnen helfen zu können, jedes eigennützige Gefühl erstickte. Ein solcher war es, als ich meine Mutter bat, Sie zu sich zu laden; ich hätte, Ihrem Wunsch unter allen Umständen gehorchend, Etupes helles Schlößchen ebenso wenig betreten, wie Ihre dunkle Burg.Noch Vieles möchte ich Ihnen sagen, denn mein Herz ist übervoll, aber ich würde kein Ende finden, wie der Strom um so weniger versiegt, je tiefer er aus dem Innern der Erde kommt.Johann von Altenau an Delphine.Paris,im September 1774.Verehrte Frau Marquise! Die Hoffnung auf Nachricht von Ihnen, hatte ich schon aufgegeben, und ich respektierte Ihre Zurückhaltung, die bei vielen Menschen, wie bei zu Tode getroffenen Tieren, die Folge der tiefsten Schmerzen ist.Und nun lese ich Ihren Brief wieder und wieder, und versuche mir aus seinen leisen Untertönen, aus den Erzählungen des Herrn Gaillard und aus den Buchstaben Ihrer Schrift, die früherwie lauter kleine Kobolde lustig durcheinander tanzten, und jetzt brav und ernsthaft in gleichmäßiger Reihe vor mir stehen wie ängstliche Kinder vor dem strengen Schulmeister, ein Bild der Frau zu machen, an die ich schreibe.»Ich bin schon viele Wochen krank«, sagen Sie, »und liege in einem schrecklich großen Bett, das nie ganz warm wird, mitten in einem hohen, dunklen Zimmer, wie eine Tote in der Kirche. Daß es draußen Sommer ist, merke ich nicht. Ich glaube, man hat in diesem Schloß die Fenster absichtlich so gebaut, daß nur die Wintersonne hineinkann.« Und dann erzählen Sie von den Sälen, die immer leer aussehen, auch wenn man noch so viel Möbel, hineinstellt, und von dem Leben, das eben so ist, weil man es auch nur mit totem altem Kram erfüllt; – ist das die kleine Delphine, die ich kannte, oder die Marquise, die ich zu begegnen erwartete?!Ich soll Ihnen »Lebendiges« bringen, »damit wenigstens ein Echo von all dem Lärm und Lachen bei mir wiederklingt«. Ich werde Sie enttäuschen, Frau Marquise, denn das Paris, das ich kenne, lärmt zwar, aber es lacht nicht. Zu der Stunde, wo die großen Kurtisanen, die Duthé, die Cléophile auf der Promenade von Longchamps ihre sechsspännigen Karossen von Sèvres-Porzellan, ihre Quesacos von Damast, ihre hochgetürmten Locken, und ihr verführerisches Lächeln zur Schau stellen,begafft vom Pöbel, gefolgt von der Jeunesse dorée, versammelt sich eine täglich wachsende Zahl von Männern in den Kaffeehäusern des Palais-Royal, um die neuesten Zeitungsberichte, die neuesten Flugschriften zu lesen, den neuesten politischen oder gesellschaftlichen Skandal zu besprechen, philosophische und literarische Fragen zu diskutieren. Für viele treten diese öffentlichen Zusammenkunftsorte allmählich an Stelle der berühmten Salons, nicht nur, weil diese sich mehr und mehr auf ihre gewohnten Kreise beschränken und die alten Celebritäten den jungen Unbekannten vorziehen, sondern weil man in der Ungezwungenheit der Kleidung und der Konversation einen Reiz entdeckte, der den Salons fehlt. Bei vielen der seßhaftesten Kaffeehausbesucher ist noch ein anderer Umstand für ihre Flucht aus den Salons ausschlaggebend gewesen: ihre Einsicht in die traurige Wirkung, den der Einfluß, den man den Frauen in diesem Jahrhundert in wachsendem Maße einräumte, auf Frankreichs innere und äußere Lage ausgeübt hat.Von einer männlichen Kultur erwarten viele die Rettung vor dem Abgrund, dem wir zusteuern. Amüsant ist dabei, daß man sich um so mehr mit der Frau beschäftigt, je mehr man sich von ihr emanzipiert; statt der Liebeslieder an sie, schreibt man gelehrte Abhandlungen über sie, in denen ihre Kräfte und Fähigkeiten eingehender Prüfungunterzogen werden. Herr Thomas von der französischen Akademie veröffentlichte zuerst einen Essay über den Charakter, die Sitten und den Geist der Frauen.Mir fiel bei der Lektüre folgende Anekdote ein: Sophie Arnaud, die wegen ihrer Bonmots berühmter ist als wegen ihres asthmatischen Gesangs, bat einmal Herrn Thomas, der damals Administrator eines Pariser Departements war, um den Umbau des Schornsteins an ihrem Hause. »Ich habe mit dem Minister,« so gab er ihr schließlich Bescheid, »Ihre Angelegenheit als Bürger und als Philosoph besprochen.« »Aber mein Herr,» unterbrach sie ihn, »was nützt mich das! Als Schornsteinfeger hätten Sie davon sprechen müssen!» Ich fürchte, es ging ihm mit den Frauen wie mit den Kaminen: nicht als Bürger und Philosoph hätte er von ihnen sprechen dürfen, sondern als empfindsamer Mensch –, kurz so wie es Denis Diderot in seiner Besprechung der Schrift des Akademikers getan hat. Ich kann mir nicht versagen, Ihnen einige seiner Sätze, auch wenn ich sie aus dem Zusammenhange reißen muß, wiederzugeben. Er erzählt: »Ich sah eine anständige Frau bei der Annäherung ihres Gatten vor Entsetzen zittern; ich sah, wie sie im Bade untertauchte und doch glaubte, sich von der Erfüllung ihrer ehelichen Pflicht nie reinigen zu können. Solch ein Gefühl körperlicher Scham ist uns so gut wie unbekannt. Das höchste Glück flieht die Frauennur zu oft sogar im Arm des Mannes, den sie lieben; während wir es an der Seite eines gefälligen Weibes finden können, das uns gleichgültig ist...« Und an andrer Stelle, wo er die Gesetze und Gebräuche schildert, die den Frauen auferlegt wurden, heißt es: »In allen Ländern hat sich die Grausamkeit der bürgerlichen Gesetzgebung mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbunden. Wie Kinder und Blödsinnige werden sie behandelt. Es gibt, selbst bei kultivierten Völkern, keine Art von Quälerei, die sich der Mann nicht gegenüber der Frau erlauben dürfte. Wagt sie, sich zu empören, so wird ihre Handlungsweise durch allgemeine Mißachtung gestraft.«Selbst der Patriarch von Ferney, der es nicht verträgt, daß die Öffentlichkeit sich auch nur vier Wochen lang nicht mit ihm beschäftigt, hat sich in die Diskussionen über das Thema »Frau« eingemischt, wenigstens nimmt man an, daß ein kürzlich erschienenes geistvolles Pamphlet seiner Feder entstammt. Es fordert nichts weniger als die größtmögliche Erleichterung der Ehescheidung, die eine Sache des Staats im Interesse des Familienglücks und nicht eine Sache der Kirche sei.

La nature prudente et sageForce le temps de respecterLes charmes de ce beau visage,Qu'elle n' aurait pu répéter.

La nature prudente et sageForce le temps de respecterLes charmes de ce beau visage,Qu'elle n' aurait pu répéter.

La nature prudente et sage

Force le temps de respecter

Les charmes de ce beau visage,

Qu'elle n' aurait pu répéter.

Ach, und ihr Tanz! Wissen Sie noch, wie der Wind in Etupes über die Tulpenbeete strich? Solch ein Neigen und Wiegen, solch ein Aufglühen und Verlöschen leuchtender Farben ist er! Das Schönste schien er mir zu sein, was ich bisher gesehen hatte, bis ich noch Schöneres sah. Als sich vor mir zum erstenmal die Vorhänge der Oper teilten, und ich die entzückendste aller Sylphiden, Fräulein Guimard, aus dem weißen Wolkenbett zur Erde schweben sah, wo der große Vestris sich ihr entgegenhob, als gäbe es keine Schwere für ihn, da erkannte ich erst, daß die Tulpen noch an der Erde kleben, und die Schmetterlinge, die über Rosenhecken gaukeln, die wirklich Lebendigen sind.

An Pracht, so glaubte ich, könnte dieses Schauspiel von keinem anderen übertroffen werden. Dann kam ich nach Versailles zum Ordensfest Ludwigsdes Heiligen. Frankreichs Fürsten und sein Adel waren versammelt. All die Namen schlugen an mein Ohr, von denen jeder einen Quaderstein im Tempel seines Ruhmes bildet. Und die goldstarrenden Mäntel, die schweren Kronen der Männer, die schimmernden Juwelen auf den Häuptern und um die Nacken der Frauen erschienen mir wie ein einziges Symbol seines unerschöpflichen Reichtums. Alle Glocken läuteten. Durch die Spiegelgallerie flutete ein Meer von Glanz, als ströme der Regenbogen selbst durch die offenen Türen. Es war ein Brausen in der Luft. Ich wußte nicht, rauschte es mir nur in den Ohren, oder waren es Stimmen, oder ferner Gesang. Der König erschien; von einem Himmel von Purpur überdacht, aus dem Tropfen von Gold und Perlen niederflossen. Auf seinem blauen Mantel strahlten die goldenen Lilien, jeden Schritt, den er vorwärts tat, begleitete das Funkeln der Diamanten an seinen Füßen.

Mein Vater liebt den König nicht. Selten sind die Ersten des Hofs beisammen, ohne daß Böses über ihn geflüstert würde. Wie oft hab ich selbst seines großen Ahnherrn Heldenzeit herbeigewünscht, weil ich meinte, keinem anderen dienen zu können. Das war jetzt vergessen. Eine höhere Gewalt zwang alle Nacken, sich ehrfurchtsvoll zu neigen, nicht weil es der fünfzehnte Ludwig war, der vorüberging, sondern Frankreichs Majestät.Ich habe mich ihr nun angelobt, wie meine Väter es taten.

Noch viele Bogen könnte ich füllen, wollte ich erzählen, was ich sah. Alles ist für mich ein Erleben gewesen. Nur weiß ich nicht, ob Sie, mit der ich meine Kindheit teilte, mir auch jetzt noch zuhören mögen. Kein Nichtwissen schmerzt mich so tief wie dieses. Darum bitte ich Sie, antworten Sie mir, aber, wenn es sein kann, ohne Guy Chevreuse damit zu bemühen. Ich vertrage nun einmal sein Lächeln nicht.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Paris,den 15. März 1773.

Liebste Delphine, solch einen Brief mir! Womit verdiente ich ihn? Leichtsinn, ja Treulosigkeit werfen Sie mir vor. Schon wollte ich die Zeilen die von Ihnen kamen, zärtlich an mein Herz drücken, als Ihre stacheligen Worte mich blutig rissen. Ich wäre trostloser, wenn ich nicht glaubte, daß die Langeweile Ihrer Gefangenschaft Sie so reizbar und der leidende Zustand Ihres Vaters Sie so trübsinnig macht. Die Zeit wird vorübergehen, Delphine; Ihr Vater wird sich erholen und Ihre schönen Augen werden mir wieder lachen, wenn Sie erfahren, daß selbst Ihre ungerechte Härte meine Gefühle für Sie nicht ändern kann.

Marquis Montjoie an Delphine.

Paris1773. Am Tage der Verkündigung Mariä.

Der kurzen Unterredung im Beisein unsers teuren Kranken lasse ich diesen Brief folgen, dessen Inhalt Ihnen die Hoffnungen meines Herzens, die zugleich die Wünsche Ihres Vaters, meines treuen Freundes sind, näher bringen sollen. Als gehorsame Tochter haben Sie der durch den Mund Ihres Vaters Ihnen übermittelten Werbung zustimmend geantwortet, Sie haben dann als Zeichen des Vertrauens Ihre kleine Hand wortlos in die meine gelegt. Seien Sie versichert, daß ich die hohe Auszeichnung, die darin liegt, zu schätzen weiß und mich bemühen werde, ihrer würdig zu sein.

Ihr Herr Vater ist über das Schicksal seiner geliebten einzigen Tochter nunmehr etwas beruhigt und auf seinen Zustand hat die Tatsache, daß er Sie in gutem Schutze weiß, auf das günstigste eingewirkt. Möchten Sie, teure Komtesse, mit ähnlichen Empfindungen einer Zukunft entgegensehen, die, soweit es an mir liegt, eine heitere für Sie sein soll. Ein junges Mädchen, – das istmirnicht unbekannt –, träumt gern von jener Liebe, die seichte Romane so reizend zu schildern wissen. Aber auf solchen, meist flüchtigen Gefühlen sollte keine Ehe gegründet werden. Vertrauen, ruhige Zuneigung, und vor allem die Übereinstimmungder Familieninteressen, die Gleichheit der Lebensgewohnheiten, sind vielmehr ihre einzig sichere Grundlage. Darum fürchten Sie nicht, verehrte Komtesse, daß ich, der überdies an Jahren so viel reichere Mann, von Ihnen die leidenschaftlichen Empfindungen einer Julie wünsche oder erwarte. Unser Zusammenleben wird ohne sie ein würdigeres, der Vornehmheit unserer Gesinnung entsprechenderes sein.

Wie Sie wissen, sehnt Ihr Herr Vater eine baldige Trauung herbei, und da die Ärzte uns über den Ernst seines Zustandes keinen Zweifel lassen, – so sehr unsere Liebe sich gegen die schlimmste Möglichkeit sträubt, – so vereinige ich nochmals meine Bitte mit der seinigen, die Zeremonie nicht hinauszuschieben, wie es anscheinend Ihren Wünschen zunächst entsprach. Ich begreife, daß Ihre große Jugend vor dem Ernst der vollzogenen Tatsache erschrickt, aber ich gebe Ihnen demgegenüber zu bedenken, daß der Name einer Marquise Montjoie Ihnen sofort neben der Freiheit eine neue Sicherheit und eine anerkannte Position in der Gesellschaft gewähren wird. Ich habe die Absicht, meine Gemahlin nach der Trauung dem Schutze meiner Mutter anzuvertrauen. Sie werden auf Schloß Montjoie als Herrin einziehen und dabei doch der liebevollen Erziehung und Leitung einer Frau unterstehen, die Ihnen in allen Dingen Vorbild sein kann. L'Abbayeaux Bois erscheint mir nicht geignet, Sie länger zu beherbergen; ich wünsche, daß Sie Paris in Zukunft mit gefestigterem Charakter gegenübertreten.

Darf ich hoffen, daß die Ruhe der Überlegung Sie unseren Wünschen geneigter gemacht hat? Mein Kammerdiener wird morgen Ihre Antwort entgegennehmen.

Ihre Freude über das Diamantenkollier, das ich mir erlaubte, Ihnen als erstes kleines Angebinde zusenden zu lassen, war ein so willkommenes Geschenk für mich, daß ich es in der Hoffnung auf seine Wiederholung wage, Ihnen heute diese Perlenschnur zu Füßen zu legen. Möchte sie nicht nur ein Zeichen dafür sein, daß Sie sich mir verbinden, sondern Ihnen auch die Zuversicht einflößen, daß die Fesseln der Ehe Sie niemals stärker drücken werden, als diese Kette.

Marquis Montjoie an Delphine.

Paris,im Juli 1773.

Meine liebe Delphine. Ihr kleiner Brief, den ich als Beilage eines längeren Schreibens meiner Mutter hier vorfand, war mir sehr erfreulich, geht doch aus ihm hervor, daß Sie den Vorsatz gefaßt haben, die ängstliche Scheu mir gegenüber allmählich abzustreifen.

Ich brauche Ihnen nicht noch einmal zu versichern, daß ich sie weder durch mein von aller schuldigen Rücksicht getragenes Benehmen verdient habe, noch daß ich sie erwarten konnte, nachdem Sie mir als eine fröhliche, ja fast allzu kecke, junge Dame bekannt geworden waren. Ihre häufigen, trüben Stimmungen, Ihre Art, sich stundenlang in Ihren Gemächern einzuschließen, durch die Sie die Würde Ihrer Stellung gegenüber den Domestiken in unstatthafter Weise gefährden, weil Sie zu allerlei Vermutungen und Geklatsch den Anlaß gaben, habe ich bisher zu übersehen versucht, da ich ihre Ursache in der Trauer um Ihren verehrten Vater zu finden glaubte. Die Marquise Montjoie, die Herrin meines Hauses, darf sich jedoch auf die Dauer solchen Empfindungen eines kleinen Mädchens nicht hingeben. Ich wünschte, daß Sie darauf bedacht sein mögen, in Ihrem Benehmen mehr Haltung zu zeigen.

Durch eine Bemerkung in dem Briefe meinerMutter, sehe ich mich genötigt, diesem Wunsch besonderen Nachdruck zu verleihen. Sie schreibt wörtlich: 'Meine gute Schwiegertochter scheint an der Unterhaltung mit Monsieur Gaillard viel Gefallen zu finden'. Daraus schließe ich, daß Sie vergessen haben, was ich Ihnen über die Stellung Gaillards in unserem Hause gesagt habe. Mein verstorbener Bruder, dessen Sorge um diesen seinen illegitimen Sohn eine um so größere war, als dessen unglücklicher, körperlicher Zustand ihn für alle bemitleidenswert machte, sprach in seinem Testament den Wunsch aus, daß ich ihm auf Froberg eine gute Erziehung und eine dauernde Unterkunft gewähren möchte. Selbstverständlich ist es ihm dabei nicht eingefallen, irgend welche Art von Familienzugehörigkeit für Gaillard zu verlangen; meine Mutter und ich sind stets bemüht gewesen, die scharf gezogenen Grenzen des Respekts aufrecht zu erhalten, was oft nicht leicht war. So wurde Gaillard ein nicht unbrauchbarer Haushofmeister, also nichts anderes als der erste unter den Bedienten.

Nun scheint er die unerfahrene Jugend meiner Gemahlin in seinem Interesse ausnutzen zu wollen, und ich muß Ihnen demgegenüber die größte Kühle und Zurückhaltung zur Pflicht machen. Nach Abschluß des Trauerjahres wird es Ihnen an Unterhaltung nicht fehlen; bis dahin sollten Sie die Zeit benutzen, um sich unter der Leitungeiner so vollendeten Dame wie meiner Mutter zu einer ihr ähnlichen Persönlichkeit heranzubilden.

Damit Sie sehen, daß ich in meiner Sorge um Sie bemüht bin, Ihnen auch eine Freude zu bereiten, die Sie zugleich auf das angenehmste beschäftigen wird, teile ich Ihnen mit, daß ich beschlossen habe, an der Stelle unseres Parks, an der Sie sich einen Gartenpavillon wünschten, ein größeres Gebäude modernen Stils errichten zu lassen. Sie hatten nicht Unrecht: Das alte Schloß mit seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern entspricht unserem Geschmack nicht mehr, und, wenn es auch Einbildung ist, daß Sie sich darin zu fürchten behaupten, so wäre ein Palais im Stil von Trianon ein weitaus günstigerer Rahmen für Sie.

Ich habe meine freien Stunden benutzt, um mir die neuesten und berühmtesten Pariser Privat-Hotels anzusehen. Am meisten gefiel mir das der Tänzerin Fräulein Guimard, die ich übrigens nicht aufgesucht haben würde, wenn ich nicht in der Angelegenheit unseres Abbé Morelli ihre Intervention bei Monseigneur de Jarente, über den sie alles vermag, hätte beanspruchen müssen.Siewar ungemein liebenswürdig und zeigte mir ihr eben vollendetes Palais in allen Details. Es ist ein Bijou und bis auf jeden Stuhl, ja jeden Teller von erlesenem Geschmack. Die ersten Künstler habendaran mitgeschaffen, und ich betrachte es als ein Zeichen der Höhe unserer Kultur, daß sie ihre Begabungen auf diese Weise in den Dienst des täglichen Lebens stellen. Auf Empfehlung der Guimard habe ich mit den Architekten Bellisard und Ledoux Rücksprache genommen; sie dürften mit mir zusammen auf Froberg eintreffen, um an Ort und Stelle die Pläne zu entwerfen.

Leider verzögert sich meine Rückkehr noch etwas. Den Ausgang des Prozesses Morangiès, der hier alles beschäftigt und die öffentliche Meinung in jene zwei Lager teilt, die es zwar immer gibt, die sich aber leider nur zu oft verwischen: die von Hof und Adel auf der einen, von Bourgeois und Parvenüs auf der anderen Seite, möchte ich noch abwarten. Nicht nur, weil der Marquis mein Freund ist, sondern weil die ganze Angelegenheit mir für unsere Verhältnisse typisch erscheint: Eine Gesellschaft von Krämern, die einen Kavalier von ältestem Adel ehrloser Handlungen bezichtigt, ein Haufe von Schriftstellern und sogenannten Philosophen, der diesen Jägern als Meute dient, der Pöbel von Paris, der schadenfroh zuschaut, bereit, sich als erster über das Wild zu stürzen, wenn es erlegt ist.

Angesichts solcher Zustände ist es doppelt widerlich zu sehen, wie nicht nur Aristokraten mit bürgerlichen Emporkömmlingen fraternisieren, sondern wie leider der Hof mit dem bösen Beispielvorangeht. Traditionen werden über Bord geworfen, sobald es gilt für irgendeinen Financier dunkelster Herkunft Platz zu machen; die bewährte Etiquette des großen Königs wird durchbrochen, wenn irgendeine Ausländerin, die sich mit Hilfe ihres Geldes einen armen Marquis gekauft hat, hoffähig zu sein beansprucht. Und dabei muß ich befürchten, daß der junge Hof, auf den ich so große Hoffnungen setzte, nach dieser Richtung wenig ändern wird. Die Dauphine wählt ihren Umgang nur nach den Beweggründen ihres Amüsements und ihr Gemahl huldigt allerhand bürgerlichen Passionen, die zwar schließen lassen, daß der künftige König einige Millionen weniger verbrauchen, zugleich aber auch, daß der repräsentative Glanz des Königtums weiter verbleichen wird. Und dieser Glanz, der es umgeben soll, wie die goldene, juwelenbesetzte Hülle das Allerheiligste, ist notwendig, um das Volk, gewissermaßen im Schiff der Kirche, ehrfürchtig vom Hochaltar, auf dem der Herrscher thront, entfernt zu halten. Je mehr der Pöbel bemerkt, daß die da oben auch nur Menschen sind, desto mehr wird er sie als seinesgleichen behandeln wollen.

Verzeihen Sie, meine Teure, daß ich Sie schließlich mit Gedanken langweile, die weniger für Ihr kindliches Gemüt, als für das reife Verständnis meiner Mutter bestimmt waren: Lassen Sie sich von ihr des weiteren darüber belehren.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

Am 20. Juli 1773.

Vergebens suche ich, schönste Frau Marquise, in Ihrem Briefe an Clarisse nach einem noch so leisen Zeichen, das ich als eine Erinnerung an mich hätte deuten können. Bin ich Ihnen wirklich so ganz gleichgültig? Oder sah das Gespenst Ihrer einstigen Gouvernante Ihnen über die Schulter, als Sie ein Schreiben verfaßten, dessen würdevoller Trockenheit sich die reizende Klosterschülerin von l'Abbaye aux Bois geschämt hätte? Ich würde der selbstsüchtigen Sehnsucht, mich Ihnen zu Füßen zu legen, widerstanden haben, aber der ritterlichen Verpflichtung, die Dame meines Herzens von dem Einfluß der bösen Geister Ihres alten Bergschlosses zu befreien, kann ich mich nicht entziehen. Nur Ihr ausdrückliches Verbot wird mich davon zurückhalten, meine Schwester auf der Reise zu Ihnen, die sie unmöglich ohne meinen Schutz machen kann, zu begleiten. Seien Sie gewiß: mit dem ersten Lächeln, das ich um Ihre roten Lippen hervorzaubere, wird die Erinnerung an mich, als an Ihren getreusten Bewunderer, zurückgekehrt sein. Und Sie müssen und Sie werden lächeln, wenn erst ein Hauch Pariser Luft Ihre Rosenwangen streichelt.

Sie vibriert von Leichtsinn, Erregung, Leidenschaft! sie ist wie verflüchtigter Champagnerund wer sie ständig atmet, ist immer trunken. Es gibt Salons, die so sehr von ihr erfüllt sind, daß die Pulse schneller klopfen, sobald man ihre Schwelle überschreitet. Darf ich Ihnen heute zu einer Promenade à deux den Arm reichen, die einen der entzückendsten dieser Salons zum Ziele hat?

Wir wandern durch die Allee dunkler Taxushecken bis zu dem stillen Wasserspiegel, in dem die üppigen Leiber steinerner Nymphen baden. Ein Schlößchen, nein: ein Traum in Gold und Weiß, steigt dahinter empor. Schlanke Säulen tragen die Sternendecke der Vorhalle; jubelnde Bacchanten schwingen den Thyrsosstab auf dem Fries über den Türen. Sie stehen weit offen. Licht und Lachen, süßer Duft und rauschende Musik dringen heraus. Die Wände des Saals, den wir betreten, sind aus weißem Marmor, goldene Pilaster unterbrechen sie, und vor den hohen Spiegeln in den acht Ecken des Raums, stehen auf Sockeln von Malachit lebensgroße Bronzegestalten lichtertragender Frauen. Strahlende Helle strömt von ihnen aus und vereint sich mit dem Kerzenglanz kristallener Lüster. Auf die Decke zauberte Drouais den ganzen Olymp, aber die Grazien und Musen, ja Venus selbst werden von der Schönheit der sterblichen Frauen unter ihm überstrahlt. Von der Galerie herab singt ein Chor von Knaben –, Adonis und Ganymed konnten nicht reizender sein –, Grétrys süßeste Lieder, rings um ihn lehnentiefdekolletierte, fächerschlagende Damen an der vergoldeten Balustrade; und unten um die runde, mit Spitzen und Blumen, mit schwerem Silber und rosenübersätem Porzellan geschmückte Tafel schart sich eine illustre Gesellschaft von Gräfinnen und Marquis, Prinzen und Herzoginnen. Ihre Augen, ihre Diamanten, ihre Wangen, ihre seidenen Kleider und goldenen Parüren wetteifern an Glanz miteinander, und schwellende Busen beschämen das schimmernde Weiß der Perlen, die zärtlich auf ihnen ruhen. Angesichts dieser chaotischen Fülle von Schönheit und Reichtum müßte sich das Auge ermüdet schließen, wenn sie nicht in einer Erscheinung, wie in einem Brennpunkt, zusammenflössen. In der Mitte der Tafel thront sie, Venus selbst, die eine gütige Woge aus unbekannter Tiefe an das Gestade der Irdischen warf.

Wage ich es, vor Ihren keuschen Ohren den Namen zu nennen, den sie für ihre Wiedergeburt in Frankreich gewählt hat? Es ist die Gräfin Dubarry!

Sie erschrecken! Dürfen Sie das als loyale Französin?! Wissen Sie nicht, daß Ihr König sie zu sich erhob, daß der Kanzler, daß der Finanzminister, daß die ersten Damen des Landes zu ihrem Hofstaat gehören? Und sind nicht auch Sie ihr Dank schuldig, weil sie Choiseul, den Minister der Philosophen und der Freigeister zu Falle brachte und den gefährdeten Einfluß der Kirche wieder gefestigt hat?!

Sie lächeln – endlich! Das Pathos der hohen Politik steht Guy Chevreuse so schlecht, wie Ihnen die steife Würde einer elsässischen Schloßfrau. Ich frage nach den Verdiensten und den Sünden der Gräfin ebensowenig, wie der König nach der Herkunft seiner Göttin gefragt hat. Daß sie uns amüsiert, ist ein ausreichender Grund ihrer Existenz. Es scheint, wir brauchen von Zeit zu Zeit solch eine frische Quelle aus der Tiefe des Volkes, damit wir Armen, seit Urzeiten im gleichen Boden Wurzelnden, nicht verdorren.

Also sträuben Sie sich nicht länger, reizende Frau Marquise! Dort in dem runden Salon, dessen Spiegelwände Fragonards Liebesszenen, die sein Pinsel auf die gewölbte Decke malte, hundertfach zurückwerfen, schwingt sich die Volkstänzerin Courtille in ihren grotesken Vorstadttänzen, und nicht lange, so stampfen Prinzessinnenfüßchen mit ihr um die Wette die Fricasée. Das ist kein Menuett mehr mit Fingerspitzenreichen und ehrfurchtsvoller Verneigung, das ist ein Haschen und Greifen, ein Wiegen und Schmiegen voll heißer Lust.

Sie erröten? Kommen Sie weiter, holde Delphine, durch die chinesische Galerie mit ihren Vasen und Vögeln und Drachen, bis in den Theatersaal. Vor seiner Bühne verstecken selbst die Pariserinnen das Antlitz zuweilen verschämt hinter dem Fächer. Man spielt nämlich nicht mehr Racineund Molière und holt sich nicht mehr die Schauspieler der königlichen Theater. Collés »Vérité dans le vin« läßt uns plötzlich erinnern, daß wir, aller Etikette zum Trotz, noch herzhaft lachen können, und Larrinée, der Straßensänger, bringt uns mit seinen Kuplets dazu, uns selbst zu verhöhnen, während Audinot, der Gott der Crapule, uns mit seinen Verbrecherromanzen Schauer des Entsetzens über den Rücken jagt, – ein Gefühl das wir bisher nicht kannten.

Sie atmen rascher –, Sie klammern sich an mich. Jetzt sind Sie es, die nach mehr – noch mehr verlangen! Aber wir müssen gehen. Für die schwere Bronzetür dort hat, – wenigstens im Augenblick –, nur der König den Schlüssel!

Und nun ist es Abend geworden und das Feenreich von Louveciennes versinkt im Dunkel der Nacht.

Wie denken Sie jetzt über die »wohltuende Einsamkeit von Froberg«, über »die beste Gesellschaft der vornehmen, frommen Mutter«?! Schwarze Dominos stehen Ihnen nicht, Frau Marquise!

Ich möchte auch Ihre Seele in Sonnenfarben gekleidet wissen. Darum wird es mir schwer, den einzigen Wunsch zu erfüllen, den Sie meiner Schwester geäußert haben: den nach neuen Romanen. Unsere Schriftsteller sind heute nichts als Lumpensammler; sie wühlen im Schmutz des Leids und des Elends; und finden sie wirklicheinmal einen Fetzen der Vergangenheit, so ist auch er schwarz und zerrissen. Allen Schmerz der Welt versuchen sie in den engen Rahmen einer Erzählung zu spannen. Sie bilden sich ein, tiefsinnig zu erscheinen, und sind nur langweilig, schwächlich, nervös. Sie schneiden ein langes Gesicht, schlagen die Augen nieder und ziehen die Mundwinkel herab; und meinen dann den Philosophen oder den Engländern ähnlich zu sehen, die heute beinahe noch mehr gelten als jene.

Bis ich nach Froberg komme, werde ich irgend etwas finden, was französisch und daher heiter ist, aber da schöne Frauen Bücher nur lieben, wenn es Ihnen an Anbetern fehlt, so werden Sie mich gewiß des Auftrags entheben.

Verzeihen Sie die Länge dieses Briefes. Es ist so süß, wenigstens in Gedanken in Ihrer Nähe zu sein, daß man versucht wird, die Trennung so weit als möglich hinauszuschieben.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

Am 26. Juli 1773.

Ihr rosenrotes Briefchen, schönste Frau Marquise, hat mich in einen Rausch des Entzückens versetzt. Der Schneiderin meiner Schwester werde ich Tag und Nacht keine Ruhe lassen, damit sie die Ausstattung der ländlichen Toiletten beschleunigt und unsere Ankunft in Froberg so rasch als möglich erfolgen kann. Seitdem ich weiß, das Sie uns»mit Freuden« erwarten, – (warum, ach warum sprechen Sie immer nur »von uns«, statt ein einziges Mal von mir allein?!) –, habe ich keine Ruhe mehr. Meine Koffer sind gepackt; die schönsten Liebesgeschichten, die ich finden konnte, – denn wer vermöchte in Ihrer Nähe etwas anderes zu lesen? – die neuesten Chansons, die witzigsten Kuplets befinden sich schon wohl verwahrt in der Reisekalesche; die schnellsten Pferde suchte ich aus. Aber selbst wenn sie fliegen könnten, würde meine Sehnsucht ihnen immer weit voraus sein.

Noch eine Bitte, die ich für eine andere wage, weil sie zu schüchtern ist, sie auszusprechen, – für Clarisse: Sie wissen, der Chevalier de Motteville bewirbt sich um sie und das Herz meiner Schwester ist durch seine treuen Huldigungen so ganz gewonnen worden, daß sie behauptet, sterben zu müssen, wenn der Widerstand meiner Mutter sich nicht besiegen läßt. Würden Sie Clarisse den Freundschaftsdienst erweisen wollen, den Chevalier zu gleicher Zeit mit uns nach Froberg einzuladen, und ihr dadurch die Möglichkeit einer Begegnung zu gewähren, nach der ihr Herz stürmisch verlangt? Sie brauchten nicht zu besorgen, daß Herr von Motteville lästig fiele; er würde selbst die Göttin der Liebe nicht beachten, wenn seine Geliebte neben ihm stünde.

Seien Sie gewärtig, schönste Marquise, Ihre Gäste diesen Zeilen auf dem Fuße folgen zu sehen.

Marquis Montjoie an Delphine.

Paris,den 5. August 1773.

Meine liebe Delphine! Wie konnten Sie meinen wohlgemeinten Brief nur so mißverstehen?! Nichts liegt mir ferner, als Ihren Augen Tränen erpressen zu wollen. Seien Sie versichert, ich will weder Ihre »Freiheit beschränken«, noch »statt eines Gemahls ein Schulmeister sein«. Ich will Sie nur leiten – so unmerklich wie möglich – und auch meine Mutter hat gewiß keine andere Absicht. Hätten Sie ein wenig mehr Vertrauen gehabt, ein wenig mehr kindliche Liebe, statt Hochmut und Heftigkeit gezeigt, so wäre es zu der peinlichen Auseinandersetzung mit ihr nicht gekommen. Daß meine Mutter den Besuch des Grafen Chevreuse ablehnte, ist vielleicht etwas rigoros, aber in Anbetracht Ihrer Familientrauer und meiner Abwesenheit gewiß verständlich. Es hat mich fast amüsiert, daß Sie sich daraufhin plötzlich Ihrer Stellung als Herrin des Hauses erinnerten und den Befehl gaben, die Zimmer für die Gäste bereitzuhalten. Meine Mutter schreibt sehr verletzt, aber ich denke, mein heutiger Brief, in dem ich ihr auseinandersetzte, daß meine Gemahlin eine gewisse Selbständigkeit auch ihr gegenüber zu beanspruchen das Recht hat, wird sie beruhigen.

Ihren Zorn aber, meine Teure, hoffe ich durch den Inhalt des kleinen Koffers ein wenig zu besänftigen, den mein Kurier Ihnen übergeben wird.

Ich war selbst bei Madame Bertin, die in ihrem Schneideratelier empfängt wie eine Herzogin. Die hübschesten Mädchen mußten mir die neuesten Kleider vorführen. Merkwürdig, wie auch hier die Mode das Leichte, Weiche dem Schweren und Steifen mehr und mehr vorzieht. Man trägt sich auf der Straße wie unsere Großmütter sich geschämt haben würden, im Hause zu erscheinen. Ich wäre fast versucht gewesen, diese Mode nicht zu akzeptieren, wenn ich mir nicht vorgestellt hätte, wie entzückend diese schmiegsamen Negligée-Gewänder die zarte Gestalt meiner Delphine zur Geltung bringen, wie verlockend diese Mullfichus, diese Seidenschals sich um ihren weißen Nacken schmiegen werden. Auch bei Monsieur Bourbon, dem Schuhmacher der Dauphine, war ich und übergab ihm Ihren Probeschuh. Sie hätten seine Begeisterung, nicht über den Schuh, den er für mesquin erklärte, sondern über das Füßchen, für das er bestimmt war, sehen sollen. »Noch kleiner als das der Prinzessin Guéménée, und der Spann noch höher als der der Marschallin Mirefoix!« sagte er einmal über das andere, »wir werden dies Füßchen mit Juwelen bedecken müssen,« fügte er hinzu, und ich habe mich von ihm bestimmen lassen, auf seine zarten Kunstwerke all die bunten Steine zu streuen. Von Madame Martin habe ich ein Sèvrestöpfchen Rouge des Indes besorgt, von Beaulard, dessen Coiffüren die des alten Belouxan Geschmak und Grazie bei weitem übertreffen, den neuen Puder d'or.

Werde ich immer noch der gefürchtete Hofmeister sein, oder darf ich auf ein gnädiges Lächeln hoffen?!

Leider werde ich mir die Antwort auf diese Frage erst in einigen Wochen holen können. Meine Geschäfte sind noch nicht erledigt.

Ich sprach Ihnen seinerzeit von Monsieur Beaujon, dem Bankier des Hofs. Männer, wie der Prinz Rohan schenken ihm unbegrenztes Vertrauen, sodaß ich meine wohl etwas altmodische Auffassung, daß Edelleute keine Geldgeschäfte machen sollten, überwunden und mit ihm wiederholt konferiert habe. Sein Benehmen war ein tadelloses, und ich wäre wahrscheinlich schon zu einem gewissen Abschluß mit ihm gekommen, wenn ich nicht gestern seiner Einladung in sein luxuriöses Haus in den Champs-Élysées gefolgt wäre, wo der Eindruck, den ich empfing, ein äußerst peinlicher war. Kein königlicher Prinz hat ein Palais, wie dieser Emporkömmling; alle Künstler scheinen sich in seinen Dienst gestellt zu haben; die Gesellschaft, die er empfängt, ist in bezug auf Vornehmheit und geistige Bedeutung die erste von Paris, und die Art, mit der jeder einzelne in ihr dem Hausherrn begegnet, hat einen Anstrich von Devotion, der mir das Blut sieden machte. Um die jungen Damen seiner Familie bemühen sichOffiziere und Kammerherrn mit den ältesten Namen; sie brauchen sichtlich nur die Hände auszustrecken, um irgendeine Grafen- oder Herzogskrone in Empfang zu nehmen. Wir sind also bereits soweit, diese Finanziers nicht nur zu ertragen, sie gesellschaftlich uns gleich zu setzen, sondern wir sind in unserer aristokratischen Gesinnung heruntergekommen genug, um ihren Hofstaat abzugeben. Und das Traurige ist, daß Versailles für eine streng aristokratische Auffassung, wie ich sie noch vertrete, keinen Rückhalt bietet.

Am Tage nach dem Souper bei Beaujon habe ich die Verhandlungen mit ihm abgebrochen und eine Verbindung mit seinem Rivalen Herrn von Saint-James angeknüpft, der den Finanzier mit dem Edelmann verbindet, mir daher mehr zusagt. Er steht überdies der Regierung sehr nahe und machte mir Konfidenzen, die meine pessimistische Auffassung über unsere innere Lage nur bestätigten.

Ich war daher in keiner rosigen Stimmung, als ich am gleichen Tage nach Compiègne befohlen wurde, wo der Hof sich im Augenblick aufhält. Nebenbei bemerkt: Diese unaufhörlichen Reisen des Königs, die mit seinem Alter, mit seiner wachsenden Unruhe und der krankhaften Jagd nach Abwechslung an Zahl zunehmen, sind der Schrecken des Generalauditeurs der königlichen Finanzen. Das Gefolge ist stets enorm, die Gastfreundschaft, die den persönlichen Gästen Seiner Majestät gewährtwird, ist unbegrenzt; die großen Finanziers, die, bei den häufigen Verlegenheiten des Hofs, ihm Gelder bereitwilligst vorstrecken, sind oft die gefeiertesten unter ihnen.

Im Augenblick meiner Ankunft in Compiègne erfuhr ich erst, daß die unter dem Einfluß der Dauphine wiederholt hinausgeschobene Vorstellung der jungen Vikomtesse Dubarry durch die Gräfin Dubarry heute erwartet würde. Ich hätte eine Entschuldigung gefunden, wenn ich früher davon gewußt hätte, denn dem neuen Sieg dieser Aventurière zu assistieren widerstand mir aufs äußerste. Jetzt mußte ich bleiben und tat es nicht ohne starke Selbstüberwindung. Der Schloßhof und die Gallerien waren überfüllt, und ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich behaupte, daß heute niemand eine von Neid und Bewunderung getragene Neugierde mehr reizt als die Kurtisanen. Ein Beweis dafür ist die Eile, mit der die Damen des Hofs jede neue Bizarrerie ihrer Toilette und ihres Benehmens nachahmen.

Nun kann ich nicht leugnen: die Gräfin überraschte mich, und zwar weniger durch ihre Schönheit, als durch die Tadellosigkeit ihres Auftretens, durch die vollendete Form, mit der sie selbst der abweisenden Kühle des Dauphins und der Dauphine begegnete. Sie verriet auch dem König gegenüber mit keiner Miene die nahen Beziehungen, die zwischen ihnen bestehen. Manche Damen vonRang, die heute etwas darin suchen, sich über gute Formen hinwegzusetzen, könnten sich an ihr ein Beispiel nehmen.

Abends war große Soirée im Schloß. Ich hatte die Freude, den Marschall Morangiès zu treffen, der seiner eben erfolgten Freisprechung wegen ein Gegenstand allgemeiner Beglückwünschung war. Seine Geschichte stand im Mittelpunkt der Diskussion, und man war sich einig über die ausschlaggebende Rolle, die Monsieur Linguet und Herr von Voltaire dabei gespielt haben. Linguet scheint ein Advokat und Schriftsteller ersten Ranges, dabei freilich ein skrupelloser Mensch zu sein. Er hat die Marotte, sich stets dem allgemeinen Urteil des Volks entgegenzusetzen und ist auf diese Weise aus einem Republikaner und Freigeist der Verteidiger aristokratischer und klerikaler Interessen geworden. Daß Herr von Voltaire ihn im Fall Morangiès unterstützte, hat jeden, der seine Vergangenheit kennt, überrascht. Es wirkt eigentümlich, diesen berühmten Mann obskurer Herkunft in seiner Verteidigungsschrift plötzlich als Wortführer des französischen Adels auftreten zu sehen, und zu erfahren, wie er mit der nirgends zu überhörenden Stimme eines Herolds für den Schutz unserer gefährdeten Ehre zu den Waffen rief. Er hat es tatsächlich erreicht, daß alle ehrgeizigen Krämer glaubten, es genüge, sich öffentlich zur Partei Morangiès zu erklären, um für einen Edelmann gehalten zuwerden. Was mich betrifft, so hat die Stellungnahme der beiden Schriftsteller, obwohl ich sie billigen muß, meine Mißachtung für diese Art Leute nur verstärkt. Ich bin überzeugt: hätte man sämtliche Philosophen und »Volksfreunde« Frankreichs in die Intimität der Hofgesellschaft gezogen, statt ihre Bücher zu verbrennen, wir brauchten sie heute nicht mehr zu fürchten.

Wie sehr das Volk von Paris durch die Hetzereien dieser skrupellosen Vielschreiber schon beeinflußt wird, ging mir aus einer turbulenten Szene hervor, die ich wenige Tage nach der Prozeßentscheidung in der Comédie française erlebte. Man gab »La Réconciliation normande« und bei der Stelle: »Dans une cause obscure des juges bien payés verraient plus clair que nous« hallte der Saal von einem so ohrenbetäubenden Lärm wieder, daß man glaubte, das Spiel abbrechen zu müssen. Man tobte, trampelte und pfiff, dazwischen fielen die beleidigendsten Ausdrücke gegen Morangiès, gegen das Parlament, gegen Linguet und Voltaire. Ich verstand nur das eine nicht: warum die Polizei nicht einschritt.

Freuen wir uns, teure Delphine, unserer ruhigen Elsässer Bauern, bei denen die Autorität von Staat und Kirche noch nicht erschüttert ist. Hier ist das feste Bollwerk gegen den Ansturm des verdorbenen Pöbels der Großstadt.

Ich werde glücklich sein, den Frieden von Frobergwieder genießen und seine schöne Herrin an mein Herz drücken zu dürfen....

P. S. In Compiègne sah ich den Prinzen Friedrich-Eugen. Er ging mir jedoch so sichtlich aus dem Wege, und seine Erwiderung meines Grußes war so steif und förmlich, daß ich nicht in der Lage war, mit ihm zu sprechen. Ich bedauerte es sehr. Hätte ich doch die Freude genossen, mich mit Ihrem einstigen Spielgefährten über Sie, teure Delphine, unterhalten zu können.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

Abtei Rémiremont,im September 1773.

Schönste Frau Marquise. Selbst das unangenehmste Abenteuer würde ich freudig begrüßen wenn es mir die Gelegenheit verschaffte, Ihnen früher schreiben zu dürfen, als es sonst geschehen wäre. Um wieviel mehr ein so reizendes. Kurz vor Rémiremont brach die Achse unseres Wagens. Wir schickten einen unserer Diener bis zur Abtei und wurden in kürzester Frist von einem Vierspänner der Prinzessin Christine aus unserer unangenehmen Lage befreit und in den eleganten Räumen dieses im weitesten Sinne des Worts weltlichen Damenstifts von einem Flor reizender Frauen willkommen geheißen. Über ihre bunten Quesacos trugen sie das breite blaue Band des Ordens vom heiligen Romaric und den schwarzen hermelinverbrämten Mantel. Sie warenalle sehr erhitzt, und da ich mir leider nicht schmeicheln durfte, die roten Wangen und glänzenden Augen auf meine Ankunft zurückführen zu können, so vermutete ich in ihnen die Wirkung einer allzu üppigen Tafel, die ich beschloß durch Witz und Galanterie zu steigern und auszunützen. Aber schon bei Tisch wurde ich eines Besseren belehrt: meine Nachbarin, eine süße kleine Blondine, erzählte mir, daß die jungen Stiftsfräuleins schon seit Wochen um eine Umänderung der Satzungen kämpften, die ihnen das – Wahlrecht im Stiftskonzil vorenthielten. Je scherzhafter ich die Sache nahm, desto mehr überschlug sich ihr Vogelstimmchen. Clarisse, die mir gegenübersaß, wurde von einer anderen streitbaren jungen Dame in demselben Sinne aufgeklärt, und als wir uns am Abend im Garten ergingen, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß die Prinzessin, trotz ihres Alters und ihres Ranges als Äbtissin, auf der Seite der Jugend steht.

»Wir sehen es lieber«, sagte sie, »die Fräuleins würden das Recht haben, innerhalb des Sitzungssaals zu streiten, als daß sie sich das Recht nehmen, vor geschlossener Türe zu intriguieren. Das erzieht zu jener Hintertreppenpolitik der Frauen, die das Verhängnis Frankreichs ist.«

Und nun entspann sich hinter den Klostermauern von Rémiremont eine politische Debatte, wie in den Gärten des Palais-Royal in Paris, nurdaß sich hier Damen des ältesten Adels über Fragen echauffierten, die dort nur zwischen Advokaten, Bummlern und Philosophen Rededuelle hervorrufen. Ich wäre mir mehr als überflüssig vorgekommen, wenn es mich nicht gereizt hätte, die jungen Amazonen mit allen Zaubermitteln der Galanterie der Waffen zu entkleiden und ihnen Rosen in die Hände zu spielen. Meine Bescheidenheit verbietet mir, das Resultat zu schildern. Ihnen, reizende Delphine, überlasse ich, es sich auszumalen. Kämpft doch auch in Ihnen die streitbare Kriegerin mit der hingebenden Nymphe.

Wie haben Sie mich mißhandelt! Und wie wenig haben Sie die Wunden, die Sie schlugen, zu heilen gewußt! In den hohen Räumen ihres schrecklichen alten Schlosses, zwischen seinen steifen Stühlen und dunklen Schränken erschienen Sie unnahbar, feierlich. Ihre Lippen waren bleich, Ihre Blicke abweisend, Ihre Hände eiskalt. Schloß sich die eisenbeschlagene Pforte hinter Ihnen und Clarisse und mir und waren wir erst weit draußen im sonnendurchglühten Park, – unerreichbar für das Auge der alten Marquise, für die Stimme des Herrn Marquis! –, dann kehrte wohl das Leben in Ihre Marmorglieder zurück, – aber nicht ich durfte mich einen Prometheus preisen, der es einhauchte –, dann lachte Ihr Auge wieder, aber es lachte nicht mir! Trotzdem ist mir jeder Augenblick unvergeßlich, den ich mit dieser Delphinezusammen war, aber am unvergeßlichsten die, ach so seltenen, die ich allein mit Ihnen verleben durfte!

Warum haben Sie meine Bitte nicht erfüllt, den Herrn von Motteville einzuladen? Warum, vor allem, haben Sie sie nicht verstanden?! Die Lektüre von Boufflers, von Prévost, von Marivaux wäre dann nicht nötig gewesen, um Clarisse zu verscheuchen!

All meine Ritterdienste haben nicht erreicht, was die Leidenschaft, was das beklagenswerte Schicksal der Romanheldinnen erreicht hat: Ihnen wenigstens die Liebe Ihres Anbeters verständlich zu machen. O, Aline, Manon und Marianne, auf eure Gräber würde ich, wenn ich sie finden könnte, Floras schönste Kinder streuen! Euch verdanke ich, daß Delphines rosige Ohren sich nicht abwandten, als ich ihr von meiner Liebe sprach, daß sie nach langem, langem Flehen die einzige Gunst gewährte und meinen heißen Lippen den schneeigen Arm nicht entriß!

Zürnen Sie mir nicht, weil die Erinnerung mich fortreißt. Die schönen Pariserinnen werden Mühe haben, ihre schmerzhaften Spuren zu verwischen, aber ihre Süßigkeit und – die Hoffnung, die sie erwecken, werden sie nicht verscheuchen können. Sollte der heiße Atem von Paris das Eis um das Herz der reizenden Marquise nicht zu schmelzen vermögen?!

Darf ich erwarten, daß Sie mich mit einer Zeile von Ihrer schönen Hand beglücken werden, damit der Faden zwischen uns, der heute noch so spinnwebfeine, nicht ganz zerreißt? Als ein Bittender küsse ich diese Hand und hoffe, sie bald als ein Dankbarer küssen zu dürfen.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

Paris,am 21. Februar 1774.

Endlich, schönste Marquise, ein Brief von Ihnen! Ich hatte schon aufgehört, darauf zu hoffen; ich kämpfte mit mir, ob ich Sie noch einmal an mich erinnern dürfe, ich fürchtete, als ein Zudringlicher von Ihnen abgewiesen zu werden. Nun ist es zwar nicht gerade schmeichelhaft, daß Sie mir »nur aus Langerweile« schreiben und ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, diese Langeweile zu verscheuchen, um so mehr, als sie jetzt in Paris ein allgemeines Leiden ist.

Die Krankheit des Königs liegt wie ein Alp auf dem Hof von Versailles. Priester, wie der Abbé Beauvais, Nonnen wie Madame Louise gewinnen wechselnden Einfluß; allerlei dunkle Gestalten werden durch Hinterpforten eingelassen, denn Seine Majestät ist abergläubisch geworden und läßt sich weissagen. Nur auf Stunden, höchstens Tage, vermag die schöne Bacchantin Dubarry ihn seiner Melancholie zu entreissen. Alles um ihn zittert –, teils aus Angst, teils aus Hoffnung–, und bei manchen Leuten habe ich immer den Eindruck, als hätten sie schon heimlich ihre Koffer gepackt. Nur in den inneren Gemächern der Dauphine und im kleinsten Kreise wird noch gelacht, gespielt, getanzt. Sonst hat sich die Fröhlichkeit in die kleinen Hotels der Duthé, der Guimard, der Raucourt geflüchtet und mit ihr manche lebenslustige Dame der Gesellschaft, – nicht zu ihrem Schaden, denn erst hier lernt sie, was Vergnügen und was – Liebe ist.

Ich erinnere mich noch Ihres Erstaunens darüber, daß die Romanheldinnen, die ich Sie kennen lehrte, lauter Kurtisanen sind. Wenn Sie nicht wie eine Eingekerkerte in Ihrem alten Schlosse lebten, – die Vollendung des neuen Palais wird doch wohl noch lange auf sich warten lassen und die des Pavillons, den ich Ihnen riet für sich allein errichten zu lassen, gewiß noch länger! – so würden Sie rascher als viele andere die Ursachen begreifen lernen. Diese Mädchen sind frei; keine Scheere der Rücksichten und der Etikette beschneidet ihre Gefühle, damit sie hübsch artig in Reih und Glied stehen wie die Kugelakazien; kein Ehemann macht sie zu seinem Privatbesitz, ähnlich seinem Hunde, den er darauf dressiert, selbst wenn ihn hungert, von einem anderen kein Stück Brot zu nehmen.

In den Hotels der Raucourt, – einer unvergleichlichen Schauspielerin, die der Herzog vonArgenson lanciert hat, und der im Augenblick halb Paris zu Füßen liegt, – und der Guimard, die infolge der gefährlichen Rivalin alle ihre Künste spielen läßt, all ihren Liebreiz entfaltet, traf ich wiederholt unseren gemeinsamen Freund, Friedrich-Eugen. Erfüllt wie ich von Ihnen, schönste Marquise, bin, wurde ich nicht müde, von Ihnen zu sprechen; die wortkarge Ruhe, um nicht zu sagen Gleichgültigkeit, mit der er mir zuhörte, hätte mich fast auf eine ernstere Differenz zwischen Ihnen und dem Prinzen schließen lassen, wenn er nicht mit einer mir in diesem Maße freilich auch unverständlichen Gereiztheit eine harmlose Bemerkung meinerseits, – daß die reizende Marquise das alte deutsche grämliche Froberg demnächst in einen blühenden französischen Mont de joie verwandeln würde –, als eine Beleidigung Ihrer Person betrachtet hätte. Er warf sich dabei zu Ihrem Verteidiger auf, und spielte die Rolle eines alten, einzig dazu berechtigten Freundes so täuschend, daß ich nicht wußte, was ich davon halten sollte und die kleine Guimard vielsagend lächelte.

Nur ein paar Tage lang wünschte ich Ihnen übrigens den Verkehr mit der himmlischen Tänzerin. Sie erinnert mich oft an Sie in der Art, wie sie langsam die schweren Lider von den dunklen Augen hebt und in den weichen Bewegungen ihres zarten Körpers. Nur daß er fessellos ist, der neuestenMode Englands entsprechend, – fessellos wie ihre Hingabe, ihre Zärtlichkeit.

»Wer in der Liebe nicht verschwenden kann, ist selbst ein Bettler,« sagte sie mir neulich, und einer kleinen Gräfin, die ihr klagend von der Wankelmütigkeit ihres Liebhabers erzählte, rief sie höhnend zu: »Füttern sie ihn nur weiter mit den Almosen heimlicher Blicke und Händedrücke, dann wird er ihr ärgster Feind, ein Revolutionär, wie das frierende und hungernde Volk von Paris angesichts der brennenden Holzstöße, die die großen Herren ihnen zuliebe vor ihren Palais entzünden, und der Brosamen, die sie ihnen zuwerfen.«

Mein Brief wird Sie enttäuschen, denn ich fürchte, daß er Sie nicht einmal für eine Stunde von Ihrer Schwermut befreit, ja, daß er sie vielleicht noch vertieft. Ich bin so grausam, schönste Frau, diese Folge sogar zu wünschen, denn Sie sind so starrköpfig, – oder so sanftmütig?! – daß Sie sich erst sehr unglücklich fühlen müssen, um sich vom Unglück zu befreien.

Lucien Gaillard an Delphine.

Paris,März 1774.

Hochzuverehrende Frau Marquise. Zwei Pferde ritt ich zu Schanden. Ob infolge der Schwere meines Buckels oder der Schärfe meiner Sporen will ich dahingestellt sein lassen. Ich habe mich weder vom Staub gereinigt, noch gegessen undgetrunken. Ich bin mit der Tür ins Haus gefallen. Der Kammerdiener des Prinzen Friedrich-Eugen hat erst durch ein paar Louisd'or an meine Ehrlichkeit geglaubt.

Euer Gnaden können ohne Sorgen sein. Die Schreiberseele des Mercure de France hat natürlich die Provinz schaudern machen wollen. Es bestand keinerlei Lebensgefahr. Der Degen des Grafen Guy Chevreuse hat nur die Wange Seiner Erlaucht ein wenigzerschlitztund ihm einige Unzen Blut abgezogen. Das dürfte nicht ungünstig sein, sondern die allzu große Hitze des Prinzen kühlen.

Über die Ursachen des Duells weiß selbst der Kammerdiener, dessen hingebendste Freundschaft ich mit einigen weiteren Louisd'or gewann, nichts Bestimmtes. Das eine nur scheint gewiß: Der Streit entstand im Hotel der Demoiselle Guimard, derselben schönen Dame, die der Prinz gestern empfing. Es scheint darnach in Paris Mode geworden zu sein, daß auch der männliche Teil der vornehmen Welt im Bett Audienz erteilt.

Ich selbst bin, da Euer Gnaden mir nicht gestatteten, den Namen derjenigen, die mich sandte, einem anderen als dem Prinzen selbst zu nennen, natürlich nicht empfangen worden. Es war nur die Folge meiner eigenen Dummheit. Morgen werde ich den simplen Gaillard mit irgendeinem sieben- oder neunzackig gekrönten Namen vertauschenund man wird nicht die Hinterpforte, sondern die Flügeltüren weit vor mir aufreißen.

Ich lasse dann sofort einen zweiten Kurier dem heutigen folgen.

Gestatten mir Euer Gnaden, meiner unvergänglichen Dankbarkeit und Ergebenheit Ausdruck zu verleihen. Ich bedaure, der Frau Marquise nicht mehr opfern zu können, als ein paar Pferdebeine.

Lucien Gaillard an Delphine.

Am 22. März 1774.

Hochzuverehrende Frau Marquise. Soeben verlasse ich den Prinzen. Meine Eröffnung ließ ihn vom Bett emporschnellen. Ich konnte mich von der gesunden Menge von Blut überzeugen, das seine Adern noch füllt, denn es ließ sein Gesicht wie ein Feuer glühen, als ich zuerst Ihren Namen nannte.

»Schreiben Sie Ihrer Gebieterin«, sagte er, »daß ich jetzt nichts sehnlicher wünschte, als wirklich todkrank zu sein, um von ihr und ihrer rührenden Sorge um mich dem Leben zurückgewonnen zu werden.«

Fast drei Stunden hielt er mich fest. Er hörte nicht auf, mich auszufragen, mir zuzuhören. Ich durfte mich glücklich schätzen, daß Euer Gnaden Erscheinung sich mir so unauslöschlich eingeprägt hat, und ich imstande war, jeden Blick, jedes Lächeln, jede Bewegung zu schildern, so daß SeineErlaucht mir versicherte, die Farben Bouchers könnten nicht lebensvoller malen, als meine Worte. Eine Demoiselle Raucourt, die sich während meines Besuchs melden ließ, hat er mit einem so verächtlichen Stirnrunzeln abweisen lassen, daß sie nicht wiederkommen würde, wenn sie es gesehen hätte.

Meine »kranke« Mutter habe ich heute besucht. Ich brauche dem Herrn Marquis sonach kein Märchen aufzubinden. Ihre »Sehnsucht« war übrigens so groß wie die meine. Erst als sie sich überzeugte, daß ich nichts zu fordern kam, erwachte ihre mütterliche Zärtlichkeit gegenüber ihrer Mißgeburt. Es geht ihr übrigens vortrefflich. Von dem Gelde ihres Liebhabers, dem ich infolge eines unglücklichen Zufalls mein Leben verdanke, – daß ich ihm wirklich dafür Dank schuldig bin, weiß ich erst, seit ich Euer Gnaden dienen darf –, hat sie im Garten des Palais-Royal ein Café-Restaurant gepachtet. Die größten Räsonneure von Paris verkehren bei ihr. Ich habe in einer Stunde mehr gehört, als ich in meinem ganzen Leben gedacht habe, obwohl, wie Euer Gnaden wissen, das nicht wenig ist, da man mir ja reichlich Zeit dazu gelassen hat. War ich doch ein Bastard, also gemieden von den Herren wie von den Dienern. Aber wessen ich mich schämte, dessen werde ich mich auf Grund meiner neuen Einsicht noch rühmen können. Als »Bastarde im Geist«, bezeichneteeiner der Gäste Madame Gaillards, in dem ich den einstigen Hofmeister des Prinzen Friedrich-Eugen, den Herrn von Altenau, wieder erkannte, all jene Aufklärer, Schriftsteller und Philosophen, die zwischen dem Volk und dem Adel stehen, nicht etwa als ein verbindendes, sondern als ein zersetzendes Element. Was die großen Denker, die Herren Voltaire, Rousseau, Diderot und wie sie alle heißen, – ich hörte die Namen zum erstenmal –, in ihren Werken niedergelegt haben, das verbreiten jene anderen durch die Zeitungen, durch Flugschriften und Reden jetzt im Volk. In jeder kleinen Wirtschaft, zwischen Krämern und Handwerkern, hört man infolgedessen politisieren und philosophieren. Vom König redet man, als wenn er schon tot wäre. Man erörtert eifrig das Für und Wider der Männer, die der Dauphin berufen wird. Es gibt Hoffnungsvolle, die eine glorreiche Zeit und ein Ende aller Not erwarten. Die meisten lächeln zweifelnd dazu, oder zucken nur stumm die Achseln. Für einen, der, wie ich, aus lebenslanger Einsamkeit hierher verschlagen wurde, ist das alles wie ein Fiebertraum. Wenn ich im Frühling durch die Froberger Gärten ging, hatte ich zuweilen solch ein Gefühl in den Gliedern, als stünde etwas Ungeheures bevor. Aber dann fiel mir stets rechtzeitig ein, daß das nur die Gradegewachsenen erwarten dürfte. Hier habe ich die unbestimmte Empfindung, als bedürfees nur eines graden Geistes, um das Große, das wird, mit zu empfangen.

Euer Gnaden haben mich, den immer Schweigsamen, zuerst sprechen gelehrt, und müssen mir daher gütigst verzeihen, wenn ich nun schwatzhaft werde.

Ich erwarte, der Verabredung gemäß, Euer Gnaden weitere Befehle.

Johann von Altenau an Delphine.

Paris,am 30. März 1774.

Verehrte Frau Marquise! Als die kleine Gräfin Laval sich in eine Marquise Montjoie verwandelte, war sie mir, offen gestanden, entschwunden, wie ein schöner Traum. Einmal, so dachte ich, würde ich wohl der Frau Marquise begegnen, aber sie wäre dann eine Fremde für mich, eine der vielen schönen Frauen, mit demselben Rouge auf den Wangen, das alle Spuren von Leid und Liebe verwischt, demselben Lächeln um die Lippen, das Freund und Feind gleichmäßig grüßt, demselben Geist, dem Himmel und Erde nichts anderes bedeutet, als einen Gegenstand der Konversation.

Und nun ließ mich ein Zufall, der sich in der dicken Wirtin des Café de la Regence verkörpert hatte, einen buckligen Menschen kennen lernen, von dem ich noch nicht weiß, ist er Ihr Hofnarr oder Ihr Kavalier, und dieser seltsame Kauzmachte mich mit der Marquise Montjoie bekannt. Die Gräfin Laval ist sie nicht, – darin ging mein Vorgefühl nicht fehl –, aber sie ist auch nicht eine von den Vielen. Ich glaube fast, sie ist ein Mensch, denn sie fühlt die Qualen des Lebens.

Zürnen Sie mir darum nicht, wenn ich Ihnen mitteile, daß sich in Paris ein Mann befindet, der sich Ihnen ganz zur Verfügung stellt. Vielleicht findet er, wenn Sie nur gütigst eine Verbindung mit ihm herstellen wollen, irgend ein Mittel, das Ihre Schmerzen, wenn nicht in Freuden verwandelt, so doch betäubt.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Paris,den 3. April 1774.

Teuerste Delphine, unvergeßliche Freundin! Meinen heißen Dank für die Wohltat, die Sie mir erwiesen haben, muß ich Ihnen persönlich, nicht nur durch Ihren treuen Boten, auszudrücken versuchen. Sie können in Ihrer Reinheit nicht ermessen, was Sie für mich getan haben; Sie retteten mir vielleicht mehr als das Leben, nachdem Sie mich in einen schlimmeren Abgrund als den des Todes gestürzt hatten. Ich war auf dem Wege, mich selbst zu verlieren –, ach, ich möchte Ihnen das Alles beichten dürfen, und von Ihnen eine Absolution empfangen, die mich sicherer von allen meinen Sünden freisprechenwürde, als wenn der Papst in eigener heiliger Person es täte!

Mir ist Paris verleidet; ich kann seine schwere stickige Luft nicht mehr atmen; mich verlangt nach dem kräftigen Vorfrühlingsbrodem, den die heimatliche Erde ausstrahlt. Sobald meine Verwundung die Reise möglich macht, will ich nach Montbéliard zurückkehren, und dort bleiben, bis die tiefere Verwundung meines Herzens es mir erlaubt, nach Etupes – unserem schönen Etupes! – überzusiedeln. Noch weiß ich nicht, wie sie zu heilen ist: die Vergnügungen von Paris haben sich nur als der Verband eines ungeschickten Chirurgen erwiesen, denn die Trennung von Ihnen war wie fressendes Pfeilgift, das die Vernarbung verhindert. Wird ein Wiedersehen sie schließen machen?! Einerlei! Und wenn ich im Voraus wüßte, daß ich daran verblute, ich würde keine Minute zögern, es herbeizuführen. Nur Ihre Ablehnung, meine Freundin, würde wirken, wie Königsbann. Aber ich weiß, Sie vermögen nicht, sie auszusprechen. Monsieur Gaillard wußte nicht, was höher zu preisen sei: Ihre Schönheit oder Ihre Güte! Der arme Kerl, der sich wie ein Nachtfalter am Licht Ihrer Augen die grauen Flügel verbrannte!

Ich werde Sie wiedersehen, und werde versuchen, zu vergessen, daß es die Marquise Montjoie ist, die ich begrüße.

Verzeihen Sie die zitternde Greisenschrift dieses Briefes. Sie dürfen sich darum nicht sorgen, liebste Delphine, – so sehr mich auch diese Sorge beglückt –, denn es ist weniger die Schwäche, die sie verursacht, als die Erregung. Ich weiß jetzt, wie einem Wüstenwanderer zu Mute ist, der mit ausgedörrter Kehle und zerrissener Haut, dem Tode nahe, die schattende Kühle hoher Palmen, die klaren Wellen sprudelnden Quells vor sich sieht.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Montbéliard,30. April 1774.

Delphine, liebste Delphine, warum antworten Sie mir nicht?! Ich wartete in Paris vergebens darauf und hoffte, hier ein Lebenszeichen von Ihnen vorzufinden. Vergebens! War ich zu vorschnell, als ich aus Ihrer Sorge um mich auf einen Rest alter Neigung schloß? Als der Graf Chevreuse vor Dirnen und Roués von dem Mont de joie erzählte, auf dem er den Palast der Venus gefunden hat, glaubte ich die ganze Frechheit seines Wortspiels zu verstehen. Daß ich es tat, war eine Beleidigung gegen Sie, – und Sie hätten ein Recht, mich deshalb keines Wortes mehr zu würdigen.

Aber um unserer Kindheit willen, Delphine, die mir hier aus jedem Busch, jedem Wasserspiegelentgegenlacht, verzeihen Sie mir! Und um meiner Liebe willen schenken Sie mir ein einziges gutes Wort. Nur Ihr Mitleid und Ihr Zorn sind mir unerträglich.

Sollte aber Krankheit die Ursache Ihres Schweigens sein, – ich wage es nicht zu denken, daß Sie leiden –, so beauftragen Sie Gaillard mit Ihrer Antwort. Ich klammere mich zu sehr an jeden Strohhalm der Hoffnung, ich fürchte mich zu sehr, daß Sie selbst ihn mir entreißen könnten, als daß ich es wagte, ein Begegnen mit Ihnen zu erzwingen.

Marquis Montjoie an Delphine.

Paris,am 8. Mai 1774.

Meine Liebe, die Nachricht vom Tode des Königs wird meinem Briefe vorangegangen sein. Als ich am Donnerstag früh in Versailles eintraf, war die Aufregung bereits eine allgemeine. Sowohl die Partei Dubarry mit dem Herzog von Aiguillon an der Spitze, hatte sich versammelt, als die Partei Choiseul, die mit der zur höchsten Empörung des Königs aus dem Exil zurückberufenen Herzogin von Gramont bei der Dauphine zusammentraf. Ein Uneingeweihter hätte aus der unverhohlenen Angst in den Zügen der Einen, dem nicht mehr zu unterdrückenden Triumphgefühl in denen der Anderen, auf den Stand der Dinge schließen können.

Gegen Abend wurde der König aus Trianon, wohin die alles vermögende Favorite ihn entführt hatte, um ihn womöglich bis zuletzt in ihrer Gewalt zu behalten, zurückgeführt. Der Eindruck dieser Heimkehr mußte auch einen kühlen Beobachter erschüttern: es regnete in Strömen, als die goldüberladenen Karossen des Königs sich langsam wie ein Leichenzug durch den Schlamm der Straße, dem Schlosse entgegen bewegten. Die Federbüsche der Pferde hingen schwer vom Wasser an ihren Köpfen hernieder. Man hob den König aus den Kissen; sein Kopf sank vorn über, der Schweiß perlte auf seiner wachsgelben Stirn, zwischen den aufeinandergepreßten Lippen drangen hie und da gurgelnde Laute hervor, als er an seinem Hofstaat vorübergetragen wurde. Sobald er auf sein Lager gebettet war, beschwor er seine Umgebung ängstlich, ihm den Stand seiner Krankheit mitzuteilen. Wenn er auch von seinem Heldenmut viel zu reden pflegt, so fürchtete er sich doch von jeher vor nichts so sehr, als sterben zu müssen, und umgab sich auf Schritt mit einer offenen und geheimen Schutzgarde, ohne daran zu denken, daß der Tod sich von ihr nicht würde zurückhalten lassen.

Im Verlaufe der nächsten Tage wurde der König zweimal zur Ader gelassen. Als die Ärzte von der Möglichkeit eines dritten Males sprachen, wurde ihm und seiner Umgebung der Ernst derLage erst völlig klar. Die Herzöge von Richelieu und von Aumont traten den Ärzten in meiner Gegenwart mit geballten Fäusten entgegen, um die Operation zu verhindern, und da diese ihre Stellung bedroht sahen, gaben sie nach. Am Sonnabend den 30. April bedeckte sich plötzlich der Körper des Königs mit demselben Ausschlag, unter dem er schon in seiner Jugend gelitten hatte. Die Ärzte bezeichneten ihn auch jetzt offiziell als Blattern. Während der König in einen Zustand von Apathie verfiel, gelang es der Partei Choiseul, den Zutritt von Mesdames Adélaide, Sophie und Victoire zu ihrem königlichen Vater zu erzwingen. Der Erzbischof hielt sich erwartungsvoll im Vorzimmer auf; man rechnete bestimmt darauf, durch seinen Einfluß die Ausweisung der Dubarry und ihres Anhangs durchzusetzen. Aber sobald der Kranke zu sich kam, wies er seine Töchter hinaus und verlangte heftig nach der Gräfin. Die Prinzessinnen hätten übrigens die pestilenzialische Atmosphäre im Zimmer des Königs nicht länger ertragen können, während die Gräfin ohne schwindelig zu werden, in seiner nächsten Nähe aushielt.

Kein Wunder, wenn man selbst aus der Gosse stammt!

Wie erzählt wird, soll sie die Kühnheit gehabt haben, ein Diamantenhalsband von märchenhaftem Wert, das der Juwelier Boehmer ihr zum Kauf angebotenhatte, dem sterbenden König vorzulegen und zum Geschenk zu erbitten. Er verstand kaum noch etwas davon, aber er zog das Schmuckstück immer wieder durch seine fieberheißen, von Schwären bedeckten Hände, die die kalten Steine wohltätig kühlten.

Durch Scherze und Zärtlichkeiten suchte die Gräfin den Lebensglauben des Sterbenden aufs neue anzufachen, worin der Herzog von Richelieu sie insofern unterstützte, als er den Erzbischof, der nicht von der Stelle weichen wollte, um dem König rechtzeitig die Beichte abzunehmen, fern zu halten vermochte.

»Wenn es Ihnen, Monseigneur, durchaus nach großen Sünden gelüstet,« sagte der alte Roué mit seinem ganzen Zynismus, »so nehmen Sie die meinen dafür. Ich garantiere Ihnen, Sie haben in den zwanzig Jahren Ihres Pariser Erzbistums nichts Ähnliches gehört.«

Der Kampf der Parteien um den sterbenden König wurde schließlich so heftig, daß sein Lärm bis in sein Zimmer drang. Vergebens bemühte ich mich, Ruhe zu stiften, denn so feindlich ich auch der Partei Dubarry gegenüberstehe, der König ist immerhin des großen Ludwig Nachfolger gewesen, und verdient als ein Sterbender zum mindesten den stillen Respekt, der allen gewährt wird, die dem ewigen Richter nahen. Erst von dem schon halb Besinnungslosenerreichten die Priester dieEntfernungder Gräfin.

Wenige Stunden nach dem Tode des Königs kam ich nach Paris. Überall begegnete ich jubelnden Volksmassen und das »Es lebe Ludwig XVI.!« klang in allen Gassen wieder. So antipathisch mir sonst jeder öffentliche Auflauf ist, in diesem Falle fühlte ich mich durch die Gesinnung mit dem Pöbel eins.

Die erschütternden Ereignisse, die die Geschicke Frankreichs umgestalten werden, haben die persönlichen Differenzen zwischen Ihnen und mir, wie sie kurz vor meiner beschleunigten Abreise von Froberg in Erscheinung traten, in den Hintergrund gedrängt. Ich denke jetzt ruhiger darüber, da ich annehme, daß Ihr Verhalten nur eine Folge der Beschwerden ist, die Ihr Zustand Ihnen verursacht. Ich will mich bemühen, Sie wie eine Kranke zu behandeln, möchte Sie jedoch nur daran erinnern, daß es bei Frauen von guter Erziehung bisher selbstverständlich war, sich auch in der peinlichsten Lebenslage zu beherrschen. Ich verstehe noch heute nicht, wie die liebenswürdige Einladung der Fürstin Montbéliard, und mein Wunsch, durch Ihre Zusage die freundnachbarlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten, Ihre Aufregung verursachen konnte. Die Fürstin ist Ihnen, nach Ihrer eigenen Versicherung eine zweite Mutter gewesen, sie sprach in ihrem Brief ausdrücklichvon einem »stillen Landaufenthalt in Etupes,« der Ihnen geboten würde; Ihr Einwand, daß Sie sich mit Ihrer »deformierten Gestalt« nicht sehen lassen könnten, ist also in diesem Fall nichts als ein leerer Vorwand. Sie würden zu gesellschaftlichen Triumphen gar keine Gelegenheit haben, die Beeinträchtigung Ihrer Schönheit hätte also keinerlei Konsequenzen. Da Ihnen Froberg überdies so unbehaglich ist, würde Ihnen das sonnige Etupes gerade jetzt doppelt wohltätig sein, und die Fürstin würde es in ihrer Güte an hingebendster Pflege nicht fehlen lassen.

Aber die Auseinandersetzung über die Frage der Einladung war ja nur das Vorspiel der Szene, die Sie mit einem unleugbaren Talent für die Rolle einer tragischen Heldin mir dann vorzuführen die Güte hatten. Ich glaubte, Sie damit zu besänftigen, daß ich Sie an die notwendige Rücksicht auf das Kind erinnerte, aber ich warf damit nur neue Nahrung in das Feuer ihres Zorns. »Rücksicht auf das Kind?!« schrieen Sie, ohne bemerken zu wollen, daß Gaillard sich in unverhohlener Neugierde vor Ihren offenen Fenstern zu schaffen machte, »ich will – ich will kein Kind von Ihnen! Ich schäme mich dieses Kindes!«

Ich hoffe, Sie schämen sich jetzt Ihres eigenen Benehmens, das ich in ihre Erinnerung zurückgerufen habe, um es Ihnen wie einen Spiegel vorzuhalten.

Wie gesagt: ich nehme an, Sie waren von Sinnen, wie es bei jungen Frauen in gewissen Zuständen vorkommen soll, und ich verzeihe Ihnen den Affront, den ich durch Sie erleben mußte. Auch auf den Besuch in Etupes will ich nicht bestehen. Soll es doch vorkommen, daß schwangere Frauen gerade ihren Lieblingsspeisen gegenüber einen unüberwindlichen Ekel empfinden.

Ich schreibe Ihnen das Alles, weil ich wünsche, daß nunmehr von der ganzen Sache zwischen uns keine Rede mehr ist.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Montbéliard,am 10. Mai 1774.

Angebetete Delphine! Je länger Ihre Antwort ausblieb, desto fieberhafter arbeitete meine Phantasie; Himmel und Hölle sah ich vor mir, und glaubte, alles ertragen zu können. Und doch würde mich die Wirklichkeit vernichtet haben, wenn ich nicht zwischen den Zeilen Ihres Briefes das Klopfen Ihres Herzens gespürt, die Tränen in Ihren Augen gesehen hätte.

Sie lehnen meinen Besuch ab; Sie fürchten sich vor ihm; Sie wünschen, daß ich Delphine Laval nicht vergesse, und darum Delphine Montjoie nicht wiedersehe. Sie lassen mir nur die leise Hoffnung auf eine Zeit, wo irgend eine große Wendung des Schicksals die Jugendfreundin aus dem Starrkrampferweckt. Sie sind unglücklich, Delphine, unglücklich wie ich, und Sie gestatten mir nicht, Ihnen zu helfen! Ich beneide den Grafen Chevreuse, ja ich will mich sogar bemühen, seine leichtfertigen Reden zu vergessen, weil er imstande gewesen ist, Ihnen Stunden des Frohsinns zu schaffen.

Es gab seit dem Empfang Ihres Briefes Augenblicke, in denen der Wunsch, Ihnen helfen zu können, jedes eigennützige Gefühl erstickte. Ein solcher war es, als ich meine Mutter bat, Sie zu sich zu laden; ich hätte, Ihrem Wunsch unter allen Umständen gehorchend, Etupes helles Schlößchen ebenso wenig betreten, wie Ihre dunkle Burg.

Noch Vieles möchte ich Ihnen sagen, denn mein Herz ist übervoll, aber ich würde kein Ende finden, wie der Strom um so weniger versiegt, je tiefer er aus dem Innern der Erde kommt.

Johann von Altenau an Delphine.

Paris,im September 1774.

Verehrte Frau Marquise! Die Hoffnung auf Nachricht von Ihnen, hatte ich schon aufgegeben, und ich respektierte Ihre Zurückhaltung, die bei vielen Menschen, wie bei zu Tode getroffenen Tieren, die Folge der tiefsten Schmerzen ist.

Und nun lese ich Ihren Brief wieder und wieder, und versuche mir aus seinen leisen Untertönen, aus den Erzählungen des Herrn Gaillard und aus den Buchstaben Ihrer Schrift, die früherwie lauter kleine Kobolde lustig durcheinander tanzten, und jetzt brav und ernsthaft in gleichmäßiger Reihe vor mir stehen wie ängstliche Kinder vor dem strengen Schulmeister, ein Bild der Frau zu machen, an die ich schreibe.

»Ich bin schon viele Wochen krank«, sagen Sie, »und liege in einem schrecklich großen Bett, das nie ganz warm wird, mitten in einem hohen, dunklen Zimmer, wie eine Tote in der Kirche. Daß es draußen Sommer ist, merke ich nicht. Ich glaube, man hat in diesem Schloß die Fenster absichtlich so gebaut, daß nur die Wintersonne hineinkann.« Und dann erzählen Sie von den Sälen, die immer leer aussehen, auch wenn man noch so viel Möbel, hineinstellt, und von dem Leben, das eben so ist, weil man es auch nur mit totem altem Kram erfüllt; – ist das die kleine Delphine, die ich kannte, oder die Marquise, die ich zu begegnen erwartete?!

Ich soll Ihnen »Lebendiges« bringen, »damit wenigstens ein Echo von all dem Lärm und Lachen bei mir wiederklingt«. Ich werde Sie enttäuschen, Frau Marquise, denn das Paris, das ich kenne, lärmt zwar, aber es lacht nicht. Zu der Stunde, wo die großen Kurtisanen, die Duthé, die Cléophile auf der Promenade von Longchamps ihre sechsspännigen Karossen von Sèvres-Porzellan, ihre Quesacos von Damast, ihre hochgetürmten Locken, und ihr verführerisches Lächeln zur Schau stellen,begafft vom Pöbel, gefolgt von der Jeunesse dorée, versammelt sich eine täglich wachsende Zahl von Männern in den Kaffeehäusern des Palais-Royal, um die neuesten Zeitungsberichte, die neuesten Flugschriften zu lesen, den neuesten politischen oder gesellschaftlichen Skandal zu besprechen, philosophische und literarische Fragen zu diskutieren. Für viele treten diese öffentlichen Zusammenkunftsorte allmählich an Stelle der berühmten Salons, nicht nur, weil diese sich mehr und mehr auf ihre gewohnten Kreise beschränken und die alten Celebritäten den jungen Unbekannten vorziehen, sondern weil man in der Ungezwungenheit der Kleidung und der Konversation einen Reiz entdeckte, der den Salons fehlt. Bei vielen der seßhaftesten Kaffeehausbesucher ist noch ein anderer Umstand für ihre Flucht aus den Salons ausschlaggebend gewesen: ihre Einsicht in die traurige Wirkung, den der Einfluß, den man den Frauen in diesem Jahrhundert in wachsendem Maße einräumte, auf Frankreichs innere und äußere Lage ausgeübt hat.

Von einer männlichen Kultur erwarten viele die Rettung vor dem Abgrund, dem wir zusteuern. Amüsant ist dabei, daß man sich um so mehr mit der Frau beschäftigt, je mehr man sich von ihr emanzipiert; statt der Liebeslieder an sie, schreibt man gelehrte Abhandlungen über sie, in denen ihre Kräfte und Fähigkeiten eingehender Prüfungunterzogen werden. Herr Thomas von der französischen Akademie veröffentlichte zuerst einen Essay über den Charakter, die Sitten und den Geist der Frauen.

Mir fiel bei der Lektüre folgende Anekdote ein: Sophie Arnaud, die wegen ihrer Bonmots berühmter ist als wegen ihres asthmatischen Gesangs, bat einmal Herrn Thomas, der damals Administrator eines Pariser Departements war, um den Umbau des Schornsteins an ihrem Hause. »Ich habe mit dem Minister,« so gab er ihr schließlich Bescheid, »Ihre Angelegenheit als Bürger und als Philosoph besprochen.« »Aber mein Herr,» unterbrach sie ihn, »was nützt mich das! Als Schornsteinfeger hätten Sie davon sprechen müssen!» Ich fürchte, es ging ihm mit den Frauen wie mit den Kaminen: nicht als Bürger und Philosoph hätte er von ihnen sprechen dürfen, sondern als empfindsamer Mensch –, kurz so wie es Denis Diderot in seiner Besprechung der Schrift des Akademikers getan hat. Ich kann mir nicht versagen, Ihnen einige seiner Sätze, auch wenn ich sie aus dem Zusammenhange reißen muß, wiederzugeben. Er erzählt: »Ich sah eine anständige Frau bei der Annäherung ihres Gatten vor Entsetzen zittern; ich sah, wie sie im Bade untertauchte und doch glaubte, sich von der Erfüllung ihrer ehelichen Pflicht nie reinigen zu können. Solch ein Gefühl körperlicher Scham ist uns so gut wie unbekannt. Das höchste Glück flieht die Frauennur zu oft sogar im Arm des Mannes, den sie lieben; während wir es an der Seite eines gefälligen Weibes finden können, das uns gleichgültig ist...« Und an andrer Stelle, wo er die Gesetze und Gebräuche schildert, die den Frauen auferlegt wurden, heißt es: »In allen Ländern hat sich die Grausamkeit der bürgerlichen Gesetzgebung mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbunden. Wie Kinder und Blödsinnige werden sie behandelt. Es gibt, selbst bei kultivierten Völkern, keine Art von Quälerei, die sich der Mann nicht gegenüber der Frau erlauben dürfte. Wagt sie, sich zu empören, so wird ihre Handlungsweise durch allgemeine Mißachtung gestraft.«

Selbst der Patriarch von Ferney, der es nicht verträgt, daß die Öffentlichkeit sich auch nur vier Wochen lang nicht mit ihm beschäftigt, hat sich in die Diskussionen über das Thema »Frau« eingemischt, wenigstens nimmt man an, daß ein kürzlich erschienenes geistvolles Pamphlet seiner Feder entstammt. Es fordert nichts weniger als die größtmögliche Erleichterung der Ehescheidung, die eine Sache des Staats im Interesse des Familienglücks und nicht eine Sache der Kirche sei.


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