Eine Stadtfahrt.

Eine Stadtfahrt.

Traumfriede war schon eine Woche fort, als die Oberheudorfer Kinder ganz unerwartet eine große Freude hatten; der Lehrer sagte ihnen nämlich am Schluß der Stunde: »Kinder, morgen habt ihr frei.«

Dies klang allen so überraschend, daß sie mäuschenstill saßen und den Herrn Lehrer nur mit großen Augen verwundert ansahen. Der fragte: »Ihr freut euch wohl nicht? Das ist nett von euch!«

»O ja,« brüllten alle geschwind, und plötzlich war es, als wäre der Sturm in die Klasse hineingesaust. Die Kinder drehten sich auf ihren Plätzen um, nickten und winkten hierhin und dorthin, lachten und tuschelten, und die Buben- und Mädelbeine zappelten wie gefangene Fische im Netz.

Der Lehrer lächelte ein wenig: »Es waren doch erst Ferien!«

»Och, das ist ja schon furchtbar lange her,« riefen ein paar Buben; es klang, als wäre Ostern vor hundert Jahren und nicht vor vierzehn Tagen gewesen.

»Na, dann geht mal heim und seid hübsch brav morgen. Ich muß mit dem Herrn Pfarrer nach Tannenroda;es ist eine wichtige Sache, die sich nicht aufschieben läßt, es tut mir leid genug.«

Die Kinder hörten wohl, was der Herr Lehrer sagte, ihre Gedanken waren aber sehr wenig dabei, und Schulzens Jakob erzählte nachher daheim: Der Herr Lehrer müßte den Herrn Pfarrer nach Tannenroda schieben, und das wäre sehr wichtig. Die Buben und Mädel dachten nun daran, wie sie den schulfreien Tag recht vergnügt verleben könnten, sie machten Pläne, als wäre der eine Tag so lang wie die Sommerferien.

Wie etliche Buben und Mädel so schwatzend die Dorfstraße entlang gingen, trafen sie Friede Hopserling, den Müllerknecht. Mit dem waren sie immer gut Freund, und ihm erzählten sie auch gleich, daß morgen schulfrei sei. »Na, dann besucht doch den Friede in Feldburg,« riet der Knecht.

»Friede besuchen!« Die Kinder sahen sich an. Fein wäre das schon, aber Feldburg war arg weit, und ob sie durften?

»Macht's so. Ich fahre früh hin mit Säcken und nachmittags leer heim; zurück nehme ich euch mit, hin müßt ihr laufen. Fein, was?« Friede Hopserling grinste die Kinder an wie ein lachendes Kasperle vom Vogelschießen, die Buben und Mädel grinsten wieder, und auf einmal schrieen sie alle: »Ich will mit, ich auch, ich auch!«

Friede Hopserling übersah die Schar, schüttelte den Kopf, zählte an seinen Fingern ab und brummte endlich: »Vier, mehr nicht.«

»Ich, ich, ich, nein ich, lieber ich, nimm mich mit!« Jedes rief, jedes bat, aber der Knecht schüttelte den Kopf. »Geht nicht, vier, sonst haben's die Pferde zu schwer.«

Er trat zur Seite, maß nachdenklich den ziemlich breiten Straßengraben mit seinen Blicken und sagte dann: »Wer am besten springt, darf mit.« Er selbst sprang hinüber, zog drüben einen Strich, kam zurück und stellte sich an einen Meilenstein. »Einer nach dem andern, – wer fängt an?«

Die Kinder gehorchten, das Springen erschien ihnen zu lustig, und jedes hoffte: »Ich erreich's.« Anton Friedlich hatte sich vorgedrängt: »Ich will anfangen, ich spring' am besten.«

»Na los!« rief Friede Hopserling, und plumps lag Anton auch schon im Graben. »Mit 'nem großem Maul springt man nicht,« lachte der Knecht. »Schulzens Jakob spring!«

Der sprang und kam richtig über den Strich. Seine Schwester Röse, die es ihm nachmachen wollte, fiel aber in den Graben, dort bekam sie gleich Gesellschaft vom blauen Friede, und noch waren sie beide nicht herausgekrabbelt, da plumpste ihnen schon Bäckermeisters Mariele nach.

»Es ist zu weit,« riefen ein paar Kinder; Friede Hopserling erwiderte aber gelassen: »Wer nicht gut springt, kann vielleicht nicht gut laufen, und wer nach der Stadt will, muß gut laufen können, basta!«

Hopsa, da war Schnipfelbauers Fritz drüben, der dicke Friede sprang ihm nach, und klatsch, lag er im Graben.

»Jetzt muß Heine Peterle springen,« riefen ein paar Stimmen. Heine Peterle aber stand unentschlossen da. Wenn er gut sprang, mußte er mit in die Stadt, und eigentlich wollte er doch nicht, hatte gesagt, er würde nie mehr in die Stadt gehen.

»He, der Heine Peterle, der Städter, mag nicht in die Stadt,« neckte Friede Hopserling, »er fürchtet sich.«

»Nä,« rief Heine Peterle patzig, »pah, vor derStadt fürchten!« und hops war er drüben, sogar noch ein Stück über den Strich war er gesprungen.

»Mädel können nicht springen,« höhnte Anton Friedlich, als Krämers Trude in den Graben sank.

»Das ist frech, hast auch drin gelegen!« Annchen Amsee reckte sich, nahm eilig einen ihrer braunen Bummelzöpfe in den Mund und sauste so geschwind über den Graben, daß sie drüben gleich Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz umriß.

»So nun sind's vier,« sagte Friede Hopserling, »weil Annchen am besten gesprungen ist, darf sie sich noch ein Mädel aussuchen. Ein Mädel ist leicht, das ziehen meine Pferde noch.«

»Mariandel,« rief Annchen Amsee geschwind und lief auf das schüchterne blonde Dirnchen zu, das es gar nicht gewagt hatte, zu springen. »Du mußt mit, über dich freut sich der Friede am meisten.«

»Nä, über mich, an mich hat er geschrieben,« beharrte Heine Peterle, und die andern widersprachen ihm nicht. Sie redeten schon eifrig von der Fahrt, und ob es die Eltern erlauben würden. Doch die waren gut und sagten nicht nein; wenn Friede Hopserling die Kinder unter seinen Schutz nahm, dann waren sie wohl geborgen.

Es gab an diesem Nachmittag viel Aufregung im Dorf. Die Kinder liefen dahin und dorthin, um vonihrer Stadtfahrt zu erzählen, und jeder gab ihnen gute Ratschläge. Kaspar auf dem Berge sagte: »Nehmt ein Huhn mit, die Dame – denn das ist sie –, sie hat's gesagt, will immer ein Huhn haben!«

Da rannten die Kinder und flehten ihre Mütter an, sie sollten ihnen ein Huhn schenken, und die Mütter sagten, so was wäre Unsinn, dann sollten sie lieber daheim bleiben. Endlich, als das Bitten gar nicht nachließ, gab Heine Peterles Mutter wirklich ein Huhn her, eins, das keine Eier legte, pechschwarz und so unnütz war, daß man es im ganzen Dorfe nur den kleinen Teufel nannte. Nachdem die Kinder das Huhn hatten, wollten sie auch Eier haben, aber da schrie Heine Peterle: »Nä, nä, mit Eiern fällt man in der Stadt immer hin!«

»Ich geb' euch für den Friede und seine Pflegeeltern Kuchen mit, und damit ist's genug, weiter wird nichts mitgenommen,« sagte die Schulzenfrau endlich, denn ihr Jakob hätte am liebsten das halbe Bauerngut mit nach der Stadt geschleppt. Muhme Lenelies kam auch und brachte einen Brief für ihren Friede. Die alte Frau freute sich über die Fahrt der Kinder am allermeisten, sie dachte nur immer: »Wie wird sich mein Friede freuen! Gewiß hat er sich schon sehr gebangt!«

Die Liebesgabe.

Die Liebesgabe.

Mit viel Geschwätz, Geschrei, mit großer Wichtigkeit und Eile brachen die fünf Reisenden am nächstenMorgen auf. Auf dem Dorfplatz am Brunnen trafen sie sich und taten, als wollten sie miteinander eine Reise um die Welt machen. Der Abschied war auch danach. Annchen Amsee und Mariandel weinten ein bißchen, und die Buben sahen so grimmig drein, als wollten sie in der Stadt die größten Heldentaten verrichten. Jedes trug ein rotgemustertes Taschentuch zu einem Eßbündelchen zusammengebunden, und jedes fand das überflüssig, nur Heine Peterle nicht, der sagte: »In der Stadt ist's komisch, ich hab' dort nischt zu essen gekriegt.« Sein Bündelchen war auch am dicksten, und seine Mutter meinte bedenklich: »Das ist zu viel, du wirst ja krank!«

»Nä,« rief Heine Peterle vergnügt, »vom Essen nie!« Und pfeifend zog er mit seinem Bündel neben den Gefährten her, er kam sich so ungeheuer klug und erfahren vor; er war doch schon einmal in der Stadt gewesen, und gewiß würden sie in der Stadt sehr staunen, daß Heine Peterle aus Oberheudorf wieder einmal kam.

Fräulein Wunderlich hatte an diesem Tag »Rumpelkammerlaune«, wie das Mädchen Marie es nannte. Diese Laune hatte sie jetzt freilich immer, und ob es draußen regnete oder die Sonne schien, immer ging das Fräulein mit einem brummigen Gesicht einher. »Seit sie den Jungen aus Oberheudorf rausgeschmissen hat, ist's, als säße sie immer in unserer dunklen Kammer,« murrte Marie, der es gar nicht mehr im Organistenhausgefiel. Sie sah dann auch nicht gerade wie Frühlingswetter aus, als sie an diesem Tage die Fenster blank putzte. Der Johannesplan lag still und einsam da, das Gymnasium hatte schon begonnen, und kein grünbemützter Bube rannte mehr über den Platz. Nur am andern Ende spielten ein paar kleine Kinder Kreisel; manchmal drang ihr lustiges Lachen zu Marie hinüber, dann erhellte sich deren Gesicht immer ein bißchen, denn sie hatte alle Kinder lieb. In dem großen Garten des Nachbarhauses war auch alles still, und Marie dachte, wie schon so oft in diesen Tagen: »Rein wie verschwunden ist der Junge, nicht mal sehen tue ich ihn.« Sie ahnte nicht, daß Friede stets durch eine kleine Seitentüre am andern Gartenende das Haus verließ und um die Kirche herumlief, nur um nicht am Organistenhaus vorbei zu müssen. So hatte er es auch an diesem Tage gemacht, an dem er wieder wie immer mit schwerem Herzen in die Schule lief. Einsam saß er unter seinen Genossen, er sprach mit keinem, ging allen scheu aus dem Wege, aber oft genug gellte der spottende Ruf: »Friede Pfennig aus Oberheudorf,« hinter ihm her.

Während Friede so still in der Schule saß und Marie Fenster putzte, klippten und klappten auf einmal fünf Paar Kinderbeine laut über das Pflaster des Kirchplatzes. Marie bog sich aus dem Fenster und schaute erstaunt die Buben und Mädel an, die daeinherkamen. »Na, die sind doch nicht von hier,« dachte sie lächelnd; die fünf hatten sich so fein gemacht und sahen so stolz und vergnügt drein, als wollten sie den ganzen Johannesplan kaufen. »Du meine Güte,« rief Marie erstaunt, »sie kommen zu uns!«

Wirklich kamen die Kinder auf das Organistenhaus zu. Einer der Buben streckte die Hand aus: »Dort ist's,« und ein Mädel rief eifrig: »Es steht Wunderlich dran, ich kann's lesen.«

»Ich will klingeln.« Heine Peterle drängte sich vor und drückte sehr kräftig auf den weißen Knopf; oh, er wußte schon Bescheid mit dem städtischen Klingeln!

Ehe Marie noch voller Erstaunen von dem Fensterbrett heruntergeklettert war, lief Fräulein Wunderlich schon ärgerlich herbei, um zu öffnen. Es hatte den ganzen Tag noch nicht einmal geklingelt, und doch schalt sie: »Man hat auch nicht fünf Minuten Ruhe.« Sie riß die Türe auf und schaute verdutzt auf die Buben und Mädel draußen, die sie halb neugierig, halb verlegen anstarrten. Nur ein Bube trat eiligst vor, verbeugte sich sehr tief und schrie das Fräulein an, als wäre sie taub: »Wir sind da, weil der Friede mich eingeladen hat und – und –«

Annchen Amsee trug das schwarze Huhn, das den Kindern unterwegs schon recht unbequem gewesen war; es wollte sich durchaus nicht ruhig tragen lassen, zappelteimmer hin und her und benahm sich recht wie ein kleiner Teufel. Annchen hatte es noch am längsten tragen können, doch jetzt war ihre Kraft und die Geduld des Huhnes zu Ende; mit lautem Geschrei flog es Fräulein Wunderlich an die Nase. – »Das Huhn bringen wir mit,« vollendete Heine Peterle aufatmend.

»Ich danke schön dafür,« rief das Fräulein wütend.

»Bitte!« Annchen Amsee und Mariandel knicksten tief, sie wußten doch, daß es sich schickt, nach jedem Dank »bitte« zu sagen.

»Bitte,« brüllten es ihnen die Buben nach und verneigten sich auch. Heine Peterle aber sagte stolz: »Das ist von meiner Mutter und heißt Teufel, und Muhme Rese hat gesagt, für die Stadt wär's gut genug!«

»Ih, du bist ja ein ganz abscheulicher, frecher Bengel,« rief Fräulein Wunderlich so entrüstet, daß Heine Peterle ganz erschrocken zurückwich.

»Nä, das ist er nicht!« Annchen Amsee strich sich ihr Schürzchen glatt, stellte sich wichtig vor das Fräulein hin, schaute sie mit ihren runden Braunaugen treuherzig an und versicherte: »Nä, das müssen Se nich vom Heine Peterle denken, der ist ganz gut.«

Das kleine Mädel, das so zutraulich und offen zu ihr aufsah, brachte Fräulein Wunderlich in Verlegenheit. Sie schämte sich im Herzen etwas ihrer schnellenHeftigkeit, und viel sanfter fragte sie: »Ja Kinder, was wollt ihr denn eigentlich hier?«

»Den Friede besuchen!« riefen alle wie aus einem Munde, und Annchen Amsee knickste wieder und begann geschwind zu erzählen von dem schulfreien Tag, von Friede Hopserling, von dem Wettspringen, und während sie schwatzte, bekamen Mariandel und die Buben auch Mut und redeten mit; sie redeten wie ihnen der Schnabel gewachsen war.

Marie kamen die fünf sehr spaßhaft vor, sie lachte vergnügt, während sie das schwarze Huhn gutmütig streichelte. Das Lachen machte die Kinder noch mutiger, sie schwatzten immer lebhafter, erzählten die Geschichte von dem ungelesenen Brief und versicherten dazwischen immer wieder, Friede würde sich ungeheuer über ihren Besuch freuen. »Er schießt 'nen Purzelbaum, sicher,« behauptete Schnipfelbauers Fritz. Das tat er selber nämlich immer, wenn er Geburtstag hatte.

»Und Kuchen haben wir auch mit,« zwitscherte Annchen Amsee.

»Ja, viel!« Schulzens Jakob blähte sich wie ein kleiner Frosch auf. »Meine Mutter hat gesagt, da wär' ordentlich Butter drin, der würde den Stadtleuten schon schmecken!«

»Der ist fein!« Annchen Amsee leckte mit ihrem roten Zünglein geschwind die Mundwinkel, »hm, fein!«

»Und 'nen Brief hab' ich für Friede von Muhme Lenelies,« flüsterte Waldbauers Mariandel schüchtern, »und grüßen soll ich von der Muhme, und – und – sie tät Ihnen dankbar sein.« Das Mädel atmete tief auf, die lange Bestellung war ihm sehr schwer geworden.

Die Kinder hatten in all ihrem Schwatzen gar nicht gemerkt, daß das Fräulein ganz still war; kein Wort sagte es, und manchmal seufzte es tief, wie jemand, dem eine Last auf dem Herzen liegt. Die fünf Paar Beine, die so tapfer die vielen Stunden auf der Landstraße gelaufen waren, hatten den schneeweißen Hausflur bald recht schmutzig getreten, und das Schwatzen durchhallte das Haus sehr laut. Selbst die alte Treppe wunderte sich über den ungewohnten Lärm, und sie knackte ein paarmal unwirsch. Aber das alles schien Fräulein Wunderlich gar nicht zu merken. Sinnend, ernsthaft betrachtete sie die Kinder, schaute in die treuherzigen Augen, die ihr aus den blühenden, runden Gesichtern entgegenstrahlten, und dachte nur immer: »Das sind nun Friedes Freundinnen und Freunde, – ob der Junge wohl auch so vergnügt hätte schwatzen können?« Und dann sann sie nach: Was tue ich nur mit den Kindern, wie sage ich es ihnen, daß ich ihren Freund – –? Sie erschrak auf einmal tief vor ihrer Tat. Hinausgeworfen hatte sie den Jungen, und plötzlich schlug sie vor den Kindern die Augen nieder.

»Jetzt sieht sie die Schmutztrapsen, jetzt wird sie gleich furchtbar schelten,« dachte Marie erschrocken, die mit großer Freude den Kindern zugehört hatte. Aber merkwürdigerweise schalt Fräulein Wunderlich nicht, sondern sagte sehr sanft: »Marie, du könntest Schokolade für die Kinder kochen. Die Schule ist ja noch lange nicht aus, und sicher werden die Kinder hungrig sein.«

»Schokolade?« Die fünf Reisegefährten rissen Augen und Mund weit auf; Schokolade gab es in Oberheudorf sehr, sehr selten, nur an den allerhöchsten Festtagen, und hier in der Stadt sollten sie gleich das köstliche Getränk bekommen. Und wie komisch, das Fräulein fragte auch noch: »Mögt ihr Schokolade gern?«

»Ja!« brüllten alle fünf, so laut sie konnten, und unverhohlen, riesengroß stand die Freude auf ihren Gesichtern geschrieben.

Fräulein Wunderlich lächelte milde, so milde, wie sie lange, lange nicht gelächelt hatte. Sie führte die Kinder selbst in das Wohnzimmer und schien es gar nicht zu sehen, daß der Teppich auch ein bissel Schmutz von der Landstraße als Mitbringsel bekam. Die fünf Oberheudorfer durften sich um den runden Tisch herumsetzen, auf den Marie alsbald ein blütenweißes Tischtuch breitete, und auf den sie wundervolle, mit Rosen bemalte Tassen stellte. Ordentlich feierlich wurde es den Kindern zumute, sie verstummten mehr und mehr,und Fräulein Wunderlich mußte ein paarmal mahnen: »Erzählt mir noch etwas! Seid ihr wirklich den weiten Weg immerzu gelaufen?«

Die Kinder antworteten, aber als dann Marie mit der Schokolade kam und einen Teller feine, weiße Buttersemmeln dazu hinstellte, da verstummten die Buben und Mädel vollständig. Sie lachten nur selig vergnügt, und dann kauten und schluckten sie voller Behagen, während Herrin und Dienerin ihnen andächtig zusahen. Fräulein Wunderlich mußte an ihre Kinderzeit denken. Damals hatte es zu den Geburtstagen auch Schokolade gegeben, ihre beiden Schwestern hatten noch gelebt, und drüben aus dem Nachbarhause waren die lustigen Spiegeleier gekommen – so hatten die Wunderlichkinder die beiden Brüder von Spiegel genannt. Dem Fräulein wurde es seltsam weich ums Herz. Warum war nur alles so anders geworden? Feindschaft herrschte, wo es einst Freundschaft gegeben hatte! – –

Heine Peterle setzte tief aufatmend seine Tasse nieder, – die fünfte war es gewesen, nun konnte er wirklich nicht mehr, er war plumpssatt. Jetzt dachte er wieder an den Freund und fragte: »Kommt der Friede nun bald aus der Schule?«

»Der hat's aber gut!« seufzte Schulzens Jakob, der einen Schokoladenbart von einem Ohr bis zum andern hatte.

In Fräulein Wunderlichs blasses Gesicht stieg eine leichte Röte, wirklich, sie schämte sich vor den Kindern. Leise stockend erwiderte sie: »Der Friede – – ist – – er wohnt gar nicht bei mir, sondern im Nebenhaus.«

Buben und Mädel sahen einander verdutzt an, endlich sagte Annchen Amsee schüchtern: »Ach – – hier ist's wohl zu fein für ihn?«

»Wo ist er denn?« rief Mariandel kläglich. »Ich will doch zum Friede!«

»Im Nebenhaus drüben wohnt er, Kinder!« Fräulein Wunderlich seufzte wieder; ja, nun mußte sie doch den Kindern alles erzählen!

Aber da sagte Marie plötzlich: »Das mit dem Friede ist nu so'ne Geschichte. Mein Fräulein hat nicht gleich gewußt, was das für'n guter Junge ist, und hat gedacht, er tut's aus Bosheit, daß er rüber in'n Garten geklettert ist, und drüben, da wohnt 'n alter Herr, der hat ihn gleich behalten. Habt ihr denn das in Oberheudorf nicht gewußt?«

»Nä!« Die Kinder sahen wieder höchst erstaunt drein. Maries Rede hatten sie nicht ganz verstanden, nur Mariandel rief plötzlich entrüstet: »Der Friede ist doch nicht boshaft!«

»Ih wo, ist er auch nicht,« beruhigte Marie, »ich bringe euch nachher ins Nachbarhaus, und dann erzählt ihr dem Friede, wie schön's hier gewesen ist.«

»Ja, und sagt ihm, er möchte mich recht bald besuchen,« fiel Fräulein Wunderlich hastig ein, und im Herzen nahm sie sich vor: »Ich tue dem Buben was Liebes an, ich will meine Härte gut machen.«

»Jetzt wird bald drüben die Schulglocke läuten, nun kommt euer Friede gleich raus,« rief Marie, und dies Wort ließ selbst das plumpssatte Heine Peterle gleich aufspringen, und die Buben wären beinahe ohne Lebewohl und Dank hinausgestürmt; aber Annchen Amsee mahnte mit sanften Püffen an diese Pflicht, und so dankten denn alle sehr höflich, legten ihre braunen Patschen treuherzig in der Hausherrin weiße Hand und versprachen sehr vergnügt das Wiederkommen.

»Wenn wieder keine Schule ist,« »Wenn Schnipfelbauers Fritz wieder fährt,« »Nächste Woche vielleicht,« so tönte es durcheinander. Und dann dachten die Mädel an den Kuchen und an das Huhn, aber Fräulein Wunderlich sagte, das müßten sie alles mit ins Nachbarhaus nehmen, das ginge nicht anders. Das wollten aber die Kinder durchaus nicht, denn das Huhn hatten sie doch für Fräulein Wunderlich mitgebracht. Kaspar auf dem Berge hatte doch gesagt, das Fräulein wünsche sich eins.

»Behalten Sie's nur,« redete Annchen Amsee zu, »es ist ganz gut, und meine Mutter sagt, vielleicht legt's doch Eier, man weiß nur nicht wohin.«

»Nä, ich nehm's nicht mehr mit,« wehrte Heine Peterle ab, der heimlich Angst hatte, er müßte es tragen, und die andern sagten es auch, von dem Kuchen sagten sie aber nichts.

»Ich dächte, 's wär' schon am besten, wir behielten den kleinen Teufel jetzt da,« ließ sich Marie vernehmen, »denn sonst passiert den Kindern noch was damit.«

»Nun gut, es soll hier bleiben, und der Friede kann's besuchen,« entschied Fräulein Wunderlich. »Und vergeßt es nicht, Friede zu sagen, er soll bald zu mir kommen,« mahnte sie noch, als die fünf schon zur Haustüre hinausliefen.

Die hörten dies kaum noch, sie sahen die ersten Grünmützen über den Johannesplan laufen und rannten auf das Gymnasium zu. »Da ist er!« brüllte Heine Peterle, und trotz der vielen Schokolade lief er nun doch wie ein Wiesel ihm entgegen in den Schulhof hinein.

»Friede, wir sind da! Friede, wir woll'n dich besuchen!« Traumfriede wußte nicht, wie ihm geschah, als ihn da auf einmal die fünf Oberheudorfer umringten. Jubelnd und lachend schwatzten sie auf ihn ein und merkten es gar nicht, daß sich um sie herum lauter Grünmützen stellten. »Hollah, Friede Pfennig hat Besuch bekommen, wohl auch aus Oberheudorf!« schrie ein Klassengenosse, und ein paar Stimmen schrien es ihm nach.

Friede wurde totenblaß bei diesem Spott, und ein häßliches, nie gekanntes Gefühl stieg in ihm auf: er schämte sich in diesem Augenblick der alten Freunde, und diese Scham schloß ihm jäh den Mund.

Die fünf sahen ihn an. Der da, das war doch gar nicht mehr ihr Friede, ihr alter Schulgefährte. So fremd sah er aus, und nun merkten sie auch, daß die Buben, die um sie herumstanden, spotteten, keck und übermütig. Ein langer Junge griff nach Heine Peterles vielgeliebter Pelzmütze, die dieser trotz des warmen Frühlingswetters trug. »Heda, du kommst ja wohl vom Nordpol?«

»Nee, aus Oberheudorf,« spotteten die andern. Aber sie hatten sich verrechnet, allzu viel ließen sich die Dorfbuben nicht gefallen. Klatsch, klatsch, schlug Schulzens Jakob geschwind um sich, und Heine Peterle und Schnipfelbauers Fritz folgten seinem Beispiel. Da kam Friede auch wieder zu sich. Zorn und Scham über sich selbst verliehen ihm doppelte Kräfte, er schob einen Buben, der ihn um Kopfgröße überragte, einfach zur Seite und schrie grob: »Laßt sie in Frieden, die gehören zu mir!«

»Na, seht doch die frechen Dorfjungen!« höhnte einer, aber schwapp hatte er einen Katzenkopf weg und einen Rippenstoß dazu, beides von guter Oberheudorfer Art. Die Stadtjungen merkten bald, daß die Oberheudorfernicht mit sich spaßen ließen. Puffend, stoßend, kampfbereit wie junge Hähne zogen die sechs Heimatgenossen aus dem Schulhof wieder hinaus. Die Mädel ließen sich auch nichts gefallen, und Annchen Amsee gebrauchte ihr rotes Eßbündelchen dazu, es den Grünmützen um die Ohren zu schlagen. Die traten endlich den Rückzug an, und vor dem Spiegelhaus ließen sie die sechs in Ruhe und liefen davon.

Der Gärtner hatte das Geschrei gehört und kam eilig herbei, um zu sehen, was dies eigentlich zu bedeuten hätte. Erstaunt sah er den kleinen Gast seines Herrn unter den Dorfkindern stehen. Die redeten eifrigst auf Friede ein, erzählten von dem Brief, ihrem Weg hierher und versicherten immer wieder: »Wir sind nur gekommen, um dich zu besuchen.«

Mariandel fragte eindringlich: »Freust dich wohl arg, gelt, Friede?« Aber sie erhielt keine Antwort. Friede konnte sich gar nicht recht freuen, er wünschte, die Freunde wären nicht gekommen; er wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte. Sie mit in das Haus zu nehmen, wagte er nicht, und er seufzte, als Annchen Amsee nun schon zum dritten Male fragte: »Gehen wir nun ins Haus? Das sieht aber fein aus!«

Der Gärtner war inzwischen zu dem Professor gegangen und hatte ihm von dem Kinderbesuch erzählt. Der rief zwar etwas erschrocken: »Lieber Himmel, gleichfünf!« Er erlaubte aber doch, daß sie hereinkamen. Friede war heilfroh, als der Hausverwalter seine Gäste holte, er hätte in seiner Verlegenheit wohl noch etliche Stunden mit ihnen vor dem Tore gestanden. Er schämte sich nachher seiner Zaghaftigkeit sehr, denn der Professorempfingdie Kinder so freundlich, als hätte er just an dem Tage gedacht: »Wenn ich doch Besuch aus Oberheudorf bekäme!«

Annchen Amsee erkannte den alten Herrn gleich wieder. Oh, sie wußte es noch genau, er hatte ihr die Backen gestreichelt und sie ein putziges Frauenzimmerchen genannt. »Ja,« rief Schnipfelbauers Fritz stolz, als Annchen dies erzählte, »un ich sollt' 'ne Maulschelle kriegen, aber ich hab' se nich gekriegt!«

»Na siehst du,« sagte der Professor lächelnd, »da sind wir ja alte Freunde. Nun erzählt mir mal, wie ihr hergekommen seid.«

Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen, sie erzählten alles, auch von dem Schokoladefest bei Fräulein Wunderlich. Zu essen bekamen die Kinder auch etwas, und es schmeckte ihnen so gut in dem gastlichen Hause, daß die Hausverwalterin mitleidig dachte: »Die bekommen zu Hause gewiß recht wenig zu essen.« Sie hatte eben keine Ahnung, was in einen rechten Oberheudorfer Kindermagen hineingeht.

Nach Tisch sollten sich die Kinder die Stadt ansehen,da Friede an diesem Nachmittage keine Schule hatte. Zuvor durfte sie Friede selbst rasch einmal durch alle Zimmer führen, die der Professor bewohnte. Dabei kamen sie auch durch einen großen Saal, in dem die Sammlung des Hausherrn aufgestellt war: antike Büsten und Statuen, Krüge, Vasen, Waffen und allerlei Gebrauchsgegenstände aus uralten Zeiten, und die fünf Oberheudorfer rissen die Augen weit auf vor Erstaunen. »Ja warum stellt sich jemand nur so häßliche alte Sachen hin?« fragten diese Augen alle.

»Es ist ja fast alles zerbrochen,« flüsterte Annchen Amsee, und Mariandel lispelte ängstlich: »Weiß denn der Herr, daß sein Zeug alles kaput ist?«

»Ja doch, er hat dies alles gesammelt,« erklärte Friede, und in seine blauen Augen trat ein träumerisches Sinnen. Er fand nämlich die kaputen Sachen gar nicht so häßlich. Aber da puffte Heine Peterle und kicherte: »Nun sieh doch da den Topf mit 'nem Loch, und da noch einen, und der Mann hat keine Arme, und, hihihihi, der Frau haben sie die Nase abgehauen.«

»Herr Professor hat aber seine Freude an den Sachen,« sagte Friede, und er hätte ganz gern den Freunden von den alten Griechen und Römern etwas erzählt, denen einst alle diese Dinge gehört hatten. Die fünf meinten aber, es wäre nun besser, sie gingen in die Stadt. Die zerbrochenen Töpfe gefielen ihnen garnicht, ja Annchen Amsee sagte verächtlich: »Meine Mutter hat ein paar, da fehlt der Henkel, aber die sind viel hübscher.«

»Ach, kommt in die Stadt, ich will was kaufen,« rief Schulzens Jakob und klimperte protzig mit drei Groschen. Er kam sich ungeheuer reich vor.

»Ja, einkaufen wollen wir,« riefen auch die andern. Da schwieg Traumfriede von den alten Griechen und Römern und führte seine Heimatgenossen in die Stadt.

Feldburg hatte nur eine Hauptstraße, in der es hübsche Läden gab, denn es war ja eine kleine Stadt, Großstädter nannten sie eben »ein Nest«. Aber die Oberheudorfer Buben und Mädel waren halt keine Großstädter, ihnen kam die Stadt erstaunlich groß vor. Ihre derben Schuhe klapperten laut über das Pflaster, als sie nun wieder über den Johannesplan trabten. Jeden Menschen, den sie sahen, grüßten sie höflich. Als sie aber in die Hauptstraße einbogen, sagte Friede: »Laßt lieber das Gutentagsagen sein, hier tut man das nicht!«

»Pfui, wie unhöflich!« Annchen Amsee rümpfte das Näschen, aber gleich darauf vergaß auch sie ihre Entrüstung, denn Heine Peterle schrie plötzlich laut auf: »Nä, da rennt 'n Wagen ohne Pferde!«

Die Wege, die nach Oberheudorf führten, waren nicht besonders glatt und schön, und darum hatte nochniemand diese Fahrt mit einem Automobil unternommen. Ein solches Fahrzeug war den Kindern also vollständig unbekannt. Sie staunten es darum mit offenem Mund an. »Wie war es nur möglich, daß ein Wagen ohne Pferde fahren konnte!«

»Da ist noch einer!« schrie Jakob, und alle fünf rannten auf den Fahrdamm dem merkwürdigen Ding entgegen.

»Runter!« brüllte sie da ein Mann an. Er faßte Heine Peterle und Schulzens Jakob beim Kragen, Friede zerrte die Mädel auf den Fußsteig zurück, eine Frau hatte Schnipfelbauers Fritz ergriffen. Mit einem Ruck stand das Automobil still, es hätte beinahe die Kinder überfahren. Der Chauffeur, die Insassen, die Fußgänger, alles schalt auf die Kinder ein, die so verdattert waren, daß sie gar nichts sagen konnten. Nur Schnipfelbauers Fritz schrie immerfort: »'n Wagen ohne Pferd, 'n Wagen ohne Pferd!«

»Die sind ja wohl aus Afrika?« brummte ein dicker Schutzmann, und die Umstehenden lachten.

»Nee, die sind aus Oberheudorf,« brüllten etliche Grünmützen, und Friede erkannte zu seinem Entsetzen ein paar Klassengenossen. O weh, nun würde der Spott wieder losgehen. Er senkte scheu den Kopf und bat: »Kommt doch, kommt, da ist ein Laden. Annchen kann dort eine Tasse kaufen.«

Den fünfen war das recht. Sie waren auch froh, aus dem Tumult herauszukommen, und so folgten sie alle eilig Friede in einen großen Laden hinein. Hier vergaßen sie vor Staunen gleich den soeben überstandenen Schrecken. So viele schöne Tassen, Teller, Krüge, Vasen, silberne Kannen und Zuckerschalen und hunderterlei Sachen hatten sie noch nie gesehen. Besonders die Mädel gerieten fast aus dem Häuschen vor Freude, und Annchen Amsee rief gleich: »Die Tasse will ich kaufen, – nein, die da, nein, die!«

Die Verkäuferin sah die neuen Kunden etwas erstaunt an. Weil aber Annchen Amsee so rasch dies und das kaufen wollte, lächelte sie huldvoll und sagte: »Sucht euch nur aus, die Tassen dort sind besonders schön.«

Ja, Annchen fand die bezeichneten Tassen auch wunderfein, sie waren ganz mit Rosen bemalt und innen vergoldet. »So eine nehme ich,« rief Annchen und holte ihr Sacktüchlein hervor, in dem sie ihr Geld eingebunden hatte. Sie war sehr reich, reicher noch als Schulzens Jakob, denn sie hatte vier Groschen. Wichtig legte sie das Geld auf den Ladentisch und fragte: »Krieg ich zwei dafür?«

Ihre Gefährten sahen sie bewundernd an. Nein, war das Annchen schnell beim Kauf! Sie tat ja gerade, als wäre sie schon hundertmal in der Stadt gewesen und hätte schon oft schöne Tassen gekauft.

Die Verkäuferin hatte eine Rosentasse vom Brett genommen und sah nun prüfend auf das Geld. »Aber Kind,« rief sie, »so eine Tasse kostet drei Mark! So billige Tassen haben wir überhaupt nicht; da kannst du höchstens so eine dafür bekommen.« Sie hielt Annchen eine glatte weiße Tasse hin, die nur einen schmalen goldenen Rand hatte. »Nimm die, sie ist sehr hübsch.«

»Nä, die is nich hübsch, gar nich.« Heine Peterle kam Annchen zu Hilfe. Er mußte doch zeigen, daß er in der Stadt Bescheid wußte, und kräftig tippte er mit seinem braunen Zeigefinger auf die Rosentasse: »So eine soll's sein.« Klirr, wackelte dabei die Tasse hin und her. »Ih, du dummer Bube,« rief die Verkäuferin und sah auf einmal gar nicht mehr freundlich, sondern ziemlich ärgerlich aus. »Gleich läßt du die Tasse stehen! Ich dachte es mir gleich, solche teure Sachen sind nichts für euch. Geht hier gleich gegenüber zu Herrn Schulze, das ist ein Ramschladen, der hat Tassen genug für euch.«

»Ja, wir wollen lieber gehen,« flüsterte Mariandel und sah ängstlich auf Schulzens Jakob, der sehr eifrig eine schöne Vase befühlte. »Kommt, sonst macht Jakob was kaput.«

Die Verkäuferin schien das auch zu befürchten, sie rief erschrocken: »Stehen lassen, nichts angreifen! Wer etwas anfaßt, muß Strafe zahlen. Geht nur, geht; im Ramschladen findet ihr schon etwas!«

»Ja, kommt,« mahnte auch Friede, und die Oberheudorfer fanden auch, das Fräulein im Laden sei viel zu unfreundlich. Der mochten sie gar nichts mehr abkaufen. Sie verließen rasch das Geschäft und beschlossen draußen, zu Herrn Schulz zu gehen; sicher war der höflicher als das Fräulein. Herr Schulz hatte nun freilich keinen so prächtigen Laden, sondern nur ein kleines, schmales Budchen, in dem alles durcheinander und übereinander stand. Es herrschte ein richtiges Sammelsurium darin, aber den Oberheudorfern gefiel es doch sehr. Die Buben zogen höflich die Mützen, die Mädel knicksten tief, und Herr Schulz lächelte und zog seinen Mund so breit wie eine Schublade.

»Na, Kinder, was wollt ihr denn?«

»Eine Tasse kaufen in Ihrem Ramschladen,« sagte Heine Peterle und fand das sehr nett und höflich gesagt. Und Annchen Amsee rief voller Bewunderung: »Ach, der Ramschladen ist aber fein!«

»Potzwetter,« schrie Herr Schulz da zornig, »so eine freche Bande, mein Geschäft einen Ramschladen zu nennen! Na wartet nur!« Und hopps sprang Herr Schulz über den Ladentisch und packte Schulzens Jakob, der sich am weitesten vorgedrängt hatte. Er wollte dem gerade einen richtigen Katzenkopf versetzen, als Friede seine Hand erschrocken festhielt und sagte: »Bitte nicht schlagen, Herr Schulz, die haben es nicht böse gemeint.«

»Nä, nä,« schrieen die andern angsterfüllt, »wir haben doch nischt getan!«

»So, mein Geschäft einen Ramschladen nennen, das nennt ihr wohl höflich?« Ein bißchen freundlicher schaute Herr Schulz schon drein, und Friede erzählte geschwind, was das Fräulein gegenüber gesagt hatte. »Na, der werde ich noch meine Meinung sagen,« brummte Herr Schulz und fragte nun gar nicht mehr streng: »Ihr dachtet wohl, ein Ramschladen wäre etwas sehr Nettes?«

Die Kinder nickten, und Annchen Amsee flüsterte: »Hier ist's doch auch so schön!«

»Ja freilich ist's schön bei mir!« Herr Schulz lächelte wieder versöhnt. »Nun sagt mir, was ihr haben wollt.«

Die Kinder wollten viel. Mit Herrn Schulz ließ es sich aber auch gut handeln, der fragte erst, wieviel Geld sie hätten, und dann schnitt er kein verächtliches Gesicht wie das Fräulein gegenüber, sondern holte ganz wundervolle Tassen herbei. Jedes Mädel konnte eine Tasse erstehen und noch ein buntes Zopfband dazu, denn Bänder hatte Herr Schulz auch. Und für die Buben waren Trillerpfeifen und Mundharmonikas da. Heine Peterle erstand sogar eine rosenrote Flöte, die zur allgemeinen Freude wie ein Frosch quakte, obgleich Herr Schulz behauptete, man könnte darauf wie eine Nachtigallflöten. Schulzens Jakob sagte aber: »'n Frosch ist besser als 'ne Nachtigall.«

Die Kinder trennten sich nur schwer von dem freundlichen Herrn Schulz, und sie versprachen ihm ganz fest, das nächste Mal würden sie bestimmt wiederkommen.

Schnipfelbauers Fritz und Schulzens Jakob, die sehr schöne, grelltönende Trillerpfeifen gekauft hatten, verließen den Laden zuletzt. Als sie schon an der Türe standen, sagte Herr Schulz plötzlich halblaut zu ihnen: »Ich würde dem groben Fräulein da drüben einmal etwas pfeifen, wenn ich ein Bube wäre.«

Die beiden sahen sich an. Heisa, das war so ein Spaß nach ihrem Sinn!

»Wir machen's, aber allein,« tuschelte Schnipfelbauers Fritz, »die Mädel haben gleich Angst, und der Friede mag so was auch nicht.«

»Hm, alleine!« Jakob blieb stehen und sah den Kameraden nach. Die bogen just in eine Seitenstraße ein und schwatzten so miteinander, daß sie sich an der Ecke gar nicht umsahen. Einen Augenblick zögerten die Buben noch, schwapps flogen da Annchen Amsees braune Zöpfe um die Ecke. Nun waren die vier verschwunden, die beiden aber liefen auf den Laden zu und spähten erst einmal durch die Glastüre hinein. Sie sahen niemand. Die Verkäuferin stand ganz hinten;dort suchten sich gerade ein paar Damen eine Teekanne aus. Wie die Buben leise zögernd die Türe öffneten, sahen sie gegenüber Herrn Schulz höchst vergnügt vor seinem Ramschladen stehen. Das stärkte ihren Mut, wutsch waren sie im Laden drin und pfiffen dort laut und gellend auf ihren Pfeifen. »Trilililiiii –« schallte es in den Laden hinein, und das Fräulein ließ vor Schreck fast eine Teekanne fallen. Die beiden Damen aber riefen entsetzt: »Das brennt wohl, oder eine Lokomotive ist auf der Straße, o Himmel!«

»Trilililiiii,« pfiffen die Buben weiter, aber da kam schon die Verkäuferin angerannt, und nun hieß es ausreißen. Sie wollten geschwind zur Türe hinaus, doch die ging nicht nach außen, sondern nach innen auf. Die Buben prallten zurück; Schnipfelbauers Fritz stieß an Schulzens Jakob, und der an etwas, das hinter ihm mit einem ganz fürchterlichen Geklirr zusammenstürzte. Das Ladenfräulein schrie laut auf: »Hilfe, Hilfe! Polizei, Polizei!«

Die beiden Missetäter entflohen entsetzt. Sie sahen nicht rechts, nicht links; sie liefen wie die Hasen. Draußen bogen sie statt nach rechts nach links herum, rannten dann in die nächste Querstraße hinein, und als sie jemand anredete: »Na, was rennt ihr denn so?« da sausten sie in ihrer Angst noch schneller weiter.

Um diese frühe Nachmittagsstunde waren wenigeMenschen unterwegs in der Stadt, und die beiden Buben kamen ungehindert durch allerlei Straßen und Gassen, bis sie endlich merkten, daß sie gar niemand verfolgte. Da blieben sie stehen und sahen sich um. Ja wo waren sie eigentlich? Die Straße, in der sie standen, war still und einsam; ein paar stattliche Häuser standen darin, die in großen Gärten zu liegen schienen, denn über graue Mauern ragten Bäume hinweg. Die beiden kamen sich schrecklich hilflos und verlassen in der großen Stadt vor, von den Gefährten war nirgends auch nur ein Zipfelchen zu erblicken, und dazu quälte beide noch das böse Gewissen. Das hatte gar so sehr geklirrt in dem Laden, gewiß war sehr viel zerbrochen, und gewiß würde man sie suchen und –. Sie wagten die Folgen ihres Streiches gar nicht auszudenken, nur einmal murmelte Jakob: »Sie sperren uns ein!«

»Wir reißen aus,« flüsterte Schnipfelbauers Fritz und sah sich scheu um. »Weißte was, wir laufen immer voran nach Hause.«

Der Plan leuchtete Schulzens Jakob ein, aber wo lag Oberheudorf?

»Wir fragen,« meinte Fritz mutig und trat wirklich keck auf einen etwas größeren Jungen zu, der gerade vorbeiging. »Weißte, wo Oberheudorf liegt?«

»Auf dem Monde,« sagte der, pfiff sich eins und lief die Straße entlang.

»Frech!« sagten die beiden Oberheudorfer entrüstet, als hätten sie noch nie eine unnütze Antwort gegeben. Sie liefen wieder ein Stück die Straße entlang und fragten dann wieder einen Buben. Der wußte ihnen aber auch keine Antwort zu geben, er riet ihnen: »Geht nur immer der Nase nach.« Damit wären die beiden freilich nie nach Oberheudorf gekommen, denn Jakob mit seiner Himmelfahrtsnase hätte immer bergauf gehen müssen und Schnipfelbauers Fritz links herum; seine Nase war nämlich schief. Den beiden war das Weinen schon näher als das Lachen, sie standen wie ein paar begossene Pudel auf der Straße, und wenn jemand kam, erschraken sie. Sicher holte man sie und sperrte sie ein. Endlich fiel Schnipfelbauers Fritz der Name des letzten Dorfes ein, durch das Friede Hopserling sie gefahren hatte. Vielleicht wußte hier in der Stadt eher jemand, wo das lag. Da sie mit den Stadtbuben schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fragten sie ein Mädchen, das aus einem der Häuser kam, und wirklich wußte sie Bescheid.

»Kommt ein paar Schritte mit,« sagte sie, »dann zeige ich euch die Straße, und ihr braucht nur immer geradeaus zu gehen. Seit ihr denn von dort her?«

»Nä, aus Oberheudorf,« bekannte Jakob zögernd.

»Du meine Güte, und ich bin aus Berenbach,« erzählte das Mädchen. »Ich bin die Katerliese unddiene bei Sonntags. Aber wie kommt ihr denn hierher, seid ihr allein in der Stadt, und wie heißt ihr denn?«

Die Buben wurden verlegen, sie fürchteten sich, das Mädchen, das zwar sehr freundlich aussah, könnte sie verraten, und scheu sahen sie die Katerliese von der Seite an. Diese sagte jetzt: »Geht hier die Straße hinaus und dann immer gradaus, dann kommt ihr nach Wiesental; dort fragt ihr am besten noch einmal. Aber erst erzählt mir, wie ihr hergekommen seid.«

Das Mädchen konnte lange fragen; kaum wußten die Buben den Weg, da rannten sie auch schon wie besessen davon. »Na, so was!« brummelte das Mädchen. »Ich glaube, sie haben ein schlechtes Gewissen gehabt; sicher haben sie einen dummen Streich gemacht! Den Oberheudorfern kann man so was schon zutrauen. Ich muß die Sache nachher gleich unserem Füchslein erzählen.«

Die andern Kinder hatten inzwischen erst nach einer ziemlichen Weile das Fehlen der beiden Buben bemerkt. Sie rannten eiligst den Weg wieder zurück, aber nirgends waren die beiden zu erblicken. Sogar zu Herrn Schulz in den Laden liefen sie hinein. Herr Schulz wurde etwas verlegen, denn er hatte die beiden wie die wilde Jagd aus dem Laden rennen sehen. Er sagte: »Ach, ihr werdet sie schon finden! Übrigens sind sie nach jener Seite gelaufen!«

Nun liefen die vier die Straße hinab, aber kein Jakob und kein Fritz war zu sehen. Friede fragte ein paar Leute, einen Schutzmann, einen Briefträger, – niemand hatte die Buben gesehen.

»Vielleicht sind sie zurückgelaufen,« sagte Annchen Amsee endlich, und alle vier trabten nach dem Johannesplan. Dort wußte aber auch niemand etwas von den Vermißten. Sogar bei Wunderlichs fragten die Mädel nach, aber Marie, die öffnete, hatte keinen Zipfel von den beiden gesehen.

Professor von Spiegel tröstete: »Sie werden sich schon finden, in Feldburg gehen nicht plötzlich ein paar Buben verloren.« Aber die Mädel brachen in ein so jämmerliches Geheul aus, daß es dem guten alten Herrn himmelangst wurde. Er gab den Kindern den Gärtner mit zur Hilfe. Der ging auf die Polizei, aber auch dort hatte niemand die Vermißten gesehen.

Als Friede Hopserling mit dem Wagen kam, seine Schützlinge abzuholen, schimpfte er gewaltig, als er von dem Verschwinden der beiden hörte. »Haue müssen sie haben, aber ordentliche! Na die sollen meine Peitsche fühlen.«

»Ich dächte, wenn man jemand hauen will, muß man ihn erst haben,« sagte Frau Emma, die Hausverwalterin des Professors.

»Ja schon,« brummte Friede Hopserling und sahbesorgt nach seiner Uhr. Er mußte aufbrechen, es wurde zu spät, er wagte aber nicht, ohne die Buben heimzukommen.

»Da kommt mein Mann mit 'nem Schutzmann. Du lieber Himmel, sie haben wohl gar die Buben eingesperrt,« rief die Gärtnerin.

Jetzt brach auch Heine Peterle, der sich bis dahin sehr männlich und tapfer bewiesen hatte, in ein lautes Geheul aus, und dies Geschrei hörten die wenigen Menschen, die gerade über den Johannesplan gingen. »Im Spiegelhaus ist was passiert,« rief eine Frau und rannte geschwind nach dem Hause hin. Einige andere folgten, und zu Friedes Entsetzen kamen auch etliche Grünmützen dazu. »Natürlich wieder was mit den Oberheudorfern los,« höhnte der eine. Es war der lange Junge, der Friede schon oft geneckt hatte; er wohnte am Plan, darum war er bei allem, was geschah, dabei.

»Ich glaube, es ist am besten, Sie fahren heim,« riet der Schutzmann Friede Hopserling. »Wir werden die Knaben suchen, sie werden sich schon finden.«

»Ich bleibe hier, ich suche mit,« schrie Heine Peterle, und »Ich auch, ich auch,« schluchzten die Mädel.

»Ich weiß was,« sagte da plötzlich ein feines Stimmchen. Marianne Sonntag drängte sich durch die Leute und betrachtete mitleidig die weinenden Oberheudorfer. »Weint nicht,« tröstete sie, und dann erzähltesie flink, daß zwei Buben Sonntags Dienstmädchen nach dem Weg nach Oberheudorf gefragt hätten.

»Das sind sie, das sind sie,« riefen die Oberheudorfer alle, als Marianne sagte: »Einer hatte ein blaues Halstuch, der andere ein rotes.«

»Die haben 'ne Dummheit gemacht,« brummelte Friede Hopserling leise vor sich hin. »Steigt auf, ihr drei, wir finden sie schon.«

»Die haben sicher etwas begangen, darum sind sie ausgerissen,« sagte auch der Schutzmann und sah die andern Kinder scharf an, daß sie mit einer ungeheuren Eile auf den Wagen kletterten. Frau Emma konnte ihnen kaum noch ihre roten Eßbündel hineinwerfen, so rasch fuhr der Friede davon. »Halt, warten Sie einmal!« wollte der Schutzmann rufen, aber da rasselte der Wagen schon in die Rosengasse hinein.

Dem Friede war das Herz sehr schwer. Die Angst um die Gefährten, der Abschied, alles bedrückte ihn. Am liebsten wäre er mit nach Oberheudorf gefahren, und als der Wagen in der Rosengasse verschwand, da war es ihm, als müßte er schreien: »Nimm mich mit, Friede Hopserling, nimm mich mit!« Er biß aber die Lippen zusammen und lief in das Haus hinein.

»Nun läuft er fort und sagt gar nichts,« murrte Marianne Sonntag. »Dieser Friede ist wirklich ein Grobian, Ulli hat recht.« Sie ahnte nicht, daß derGeschmähte in diesem Augenblick in einem Gartenwinkel saß und bitterlich weinte. Ach, überall war er fremd!

Im Spiegelhaus waren sie freilich alle gut zu ihm; er hatte aber doch immer das Gefühl: »Hier gehöre ich nicht hin.« Der Professor würde ihn nicht vermissen, wenn er fortging; ein paar Wochen wollte er ihn ja überhaupt nur behalten. In der Schule mochte auch wohl niemand den Friede Pfennig leiden, und morgen spotteten sie gewiß wieder über seinen Dorfbesuch. Und dann würde er sich gar wieder schämen wie heute, und daß er es getan hatte, quälte ihn so sehr; wie eine Last lag es auf seinem Herzen. So abscheulich kam er sich vor, weil er immer gedacht hatte: »Wären die Freunde doch nicht gekommen!« Was wohl Muhme Lenelies dazu sagen würde? Und was dazu, daß er so schlecht auf seine Freunde aufgepaßt hatte? Vielleicht – – – – hatte sie ihn dann auch nicht mehr lieb?

»Gagagagag, gagagei,« schrie es auf einmal neben ihm. Ein kleines, schwarzes Huhn stand da und schaute mit schief geneigtem Kopf zu ihm hin.

»Das ist der kleine Teufel, den Heine Peterle mitgebracht hat,« dachte er und griff unwillkürlich nach dem Huhn. Das kreischte und schlug mit den Flügeln um sich; aber Friede hatte gar geschwind zugepackt, und das Teufelchen konnte nicht mehr ausreißen.

»Es ist aus Oberheudorf.« Weiter überlegte Friede nichts; wie ein Stück Heimat erschien ihm das schwarze Tierchen. Und sachte, liebevoll streichelte er es. »Du bleibst bei mir,« tröstete er. Gewiß hatte Fräulein Wunderlich den Teufel auch hinausgeworfen wie ihn selbst. Er trug das Huhn zu dem Gärtner, der auch ein paar Hühner hatte und den schwarzen Gast aus Oberheudorf bereitwillig aufnahm.

Friede Hopserling war unterdessen sehr eilig, immer brummend und knurrend durch die Stadt gefahren und hatte endlich die Landstraße erreicht. »Nun paßt ordentlich auf, ihr drei,« gebot er, »irgendwo im Weggraben werden sie schon sitzen.«

Heine Peterle und die Mädel hatten das Weinen aufgegeben. Alle drei hielten so eifrig Umschau, daß erst Annchen Amsee einen Meilenstein für Fritz und dann Heine Peterle einen Baumstumpf für Schulzens Jakob hielt. Aber sie erreichten Wiesental, ohne eine Spur der Vermißten zu finden, und Friede Hopserling schaute immer sorgenvoller drein, obgleich er tat, als wären ihm die Buben höchst gleichgültig. In Wiesental mußte er erst dreimal fragen, ehe jemand ihm Auskunft geben konnte. Eine alte Frau endlich sagte, sie habe die beiden gesehen und ihnen die Straße nach dem nächsten Dorf gezeigt.

Es dämmerte schon, als der Wagen wieder zu demDorf hinausrollte. Ein feines Grau verhüllte die Ferne, und in dem Wald, an dessen Rand jetzt die Landstraße hinlief, herrschte bereits ein geheimnisvolles Dunkel. »Nun wird's gar schon dunkel,« grollte der Knecht. »Am Ende sind gar die verflixten Buben durch den Wald gelaufen; na denen will ich's heimzahlen.« Er ließ wütend die Peitsche durch die Luft sausen, und zu seinem großen Erstaunen schrie die Luft laut auf. »So was,« rief Friede Hopserling verdutzt, »der Schrei kam doch von oben!«

»Da hängen ein paar Beine,« quiekte Annchen Amsee und deutete auf eine hohe, noch kahle Kastanie, die hier einsam unter Kirschbäumen an der Landstraße stand. »Das sind Fritzens Beine!«

»Sie sind's, sie sind's!« riefen jauchzend Heine Peterle und Mariandel. Wirklich tauchte Schulzens Jakob aus dem Straßengraben auf, Schnipfelbauers Fritz aber zappelte noch in den Ästen der Kastanie hin und her. Endlich kam er mit zerrissenen Hosen unten an.

»Nicht hauen,« flehten Annchen und Mariandel und hielten Friede Hopserling beide Arme fest, »nicht hauen, bitte nicht!«

Der Knecht sah aber auch wirklich sehr grimmig aus, und Fritz und Jakob rutschten vor Angst wieder in den Straßengraben hinein. Von dort aus erzählten sie klagend ihre Erlebnisse.

»So, Schaden habt ihr angerichtet?« rief Friede, aber er sah lange nicht mehr so böse aus. Die beiden taten ihm schon leid; er dachte, sie hätten mit ihrer ausgestandenen Angst Strafe genug gehabt. »Steigt nun mal ein,« brummte er, »hoffentlich habt ihr nicht zu viel zerbrochen, denn was kaput ist, müßt ihr bezahlen, das hilft nun nichts.«

»Dann hätten wir ja gar nicht erst – – huhu – – auszureißen brauchen,« schluchzte Jakob.

»Nä, war auch gar nicht nötig. Ausreißen nutzt nie nischt. 'n ehrlicher Mann zahlt den Schaden, den er macht, damit basta. Jetzt hört mit der Heulerei auf, 's wird schon nicht so schlimm sein. Bei uns ist mal ein Mann vom Speicher gefallen, da dachten alle, er wäre tot, und dabei war er gar nicht runtergefallen, sondern 'n Mehlsack.« Mit dieser tröstlichen Erzählung beruhigte Friede die beiden Schelme wenigstens so weit, daß sie das Heulen aufgaben und nach ihren Eßbündeln griffen. Die Kinder schmausten, aßen sich plumssatt, schwatzten eine Weile, schilderten sich ihre ausgestandene Angst, schalten weidlich auf Herrn Schulz, der ihrer Meinung nach an allem schuld war, und dann schliefen sie ein. Sie lagen alle fünf im Wagen und schliefen so fest und süß wie daheim in ihren Betten, und Friede Hopserling brummte schmunzelnd: »Na, 's ist gerade, als hätte ich wieder Mehlsäcke geladen.« Er lud dannjeden kleinen lebendigen Mehlsack vor dem rechten Hause ab, und nur Annchen Amsee wurde so weit munter, um ein »Danke schön« sagen zu können. Wer dachte, er bekäme noch etwas von der Stadtfahrt erzählt, der irrte sich gewaltig, kein Wörtlein sagten die fünf Kinder an diesem Abend mehr. Doch die Erwachsenen trösteten sich und meinten: »Morgen werden sie schon schwatzen, mehr als man vertragen kann.«


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