Die Denkmalsbuben von Schwipperlingen.
Wenn die Oberheudorfer Buben und Mädel gar so stolz und aufgebläht von ihren Stadtbesuchen sprachen, dann sagte wohl Schuster Pechdraht, der gern ein wenig neckte: »Aber in Schwipperlingen waret ihr doch noch nicht.«
Das stimmte. In Schwipperlingen war noch keins der Kinder gewesen, und dann ärgerten sie sich jedesmal, wenn es der Schuster sagte. Das Städtchen lag nicht viel weiter von Oberheudorf entfernt als Feldburg, aber der Weg dahin war etwas beschwerlicher. Außerdem gingen die Oberheudorfer seit vielen Jahren nach Feldburg, denn Schwipperlingen hatte früher einem andern Fürstentum angehört, und die ältesten Leute sagten noch immer: »Schwipperlingen liegt im Ausland.«
An einem Samstagnachmittag nun marschierten etliche Buben und Mädel an des Schusters Haus vorbei und machten so viel Geschrei und Geträtsch, daß der Schuster zum Fenster hinaussah und ein bißchen ärgerlich sagte: »Na, was habt ihr denn wieder?«
»Anton Friedlich und der dicke Friede verreisen,« schrieen etliche Buben.
»Verreisen? So, wohin denn? Was haben denn dumme Buben zu verreisen?«
»Nach Schwipperlingen geht's,« rief Anton Friedlich keck, den die dummen Buben erbosten.
Die andern Kinder lachten, und Schuster Pechdraht ärgerte sich über die Antwort. Er klappte das Fenster zu und schalt: »In Schwipperlingen können sie euch gar nicht gebrauchen.«
»Jetzt hat er's! Warum neckt er uns immer,« rief Anton Friedlich stolz.
»Am Ende denkt er gar, ihr geht nach Schwipperlingen,« kicherte Schulzens Röse, und das kam allen so komisch vor, daß sie zusammen in ein lautes Gelächter ausbrachen.
Anton Friedlich sollte im Forsthaus Hirschsprung seine Muhme, seines Vaters Schwester, besuchen, und da diese Muhme auch des dicken Friedes Muhme war, durfte der mit. Bis zu dem Forsthaus hatten sie etwa zwei Stunden zu gehen, und da sie dort übernachten durften, machten sie natürlich eine Reise. Wenn einer aber eine Reise macht, geben ihm gute Freunde bis zum Bahnhof das Geleit. Da es in Oberheudorf aber keinen Bahnhof gab, liefen die Kinder wenigstens bis zum Kuhberger Walde mit. Dort wurde Abschied genommen, und der dicke Friede seufzte dabei schwer.
»Warum stöhnste denn?« forschte Annchen Amsee.
»Ich mag nich verreisen,« brummte Friede.
»Komm nur, Dicker,« redete Anton Friedlich zu, dem es allein zu langweilig war. »Komm, wir gehen nach Schwipperlingen.«
»Fein, nach Schwipperlingen!« riefen alle, und Heine Peterle sagte: »Na, dann möchte Schuster Pechdraht aber staunen, puh! Viel Vergnügen in Schwipperlingen!«
Lachend trennten sich die Kinder, und der dicke Friede sah den Zurückbleibenden noch ein Weilchen sehnsüchtignach. Er hatte wirklich keine große Lust, die Muhme zu besuchen.
»Nach Schwipperlingen gingste wohl lieber?« fragte Anton neckend.
»Freilich, gleich,« knurrte Friede.
Anton Friedlich blieb stehen. Lust zu dummen Streichen hatte er allemal, und plötzlich erschien es ihm sehr lustig, sehr verlockend, nach Schwipperlingen zu gehen. Warum eigentlich nicht? Wenn er nicht kam, würde sich die Muhme nicht sorgen, denn sie wußte nichts von dem Besuch. Und daheim dachten sie, er sei im Forsthaus. »Du, Dicker,« sagte er atemlos vor Aufregung, »komm, wir beide gehen jetzt nach Schwipperlingen!«
Der dicke Friede blieb stehen und sah den Vetter verdutzt an. Meinte der es ernst? Aber Anton meinte es wirklich ernst. »Komm,« drängte er, »erst gehen wir nach Schwipperlingen und morgen früh zur Muhme. Du, dann sind wir zuerst in Schwipperlingen gewesen. Paß auf, dort ist's gar noch feiner als in Feldburg!«
Friede seufzte und dachte nach. »Hm – aber wenn wir Hunger kriegen!«
»Oh, ich hab' Kuchen mit.« Anton Friedlich schwenkte ein rotes Taschentuchbündel. Der Kuchen war zwar für die Muhme bestimmt, aber der Bube dachte leichtsinnig: »Alles essen wir ja nicht auf.«
Friede war einverstanden und sagte vergnügt: »Na, die werden staunen!«
»Hoi,« schrie Anton begeistert, »und wir tun uns aber nachher! Und vielleicht hat Schwipperlingen auch ein Schloß.«
»Oder zwei Schlösser, und vielleicht ist gerade Vogelschießen dort,« orakelte der dicke Friede. Er fing an, schnell zu laufen. Jetzt freute ihn die Reise erst recht.
Der Weg ging bergauf und bergabwärts wie alle Wege von Oberheudorf aus. Lange wanderten die Buben durch den Wald, der in seiner frühlingsfrischen Pracht wunderschön war; aber dafür hatten die Buben keinen Sinn an diesem Tag. Sie redeten nur von Schwipperlingen. Wenn sich ein grünes Tälchen vor ihnen auftat und ein kleiner Bach glucksend an ihnen vorbeirann, dachten sie an Schwipperlingen, und wenn sie einen Berg hinaufstiegen, sagten sie zueinander: »Vielleicht sehen wir bald Schwipperlingen liegen.«
So rasch fanden die Bubenbeine aber doch nicht den Weg in das Städtchen. Er dehnte sich gar lang, und da die Wegweiser selten waren, machten die Wanderer auch manchen Umweg. Antons Kuchenbündel wurde immer leichter, und doch behauptete Friede ein paarmal: »Ich habe Hunger!« Er sagte auch: »Ich bin müde,« und Anton Friedlich sagte ihm das nach. Da rasteten sie denn am Wege, und es wäre ihnen rechtlieb gewesen, wenn jemand sie nach Schwipperlingen gefahren hätte. Ein Bauer kam auch mit einem leeren Wagen an. Der fragte aber so genau nach dem »Woher« und »Wohin«, daß es den beiden Ausreißern himmelangst wurde, und darum antworteten sie auf seine Frage: »Wollt ihr mit?« rasch: »Nä, danke schön, wir gehen lieber.«
Das kam dem Bauern seltsam vor, und er forschte: »Was habt ihr denn in Schwipperlingen zu tun?«
»Du, Friede,« tuschelte Anton Friedlich, »komm, wir reißen aus!«
Friede, dem es ohnehin bänglich zumute war, nickte: »Ja, komm!« Und heidi – sprangen alle beide auf und rasten davon.
»Holla, heda, was soll das?« schrie der Bauer ihnen überrascht nach, aber er konnte viel rufen; die beiden liefen in schnellstem Lauf in den nahen Wald hinein.
»Die haben was angestellt,« dachte er und schaute sich um. Da sah er ein rotes Bündel im Grase liegen. Anton Friedlich hatte das Kuchenbündel vergessen. »Na wartet,« brummte das Bäuerlein, »das sollt ihr suchen, ihr Schelme. Wer weiß, wo ihr das hergenommen habt!« Er trug das Bündel in seinen Wagen und fuhr von dannen, und zwei paar Bubenaugen sahen ihm aus dem Walde traurig nach.
»Er nimmt's mit,« schluchzte der dicke Friede. »Oh, ich hab' solchen Hunger!«
»Schrei nich,« tröstete Anton Friedlich. »Ich hab' zwei Groschen; da können wir uns in Schwipperlingen sattessen.«
»Wenn's nur nicht so weit wäre,« seufzte der dicke Friede. Er trabte aber doch tapfer der Stadt zu, von der jetzt die ersten Türme in der Ferne aufstiegen. Die beiden gingen sehr vorsichtig auf dem schmalen Fußweg entlang; sie sahen sich ängstlich nach allen Seiten um, ja sogar in die Kirschbäume am Wege sahen sie hinauf, ob sich nicht etwa der Bauer mit seinem Wagen auf einen Baum gesetzt hätte. Zu dumm war es; aber immer redete da leise und eindringlich eine Stimme in den Herzen der Buben: »Wärt ihr nur zur Muhme gegangen, ihr seid auf falschem Wege.« Keiner wollte es dem andern sagen, wie unbehaglich es ihm eigentlich zumute war, und namentlich Anton Friedlich redete immer laut und dreist von der Stadt. Friede war stiller und bedrückter.
Der Frühlingstag war schon müde geworden, und der Abend stand da, bereit, ihn in seine Arme zu nehmen, da gelangten die beiden endlich nach Schwipperlingen. Die kleine Stadt schmiegte sich in ein enges Tal, und da sie nicht Platz darin hatte, waren kleine Häuser und ein paar helle Villen zu beiden Seiten die Berge hinaufgelaufen.Wie Feldburg hatte auch Schwipperlingen noch alte Häuser und Mauerreste aus vergangenen Zeiten, und zwei Kirchtürme, der eine spitz und schlank, der andere rund und dick, ragten aus dem Häusergewirr auf; von einem Schloß war nichts zu sehen. Dafür sahen die Buben aber etwas anderes, was ihnen so seltsam festlich und feierlich vorkam, daß sie erst zögerten, in die Stadt hineinzugehen. Die Häuser waren mit bunten Fahnen geschmückt, die im Abendwind lustig flatterten. Dazu hingen Kränze und Girlanden von den Fenstern herab, und über ein paar Straßen waren grüne Bogen gespannt. Wer an diesem Frühlingsabend in Schwipperlingen gesund und lustig war, der wanderte durch die Straßen und freute sich mit den andern an dem heiteren Schmuck, und so zogen durch die sonst so stillen Straßen ganze Scharen froher, lachender und singender Menschen. Den beiden Dorfbuben gefiel das sehr gut, und eine Weile vergaßen sie Müdigkeit und Angst, so viel gab es zu schauen.
»Siehste,« sagte Anton Friedlich stolz, »sie haben Vogelschießen, fein, nich?«
»Jaaah.« Friede fuhr nachdenklich mit der Hand in seine Hosentasche. »Du,« brummelte er, »wir haben aber kein Geld!«
Anton erschrak. Ja freilich, zum Vogelschießen gehört Geld, und er hatte nur zwanzig Pfennig, und –Hunger hatte er auch. »Wenn wir nur den Kuchen hätten!« seufzte er.
»Da – – ist der Bauer.« Friede stieß plötzlich den Vetter an. Richtig, da hielt der Bauer vor einem Hause und sprach mit einem Mann.
»Er sieht uns nicht,« flüsterte Anton; aber gerade da wendete sich der Bauer um und schaute dorthin, wo die beiden Buben standen. Heisa! waren die um eine Ecke herum verschwunden, und ein paar Minuten lang liefen sie, ohne sich umzusehen durch die Straßen. Die Angst, entdeckt zu werden, trieb sie vorwärts. Aber der Bauer verfolgte sie nicht, und so blieben sie wieder stehen. Die Straße, die sie entlang gelaufen waren, mündete auf einen von Häusern umstandenen Platz. Auf dem stand in der Mitte ein großer Bretterverschlag.
»Dort bauen sie 'n Karussell,« rief Anton.
Aber Friede sah kaum hin; ihm war plötzlich etwas eingefallen. »Du,« sagte er ängstlich, »wo schlafen wir denn?«
Anton Friedlich vergaß den Bretterverschlag, die geschmückte Stadt, alles. Er blickte sich scheu um. Es war schon ziemlich dunkel geworden; nur kurze Zeit noch, dann war es Nacht. Was taten sie dann?
»Ich hab' Hunger,« klagte der dicke Friede, der mehr und mehr die Lust verlor, sich die Fahnen und Girlanden anzusehen. Die vielen, vielen Menschen aufden Straßen wurden ihm immer unheimlicher, und eine heiße Sehnsucht nach Oberheudorf packte ihn. Dort brauchte er nicht zu hungern, dort stand sein Bett, dort –
»Dort kommt er wieder,« tuschelte Anton Friedlich aufgeregt. Ein Wagen rollte die Straße entlang, und die Buben rissen aus, obgleich sie in der immer tiefer werdenden Dämmerung gar nicht erkannten, ob es der Bauer war, den sie auf der Landstraße getroffen hatten.
»Ich hab' Hunger,« klagte Friede nach einem Weilchen wieder, und der Vetter nahm trotzig seine beiden Groschen aus der Tasche und tröstete: »Wir kaufen uns was, dort ist ein Laden.« Er zog Friede mit über die Straße und blieb vor einem hellerleuchteten kleinen Laden stehen. Im Schaufenster lagen allerlei gute Dinge: Wurst, Käse, Früchte; alles sah sehr verlockend aus, und den hungrigen Buben lief das Wasser im Munde zusammen.
»So'ne Fische sind fein,« sagte Friede und deutete auf geräucherte Aale. Einmal hatte die Mutter so einen Fisch aus der Stadt mitgebracht.
Der Kaufmann öffnete seine Türe, sah die Straßen entlang, und als er die beiden Buben erblickte, fragte er: »Wollt ihr noch was kaufen, dann sputet euch. Jetzt wird zugemacht.«
»Ja, so'n Fisch,« flüsterte Anton verlegen und deutete auf den größten fetten Aal.
»Na, dann kommt nur herein. Habt ihr Geld?«
»Ja.« Stolz reichte Anton Friedlich seine Groschen hin, und Friede bewunderte heimlich des Vetters Kühnheit. Der tat auch, als wäre er schon wer weiß wie oft in der Stadt gewesen. Der Kaufmann sah die beiden Groschen an und lachte. »Das ist zu wenig, dafür bekommst du nur zwei von dieser Sorte; sind auch gut, sind sogar sehr fein.« Er wickelte zwei große Bücklinge ein und reichte sie den Buben. »Laßt's euch gut schmecken. Und nun geht, ich muß meinen Laden schließen.«
Die beiden standen draußen und wußten kaum, wie sie hinausgekommen waren. Und hinter ihnen schloß der Kaufmann rasselnd seinen Laden. »Mein Geld,« schrie Anton Friedlich erschrocken, »ich will die Fische nicht.«
Er konnte aber lange rufen, das Geschäft war zu, und niemand kümmerte sich um seine Klage. Nur ein paar Vorübergehende sahen sich nach den Buben um, und das war denen so unheimlich, daß sie weiter liefen. Sie rannten mit ihren Fischen straßauf, straßab; sie wußten nicht, wo sie sich hinsetzen und bleiben sollten. Jeder Mensch, den sie trafen, schien sie mit strengen, musternden Blicken anzusehen, und mit gesenkten Köpfen rannten sie weiter. Endlich gelangten sie wieder auf den Platz, auf dem die Bretterbude stand. Die Menschen waren inzwischen alle in ihre Häuser gegangen,und der ganze Platz lag öde und verlassen da. »Weißte was,« tuschelte Anton Friedlich, »wir kriechen in die Bude rein.«
»Hm,« knurrte der dicke Friede nur noch. Er war so müde geworden, daß er kaum noch die Augen aufhalten konnte. Stumm stolperte er hinter dem Vetter drein, und zweimal liefen sie um die Bretterbude herum, ehe sie eine lose Planke entdeckten und da hineinschlüpfen konnten. Innen war es ganz still, nichts rührte und regte sich. Wie ein Karussell sah es eigentlich nicht aus; nur in der Mitte stand ein großer verhüllter Gegenstand.
Anton guckte zaghaft unter das verhüllende Tuch und entdeckte ein paar Pferdebeine. Erst erschrak er. Da die Beine sich aber nicht bewegten und der Dorfbube vor Pferden keine Angst hatte, tippte er vorsichtig daran und fühlte, daß die Beine hart und kalt waren. »Siehste,« sagte er stolz, »das ist'n Karussell, und morgen ist Vogelschießen und –«
»Ich hab' Hunger,« seufzte Friede und aß dann schon halb schlafend den einen der teuer erkauften Fische auf. Der schmeckte ihm nicht sonderlich, und das Loch in seinem Magen füllte er auch nicht aus. Aber vor Müdigkeit vergaß er zuletzt auch seinen Hunger. Am Boden lagen ein paar leere Säcke. Sie gaben zwar ein hartes Lager ab, es war aber doch ein Lager.Die Buben dachten nicht mehr weiter darüber nach, was morgen sein würde; sie streckten sich aus und schliefen schon ein, während sie sich noch reckten und dehnten. Über ihnen summte und surrte von Stunde zu Stunde laut eine große Kirchenglocke, aber die beiden wachten davon nicht auf, sie schliefen auf ihrem harten Lager bis zum lichten Morgen.
Anton Friedlich wachte zuerst auf. Ganz deutlich hatte er laute Stimmen neben sich vernommen. Schlaftrunken rieb er sich die Augen, und erst allmählich fiel ihm ein, daß er ja in Schwipperlingen war und nicht daheim. Der dicke Friede schnarchte noch mit offenem Munde, und Anton wollte ihn gerade mit lautem Zuruf wecken, als in allernächster Nähe eine Stimme sagte: »Jetzt schnell runter mit dem Gerüst, damit Ordnung wird.« Und krach schlug es an die Bretterplanke.
»Friede,« flüsterte Anton ängstlich, »komm, sie hauen 's Karussell ab.«
Friede richtete sich auf und sah sich schlaftrunken um. Da krachte es wieder auf der andern Seite, und mit Getöse fiel die halbe Wand um. »Hier unters Tuch!« wisperte Anton leise. Er zog den Vetter rasch mit sich, und beide schlüpften unter die Leinwand. Gerade zur rechten Zeit. Wieder fiel eine Planke um, und durch einen Ritz sah Anton ein paar Männer, die eifrig daran gingen, das ganze Holzgerüst einzureißen. »Ih, das istdoch aber abscheulich,« sagte der eine plötzlich laut und zornig. »Was ist das! Hier hat jemand Fischköpfe und Gräten hingeworfen. Na, den sollte ich erwischen, dem ging's schlecht!«
Den Buben wurde es heiß und kalt bei dieser Drohung, und ängstlich schmiegten sie sich dicht aneinander an, sie wagten kaum zu atmen. Die Männer rissen unterdessen das Brettergerüst ein, räumten Schutt und die Säcke weg und spannten ein Seil um das verhüllte Pferd. Dann fingen die Kirchenglocken an zu dröhnen und zu singen, und Menschen eilten über den Platz der nahen Kirche zu. Ein paar sehr stattlich aussehende Polizisten kamen und schritten immer auf und ab, und wenn jemand näher kam, dann riefen sie: »Platz da, am Denkmal darf niemand stehen.«
»Bumbum, bumbum, ratata, ratara,« ertönte es auf einmal, und die Schwipperlinger Straßenbuben schrieen: »Sie kommen, sie kommen.«
»'s ist doch Vogelschießen,« flüsterte Anton dem Vetter zu. »Wenn sie jetzt mal nich hinsehen, reißen wir aus!« Aber es war wie verhext. Alle schauten immer nach dem verhüllten Ding hin; es war, als hätten sie gar nichts anders zu sehen. Durch ein paar Ritzen und Löcher konnten die Buben alles ganz gut überschauen. Eigentlich war es ein ganz feiner Platz, den sie hatten. Wenn nur Furcht und Hunger nichtgewesen wären; das waren ein paar ungute Gesellen, welche die beiden Oberheudorfer Ausreißer tüchtig zwickten und zwackten.
»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara.« Immer näher kam die Musik, und wieder schrieen die Schwipperlinger Buben: »Sie kommen, sie kommen!« Alle Hälse reckten sich, alle Augen richteten sich auf die eine breite, auf den Platz mündende Straße. Von dort her kam jetzt ein langer Zug, weißgekleidete Mädchen voran, dann viele Männer, die Fahnen trugen, Musikanten, dann eine Anzahl Buben in einer wunderlichen Tracht, und alle diese Leute stellten sich in einem großen Halbkreis auf, und aus ihrer Mitte schritt ein Herr heraus und trat auf das verhüllte Ding zu.
»Der kriecht auch hier unter,« tuschelte Anton aufgeregt. Aber das tat der Herr nun nicht. Er stellte sich auf einen hohen mit Girlanden und buntem Tuch geschmückten Block, die Musik machte noch einmal »ratabum ratara,« dann war alles still. Nur der Herr auf dem Block sprach. Er erzählte eine Geschichte, gerade so eine Geschichte, wie sie manchmal in Oberheudorf der Herr Lehrer erzählte. Da wurde einmal in Schwipperlingen ein Mann geboren, der später ein gar berühmter Feldherr geworden war. Den Buben in ihrem Versteck schlug ordentlich das Herz, als der Herr von den Heldentaten dieses Mannes erzählte. Inschweren Zeiten der Not hatte der treu und fest zu seinem Vaterland gestanden, und noch heute lebte sein Andenken in aller Herzen. »Und dieser Mann war ein Schwipperlinger,« rief der schwarzgekleidete Herr, »er lebt noch in unseren Herzen, aber wir wollen auch immer sein Bild vor Augen haben. Schwipperlingen ehrt seinen großen Sohn. Heute an dem Tag, an dem er vor 150 Jahren in dieser Stadt geboren wurde, falle die Hülle von seinem Denkmal!«
»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara,« fiel die Musik ein. Ein paar Männer zogen, und klatsch – fielen die Hüllen vom Denkmal.
»Ah,« riefen alle, und dann ertönte jäh ein einziger lauter Schrei des Entsetzens. Totenbleich lehnten rechts und links an dem Pferde des großen Feldherrn die beiden Oberheudorfer Buben.
»So eine Frechheit! Unerhört!« brüllten ein paar hundert Stimmen, und der Herr, der die Rede gehalten hatte, drehte sich erschrocken um. Dabei verlor er das Gleichgewicht und purzelte von seinem hohen Kasten herunter. »Was ist das, was ist das?« rief er.
»Eine Frechheit, eine Frechheit!« riefen die Zuschauer.
»Ein Hinfall,« schrie einer, der gern Witze machte.
Aber schon waren ein paar Polizisten herzugesprungen. Der eine faßte Anton, der andere Friedeam Kragen, und die beiden wurden unter johlendem Geschrei von dem Denkmal weggezogen.
»Haue müssen sie haben,« rief jemand, und gleich schrieen zwanzig, dreißig Stimmen nach: »Haue müssen sie haben.«
»Bumbum, bumratabum, ratara,« fiel die Musik wieder ein. Der Dirigent hatte gar nichts von den Buben gesehen; er dachte nur, jetzt ist es Zeit, daß ich mal wieder eins blasen lasse.
»Hurra, hurra, hurra,« brüllte die Menge. Hüte und Tücher wurden geschwenkt. Dazwischen riefen wiederetliche: »Die frechen Buben müssen tüchtig verhauen werden.«
»Schwipperlinger sind's nicht, die tun nie so was,« kreischten ein paar Stimmen. »Wer weiß, wo die her sind!«
Anton und Friede waren halbtot vor Angst, als sie von den Polizisten weggeschleppt wurden. Sie sahen viele Augen drohend auf sich gerichtet und meinten, alle diese Menschen wollten sie schlagen. Das Schreien, die Musik, das ganze wilde Getöse verwirrte sie so, daß sie sich ziehen und schubsen ließen und keinen Laut von sich gaben. Die Polizisten kamen aber auch schwer mit ihnen durch das Gedränge. Viele Zuschauer dachten gar nicht mehr an das Denkmal, an den Festzug und die schöne Rede. Die Frage, woher eigentlich die beiden Buben gekommen waren, erschien ihnen viel wichtiger. Namentlich alle Schwipperlinger Straßenjungen hatten das allergrößte Interesse an Friede und Anton. Sie liefen immer hinterdrein und jauchzten: »Das sind die Enthüllten, das sind die Denkmalsjungen, hurra, die Denkmalsbuben!«
Endlich war die Polizeiwache erreicht, und ein gestrenger Oberwachtmeister empfing die Missetäter. Er sah sie drohend an und fragte barsch: »Warum habt ihr euch an das Denkmal gesetzt?«
»Weil – weil – weil – wir – dachten – 'swär 'n Karussell,« schluchzte Anton Friedlich. Der dicke Friede sagte gar nichts, der heulte nur.
»Ein – Karussell?« Der Oberwachtmeister sah die Polizisten an. Er tippte mit der Hand an die Stirn, und die Polizisten nickten. Ja, es schien ihnen auch so, als wären die Buben nicht recht bei Verstand.
»Hm.« Der Oberwachtmeister wurde freundlicher. »Woher seid ihr denn?«
»Mit Verlaub, ich glaube, die sind irgendwo ausgerissen,« rief da eine Stimme. Der Bauer, dem die Buben am Tage vorher begegnet waren, hatte die Wachtstube betreten. In der Hand hielt er Antons rotes Kuchenbündel. »Das da haben sie liegen lassen, und so was läßt doch nur einer liegen, der ein schlechtes Gewissen hat!«
»Ich hab' Hunger,« schrie der dicke Friede plötzlich aufgeregt beim Anblick des Kuchenbündels, und »knurrrknurrr« knurrte sein Mäglein so laut, daß sich alle in der Wachtstube erstaunt ansahen. So etwas hatten sie noch gar nicht gehört.
»Potzwetter ja,« rief der Oberwachtmeister, »Hunger hat der Bube anscheinend wirklich.« Dann fiel ihm etwas ein. Er schüttelte Friede an den Schultern und sagte streng: »Jetzt erzählst du mir alles, woher ihr kommt, warum ihr an dem Denkmal gesessen seid, und wenn du in fünf Minuten fertig bist und nicht dabeiheulst wie ein Schloßhund, bekommst du eine Butterschnitte.«
Das war ein Wort! Hätte der Wachtmeister dem Buben eine goldene Königskrone versprochen, das Erzählen wäre nicht so fix gegangen. Aber die Sehnsucht nach der Butterschnitte war riesengroß, und der dicke Friede wurde darüber ordentlich gesprächig. In drei Minuten wußten sie in der Wachtstube alles, selbst den Fischkauf verschwieg Friede nicht, und daß sie gedacht hätten, es wäre Vogelschießen, und das Denkmal sei ein Karussell.
»Ihr wißt wohl gar nicht, was ein Denkmal ist?« fragte der Oberwachtmeister kopfschüttelnd.
»Nä,« sagte Friede treuherzig, »in Oberheudorf ist so was nich!«
»Das glaube ich!« Der Herr Oberwachtmeister lächelte. »Oberheudorf und Schwipperlingen, das ist auch ein Unterschied. Also da habt ihr jeder eine Butterschnitte. 's ist mein Frühstück, aber mein Magen knurrt nicht so arg, und dann macht, daß ihr heimkommt. Eigentlich habt ihr Strafe verdient, denn ihr habt die ganze Feierlichkeit gestört. Die ausgestandene Angst ist aber auch eine Strafe gewesen. Höfer, bringen Sie die Buben an die Stadtgrenze.«
Von einem Schutzmann geleitet, aus der Stadt gebracht zu werden, war wirklich keine Ehre und keinVergnügen. Die Buben büßten auf dem Gang noch einmal bitter ihr heimliches Davonlaufen. Es war wirklich, als hätten die unnützen Schwipperlinger Buben und Mädel nichts weiter zu tun, als immer nur über die Denkmalsbuben zu spotten und zu lachen. Ach, und Schwipperlingen, das nur ein kleines Städtchen war, erschien den beiden riesengroß. Immer wieder gab es Straßen und Häuser, und die Schwipperlinger waren so schrecklich neugierig. Im allerletzten Haus noch guckte eine Frau aus dem Fenster heraus und rief: »Was haben denn die gemacht?«
»Das sind die Enthüllten, die Denkmalsbuben,« schrieen ein paar Straßenjungen, und das Wort gellte Anton und Friede noch eine ganze Weile nach, als das Städtchen schon hinter ihnen lag. Anfangs liefen sie wie ein paar Rennpferde, und erst als die Stadt ganz in der Ferne verschwunden war, setzten sie sich an den Straßenrand, aßen ihren Kuchen und redeten ganz trübselig von der Heimkehr.
»Weißte,« sagte Anton Friedlich, als er den letzten Bissen verschluckt hatte, »wir tun, als wär's furchtbar lustig gewesen. Vom dummen Denkmal sagen wir gar nichts.«
Der dicke Friede seufzte tief. Das Lustigsein erschien ihm eine schwere Arbeit. Freilich, vor dem Ausgelachtwerden fürchtete er sich auch, und so verspracher denn, er wolle ein lustiges Gesicht machen. Er probierte es schon unterwegs, bald zog er den Mund ganz breit, dann wieder lachte er laut, und ein paar Landleute, die den Buben begegneten, fragten ängstlich: »Der Dicke ist wohl krank?«
»Jetzt kannste's schon,« rief Anton Friedlich froh, als die Oberheudorfer Kirchturmspitze vor beiden auftauchte. »Paß auf, es merkt niemand was!«
Das Dorf lag im Sonntagsfrieden, als die beiden es erreichten. Alle Arbeit ruhte, und vor den Türen saßen die Erwachsenen und freuten sich an dem Sonnenschein und an dem Blühen in ihren kleinen Gärten. Um den Dorfbrunnen herum aber lärmten mal wieder die Buben und Mädel. Sie spielten Räuber und Prinzessin, und Krämers Trude saß als Prinzessin auf dem Brunnenrand und sah zu, wie sich ihre Getreuen mit den Räubern herumbalgten. Es war immer eine gefährliche Sache, als Prinzessin auf dem Brunnenrand zu sitzen. Denn schon manche Prinzessin war im stürmischen Kampf in den Trog geplumpst, und Krämers Trude sah auch ziemlich ängstlich drein und dachte: »Vielleicht plumpse ich auch.«
Just als nun die Räuber angerast kamen und die Ritter die Prinzessin verteidigen wollten, stolperten Anton Friedlich und der dicke Friede müde und matt die Dorfstraße entlang. »Da sind die feigen Ausreißer,«schrie Heine Peterle und schwenkte drohend seinen Holzpantoffel, und Schulzens Jakob stakerte mit seiner Bohnenstange in der Luft herum und brüllte, so laut er konnte: »Nieder mit den Ausreißern, nieder mit den feigen Hallunken!«
»Na, das ist doch zu frech,« schrie Anton Friedlich erbost. »Wir sind keine Hallunken, und in Schwipperlingen war's fein!« Er entriß Heine Peterle zornig den Holzpantoffel, und es hätte sicher eine Balgerei gegeben, wenn der dicke Friede nicht mutig geschrieen hätte: »Wir waren in Schwipperlingen!«
Ritter und Räuber vergaßen ihre Kampfeslust, die Prinzessin rutschte vom Brunnenrand herab, und alle umdrängten neugierig die Heimkehrenden. »Warum seid ihr in Schwipperlingen gewesen? Wie war's denn? Erzählt doch!«
Anton Friedlich war schon wieder friedlich gesinnt. Er merkte, daß Heine Peterle und Jakob ihn gar nicht gemeint hatten, und stolz begann er zu erzählen. Er schwadronierte darauf los, schwatzte von den Schönheiten Schwipperlingens, und der dicke Friede riß den Mund vor Staunen weit auf. Nein, konnte der Vetter aber aufschneiden!
Wie ein paar Helden wurden die Buben geehrt. Das war noch einmal etwas: in Schwipperlingen war noch niemand von den Kindern gewesen! Ja sogardie Eltern schalten nicht so sehr. Heimlich sagte sogar Anton Friedlichs Vater zum Schulzen: »Sind doch ein paar tüchtige Buben! Laufen in eine fremde Stadt, als wär' das nichts. Ist ganz gut, wenn sie in den Städten merken, was wir Oberheudorfer für Leute sind.«
Drei Tage dauerte der Ruhm der Buben, und Anton Friedlich wurde immer kühner, immer frecher im Aufschneiden. Er wußte immer mehr von Schwipperlingen zu erzählen, und beim Heimweg umdrängten ihn stets alle Kinder neugierig. Nur von Schwipperlingen wollten sie hören, an Feldburg dachten sie kaum noch. Am dritten Tage aber, als die Kinder wieder auf der Dorfstraße lärmten, rief Schuster Pechdraht auf einmal: »Kommt her, ich will euch eine feine Geschichte vorlesen.«
Na, neugierig waren die Oberheudorfer Buben und Mädel alle, und sie überpurzelten sich beinahe, um nur rasch an das Schusterhaus zu kommen. Meister Pechdraht saß vor seiner Tür und hatte ein Zeitungsblatt in der Hand. »Stellt euch alle um mich herum; Anton Friedlich und du, dicker Friede, ihr dürft euch neben mich setzen, ihr Schwipperlinger Helden ihr.«
Die beiden lachten stolz und blähten sich ordentlich auf; die andern sahen sie ganz ehrfürchtig an. Auch ein paar Mägde kamen angelaufen, selbst der Schulze und der Waldbauer, die gerade vorbeikamen, blieben stehen und fragten: »Was gibt's denn?«
»Hört nur zu, eine feine Geschichte gibt's,« sagte Meister Pechdraht und lachte so recht spöttisch; dann las er laut: »Die Denkmalsenthüllung in Schwipperlingen.« Nun bekamen der Anton und der Friede auf einmal rote Köpfe. Aber der Schuster schien das gar nicht zu merken, er las laut, wie man in Schwipperlingen die Stadt geschmückt hatte; die Rede des Bürgermeisters kam und dann – oh, wäre doch ein Mauseloch dagewesen für die beiden Schwipperlinger Helden. Da stand alles, ihre ganze Leidensgeschichte war berichtet worden, und zuletzt hieß es: »Hoffentlich sind die Oberheudorfer Buben nicht alle so dumm wie diese beiden.«
»Nä!« schrieen sämtliche Kinder entrüstet. Der Schulze aber schalt wütend: »Potzwetter, ihr Buben, was habt ihr angerichtet! Ihr bringt ja unser ganzes Dorf in Verruf. Na, wartet nur!«
Die beiden warteten aber nicht. Und so wütend die Kinder auf sie waren, durchschlüpfen ließen sie die Missetäter doch. Dann rannten freilich sämtliche Buben und Mädel hinter ihnen her und spotteten: »War's fein in Schwipperlingen? Erzählt doch von Schwipperlingen! Ha, die Denkmalsbuben!«
Die beiden hatten keine guten Tage, und sie wurden sehr kleinlaut und bescheiden in dieser Zeit. Wenn jetzt einer nur »Schwipp« sagte, dann huschten sie schon geschwind um die nächste Ecke herum. Aber auch dieandern Kinder wollen nichts von Schwipperlingen wissen, und Schuster Pechdraht kann zehnmal sagen: »Aber in Schwipperlingen waret ihr doch nicht,« sie machten sich nichts daraus, sie schrieen nur: »Nach Schwipperlingen gehen wir nicht, schwipp, schwapp, Feldburg ist besser!«