Das dreizehnte Blatt

Das dreizehnte Blatt

»Glaube nur, kleine Claudia, daß man dich nicht hinauswerfen wird, mit deinem hübschen Kissen,« sagte mein »Verlobter« und lächelte über meine zögernd hervorgebrachten Besorgnisse. »Wir sind Klaus Manth angenehm, wir beiden.« »Hast du mit ihm telefoniert?« fragte ich aber mißtrauend, und stieg nicht eher in unser blaues Automobil, diesen beräderten Briefkasten, bis Walter mir eine feierlich ernste Versicherung darüber abgegeben hatte.

Ich war recht gut gelaunt, offenbar, aber unterhalb meiner Heiterkeit zitterte ganz leise und erregend diese Unsicherheit: war es nicht doch allzu bürgerlich, dem Künstler, der mich gemalt hatte, etwas Selbstgefertigtes zum Geburtstag zu schenken, mit ausdrücklichem Besuche? Nun geschah das, es war nicht naiv, sondern wohlüberlegt, und war darum wieder möglich, außerdem pflege ich sehr die Sitte, die einen anständig entfernten Umgang mit angenehmen Menschen gestattet, und schließlich scheint es mir nötig, meinen allzu männlichen Intellekt durch eine gewisse unvernünftige Mädchenhaftigkeitwieder gut zu machen; aber ging das nicht allzu weit? Ich hatte Bedenken.

Nun, dann saß ich trotzdem ziemlich ruhig neben Walter und fand den Weg wundervoll: eine breite und ebene Straße führte uns eilig zu dem kleinen See, an dem der Maler inmitten schöner Villen sein einsiedlerisches Häuschen gemietet hatte. Über den bepelzten Rücken des Chauffeurs hinweg und durch eine dicke Glaswand fand mein Blick den Wald, diese hohen Buchen, deren Stämme grünlich wie alte Bronze und in einem klaren Rhythmus emporstiegen zu ihrem Dach aus kupferfarbenen und goldenen Blattmassen. Die Sonne ließ es leuchten, die überströmende Sonne unserer Herbstnachmittage, und die Lücken der Wipfel faßten überall Stücke des Himmels ein wie zersplitterte Teile eines Edelsteins von unaussprechlich tiefem und feurigem Blau. Erstaunlich, wie glücklich die Gegenwart solcher Natur machen kann, wenn man sich nicht mehr zu sehnen braucht, wenn man einen Menschen gefunden hat, mit dem man versuchen will, auf lange auszuhalten, wenn dieser Menschneben einem sitzt. Und dabei kann man eine ganz gefaßte Miene bewahren. Ich atmete mit Übermut die Luft dieses Tages, diese Waldluft mit den strengen Gerüchen und wilden Düften verwesender Blätter; über die niedergelassenen Scheiben hinweg drang sie im Fluge zu mir. Zu beiden Seiten des Fahrzeuges aber teilte sich der Wald und wich in strömender Schnelle wie ein Fluß zurück, dem ein scharfer Bug entgegenstrebt. Dann und wann gab unsere Hupe ein tiefes und singendes Signal aus ihrem metallenen Munde, und das zarte Schwirren des Wagens dauerte wie die Stille selbst, ununterbrochen und gegenwärtig … Man ist doch sehr undankbar: kaum genießt man, so ist man glücklich, und kaum lebt man in diesem Glück, so wird das Genossene sanft in den Hintergrund gedrängt und über anderen Seelendingen vergessen, bis es sich durch nachdrückliche Veränderung wieder meldet. Gegen solche innere Willkür bin ich machtlos, schäme mich ihrer nicht einmal. Und so stand plötzlich vor meinem inneren Gesicht die schlanke Göttin, Aphrodite mit segnend geweiteten Armenüber einem Kranze von Menschen schwebend, die sich nackt lieben.

Da war es, das dreizehnte Blatt aus Klaus Manths unvergänglich radiertem Zyklus »der Künstler und das Leben,« das letzte, das schönste jener Folge von Blättern, die den Namen des bisher Unbekannten mit einem Schlage zu denen reihte, die das Höchste versprechen; und zu der Alexander Sirmisch dreizehn Sonette geschrieben hatte, vollkommene Gedichte, und das Reifste, was diesem empfindlichen und kunstvollen Lyriker bis dahin gelungen war. Als ich neunzehn Jahre alt wurde, hatte mir meine Mutter jene Mappe gebracht: eine Aufrüttelung – und von diesem Geburtstage an war Klaus Manth jemand, der mir immer blieb, wenn mich auch Augenblicke und Abenteuer oft weithin entführen mochten; und als man ihn eines Tages in unser Haus brachte, spannte mich die Erregung Stunden vorher bis zu jenem Druck auf dem Herzen, der immer da ist, wenn ich ein Ereignis bestehen soll. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihn mir damals vorstellte, denn sein vertrautes Aussehenhat die Erinnerung längst aufgesogen – streng und ungeheuerlich irgendwie … Und dann lachte es in mir enttäuscht, erlösend und spöttisch, schärfer als jetzt im Darandenken, da ein kleiner blonder und mit Sommersprossen bedeckter Mann sich vor uns verbeugte und sehen ließ, daß nicht nur seine Stirn vor Kahlheit hoch war, sondern daß er auch auf dem Scheitel wenig Haar hatte. Trotzdem blieb sein Werk, was es mir bedeutet hatte, und ich sah so oft ich wollte und ebenso jetzt die leidenschaftlichen Umrisse seiner nackten Menschen und den tiefbraunen und lichtgoldenen Sammet der Radierungen; und hörte auf zu lächeln.

Walter hatte mich wohl an seinen Gläsern vorbei mit einem seitlichen Blick beobachtet, erheiterte sich über mich und forderte eine Beichte. Ich erzählte, – denn ich bin glücklich, daß ihm auch das geringste an mir nicht entgeht, – und wir sprachen bald von der anderen frühen Leistung Klaus Manths, dem vortrefflichen Bildnis seines großen Lehrers, des Professors von Nottebohm, jenem strengen und zärtlichen Greisenbild in silbernem Grau, lichtem Grünund Schwarz, das in Zeichnung und Haltung einem alten Meister glich, ohne im mindesten zu altertümeln, und das sogleich verkauft wurde. Von den Bildern kamen wir alsbald zu den Menschen, und nichts war daran wunderlich; war doch der alte Mann vor wenigen Monaten gestorben, und wußten wir doch, daß er nie erfahren oder erraten konnte, warum sein Schüler Manth, auf offenbar unhöfliche Art, ihn nach der Vollendung des Bildes nicht mehr aufgesucht, niemals ihn auch nur gesprochen hatte, ja ihm ganz augenscheinlich aus dem Wege gegangen war, wo immer die beiden sich hatten treffen können. Auch wir wußten nichts darüber, kein Mensch, ja nicht einmal eine Zeitung. Und wir plauderten noch an diesen Dingen – denn dafür bin ich eine Frau, das Menschliche ist mir nun einmal von einer gewissen Entfernung aus lieb zu erörtern, wenn ich auch zugeben muß, daß diese Neigung, minder vergeistigt, einfach Klatsch heißt – als sich plötzlich vorn im Walde ein heller Riß zeigte, sich erweiterte, aufklaffte und den unendlichen Himmel, den purpurnen und schwarzgrünen Kranzder Wälder und den See darbot, tiefblau, langgestreckt und von einem leichten Winde wellig erregt. Der Wagen schlüpfte, während mir das Herz vor Lust schlug, entlang den See, ein wenig abwärts, glitt in eine Straße hinein und hielt vor einem hellen Hause mit vielgestaltigem, herabgezogenem Dach, das scharlachen leuchtete und mit seinem roten Feuer unvergeßlich vor dem blauen Glanz beider, des Himmels und des Sees, sich erhob. Es war im Oktober, gegen halb fünf, als wir die gelben Steinstufen emporstiegen; man hatte uns erwartet, die Tür öffnete sich ohne Laut, und oben, auf dem Absatz der kurzen dunklen Treppe stand Klaus Manth.

Er hielt uns die winzigen Hände entgegen, mit der lockeren Haltung der dünnen und kurzen Finger, die ihm eignet, und lächelte sanft aus freundlichen Gefühlen, oder weil ich unter dem Arm eifrig mein großes Paket hielt, das Kissen, das mir Walter nicht hatte nehmen dürfen. Er war sorgfältig gekleidet, und ich hatte ihn gern darum; ich werde nie aufhören, auch an Herren die Kleidung auf Kulturhin spottsüchtig abzuschätzen. Sieh sieh, dachte ich im Hinaufsteigen, man putzt sich auch hier, wenn man zufällig Geburtstag hat, und stiehlt seiner Arbeit einen ganzen Tag! das ist ein wenig lächerlich und sehr angenehm; denn sein Anzug gab sich leicht feierlich: die kleine und magere Gestalt war in ein weitgeschweiftes und langes schwarzes Jackett gehüllt, aus der gleichfalls schwarzen Weste erhob sich ein taubenblauer Schlips, von einer Perle gehalten, und über den halbhohen doppelten Kragen hin blickte mit ernsten grauen Augen sein gerötetes Gesicht, gelb betupft von Sommersprossen. Er begrüßte uns mit der leisen tiefen Stimme, die seine kleinen Lippen wenig bewegt, wir hängten unsere Überkleider ab, und nachdem ich mich am Spiegel davon überzeugt hatte, daß mein helles, lilafarbenes Kleid, dessen Sammet grau schimmerte, nicht übel zu meinem leider gelblichen Halse und ganz schwarzen Haaren passe – um wieviel reine Freude bringt sich, wer nicht eitel! – ließen wir uns, Walter und ich, in den braunen Sesseln eines ernsthaften Zimmers nieder, das ganz von einemweiten bräunlichen Teppich gefärbt wurde. Man hatte geheizt, Walters Glas lief an, bedeckte sich mit einem undurchsichtigen feuchten Hauch und machte ihn blind und seine Bewegung unsicher – und den innigen Übermut, mit dem ich ihm beim Abwischen zusah, diesen Augenblick eines kurzen heißen Glücks, würde er ihn verstehen? Wußte er, daß wir Mädchen, die wir unsere Gatten unbedingt überlegen wollen, geistig und seelisch überlegen und verläßlich, solche kleine Schwächen und Unvollkommenheiten zärtlich an ihnen lieben, weil wir sie daran ein bißchen beugen können und unsere schwatzhaften Zungen daran neckend wetzen? Unterdessen packte Manth, vor Geniertheit fast ungeschickt, doch gewisserweise auch mit froher Neugierde mein Kissen aus, das ich für diesen Raum gedacht und entworfen hatte: auf leuchtend brauner Rohseide rundete sich, gebildet aus fantastisch reichem Ornamentwerk zarter Kurven ein stahlblauer Kranz, rhythmisch gegliedert, auf ein Zentrum bezogen und in Kurbelstickerei ausgeführt. Es war ein ziemlich gelungener Entwurf, gewissenhaft durchgearbeitet,unverworren und logisch bei allem Reichtum und von einer sorgfältigen Stickerin ausgeführt. Gefiel es ihm? Ja, schien es; er dankte lebhaft und sah fast gerührt aus; aber er hielt das Kissen auf den flachen Händen, wie Männer kleine Kinder halten oder sonst etwas, womit sie durchaus nichts anzufangen wissen, und ich fühlte augenblicklich Mitleid mit dem hübschen Ding, als könnte es merken, wie unangebracht es sich hier befand. Die schön gebundenen Bände von TainesOrigines de la France contemporaine, die Walter – was kann ein Gelehrter besseres geben als Wissen in Anmut? – ihm reichte, entsprachen ihm weit mehr; der Beschenkte gestand, sich wie ein Kind vorzukommen, das man gern hat.

Darauf fragte er mich, sehr unsicher und sehr niedlich, ob ich wohl die Teebereitung übernähme. Ich tat es natürlich. Von einer Frau, die mit Leidenschaft Plato liest, verlangen die Männer häusliche Tugend und Grazie, und mit Recht; dafür verzeihen sie einem alle Klugheit; aber eine Studentin, die nicht Eier sieden kann – ich habesolche Bekanntschaften – ist ganz umsonst gescheit. Während ich mit der Teebüchse und dem elektrischen Kocher hantierte, meinte ich belustigt zu mir: wenn du nicht so faul wärest, Mensch! Du müßtest lebhaft, teilnehmend, heiter sein, das kleine Mädchen machen, dich hierhin und dorthin drehen, miauen, kokett sein, Blicke, Mienen, Launen haben. Das kitzelt die Männer und wärmt ihnen das Herz, das wollen sie, dann sind sie glücklich, und du giltst, vorausgesetzt, daß du nicht in Albernheit verfällst. Redest du sachlich, so messen sie dich mit männlichen Maßen und achten dich bestenfalls einem halbwegs gescheiten Jungen gleich … Hier merkte ich mir plötzlich den Fehler meiner Unaufmerksamkeit an und beeilte mich, zuzuhören. Ich staunte – aber staunen ist schwach gesagt –. Die beiden sprachen vom Kunstgewerbe, welches uns in neuerer Zeit mit schönen Dingen überschüttet. War es eigentlich verwunderlich, daß ein Pfleger so strenger und abweisender Kunst wie Klaus Manth mit gelassenen und ironischen Worten von diesen »Künstlern« der Töpfe und Oberflächen sprach, die dieernsthaften Flächen des Lebens mit ihren Schnörkeln verkleinerten? Daß er sie allen Geistes bar fand und das Wort »Kunst« auf sie nur ironisch anwandte? Offenbar nicht; und doch hatte ich das gerade jetzt nicht für möglich gehalten. Es war kindisch, zugegeben, und ich wußte, er sprach von den berufsmäßigen Verfertigern, aber es tat mir weh, es erbitterte mich, es schien mir unhöflich zu sein und taktlos, da ich doch nun einmal mein bißchen Geschmack und Formfreude daran wendete … Ich hielt natürlich an mich; auch fand ich, er müsse irgendwie gereizt sein – und plötzlich sagte ihm Walter, daß seine Reden schärfer und unruhiger klängen als sonst, und worüber er erregt sei?

Ich stimmte vorsichtig zu.

Er, der mit kleinen Schritten auf und ab gegangen war, blieb brüsk stehen und rief: »Erregt! Aber ich habe heute fünfunddreißig Jahre, und überdachte mein Leben, das nun halb vergangen ist! Ja, ich bin erregt, denn die Jahre, die hinter mir liegen, sind die Zeit, in der die andern leben,unvernünftig sind, glücklich sind! Und was hatte ich von ihnen?«

Ich beugte mich über das kochende Wasser, entzog dem blanken Topf den elektrischen Strom und goß einen dampfenden Strahl auf die schwärzlichen Teeblätter, scheinbar vertieft ins Zuschaun, wie sie sich sogleich erweichend aufrollten, zur Essenz. Ich hüllte mich in diese Abwesenheit wie in ein verborgenes Tuch, zog mich zurück in mich und lehnte es ab, ihm zu folgen. Habe ich eine seelische Witterung? Ich fühlte mit Verwirrung, hier verbirgt sich etwas Verbotenes, bricht gar schon hervor … Indessen sagte Walter mit warmem Ton, der mir zu Herzen ging: »Und die Jahre, die kommen? Lieber Manth, welch ein Leben wartet Ihrer noch!«

Liebling! dachte ich … Und erschrak, wie der andere fast zornig entgegnete: »Leben? Kunst, Doktor. Kunst, und darüber wollen wir nicht reden. Arbeit und neunzig verschiedene Qualen und Quälereien und wieder Arbeit. Davon wollen wir lieber schweigen. Dergleichen vorbringen und aus solchenDingen Sätze machen dürfen nur Literaten, ich meine Dichter. Unser Freund Sirmisch hat es ja für uns getan. Die Zukunft, Lieber, wollen wir aus der Rede lassen – zumal mich, Sie sehen ja, das Vergangene nicht freigibt« … Er sprach nicht viel lauter als gewöhnlich, aber jedes Wort schien mit Kraft zum Hervorbrechen gesättigt zu sein und sie zu gebrauchen. Auf die Gefahr hin, albern zu erscheinen, mischte ich mich ein. Man mußte ohne Pause ins Leichte überlenken, ihn mißverstehen – dann wird er dich für eine Pute halten und schweigen. Ich benutzte natürlich das Gespräch im Auto; und in bewunderndem Ton: »Ach ja, Ihre Vergangenheit! Ich glaube wohl, daß die bei Ihnen bleibt! Haben wir nicht vorhin erst an Ihre Anfänge gedacht – wie, Walter? an Nottebohms Bild und an Ihre, sagen wir, nicht unbeträchtlichen Radierungen vom Leben? Wenn ich von Musik absehe – Gemaltes oder Gezeichnetes gab mir noch nie so viel Genuß.« Walter stimmte eifrig bei. Half es? – Wenn ich das Folgende hätte ahnen können, ich hätte um keinen Preis oderSchatz von diesen Blättern gesprochen. Manth tat drei, vier hastige Schritte auf mich zu und sprach so dicht an mir, daß ich mich ein wenig rückbeugte – ich mochte ihn nicht so nahe haben –

»Also noch nicht vergessen. Acht Jahre Arbeit liegen zwischen damals und heut, acht fleißige Jahre. Und noch ist nichts vergessen, nicht das Bild und nicht die Mappe.« Walters Augen begegneten meinen; es erklang in uns beiden die gleiche staunende Frage. Die Hand unseres Wirtes glitt über die Stirne bis zur Schläfe, als verjage sie ein Insekt. »Ich habe nichts getan als gearbeitet. Ich habe ein Leben geführt, das nur die Kunst wollte, streng, keusch, ausschließlich, und bin vorwärts gekommen. Habe meine Form in die Welt hineingesehen und gebildet nur in ihr. Sagen sie nicht, daß die Schönheit meiner Werke stets unzugänglicher wird, ihre düstere Herbheit den Bequemen immer fremdartiger, ihr strenger Umriß erdrückend? Aber sie beschimpfen mich ja darum. Und nichts ist stark und groß genug, um das Erinnern meiner Schmach, die Denkmale meiner Schande zu vertilgen: jene Mappe, diesesBild.« – Ich riet mir: jetzt stehst du auf und fährst heim. Aber das ging ja nicht. Ich hatte nun sitzen zu bleiben und diese Stunde über mich kommen zu lassen – eine dieser beschämenden Stunden voller Pein und Widrigkeit, die allzutief und schonungslos in einen Menschen hineinleiten. Das Menschliche ehrfürchtig lieben und vor Offenbarungen schaudern – kann man denn das? Was würde der Mann aufhüllen, der dort so leise und leidenschaftlich redete? Ich hatte Angst. Von Walter kam mir keine Hilfe; er rührte Zucker in seinen Tee und sah nicht auf, ich wußte nicht, was in ihm geschah, ob er erschüttert war oder verlegen. Aber Manth wandte sich gegen mich: »Und diese Mappe, Claudia Eggeling, die Sie so sehr lieben: kennen Sie sie denn?« Distanz! gebot es in mir: »Ich denke wohl, Herr Manth, daß ich sie kenne.« Schweigen war geboten, es ziemte sich, ich wollte es – aber was geschah? Wider meinen Willen redete ich weiter! Ich errötete vor Beschämung, die meinen Stolz ätzend zerfraß – aber ich sagte trotzdem jene Bilder bei ihren Inhalten her wieein Schulmädel: das Kind, umgeben von den wunderbaren Geschöpfen seiner spielenden Fantasie, den erschreckenden Blumen, Menschen aus einem Holze und Äpfel, die die Gesichter von Widdern hatten; den Knaben, der die formerfüllte Welt durch das quadratische Gitter seiner Schulung begreifen soll; den Knaben, der Jüngling wird, vom Sturm seiner Sehnsucht zu den Wurzeln uralter Bäume hingeschleudert, die er mit Tränen netzt. Und dann die ungeheure Verwunderung dessen, der zusehenbeginnt und auf den die Landschaft einstürmt als wären seine Augen Strudel, alles in sich zu reißen; und dann die Berührung des Mädchens … Hier unterbrach er mich und sagte hastig, geschäftlich und scharf: »Und dann das Nachbilden, und die Versuchung durch die ehemaligen Formen in Gestalt von Frauen, die heilige Embleme, Tiere und Geräte darbieten, und die Empörung der Leidenschaft, und die Qual des Erlebens, und das unzugängliche Dasein: Menschen, die ihre Gesichter an einer Glaswand flachdrücken, hinter der die Welt beginnt, Menschen, die einander durch Tücher zuküssen suchen; und die Entblößung des Innersten, dargestellt durch das Symbol der Gebärerin umgeben von Männern, und die Grausamkeit gegen den eigenen Leib, und …« Aber das letzte Bild, das dreizehnte Blatt, vermochte ich nicht von dieser gehässigen Stimme aussprechen zu lassen, sondern rief sehr warm: »Und am Ende dennoch Aphrodite, die Erhabene, mit segnend geweiteten Händen und mit den Augen lächelnd über einem Kranze von Menschen schwebend, die sich nackt lieben!« – »Ja,« sagte er, »ja; Aphrodite. Kommen Sie mit, kommen Sie, ich zeige sie Ihnen …« und indem er Walter bei der Hand nahm, der über meine Lage vorhin still gelacht hatte – »vor Verlegenheit wurdest du rot,« scherzte er später einmal – zog er ihn zur Schwelle, und so unwiderstehlich waren Wort und Geste, daß wir ihm folgten, der eilig voranfuhr, durch viele Türen und mehrere Zimmer, eine schraubenförmige Eisentreppe hinauf – was wird denn? er ist doch nicht etwa toll? – und einen kurzen geweißten Gang entlang. Da standen wir, in einem hohen, langen und kahlen Raume, mithellen Wänden und einem ungeheuren Fenster nach dem See, an der Arbeitsstätte, im Atelier. »Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie,« und schob ein schräges Pult ans Fenster, lief, indessen wir, fassungslos verwirrt und zerquält von Spannung, um uns irgendwie abzulenken, ohne Freude auf den unbeschreiblich zerfließenden Himmel und den farbentaumelnden See blickten, deren Bläue, Röte von goldenen und errötenden Wolken und ihrem Widerschein verklärt wurden, kam mit der Mappe zurück und legte sie aufgeschlagen auf die schwarz gebeizte Fläche. Noch vom Fenster her erfaßte ich die Verschlingung der heroischen und strengen Gestalten, deren herbe Linien und düstere Gewalt die Sinnlichkeit des Werkes heiligen, und darüber, als Herz der Ordnung und Betrachtung, den selig schwebenden Leib der Göttin. Es ist herrlich, aber warum zeigt er uns das jetzt und so … außer sich? Das dachte ich, beugte mich näher und erkannte: das war Christus. Nicht Aphrodite, Christus. Nicht der lächelnde Segen einer Göttin, sondern die den Augen dargebotenen Wundmaleder Hände, in der Art des Kreuzes ausgebreitet; die Stirn ohne die furchtbare Krone, aber bedeckt mit den Löchern und Gruben, die die Dornen hinterlassen. In seinen Augen las ich einen entsetzlichen Ernst. Sein Leib leuchtete von heiligem Lichte. Er war noch jung; er war Gottes Sohn.

»Es ist der Gekreuzigte,« sagte Klaus Manth mit einer Stimme, die uns beide aufschauen ließ: aus ihr und aus seinen Augen drohte ein ähnlich erzenes Urteil wie aus den Augen des Gottes. Dann wandte er sich ab, trat an die Scheiben und schlug zwei prasselnde Wirbel mit den Fingerspitzen. Darauf schwieg alles eine geraume Weile, wie die Stille nach einem äußersten Tumult, der um uns losgebrochen und jäh verstummt sei und nur noch in mir weiter tobe: durcheinander taumelten wie nach rasender Drehung Erschütterung und Schreck, die Überraschung und die Gewalt des vertauschten Werks, und das nachträgliche Wahrnehmen vermummter Tragik, als höre einer, das beschneite Feld, das er eben überschritten, sei der gefrorene See. Walter und ich sahen starrauf das Blatt; er flüsterte endlich: »Das gibt dem Werk einen neuen Sinn.« »Einen schweren, ganz anderen Sinn,« sagte ich, heftig atmend. Was war unterhalb des Tausches vorgegangen: Bekehrung? Unmöglich. Lüge? Hohn? Wir schwiegen wieder; da sagte der am Fenster: »Ich erzähle.« Ich wußte noch nicht, ob die Begierde in mir stärker war oder eine erbebende Furcht, da begann er schon, stehend, während ich auf einem Schemel hockte, das Gesicht dem rosigen Himmel zugekehrt, und Walter hinter mir an das Pult gelehnt empfand:

»Ich wuchs in bequemen Verhältnissen auf, gleichgültig wo, am Harze, in einer alten Bischofsstadt. In meinem vierzehnten Jahre legte man in einem Berliner Vorort eine Straße anders, als vorher wahrscheinlich gewesen; das hatte zur Folge, daß wir in eine andere Stadt ziehen mußten, nach Schlesien, denn mein Vater hatte alles Geld verloren. Dafür haßte ich ihn von Herzen, und dabei blieb's zwischen uns, denn er liebte niemand außer sich selbst. Mein Talent fiel in der Schuleauf; man ließ mich das »Einjährige« machen und schickte mich auf die Kunstschule nach Breslau. Provinz, Sie verstehen. Nach drei Jahren war ich ein fanatisches Kunstwesen und weigerte mich, Zeichenlehrer zu werden. Man entzog mir allen Zuschuß, strich mich sozusagen aus und ließ mich auf meinen Weg. Ich begann zu arbeiten, zu lernen und, in Berlin, Paris und wieder in Berlin, zu hungern. Man versteht das in den Mansarden von Friedenau oder Charlottenburg ebensogut wie auf Montmartre; man stiehlt hier wie dort Früchte, borgt Heringe und Tabak, übernachtet wohl auch in Wäldern und öffentlichen Gärten, macht alle Arbeit, die man bekommt und legt auf alles das keinerlei Akzente. Man hat Kameraden und teilt mit ihnen das wenige Geld und den großen Enthusiasmus. All das ist nichts; schlimm hat mans nur als Maler, wenn man weder Farbe noch Leinwand kaufen kann, und das war oft, denn das Handwerk ist teuer. Der Musiker findet überall ein Klavier, nicht wahr. Der Literat bekommt Tinte in seinem Kaffeehaus – unsereiner aber ist übel dran.Nun, in solchen Tagen entdeckt man den Tonwert grauen Packpapiers und den Reichtum der Nuancen von Schreibtinte. Gleichviel, ich arbeitete. Und wenn ich von der billigen Graphik für einen Verlag oder von Malstunden bei Bürgerfrauen kam, entwarf und bekämpfte ich die Erscheinungen, die sich zu Kompositionen und einer bedeutungsvollen Blätterfolge fügen sollten: ich heftete die ersten Zeichnungen, die den Künstler gegen das Leben stellten, an meine kahlen Wände.«

Der Erzähler schwieg, und ich hob die Augen zu ihm auf: er stand vor dem hellgrünen Nordhimmel des Fensterbogens als ein schwarz gefüllter Umriß, nichts war von seinem Gesicht zu sehen; schon fiel herbstliche Dämmerung. Nun, meine Miene war geübt ein still horchendes Mädchen darzustellen – und wenn das halbhelle Licht auch mein Gesicht herausholte aus dem Dunkel, er würde dennoch nicht gespiegelt finden, was ich bei dieser Erzählung fühlte: Langeweile und Widerwillen, viel Widerwillen … und ich atmete spöttisch aus. Entblößen Sie sich nur, mein Herr, dachte ich, michfür meine Person entdecken Sie nicht … Vielleicht legen Sie uns auch noch dar, wie Sie sich mit Frauen verhielten? – Er sprach weiter:

»Klagte ich? Ich hatte anderes zu erledigen. Die Leiden des Hungers und der Entbehrungen, die schlechte Kleidung und aller Mangel an den Erleichterungen, die man heute für den arbeitenden Geist geschaffen hat, damit sein Körper in Verfeinerung und Behagen ruhen und sich stärken könne, all das und selbst die häßlichen und niedrigen Gefühle, die mir der Anblick des Reichtums und Überflusses manchmal eingab, und für die ich mich mit Reue und Qual strafte – alles das war nichts Allzuschweres. Ich hatte noch die Kunst, der ich diente, den Weg, an den ich glaubte, und das stachelnde Wissen um meine Unfertigkeit. Aber ich – und nicht wahr, man ist so, manchmal bedauert man das? – ich war nie nur Träger einer Leitung gewesen, die vom Ding zum Auge und durch die Hand zum Pinsel führte;ichdachte,ichfühlte,ichstritt und litt. Unsereinem ist nicht gegeben, die Auswahl dessen, was von den Dingen in Umrissenund Farben auf die weiße Fläche kommen darf, dem Unbewußten zu lassen. Es scheint da drei Stufen zu geben, soviel ich sehe; oben die Inspirierten, denen alles ohne Intellekt gelingt, wie man von Raffael sagt – ich habe Bedenken dagegen, ich glaube nicht daran, in Klammern – in der Mitte quält sich unsereins und unten pinselt das fröhliche Handwerk. Nun, meine Stelle war mir gegeben:ichwählte, und nach den Gesetzen meines Geistes formte ich um, wog ab, ordnete an. Solche Gesetze bleiben unverändert, wo auch immer man anbeten mag; mich führten sie auf einem Passionswege vorwärts, auf einer Straße der Leiden, und dies sind ihre Stationen: mit zweiundzwanzig Cézanne und Van Gogh, mit vierundzwanzig Gauguin, mit achtundzwanzig: Signorelli, Puvis, Feuerbach, Marées – natürlich nur dem Standpunkt nach, nicht etwa kopierend – wo man anlangt, gestoßen von der Sehnsucht nach dem großen und adligen Ausdruck eigener Gefühle, eigener Welt: in einem Reich, in dem jede Absicht zum weiten Rhythmus wird, zur herben und starkenSchönheit, zur sachlichsten Form. Ich fand meinen Ausdruck und meinen Stil, und sah, auch das Streben der Zeit hieß Sammlung, Formung, Festigung. Von diesem ganzen Wege aber, von der steten Qual dieser sechs Jahre gaben die Zeichnungen zu meinem Zyklus Zeugnis, die immer und immer wieder umgeschmolzen wurden, wenn ich so sagen darf. Von manchem Blatt habe ich fünf, sechs fertige Entwürfe« – wie eitel seine Stimme klang, eitel auf Fleiß und Mühe! – »Da starb plötzlich und zu rechter Zeit mein Vater, ohne Vorbereitung und ohne daß er mich hatte ›enterben‹ können, und meine Mutter gab mir von dem wenigen, was ihr blieb, eine kleine monatliche Unterstützung. Einiges verdiente ich mit Arbeit, die ich nicht signierte, und so richtete ich mich auf ein sicheres und einfaches Leben ein; zuerst aber kaufte ich Kupferplatten, Firnis, Säure und Nadeln, und begann, meine Zeichnungen in der letzten, sinnvollen, ganz durchdachten Form zu radieren; denn daß es Radierungen sein würden, war mir von Anfang an Gewißheit gewesen. Als ich die dreizehnte Platteaus der Säure hob, erkannte ich, daß die beiden ersten mißlungen waren. Ich wiederholte sie, nahm dann eines Tages das Ganze und trug es zu Nottebohm, meinem ehemaligen Lehrer, der mich gern zu sehen schien und den ich seiner noblen Seele wegen sehr verehrte. Er freute sich meines Erscheinens, besah die Platten, wurde ernst, betrachtete mich und erbot sich, mir zum Druck zu verhelfen – denn die Presse und dergleichen konnte ich mir nicht kaufen. Damit erfüllte er die Absicht meines Besuches. Ich war sehr glücklich; ich druckte in seinem Atelier und hielt eines Tages die ersten Bilder in den zitternden Fingern. Ich sah: da hatte ich etwasgemacht.«

Gemacht, sagte er, und ein ungenierter Stolz verbarg sich in dem gesucht schlichten Worte. Es wirkte auf mich so überaus peinlich, daß ich völlig vergaß, wovon er es sagte, von meinen liebsten Blättern. Ich richtete mich ein wenig empor und sandte durch die dunkelnde Luft einen dringlichen Blick empor zu Walters Gesicht. Aber er nahm meine Hand, drückte sie sanft und ich verstand,was er sagen wollte: Ruhig, Liebling, es vergeht schon. Der Maler verschwand vom Fenster, wich mit unhörbaren Schritten seitwärts ins Dunkle der Wand, ließ sich in irgendeinen Stuhl nieder und begann unsichtbar, mit seiner leisen Stimme:

»Eines Tages auch, bald nachher, erhielt ich einen Brief des großen KunstverlegersDr.Venediger: er habe von autoritativer Seite reiches Lob über eine Reihe meiner Radierungen gehört und er werde sich freuen, sie einmal zu sehen. Er erwarte mich, und so fort. Ich lege sie ihm vor, er ist entzückt. Aus seinen Worten ging hervor, daß er wirklich verstand, was er lobte; auf ahs und ohs wäre ich nicht hineingefallen; druntendurch kann man immer denken: hol den Kerl der Deubel. Rhythmus und Bändigung der Gestalten, Verteilung und Abstufung des Dunkels und jeder Helligkeit, die gegliederte Fläche und die strenge Anordnung – es gab keinen ästhetischen Wert, den er nicht gespürt hätte, und jedes Blatt vertiefte sein Erstaunen. Er machte förmlich in Begeisterung. Nun, nicht wahr, man ist jung undunverwöhnt – ich genoß diese Augenblicke; sie waren süß für manches bittere Jahr. Wenn er alle gesehen hat, wird er auch den Sinn verstehen, dachte ich und reichte ihm das dreizehnte Blatt. Er betrachtete es, lange, schweigend, dann fragte er, ob ich das zwölf oder zwanzig Menschen sehen lassen wolle oder jedermann? Ich wunderte mich und meinte, jedermann, der mich fühle, und sogleich entgegnete er, dann sei dieses Bild unmöglich, »es ist herrlich, es ist vielleicht das schönste; aber es ist Blasphemie.« Und während in mir ein ungeheures Staunen erstarrte, fuhr er fort, mir einen ganz großen Erfolg zu versprechen, wenn ich mich entschließen könnte, es umzuarbeiten; wenn ich den Heiland durch irgendeine Figur ersetzte. Dann begann ich zu sprechen« – er lachte kurz und scharf – »empört und begeistert. Aber das ist ja fromm! schrie ich. Ich legte ihm den Inhalt des Blattes dar, das Sinnbild alles Leidens als das Zeichen des wissenden Künstlers über denen, die da blind geben und nehmen, die den Trieben folgen, über dem Leben; ich sprach von dem Gedanken desganzen Werks, der in diesem Bilde zusammengefaßt und verstärkt brannte – er verstand nichts davon. Er sah nur Radierungen eines neuen und strengen Stils, und bot mir für das ganze Werk von vornherein dreitausend Mark; doch sei ein Entschluß auf der Stelle keineswegs vonnöten.

Als ich die Treppe hinabging, war ich ganz in Aufruhr und Hitze; als ich in meiner Werkstatt saß, konnte ich schon ruhig sagen: der Mann meint es ganz gut und hat für sich ganz Recht – nur nicht für mich; und ich hielt die Angelegenheit für erledigt, begraben, abgelehnt. Aber sehen Sie, in der Schlaflosigkeit einer ganzen langen und heißen Sommernacht, während die Sterne an meinem offenen Fenster vorüberzogen, erlitt ich die erste und vollkommenste Niederlage meines Lebens. Gegen wen? gegen das Geld. Freilich gut verkleidet, aber schließlich doch erkennbar kam es, in allen Formen, mit allen Waffen: bessere Daseinsarten zeigten sich, Ruhm für mich und höhere Ehre der Kunst dieser Zeit, eine Bereicherung des Lebens, eine Vermehrung des Erhobenseins vieler Seelen unddie Möglichkeit zukünftiger Werke, stärker, fruchtbarer, inbrünstiger, weil ohne Ablenkung und Darben hervorgebracht; denn nicht wahr, es ist ein infamer Unsinn, erfunden um die Teilnahmslosigkeit der Bürger zu beschönigen, daß Entbehrung dem Künstler beim Schaffen helfe. Was war dafür zu opfern? Eine Gestalt, nicht einmal eine Komposition; denn irgendeine andere konnte dort die Hände ausbreiten, mit ebensogroßen Augen und einem gleichleuchtenden Körper, ein Knabe oder ein Weib, Eros oder Aphrodite; nur eine Chimäre war zu opfern, nichts, was man sah, ein Sinn – eine Wahrheit: die Wahrheit von zehn Jahren, die Erkenntnis einer ganzen der Kunst dargebrachtes Jugend. Bis zu diesem Augenblick war mir das Geld nichts gewesen, ein Mittel, das man benutzt um zu leben, etwas, ohne das es ein wenig schwerer, aber schließlich dennoch abgeht. Ich hatte es nicht verachtet, denn ich hatte es nie bemerkt. Nun kam es und warf mich um, meine ganze Existenz; und als ich am Morgen mich anschickte, ein wenig zu schlafen, sagte ich mir mit Bitterkeit, daß der Armekeine Seele haben dürfe, und daß Vornehmheit ohne Geld eine Art verbrecherischer Lächerlichkeit bedeute.

Ich wiederholte unterdessen fortwährend und haßvoll im Hören diese Worte: »Redner, schamloser, geschminkter Redner, der sich ausstellt!« Ich verlor innen meine Manieren, ich sank selbst angesichts dieser Niedrigkeit …

Als ich gegen Mittag erwachte, fühlte ich mich ein wenig ruhiger und eilte zu Nottebohm, um meinen Lehrer, den alten Erfahrenen, der so sehr Künstler war, richten zu machen. Ich hoffte in meinem Herzen, daß er mich strafen werde, und suchte auf dem Wege die Worte vorwegzukosten, mit denen er meinen Verrat züchtigen sollte. Aber er, der vornehme Mensch, der empfindliche und verletzliche Geist, der diskrete Künstler, dessen zarte Landschaften in ihren lichten und verschleierten Farben, ihrem gedämpften Grün, lichtem Himmel und vielem hellem Grau und Blaßgelb mir immer als ein rechtes Abbild seiner Seele wert gewesen waren: auch er hatte den Gottessohn als »einwenig unangebracht« empfunden, er staunte, daß ich schwanken konnte, lobte sehr den Einfall, Aphrodite über den Liebenden schweben zu lassen – und als ich wieder in meinem Raume stand, vor meinen Skizzen und Fragmenten, da rückte ich den Tisch ans Fenster, stellte die alte geätzte und mit Schwärze beriebene Kupfertafel des dreizehnten Blattes schräg vor mich hin, und begann eine neue glänzende Platte mit Linien zu bedecken, kalt vor Aufmerksamkeit und mit totem Innern. Ich verbesserte zwei vorher verzeichnete Hände, und an dem Platz des Erleidenden in der Mitte des Bildes lächelte Aphrodite mit segnenden Armen, Ihre Aphrodite, Claudia.

Was nun noch? Ich malte Nottebohms Bildnis – ich war ihm doch zu Danke verpflichtet, nicht wahr – zärtlich wie einen Abschied; langsam, eindringlich, verzehrend, schwer scheidend. Es sollte ihm gehören, aber Sie wissen, daß ers schließlich nicht annahm – es sei zu gut geworden und ich sollte es verkaufen – und sich mit den Studien dafür begnügte.

Hätte ich damals eine böse Reihe Karikaturen von ihm niedergeschrieben, verzerrte Blätter, die meine Enttäuschung und Qual, meine Reue und meinen Haß gegen ihn und mich aufgenommen und meiner Seele entrissen hätten, so wäre er mir später vielleicht erhalten geblieben. Aber ich zwang mich zur Verehrung, zur kurzen Täuschung einer erstorbenen Liebe; das Bild ward fertig und ich hörte auf, an ihn zu denken, erst gewaltsam, dann vermöge der Gewöhnung ohne Mühe. Ich setzte die Kunst auch an diesen Ort meiner Seele und diente ihr streng, keusch und ausschließlich. Judas war ich, der am Leben geblieben zehnmal glühender eiferte als Paulus, der den Herrn nur bekämpft, nie verraten hatte.«

Er seufzte und blieb stumm; ich aber stand sofort auf – ein Erlöstsein ohne Grenze zwang mich zu diesem wenig höflichen Ungestüm. Er war endlich, endlich zu Ende! Ich trat ans Fenster und sah den See grau und schlüpfrig wie einen Brei unter mir, umgeben von schwarzen Wänden, die man als Wälder erriet; ein Motorboot durchzogihn, lautlos und ohne Licht, anzusehen wie ein Sarg. Ich war von vielen Empfindungen quälend erregt, ich fühlte zornig, das alles hätte nicht geschehen dürfen. Was hatte dieser Tag gegeben? Ich war genötigt worden, hassenswert tiefe Blicke in einen Menschen zu tun, den ich verehrt hatte, und ein großes Kunstwerk war mir auf immer zerstört worden. Denn stets würden, das war schon jetzt gewiß, die drohenden Augen des leidenden Gottes Aphrodites lächelndes Antlitz durchlöchern, und seine Wunden würden auf ihren Händen bluten. Ich war um etwas sehr Geliebtes ärmer.

Plötzlich sagte Klaus Manth mit ganz veränderter und beherrschter Stimme: »Gehen wir hinunter? Bleiben Sie bitte für den Abend bei mir, ich muß mich doch ein wenig heiterer zeigen, an meinem Geburtstage. Schließen Sie die Augen, ich mache Licht.« Die Helligkeit schlug um unsere geschlossenen Lider, dann öffneten wir sie und folgten geblendet unserem Wirt. Plötzlich erschrak ich ohne zunächst zu wissen worüber. Es war mir, als tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht vor meinenschmerzenden Augen auf: Oswald Saach. Ich zitterte. Aber er war ja tot! Und dann begriff ich – man brauchte wirklich Zeit, sich an das Licht zu gewöhnen – vor mir hing, rahmenlos an die Wand genagelt, eine Kohleskizze über das bäurisch bedeutende Gesicht des Musikers. Ich hielt Walter zurück, indem ich selbst stehenblieb: der Kopf brannte vor Lebendigkeit und war dennoch ein einfacher Umriß und einige wesentliche Linien. Die trotzig geworfenen Lippen waren nahe am Reden, und die Augen, schwarze unbestimmte Schattenflecke, glühten mich an … Ich stand und schaute. Ein Mensch hat soviel Kunst in sich, dachte ich dann bitter, und bleibt dennoch ein Krüppel und Fragmentarier. Manth drehte sich um, sah wo wir standen und kommentierte mit gleichgültiger Stimme:

»Die erste Studie zu dem Porträt – Sie wissen. Trauriges Ende, ja. – Ich darf also das Abendbrot bestellen, nicht wahr?« Ich machte Einwände, aber Walter sah mich bittend an, und so gab ich nach und ging mit ihm, um meine Mutterzu benachrichtigen. Als wir allein vor dem blanken und schwarzen Apparat standen, sagte er, ehe ich den Hörer nahm:

»Der arme Mensch. Was er gelitten hat –«

»Ja«, antwortete ich, »was mag er gelitten haben« … Aber ich dachte an Oswald dabei, nicht an den kleinen Maler.

»Und all das um Gebilde, die uns ergötzen.«

Ich sah ihn an: Lieber, Liebster, ich sage dir oft die Wahrheit, aber nicht immer, nicht über alles … und ich liebe dich dennoch … Aber schweigen wir von Oswald – es wäre töricht, nicht? Glücklicherweise bereute ich meine Abwesenheit, ehe er sie bemerken konnte. Er war eigentlich sehr durchtränkt von dem Erlebnis dieser Stunde. Ich wußte nicht mehr, was er eben gesagt hatte.

»Du bist ziemlich damit beschäftigt?« fragte ich daher.

»Wie du. Ich sah es an deinem Aufspringen und fühlte es im Drucke deiner Hand vorhin.« Offenbar hatte er mich gründlich mißdeutet … Aber was besagte das? Man brauchte den Irrtumnicht zu berichtigen. Es hätte ihm wehe getan. Aber ganz schweigen konnte ich dennoch nicht. Ich fragte zaghaft, mädchenhaft:

»Wäre aber alles das nicht besser verschwiegen geblieben?«

»Verschwiegen? Das erschütternde Bekenntnis eines solchen Menschen?«

»Ja,« sagte ich einfach. »Mein Lieblingswerk ist mir dadurch ferngerückt und neu, fremd geworden. Ich werde einen Monat brauchen, mich wieder daran zu gewöhnen, daran, und an den Schöpfer auch.« Aber daß ich mich schämte für den Mann, der mir jetzt gelassen und nun gewissermaßen nackt beim Essen im hellen Lichte gegenüber sitzen wollte, das mochte ich nicht sagen.

»Bist du nicht ein bißchen ungerecht, kleine Claudia?« fragte er sogleich in zärtlichem Vorwurf; ich aber, ohne jede Pause: »Du, Walter, bist lasterhaft gerecht –« und ich schloß mutwillig: »Ich behellige auch niemand mit Innenleben – nicht einmal dich.«

Er legte lächelnd seine Hand auf die meine:»Dafür ist er ein Künstler und wir simple Bürgersleute, die bei der Kunst zu Gaste gehn.«

»Um so schlimmer,« gab ich zurück, »so soll er sich mit dem begnügen, was seine Werke gestehn; das ist immer noch genug.«

»Im Grunde fühlst du, glaube ich, was ich hier fühle. Sind wir einig, du?« Ich nahm den Hörer auf und log: »Vielleicht.«


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