IX.

Das Weihnachtsfest kam während deß herbei, aber nicht als ein dankbar-heiteres Fest der Geburt Christi, sondern als ein irdischer Lärm, und als eine Gelegenheit: das wenige Wohlschmeckende noch zu verzehren, was über den unfruchtbaren Winter hinaus bis zu den neuen Gaben der Erde hatte langen sollen. Darum fehlten die Kinder nur Christel am meisten — denen sieFreudemachen konnte! Und doch bereute sie nicht ihre übereilte Furcht, aus welcher sie dieselben in die sichere Stadt gebracht. Denn wenn sie jetzt auch nicht am Leben gefährdet schienen, so war ihr kindliches Herz und ihre junge Seele doch in Gefahr der Verwahrlosung durch die rohen Gäste; und bei jedem frechen Worte und jeder frechen Geberde und That derselben, welche die Kinder nicht sahen und nicht hörten,dankte Christel Gott, und empfand nur Freude, als fromme Mutter, welche die Weise gefunden hatte: die Welt sich immer gut zu deuten in dem ihr entgegengesetzten guten Herzen.

Sie wollte den Kindern selbst bescheren gehen, saß in stiller Nacht vor dem Backofen und buck jedem sein Christbrod; und jedes gedieh sehr schön und ward groß; — selber das Christbrod,das sie für die kleine umgekommene Tochter Clementine, voll guter Sachen und voll großer Rosinen mitgebacken, ging hoch auf, und färbte sich lieblich braun; und Christel sah es mit feuchten Augen und weinte und dachte: „es geht Dir also wohl im Himmel, mein Kind, das seh’ ich an diesem Zeichen! Deine Bescherung aber soll ein armes Kind bekommen, das dagegen ohne Mutter ist, wie ich ohne Dich!“ — Auch für den verschollenen alten Hausfreund Wecker soll sein Christbrod groß und lockend daliegen, und der neue Rock dahängen — bis er kommt! Und zum Weihnachtsfest, oder doch zum Neujahr kehrt ein Jeder gerne heim. Sie freute sich auf Weckern, sah ihn im Geist das liebe Gut verzehren und hörte ihn wieder wie sonst dazu sprechen: „Daß wir durch des Christkindes Geburt nicht mehr Sklaven der weltlichen und geistlichen Tyrannen sind, sondern daß wir armen alten Schulmeister, ja jedermännig klüger sind, auch wohl besser, als anderleuts Narren zu sein oder nur zu scheinen, das verdient wohl, daß man ein paar Tage Christbrod ißt, oder wohl gar ein delikates Stück Mohnstriezel, der einem im Munde zergeht!“

— „Oder auchzweiStück!“ sprach Christel dann fast laut, und legte ihm in Gedanken noch ein tüchtiges Stück hin; und Daniel legte ihm still das Seine auch dazu — und Wecker bedankte sich nicht bei ihr und dem Knaben, sondern bei dem Herrn Christus, besonders aber bei dem fast ganz aus der Acht gelassenen, ja wie in die Acht erklärtenheiligenGeiste, dafür, als welcher es eigentlich so weit gebracht, daß Christbrod in der Welt sei — und gute Menschen!

Darauf weinte sie im Stillen vor alter Freude, und zuletzt vor neuem Leid. Aber das künftige kannte sie nicht, und ahnetees kaum; wie Niemand an bunten warmen Herbsttagen den Alles weiß bedeckenden Schnee. Und doch war ihr Herz voll Angst und Furcht vor der Zukunft, die sie gern gewußt hätte, nur ein Augenblickchen gern hinter den Vorhang der Jahre geguckt, oder nur hinter die Nebelwand, die vor dem nächsten Jahre hängt, um zu sehn, was für Gestalten dahinter standen; blutig, glänzend, wohlthätig, oder schrecklich — alle aber vom Himmel gesandt; — oder schon auf Erden wandelnd, aber ihre eigenen künftigen Thaten und Werke noch nicht kennend, und unerkannt unter der Menge wandelnd; bis ein Engel mit seinem Finger vom Himmel herab auf ihn deutet, laut seinen Namen nennt, ihn anruft und spricht: „Nun sei du selbst! Werde und wirke!“

Am Vorabend des Neujahrfestes 1814 trat da in der Dämmerung ein Mann in Johannes Stubenthür und sprach: „Willkommen!“ Sprich „Willkommen,“ mein liebes sogenanntes Pathchen, denn ich bringe Euch einen Gast mit! — Ich bin der sogenannte LeinweberKriegmit der Baßgeige; aber ich habe sie heute nicht mit! Und der Fremde wird Euch gewiß lieber sein, denn er brummt nicht so, und ist ein stiller Mann und alter guter Freund von mir — und wird nicht lange bei Euch verweilen — sage ich Euch zum Troste. Nun tretet nur ein, sogenannter Herr Prophet Adam! Hier wohnen treue verschwiegene Leute. Das sei Gott geklagt! Nämlich: daß nicht in jedem Hause dergleichen Adamskinder wohnen, mein Adam! Denkt, Ihr seid ihr Urvater, macht’s Euch bequem, und setzt Euch nieder, als wärt Ihr zu Hause im sogenannten Paradiese. — Marsch, hinein! nicht hinaus! denn ich bin kein sogenannter Engel mit dem Schwert — nur mit dem Stocke, der heut gewiß so müde ist als ich — ob ich gleich als Leinweber das Treten gewohnt bin, aber— beim Sitzen, nicht beim Laufen! Nun Christel, macht sogenanntes Licht; das heißt: zündet es an, oder den Kamin! das heißt das Holz darauf, damit wir uns sehen und kennen lernen, und Adam nicht glaubt, ich habe ihn in ein sogenanntes Blindenhaus geführt, was jetzt die ganze Welt ist, nämlich nicht für immer, sondern nur bis wieder die sogenannte liebe Sonne aufgeht, das heißt: die Erde unter, das heißt: sich nur herumdreht mit den Betten voll schlafender Halbtodter, das heißt: nur immer eine Nacht Todter. Also nur Licht! Wärme, Brod, ein Schoppen Wein, und dann Stroh zu einem sogenannten Bett, mein liebes Pathchen! Erschreckt nicht über meine lange Eingangsrede; sie ist nicht der Eingang, sondern die Rede selbst, und ist nun aus und heraus! Vorhin war mir das Maul von der Kälte zugefroren — jetzt ist es aufgethaut.“

Christel schlug mit freudezitternden Händen Feuer und — machte Licht. Dann nahm sie dem lieben Pathen Leinweber den Pelz ab, und sahe mit sonderbarer Scheu zum ersten Mal in ihrem Leben einen Propheten. Der Mann war schlank und hager; seine großen schwarzen Augen funkelten sie an, und sie sahe darin Gutmüthigkeit, Treuherzigkeit und viel mehr Demüthiges als Stolzes, und vielmehr Offenheit als Schlauheit; wenn auch sein Mund nur freundlich grüßte, aber zurückhaltend dann schwieg, oder nur die nöthigsten Worte sprach. Denn er schien menschliches Wesen, den Lärm um das Heut und das Jetzt immerfort zu belächeln, wie das brennende sich verzehrende Licht; und doch beobachtete er alles Geschehende scharf, und schien es nicht recht fassen oder sich damit vertragen zu können. Und so lag eine gewisse, schwer zu verhüllende Hast und Ungeduld in seinen Geberden und Schritten, bis er wieder in einer Ecke still stand undsah und zusah. Wie Jemand, der selbst auf einer weitschauenden Höhe steht, und hinter den Bergen her viel fremde wunderbare Gäste erwartet, die ihm haben zusagen lassen: „sie würden kommen,“ und die alle Augenblicke, aber auch in Jahren erst kommen können, und die zu erwarten und zu begrüßen er auf die Höhe gestellt ist. Und so lag auch Ueberdruß auf seinem blassen Gesicht, und seine Kleidung war nur — Kleidung, und schien nicht sorgfältig angezogen, sondern nur umgehangen. Auch seine schweren langen schwarzen Haare hingen ihm grad und schlicht, ohne zu glänzen, bis auf die Schultern herab. Seine Sprache aber drückte selbst das Gewöhnliche so aus, als sei sie bloß für diese jetzige Sache von ihm erschaffen worden, und solle in der Welt nichts anders mehr bedeuten; und so erschien sie klar wie Wasser, das den Grund durchsehen läßt, doch nicht wie geprägtes fertiges Gold, sondern wie solches, das eben geprägt wird, das mühsam aber sauber und fehllos unter dem hörbar arbeitenden Stempel hervorkommt.

Sie hatten kaum zu Abend gegessen und sich ausgeruht, als ein furchtbarer Lärm im Dorfe entstand. Alle Soldaten liefen bewaffnet hinaus, und auch die Bewohner von Zahlbach standen eine Zeitlang betäubt in jenem allgemeinen Erschrecken, in welchem alles Grause, das in der Natur ist, aufgeschrien, wie Ungeheuer des Himmels, des Meers und der Erde drohend und schnappend mit offenen Rachen die Menschen umlagert, und gegen welches das größte Unglück nur Kinderei wird, wenn der Schreck seinen Namen durch die Taufe der Zeit erhalten. Und so ward sogar allen leicht um das Herz, als sich ein nahender Bote erbarmte und kund that: „Mainz brennt!“

Nun eilten Viele auf die Clubbisten-Schanze. Aber eswar nur dort ein matter niedergehaltener Schein über der Stadt zu sehen; oder bisweilen einige leuchtende Funken um die Thurmspitzen, und dumpfes Geräusch scholl auf; dazwischen auch wohl ein Knall, hier einer und dort zwei, auch drei; dann schwieg es wieder und rauschte und rief nur fort und blieb hell, Johannes mit seiner Christel und der Leinweber Krieg mit seinem Propheten Adam Müller stiegen also auf den noch höher liegenden Berg zur Seite. Krieg prophezeihe Unglück — denn die sogenannten Verbündeten gingen in dieser Nacht über den Rhein! . . .

„Friede! Friede! Es ist Friede!“ scholl es von der Clubbistenschanze.

„Friede?“ rief Adam, aufglühend vor Zorn, „Friede! Der ist nicht! Der wäre schrecklich! Das kann ein Kind begreifen! Die Völker sollen Eins werden — und im Kriege erkennt Jedes das Andre als ein eigenes Wesen mit eigenen Rechten und Ansprüchen, und fühlt sein eigenes Unrecht und seine Sünden . . . wie seine Wunden! und kann den Himmel mit Händen greifen . . . wie seine Leichen. Friede? Entsetzlich! Wie würde da Frankreichs Licht ausgegossen über Europa! Der Kosak sticht in ein französisches Herz mit der Lanze, wie ein Hammerschmid in den hohen Ofen, und eine ganze Gans, ein Strom Feuer fließet ihm zu! Deswegen sind die rohen unwissenden Völker so kriegslustig — um zu wissen, und sterben gern wie Ameisen; denn sie wissen, ihre Nachkommenden erstürmen die Zuckerdose!“

In Mainz flogen Leuchtkugeln auf, und die nächste Umgebung ward schwach erhellt davon, wie von vielen kleinen zerplatzenden Monden.

„Seht nur,“ sprach der Leinweber; „das ist ein sogenannter alberner Spaß für einen Propheten, der den FeldmarschallBlücher wieder besuchen und ihm den Verlauf und den Ausgang des Krieges prophezeien will — nämlich daß alle sogenannten Schlachten jetzt so gut wie halb umsonst geschlagen werden, und daß das viele junge Blut jetzt umsonst fließet, weil Napoleon wiederkommt nach Jahresfrist — und nun machen sie Friede in Mainz!“

„In Mainz!“ versetzte Adam. „Der Friedensjubel ist nur eine Maske, in welche die endlich auch einmal schlau gewordenen Deutschen die Feinde gesteckt, damit sie drin tanzen und nicht — den Uebergang über den Rhein sehen.“

Also wirdder Kaiservom Throne gestoßen werden? frug Johannes. Sagt uns doch auch Etwas!

„Das kann ein Kind begreifen!“ sprach Adam; „freilich der Kaiser; denn ein ganzes Volk läßt sich nicht absetzen von seiner Menschenwürde oderauf den Thron stoßen!Darum sind alle Kanonen nur auf Ihn gerichtet, welche freilich den armen Franzosen Arme und Beine zerschmettern oder den Leib aufreißen, weil ein Potentat nur aus anderleuts Gliedmaaßen besteht. Aber nur ein schwangerer Mann wird ihn überwinden; denn mit einem solchen Elephanten-Unternehmen trächtig gehen, ist kein platter Spaß, sondern ein höherer Ernst, ihr Leutchen! Sein Sieger muß glauben, einen Elephanten gebären zu sollen. Nur wie man das einmal auf’s Theater bringen will, oder malen, ist meine Sache nicht; aber auch eingebildete Dinge sind wahr, und wär’ es ein junger Elephant. Das Blut muß aber doch vergossen werden.“

Und dann wird Friede? frug Christel fröhlich und getrost.

„Das kann ein Kind begreifen!“ sagte ihr Adam. „Aber, meine Frau Christel: ein Donnerwetter im Frühjahr ist nur einesichtbare, hörbare und wandelnde Schaffung der Blüthenzeit auf der Erde. So soll und wird der bekannte gemeine Krieg nicht aufhören, damit der bekannte gemeine Friede wird, sondern damit der reinegroße ewigeKrieg wieder anheben kann, welchen die Menschheit unter sich tagtäglich kämpft. Denn Leben ist der Streit und das Ringen nach Weisheit, Recht und Freiheit; und in diesem soll bewährt werden die Liebe und die Tugend; denn die Thränen und Wunden, die Schmerzen und Tode in demstillen Kriegeder Menschen, der da Frieden heißt, sind unaussprechlich tiefer, schwerer und tödtlicher, und millionenfacher — als in dem lauten Kriege. Darum bete ich um Frieden, auf daß der wahre Krieg wieder seinen großen Verlauf beginne; und der leibliche Krieg muß nicht mehr geduldet werden von keinem Volke, weil er den Welt- und Geisterkrieg nur unterbricht. Und da müßte Einer oder Mehrere blind, stock — blind sein, wenn sie nicht sehen, daß das deutsche Volk nun aufsteht die Auferstehung, die mit dem nie dahin begrabenen Kaiser im Kyffhäuser gleichsam begraben liegt, seine große, ganze Auferstehung! Nicht dafür, daß Jeder wieder seine vorher so beglückten Leute wieder so wie bisher beglücken soll; denn das kann ein Kind begreifen: das Volk steht nicht begeistert auf für Andere, sondern für sich, von einer großen Ahnung voll: das große gemeinsame Vaterland soll leben und dastehn, nicht Heinze oder Kunze, die als Sterbliche doch bald umfallen. Für Heinzen und Kunzen opfert es also scheinbar auch sein Blut; deutlicher aber schon: um die Schande los zu werden, daß es ein fremder Tyrann nach seinem eignen Gefallen beherrscht. Und Deutschland wird durch seinen Sturz sich emporrichten;den ihm Niemand abgewehrt, den im Gegentheil ihm Vielelange herbeigeführt haben durch Habsucht und Uneinigkeit; und Deutschland wird durch seine Erniedrigung erhöhet werden, wozu ihm nur Gott der Herr hilft. Und das weiß das Volk — und Gott! Und das Volk wird siegen mit Gott!“

Jetzt erdonnerten hundert Kanonenschüsse rund um die Stadt, aus feurigen freudigen Schlünden, wie Triumphhall; die deutsche Erde bebte, und die deutschen Augen weinten auf dem Berge. Aber Adam setzte sich traurig nieder, sahe auf Mainz hin und weinte auch, aber ingrimmig; und der Mann schien eine feurige Flamme, die aus der Erde gefahren, und aus der Flamme sprach es: „Ja, jubele nur Du unschuldige Stadt, Neu-Bethlehem, Du Stadt des Unheils der unschuldigen Kinder, umdas Wort der Weisenzu Schanden zu machen: daß die Erlösung nun da sei und das Licht geboren! In Dir wird man hören aus thörigen Kindern, was — die Erde will, und um dieser Kinder willen wird man ein Netz über alle Lande legen, ein eisernes Netz, das zehntausend Millionen Goldstücke kosten wird, und ineiner Sommernachtzerreissen wird wie von Spinnenfäden, und dann keinen Kreuzer mehr werth sein wird, wie ein zerrissenes Kreuzspinnennetz! Denn die Kreuzspinnen werden es spinnen, und eine große Kreuzspinne mitten darin still sitzen und Spinnen brüten, und hineilen, wo nur ein Fädchen sich lösen möchte. Aber das Netz hat der Spinne letzte Lebenskraft gekostet; sie kann es nicht wieder verschlingen, nicht mehr verdauen, um es neu zu weben, so lange der Himmel bleibt.“ —

Da erscholl mit erschütternder Wirkung vom Thurme des Domes Posaunenhall durch die Nacht, und himmlische Luft trug unter den heiligen Sternen und über der heiligen Erde die Worteher: „Herr Gott, Dich loben wir!“ —„Herr Gott, wir danken Dir!“ —

„Er hat schon geholfen!“ schrach der Leineweber. „Mir ist, als spielte ich das Lied mit meinem Basse mit, und striche furchtbar dazu, daß es die adligen vornehmen Todten in den Grüften beim Altare hörten, und die gemeinen Bauern-Todten draußen in schlechter Erde auf dem Gottesacker! Blaset nichtmehr! Ich halte es nicht aus — ohne meine Baßgeige! Hört auf, ihr Menschen!“

Und gleich auf der Stelle trifft das ein, was Ihr voraussagt, Herr! sagte Christel. „Das Netz soll zerreißen“ — und gleich danken sie Gott dafür in Mainz!

„Nicht nur in Mainz, meine Christel!“sprach Johannes. „Aber besinne Dich nur! Denn Du vermischest seine wahre Rede mit ihrer falschen Freude; — eigentlich posaunen sie Unsinn! Sie sind nur zum Narren gehabt!“

„Aber nicht Narren! — Hilf Deinem Volke, wirklicher, nicht nur sogenannterHerrund Gott!Dastrifft gewißlich ein;“ meinte der Leinweber.

„Alles Gute trifft ein. Denn das Gute ist Gott! Und Gott ist nicht todt zu machen,und Gott bleibt nicht aus!Er ist immer da und nah! Gebt acht!“ — sagte Adam Müller. —

Und eine ungeheure Nachteule, groß wie der Vultur papa, oder auf Deutsch: der Papst der Geier, rauschte niedrig am Boden vor ihnen vorüber, und krächzte schauerlich-furchtbar und furchtsam wieder heran. Denn sie war geblendet, und wahrscheinlich aus dem alten, dunkelrothen Dome der Stadt verblasen und verschossen worden. Sie setzte sich nahe vor ihnen hin; ihre Augen funkelten; ihre Federn standen ihr zu Berge; sie war aufgehuschert,wie zum Schlafe. Und Peter, der Hund, der ihnen nachgekommen war, stürzte sich auf sie, und zerfederte sie; aber die Eule klammerte sich über seinem Maule fest, und hackte nach seinen Augen; und der Hund heulte, von ihren Krallen zerkratzt, durch die Zähne; schnaufte, boll dumpf, wälzte sich, biß sie endlich todt, und schüttelte das schändliche Schloß mit Schmerzen und Qual vom Munde, und kam dann blutend und doch fröhlich zu den Menschen.

Allen war grauenvoll zu Muth.

Ist das auch ein Zeichen heut in der Neujahrsnacht? frug Christel.

„Die Natur verstehe ich nicht auszulegen;“ erwiederte der Prophet, „ich sehe nurGesichte. Aber etwas Aehnliches kann kommen. Denn das deutsche Volk nimmt jetzt einen ungeheuren Anlauf zum Hohen und Großen, wie nie zuvor; und unfehlbar auf immer; und wenn es Eines wird in Sinn und Geist, würde es furchtbar allen Blinden und Taubstummen —wennes nicht ein treuer Hund wäre, der eher wacht und schützt, als raubt und verschlingt, wie ein Wolf. Deswegen werden die vergrößerungssüchtigen, falschen — Türken seinen Herren falsche Angst machen; daß der Hund nun ein Ungeheuer werden könnte, und bitten und rathen, undbefehlen, daß ihm ein Schloß vor den Mund gelegt werde, damit er nicht . . . reden lerne wie Bileams Esel, und kaum klagen könne seine Nothdurft, aber nur dumpf, aber nicht bellen noch beißen — das treue arme gute Thier! Seht nur, wie Peter blutet! heißt er nicht so? Denn was jetzt geschehen wird, das kann ein Kind begreifen . . . aber in den dreißiger Jahren, wenn der Komet kommen wird . . . da wird die Erde Angstschweiß schwitzen, wie ein Roß vor dem Kameel! Und wiedie Fliegen, die auf dem Rosse sitzen, von dem Angstschweiß sterben; so werden die Menschen, die Fliegen und Würmer der Erde — sterben. Denn heut ist es ein Jahr, da klopfte es um Mitternacht an mein Fenster. Ich horchte; aber ich las still fort in den großen Propheten. Da klopfte es wieder. Ich sah hin — es schwieg — ich las fort. Aber — ich weiß nicht auf welche Weise, ich schlich leise zur Hausthür, und harrte. Und als es zum dritten Mal pochte, riß ich die Thüre auf, um zu sehen, wer . . . doch ich sah — laßt mich schweigen — ich sahJemandin einem weißen langen Gewande, weiß, wie der Schnee . . und es blickte mich an mit hohlen Augen . . . und es winkte mir fort — und als ob ich von ihm an einer Kette geführt würde, mußte ich folgen, und wir schritten durch das mondhelle todtenstille Dorf auf den mondhellen todtenstillen Gottesacker — — und die Pforten der Kirche standen offen, und es zog mich hinein, und die Pforten fielen hinter uns zu, und die Schlösser verriegelten sich — die Gestalt deutete nach dem Altar, und versank vor meinen Füßen in die Steine des Bodens, wie Wasser zerrinnt; und ich stand allein in der mondhellen todtenstillen Kirche. Aber sie war heller als von einem bloßen Monde, und so still, daß ich das Blut vor meinen Ohren sausen hörte, wie Rauschen des Meeres. Und aus Furcht schritt ich zu dem Altar hin, wo es heller war, und die Gestalten von Engeln wenigstens aus Stein gehauen um mich waren. Aber da kamen vor meinen Augen — wie drei goldene Kähne still aus einem Wasser tauchen — drei Särge aus dem Boden herauf, und an jedem stand eine Jahrzahl, wie von einem inwendigen Feuer glühend und licht. Und mich zog es wider meinen Willen hinzu, und ich mußte den Deckel des ersten Sarges abheben — und der Sargwar voll von warmem noch dampfendem Menschenblut — aber das Blut schrie leis und unaussprechlich bang zum Himmel, wie ein neugebornes Kind schreit in seinen Windeln. Das Blut aber wimmerte in drei Sprachen zum Himmel . . . und nannte drei Namen, und rief über jeden Namen dreimal Wehe! — und die Engel neben mir riefen: „Wehe!“ — Und ich konnte es nicht ertragen. Und um Grausen mit Grausen zu vertilgen, riß ich den Deckel vom zweiten Sarge . . . und ich sah . . . er lag voll Menschengebeine . . . und die Gebeine regten sich und klapperten, und dürre Hände falteten sich wie zu beten, und wollten sich aufstellen und konnten nicht, und fielen immer wieder in die Asche zusammen, wie Kartenhäuser den Kindern . . . . Und der tiefste Ton in der Orgel fing an zu sausen und mit dem Tremulanten zu zittern, daß die steinernen Glieder der Engel zitterten und klapperten; und die Steine der Kirche zitterten und klapperten mit, und die Fenster klirrten; der Mond von draußen und das Licht von drinnen erlosch, und ich stand in schwarzer Nacht. Und vom Orgelchor sang eine einsame Stimme eines Knaben — vom Tremulanten in einem Tone begleitet, die Worte: „Und dann, wenn kein Elend mehr laut genug ächzen kann, dann wird ein Schaafsterben kommen und die Hirten erschrecken. Endlich muß Jeder dadurch einsehen: „Jeder sorgt zugleich für sich am besten, wenn er für die Andern sorgt: für die Armen, die Hungernden und Nackten, und diezugleicharm, hungernd und nackt sind! Endlich soll nach den sechstausend Jahren seit der Schöpfung im Paradiese, Gottes Ebenbild und alle seine tausend kleine Bilder, nicht mehr tausendmal schlechter sein als das Vieh, das sein Fell — seine Kleidung, sein Gras — seine Nahrung hat für den Leib. Denn selbst das Vieh bleibt nur gesundund giebt Nutz, wenn es sein Futter bekommt zu rechter Zeit. Aber demüthig, ohne Fell und ohne Futter stehen noch Millionen Kinder Gottes und beten: „O Pest! Stecke nicht durch uns die Reichen an, sondern eröffne die Augen derer, die Zungen haben, daß der ungerechte Ueberfluß aufhört, und die überflüssigen Rechte, daß nicht länger Unbarmherzigkeit sei auf Erden! Darum soll dein Name, o Menschenvertilgerin, genannt werden: „Die endlich barmherzige Mutter der Menschheit!“ — Da erklang ein ungeheurer Lärm von lauter verstimmten Instrumenten, Geigen und Bässen, Fagotten und Hörnern und Trompeten und Pauken; die Orgel aber spielte noch obendarein einen halben Ton tiefer dazu, und einGelächtererscholl, wie von hundert brüllenden Löwen. Ich sah mich um, und alle Orgelpfeifen waren gleissende dicke Schlangen und hatten Teufelsköpfe, und die Köpfe lachten alle; und eine große Schlange zischte und gebot dem Gelächter Stille, und die Stimme sprach dann herab:Niemand ist barmherzig als Gott!Kein Teufel läßt einen Kreuzer aus seinem Sacke Gold fahren; kein Gewaltiger läßt ein Haar nach von seinen geerbten Rechten, als höchstens gezwungen ein Paar, um die übrigen sich zu erhalten! Niemand ist barmherzig als Gott! Kein Teufel!“ — Und die Köpfe verfielen wieder in ihr Gelächter, und lachten sie aus die Barmherzigkeit der Menschen. — Und wie mir da grauenvoll zu Muthe war — siehe da springen die Pforten der Kirche auf, und blendendes Licht bricht herein; und die Halle bricht oben aus einander, und die Gewölbe und das Schiff der Kirche bersten oben auseinander, und als wären die Mauern und Pfeiler und Säulen von blauem Weihrauchduft, werden sie lichter und lichter, durchsichtig und leicht, und duften nach und nach hinweg; und der tiefe blaueHimmel ist droben und drunten und um mich. Und ein Stern, groß wie zwölf Scheiben des Mondes, und weiß wie Schlehenblüthe, nahet da langsam wie ein Mensch, kommt herein in den Raum, und ich weiche vor ihm bis an den Altar, und er nahet und bleibt ruhig schwebend, wie die Sonne am Untergange anschaubar stehen vor den drei Särgen. Und der Stern war — ein großes himmlisch-schönes Antlitz, und es blickte mit thränenfeuchten Augen auf die Gebeine im zweiten Sarge, und das Blut aus dem ersten Sarge sprach wieder, aber leise: Das istdas leidende Gesicht der Menschheit!Sieh es an! — Und ich schaute es nun getroster an, und das Blut sprach: Siehst Du das leidende Gesicht der Menschheit von solchem Nebel umblasen, daß es wie blind ist und nicht gern die Augen aufmacht, weil ihm die Augen übergehen! Verwegene Buben haben ihm Nießwurz unter die Nase gestrichen, und es muß niesen, und schlägt mit dem Kinn auf das vor ihm zugemachte in Eisen eingebundene harte Buch, worin es gern lesen möchte . . . die Weltgeschichte. Das Haupt ist wie ein Engelshaupt, ohne Leib, ohne Hände und Füße, und rückt nur höher wie die Sonne; aber in tausend Jahren nur eine Spanne hoch, und sieht noch kaum die Erde vor Nebel und Glanz. Aber ach, es hat auch nicht Flügel wie Engel, und es muß auf Erden bleiben, es mag ihm gehen wie es will. Andere Dämonen wollten ihm die Augenlieder abschneiden, wie griechisch-gläubige Kaiser ihrem Vorgänger, damit es niemals schlafen könne, sondern nur, unschädlich, in einem irrigen Traume dahin starre! Sieh nur; das kindlich fromme Gesicht hat Wunden über und über aus tausend Kriegen, und Pestspuren, und sieht hungersatt, arbeitsmatt und kummervoll aus, und trägt einen Ausdruck in seinen götterschönen Zügen, der selbst dem härtesten Menschen das Herzim Leibe erweichen müßte, wenn er eins hätte — und ihm das leidende Gesicht der Menschheit einmal erschiene. Du aber bist gewürdigt worden es zu sehen, und sage es nur, sage nur die Wahrheit: das erbarmungswürdigste, ehrwürdigste, leidendste und doch das schönste, was es geben kann, ist das leidende Gesicht der Menschheit! — — Ich selbst nun wollte ihm einen frommen Trostspruch aus Gotteswort in das Ohr rufen — aber das Ohr war taub! und ich hatte zu viel Ehrfurcht, um zu schreien; aber das Haupt neigte sich, wie ein stillwahnsinniges Kind, und seine frommen großen milden Augen sahen freundlich auf mich; über das Antlitz flog einmal — ein trauriges Lächeln, und die schönen Lippen zuckten, als wollten sie sprechen. Aber es bedeckte seine Augen wie blaue Glockenblumen, mit den schöngewölbten, langbewimperten Augenliedern — und schwieg. Und ich rief außer mir: „Geduld, Geduld, wenn’s Herz auch bricht; mit Gott im Himmel hadre nicht!“ und es war, als hätte das Haupt sein Herz in der Erde, und das Herz desselben schlug laut unter mir, und hämmerte wie ein tiefes unterirdisches Werk in stiller weithörender Nacht. — Und der Chorknabe stand jetzt drunten neben mir in himmelblauem Gewande und frug, und Thränen rannen ihm dabei über seine reinen Wangen, er frug: „Ist es möglich, giebt es wohl so harte selbstsüchtige Herzen, dies Himmelsantlitz so tief zu kränken! Ist es möglich, ihm nicht alles Liebe und Holde zu thun, ihm selbst sein Herz zu opfern — nicht wie dem Abgott Fitzliputzli — denn das Antlitz ist Gottes Ebenbild und Gottes des Sohnes Ebenbild — und was ihr ihm thut, das habt ihrihmgethan —oder ihm „nicht“ gethan. Aber hast Du Muth zu sterben und nur eine Viertelstunde todt zu sein (wenn Du, der schändlichen Welt entrissen,nicht immer unter den Seligen bleiben willst), so will ich Dich schauen lassen, welche Strafen und Qualen alle die leiden, die diesen Himmelsaugen nur eine Thräne ausgepreßt, über die das in der Erde schlagende Herz nur einmal verborgen geseufzet!“ — Und er sank hin vor meinen Augen und starb und war todt — und eine geheimnißvolle innere Macht hielt mein Herz an, wie eine Uhr, nahm den Hauch aus meiner Brust und schloß mir leicht und süß die Augen zu, und ich war gestorben und todt — aber ich wunderte mich, daß ich noch lebte, als der Knabe mir an einem fremden Orte leuchtend entgegentrat, daß ich sah; aber Alles klarer, so daß ich zugleich es einsah; und daß ich hörte, aber aus ungemessenen Fernen, und doch Alles deutlich unterscheidbar und unterschieden. Und wir standen auf einem Berge, mitten in grüner, großer Ebene, groß, wie dem Schiffer die offenbare See um ihn her; doch die Ebene schien wie die Erde voll Saatfelder, Bäche, Flüsse mit Bäumen besäumt, mit Hügeln und Felsen und wunderlichen Gebäuden und altem Gemäuer besetzt, und sonderbare Gestalten regten sich emsig im ganzen Gefilde. In der Mitte desselben stand ein riesengroßer Kandelaber, und erleuchtete den ganzen Raum mit hellem Purpurlicht; denn keine Sonne, kein Mond und kein Stern war hier zu sehen; denn diese hatten noch alle ihre göttliche Arbeit in der lebendigen Welt. Auf dem Kandelaber aber stand als rubinrothe Lampe — ein Menschenherz. Es war durchsichtig, und man sah das Blut in den Adern desselben umlaufen, und zu den Ohren des Herzens lüfteten sich von Zeit zu Zeit lichte Flämmchen heraus, wie wenn man Stahl in Lebensluft verbrennt; und in dem Kandelaber liefen Röhren, wie Adern, hinauf, die dem leuchtenden Menschenherzen sein Oel — das vergossene Blut aus der Erdeüberall zusammensaugten und heraufführten.Wärmeaber gab ein ungeheures Felsenthor in einem Gebirge zur Seite, worin man Flammen brennen sah — „das Feuer, das bereitet ist vom Anbeginn“ — sagte mein Führer. Am Himmel waren keine Wolken zu sehen, nur reine azurne Wand, aber in den vier Himmelsgegenden: vier himmelhohe Bilder, nicht gemalt, sondern nur in Umrissen, ausgelegt mit buntschimmernden falschen Edelsteinen. Ein Anblick, wie ihn selbst so groß und erstaunend der gestirnte Himmel nicht zeigt, der dagegen nur aussieht, wie eine — blaue Wiese, oder eine blaue Höhe mit gelben Schmergelblumen. Aber hier war Arbeit! Gegen Morgen ragte das Bild derHerrschsuchtempor, und die Gestalt hatte ein Kind mit einer eisernen Spindel statt des Rückgrates auf ihren Armen — denStolz, der eine barbarische verachtende Unterlippe hatte, an welcher drei schwere Ordenskreuze hingen. Gegen Mittag aber stand dieHabsucht, mager und lauschend, mit gierig umhergreifenden Händen wie Polypen, die jappend und schnappend im Leeren sich selber faßten und ansaugten und fraßen; weil der Himmel umher, wie eine Wand mit Eisenspitzen bewaffnet war, daß sie sich blutig ritzten. Gegen Norden aber stand dieFurcht, wie auf dem Sprunge zu entfliehen, aber zu schwer gepanzert, als daß sie entfliehen konnte; und sie trug an ihrem Gürtel viele Arten Waffen. Ihr Mund aber war mit Schlangenzähnen besetzt, und statt des Herzens, sah man durch die Gestalt — trug sie einen grünen Beutel voll Scorpionen, und auf dem Beutel stand: „Das böse Gewissen.“ Gegen Abend aber stand dieReligion, aber sonderbarer Weise nur als ein großer Deckmantel abgebildet, mit wunderlichen Zeichen, Mützen, Ketten, Bullen und Bullenbeißern und Fackeln farbig gestickt. Wie eine großeGallerie aber lief, über den Köpfen der vier Riesenbilder, horizontal unter der Kuppel des Himmels umher, ein breiter schwefelgelber Streif mit einer schwarzen Umschrift, die aber nicht still harrte, wie eine andere Schrift, bis sie Jemand läse; sondern sie rief immerfort selbst ihre eigenen Worte laut umher aus:Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land.Denn, sagte mein Engel: Gott hat zwar gesagt im neunten Gebot: Du — also Jedermann, wer es sei, denn Gott redet jeden Erdenwurm aus Machtvollkommenheit mit „Du“ an: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus; und im zehnten Gebote hat er gesagt: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder Alles, was sein ist. Aber weil der gute Vater der Menschen nicht erst die Vermessenheit eines sterblichen Sünders für möglich gehalten, daß Einer hunderttausend Häuser, nebst Millionen Weibern, MillionenKnechten, Mägden, unzählbares Schaaf- auch Rindvieh und Alles, was ihr ist,begehren, ja sogarnehmen, ja sogarbehaltenwürde; darum steht nun hier deutlich ausgedrückt: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land! Auch hatte er jene Gebote nur mit dem Finger auf stumme Steine geschrieben; darum spricht sich nun sein erläutertes Gebot ohne Rast und Ruhe Tag und Nacht, wie von Gott gerufen, selbst ganz laut aus, und Niemand kann die göttliche Stimme hemmen oder zum Schweigen bringen, noch in sich und in Andern betäuben; denn sie übertönt Alles, und nach ihr wird an jenem großen Tage ein Jeder unerbittlich gerichtet werden. Denn wie soll der gerechte, ja der barmherzige Gott Jemandem seine tausend Pfund, oder so etwas Heiliges wie sein Weib und seine Kinder, seinen Vater und seine Mutter wiedergeben, und die Seligkeit dazu, wenn ein Mensch so etwasSorgenvolles und kurz Besessenes wie ein Land, seinem Nächsten auf Erden nicht wiedergegeben? Die zehn Pfund! — Mitten in dem Aetherdome aber hing ein erstaunend und furchtbar großes Kreuz, ganz einsam und allein, an einer langen, langen Wurzel des Lebensbaumes herab; doch Christus hing nicht an dem Kreuze, sondern es war nur verhüllt und umwunden mit schwarzem Trauerflor, und statt der Inschrift: I. N. R. I., an der Stelle wo sein Haupt für die Menschheit gestorben, glühten rubinroth die Worte:Bis heute vergebens!Aber sie riefen sich nicht selber laut aus über die Welt, wie des Gebotes Erfüllung: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land, sondern sie schwiegen unbeschreiblich wehmüthig anzublicken, und weinten immerfort, wie ein still rinnender lebendiger Quell in Tropfen herab, die verblinkten wie Thau und verdufteten wie Himmelsthau. Hoch droben aber, über dem Kreuze hing im Schlusse der Kuppel des Alles umfangenden Aetherdomes die große Posaune zum Weltgericht an Spinnenfäden; und ein Engel schwebte Wache um sie, mit einem silbernen Mundstück in der immer bereiten Hand. — Gerade unter dem trauerumflorten gewaltigen Kreuze aber war ein Chor erbaut, auf welchem sechshundert auf Erden ermordete Tyrannen und Herrscher, in Bärenhäute gekleidet, saßen, mit ihren Weibern und Kindern und Brüdern und Schwestern und Vätern und Müttern. Und ich hörte sie singen, und frug; und der Engel antwortete mir: Höre nur, wie befangen, widerwillig und immer trotzig sie singen; denn sie singen die Marseiller Hymne immer durch, und vom Ende wieder zum Anfang in einem ewigen da Capo, bis der, wie ein feuriger Stahl und Strahl auf die Erde gefallene Gesang, dessen gleichen seit Paulus Worten nicht erscheinen, und seit welchemfür die Menschheit das neue Reich anhebt, bis er in ihr Haupt gestiegen, und wo möglich in ihr Herz, damit ihre Seelen nicht verloren gehen. Denn das will der große Vater nicht! Sie singen ihn aber zugleich zur Ermunterung der Millionen Arbeiter in diesem großen Fabrikgefilde. Denn siehe, für alle Verbrechen muß erstWiederersatzgeleistet werden; und das konnten sie Alle nicht im Leben, im immer gedrängtvollen, breit mit Werken besetzten Hause der Menschen; darum müssen sie Schadenersatz und Genugthuung leisten im Tode. Und hier in diesen Räumen — dem Orte des Wiederersatzes — hier ist unendlicher unbehinderter Raum dazu, und unendliche unbehinderte Zeit. — Denn ehe nicht Jeder und Alle: Jedes und Alles wieder in den Stand gebracht, in welchem es war, ehe er es verdorben, verwüstet oder zerstört, ehe kann ja nichtdas Weltgerichtbeginnen, wo erstdie Sündejeder That gewogen und vergolten wird! Hier also ist die bloße Vorbereitung zum Weltgericht, zum Gericht der Seelen, wo Herz und Nieren geprüft werden. Und der Engel rief einen alten Griechen, der Gesanglehrer bei dieser Singacademie war, und frug: Dionysius! Wer kann die Hymne? — Sie singen und brummen alle die Weise, die wir wissen: Du einem Menschen eingegeben hast; aber . . . aber . . . ich will fragen! und nun frug er: — He! Cäsar! — Und mit Mühe und Noth sang Cäsar — der vor Lange unsern Calender verbessert — den ersten Vers:*)„Sei uns gegrüßt du holde Freiheit! Zu dir ertönt froh der Gesang! Du zerschlägst das Joch der Bezwinger, Du erhebst zu Tugend und Heil. Uns zu erneu’n kehrst Du vom Himmel, längst deinen Geweihten ersehnt. Washemmt ihr Bezwinger, noch in verschworener Wuth die Erneuung? Mit Waffen in den Kampf! für Freiheit und Recht!“ — und Alle fielen ein: „Wir nah’n, wir nah’n! Beb’ Miethlingsschwarm, entfliehe und stirb!“ — — „Ja die Chorworte wissen sie Alle!“ sprach Dionysius lächelnd. „Aber, Richard der Dritte! wie heißt der zweite Vers?“ — Und Richard wußte den Anfang nicht, und stammelte die zweite Hälfte. „Ihr, die zum Vieh Menschen entwürdigt, Unmenschen, ihr trotzt noch jetzt? Ihr straft, wo ein Gedank’ ertönt, und erzwingt fühllosen Gehorsam . . .“ „Und der sechste Vers . . . Landvoigt Geßler! wie lautet der?“ — Und Geßler stand auf wie ein großer Schulknabe und brummte: „Und es erträgt zahllose Heere, die wie der Feind lasten und drohen, nur genährt zum Dienste der Willkür, dem Gewerb’ und Pfluge geraubt! Und es erträgt Kriege des Throns, Arglisten und Launen ein Spiel! und Jammer!“ — — — Da erscholl eine dumpfe gesprungene eiserne Glocke, und läutete Mittag; und plötzliche Ruhe und tiefes Schweigen ward überall. Vom Himmel aber regnete es Mannakörner, aber nicht zur Speise, nur statt derselben. Denn ich kostete ein Korn, und es war bitter mit Galle gewürzt — damitdie Genugthuendenimmerwährend nur einen bittern Geschmack im Munde hätten, wie mein Führer sagte; und Becher mit Thränen gefüllt, welche Menschen einst über sie geweint, gingen herum; aber nur die sonst am durstigsten Gewesenen, setzten sie kaum an die Lippen, und gaben sie weiter. Und während die Ersatzleistenden von ihrer Arbeit feierten, ging ich in ihren Werkstätten umher, und sah und besah, was sie geleistet oder noch zu leisten hatten; und ich erstaunte und sah vor Verwunderung empor — da zog am Himmel sich ein Augenliedvon einem Auge weg, das ich nicht bemerkt hatte, und ein Donnerschlag erklang durch das ganze Gefild. Und mein Führer sprach: „Entsetze Dich nicht! Lilith, des Teufels Großmutter, schlägt ihr Wächterauge auf, um zu sehen, ob die Genugthuenden diesen halben Tag genug gethan? Denn ein teuflisches Weib sieht am meisten, und sieht am eh’sten, was fehlt; denn sie weiß am besten, was sie selber unterlassen und verbrechen würde. Darum ist sie die Wächterin, und so oft sie ihr Auge aufthut, fällt ein Donnerschlag, und die Trägen erschrecken und fallen mit Hast auf ihr Werk. Aber hörst Du? Sie lacht! Hohngelächter! Denn Nichts ist vollendet. Und Alles ist schwer zu thun, aber Ersatz zu leisten am schwersten.“ Und das sah ich nun selbst. Denn nicht weit von uns stand die unbeschreiblich schöne Charlotte Corday; vor ihr lag der todte frischerhaltene Marat mit noch bluttriefender Brust, und sie sollte die Wunde des Dolches heilen; um sie standen alle köstlichen Salben, lagen Geräthe und Binden — aber sie saß nur, das Werk bedenkend, in tieferem Schweigen, und düsterer Verdruß stand auf ihrem schönen ängstlichen Gesicht. Weiterhin standNapoleonund hatte dem erschossenenPalmdie Kugel aus dem Herzen gezogen, und hoffte ihn wieder lebendig zu seiner Wittwe und seinen Kindern nach Erlangen zuschicken. Und ich sprach verwundert:Napoleon lebt ja noch auf der Erde, und er steht doch auch schon hier unten und leistet Ersatz! — Ja, sprach mein Führer: „Der Leib ist nicht der Mensch, sondern seine Seele, sein Wille. Der Mensch besteht aus so vielen Thaten als er gethan hat, guten und bösen — und mit jeder That stirbt er einmal und stellt sich fest in ihren Reichen, in dem seligen oder dem unseligen Werke; und so siehst Du Napoleon dort eben wieder; aber einen andernseines Gepräges — wie er dreimal hundert tausend Franzosen, die erfroren sind, durch seinen Trotz und sein blindes Gottvertrauen auf linden Winter, wieder durch Schnee, oder durch was er sonst meint und dazu begehrt, lebendig machen soll, und so, daß Keinem mehr eine Zehe schmerzt, oder eine Nase roth wird, wenn Nordwind streicht. Eher kommt er nicht von hinnen. Und dort steht noch ein Napoleon, der denSchillin der heiligen Arbeit hat. Denn jeder Mensch muß selbst das entgelten, was er Andern befohlen hat, die gehorchen mußten; und die da schlechte unmenschliche Befehle vollzogen, müssen eben noch selbst auch dasselbe entgelten; denn dort arbeiten noch zehn Andere an dem Herzog von Enghien, die ihn erschossen haben, und jeder Einzelne hat seinen eigenen Herzog vor sich und für sich. Darum siehst Du auch hier im Gefilde so wenige Könige und Fürsten; meist nur die erbärmlichen Handlanger, Rathgeber und heimlichen Regenten der Leidenschaften und Leiden der Regierenden: — ihre Frauen, Geliebte, Leibärzte, Kammerhusaren, Beichtväter, ja oft auch nur ihren Koch oder Hofnarren in mannigfach angezogener Person. Denn die Fürsten sind gut, und thäten gewiß lauter Königliches, wenn sie lauter edle Könige zu Freunden hätten, nicht unzähliges Volk dazu wählen müßten, das sich in Respect vor ihnen verhüllt, wie in eine Nebelkappe, so daß sie nie einen Menschen sehen; denn ein ächter Mensch ist wahr und frei, weil er gut ist, und gut, weil er frei ist, und nur das Gute, die Freiheit will und die Wahrheit.“ — Und so erstaunt’ ich nicht mehr so stark, als ich eine verwüstete und verbrannte Stadt sah, die ich an ihrem schönen Dome als Magdeburg erkannte, und keine Seele war darin — alsTilly, der Mutter-Seelen allein eine Kirche wieder aufbaute, die er zerstört. Inden einigen Jahrhunderten hatte er nun Ziegel gestrichen, Grund gegraben, und war fast mit dem Sockel heraus; aber indem er hier mauerte, war dort ein Theil vom Wetter schon wieder verwaschen und aufgelöset — und er sah mich wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Eben so gewahrte ichSuwarowim Hemde arbeitend, wie er Warschau wieder baute — und ich sah ihn auch wieder vor einer dabei liegenden Festung — Ismael — wo er dreißigtausend Menschen wieder Athem einblasen sollte. „So geht’s dem treuen Diener der Mutter!“ sprach er; einem Throne dienen, und Gott, oder nur den schofeln Menschen, ist ein Unterschied wie Suwarow oben und Suwarow drunten! Und er sah mich wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Weiterhin aber gewahrte ichwahreKriegsräthe, die unübersehbares Elend gut zu machen hatten hier unten, ob es gleich Gott der Herr wieder droben gut gemacht, so weit das selbst der Allmacht möglich ist in der Zeit. Sie fingen aber ihr Werk gründlicher an, als Charlotte Corday mit Marat — sie studirten die Natur, und Einzelne versuchten Einzelnes nachzumachen, Diese: Augen; Andere: Adern und Nerven, wozu ihnen alle Zuthat unentgeldlich geliefert ward. Aber Manche saßen schon Jahrtausende und sahen ganz schimmlig und ganz zerdacht aus, und waren noch nicht mit der Bildung eines Auges zu Stande gekommen, das nicht sah! geschweige mit einem Ohre, das nicht hörte! Andere hatten zwar Zungen fertig liegen, aber sieschmecktennichts; denn es fehlte der Jemand, der Geist dazu, den sie aus dem Tode nicht wieder in den beinahe vollendeten künstlichen Leib herauf beschwören noch beten konnten, und studirten nun: erst nur einen Geist zu machen. Kurz, ihre Arbeit war schwer, und mehrere, selbst alte deutsche Minister und Kriegsräthe hatten siebzig bisachtzig tausend Menschen herzustellen, die Pferde und Ochsen ungerechnet — die sie nachher machen wollten, oder sich an ihre Stelle gestellen; und zum Trocknen der Thränen und Aufwaschen des Blutes wollten sie sich Weiberkleider anziehen, wenn sie bis zu der letzten Arbeit gelangt wären. Einige theuer bezahlte Engländer aber bauten türkische Flotten in griechischen Häfen, und waren fast damit — bis auf die Türken selber — fertig, und fluchten ein God dam nach dem andern, daß ich entsetzt mich entfernte. — „Du wunderst Dich, über diese unerlassenen Wiederherstellungen,“ sprach mein Begleiter. „Und eure Könige fordern für einen elenden Hirsch oder einen jämmerlichen Hasen erschrecklichen Ersatz und Strafen, wenn Jemand eines dieser unvernünftigen Thiere in ihren Thiergärten gebürscht. Aber inGottes Gartensoll Alles frei stehen zu verwüsten und zu zerschlagen, selber der Mensch! Aber seid ihr nicht besser als viele Sperlinge? Und sind nicht alle eure Haare auf euren Häuptern gezählt, geschweige eure Adern und Gebeine, eure Thränen und Kinder! Du guter Narr! Und wisse: Auch Tyrannei, Gräuel und Mord darf kein Mensch tyrannisch, graunvoll und mörderisch wieder gut machen, noch Unrecht auf ungerechte Art. Glaube ja nicht, daß die Herrscher Alles thun, weder alles Gute noch alles Böse; sie thun in Wahrheit sehr wenig in dem großen Erdenleben, sondern bewachen das Volk bloß wie ein Nachtigallfreund die Ameisen, welche die Eier ihm dahin tragen, wo er ihnen ein Grübchen gemacht und mit Laub bedeckt. Das Volk thut Alles sich selbst, das Meiste aber durch sein Leiden, und alle eigene Hülfe soll bloß die sein, daß Alle besser werden, und wo möglich gut sind; dann fällt Unvernunft und Gewaltthat nimmer es an, wie keine Leichenwürmer und Asseln denLeichnam Christi, geschweige seinen lebendigen Leib, noch gar seinen verklärten, zu welchem die Menschen ja werden sollen!“ — Ich schwieg tief betroffen und überzeugt, ging beschämt von ihm — und sprach mit Andern aus verschiedenen Völkern; und Alle verstanden mich, und ich verstand Alle; denn hier galt der Sinn der Rede wie Blumenduft, und die Worte waren nur wie erschütterte Luft, die ihn fort- und hinführte. Aber auch hohle Gebilde sah ich reglos liegen, denn ihr Geist war jetzt — wo Nacht auf Erden war — hinauf geschwebt als Träume, damit sie ihre Söhne oder Freunde bewegten: das zu halten für sie, was sie einmal versprochen und nicht gehalten. Und ich rührte die entgeisterten Gebilde an, und sie zuckten wie Chrysaliden und ihr Gesicht war in blutigem Angstschweiß gebadet und sah unbeschreiblich flehentlich aus — so flehentlich wahrscheinlich, wie ihre Seele jetzt bat: ihr gegebenes heiliges Wort zu lösen! Und Grauen und Mitleid erfaßte mich um die Elenden — und ich sah mich selbst — meine eigene hohle Gestalt, die durch mein Nahen beseelt, wie rasend über mich herfiel, — und vor Schreck — erwachte ich . . . in der Kirche, und als ich zu mir gekommen war, faßte ich mir zum Troste meinen Begleiter an der Hand. Und als ich mich in dem leeren Raume umsah, sprach er: „Du wirst das leidende Gesicht der Menschheit wiedersehen . . im Kleinen abgedrückt auf allen Menschengesichtern in dieser Zeit; aber groß und erschütternd zu schauen, wirdes selberlebendig wiederkommen am Himmel . . . undes wird der Komet sein!Der Komet, der in zwanzig Jahren erscheinen wird, um ihnen Frist zu lassen. Das Antlitz wird stumm fragen, tief in alle Augen und Herzen blicken, und Schrecken über alle Bösen und Säumigen bringen, Schrecken über Alle, die sich vor dem Volke fürchtenmehr als vor Gott; die da aus Selbsterhaltung fürchten ihm Gutes zu thun und sein göttliches Recht und seine göttlichen Gaben ihm auszuhändigen, — als sei Gottes Ebenbild des Teufels Ebenbild, und die Menschen lauter Teufel! nicht: arme Kinder der Erde, leicht froh zu machen und durch eine kleine Gabe herzlich dankbar, und schwer weinend vor Schmerz und leicht schluchzend vor Freude! — Du aber verschweige nicht dies Gesicht; denn alle Engel Gottes schützen den mit übergewaltigen Händen, der selber schuldlos und arglos im Herzen, nur will: daß Keinem ein Uebles geschehe, selbst einem Wurme nicht, und der durch himmlische Gesichte und Gottes unfehlbare Gerichte die Zweifelnden warnt: nicht darein zu verfallen, sondern durch jede ihrer Thaten sich täglich hinauf in das selige Reich zu stellenund tausend Engel zu werden aus einem Menschen, und zu leuchten wie die Sterne; denn die Gerechten sollen leuchten wie die Sterne; aber diejenigen, die da wissen, daß die Gerechtigkeit nur göttliche Milde und feurige Liebe sei, undLiebeüben, die sollen leuchten wie dieSonnen— und Sonnensein!

*)Von Johann Heinrich Voß.

Der redliche Mann hatte sich selbst ganz erweicht durch seine Worte. Die ganze Angst, die er für alle Andern in seinem reinen besorgten Herzen fühlte, stand sichtbar auf seinem glühenden Gesicht. Er trieb nach Hause, und dort griff er sogleich nach dem Stabe, um diese Nacht noch weiter zu gehn; Krieg, der ihn kannte, machte keine Einwendungen, sondern erklärte bloß: er selber bleibe da. Auch Christel bat nicht; sondern von seinen Bildern und Worten fromm ergriffen, segnete sie seinen Weg.Ihr war, als müsse seinem klaren Auge die Nacht helle sein und der Weg licht; die Steine müßten vor seinem Fuße wegrollen, und die Kinder aus den Dörfern kommen und seine Hände küssen, weil er es gar so wohl, gar so herzlich meinte — und sie küßte ihm selber die Hände zum Abschied, worüber er sie lächelnd ansah. — „Ihr wollt noch etwas wissen?“ frug er als Menschenkenner . . . „Was in demdrittenSarge war? Meint Ihr, Goldstücke, die daraus emporflogen wie flügge Vögeleier, und die sich im Fluge verwandelten in bunte Spielsachen der großen und kleinen Kinder, in Pferde, Häuser, Kirchen, Schäfereien, kurz in die goldene Zeit! — Ja wohl. Aber nicht so. Es lagen darin die Urkunden der Nachwelt; Landkarten mit den neuen Grenzen; blutig unterstrichene Städte und Dörfer mit den zwei Schwertern dabei, zum Zeichen der bei denselben zu liefernden Schlacht. — Dann Volkslieder, und wie soll ich es ausdrücken: gedämpfte Kronen; mattgoldene Scepter mit Pergamentrollen umwunden, und kleine geschnitzte Modelle zu Thronen, alle mit eines gewissen Rousseau Bildniß in Brillanten. Dazu aber die Namen derer, die in fünfzig Jahren darauf sitzen werden; denn das kann ein Kind begreifen, daß alle jetzigen Daraufsitzer alsdann zu Staube sein werden, so herzhaft sie jetzt auch noch reiten, befehlen und unterschreiben. Wie es aber dann sein wird; und wie die von ihrem Anführer zehn Jahr angeführten oder betrogenen Franzosen dann imGeistewiederkommen werden, also mächtig unschlagbar und gar nicht todt zu machen, und wie sie für ihre Erlösung dann dankbar sein werden, nämlich ein bloßes Licht, das will ich meinem lieben Vorkämpfer des deutschen Volkes getreulich, aber geheim berichten! Denn Wissen ist dem Guten gut!“ —

„Ach nein!“ sagte Christel, „das kümmert uns nicht, und Gott Vater auch nicht, denn der wird alles ohne Sorge und Mühe gewißlich thun; und wie Wecker sagt, weiß Er gewiß auch so viel von der heiligen Rechnenkunst: ob fünfzig Familien oder fünfzig Millionen Familien mehr sind; ich wollte nur wissen, wie esunsergehen wird in dieser Zeit?“ — „Euch?“ frug der Prophet sich verwundernd, „Euch, meine liebe Frau Christel, und Eurem ganzen Hause wird es immer wohl, ganz wohl gehen! denn also seht Ihr mir aus! Wie der Mensch lebt, so geschieht ihm. Wie er ist, so ist ihm! Das kann ein Kind begreifen. Drum ist es mir auch immer wohl ergangen, und wird mir immer wohl gehn, so lange ich weiß — daß ich bin. Länger braucht es nicht. Lebt wohl!“

So ging der alte Mann allein fort in der Nacht, von einem innern Drange unaufhaltsam hingezogen.Krieghatte nicht geglaubt, daß er ohne ihn, ohne Ausruhe, gleich wirklich jetzt um Mitternacht sich aufmachen werde, und er that ihm leid, schon als er hundert Schritt auf dem Wege nicht mehr zu sehen war. Er wollte ihm nachrufen, auf ihn zu warten; aber sein guter — Verstand hielt ihn davon ab. Und sie waren kaum hineingetreten, als sie hörten, daß doppelte Wache vor Haus- und Hofthür angestellt ward. Sie schliefen aber ruhig; bis am Morgen St. Etienne herüber kam und erstaunte und frug, wo der fremde Wahrsager sei? Er erfuhr die Wahrheit und sandte ihm Flüche nach, weil ein wenig Sauerteig von einem Narren, ein ganzes landgroßes Backfaß zu Narren machen könnte; wenn auch solche neue Mähren nur schädlich würden, wenn sie Jemand glaubte und wahr machen wollte! Oder wahr machte . . . was möglich sei — wie das Türkenthum oder die Peterskirche. Undder Unglücklichen wären jetzt sehr viel, und der Hoffenden noch mehr — und die wollten alle einen Kern in ihre hohlen Nüsse, und ein Bild in den leeren Rahmen ihres Gehirns. Und zum Beweise seiner Rede setzte er zornig hinzu: „Bei uns hat man Länder — das ganze große Reich — nach dem Spiel Karten einer Mamsell aus der Normandie regiert und wird nach ihren Karten verspielen, ja sterben! Nun, laßt ihn, laßt ihn laufen; wer weiß, wem er mit seinem Hirngespinnst die Augen blind macht, daß er die Zeit nicht sieht, und ihm ein Brett vor die Stirn hängt, das zehn Tischler nicht durchschroppen können — weil es unsichtbar ist! Ja das Herz kann er damit versteinern und Männer zu furchtsamen Hasen machen — laßt den Hasenfuß laufen! Doch zwei Husaren . . .“

Der Leinweber Krieg sprach aber beherzt den Vers darein: „Er ließ keinen Menschen ihnen Schaden thun, und strafte Könige um ihretwillen. Tastet meine Gesalbten nicht an, und thut meinen Propheten kein Leid!“ — St. Etienne aber sagte: „Weil Ihr unserer Frau Christel Pathe seid . . . versteht Ihr mich! . .“

Christel schwieg. Denn so geneigt sie ihr Herz dem unbekannten Bruder fühlte, so gefürchtet und widerlich waren ihr seine freundlichen Blicke, und seine zutraulichen Reden mit ihr; und ihr war nur freier zu Muth, wenn er zürnte und grob war, oder wenn er recht log oder großsprach; dann war dem guten Weibe das Herz leicht; denn an der Stelle der Neigung quoll dann das Blut feindselig in ihrem Herzen. Und mit ihm war ja das Unglück ins Haus gekommen. Mit ihm hatte sie das Zutrauen zur Welt und den Verlaß auf sich selbst verloren. Er war an allem Unglücke Schuld, oder hatte seine Hände dabei mitimSpiel, was ihren lieben Johannes betroffen, ja was derGroßvater gethan hatte und deswegen jetzt noch litt. Und dennochweintesie im Geheimen nur über Alles — auch über den verhaßten Etienne! Als sie sich aber eines Abends Zeit genommen bei Licht zu spinnen, und er erst heimlich nur mit dem Schatten ihrer schönen, an der Wand sich bewegenden Haare gespielt; dann als er sich sogar geneigt und das liebliche schwarze Bild ihres sich auf den Faden neigenden Gesichtes geküßt hatte, worauf sie, wie aus Versehn, den Rocken angezündet, um eine halblächerliche und halbgefährliche Beschäftigung auf die Bahn zu bringen, um alle Fenster aufzumachen, ihn in dem Rauch und der Kälte stehen zu lassen, und selbst zu Johannes hinüber zu gehen oder zu flüchten; — als er angefangen von seinem Golde für den schweren Bedarf in ihrem Hause einzukaufen und mit zu sorgen; — — als er sie eines Morgens an den Stall geführt, die Thüre aufgestoßen, und ihr ihre beiden schönen Kühe wieder gezeigt, und als sie ihn darauf sogar an der Hand gehalten, oder sie gar gedrückt hatte, sie wußte das nicht gewiß, da sprach sie nur zu sich; „Ich weiß nicht wie mir ist! Aber Zeit ist es, daß . . . daß . . . .“ Und sie wußte nicht, was geschehen sollte oder möchte.

Darum war es ihr willkommen — ein gutes Werk zu thun, und in die Stadt zuDorotheazu gehn, deren Namen nennen zu hören sie jedoch erschütterte, aber mit Muth: unter tausend Feinden, ja unter hunderttausend Freunden:Christelzu sein und zu bleiben. Paschalis schrieb ihr nämlich ein Blatt voll — „Hauszeitungen.“ Dorothea hatte einen Frauenverein gestiftet, die Verwundeten und Kranken zu pflegen. Sie hatte aber nicht nur Geld und Leinwand gegeben, wie viele Andere, sondern sich selbst als Pflegerin gestellt, vielleicht als Opfer. Doch miteigensinniger Auswahl hatte sie nur solche Opfer ihres Vaterlandes übernommen, deren Wunden an Kopf oder Brust — Lanzenwunden, also wahrscheinlich Kosakenwunden waren. Jetzt lag sie an der mitgebrachten Krankheit darnieder, und begehrte herzlich nach Christel. Und wie die Tochter bat, flehte auch der Vater nach ihr — „nur auf kurze Zeit! Denn die Zeit der Kranken rinnt durch eine zerbrochene Sanduhr; ihr Leben ist Sand und ihr Leib ist Glas und der Mensch überhaupt nur Vexier —Erde— nur durch Einschmelzen in das ewige läuternde Feuer wieder aus Staube zu einem Gefäß zu blasen, und bleibt Blase, worin sich die Welt nur schimmernd spiegelt, hier die Erde oder dort die Sonne, der Himmel oder die Hölle!“ —

Der Brief war vom 20. Februar 1814. In der Nachschrift stand: „Kann ein Selbst- oder Andere-Beherrscher in ein gesundes feindliches Land pestbehaftete Soldaten schicken, oder kranke angesteckte Soldaten in alle gesunden Dörfer ihrer eigenen Heimath — nach Hause schicken; so darf ein Mensch, ein wahrer Vater wohl einmal die Pflegemutter seiner Tochter bitten: in ihrer letzten Krankheit zu ihr zu kommen. „Völkerrecht — Hausrecht!“ Ich habe gebeten, — das Kommen nun steht bei Euch. Ich sage Euch aber aufrichtig: EureKinderbitten: Ihr sollt nicht kommen! Daniel aber gesteht doch: derGroßvaterwundere sich, daß er Euch noch mit keinem Auge in seinem Kerker gesehen habe, und meine: er habe das verdient.“ —

Der Christel war der Sinn der Worte des Briefes zu hoch, und sie verstand nicht:durchdieselben das zerrissene Gemüth des Vaters zu sehen, der, um seine Leiden nicht ewig fühlen zu müssen, lieber gewünscht hätte — neu eingeschmolzen zu werden und überall — auch in der Sonne . . . . im Himmel . . . . oderin der Hölle schmelzbar oder zerbrechlich zu sein. Aber die Weiber werden von dem Unverständlichen oder Unverstandenen am tiefsten ergriffen, und leben und bewegen sich darum so sicher und froh in der Welt, weil sie ihre Gefühle und Gedanken ganz unbehindert hineinlegen können, und unbeschränkt darinnen verbreiten. Und so erschütterte der Brief ihre Seele. Die Nachschrift aber erinnerte sie an Anderer Grausamkeit; — an die guten, für sie fürchtenden Kinder; — an den Großvater, der seine Leiden meinte zu verdienen, indeß sie den durch ihn erlösten Johannes besaß und genoß; und so war sie weiblich wunderlich, grade entschieden, diesen ihren Johannes zu verlassen und grade zu densie liebendenKindern hinzueilen! Und ihr Herz war doppelt froh.

Die Ereignisse erleichterten ihr aber auch den Gang. Die Verbündeten hatten an demselben Tage Mainz berannt. Die Soldaten, die noch draußen auf den Dörfern sich genährt, und gesund erhalten hatten, waren alle, bis auf hundert Mann, aus Zahlbach fort, hineingezogen — und in ihrem Hause lag nur noch St. Etienne allein. Dagegen war nun der Leineweber Krieg bei Johannes, bei welchem er bleiben mußte: denn er war durch eine Vorpostenkette rund abgesperrt, und konnte nirgends hinaus nach der nahen Heimath. Die Feinde standen sogar inBritzenheimnur eine Viertelstunde von Zahlbach. Dieses ihres schönen freundlichen Dorfes Schicksal war voraus zu sehen, und Johannes trieb seine liebe Christel nicht allein zu dem Gange nach Mainz, sondern er bat sie auch dort zu bleiben. Denn die Einwohner von Zahlbach vergalten jetzt den braven Mainzern ihre tagtäglichen Spaziergänge zu ihnen heraus, die Sonntagsfeste und Morgen- und Abendbesuche unter ihren grünen Weinlauben,Kastanienbäumen und Wallnußbäumen, und flüchtete, jetzt ihr — Vieh in die Häuser der Stadt, ihre Habe und Gut, ja Weiber und Kinder; denn das Dorf war kein Dorf mehr, sondern nur eine Caserne. Die Clubbistenschanze stand mit Kanonen bespickt und mit Soldaten besetzt, deren Vorhut im Dorfe stand, das nun der Belagerungsschauplatz werden mußte. Und so hatte Christel nur eine Bitte: daß Johannes mit ihr in die sichere Festung Mainz käme! Er aber wollte sein Erbe nicht Preis geben, und Alles zu Grunde gehen lassen, ohne es so lange wie möglich geschützt — und dann seinen Untergang wenigstens selbst mit angesehen zu haben. Und so zeigte er jetzt den Muth des Landmanns, den Muth, den er seiner Christel unlängst mit kurzen aber wahren Worten versichert; und er wollte nicht sich selber, was sie besaßen, für sich bewahren, sondern eben für seine Christel und ihre Kinder. Und so gut er ihr war, so fest blieb er bei seinem Vorsatz, wenn er ihn auch nur in halblauten milden Worten mehr andeutete als vertheidigte. „Thut es Noth,“ sprach er, sie bei der Hand fassend, „dann bist Du bei mir, oder ich bei Dir — wie der Herr trifft. Denn die Soldaten laden und feuern nur los — auf Gottes Gnade und in Gottes blauen Himmel.“

Da nun auch ihr Pathe Leinweber Krieg dablieb, der als vieljähriger Wittwer sein Hauswesen und selbst Küche und Heerd und Töpfe zu seiner eigenen Zufriedenheit wohl bestellt, ja wie er sagte, sich sogar nie eine sogenannte Suppe versalzen habe, die — er nicht habe essen können oder müssen; so brachte Christel ihr Haus in enge, leicht übersehliche Ordnung, führte die beiden Männer in Stall, in Keller, in Hausgewölbe bedächtig und belehrend umher, und deckte alles auf, und wieder zu, damitsie wüßten, wo, wieviel und in wie gutem Zustande alles vorhanden sei; klopfte mit dem Knöchel des Fingers an die ganzen Töpfe, und stellte die wenigen bei Seite, die einen Riß hatten, aber doch noch gute trockene Dienste leisteten; wobei der Pathe versprach, einen sogenannten Ring von Draht um dieselben zu legen, oder nach Verdienst und Würdigkeit dieser alten stillen Freunde und Hausgenossen, sie über und über in Ketten und Banden zu legen, oder zu überstricken. Als sie dann auch beide, Einer nach dem Andern, in die Rauchkammer hatten gucken müssen, was sie, des Rauches wegen, mit zugemachten Augen gethan, und als der Gevatter Pathe die prächtig gefärbten starken wohlriechenden Schinken, Speckseiten und Würste — aus Liebe und Zutrauen zu Christel — mit Verwunderung über das sogenannte quale et quantum aufrichtig gelobt hatte, so war die Uebergabe geschehen; und Christel stand im Hause als sei sie überflüssig, verborgt, verschenkt oder verkauft, und ihr war zu Muthe, sie wußte nicht wie. Sie legte an die Bestellung des Abendessens keine Hand an, schlich nur einmal heimlich nachsehen, schürete das Feuer, legte, wie ein kleines Mädchen, spielend ein Scheitchen mit zu, nahm es aber aus Rechtschaffenheit wieder weg und löschte es in der Asche aus — und legte es doch wieder ins Feuer, weil es einmal angebrannt war und verrathen hätte, daß sie die Küchenmeisterin gemacht. Dann setzte sie sich an den Tisch wie ein Gast beim Kirchweihfeste, ließ lächelnd decken und auftragen und Jedem und sich selber austhun und aß — ob ihr gleich vor Bangigkeit kein Bissen schmeckte — von allem recht viel, und lobte die Speisen und die zwei Köche, die dasmal nichts versalzen noch verdorben, und vermahnte sie scherzhaft so fortzufahren! St. Etienne war über Nacht auf dem Posten;und Johannes ließ in der Ferne der ruhigen Zeiten dem Gevatter Pathen, zur Dankbarkeit für seinen Beistand, wieder die Aussicht auf einen fröhlichen Kindtaufenschmauß erblicken, bei einer kleinenneuenClementine, oder am liebsten: der alten vorigen — wenn der Herr seiner Christeldieselbewieder in ähnlicher Gestalt in die Wiege legen wolle. Ihre in Thränen schwimmenden Augen aber verlöschten die Aussicht wieder, und sie saßen still, dankten still, und standen still vom Tische auf, nachdem sie ihrem Johannes noch einmal die Hand über das weiße Tuch hinüber gereicht, um seines Lebens Wärme zu empfinden und von seinem Dasein recht handgreiflich überzeugt zu werden. Dann aber sprach sie als gute Wirthin nur leicht: „Aber ihr alten Kinder, das ist eingutesTischtuch! Jetzt verrichten es die mittlen. Und ihr kleckt nicht wie die Kleinen — zur großen Wäsche bin ich wieder zu Hause.“

Dann gingen sie ruhen. Am Morgen aber stand sie allein schon lange vor Tage auf. Ihr Johannes schlief zu fest; so ließ sie ihn schlafen. Aber wie sie an die Thür trat, hatte er ihr im gelben Morgenscheine, eine fahle todtenähnliche Farbe auf Gesicht und Händen. Sie trat hastig hinzu, und sah — aber er athmete leis und schlief so ruhig — und ruhig ging sie weg, während Daniels Monats-Täuberich, schon früh auf im Taubenschlage, über ihnen im Giebelfelde zu Neste heulte und trommelte. Wenn aber ein zukunftskundiger Mann oder ein Geist, der das kleine Leben der Menschen überschaut, sie gesehen hätte so ruhig hinweggehen, der hätte gesagt:


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