XI.

So schlummert der WandrerVoll sicherer GnügeIm eigenen HauseNoch einmal, auf lange,Der sorglos und trauendAm blühenden MorgenVon Weib und von KindernDann scheidet, kaum einmalSich umsieht — und hingeht,Wo jählings am AbendDer Tod ihn ereilet,Ihn schweigend die FremdeVerschlingt und zurückhält;Und Heimath und HütteMit Bäumen und BlumenSie bleiben auf immerStill hinter ihm stehen,Und ruhig bescheint sieDie leuchtende Sonne!

So schlummert der Wandrer

Voll sicherer Gnüge

Im eigenen Hause

Noch einmal, auf lange,

Der sorglos und trauend

Am blühenden Morgen

Von Weib und von Kindern

Dann scheidet, kaum einmal

Sich umsieht — und hingeht,

Wo jählings am Abend

Der Tod ihn ereilet,

Ihn schweigend die Fremde

Verschlingt und zurückhält;

Und Heimath und Hütte

Mit Bäumen und Blumen

Sie bleiben auf immer

Still hinter ihm stehen,

Und ruhig bescheint sie

Die leuchtende Sonne!

Nun traf es sich, daß an diesem Tage St. Etienne’s Geburtstag fiel. Da er aus so vielen Landen und Schlachten glücklich wieder bis in die Gegend seiner Heimath gelangt, so war er nicht ohne Schadenfreude, nämlich über seine geheilten Wunden; und wenn der Soldat keinen Sonntag hat, als wenn die Sonne scheint, und keinen Feiertag, als wenn er im Feuer steht, so war ihm in alle dem wüsten Leben nur noch der Tag, durch den er da war, im Herzen geblieben, und zwar ihm nicht mehr werth, als eben sein unvergnügtes Dasein jetzt selber, aber doch so viel, und in dem heutigen Tage lag die Erinnerung alle der frühern — glücklichen — mit. Auch machte ihn wohl der Verdruß ernst, daß Christel fehlte und ferner nicht da sein sollte. Und so setzte er sich bei drei Flaschen vaterländischen Rheinweinhin — und begehrte die Bibel; und Johannes brachte die große Bibel von Christels Vater und Seinem, und ließ ihn allein zur Andacht.

St. Etienne besah den gepreßten Deckel, schlug ihn um — und fand von seines Vaters treubekannter Hand: „seine liebe TochterChristel“ darinnen verzeichnet, und seine SchwesterMarthaund die andern Geschwister und sich selbst. Und er las das:

„Mein lieber SohnSteffen, den Gott gedeihen lasse, ward mir geboren während der unsichtbaren Sonnenfinsterniß, den“ — —

Aber die Augen gingen ihm über. Und er trank hastig ein Glas Wein nach dem andern, schlug dann das wohlbekannte Buch zu, legte sich zugleich mit den Lippen darauf, als wenn er Vater, Mutter, Geschwister und Schwester Christel darin küssen wollte, blieb dann lang mit dem Gesicht darauf liegen, bis er Alles durchgedacht; dann richtete er sich auf, legte die gefalteten Hände auf die Bibel, und blieb so sitzen. Er war heim. Denn er hatte keine andere Heimath mehr, und wußte nicht welcher Stein diese Nacht noch sein Ruhekissen werden könnte, und welcher Rasen sein Deckbette. — „Welches Unglück! Wenn nun meine Schwester nicht ein Weib — wie Christel war, sondern ein Weib, wie — ich weiß nicht wie viel!“ dachte er. „Aber wenn die andern zu albern-guten Dinger auch nichtmeinesVaters Töchter sind — haben sie nicht alle einen Vater:Einen!“ — Dabei schlug er mit der Hand noch auf gut soldatisch auf die Bibel; aber die Hand kam, von Scheu gemäßigt, nur sanft darauf hernieder. „Heute möchte ich Feldprediger sein! wenn wir welche hätten! Aber das sieht der Kaiser ein, daßDer, dessen Wort er lehrt, und die, die ihm alle Augenblicke Hohn sprechen, sich nicht wohl passen.Der, — warum nicht einmal wieder den Namen nennen — Jesus weinte über seine Vaterstadt, die sein Vaterland war; aber König darüber mochte er nicht sein, noch weniger: sich durch hunderttausend Umbringungen von seinen Brüdern als Herrscher erhalten — undherrscht doch, aberinwendigin den Menschen allein. Das Inwendigherrschen ist andern nicht respektabel genug! Das macht ihm kein Teufel nach, selbst unser Allergnädigster nicht. Es ist aus mit Ihm! Ich bin auch nichts mehr! Wir Alle sind nichts! Und zu erkennen geben kann ich mich nicht. Als wir im Siege waren, da redeten unsere Thaten. Nun im Verluste . . . mußte ich nicht ruhmredig werden, aufthauen wie ein altes Weib, das von ihrer Schönheit spricht, die einmal über ihr Gesicht gefahren, wie die Hand über . . . „den Verräther der Menschheit.“ Mußte ich nicht beschönigen und lügen! Großthun! Aufschneiden, um nur vor den Leuten bei Ansehen zu bleiben; und selber bei mir nicht vor Scham zu vergehn! Plagte mich nicht der deutsche Ahnen- und Titel-Teufel: mich für eines großen Mannes Sohn auszugeben, für eines Generalpächters Sohn, der wahrscheinlich eines Prinzen Sohn gewesen — weil er mit der ganzen noblen Gesellschaft das Hasenpanier ergriffen, anno: anno! Dies Jahr! wo es wieder andre Noble ergreifen werden! O Hasenpanier! Du bist allgegenwärtig! Und ich, ich möchte dich auch ergreifen, wenn ich nicht Sergeant wäre! Undden großen Unglücklichenverlasse ich nicht! Und mich auch nicht! Sitze, mein Stephan, und thue Gutes! Vielleicht lernst Du noch wieder beten — wenn das die Noth lehrt! Wir sind aber gelehrt: eher auf die Nase zu fallen, als auf die Kniee.Doch Unglück schickt sich! Und nun sang er, halbberauscht, gar den neuen Vers:

Soll Unglück sich schicken.Stößt man sich am Grase,Und fällt auf den RückenUnd bricht sich — die Nase!

Soll Unglück sich schicken.

Stößt man sich am Grase,

Und fällt auf den Rücken

Und bricht sich — die Nase!

sang aber noch ärger dafür:

Man fällt auf die NaseUnd bricht sich — den Rücken!

Man fällt auf die Nase

Und bricht sich — den Rücken!

Dabei sank er selbst auf den Rücken, dämmerte ein, schloß die Augen und redete dann halbschlafend, halbträumend: „Sacre: wenn meine Kinder in Rußland jetzt vielleicht die Knute kriegen, das sollte mich doch verdrießen! Oder wenn Einer von meinen Buben in Italien sollte Horas singen, oder, was Gott verhüten möge, in Rom einmal gar Papst werden; oder ein Schlingel wie der Mufti; oder in Spanien endlich ein Großinquisitor; alles und jedes möglich . . . denn was ist, oder das türkische Verhängniß beriefe mein Söhnlein aus Aegypten, und er würde ein Großthier — wie der Groß . . . das sollte mich doch verdrießen! Oder wenn gar eine oder die andere von meinen unbekannten lieben Töchtern — gewiß jetzt schon recht hübsche Mädchen! — das werden sollten, was ihre Mütter waren, Ehebrecherinnen, oder erlöste Nonnen und Contessinnen — —“

Er ward wüthend und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß sie blutete, und schwere Bibel und Weinflasche wie vor Schreck in die Höh’ sprangen. Aber sich erinnernd, setzte er leiser nur grimmiger noch hinzu:

Doch Unglück schickt sich!

Schickt sich . . . . schickt sich . . . . murrt’ er und murmelt’er. Unglück schickt sich nicht! Nicht einmal der Teufel schickt es. Wir machen es selber. Unglück — Ungeschick! Unglücklich — unschicklich . . . . . . Na! dasdortigeUnglück! Die Schönheit macht alles ausstehbar! . . .Das hiesigeaber hat sich nicht geschickt, und hätte sich nicht geschickt. „Steffen! mein Steffen!“ würde der Vater sagen . . und die Mutter — — ach, es ist doch nichts besser als eine Mutter! — Rief sie nicht? —

„Mutter, hie bin ich!“ rief er, erweckte sich selbst, sprang auf — undJohannesstand vor ihm.

Und Stephan war verwandelt, und sah ihn mit großen Augen an, ergriff das Glas, setzte es aber derb nieder, um nicht zu verrathen, daß er sich schäme. Und Johannes wischte die Bibel vom Wein ab.

„Haltet das Buch in Ehren, Johannes!“ sprach Stephan; „es macht gute Freunde!“

Und so war es auch von nun an. Stephan schob auf den Soldaten, als einen mit Willen und Geheiß bewaffnet „losgelassenen Mordläufer“*), oder Subject aus einer Menagerie, was er auf den Menschen nehmen sollte, der in dem rasenden Tiger steckt oder gesteckt wird, und meinte: „mit Hunderttausenden dergleichen Subjecten losgelassen zu werden, vermehre die Wuth hunderttausendfach, und aller alten todten Soldaten Geist, ja aller heidnischen alten Armeen Dämon — denn bloß die christlichen Völker haben den Teufel — fahre ineinenneuen Soldaten; und mit dem angezogenen Rocke ziehe der vernünftigste Mensch seinen Menschen aus, wie der frömmste Mönch, der des Papstes Kleider auf seine paar öffentlichen Jahre anziehe. Dassei Kastengeist, und die ganze Welt stecke separirt in tausend dergleichen Kasten, wie in Tollhauskammern und werde gleich wieder gescheid, wenn sie herauskomme, und wieder dumm und toll, so wie sie wieder hineinfahre, Berlicke! Berlocke! Berlicke! Berlocke! Wenn ein Mensch im Kriege seinen Feind auf Händen tragen und füttern wolle, wie sein kleines Kind — das wäre gegen Ordre, und ginge nicht! Und wenn ein Mensch zu Hause — nicht anderleuts Vater und Bruder, sondern bloßseinenVater,seineGeschwister und seine Kinder so mit Bajonetten zerfleischen und mit Kugeln zerfetzen wolle, und Haus und Hof sich selber über dem Kopfe anstecken wolle . . . das ginge nicht! Johannes möge das glauben!“

*)In Indien geht Jeder einem solchen weit aus dem Wege.

Und Johannes glaubte das redlich, und der Leinweber Krieg, der da meinte: es wundre ihn nur, daß Alle, oder ein Paar nur, was schon genug wäre, nicht glaubten: daßAlle GottesKinder wären! — Stephan sprach erst nur so, weil der Ruhm der Seinen jetzt vom Sturme aus Deutschland zerblasen ward, wie eine reife Distel — „gefressen!“ sprach er satyrisch im Stillen; da er jedoch sich zu Hause bei den Seinen fühlte, so ward diese seine gute Gesinnung allgemach redlich, und er sagte laut zu Johannes, daß er für sie alle — und meinte Christel — einmal in eineverloreneSchlacht gehen wolle, geschweige alles andere thun. — Mehr könne ein ehrliebender Soldat sich nicht erbieten! Er trieb Johannes, daß er ginge und Christel holte, weil er ihr etwas gar Wunderschönes zu sagen habe von ihm und von ihr!

Christel aber schickte von selbst nach Johannes, aber mit sehr gelassenen Worten, weil sie wußte, daß solche bei ihm stets hinreichten, ihr alles zu thun, und schon eine Bitte ihn verlegenmachte vor Rührung, so daß er oft darüber sie bittend angesehen, als bitte er um Schonung. Und um vielleicht ihm jetzt einen Schreck zu ersparen, hatte sie diesmal so spät, vielleicht zu spät geschickt.

Er eilte also bloß mit der Lust und Hoffnung: sie wieder zu sehn, nach der Stadt. Es dämmerte schon. Die letzten Dohlen flogen zu Rüste. Der Himmel war schwarz umwölkt — denn aus schwarzen Wolken fällt der weiße Schnee — und der Wind wehte mit den Flocken, wie Kinder Flaumfedern vor sich her blasen, um sie nicht auf die Erde zu lassen; — und wirklich: er hörte im FeldeKinderrufen . . . aber so weit rechts ab, daß er im Winde seine eigenen Kindernicht erkannte. Und doch stand er und horchte, ob sie nicht riefen, vor Angst sich zu verirren? oder nach Hülfe? Und sein Herz klopfte laut, und er stand auf dem Sprunge hinüber zu eilen. Aber er freute sich; denn die Kinder riefen nur: „Mutter! Mutter!“ — Und wie ein Traumbild sah er auch ein Weib — sein eigenes Weib, seine Christel, stehen bleiben, und etwas Dunkles, wahrscheinlich ein kleines Kind, auf den Arm nehmen — das sein kleines Sophiechen war. Und er freute sich wie das Kind, daß es die Mutter hatte, und daß das Weinen still ward, und die Mutter wieder den beiden andern größeren Kindern voranschritt oder sprang! — kam es ihm vor. Und das Weib hatte in dem Nebelflor des Schneegeflirres ein gespenstisches Ansehen; und wenn er scharf genug sahe, so war sie nur halb bekleidet, und die Haare flatterten ihr in dem Winde voraus. Nun that ihm die arme Frau leid, die jetzt in den Thalweg nach Britzenheim zu verschwand . . und die Kinder verschwanden ihm hinter ihr — und alles war weg! Er lehnte sich an das hohe rothe Kreuz am Scheidewege, das im Winter ein Wegweiser war, und starrte noch eine Weilehin; aber es blieb still; und er hörte nur den Schnee säuseln; in der Ferne den Wind pfeifen; und wie der Wind herstrich, hörte er auch die Mühle von Zahlbach gehen; und die Mühle von Britzenheim; und dort in dem Dorfe ward Licht, und ein langer Schein strahlte davon bis zu ihm her, und weiter hinaus in den Himmel. Ihm grauste. Er schritt hastig zu, nur von dem Gedanken getröstet: Das Dorf sei nicht weit, und ehe er in Mainz sei, seien die Kinderchen und das arme Weib in Britzenheim!

Er eilte nun durch die wohlbekannten Straßen der Stadt nach Paschalis Wohnung. Er durfte an keine Thüre klopfen, denn sie standen offen; aber in allen Zimmern — Niemand! Keine Christel! Kein Daniel! Kein Sophiechen! Kein Gotthelf! Kein froher Kinderruf: „Vater!“ kein „Willkommen!“ schallte ihm wo entgegen. Ueberall Niemand. Bis er durch das Wohnzimmer hindurch ging, worin nach hinten hinaus noch eine Thür war, und vielleicht Menschen dahinter. Vielleicht dachte er, sind sie alle bei Dorothea! Die Thüre war, wie ein Schrank, nur mit dem Schlüssel aufzumachen; er merkte also nicht, daß sie verschlossen gewesen.

Beim Dämmer einer an drei vergoldeten Ketten hängenden rubinrothen Lampe erkannte er aber nur an ihrer Kleidung das treue Mädchen, das an jenem Abende neben dem englischen Kutscher die vier Kühe vom Bocke gefahren. Mit dem Gesicht lag sie, wie eingeschlafen, auf einem Gebetbuch mit goldenem Schnitt. Medizinflaschen und Gläser und Tassen und Schächtelchen auf dem Tische, waren alle beiseite an die Wand geschoben; und auf dem weißen Bette, mit zurückgezogenen grünseidenen Vorhängen, lag Dorothea, wie er meinte, sehr leise schlafend, und hatte gewiß gebetet; denn ihre Hände waren ausgestreckt und gefaltet.Jetzt fuhr das Mädchen in die Höhe, als habe sie Dorothea gerufen. Sie sprang zu ihr; sah nach ihr; besann sich aber, seufzte ein tiefes Ach; und kehrte sich leise von ihr um; und erschrack vor Johannes, daß er selber erschrack, und beide sich fragend anstarrten. —

„. . . Schläft sie?“ frug er leise.

„Sie schläft;“ antwortete das Mädchen; „aber Ihr könnt laut reden, Johannes; sie schläft fest.“ Und doch sagte sie das auch nur halblaut vor Furcht oder Ehrfurcht.

„. . . Also ist ihr wohl und besser?“ frug er zutrauensvoller.

„Wohl. Und besser. So bleibt ihr nun gewiß;“ erwiederte sie.

„. . . Nun ich gönne das Glück unserem Herrn Paschalis! Der wird sich freuen!“ sagte Johannes mit Augen, die vor Mitfreude glänzten. „Die liebe ehrenwerthe Tochter war seine Lust und sein Leben!“ —

„Und kann nun sein Tod sein!“ sprach das Mädchen. Und die Worte schnitten Johannes und ihr in das Herz, und sie schluchzte vor Thränen. Und als Johannes einen Schritt näher zum Bette gethan, und forschender hingesehen, trat er zurück, sank auf den Stuhl, und lag nun mit seinem Gesicht über dem Buche, wo vorhin des Mädchens Gesicht gelegen, und die Blätter waren noch naß. Aber er fühlte es nicht, sondern weinte frische, warme Thränen zu ihren kalten.

„Gönnt ihr die Ruhe!“ sprach das Mädchen, „Ihr war zu schrecklich zu Muth. Sie hat viel Gutes gethan, aber ich denke, ich denke, warum! Es war so kein rechtes Gutes, denn sie war in Eifer, ja öfter in Wuth dabei. Und wenn sie sich auchdie Krankheit geholt, und zum Tode krank daran danieder gelegen, so ist sie doch nicht daran gestorben — spricht der Licentiat, sondern an einer gewissenFurcht, die abergewißwäre, an einer Furcht vor einer sogar guten Hoffnung; sagte er einmal dem Vater, der sich über das Wort vor die Stirn schlug, als gehörte sein Kopf einem Andern von Holze. Eure liebe Frau Christel hat es mit angesehen und mit angehört, noch in der letzten Nacht, wie Dorothea in weißen Nachtkleidern aufsprang, uns ansah, ohne uns zu sehen, und so recht herzlich Jemanden frug: „Sage mir nur: Wer an dem ganzen Unheile Schuld ist? Kann der Morgen herkommen mit seinen Seuchen und Teufeln, wenn der Abend nicht hingeht und ihn holt? Und saß der Abendstern auf dem Thron, wenn noch die alte Nacht darauf saß mit ihren Gespenstern! Ist also Jemand Schuld an der neuen Zeit, als die alte tyrannische, elende Zeit, als das alte Glück an dem neuen Unglück? Die Könige des vorigen Jahrhunderts an den Königen des jetzt laufenden! O, daß alles Unheil liefe, verliefe wie Wasser aus Thränen und Blut, und ich mit darauf hinschwämme zu der großen Pforte hinein, schön und hoch und golden und purpurn wie das Abendroth! Aber sage mir auch, ob sich noch heute Teufel in Menschengestalt verwandeln können, undeinTeufel in sieben Gestalten, eine teuflisch wie die Andere; in der einen — siebenarmigen — Hand sieben blitzende Säbel, und in der andern siebenarmigen Hand sieben Flaschen alten Rhein! — Und sage mir nur: giebt es auch sieben Tode? — — Und sieben Gewissen — und sieben Schlangen in Jedem! — Ah!“ — — So phantasirte die arme Dorothee. Dann sank sie vor Schreck um, schrie Hülfe, rang sich mit Jemand wild umher, ächzte, und lag dann lange wie todt — dann sprang sie wüthend auf, starrteumher, daß uns die Haare zu Berge stiegen, zerschlug den Spiegel, oder ihr Bild darin, daß die Stücken umher flogen, und zertrat das letzte, aus dem sie noch ihr eigenes Auge ansah. „Aber,“ frug sie dann höhnisch lachend: „wäre esfür die Weltnicht besser: Ich wäre sieben Kaiserstöchter! Oder nur sieben Königstöchter! Aber mein Vater ist auch ein König, und ein ganz Anderer, und das ist besser für den Himmel; besonders wenn er seine arme Tochter in den Himmel nimmt, und die sieben Teufel in die Hölle stößt. Aber Gott auf Erden thut nur Alles mittelbar. Und ich muß auch so thun? Nicht wahr!“ — — Und dann lachte sie recht heimlich aber seelenfroh, und versicherte den, mit welchem sie sprach: . . . „Ich habe gethan! Das Gewölbe hat gethan; der Wein hat gethan; und — die Thür hat gethan! und das Letzte das Beste! Aber meinst Du nicht, mir wäre doch besser jetzt und in der abscheulichen Zukunft; selber im Himmel wäre mir und dem sündigen Herrn Paschalis besser, wenn Er . . . nein, wollte ich sagen, wenn die sieben Teufel alle andere Gebote nicht gehalten hätten, alle nicht: Das Erste, das Zweite, das Dritte, Vierte, Fünfte — — Siebente, Achte, das Neunte, das Zehnte nicht — aber nur Eines, das Eine, ein einziges Mal!“ Und dann weinte sie aus geschlossenen Augen, und zählte dann wieder die Teufel: Einer, Zwei, Drei, Vier, Fünf — — — dann erwachte sie aus ihren Gedanken, und fuhr, erschrocken vor uns, daß wir da gewesen, und fuhr in das Bett, wie ein Gespenst, zog die Tücher über sich, und wir hörten sie darunter dumpf mit den Zähnen klappen, und dazwischen noch aus ihrem Traume die behaltenen wieder auftauchenden Worte murmeln: „Es wäre doch gut für die Welt: ich wäre Sieben Königstöchter; denn die Sieben Kaiserstöchter hätten Sieben Väter, unddie Sieben Väter hätten Sieben Herzen und Sieben Steuer solchen Unglücks“ — — — —

Das Mädchen deckte jetzt den weißen Schleier von Dorotheas Gesicht und Brust; und wie sie so schön und ruhig lag, und ganz unverstehlich und unausforschlich lächelte, sprach ihre Pflegerin zu Johannes: „Seht nur, ob Sieben Königstöchter schöner sein können! Seht nur getrost hin: Sie ist nun eine Königstochter! Und eines ganz andern Königs Tochter, der ein ganz anderes Herz hat.“

Sie schwieg; denn die Thüre ging auf, und ein französischer Soldat, in feiner Uniform mit dem Orden der Ehrenlegion geschmückt, trat herein; Johannes erkannte den jungen Herrn von Ellenroth, der als Soldat noch einmal so männlich, und in seinem Schmerz noch einmal so schön, ihn mild begrüßte. Er wollte leis aber gerade zu Dorothea hingehen, als wenn sie noch lebte; aber er blieb vor ihr stehen, wandte sein Gesicht zurück, und sagte: „Wie kann man das so bald vergessen, daß Du todt bist! Ach nur, weil ich es nicht glauben kann, daß Du todt sein sollst; weil Du in mir so fort lebendig mir da bist, wie je, und aus mir, und mit mir schaltest, wie Du willst, undwolltest!“ — Er nahm den Orden von der Brust, und sagte leis: „Doch . . . hier ist der Orden der Ehre, für die Sieben Kosaken, die ich Dir zum Opfer gebracht in diesen Tagen, die diesen Deinen Sterbetag mich erwarten ließen. Mit Erlaubniß der Obern wurden sie mein, und so viel ich erlegen kann oder will. Aber Sieben sind genug — und nun falle ich Andern zum Opfer, ohne mich zu wehren. DerAchteaber liegt schonverwundetbei Johannes, und ist heilig; und da er ein Prophet unter seinem Volke ist, wie sie sagen, so ziehe derUnglücksvogelheim und prophezeie!Und noch aus seinem Grabe dringe seine Stimme, wenn er da hinunter gestiegen! — Das waren schwere Tage, mein Johannes!“ sprach er jetzt noch milder. „Wir sind Leidensgefährten! Denn Eure Christel, von derselben Krankheit befallen, sehr krank, irr, und immer noch hülfreich auch in ihrem Wahn — ob sie gleich wirklich gehört, daß Wecker in Britzenheim als Spion sitzt, und morgen, ich weiß nicht wie: abgethan werden soll — Eure Christel ist entsprungen! Und Daniel und die anderen Kinder hinter der Mutter! Ihr nach, nach Ihr; kein Winkel ist im Hause undurchsucht — und in den Straßen hat man sie nicht gesehen; denn jetzt hat Jeder seine eigene Noth; aber im Thore, das nach Zahlbach führt, meinte eine Kastanienfrau, es wäre ihr wohl so, als wenn ein halbgekleidetes Weib hindurch geschlichen wäre, und bald nachher drei Kinder, wovon das kleinste nach warmen Kästen (Kastanien) verlangt. — Ihr müßt sie begegnet haben — sonst ist Paschalis umsonst ihr nach. Ich verließ ihn im Thore; und daher komm’ ich, noch naß von den Flocken.“

Johannes hörte ihn kaum aus, und eilte von hinnen. Ihm war Alles im Innern klar. Nun hatte er sein Weib gesehen! Das waren seine Kinder gewesen! Doch er verirrte sich noch erst in Paschalis Hause, in den Zimmern, kam in die Kinderstube und sah seiner Kinder weggehangene Kleidchen und die Spielsachen, und Christels Bett, und die kleinen Bettchen; drunten an der Hausthür aber erwartete ihn sitzend der Hund Peter, der ihm als seinem Brodherrn nachgelaufen war, und jetzt fröhlich an ihm emporsprang. Dann eilte er durch die Gasse voll Menschen und Kinder, die dem Zapfenstreich mit türkischer Musik nachliefen, durch das Thor ganz geblendet ins Freie, und auf derStraße in Sturm und Wetter dahin; und wie er sein Weib und die Kinder vorher wie Gespenster gesehen, so schwebten sie jetzt in der dunkeln Nacht ihm wieder vor seinen Augen, luftig, und unerreichlich, immer voraus; und an dem hohen Kreuze stolperte er und fiel mit dem Gesicht in den Schnee. Er besann sich, wo er war; und während ihn der Hund mit der Pfote scharrte und um ihn herum boll, betete er an diesem Zeichen der angefangenen Erlösung in der Angst um Rettung den Vers: „Nun danket Alle Gott!“ Und aus der verhallten Neujahrsnacht erklangen ihm wieder die Posaunen vom Dome dazu, und die Freudenschüsse fielen, und die Eule kam, und der Hund erinnerte ihn an den Hund, und sein Gebell an seinen Gang. Und er sprang auf, schlug nun den Thalweg nach Britzenheim ein, sah schon das Licht in der Mühle — aber da sah ihn auch der Posten der Vorhut, und donnerte ihm sein: „Zurück,“ entgegen.

Denn das Wort war ein Donnerkeil, und spaltete sein Herz. Seine Fragen waren umsonst, denn die Wache war eben erst abgelöst; seine Bitten waren umsonst, denn der von seiner Erzählung nicht ungerührte Soldat aus dem Elsaß, fragte ihn nur: „Ob er wolle, daß er erschossen werde? Denn seine Bitte begehre seinen Kopf. Und wenn er auch kein Spion sei — so könne er durch einige fünfzig Stockschläge einer werden, indem er in aller Unschuld nur Alles treulich sage, wie es in Mainz aussehe? und wo die Wache stehe? und so könne er vielleicht hundert Mann um ihr Leben bringen, durch hundert Schritte vorwärts. — Wenn Euer Weib hierzu gekommen ist, so hat sie sich vielleicht in dem Schneewetter, ungesehen, glücklich zwischen den Posten durchgeschlichen nach Britzenheim.“ —

Der redliche Johannes war traurig überzeugt, blieb aberdoch noch lange Zeit neben dem Manne sitzen, bis er vor Gedanken fast einschlief, und das Kommen der neuen Wache ihn weckte, und er still nach Hause schlich, den Pathen im Bette weckte, und ihm sein Herz ausschüttete, und seine Thränen still in sein Kissen.

Vom frühesten Morgen des, auf die betrübte Nacht schön anbrechenden Sonntags durchstrich und durchmusterte Johannes bei Sonnenlicht mit noch brennenden Augen, nebst Petern als Hauptperson, und dem Pathen Leinweber und einem gutwilligen Nachbar die ganze engbeschlossene Gegend, so weit er es durfte. Zuerst stellte er sich auf den Ort, wo ihm Christel und die Kinder verschwunden waren; ging der Richtung nach, suchte Fußtapfen auf, ließ Petern auf die Fährte — aber die Tritte waren vom eingefallenen Schnee verweht und verschüttet, und der Hund sah ihm rathlos in die Augen. Johannes starrte betrübt in die stille, sonnenblitzende Ferne, die ein schweres Geheimniß für ihn bedeckte, indeß es doch gewiß an seinem Orte ein offenbares war, und er weinte die lächelnde Sonne an. Darauf ging er — als Gottesdienst — den Vater besuchen, den er gestern vergessen hatte, wie Jemanden, den er im Sichern wußte. Der Leinweber Krieg aber ging in den Krug, um vor Mißmuth und Trauer den Baß zum Tanze zu streichen; im Grunde aber, um von irgend Jemand aus der Menge ein Wort zu hören, da das Volk Alles erfährt, Alles weiß; weil Alles sich meist auf unentdeckte und oft auf unbegreifliche Weise viel schneller hinaus und umher verbreitet, als schnaufende Pferde mit Schnellreitern und ledernen Täschchen die Kunde berichten. Er traf aber hier nur Soldaten; denn selber die Tanzjungfern waren Soldaten, die sich zierlich verkleidet hatten, damit doch wenigstens Weiberkleider zu sehen und zu fassen wären. Steffen hatte den Kummer im Hausegemerkt, fragte ihn jetzt weit leichter dem Bassisten ab, erschrack, bedachte, gebot ihm Schweigen, und versprach ihm Hülfe.

Und nicht ganz vergebens. Denn schon am Morgen hatte er einen „Blauspecht“ gefangen, wie er sich ausdrückte, der in Britzenheim gestanden, und nun die gewöhnliche Soldatenbeichte ablegen mußte. Und so ließ sich der heimgekehrte Johannes nun selber erzählen, daß ein Weib in das Dorf gekommen, und drei Kinder; und der Wirth hätte sie wohl gekannt und wohl aufgenommen in diesen schweren Tagen, „wo die Menschen wunderlich durcheinander geworfen würden, damit das Volk desto mehr Gelegenheit hätte, sein Herz zu beweisen;“ wie ein alter närrischer Kerl gesagt, den man als Spion eingebracht mit einer großen Ruthe. Das Weib aber sei schwer krank, die Kinder aber gar wohl, bis auf den Gram um die Mutter.

Der Gefangene ward in die Stadt geführt, und Johannes begleitete ihn ein Stück, um Alles noch einmal zuhören, oder nur noch einen kleinen neuen Umstand. Aber die wiederholten Worte brannten in Johannes Herz nur schmerzlich und tief das Verlangen ein: um jeden Preis zu seiner Christel hindurch zu dringen, und zu seinen Kindern — da sie nicht zu ihm nach Hause konnten. Er wäre gern auf den Thurm gestiegen, um nur nach Britzenheim zu sehen; aber des alten Vaters Frommholz wegen war er sogar nicht mehr in die Kirche gekommen, weil da der Altar stand, woranseinErlöser vom Kriege gekniet und gebetet hatte; und er sah keinen Pfarrer darauf, nur immer den alten Zimmerman; und er war ihm theurer, und erschien ihm eben so liebend und fürsorgend, als der alte gute weißbärtige Zimmermann Joseph, der auf dem Altarblatte den Esel mit seineranbefohlenenMaria mit ihrem Kinde, am Strick nach Egyptenzog, aber seit mehr als hundert Jahren noch keinen Schritt weiter gekommen war; und der Esel hatte noch immer die Distel am Wege nicht erschnappt; und die Distel war nicht verblüht, und der alte Joseph zerrte unermüdlich noch immer an dem morgenländischen vierbeinigen Wagen mit dünnhaarigem Schwanze; und sein Gesicht sah nur staubig aus, aber nicht von egyptischem Sande, sondern vom Kirchenstaube. So unverändert kniete in seiner blauen Jacke, die Axt zur Seite, ihm auch der eigene wahre alte fromme Vater Frommholz; und so war der arme Johannes denn auch um den Trost von Gottes Worte aus des Magisters Lademann Munde. Außer der Vermuthung: daß sich die Seinen wahrscheinlich bei dem Richter befänden, der in Krieges- und Friedenszeiten Vieles umsonst zu tragen und Alles im Dorfe zu verantworten hat; daß sie, als im Nachbardorfe, dort bekannt oder doch nicht fremd, und jedenfalls bei Menschen, und unter dem alten treuen Himmel wären, von welchem klarer als die Sonne, aber noch stiller und ganz verborgen ein Auge herabblicken und aller Menschen Geschick bewachen soll — außer dieser Vermuthung tröstete ihn nur sein Entschluß, zu ihr durch die Vorpostenkette zu dringen, und hielt ihn hin, wie die Menschen sind, von Tage zu Tage, von Nacht zu Nacht mit dem Bewußtsein, er könne ihn ausführen, in welcher Nacht er wolle — und auch in der Nacht schlummre und schlafe das Auge nicht, und sei nicht untergegangen, wie die eigentlich doch treulose Sonne; und das Eine Auge sei dann tausend Augen, und schieße zu Zeiten goldene Blicke, wie Gestrahl eines fallenden Sternes.

Johannes theilte sein Vorhaben dem Pathen Gevatter mit, —

„Ich gehe zwar mit, wenn Ihr geht,“ sprach dieser; „dennich habe den sogenannten Propheten im Stiche gelassen, und das treibt mich aus Reue mit Euch. Aber ich rathe uns Beiden: nicht zu gehen! Die sogenannten Feinde können näher heranrücken, Zahlbach nehmen, und sich vor die Schanze legen — dann kannChristelherein — oder noch her begraben werden, wenn sie gestorben ist; oder wir, das heißt, unsere sogenannten Freunde, können einen Ausfall machen, und Britzenheimnehmen, wie man so einen Jammer kurz umschreibt, da er kein sogenannter Diebstahl noch Raubmord ist; und dann könntIhrzu Christel und den Kindern hinaus. Ich rathe Euch zu Geduld! Denn mit Geduld kommt der Mensch sehr weit, unglaublich weit, und ist aller Verhältnisse gelassener Herr, besonders weil die WeltkeineGeduld hat, am wenigsten aber mein hungriger Namensvetter, der Krieg, die große Lappenpuppe, die aus lauter Magen und Geldbeuteln besteht! Und nichts ist für den Menschen erschrecklicher, als wenn Gottmorgeneinen sichern glücklichen Weg für uns macht, und wir, wir machen einen unsichern unglücklichen —heute. Etwa heute die Nacht! Selber einen alten Handwerksburschen, einen sogenannten Steuerbruder, der gewiß niemals mehr zu einem dreibeinigen Sitze kam, oder gar zu seinem eigenen sogenannten Werstbänkel, den lumpigen lebensmatten Gesellen hörte ich lustig einmal in die Morgenluft singen: „Es bleibt dabei: Wer warten kann, Der trifft sein Glück bei Zeiten an!“

Johannes aber schob, als Antwort, seinem Freunde nur den neuen Kalender auf 1814 hin, worin unter andern freigesagten Lehren der Freiheit, auch auf Jahrhunderte nachhaltende Sprüche über Menschenrechte standen, auf deren ersten Johannesihm mit dem Finger wies, und dann die geballte Faust ganz ruhig auf dem Tische hielt, so lange Krieg las:

Drei Dinge stehen jedem Menschen zu,Die Niemand niemals ihm verkümmern darf:Die Gaben Gottes, daß er sei, und froh sei;Die Hülfe seiner Lebensmitgenossen;Das Dritte aber macht ihn erst zum Menschen,Das Recht: den Gott zu ehren und die SeinenIn Noth und Tod zu lieben. Ohne LiebeFällt dieses große Haus der Welt zusammen,Ein jedes kleine Haus, und jedes Herz.D’rum ohne dies Recht, muß er lieber sterben,Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.

Drei Dinge stehen jedem Menschen zu,

Die Niemand niemals ihm verkümmern darf:

Die Gaben Gottes, daß er sei, und froh sei;

Die Hülfe seiner Lebensmitgenossen;

Das Dritte aber macht ihn erst zum Menschen,

Das Recht: den Gott zu ehren und die Seinen

In Noth und Tod zu lieben. Ohne Liebe

Fällt dieses große Haus der Welt zusammen,

Ein jedes kleine Haus, und jedes Herz.

D’rum ohne dies Recht, muß er lieber sterben,

Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.

„Wie gesagt,“ erwiederte der Pathe Leinweber hierauf: „Ich gehe mit — denn meine Baßgeige wird nicht zur Wittwe, und meine paar Geigen nicht zu Waisen! Die kann Jeder streichen, und den Webstuhl Jeder treten, außer Einem oder Tausenden, denen die Beine weggeschossen worden oder werden. Aber Eure Frau ist keine Baßgeige, und die Kinder keine Armgeigen oder sogenannte Bratschen — die schon jämmerlich genug klingen. Doch, ich will Euch nicht wehren . . . . .“

„. . .Niemand! Niemals!“ schloß Johannes; „denn da steht auch: „Die Gottes Wege gehn, schützt Gott mit seiner Macht.“ —

Und doch ließ der bedenkliche Vater noch Tag nach Tag, noch Woche nach Woche verstreichen. Denn die Vergleichung seiner Christel mit einer, und gar noch verwittweten Baßgeige, gefiel ihm auf keine Weise. Noch die Waisen —

In dieser Zeit wurde seine Spannung und Angst immergrößer, und St. Etienne’s Freundschaft zu ihm deswegen immer vertrauter. Auch Johannes wollte ihm wohl, recht wohl. Darum dauerte ihn der arme Schelm, als er ihm eines Abends sein Soldaten- und Beutegeld aus allen Nähten ausgetrennt und in einen kleinen Beutel versammelt, brachte, ihm aushändigte, ungezählt, denn ein lachender oder . . .vielleichtauch weinender Erbe nehme Alles ungezählt, und zähle dann schon selber nach, oder sich und den Seinen vor: wie viel es sei, was sich der gute Narr abgedarbt und aufgespart, und tränke allen Geizhälsen ein Vivat. „Doch ernstlich,“ sprach St. Etienne: „Die Posten werden jetzt weggeputzt wie Krauthäupter; und da zwanzig Lieutenants auf einen Gemeinen aus Rußland und Deutschland wiedergekehrt sind, so haben wir Sergeanten sogar die Ehre tagtäglich Wache zu thun; „wie ein Kronprinz einmal im Leben, bei vollem Magen den vollen Ranzen trägt, um zu wissen, wie schwer es den Soldaten Allen zeitlebens, besonders auf Hundertmeilenmärschen bei leeren Ranzen wird.“ Wir haben die Ehre! Sag’ ich, und wahrlich, das ist die größte Ehre — vor Schusse zu stehen! Als gemeiner Soldat bin Ich im Grunde der König des Krieges, der Gott des Schlachtwogenmeeres, des Dampfes und Donners! Der Oberwelt und der Unterwelt! Im Pulverdampfe athme ich Lebenslust! Wenn die Schlacht brüllt, wenn die Batterien rasen, da genieße ich meines Lebens, da bin ich mir aller meiner Kraft bewußt, und bin bis an die schlagenden Halsadern, voll von dem, im Schwanken und Schweben erst sicheren Gefühl: Ich bin da! Ich bin in der Welt! Was kümmert mich, wer siegt?MeinSieg, mein Triumph ist mit dem ersten Schritte entschieden; Ich siege gewiß über Furcht und Elend des Lebens! Mein Muth ist unzweifelhaft — Ich bin unbesiegbar im Kampfe miteiner halben Million Feinde; denn ich stelle ihnen Allen: den Einen, einzigen —meinenMann gegenüber, mein Alles, meine Habe, mein Gut, meine Erde und meinen Himmel. Ich bin ein Kern der Saat, die da wächst gegen die Rasereien der Menschen! Ich bin ein Vermittler und Friedensstifter! Der Kaiser kann geschlagen werden — Ich? — Nie! Er sitzt auf seinem Teppich und brockt Todesbrocken ein — Ich esse sie aus! Ich bin ein Soldat — Er ist ein bloßer Kaiser und König — von Gottes Gnaden! Und Gottes Gnade wendet sich überall stets von den Alleinklugen, den Blinden, den Tauben und Taubblinden. — Da nimm den Bettel!“

Und als Johannes das Gold nicht nehmen, selbst nicht ungezählt in Verwahrung behalten wollte, sagte er ihm: „Siehe mich, so lange ich noch sichtbar bin! Und siehe mich recht an! Wir haben uns wenigstens zweimal hunderttausend Jahre nicht gesehen, und können uns dreimal hunderttausend Jahre nicht wiedersehen, und das Wiederkennen ist schwer zwischen Masken und Masken . . . auf einem weltbreiten und weltlangen Corso! oder himmlischen Großthustraße!Jetztaber wirst Du mich zu erkennen glauben, Johannes (denn so dumm und gläubig ist der Mensch); wenn ich Dir sage,DeineChristel istmeineSchwester! Und ich bin also ihr Bruder! So nennen die Menschen solch kleines Geschmeiß aus einem Mutterschooße! Und Du bist mein Schwager. Oder ist sie so gut, und ich so schlecht, so bin ich ein Soldat, ein unbegreifliches Ding und künftiges Unding; wenn die Todten nicht noch Dinge sind, oder nur Dünger, Bautzner Dünger, Leipziger Dünger und dergleichen, und Christel ist eine Mutter! Und eine Mutter ist das beste Thier unter den Cherubim und Seraphim! Meine auch! Geh’, bringe die Bibel!Die Bibel macht Freunde — Bluts- und Herzensfreunde und Seelenfreude! — Das war noch einmal ein Spaß, Steffen, daß Dir die Augen überlaufen! Nun mag man sagen: Schach dem — Kaiser! — der weidlich: „Schach den Königen,“ gesagt, und manchen matt gesetzt! Ja meinetwegen mögen selbst die schachmatten, durch die Völker — die Bauern — entsetzten Könige nun einmal zum Danke sagen: Schach den Völkern! und die Völker mögen sagen: Schach den Königen! oder mag ein Tölpel von Kometen gar das Schachbret umstoßen — der Spaß bleibt! Der Spaß war herrlich!“

Auf diese Freude, besonders auf diesesZutrauen, das Johannes zudiesemSoldaten, der ihm ganz fremd und herb gewesen, und durch ihn nun zu allen Soldaten bekam, fehlte nichts: seinen Entschluß fröhlich sogleich auszuführen, als daß noch ein Handwerksbursche, ein Waffenschmied, im Dorfe und auch bei ihm fechten — Brod erfechten — umherging, der glücklich durch die Vorposten durchgeschlichen, nur ein weißes Hemd über seine Kleider angezogen, um in dem Schnee einem Schneemann ähnlich zu sehen, oder weiß auf weiß gar nicht gesehen zu werden, und der über den Gang nur Scherz trieb, den er aus der — für Johannes zu leicht wiegenden — Ursache unternommen, um in seinem Vaterlande, dem Elsaß, Waffen gegen die Deutschen, auch Russen zu schmieden. „Hundert!“ sagte er; „und mit jeder Spitze kann man hundertmal stechen, wie eine Wespe und nicht daran sterben. Denn der Waffenschmied selbst bleibt gesund und frisch dabei, und freut sich am Feuer, und schlägt nur mit Bosheit aufs Eisen. Wir Waffenschmiede sind unsichtbare Geister, und sollten alle wenigstensGeheimeKriegsräthe heißen! Ohne Geld keine Schweiz. Ohne Waffen,kein Polen! kein Frankreich! Häuser ins Wasser baut man auf Rost — von Holze; aber alle Reiche ruhen auf frischem oder doch auf altem verrosteten Eisen, Darum ist Vulcanus unser Patron, weil er hinkt, und weil er hinkt, hinken die armen Reiche auch alle, und haben auch keine Kinder, wie der Gott der Maulesel, und müssen sie darum rauben, wie Amazonen, aus väterlicher Kinderliebe!“ — So sprach er. Und für ein warmes Frühstück sang er viel lustige Lieder, und zeigte ihnen Schmachbilder auf Malaparte; denn wer sein Theil erwähle und behaupte, der habenunmehrdas schlechte Theil erwählt. Aber Gott schützt Frankreich.

Die Marterwoche, der Charfreitag zog nun Johannes unwiderstehlich zu Christel. Vor zwei Jahren hatten sie an dem Tage den Tremulanten gehört, und das ängstliche, ja abscheuliche blinde gotteslästerliche alte unsinnige Lied:

„O große Noth:Gott selbst ist todt.“

„O große Noth:

Gott selbst ist todt.“

und sie hatte darauf vom Tode Gottes geträumt, um zu merken: er lebe; sie hatte die Wassersuppe aus Bettelbrod vom Daniel mit Danke gegessen; und das Andenken an das arme gute Weib durchzuckte ihn, während er zwei weiße Ueberhemden und zwei weiße Nachmützen für sich und den Pathen aus der einsam stehenden Lade nahm; und der auf den Deckel gemalte Vogel sah ihn mit seinem großen Auge recht wunderlich an, und die gemalten Blumen selbst thaten ihm leid um Christel, geschweige sein Weib selbst, seiner Kinder Mutter, und selber die Kinder!

Als nun Stephan zur Nacht auf Wachposten gezogen, stellte er ihm noch zu Morgen den Schinken bereit auf den Tisch, und schrieb mit Kreide dazu: „Morgen komme ich wieder —“fütterte Petern;vergaß aber ihn einzusperren; überließ dem schwachen russischen Unglückspropheten und Mitverbrecher an Dorotheen, dem in seiner armseligen Seele sich ohne alles Unrecht fühlenden, übrigens pudelguten Kosaken Sebastianow das Haus, wollte die morgende Nacht wieder zurück sein, nur einen Tag mit den Seinen verleben, wissen, wie es ihnen gehe, sie pflegen, ihnen rathen, helfen!

Und in der Nacht, noch ehe der Vollmond aufzugehen drohte, stand Johannes bereit zu dem kalten Gange, in das weiße Hemd gekleidet; und der Pathe Leinweber im weißen Hemde; und Einer setzte dem Andern vergnügt die weiße Nachtmütze auf; und in der dunkeln Stube, worein nur das Schneelicht durch die Fenster fiel, kamen sie sich vor wie Gespenster und gaben sich seufzend die Hände, und die Pelzhandschuhe gaben einen dumpfen Laut. Und als der Leinweber noch also von seinem Freunde Abschied genommen — weil er selbst gern der Noth entkommen, nicht das Letzte mit aufzehren zu helfen und nach so lange auch wieder nach Hause wollte — traten sie Beide die Viertelstunde Weges an, der wie eine Kettenbrücke, über eine gefährliche Kluft führte, die sie bisher unerträglich getrennt hatte. Aber sie wären lieber durch die Luft geschritten, als auf der Erde einen knisternden Schritt nach dem andern dahin.

Sie traten heraus; und linksher erklang ihnen ein glückliches Zeichen in himmlischer Luft. Denn der alte Psalm des alten Heerführers Moses erfüllte, wie heiliger Erdduft aus umgeackerter Erde die Räume der heitern glänzenden Nacht voll derselben alten Gestirne, und die alten Worte flossen zum Herzen, wie Blut der Welt. Und sie standen betroffen und hörten. „Ehe denn die Berge worden, und die Erde, und die Welt geschaffenworden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.Der du die Menschen lässest sterben, und sprichst: Kommet wieder Menschenkinder!“ —

„Die Menschenkinder sind die Franken auf der Schanze!“ sprach der Leineweber leise, während sie weiter gingen. „Die Psalmen haben sie aus ihrer Kinderzeit noch behalten, sonst nichts. Und wie der Herbst den Hirten ein Lied abzwingt, so preßt ihnen die stille Gewalt der Winternacht auch wieder ein Lied aus, Lebensmost! und wir trinken ihn mit den — Ohren! Ich möchte auch aus mir was herauspressen! Aber alles, was seine Zeit hat, hat auch seine sogenannte Unzeit!“

Johannes schwieg.

Sie kamen nun vor dem Dorfe ins Freie. Unten Alles ein unübersehliches weißes Gefild. Es war, als wenn die weiße silberfunkelnde innere Domdecke vom Himmel ab, auf die Erde gefallen, und nur von dem breiten Gurt des Gewölbesnicht; denn die Milchstraße war breit und weiß, wie stiller wolkiger Flor da droben hangen geblieben; aber sie schimmerte nicht silbern, sondern funkelte golden; und daneben — da überall, wo die Decke herabgestürzt und wo nun ein unergründlicher Bau durchsichtig sich aufgethan hatte, da funkelten klare Gestirne golden, wie große Ampeln in fernen, fernen Gemächern und Sälen, nur klein, und ruhig. Und während Johannes, der voran ging, den Himmel vor Angesicht hatte, fiel ein Stern aus dem dunkeln Blau, entzündete sich wie ein feuriger Komet, und schoß mit langem Schweife, Strahlen und Funken versendend, vorüber.

Sie blieben einen Augenblick stehn — und Peter der Hund war bei ihnen.

Denn in Daniel war die Sehnsucht der Mutter zur Reifegekommen, wie Saft und Kraft und Wärme der Erde hinaufgesogen wird in ein junges Fruchtbäumchen; und statt ihrer und seiner Geschwister warerglücklich in seines Vaters Haus gelangt, ein Bündel mit frischbackenem Kuchen, wohlgeschichtet und vorsichtig getragen, im reinen Tuch, und tausend Grüße auf seiner Zunge. So saß er daheim auf der Ofenbank, und harrte des Vaters, nachdem er in der dunklen Schlafstube leise auf sein Bette gefühlt und davor gefragt: „Lieber Vater! schlaft Ihr schon? Die Mutter ist wieder gesund!“ Und beim zweiten Bett hatte er gesagt: „Lieber Vater! Ich bin da! Seid aber ja nicht böse; Ihr konntet mir’s nicht erlauben, und die Mutter weiß es nicht. Nur Wecker. Aber ich bringe Euch Kuchen, den sie gebacken hat; denn sie hilft dort im Hause und macht die Wirthin.“ So hatte er gestanden, bis er gefühlt, daß das zweite Bett auch unberührt war, und in allen Winkeln Niemand; und so saß er denn still im Dunkeln am Ofen, und neben ihm schnarchte der ihm verhaßte, weißbärtige Sebastianow, während der Vater und Krieg in der Nacht hinschritten.

Der Hund aber schlug jetzt einmal zu bellen an, da das Feldgeschrei der nahen Vorposten umher scholl; denn er hörte seines Herrn, St. Etienne’s Stimme heraus, der nicht mehr entfernt, auf dem letzten Posten stand, wo Johannes mit seinem Gefährten vorüber mußte, Johannes rief Petern; und sie knüpften zwei Tücher zusammen, das eine Ende derselben fest an den Ring seines Halsbandes, das andere fest an einen Zaunpfahl im Felde, und bedrohten ihn stumm und streichelten ihn, damit er schwiege und bliebe. Ihre Angst erwachte. Denn der tiefe Hohlweg, der sie bis zu der Zahlbacher Mühle gedeckt hatte, gab sie nun auf und frei; und nachdem sie die Mühle umschlichen,deren Geklapper ihr Ohr erfüllt, standen sie eine Weile mit Herzklopfen nach der zweiten, der Britzenheimer Mühle spähend und horchend, nach welcher sie nun links über das offene Feld sich schleichen mußten. Und hier in der Stille hörten sie wieder, aber schwächer den von vielen deutsch-französischen Männerstimmen gesungenen Psalm: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hülfe, mein Schutz, daß mich kein Fall stürzen wird, so groß er ist. Wie lange stellet ihr Alle Einem nach, daß ihr ihn erwürget, als eine hangende Wand und zerrissene Mauer? Sie denken nur wie sie ihn dämpfen, befleißigen sich der Lügen, geben gute Worte, aber im Herzen fluchen sie. Sela.“ — Die Luft strich ein Weilchen, und bog den, schwach ihnen nachfließenden Gesangstrom seitwärts, und wandte ihnen erst wieder die Worte zu: „Meine Zuversicht ist auf Gott. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus. Gott ist unsere Zuversicht. Sela. Aber Menschen sind doch ja nichts, große Leute fehlen auch; sie wägen weniger denn nichts, so viel ihrer ist.“ —

„Wenn der knisternde Schnee jetzt fünf Minuten lang nur Flaumenfedern wäre! oder heute schon: künftiges Wasser, daß er nicht knarrte!“ flüsterte der Leinweber dem Pathen zum Ohr. „Jetzt, Johannes, denkt, ihr seid wieder ein Knabe; und daß Euch der Vater nicht sieht, sollt ihr unter den niedrigen Fenstern wegkriechen, zu den andern Kindern, zum Spiele. Also gebückt! Und glaubt mir in aller Stille, daß mir der Buckel dabei weit weher thut, als Euch — denn ich bin kein Schneider! Wir Leineweber sitzen kerzengrade; und wir Baßstreicher stehen wie Lichter — aber ein Wurm krümmt sich — denn dort dämmert derletzte Posten, bei dem wir, Schneckenpost, vorüber müssen. Nun, Glück zur höflichen Reise!“

Und während sie jetzt so wunderlich wie zwei weiße Eisbären — vom losgekommenen Hunde gefolgt, schweigend und mit verhaltenem Stöhnen, dem Posten sich nahten, und ihn umschleichen wollten, auf welchem grade in dieser Nacht St. Etienne stand, wurden sie die Nähe von dem ersehnten Britzenheim und der Feinde, in der stillen Nacht deutlich aus dem fröhlich gesungenen Liede (von Theodor Körner) inne: „Die Hölle braust auf in neuer Gluth, umsonst ist geflossen viel edles Blut, noch triumphiren die Bösen. Doch nicht an der Rache des Himmels verzagt, es hat nicht vergebens blutig getagt, roth muß ja der Morgen sich lösen.“

Jetzt trat plötzlich ein blutrother Mond aus dem Himmel; aber er blieb nicht stehen, sondern er flog über dem Himmel, wie ein purpurner Ball von einem Riesen geworfen, erhellte die Gegend — und fiel entfernt, wie es schien, in die schwarzgrünen Fichten der Berge. Und um nicht aufzustehen, setzten sich vor Verwunderung die Freunde einen Augenblick, und sahen sich nahe in die Gesichter, um sich einander schweigend zu fragen: welch Zeichen das sei? Und wieder floß deutscher Gesang jetzt näher und stärker daher: „Und noch regt sich mit Adlerschwung der vaterländische Geist! Und noch lebt die Begeisterung, die alle Ketten reißt! Und wie wir hier zusammenstehn, in Lieb’ und Luft getaucht, so wollen wir uns wiedersehn, wenn’s von den Bergen raucht. Drum frisch, Gesellen, Kraft und Muth! Der Tag der Rache kömmt! Bis wir sie mit dem eignen Blut, vom Boden weggeschwemmt. UndDu, im freien Morgenroth, zudem dies Hochlied stieg, du führ’ uns, Gott wär’s auch zum Tod! Führ’ uns das Volk zum Sieg!“ —

Jetzt sahe Johannes den letzten französischen Posten, und auch der spürende Hund sah ihn und boll. Der Pathe hielt ihm die Schnauze zu. — —

„Wer da?“*)rief St. Etienne.

*)Qui vit?

Krieg drehte sich hinter Johannes um, und nahm eine andere Richtung in seinem Krebsgang; aber seine jetzt grade ungewogneren Tritte knisterten lauter im Schnee. Johannes blieb todtenstill, hatte die Augen fest geschlossen und war sich selbst wie verschwunden. Peter winselte freundlich und wedelte mit dem Schwanze.

„Wer da?“ scholl es lauter.

Und Johannes warf sich auf die Erde und kroch auf Händen und Füßen weiter, während von einer andern Seite die Worte ihn mit Schneegeflirr vermischt überrieselten: „Nicht leichten Kampfes siegt der Glaube, solch Gut will schwer errungen sein. Freiwillig tränkt uns keine Traube, die Kelter nur erpreßt den Wein; und will ein Engel himmelwärts, erst bricht im Tod ein Menschenherz.“

„Wer da?“ rief St. Etienne jetzt zum dritten Male in gespannter Entrüstung,

Der Hund lief hin. Johannes wollte behend wie ein Pfeil entrinnen; er wollte hinzu, und mit dem Manne mit männlicher Gewalt kämpfen — und zuletzt glaubte er, zwischen den schnellen Entschlüssen schwebend, er glaubte Stephans Stimme erkannt zu haben . . . und vor Freude und Hoffnung versagteihm die Sprache. — Da sank er schon; und den Schuß selber hörte er nicht in den Schluchten verhallen.

Die Wache tritt ins Gewehr. Der gnädige Gottlieb hört von St. Etienne, daß er Etwas erschossen, was sich durch die Posten schleichen wollen. Der Hund springt an ihm herauf. Herr von Ellenroth eilt mit der Laterne zum Ort. Der gnädige Gottlieb folgt mit den Andern, und St. Etienne findet die sonderbare Gestalt, wendet sie um, leuchtet ihr in das Gesicht, und erkennt seinen Wirth, seinen Freund, der noch athmet, der ihm kein Wort mehr sagen kann, nur schwach die Hand noch reichen. Und als St. Etienne seine noch übrigen paar Thränen, kurz aber heiß über den armen Freund geweint, sprach er: „Hättest du nur deinen Namen genannt! Oder ein Anderer nur deinen — ich hätte nicht geschossen; und ich begreife beinah: wie ein Mensch Jemandem mehr sein kann, als ein Kaiser und König. Aber waren nicht Alle die vielen Andern auch Menschen . . . die ich . . . . — Ach! . . . . Meiner Schwester wollte ich Freude machen; und ach, ich habe nicht ihm in die Brust geschossen, sondern mit ihm —Ihrgrade ins Herz! Sie selber läge hier besser! Und ich am besten!“

Der sausende Mond aber war ein Zeichen zum Ueberfall gewesen; — ein im Dunkeln durchblitztes, durchklirrtes, durchschrieenes Getöse wie von Geistern — und in einer Viertelstunde war kein Feind mehr in Britzenheim und weiter hinaus. Die Wege waren frei, und Christel war frei, die ruhig schlief, während der wahre Mond wie eine goldene Scheibe im Feuer glühend, doch kühl über den Horizont heraufstieg, und mit göttlicher Ruhe das heiligruhende, purpurschimmernde Schneegefild beschien— und Johannes entlaubte Bäume, und Johannes auf immer verlassenesHaus. So still! So göttlich!

Inhaltvolle besorgte Eil schien nun Stephan zu drängen. Nach der getümmelverworrenen Nacht erst suchte er seinen todten Freund wieder auf, und ließ ihn nach Zahlbach tragen in sein Stübchen; nicht nach Britzenheim, wohin doch der Lebende — vor sein Leben gern begehrt. Dem Todten aber meinte er keinen Willen mehr zu brechen, noch einen zu erfüllen; und statt Freude bei Christel zu bringen, hätte er ihr nur plötzlichen Schreck gebracht. Als aber die Sonne aufgegangen, machte er sich dafür selbst auf den Weg zu seiner Schwester, die schon unglücklich genug, noch auf vielfache Weise unglücklicher hätte werden können, und jetzt noch, ja erst werden konnte, je nachdem in ihrer Seele die Ereignisse sich nun reiheten, undin welcher Folgesie über ihre Brust fielen, wie Tiger. Und so ging sein größter Kummer, wie ein unsichtbares Gespenst, unempfunden an ihm vorüber, weil er nicht wußte, daß der Leinweber treulich mit Johannes gegangen und treulos entflohen war. Diese Kenntniß würde ihn rathlos gemacht haben auf seinem Gange zu Christel; denn der hohlsausende Thauwind, der plötzlich grau gewordene verwesende Schnee auf den Feldern; der herabrieselnde Regen; ja selbst die neugrün hervortauchenden Raine und Kämme der Saatfelderbeeten, die wie aus einer seligen, seligen Zukunft erschienen waren, die er nicht fröhlich mehr sehen sollte; selbst ein, wie aus dem Winter geretteter Vogel, der, einige Töne zwitschernd, die Kehle probirte zum Frühlingsfeste, keine Ruh auf den Zweigen hatte, zwischen hangendem Schnee und braunenFrühlingsknospen, und eifrig von Baum zu Baum flog, weil ihm keiner gefiel, und doch die rechten grünbelaubten, mit Blüthen ihn verbergenden, säuselnden „Häuser auf einem Stamme“ noch nicht da waren; und vollends erst das Geräusch der sich sammelnden Wasser . . . und das ferne süße heilige Rauschen auf Berg und Wald — das Alles stimmte ihn weich, wie er als Knabe gewesen voll Hoffnung; aber jetzt weicher, denn alle seine Hoffnung war hin, und aller Schmerz war da, und das Vorgefühl des größten und des letzten. Doch auch die letzte Freude war nah; und sie austräumend, und ausspinnend, ging er mit gesenktem Haupte, aber lächelnd, und sahe seine Christel gleichsam unter der Schneedecke des Weges immer mit ihm schweben: wie sie jetzt roth ward; jetzt blaß; jetzt weinte; und ihm war, als schiffe er, übergebeugt im leisen Kahne, oder als ginge er auf dem blühenden Ufer eines tiefen, klaren Wassers, und Christels klare Gestalt unter ihm war sein eigenes Bild in dem Wasser!

Plötzlich stand ein Mann vor ihm, der ihm erstaunt ins Gesicht sah.

„Wecker! Todtenwecker!“ rief St. Etienne, und reichte ihm die Hand.

„Ein Ungehangener darf sie schon nehmen und geben!“ sprach Wecker, der viel von seiner saubern Tracht verloren, und den kleinen Gotthelf auf dem Rücken — reiten hatte. „Gut, daß Ihr Britzenheim gefangen habt! denn leider Niemand, das heißt kein Mann, kam aus Zahlbach, der mich kannte und anerkannte! Lieber will ich, ehrlich erschossen, auf einem bockenden Pferde in aller Welt herumgaloppiren, als auf den Tod sitzen, den Strick in der Hand, und aqua toffana schwitzend vor Bosheit!Ich habe es gestern durch den Daniel dem Johannes sagen lassen, denn meine — wollte ich sagen: Christels Angst war groß!“

„Wo ist mein Daniel! Ist er bei Euch?“ rief jetzt Christel, ihr Kleinstes auf dem Arme, über den Weg; und ihr Mutterherz trieb sie getrost, sogar dem gemiedenen Sergeanten unter die Augen zu treten, herüber durch den Schneewasser-Bach auf dem Wege. Stephan ergriff ihre Hand, um sie auf den Fußweg zu ziehen und sprach: „Euer Johannes schickt Euch gewiß den Händedruck: und ihm ist wohl, so wie wir Menschen davon wissen! Seid nicht böse. Aber Daniel ist bei uns zu Hause?“ frug er bedenklich.

„Nicht! Nicht?“ tönte aus der Mutter Brust, wie aus einer zerrissenen Welt; und ihre großgeöffneten flehenden Augen gossen einen heiligen Strom von Wehmuth — in seine Augen voll Wehmuth.

„Wo wird er denn sonst sein!“ rief Wecker, barsch vor Angst.

„Christel,“ sprach Stephan gedrängt, „was soll ich es Dir verhehlen liebes, liebes, gutes Weib — ich komme Abschied von Dir zu nehmen — ich ziehe nach Hause zum Vater, denn ich bin schwer verwundet — — —“

Christel erröthete und erblaßte.

Stephan nahm ihr das Kind vom Arm, liebkosete es, und sagte: „Also lebe wohl! und reiche mir zum letzten Male Deine Hand!“

Sie gab sie. Er aber hielt sie fest, sahe ihr tief und nah in die schönen schwarzen Augen, und flüsterte ihr leise zu: „Weißt Du noch, als der Vater das Haus baute, und Du ein Lammhattest als kleines Mädchen; und das Lamm Dich umstieß; und wie Du aus den Blumen aufstehen wolltest, und wie es Dich immer wieder hinstieß — wer erlösete Dich denn aus den Blumen? Christel! „Brodchristel,“ wie wir Geschwister Dich nannten!“

„Mein Bruder!“ rief Christel; „Steffen!“

„St. Etienne!“ sprach Stephan, mit dem Finger auf seine Brust deutend. Aber wie sie vorgebeugt, und mit offenen Lippen und irren Augen ihm in das Gesicht sah, sank er langsam um, und mit einem Schrei ergriff sie das Kind. So blieb sie wie aus einem Traume erwachend stehen, und aus ihren Zügen entstieg gleichsam, wie rauchender Hauch aus Wasser im Winter, die ausgestandene Angst, und Schreck legte sich wie Reif über ihr blaß gewordenes Antlitz; und wie sie so reglos stand, erhob sich Etienne wieder, küßte sie auf die schöne geneigte Stirn — schrie laut, wandte sich ab und schritt von hinnen. Denn er sah von weitem Daniel gelaufen kommen, der ja nun wußte . . . daß er, ihr Bruder, ihr den Mann erschossen . . . . und vielleicht auch mehr erzählte, als Christel jetzt erfahren sollte — bis er dahin geschieden.

„Bruder!“ rief sie ihm nach, „mein Bruder!“

„Zum Teufel! Gott sei bei uns . . .“ rief Wecker, „so bleibt doch!“

„Schwester! — Schwester, leb wohl,“ rief er zurück, und sprang in den Hohlweg, wie ein Seliger froh; denn seine Schwester hatteihren Bruderwieder gesehen, rein denReinen, ohne Schuld und Fehl; und nun sollte sie ihn nur auch noch rein und redlich — den Redlichen beweinen, wenn auch nicht den Reinen;dannmochte sie Alles erfahren;denn keine spätereSchuld kann frühere Unschuld rückwärts im Herzen ermorden; kein späterer Schmerz kann einmal genossenes Glück zu Unglück verwandeln— nur färben! „und wie oft habe ich nach durchwachten Nächten gesehen,“ sprach er: „wie die Morgendämmerung selbst schwarze Gegenstände herrlich blau färbt, selbst Todtenkreuze! Und vielleicht auch thut esdie Abenddämmerung. . . in welcher das neue junge Weib von sieben und zwanzig Jahren nun leben wird, bis ihr das Alter oder der Tod die Zahl zwei und siebenzig dafür ganz leise auf das Kreuz ihres grünen Hügels schreibt!“

Und doch stand Stephan hinter einer hohlen Eiche, und harrte, und lauschte, und brannte zu hören, wie Daniel seiner Mutter erzählen würde, wie er sich allein bei dem Vater gefürchtet, den sie ihm in das Haus getragen in weißem langem Hemde.

Und siehe, da richtete sichJohannesin weißem, langem Hemde vor Stephan auf, der ihn aus der Eiche, wie aus der Erde hervorkommen sah. Und ob er es gleich nicht begriff — so durchzuckte ihn Freude, daß er gelähmt stehen blieb, und dann laut seiner Schwester rief. Doch sich besinnend erkannte er den Pathen Leinweber, der im ungewohnten Lauf und der blendenden Nacht sich an einem Pfahl gestoßen hatte und liegen geblieben war, durchnäßt, von Furcht, vom Krampfe, und endlich vom Schlafe gefesselt.

Krieg frug ihn, belebt, nach Johannes.

„Ich weiß nichts von ihm;“ antwortete Stephan, froh, daß jener nichts wußte, und deutete ihm auf Daniel, und Wecker und Christel, die dem Knaben entgegen eilten.

Krieg schlich auf sie zu. Und auch Stephan faßte den äußersten Muth: stehen zu bleiben. Und selbst in der geringenEntfernung war er jetzt am hellen lichten Tage wie unsichtbar, weil Christel ihn jetzt nicht vermißte, an ihn nicht dachte, vor Freuden über Daniel. Aber . . . er hörte die Stimme des Knaben, die der Wind zerriß; und das Weinen; und ihren Ausruf über die Gestalt des Leinwebers . . . und die Wörter . . . „Baßgeige,“ und „Armgeigen,“ und Weckers lautes Wort: „so muß er begraben werden — am Auferstehungstage! Auf den Fall giebt es noch kein Lied! . . . Schade, daß der alte Vater Frommholz nicht mitkommen kann! Wir zwei begraben rechtschaffen! Das kleine Ding, Clementinchen, rückt zu; das ist ein gutes Kind! Und mein großer Friedrich ein großer Schlingel!“ — Und er sahe darauf, wie sie Krieg an die nahe Stelle führte, wo Johannes Blut den Schnee befleckt hatte — und sah seine Christel verschwinden . . .

Und er zog seinen Weg.

Endlich fuhr Christel empor und eilte mit Daniel, Hand in Hand, nach Hause.

„Sie werden bloß zum bloßen Hause kommen, nicht mehr nach Hause! Wittwen und Waisen haben keine rechte sogenannte Heimath mehr, und müssen erst wieder von Grund aus, d. h. vom Tode des Vaters aus, ein neues Leben anfangen;“ sprach Krieg zu Weckern, indem sie beide langsam nachfolgten, jeder Eins der Kinder auf dem Arm, die Wunderliches frugen, und von den beiden Alten gar wunderliche Antworten erhielten. Sie kehrten vor Hunger in der ersten — wohlriechenden Mühle ein, ja selbst in der zweiten, obgleich bei diesen erst der Backofen wohlroch, und — wärmten die Kinder aus. Aber es war zu viel zu malen, um Kuchen zu schneiden. „Verdammter Krieg!“ sprach Krieg. Zuletzt verweilte Wecker den alten Freund nochauf dem Kirchhofe, „wegen eines drei Ellen tiefen und doch unergründlichen Loches,“ in welches er als Kind stundenlang hinabgesehen, umdieGrube auszugrübeln und auszustudiren. — Und so überzögerten sie „die erste wahrhaft traurige Zeit eines Weibes, aber nicht die letzte — und die Frist: daß eine wie vom Himmel gefallene Wittwe sich nothdürftig ausweint, und den Thränenquell zum Fließen bringt! Und ein Mann ist nicht Freund von Klagen ohne Hülfe, und schenkt nicht gern den noch ungegohrenen trüben Most des Trostes ein, wobei Zwei alte Menschen Ein Narr sind oder Ein Stummer“ — wie Wecker sagte.

So fanden sie Christel mit ausgeweinten Augen, aber schon sehr sauber inweißem— Trauerkleide, da sie kein schwarzes hatte. Aber das schwarze Tuch um den Busen und Kopf erregte ihr bei den Kindern und selbst bei den Alten: die uralte Scheu und Ehrfurcht vor der uralten Nacht und dem Tode, die an Lebendigen, Liebenden und Geliebten so sichtbar schwarz und traurig abgespiegelt, ganz wundersam, ja heilig erschienen. Die Kleinen aber packten das Tuch mit dem Kuchen auf, langten Beide jeder Zwei Stück, je Eines in jedes Händchen, und setzten sich schon hin in den Winkel, um ruhig umzeche von beiden zu essen; als Daniel es ihnen verwies und sagte: „Wie könnte ich nur den Kuchen essen, der für den Vater bestimmt ist! Ich wüßte da nicht, ob Er ihn äße, oder Wer!“ Und die Kleinen legten ihn hin. — „Ja,“ sagte Wecker, „folgt nun Eurem Daniel! Er ist nun Euer kleiner Vater.“ Und so langte er selbst zu, und legte dem Pathen hin, und die Alten aßen; und selbst der hingestellte Schinken ward von dem so lange hungernden Weber angeschnitten. „Muth!“ sagte Wecker; „was schadet Rauch und Fleisch der Traurigkeit? Denn ein Schinken bleibt ewig ein Schinken —oder leider nur eine kurze Abschnittszeit — Wecker bleibt Wecker! Und Johannes bleibt Johannes in Ewigkeit und kommt nur nicht wieder.“

Christel aber brachte ihnen die letzte Flasche Wein, goß in die Gläser, kostete selbst — weil ihn Johannes gepreßt hatte, und gab auch den Kindern zu nippen von des Vaters — Mühe und Wohlthat, die so golden im Glase blinkte, wie sie still dabei empfand. Dann stellte sie das Glas hin und erblickte die große mit Kreide deutlich geschriebene Schrift:

„Morgen komme ich wieder, lieber Steffen.Seid ja nicht böse auf mich!

Johannes.“

Sie las sie vor Schreck, unbewußt, laut; und ging vor Wehmuth dann hinüber zu ihm, und legte sich schlummern. Daniel aber sah es durch das Fenster, und setzte sich in das kalte Haus vor die Stubenthür Wache, daß Niemand die Mutter störe, die von schwerer Krankheit unter Sorge und Kummer mühselig genesen, schon lange so blaß aussah, daß er ihr sonst im Scherz, aber aus innerer Angst, die Wangen roth rieb mit den warm gehauchten drei Fingerspitzen; dann sahe sie wohl aus, dann war er froh!

Sie aber träumte jetzt bis die Sonne unterging — nicht von dem neuen Unglück, welches der wohlthätige stilleste Freund der armen Menschen, der Traum, erst wie eine nachreifende Frucht,bis sie süß und lieb ist, auf spätere Nächte aufspart; sondern sie träumte von ihrem alten Glück. — Sie war ein kleines Mädchen; und das Lamm stieß sie in die Blumen; und Stephan nahm sie auf und an seine Brust, und sie schluchzte vor Seligkeit. — Sie schlug grade die Augen auf, als die blitzendeSonne sank — und ein ungeheurer Donnerschlag fiel und riß sie empor von dem Bett; und das Haus schütterte; selbst die Bäume zitterten; und die Erde unter ihren Füßen bebte weit hin — und die Thüre sprang auf, und sie sah den Knaben sitzen; und eh’ noch der Wiederhall rings umher den Wetterschlag ausposaunt, stand sie, in irrigem Wahn, schon vor ihrem todten Johannes, was ihm geschehen sei? Aber es quoll nur Blut aus seiner erschütterten Brust.

Wecker und Krieg und selbst Daniel liefen hinaus. Sie erblickten nur noch eine sanft sich verziehende Wolke von blauem Dampf, der die Abendröthe durchschimmerte. Auf der nahen Klubbistenschanze standen aber mehrere Soldaten um Etwas, das sie betrachteten; und so eilten sie mit einigen aus dem Dorfe auch zu den Neugierigen, und drängten sich endlich Raum zum Sehen, und sahen und hörten. Und Einer sprach zu den Andern! „Uff! der hat kurzes Ende gemacht statt des langen! Er sah, Wir fallen alle, verlieren den Ruhm und vergehn in Schande. Er starb noch invollem Monde der Ehre, im großen Tagedes Vaterlandes, in welchem bald — einst — und nie ein Franzose mehr sterben kann!“ Und ein Andrer sprach: „Die sechs Kanonen hat er auf Einen Punkt gerichtet, da er jetzt Wache hier stand — alle mit Granaten geladen; dann durch einen mit Pulver eingeriebenen Faden, über kurze Luntenstummel verbunden, hat er hier stehend sie alle zugleich abgeprotzt.“ — „Ein Vorwand!Ein Kind von zwei Müttern geboren!“ sagte noch ein Andrer. „Er hat in letzter Nacht seine Schwester durch ihren Mann erschossen. Durch und durch! Also zwei aufeinmal.“

„Also das Wer da? Wer lebt? heut in der Nacht aufunserem Wege zu Christel kam vonStephan?“ sagte Krieg bestürzt.

„Ist gekommen!“ sprach Wecker. „Dein Reich komme!“

„Und hier erschießt er sich nun!“

„Hatsich!“sprach Wecker wieder. „Vergieb uns unsere Schuld!Es ist kein tempus besser für Jeden, als das praeteritum! Und zum Glück ist unser Aller Gegenwart kein Wartendes, sondern ein Gehendes, Laufendes, Verschwindendes.“

„Der Mann ist wie verschwunden!“ sagte der gnädige Gottlieb. — „Er liegt in hundert Stücken;“ sagten Mehrere, ohne seine Gebeine zu sammeln, und besahen nur die Brocken des tapfern verwogenen Mannes — zerrissene Stücke von Tuch, von Leder, vom Seitengewehr, keines einen Handteller groß; und weit verstreute einzelne Knöpfe. Nur ein Lustigmacher setzte sich den weggeschleuderten Tschako auf.„Wen der Teufel holt, der braucht keinen Sarg!“ meinte der gnädige Gottlieb. Daniel aber sah etwas entfernt, Petern, den Hund, an einem Strauche sitzen, ging hin, und wollte das verlassene Thier mit zur Mutter nehmen. Er kam aber stumm wieder zu Wecker und Krieg gelaufen, und zog sie nach; und sie sahen den Hund vor dem unversehrten Kopfe St. Etienne’s sitzen, und die Augen desselben sahen dreist in den Abendhimmel. Und Wecker sprach: „Ein Hund weiß doch, wer der Mensch ist! Er sitzt nicht bei einem Beine, oder Arme; nicht beim Seitengewehr, selbst nicht beim Herzen — er sitzt bei den Augen, bei dem Kopfe, beim Verstande! Darum sollte Peter eigentlich nicht bei dem Unverstande sitzen!“ Darauf kam Herr von Ellenroth, hob den Kopf behutsam auf, verhüllte und bewahrte ihn, und trug ihn fort; und der Hund lief nun mit ihm, wie gebannt.

„Schweigt!“ hatte der junge Freund ihnen noch geboten! Und sie nun wieder empfahlen dem Daniel zu schweigen, der Mutter willen. „Siehe, mein Sohn,“ sagte Wecker, „so kann Jemand nichts gesehen haben in der Welt! So haben wir Alle in Europa jetzt Nichts gesehen und gehört — und schweigen, und wissen doch, wer den Kopf nun hat, und wer keinen — nämlich wir! nämlichnicht!Aber wir haben ein Herz! Und die Stunde zum Reden wird kommen, mein Daniel, dann kannst Du der Mutter Alles sagen.“ Da ihm Christel aber auch des Propheten Gesicht von der Genugthuung, als Vorbereitung zum jüngsten Gericht, erzählt hatte, so sprach er auch noch voll Verwunderung: „Wie aber der Stephan einmal sich selber wieder herstellen wird, — das ist mir zu hoch!“

So mit gedrücktem Herzen und scheuen Blicken traten sie wieder zu Christel ein; aber nur Daniel fiel ihr um den Hals. Und die Mutter sagte ihm selber: „Du guter Junge! Wir sind ja nicht ganz verlassen — ich habe nun meinen Bruder! Der wird mein Trost und Euer Vater sein. Nur heute morgen war er so sonderbar — Ihr wißt aber nichtwarum, und danket Gott dafür!“

„Ach, meine Mutter!“ sprach Daniel, und wandte sich weinend weg.

Eine geraume Zeit nach dem Sonnenuntergang, eben als der Kukuk neunmal in der Kammer rief, als sehnte er sich nach dem alten Frommholz, trat der Herr von Ellenroth langsam und leise ein — und sagte aus gutem Herzen nicht: „Guten Abend,“ sondern: „Ich muß Euch doch besuchen, liebe Christel; ich komme so gern, und muß. Denn hört Ihr nicht aus der Ferne die Schüsse? Man wird uns die Vertreibung vertreiben, und unsEingeschlossene noch enger einschließen. Darum läßt Euch Herr Paschalis sagen und bitten: Ihr sollt so bald als möglich mit den Euren in die Stadt zu ihm kommen. Am Hause kann Euch nichts mehr gelegen sein, und er will Euch jede Stecknadel mit einem ganzen Briefe vergüten, geschweige das Andere, was Ihr hier laßt, oder lieber sogleich an die Aermsten im Dorfe verschenkt, wozu Paschalis Euch rathen läßt. Ich habe den armen Vater Paschalis ganz verändert gefunden; denn seit jenem Abend, wo vormals Euer — nun wieder der Welt angehörige Johannes meine Dorothea todt gesehen, war ich aus Schmerz und vergeblicher Sehnsucht nicht mehr bei ihm im Hause gewesen. Heute zur Osternacht ließ er mich zu sich entbieten. Er meint es auch gut mit Euch. Kommt! glaubt mir! Denn . . . ich habe eine Todte, und Ihr einen Todten; wir leiden dasselbe, und wir verstehen uns, nicht wahr, liebes Weib, so jung und schon so verlassen. Denn wir Beide erwerben nichts weiter mehr in der Welt! Und zu unserem möglichsten Glück! Wer immer wieder gewinnen, wer Alles ersetzen kann, was er verloren, meine Christel . . . der hat Nichts besessen! Aber wir haben gehabt, was die Seele begehrt und erfüllt — wenn auch meine Seele nur mit Hoffnung und Thränen — und dieses Bewußtsein ist immerwährend ein großes Glück — oder für arme Menschen doch — das größte!“

Christel schwieg.

Da die Schüsse von Britzenheim her, aber jetzt deutlicher zu hören waren, sprach Wecker: „DieChristen feiern die Osternacht — auf ihre altgläubige Art! Wie Herodes die Weihnachtsnacht! Aber Herodes war noch kein Christ! sondern hatte nur wüthenden Respect vor Christo. Aber den Johannes können wir doch nicht todt zur Stadt fahren, wie einen gewissen altenHector, der auch in seinen besten Jahren umgekommen, und einen kleinen Zweig, Ast-Anax, verlassen. Darum sage ich: Der Todte ist da, als die Hauptperson zu jedem noch so schlechten Begräbniß. . . . Das auf der elenden Erde berühmteste Loch, das Loch in die Welt, das Allerweltsloch, wodurch alles Schöne heimlich herausläuft, wie aus einem See, so daß die Welt nur eine löcherige Pauke ist, die ich nicht einmal pauken mag, weil sie abscheulich dumpf und hohl und leer klingt — als würfe man Erde auf einen Sarg — das Thränenloch ist bald abgetäuft . . . . zu der großen Maskerade im Finstern ist Johannes bald proper genug angethan . . . . des Vaters Bretterhaus wird des Sohnes unsterbliche Wohnung; denn Bäume sterben zwar ab, aber Bretter verfaulen nur . . . und jetzt, zur heiligen Osternacht ist es schön, einen Lieben zu begraben, während alle Dörfer umher jetzt denken, denn singen dürfen sie’s nicht: „Christ ist erstanden!“


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