V.

Dem weinenden Paschalis aber war zu Muth, als sähe er in die seligen Gefilde eines Mährchens: oder als sei ihm jetzt erst die Welt zu einer großen heiligen Wundergrotte geworden; oder die Welt sei schon lange, lange undenkliche Zeitder Zaubersaal des Gottes, in der That und unläugbar; und es bedürfe nur Augen der Seele dazu, es zu sehen, daß er das sei; und nun dachte er, daß sich der himmlische Vater freuen müßte,wenn auch Er das Alles sähe:— Eine gute Menschenmutter inihrem heiligen Schmerz! Ein Weib, das freilich keine Unsterbliche sei, und bald selbst auch von der Erde verschwinden werde; aber daß hier ja keine Unsterbliche zu sein brauche, um alles Menschliche richtig zu thun und zu leiden, und das als Sterbliche eben noch wunderbarer daliege, wie in einem Mährchen, mit dem Haupt neben den kleinen Häuptern der drei schlummernden Kinder! Und wenn Er sähe:Gute Kindervoll Liebe, Leid und Mitleid — welche schöne Gefühle alle in ihrem engen Geiste nur Traum seien . . . . undeinen guten Vater, der um alle still und schweigsam besorgt war; vor allem aber:den Großvater, der alle um ihrer Liebe willen liebte und um ihrer Schmerzen willen litt, aber auch für alle gefaßt war und thätig — denn sein eigenes Leben hatte er überstanden und gleichsam zugemacht wie einen schönen Bildersaal, und ihn kümmerte nur noch das Leben und Glück der Seinen.Paschalisaber dachte nicht nur, er glaubte, er empfand, daß der himmlische Vaterzugleich mit ihm, und doch ganz anders, in das Stübchen sähe; und er kehrte sich vor unerträglicher Seligkeit des reinen Menschenlebens ab; denn Verzweiflung ergriff ihn, und er — niesete wieder!

„Ei, meine allerbeste Gesundheit! und zugleich meinen allerschönsten guten Abend, theuerster Abgebrannter und Herr Paschalis!“ sagte Wecker, der still gekommen. „Nicht wahr . . . ein himmlischer Guckkasten, worein Sie beliebten zu sehen! Ein trauliches stilles Hirtenhäuschen — das eben ruht; nur die Papierwände freilichetwas groß von himmelblauem Himmelspapier!Aber still . . . da kommt ihre Tochter, unsere Dorothee — was ein wahres Glück ist! Denn gewisse Leute können sogar mit allen zerschmetterten Gliedmaaßen — nicht — füglich — mehr — wandeln — — am wenigsten anhero!“ — Und,um seinem Wohlthäter auf eineunverständlicheWeise zu verstehen zu geben, wie er ihm heut vergolten habe, setzte er hinzu: „Denn heute habe ich alter Mann — wie Sie mich hier sehen — eine gleich große schöne Jungfrau geschaffen! Mit diesen dürren Meisterhänden! Ja ihr aucheine neue Seelein ihre eigene Rippe geblasen — denn Eva war eine Rippe — aberAdam’s, wissen Sie —wie ich weiß— können Sie denken! Der Mann bin ich.“

O Wecker, wenn Ihr das könntet! sprach Paschalis leise, und zog ihn still um die Ecke des Hauses in’s Düstre; undDorotheeging darauf langsam hinein zuChristel.

Johannes aber, von einer andern Seite kommend, brachte schon wieder etwas Neues: die Ansagung von zwanzig Mann Einquartirung auf ihr Haus, und schon diese Nacht! Beide wurden dadurch gehindert zu sehen, wie Dorothea sich bei Christel bezeigen würde, und zu hören, durch welch ein Wort sie sich vielleicht errathen lasse. Denn auch ihrem Vater war ihre plötzliche Verwandlung in’s Tiefe, Abgeschlossene, Finstre, Verschwiegene, Qualvolle und Weltverachtende selbst ein Räthsel, wenn er auch ohngefähr vermuthen konnte: was sie gethan. Denn auchgethanhatte sie etwas, ja ein Grausames und Schreckliches. Aber das behielt er als Vater für sich, und niesete nur auch jetzt wieder auf diese neue Nachricht, Wecker wünschte aber diesmal sein höflichstes: „Gotthelf!“ wozu Paschalis nur leise verneinend den Kopf bewegte.

Hoho! sagte Wecker, kann auch der nicht mehr helfen!

Johannes aber hatte eine große Bitte auf dem Herzen und sprach: Ich getraue mich kaum es zu sagen, wenn Ihr es nicht wäret — unser lieber Herr Paschalis, der an uns schon so vielgethan.Darumhabe ich auch jetzt mein Vertrauen auf Euch gesetzt, und bitte Euch: nehmet unsere Kinder mit! Nach der Stadt ins Sichere! Wir sind gewarnt auf Zeitlebens! Und hat der Großvater aus zu großem Vertrauendie Vorsichtuns versäumen lassen, möge Gott nicht auchmein Mißtrauengegen unsere Lage, im Dorfe hier einsam und unter der Schanze, mit Unglück bestrafen! Aber wie es auch komme — ich nehme es auf mich; denn ich meine es gut; und so wird es gewiß auch der himmlische Vater meinen — meinet Ihr es auch gut mit den Kindern, mit Christel und mir! Nur der Großvater wird in der Sicherung der Kinder einen stillen Vorwurf gewahren, und nur deswegen möcht’ ich kaum bitten . . . . aber ich bitte doch!

Wenn das nur Christel zufrieden ist; meinte Paschalis; die Kinder wird Dorothea schon wohl besorgen; und — liebe Sorge thut dem Herzen wohl, und trägt uns furchtlos über grause Wogen!

Lieber Herr Paschalis, sagte Johannes, was einem Manne so recht wohlgemeint in die Gedanken kommt, das will seine Frau gewiß auch, sonst käme es ihm gar nicht ein, oder er bliebe nicht lange dabei! Ich rede aber aus ihrer Seele, wie sie immer aus meiner; denn wir sind Eheleute — Ihr wißt das nicht; nehmt das nicht übel; aber Ihr werdet meine Rede bestätiget finden! —

Als sie nun alle hineingegangen in die Wohnstube, wo Frommholz und Daniel arbeiteten, kam Christel herüber, grüßte Paschalis, und — als könne sie es vor Angst nicht länger ertragen, bat sie unverweilt: er möchte sie selber mit nach Mainz nehmen!

Paschalis lächelte niedergeschlagen darüber, als habe Dorotheaihr das gerathen, und sagte dagegen:Die Kinder!liebe Christel. So meinte Johannes.

Ja, ja, die Kinder! rief sie bestimmt.

Und Johannes sagte zu Paschalis: Sie hat nicht, wie ich, gewußt, daß sie 20 Mann Einquartirung bekommt.

„Zwanzig Mann, nicht Männer!“ erklärte Wecker.

O Gott, scherzt nicht! verwies ihm Christel und eilte Anstalt zu treffen für die „Mann“ und die Kinder. „Dorothea schläft!“ hatte sie Paschalis noch gesagt.

„Ungegessen? oder: ohne gegessen zu haben — wie ich die Schulkinder verbesserte; eine sonderbare Braut!“ sprach Wecker.

„Die schlafende Clementine hat sie angesteckt!“ meinte Paschalis, zu welchem Daniel jetzt bescheiden trat und ihn frug, was für einen Text aus der Bibel, die er ihm hinhielt, er auf dem Kreuze der kleinen Schwester zitiren solle?

Und Paschalis nahm das Buch, setzte sich an das Kaminfeuer, blätterte, seufzete, las, blätterte wieder und sagte ihm endlich: „Lieber Daniel, hier! Zitire Deinen Namens-Vater Daniel oder dassechste Capitel aus dem Buche der Weisheit, das paßt jetzt auf alle Welt. Denn die Schrift ist für alle Zeiten geschrieben, und jeder Mensch und jedes Jahrhundert findet seine Lehre, und sein Urtheil darin. Gebe nur endlich Gott, daß die ganze Welt zusammen nur Einen Vers daraus hält, als etwa gleich diesen!“ — Er wollte Einen sagen, aber seine Leiden verwandelten ihm die Worte im Munde und er sprach, zu aller Verwunderung diese: „Ach, daß ich wüßte, wie ich ihn finden, und zu seinem Stuhl kommen möchte, und das Recht vor ihm sollte vorlegen, und den Mund voll Strafe fassen, und erfahrendie Rede, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde!“

Und Wecker sprach leise zu den Andern: Stille, stille! Er meint den lieben Gott! Er ist jetzt Hiob! Laßt ihn schlafen; er senkt schon sein Haupt auf die Brust. Setze Dich neben ihn, Daniel, und nimm ihm nachher die Bibel leise aus seiner Hand, damit er nicht aufweckt, wenn sie zu Boden fällt! Ich aber übernehme das diesmal leichte Colfactoramt am Kamin, und will —nichtmehr anlegen! So wird ihm der Kopf nicht noch heißer vom Feuer! Lasset ihn schlafen, und ruhet Ihr auch!

Und so setzte er sich hin. Das Feuer erlosch nach und nach, und es ward trauliches Dunkel und heimliche Stille im warmen Zimmer, und die Sterne schienen herein zu den Schlummernden.

Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen — nicht ahnend: daß er Keines mehr wiedersehen würde. Und so war er froh, als er denDanielaufgehoben, ohne daß er aufgewacht war, und ihm und sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmöglich gemacht, wenn er gar so sehr gebeten hätte: bei Vater und Mutter zu bleiben und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was über sie käme. Daniel aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er während des Tragens doch merkte, daß etwas mit ihm vorging, und erzählte seinen Geschwistern im Traume, ohne die Augen zu öffnen, das Mährchen: „Die sieben Raben,“ und fuhr jetzt laut darin fort: „Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis an der Welt Ende, um seinesieben Brüder zu finden. Da kam es zur Sonne; aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder; eilig lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös; und als er das Kind merkte, sprach er: „ich rieche Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch!“ — Diese Worte klangen aus eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nähe des todten Schwesterchens zauberhaft-ängstlich, und Johannes war herzlich froh, als er seinen Knaben glücklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: „da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .“

Damit schwieg er. Die jüngern Kindern aber,SophiechenundGotthelfängsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen hatte ihn fest um den Hals gefaßt und wollte die Arme nicht wieder wegnehmen. Johannes aber löste sie ihr langsam und legte sie ihr in den Schooß, und die Hand des Brüderchens darein, als sei es die Mutter. Und so, vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon, wenn nicht ihr Glück, doch ihr Leben in der nächsten Zukunft, welche für ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft war. So täuschte ihn sein Gefühl, und Ahnung künftiger sicherer Tage beglückte ihn.

Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, für alles zu sorgen und es neu und gefällig anzuschaffen, was die Kinder bedürfen könnten, so brachte doch Christel zuletzt noch ein Körbchen mit den bekannten Spielsachen der kleinen Kinder, „damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben Bekannten sähen und fänden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in ihrenSpielen Vater und Mutter vergessen hätten; so gut wie die Kinder ja oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schüsseln und Becher und Fläschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen,selbst Vater und Mutter stundenlang vergessen. Und sagt nur immer: „ich komme Morgen!“ sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann. Da soll Freude sein in Mainz!“ —

Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben hindert, an Arbeit und redlicher Sorge für die Seinen. Aber sie sind in guten Händen; die Stadt ist nicht weit — und wir haben ja noch ein Kind — das auch in guten Händen ist! Komm hinein!

Und während jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden? — sie fühlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide für Eins.

St. Etienne, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als —Werber. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schießfähigen und erschießensfähigen Mannspersonen zu nehmen — ausgenommen den einzigen Wirth oder Stamm des Hauses. SelberWeckernhatte er gedroht in den Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft,keine Schule, keinen Kix noch Kegel habe.Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten;die Dummen raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrückter werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig für verrückt gehalten, und dürfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch! Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller würden ihn als Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem Stocke und einem Säbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinüber zur Hülfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden könne. Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfuß. —

Wecker kam über die Rede ergrimmt und erschrocken in die Küche zu Christel, die ihn seinetwegen tröstete, aber selbst erschrak, als sie darauf hineinkam mit dem Frühstück, das sie ihren Gästen freundlich brachte, denen sie alles, für die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafür, hinzugeben verbunden war — denn „der Herr bedarf sein,“ wie Wecker dem Rechte den Titel gab. Sie erschrak, lächelte aber gefaßt und blickte St. Etienne endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah.

So gefällt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch, zum Scherz sei’s genug! Gott sei Dank, daß die Kinder nicht da sind! Die schrien sich todt, und Daniel fiel Euchzu Füßen, wenn er in seines Vaters Hand „ein Pasquill auf das fünfte Gebot“ sähe, wie unser Wecker einen Säbel oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letztenVerstand*)der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus!

*)ultima ratio.

Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: „Weß ist der Rock und das Bandelier?“

„Des Kaisers!“ sprach der Sergeant.

„Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!“ verlangte Wecker.

Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach: Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth — und euern Wecker zum Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wächst auch heran — und wieIhrweint, mein junges hübsches Weib, so haben schon Viele geweint in aller Welt, und Vieleschon aufgehörtin aller Welt, und so fügt Euch darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist — und Er hat gesagt: „Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!“

— Es ist Etwas Majestätisches um Einen großen Mann, sprach Wecker. „Denndie Erde ist des Herrnund alles, was darinnen ist. Er sitzet über dem Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die Fürsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als hätte ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden;daß sie, wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln wegführt.“

St. Etienne hatte das betroffen angehört, denn es klang gewaltig, und er sprach lächelnd: Das kann kommen! Den König von Westphalen hat schon der Wirbelwind fortgeführt.

Die Wirbelwinde haben immer verschiedene Namen, je nach dem Ort, wo sie einherblasen, und werden sie immer haben, sprach Wecker; wie hieß denn also der Wirbelwind Hieronymi?

Tzschernitschef; hört’ ich, antwortete St. Etienne.

So ist das schöne Land ohne König! sprach Christel. So hört doch, St. Etienne! Das geht weiter! Was werbt Ihr also!

Johannes aber klagte aufrichtig aus seinem treuherzigen Sinne: Mein Gott, ein Land ohne König, wie soll das gehen? Das ist das größte Unglück. Mir däucht ordentlich als könne da keine Saat mehr keimen, kein Baum blühen und kein Weinstock tragen! Wenn ein Land auch Alles verloren, Menschen, Häuser, Habe, Vieh, Getreide, Geld und Wohlsein, wenn alle Uebel drin hausen und alle Krankheiten darin sich satt fressen, und es hat nur noch einen König, wie ein Bienenstock einen Weisel, so erholt sich der Stock wieder, setzt Brut, höselt Wachs, baut Zellen, schleppt Honig, und das ganze Land hat wieder ein süßes Maul. Wer wird nun die Steuern empfangen? Wer wird befehlen? Denn ohne Befehlen hört der Gehorsam auf. O schlimme amerikanische Zeit! —

Wir wollen Gott bitten, sprach Wecker, daß er sich wieder erbarmt und das Herz eines Andern regiert, der sich wieder des verwaiseten Thrones erbarmt!

Bittet nur bald, sonst bittet Ihr guten Leute zu spät; sprach St. Etienne. Ich bin glücklich! Wir sind glücklich! — Wir habennoch einen Kaiser; und der braucht Soldaten, nachdem er Sechsmalhunderttausend in Rußland —angeführthat! Tüchtigangeführt!Also werbe ich! Denn ohne Soldaten bleibt Er sogar nicht vier Wochen auf dem Throne, geschweige ein Anderer fünfzehn Tage. Darum werden wir Soldaten auch beinahe auf Händen getragen, wenigstens, wenn’s Noth thut, auf Wagen gefahren zur Schlacht. —

„— Bank!“ setzte Wecker hinzu.

Also zur Schlachtbank — meinen Johannes! meinen einzigen Sohn, deneinzigen Vaterder Kinder, deneinzigen Mannunsrer Christel! sagte der alte Frommholz betäubt: „Das ist der Kaiser nicht werth. Viel Hunde sind des Hasen Tod, und er wird es nicht lange mehr bleiben — aber jetzt freilich bin ich noch hier in dieser eurer Gewalt.“

„Ihrnicht! alter Mann!“ belehrte ihn St. Etienne, noch lachend.

Ja wohl ich, nur ich; stöhnte der Alte verworren und schwieg.

Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklärte St. Etienne. Aber, freilich, wäret Ihr nicht, so wäreJohannesder Einzige auf der Bude, die zuEinquartirungenundLieferungenundAbgabenundzur Zuchtvon neuen Soldaten gebraucht wird, und Johannes wäre frei.

„Frei!“ rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt.

Warum hab’ ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheißung Gottes: ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich weiß ein . . . ja ich bin ein sicheres Mittel!

Wecker aber merkte, daß der Herr Sergeant erbittert wordenund fragte darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? — Und Johannes antwortete: — Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbürsten, da sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel.

Dankt Gott, daß ich ihn Euch nicht am Leibeausklopfeversetzte St. Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krüppel auf dem Schlachtfelde finden, sondernlauter nagelneue, brühwarme. Sollen wir Andere mit Lahmen und Blinden, mit Einäugigen und Buckligen — fallen, welcher brave Soldat wohl vertrüge die Schmach. — Also, Johannes, um zwei! —

Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach endlich laut mit sich selbst: „Frommholz, altes mürbes Holz, Du hast Dir immer im Leben Rath gewußt; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath gleich lieber an, damitChristelkeine Wittwe wird,die Kinderkeine Waisen, undDukein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern Treppe brauchen, das weißt Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich,nicht um selbst hinein zu kommen, sondern um aus stürmischem kaltem Regenwetter gute verlorene Kinder hineinzusichern, den läßt man vielleicht mit einlaufen, wie auf der St. Bernhardsstraße den armen guten Hund, der verirrte Menschen in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stieße das gute verständige, vor Kältestumme Thier nicht wieder mit dem Fuße über die Schwelle zurück in den Schnee und die Kälte, in das Heulen und Zähnklappern hinaus —in die Hölle!Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! — Wehe denen, die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glücklich gewandelt, und erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worüber sie Hals und Beine brechen! — Hals und Beine!“ —

Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen Gliedmaßen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch noch ganz, — „Nun,“ sprach er, „so ist es doch schlimm, daß es Dich trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weißt ja, manches Holz macht dem Menschen wenig Plage — einige Mal den Stamm querdurch gesägt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schläge darauf, dann die Kloben in Scheite gespalten — so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes bloßes Stück Holz aber soll eine Säule zu einer Wendeltreppe werden, oder ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger Jahren statt Späne von Balken,Arme vom Leibe, und Köpfe vom Rumpfe hiebst, gestehe nur,Du mein halbvergessenerVorfahr, daß Du die Strafe wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo derPapstzur Veränderung auch einmalder TürkenBundesgenosse war, einen bildhübschen jungen Mann zusammen, weil „Erschlagen“ befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins Quartier zu der jungen, schönen Gräfin, die ihr Knäbchen wiegte! Hörtest Du sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann inderGestaltherein trugen, in welche Du ihn verhunzt! — Hei! das war ein schönes Ebenbild Gottes! — Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der Wiege riß, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschläger zeigte — daßDirdie Haare zu Berge standen — und wie sie es Gott dem unsichtbaren Vater zeigte, daßDuvor Furcht Dich bücktest, — und die silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der Mutter aus dem Händchen gefallen war! Hörtest Du nicht, wie sie Rache schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schönen Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf beschworen und ihn wüthen geheißen,bloß um selbst länger ihr Volk zu beglücken— denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schönes Gesicht entstellt, daß sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du mußtest schweigen, und aßest still von ihrem weißen Brode und trankest ihren rothen, süßen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim, legtest den Soldatenrock und die Höllenwaffen ab, und griffst zum Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjäger und Brandstifter auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch, Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind alle, wie sie auch heißen, ob sie Kronen tragen oder Pelzmützen, Sterne oder Knöpfe. Und kein Mensch kann das fünfte Gebot aus der Bibel kratzen, oder das „nicht“ aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: „Du sollst tödten!“ ohne daß ihn der Donner des Herrn erschlüge! — „Aber,“ warf ihm derSoldatFrommholz ein: „Sie thun ja doch so — und der Herrläßt regnen über Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen über Gute und Böse.“ — „Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische Mahnung!“ entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht Christen werden! — Oder doch die Türken! — Da sagte mir ein vornehmer Mann, der meinelauteVerwunderung hörte: „Ich würde die Juden und die Türken verabscheuen, wenn siedaswerden wollten: was wirsindoder heißen, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reißenden Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab. — Ich muß in die Sitzung! Lebt wohl!“ So schied er. Und jetzt da Einer 300 Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter aufzuspießen, und ich sie nicht einmalvordem Wirrwar hineingetragen — nun will ich, der Zimmermann, Deine Sünden wieder gut machen, Soldat, gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!“

„Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf weiß; . . . Du legst nun das Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl — es schwankt; . . . Du schwankst — es fällt; Du fällst . . . undJohannes ist kein Soldat, so wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt: daß sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf mein Grab, und kommen zu mir, sie an schönen Sommerabenden frisch zu begießen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und „zum Wahrzeichen“hänge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes — und die thörichten Kinder im Dorfe sprechen: „Das ist der alte Frommholz!“ Aber der Wahre hat die Seinen aus der Gewalt der erbärmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das wissen die Millionen nicht!“

Johannes mußte nun auf Christels Fürbitte für den armenSebastianowund auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag — krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er müsse zu einem Russen kommen, der also wahrscheinlich dieansteckende gefährlicheKrankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der grassirenden Krankheit sich — das Reisegeld und die Aufenthaltskosten geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hülfe vom Arzte erwarten, es auch gern, gefällig und richtig geliehen erhalten — und ohne Schuldschein. Starben sie also während der Abwesenheit seines Leibes — denn Geistesgegenwart besaß er nirgend — so waren sie bezahlt; oder er bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch überstiegen, damit die Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten Freunde Johannes nicht ausweichen, der mitHolenlassenzu drohen beauftragt war,und erwiederte: „Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrübten Zeit, wo ich wenigstens meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewöhnlich gut, wo nichts ist; aber jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, daß Jeder selbst sein bester Arzt ist, wenn er sichvor ihrundvor unssein in Acht nimmt — wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste Mittel selbst gegen die Pest: — „Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spät erst kehre zurücke!“ — Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine Krankheit zu curiren! Denn diese läßt sich nichtspinnen!Und Ein Thaler bei Tag für den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden?“ — Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lächelnd gefragt und gehört hatte, daß die vorher so preßhafteganze Familiesich nun in gesegneten Umständen befinde, nicht bloß mehr die liebe HausfrauChristel, also bezahlen konnte und gut bezahlen mußte, so legte sie bei ihrem Manne ein bittendes Fürwort ein, das aber wie er wußte, ein unweigerlicher Befehl war. Und so versprach er zu kommen — doch in der Dämmerung, aus besondern Gründen. Frau Licentiatin räucherte, daß Alle husten mußten; selbst der Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch zum Troste in der Thür: „Vertraut nur der Christel . . .“

Das thue ich immer in Allem; versetzte Johannes.

„. . . Nein vertraut ihr nur das: „ihr Schweinchen hatte Finnen! So vergißt sie es leichter.“

Johannes aber schied stumm. Aber wie erschracken sie Alle, als am Abend — ein Elephant die Thür aufmachte, und seinelange, bis auf die Erde reichende und riechende Nase, oder den Rüssel, vorsichtig über die Schwelle zog — und „Guten Abend!“ sagte, hinter einer Larve mit Glasaugen hervor. Denn es kam nur der Anfang, das Vordertheil eines jungen Elephanten herein, dem der Körper fehle; denn die glanzleinewandene Erscheinung sagte gleich selbst: „Ich bin der Licentiat, der seine Sicherheitsnase, die nur etwas reine Luft an der Erde holt, nicht zu fürchten bittet!“

Sebastianowaber sprang von dem Bette; man hielt ihn, bedeutete ihn schwer, daß die Gestalt sein Doctor sei, und er ließ sich endlich zum Niedersitzen bewegen; schloß aber die Augen, als Christel Licht brachte, damit er verbunden werden könne, und bat unter nachlassendem Zittern um etwas Niederschlagendes für ihn, und rief: „Mutter, Schnaps!“

Entweder dieses niederschlagende Getränk, der Schreck, der Verband, die Hoffnung, oder Alle zugleich, stärkten Sebastianow, daß er dann aufblieb, und seines Glaubens eingedenk war, sobald er sich wieder allein befand mit der kleinen Todten. Er suchte sich aus den Bildern an der Wand Jemand aus, der seinem Schutzheiligen am ähnlichsten sah; zündete Lichter an, und las, nach seinen Gebräuchen, aus seinem Büchlein nun unaufhörlich Gebete, bald leise, bald laut, bald still, um auszuruhen. Das that er dem Kinde zum Nutzen im Himmel, und sich zum Vortheil auf Erden, weil auf die Beerdigung dann, seiner Meinung nach, ein prächtiges Abendessen zu hoffen stand, oder weil er sich dadurch Christels Gunst erwerben wollte, der die einfache Feier gefiel, die aber von selbst schon Alles an ihm that, um nicht zu ihrem Schmerz noch Rache zu fühlen,und sich nicht die heiligsten Tage einer Mutter zu verderben.

Als nun das Särglein fertig war, und grün und weiß gemalt mit der Farbe der Unschuld und Hoffnung, und Wecker den Text auf das Kreuz geschrieben, da schritten sie zu dem Begräbniß. Und Wecker laslatent, wie er es nannte, erst selbstals Schuljungeoder Custos, an der Hausthüre mit nachgemachter Knabenstimme, die schöne Verkündigung von den Todten; dann las er wiederum selbst mit Baßstimme drinnen an der offenen Stubenthür die Trostworte des Engels, alsgeistlicher Herr, mit viel mehr innerer Würde; und wer ihn sah, der wußte, was er las, und weintelatentmit, wie er; denn das Haus war voll fremder, unbekümmerter Menschen. — Darauf sprach Wecker als bloßer angemaßter Schulmeister und treue Hausseele: „Nun sind wir so weit! Liebe Christel! Wenn nur Jemand Todtes da ist, so kann man immer begraben, nämlich einmal, nicht alle Abende, wie die Kinder den Staar. Wir warten vergebens auf einen ruhigern Tag, und Johannes steht schon seit Mittag im Hofe exerciren mit einem Prügel statt einer Flinte, wie ein Bär; und der abgewachsene Mensch und Ehemann lernt nun aufeinemBeine stehen, wie eine Gans — ganz prachtvoll! und lernt den Kopf drehen, wie ein Wendehals, ganz wunderbar! Hört nur das Commando: Köpfe — — — links! Köpfe — — — rechts! und so fliegen ihnen die Köpfe, als wären sie nun jemand Anderm! — Prachtvoll! Und jetzt treten sie gar den Gänsemarsch an — Einer hinter dem Andern! Prachtvoll! Und nun Köpfe links! und Köpfe rechts dazu — schwer! doch nun ganz erstaunend! Hei, nun schwenken sie! sie defiliren hierher, wie Enten, Alle an einem Faden Zwirn, und der Hinterste hat den Speck im Leibe; und die Arme haben sie Alle ohne Windelschnur fest am Leibe, wie Wickelkinder — und schreien, jamucken auch nicht, sondern sehen ganz jämmerlich-ehrwürdig aus! Soll ein Mensch nicht erstaunen, was aus einem vernünftigen Menschen werden kann, sogar eine Maschine! AlsodieKunst ist nicht gelungen: eine Maschine zum Menschen zu machen, wie man schon einen Trompeter hat. Aber die Kunst florirt: Menschen zu Einer Maschine von Einem zu machen. Und diestille Musikdazu! Nein, ich bin außer mir vor Freuden!Laßt uns begraben, daß ich weinen kann!Denn ehe die Rekruten — schon ein ganz himmlischer Name — ein Rekrut — ehe nicht zwanzig Stück halb todt umgefallen vor Müdigkeit und Gänsestehen und Entenmarschiren, jetzthierniedrig, jetztdrüben, ehe läßt man sie nicht aufhören zu exerciren. Johannes kommt also vor Nacht nicht in sein Haus, und marschirt wie ein Betrunkener vor seiner eigenen Thüre herum und vorbei!Laßt ihm die Freude!Uns aber laßt allein zu dem Werke schreiten; da die lieben, kleinen, weißen Mädchen des Dorfes nicht mittrippeln mit ihren Kränzen, so schreite ich mit. Denn Alte gehen nur mit Alten, Weiber mit Weibern, Jungfrauen mit Jungfrauen, und Männer mit Männern zu Grabe, nach unserem schönen Gebrauche in Zahlbach. Jetzt aber lassen die Aeltern, wie keine Gans und keine Henne noch Ente, auch die lieben Kindlein nicht heraus aus dem Wirrwar in allen Häusern in den Wirrwar vor allen Häusern; Sr. Auchwohlerwürden der Herr Schulmeister, kann auch nicht mit schreien, noch mit schreiten, denn er hat „vom Volke“ — wie wir mit Recht den Ausschuß desselben nennen — mit Unrecht Schläge bekommen, weil er die Suppe zu heiß ausgethan und die Herren sich die Schnäbel verbrannt, und istausgetreten. Sr. Hochehrwürden, der Herr Pfarrer Lademann aber kann nicht mit einherschlendern, weil er erst ein junges Weib,einen schönen, lustigen Finken aus Bockenheim, genommen; ist also noch eifersüchtig und ganz verschämt oder confus, besonders da sich der gnädige Gottlieb, nunmehriger Lieutenant bei den Cohorten, im Pfarrhause dermaaßen einquartiert, daß er jämmerlich schiert, um sich vorerst Furcht zu machen. Darum schreitet der Herr Pfarrer nicht dreißig Schritt geradeaus mit dem Rücken vom Hause, für dreißig Ducaten; aber zweihundert Schritt um die Ecke der Kirche, nicht um zweihundert Louisd’or. Da ziehen ihn Eure sechszehn Kreuzer denn diesmal nicht. Auch geht man jetzt nichtaufder Straße, sondern bei dem Wetterinder Straße bis an die Waden. — Ich muß also schon mit schreiten oder waten, das seht Ihr ein! Seid nur so gut!“ —

Und so fuhr denn der alte Frommholz das liebe Kind auf dem Gras-Schiebbock zu dem ausgeworfenen Grabe, und des Kindes Mutter ging allein still hinter ihm als Leidträgerin; Wecker aber vorn, als Schulmeister, Schule und Custos mit dem Kinderkreuz, und sang — stumm, oder latent, mit sehr beweglichem und bewegtem Gesicht, wie Jemand, der mit vollem Munde kauet; er aber hatte Seelenspeise auf der Zunge, und labte sich recht.

Als sie bei dem Hofthore auf dem rechten Flügel der „Rotte“ vorüber kamen, hätte Johannes, der mitten im langen Gliede stand, seelensgernrechtsgesehen, um wenigstens seines Kindes kleinen, bunten Sarg noch einmal ins Auge und in die Seele zu fassen; aber die Köpfe warenlinkscommandirt, und er hatte im rechten Auge nur einen mattblendenden Schein von dem sonnebeschienenen Särglein. Es zog ihn unwiderstehlich, doch hinzublicken; er wandte allein von der ganzen Rotte den Kopfrechts; und dergnädige Gottlieb, der als Lieutenant inspicirengekommen, sprang zu, und rückte ihm denselben bei den Ohren gewaltsam in das heilige Commandowort „Links,“ und hielt ihn dann zornig am Kinn mit der Faust.

Und Johannes alter Vater, der das vorüberfahrend mit angesehen, sprach nur halblaut vor sich: „Es ist schon gut!“ — Johannes aber sah sogar die große soldatenbunte Gestalt des gnädigen Gottlieb nicht, die ihm nahe in die Augen grollte; sondern vom Scheidegefühl und dem stillen Lebewohl ganz anders ergriffen, sprach er nur, im Herzenstill, die Worte seinem Kinde nach: „Der Herr behütet Dich, der Herr ist Dein Schatten . . . daß Dich des Tages die Sonne nicht steche, und der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich vor allem Uebel, er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.“ — „Amen!“ sprach er laut; und der Lieutenant lachte, und das Glied, und er ließ ihm das Kinn los.

Nahe bei der Kirche, wo die Wege sich kreuzen, ward aber Wecker von einer Schaar betrunkener Reiter überritten, deren jeder eine Koppel wilder Handpferde zur Armee führte; und ein, von den betrunkenen Menschen gleichsam mit wie betrunken gemachtes Pferd sprang über das Särglein, riß es dem Alten vom Schubkarren herab und auf, daß der Deckel weit hinflog; ein anderes schlug scheu aus, und traf das Kind, während Christel sich verhüllte, und mit gewundenen Händen darauf nach Hause lief wie vom Feuer verfolgt. — „Es ist Krieg!“ riefen die rohen Gesellen. Und Einer, an dessen Stimme Weckerseinen Sohnzu erkennen glaubte, sprach lachend: „Was führt Euer Weg über unseren Weg? Kronengut geht vor Bauerngut! Und wenn wir die Pest am Leibe hätten, wir zögen frei durch alle Lande, und schliefen in Eurem Bett! Fort aus dem Wege!“

„Es ist schon gut!“ stöhnte der alte Vater wieder. „Mein Sarg steht schon lange auf unserem Boden.“ Und so las Wecker das liebliche, wie vor Schreck blaß gewordene Kind wieder von der Straße in das Särglein, auch den kleinen frischen Asternkranz von heut, und das kleine Brodchen, damit es ohne die Mutter gut schlafe, und deckte den Deckel wieder leise und schonend darauf, daß er dem Kinde ja kein Fingerchen quetsche. — Und während der alte Frommholz stumm es darauf unter einzelnen fallenden Thränen versenkte, und zuwarf mit der immergleichen, unverweslichen Erde, sah Wecker zum Himmel und auch zum Thurme — und sah den Teufel auf der Spitze stehen, der ihn herunter angrinsete unter unhörbarem Hohngelächter, während er die schwere eiserne Fahne mit dem vergoldeten Adler um seinen Kopf schwenkte, so daß ein Kreis von Fahnen mit Adlern sich um den Knopf des Thurmes bildete, wie Schwalben sich an einander hängen. Und die Raben kamen zur Nachtruh in das alte Gemäuer geflogen, und krächzten ihr Lied. Wecker aber riß das neue schon gepflanzte Kreuz wieder aus, und hielt es — seiner Erscheinung empor, und sie verschwand. Zu den Raben aber sprach er empor, indem er seine Hände vor dem Munde zu einem kurzen Schallstück höhlte und rundete: „Ihr wißt nicht, wer ihr seid? Ihr seid Engel gegen die Adler, ja Engel gewiß, die ihr eurem kleinen Gespielen entgegen singt. Es klingt aber schlecht! Ich — ich kann nicht singen — mir ist die Kehle wie zugeschnürt: Der Mann bin ich! . . . Wollt’ ich sagen:DerVater!“

Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne Morgenröthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glühte geblendet von dem schmückenden Scheine. —

Wo ist denn das Kind? — Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da gewahrte sie durch das Fenster, daß Berge und Bäume und Garten und Gefilde verschneit waren vom reinsten Schnee. — Ach, seufzte sie, nachdem sie unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schläft unter einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn — o mein Gott — es hat mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frühe leise weckende Stimme: „Mutter, mache die Augen auf! . . . mach’ doch die Augen auf!“ und ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen Händchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Röckchen, die Schüchel und die Schürzchen — ich bin um Alles — da hängt es, und liegt es, und sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und möchte doch reden! so bunt — und möchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die letzte Schmach an ihm! — —

Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht.

An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden gegangen! Tausenden wird es gewiß noch so gehen — und ärger! Und was hilft das Unglück eines Menschen den andern? Was mir — das fremde? Und was den lieben fremden Menschen das meine — oder das unsere, wollte ichsagen, Johannes; sei nicht böse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird, als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes, ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz. Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Füßen treten muß! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja schlimmer, als wenn Du nicht wieder kämest, und Du mich verlörest, und ich Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt — vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so gräßliche Worte gesagt von Kronengut und Soldatenfreiheit — weil der Abscheuliche — sein großer Friedrich, sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat ihn erkannt — als ihn der Teufel gefragt hat: — „Wecker! war das nicht Dein Sohn, der da reitet nachBritzenheim!“ — Siehe, und so ist der alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was er bei ihm und mit ihm will — weiß Gott! Er hat ein Messer mitgenommen . . . .

„Ein Messer?“ frug Johannes erstaunt.

Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: „Kein Vater darf sich das Recht über seine Kinder nehmen lassen — ausgenommen sie werden besser und klüger als er, und es werden ihnen vernünftigere und menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause!Sonstmuß der Vater aufstehen! und lehren und strafenund rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker, bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie ich, soll gescheidter sein, als vieleganzcuriose Leute; und so ein armer Sünder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrönte, geschlossene Gesellschaft von christlichen Türkenhäuptern! Wozu sie noch der Corse,der Corsar zu Lande, macht, — undmeinen Sohn!. . .“ — So sprach er stöhnend und jammernd, riß mir das verweigerte Messer geschwind aus der Hand, und ließ sich nicht halten!

Laß den guten Wecker mit seiner Ruthe ziehen! sagte ihr Johannes betrübt-lächelnd. Alles zu dulden bin ich auch nicht gemeint! Zum Ackern lassen sich selber die Ochsen geduldig anspannen, und ziehen im Schweiße ihres Angesichtes bis die heilige Sonne zu Rüste geht, und der Acker in Schatten und Dunkel liegt; aber wunderlich ausgeputzt mit goldenen Klapperblechen, werden sie rasend bei der Stierhetze, wie der Großvater von Rom uns erzählt hat. Wir Völker, mit uns allein, ohne Hetzer, sagte er, würden alle in Frieden leben, wenn man diejenigen ruhig beisammen ließe, die einerlei Sprache reden; höchstens würde einmal ein Viehstreit oder ein Hutungsstreit ein paar Stunden dauern. Aber, da sind Andere, die glauben, die Erde zu besitzen und verschenken zu können, wie einen großen grünen Schweizer Schabsickerkäse mit Kräutern und Maden und Milben — als nämlich mit uns Erwachsenen und Kindern, wie der Papst; — und Andere, die glauben: die Länder eigenthümlich, wie ein Müller seine Mühle oder die Mahlsteine zu besitzen, sie rund machen zu müssen, sie Mehl für sich mahlen zu lassen, sie verkaufen, vererben, ja entzweireißen und theilen zu können, als wären eswirklich bloß Steine . . . und nun kommt dazu: daß Viele das wollen, oder wie der Großvater eben behauptet: nur Einige; — und so mahlen sich die Steine zu Schanden, von einem dampfenden Menschenblut-Strome getrieben, und von fühllosen Rädern aus Eichenholz; und statt Mehl kommt Menschenasche und Knochenkleie herunter, die auf zum Himmel riecht, und die Müller selber werden elend von dem Elend, schleichen schlaflos auf den Gängen umher, hören mit Angst die Glocken rufen: „neue Menschenknochen aufzuschütten!“ und wollen doch Müller heißen und bleiben; denn anders haben sie nichts gelernt. Wenn sie aberChristenwären — ließen sie den lieben Gott seine Gaben auf seine Mühle schütten, ließenihndas Mühlhaus beglücken, und hätten Freude und Schlaf und Dank. Und wenn der Müller nicht ein Christ wird, so kann es Gott selbst nicht anders bessern, als wenn dieMenschenChristen werden, nämlich wir, wir Alle, und nichts mehr thun und leiden, als was Christus der Herr oder die zwölf Jünger gethan oder gelitten hätten. Darum muß sich das Volk nicht unterweisen lassen im Aberglauben, es muß keine Zauber- und Hexereistückchen-Fabrik mehr in Italien geben; das Volk muß nach derwahrenLehre Christi fragen, und darum fleißig das Wort Gottes lesen, um des Teufels Worte auszurotten!

„Nichts weiter!“ sagte Christel zum Morgengebet. „Nichts weiter;“ ich habe es gestern im Stillen weinend mit angehört, wie Dir Dein Vater das Alles gestern im Dunkeln gesagt hat. Ich war ja in der Stube. Dochindeß— indeß — bis dahin: wer will Dich retten. Soldat zu werden, mein Johannes, und von der Schmach: Deinem deutschen Vaterlande neue Ketten schmieden zu helfen mit Deinem christlichen Seitengewehr!Denn der Kaiser wird nicht klug! Ein anderer Vater wird menschlich, wenn er einen Sohn erhält; aber nunderseinen kleinen König von Rom hat, nun will er ihm erst das große Reich recht groß machen, wenigstens sicher und fest — aber Du weißt, was der Adam Müller prophezeiet hat! Das klingt ganz anders! Wenn ich den Mann nur einmal sehen sollte, der ein Bauer sein soll, doch was für ein Bauer — ein Prophet wie Daniel! — Ach, was wirdmeinDaniel machen? — „Ich muß fort, ich muß hin!“ sprach sie, von dem Namen des Propheten an ihren Knaben erinnert.

Gehe in Gottes Namen! hieß ihr Johannes. Ich aber habe Muth zu thun und zu leiden . . . . Jedes aber nur, so lange sich jedes mit meinem Gewissen verträgt. „Ich will ein Schaaf scheinen, wenn ich nur keines bin; und ich will ein Tiger scheinen, wenn ich nur keiner bin. Aber ich werde keiner, das fürchte nicht! Nur habe ich durch des Großvaters Worte eine große Hoffnung gefaßt! Wenn nur die Menschen alledieHoffnung haben und die Aussicht, die das Wort Gottes verheißt, das nicht lügt — eben weil das Wort sich in jedem Menschen selbst wahr macht, und der Mensch selber ist — so sehen sie es eine Weile noch an, wie die Welt läuft, oder wie die Mühle geht; und wenn nicht gut, dann schützen sie selber den Blutstrom ein, und die Müller mögen ihreeigenenKinder mahlen, nicht unsere! Denn wir, wir legen Alle, ein Jeder die Hand auf das Herz und sagen: Du sollst nicht länger bluten als dafür: — daß wir nicht länger bluten, und daß wir nicht länger zu Staube gemahlen werden, und unsere Kinder! — so sagt der Vater.“

Christel tröstete indeß ihren redlichen Mann, mit allen holden Tröstungen, die ein junges schönes liebendes Weib im Ueberflußhat; und sie saßen in süßer stiller Betrachtung noch einige Zeit neben einander, indem sie sich still an den Händen hielten. „Deines Vaters Geburtstag ist heut,“ sprach sie endlich; „heut ist er siebzig Jahr.“ Gott erhalte ihn uns noch lange! besonders nurmir; denn was er mir thut, das thut er Dir und Deinen Kindern. Jedoch wenn er auch nur noch ist, lebendig und gegenwärtig; wenn er ißt, und es ihm schmeckt, und er sein Gutes empfängt von uns in seinen letzten Tagen, so ist ein Alter schon unersetzlich im Hause, ein wahrer Hausschatz, den keinanderesGut mehr aufwiegt. Denn jedes ist schon ein eigenes, und ein alter Vater auch ein eigenes. Darum wollen wir den Tag still feiern, und kochen etwas Besseres für Alle, oder braten von den Gänsen; und so mögen es heut Alle bei uns gut haben, wenn sie auch nicht wissen: warum? selber der alteSebastianowund der große Peter, der Hund. Ich aber gehe nach Mittags den kurzen Weg zu den Kindern in die Stadt, und zur armen Dorothea, die einmal nicht glücklich werden soll, das junge Mädchen. Auch bringe ich vielleicht von ihr heraus, was ihr ist, geschehen ist, oder Gott verzeihe mir, was sie vielleicht gefehlt hat! IndiesenZeiten ist Niemand vor großen Fehlern sicher, ja nicht vor Verbrechen; die Angst, die Furcht, die Entrüstung, die Rache sind los, und ergreifen Einen um den Andern, den Schuldigen und den Unschuldigen — und nichts ist länger, selbst die Gerichtsbank nicht, als Gottes Langmuth — spricht Wecker; aber inderLänge ist Muth und Gewißheit. Und erhasche ich nur ein Wort von Dorothea, verschweigt sie auch nur eine Antwort, so sehe ich durch ihr Wesen, wie durch einen Schleier, und kann ihr dann rathen und helfen! Nur ein Weib löst einem Weibe die Zunge, und weiß sie recht aus dem Grunde zu verstehen,recht aus der Seele Theil an ihr zu nehmen und es mit ihr gut zu meinen als wie mit sich; denn beide sind Weiber, und aus demselben weichen Stoffe — aus Liebe und Thränen! —

Christel brach ab; denn sie sahe durch’s Thor einen vornehmen Reiter herein in den Hof gesprengt kommen und halten. Als Johannes hinabgeeilt, kam er wieder und schickte Christel in den Hof. Der fremde, schöne, junge Herr rief sie nahe an sein Pferd und ritt dann an einer einsamen Stelle des Gehöftes, immer im Kreise langsam umher, während er hochglühend im edlen Gesicht, und doch sehr niedergeschlagen sagte: „Ich heißeEllenrothund bin . . . oder war, oder heiße noch der Bräutigam Euerer Dorothea.“ Er holte schwer Athem, dann fuhr er mit einem Seitenblicke zu Christel geneigt fort: „Und so glaube ich Euch schon ganz bekannt zu sein; denn von einem Bräutigam wissen die Verwandten der Braut schon Alles; und wißt: ich bin ein junger Mann, der ein Mensch werden will durch ein Weib. Denn durch ein Weib wird man ein Mensch, nicht erst ein Mann; der muß man dazu ja gewesen sein. Auch bin ich Euch durch meine Liebe zu einer Verwandten von Euch gewiß schon lieb und vertraut — wie ein Anverwandter — wenigstens habe ich herzliches Vertrauen zu Euch, und bedarf Euern Rath und Euere Hülfe, dennIhrseid jetzt gleichsam die Mutter der Dorothea, da Euere SchwesterMarthadahin ist — dahin, wo . . . fürchte ich . . auch Dorothea bald folgen wird, oder zu folgen glaubt. Denn nehmt nur den Brief hier von ihr! „Sie will nicht die Meine werden“ —weilsie mich liebe und ehre; aber auch keines Andern — weil sie mich herzlich bemitleide und beklage. Ja, sie meint: „Gott erhalte mir nur meinen Verstand, damit ich nicht katholisch werde, weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.“Leset! Erkläret mir, helft! Ich bin unschuldig und rein wie der gefallene Schnee! Und auch Sie ist gewiß so leicht über die Erde gewandelt, wie über Schnee, ohne eine Fußtapfe zu beflecken! Da, nehmt!“

Christel nahm den Brief, blieb stehen und las, während Ellenroth in großem Kreise langsam umherritt. Darauf ging ihm Christel entgegen und sagte ihm traurig: „Was ein Mädchen, wie Dorothea sagt, so sagt, und schreibt, das hält sie gewiß, dabei bleibt es. Armer, junger Herr!“

„Geht zu ihr!“ bat er; „redet noch einmal zu ihr! Ich bin so thörig wie alle Menschen, die das Theuerste entbehren, das Aeußerste dulden, wenn sie nur klar wissen, warum? und wie es gekommen! Und diese Thorheit beweiset,daß es ein größer Glück giebt als alles Glück oder alles Unglück— und das ist:die Wahrheit, ist die Vernunft! Ach, daß die Liebe zu dem Weibe mir nur nicht höher wäre, liebe Christel! Denn erfahre ich auch den Grund der Zurückweisung und Verweisung meines Herzens auf sich selbst, so ist es doch leer, halb, zerrissenohne Sie— und der Tod ist jetzt leicht zu finden: ich werde Soldat! oder erlöse durch meine freiwillige Gestellung vielleicht und gern noch einen gezwungenen Vater von Kindern! Vielleicht sollte das nur so kommen,dassollte ich im Leben vielleicht nur thun! Wer weiß, wozu ein jeder bestimmt ist auf Erden. Dochdie Tageerst lichtendas Lebenauf — und die finstern: ein helles! Nur verdenkt mir nicht, daß mir die Augen tröpfeln! Vor Euch will ich es nicht verbergen.“

Christel meinte in diesen Worten auch eine Schickung Gottes zu sehen, ward durch und durch froh, und über und über roth, und wollte den verlorenen oder nicht erst erworbenen Freund inständigstbitten . . . wenn er denn wollte, was er müßte, oder müßte was er wollte . . . diesen Dienst dannihrem Johanneszu leisten . . . den Vater ihrer Kinder frei zu machen von den Soldaten, durch sich! Aber sie erröthete bei dem Tröpfeln seiner Augen ganz anders. Denn Thränen rühren ein Weib am meisten, und unter allen Thränen, die Thränen eines Mannes, der schön und edel undmuthvollist; ja diese solche Thränen erheben sie über sich selbst, und geben ihr alle ihren weiblichen Adel wieder und eine Himmelsseele dazu, oder erwecken sie nur in ihr, wenn sie schlummerte. Und so erwiederte Christel: „Armer Herr! Ich weiß gewiß, es ist vergeblich — aber ich gehe zu Euerer Dorothea. Bleibt bis zum Abend hier . . . und kann ich Euch nicht helfen . . . so helfet Ihr uns! Und Ihr . . . Ihr könnt es, und wollt es gewiß . . . schon um Dorothea’s willen! — Die wird sich doch freuen über Euch!“

„Sagt es dann gleich lieber jetzt!“ bat er. Aber sie beruhigte ihn damit, daß sie gleich nach Mittag in die Stadt gehen werde, nahm ihm das heißgerittene braune Pferd ab, und als er hineingegangen, sahe er bald darauf — den Johannes exerciren, und faßte im Stillen selbst den Entschluß: den redlichen, einfachen, aber den Seinen so kostbaren Freund zu erlösen . . . oder verstand er jetzt erst Christels Worte. Denn manche Worte werden erst spät verstanden, oft Jahre und Jahrhunderte nachdem sie verhallt sind, „wie die ächten wenigen Worte Christi,“ wie Wecker sagte.

Der alte Frommholz aber wußte von dieser fast gewissen Hülfe nichts, und auch von keiner andern irgend woher. Aber er wußte heimlich aus einem andern Hause den noch verborgen gehaltenen Befehl: „daß übermorgen, oder schon morgen, dieNeugeworbenen, Alte und Junge, selbst halbe Greise und halbe Kinder, die nur verwüstet wurden, über den Rhein auf jene linke Seite geführt werden sollten.“ Darum hatte er beim Schlafengehen große Sehnsucht nach dem Tage. Der untergehende, prachtvoll schillernde Mond, der vor einigen Tagen schon voll gewesen, täuschte ihn: sehr früh aufzustehen, und zwang ihn gleichsam, die wechselnden aber immer wiederkehrenden Wunder der Nacht noch einmal recht zu genießen; bis er sich in seinen geschnitzten Lehnstuhl setzte, und mit stiller Freude endlich die Tritte seines Johannes über sich hörte. Da löschte er im Kalender, schon in der heiligen Morgenfrühe den Tag aus — den Montag — wie er sonst immer erst nach dem Abendsegen that; dann zog er die stehengebliebene Wanduhr auf; ließ den Kukuk die Stunden nachrufen — und schrieb noch einmal seinen Namen auf das mit Schiefer belegte Tischblatt, sahe ihn an, und löschte ihn lächelnd weg. Dann betete er aus seinemKubachdas sonderbare, doch ächte „Gebet eines Schieferdeckers, so er vom Thurme fällt,“ welches zwei Seiten lang ist, also einen wolkenhohen Thurm voraussetzt, wenn der dabei besonnene Unglückliche nicht eher auf Erden anlangen soll, als er es ausgebetet hat. Er merkte das, und lächelte die geringe HöheseinesThurmes und seinen Fall, wie ein Kinderspiel, dadurch hinweg — und das Gebet bekräftigte ihn und machte ihn stark! Dann öffnete er die Stubenthür einen Fingerbreit, um noch einmal zu sehen: wie Alles darin morgen stehen würde! . . . . Wie in fünfzig Jahren . . . . in hundert Jahren die liebe Sonne so hereinscheinen würde!

Der stille Herr Ellenroth machte das Frühstück still. Doch sagte Christel dem Großvater, daß sie zu den Kindern hineingehen würde, und er ließ sie alle grüßen und bitten: „sie solltenihn nicht vergessen!“ Das durfte er sagen. Aber Johannes durfte ihm nicht sagen, daß sie seinen Geburtstag begehen würden; um ihn beim Mittagsessen zu überraschen.

Als der Alte aber an die Arbeit gehen wollte, bat ihn Johannes: „Vater, bleibt doch zu Hause! nur heute zu Hause!“ Das Wort traf den alten Vater, als sei er verrathen. Doch als der Sohn hinzu setzte: „macht wenigstens Mittags bei Zeiten Feierabend; die paar Schläge an dem Thurme werden ja noch vor dem Winter gethan werden“ — da versprach er zu Mittag bei Zeiten bei ihnen zu Hause zu sein — und sähe sich jetzt um, wie es dann in der Stube unruhig aussehen würde, wie er daliegen würde todt und zerschmettert; aber auch, wie er des Sergeanten, ja des Kaisers grausame Befehle zu bloßem Wasser gemacht; und freute sich, daß so Jeder, der stark etwas Gutes will, frei ist von allen über den Ländern liegenden eisernen Gittern; und nur das Eine that ihm in seiner redlichen Seele leid, das ehrliche Begräbniß, das sie ihm würden angedeihen lassen; und das Bedauern, als sei er unglücklich gewesen in seinem Tode; da er doch grade sich säen wollte in Gottes Erde als einen Keim des Glücks für die Seinen. Und so sagte er nur zu Johannes: „Du bist mein lieber, mein einziger Sohn! Und Du meinst es gut mit mir — das merke ich heimlich! Merke nur auch heimlich: Ich meine es auch gut mit Dir — so gut wie ein alter Vater noch kann! — Lebe wohl — indeß!“

So ging er.

Aber auch Christel ging kurz vor Essen noch eilig in die Stadt; denn Paschalis Magd, die Einiges zu holen gekommen, hatte ihr gesagt: daß das kleine Mädchen sehr nach ihr geweint — und mit gewollt! Das war nun schon Stunden vorbei, aberdas hielt sie nicht aus, obgleich das Kind gewiß jetzt längst schon wieder ruhig war.

Von den Kindern zurückgehalten, ging Christel erst am anderen Vormittage von Mainz nach Hause. So wußte sie nichts aus Zahlbach — und so gewährt der Himmel den guten Menschen das Glück ihrer Treue und Liebe; und wo das Glück ist, kann nicht zugleich Schreck und Pein sein; und so sind sie nicht nur nicht elend, sondern oben darein beseligt. Wie viel Ursache aber Alle, ja alle Völker haben: tagtäglich zu bitten, daß auch ihreNachbarnund alle die Ihrigen auf unschädlicher, ja wohltätiger Bahn wandeln mögen, damit sie nicht durch ihren Verkehr mit ihnen und grade durch ihre Neigung und Freundschaft und Liebe recht Bitteres von ihnen leiden — das erfuhr sie heute.

Daniel begleitete sie in Mainz bis an das Thor. Unter dem hohen dunklen langen Gewölbe wandelnd umfingen sie gleichsam die alten Zeiten sichtbar und doch so wunderlich. Denn wenn draußen auf Markt und Straßen neue Sonnenhelle und neues Leben sich regte, so hingen hier drinnen still, wie Fledermäuse, an den schattigen Mauern, die Spuren vieler hundert verflogener Jahre; und Alles, was sich hier Fröhliches und Trauriges herein oder hinaus bewegt, herein oder hinaus geschollen war, das hatte sich gleichsam nur — als Rauch an die Bogen gehangen, und ihnen die wettergraue, alterbraune Farbe — der vergänglichen Welt gegeben. Die Gewölbe aber hallten nur wieder, selber stumm; und so sagten ihr die Steine nicht, daß so eben die Rekruten aus Zahlbach hier durch geschleppt worden waren,während die armen Teufel ihre Angst in lustigen Liedern zum Himmel gesungen.

„Aber Mutter!“ sprach Daniel, „sind das nicht unsere Kühe dort? und unsere vier neuen Räder am Wagen?“

Sie drängten sich hin vor die Wache, vor welcher der Wagen mit einem im Strohe liegenden Manne hielt; aber nahe hinan konnten sie nicht, denn Soldaten und Menschen umstanden ihn. Und ein Bürger sprach zu dem andern: „Das ist ein böses Zeichen! Die Welt hat den Krieg satt; und damit nun grade der Kaiser und seine Brüder, seine Herrn Vetter und Frau Muhmen, Töchter und Schwäger auf den mit Braten gepolsterten und mit Wein besprengten Thronen sitzen, und Niemand Anders, oder Niemand,deswegenwollen sich nun die dummen Bauern nicht mehr selber todt schlagen lassen, noch ihre Söhne als frische Schemmelbeine unter den Thron zerzimmern lassen!“ —

„Sie sagten, es wäre ein Zimmermann;“ versetzte ein Anderer.

„Ja,“ bestätigte ein Dritter. „Er ist vom Thurme gefallen; und nun hat der Lieutenant in Zahlbach gesagt: er habe sich hinunter gestürzt — weil er ihn habe früh morgens am Altare knien und beten sehen — weil er einen einzigen Sohn mit Weib und drei Kindern zu Hause habe.“

Ach Gott! der Großvater ist todt! sagte Christel zu Daniel.

„Der alte Mann gefällt mir!“ sagte der Erste. „Erstlich, weil er ein Mann auf seine Hand ist, der uns Allen vorleuchten sollte; zweitens, weil er soll den Arzt gefragt haben: ob er auch wirklich ein Krüppel wäre, nun er beide Beine zweimal gebrochen habe . . .“

Mutter! rief Daniel fast zu laut vor Freuden: der Großvater lebt ja! Er hat nur beide Beine zweimal gebrochen . . . .

„. . . und als ihm das ist bestätigt worden, hat er mit Freuden eingestanden: er seinicht gefallen!Auf dieses sein Geständniß, daß er seinen Sohn dem forcirten Vaterlande habe vorenthalten wollen, ist er nun hier in Ketten hereingebracht und soll ins Gefängniß geworfen werden und, als Zimmermann am richtigsten in den Holzthurm — sie wissen nur noch nicht in welches, denn alle — Holzthürme sind voll: — Verräther, das heißt nur voll Freunde ihres alten wahren Vaterlandes, das da Deutschland heißt.“

„Schwager!“ versetzte der Dritte: „das ist das größte Elend auf der Erde, daß grade das wahre Herz der Völker jetzt ein Scorpion sein soll! und die alte ächte redlichste Treue — Verrath; weil sie nicht mehr paßt, und nicht höflich und artig ist, wenn ein Andrer das Vaterland zerrissen, erbeutet und unterjocht hat, und doch so gut wie ein alter treuer, lieber guter Vater nun Kindesdienste, ja die Kinder selber verlangt! Der gute liebe Mann! Und wenn ich hunderttausend Jahre alt würde — ich würde kein Franzose! Und wenn ich Millionen Jahre alt würde, so würde ich nieeinRusse, geschweige zehn oder tausend Russen mit meinen Kind und Kindeskindern — und wenn ich alle Tage 1000 Napoleons, oder alle Stunden 5000 heilige Andreaskreuze mit Brillanten — geschweige die Knute bekäme; — — denn soEtwasist nicht möglich, wider den Mann und wider den Menschen, und das solltemaneinsehen, besonders: — „Man, der Teufel!“

Darauf sahen sie einen schönen Knaben auf ein Rad des Wagens steigen, und jetzt nur erblaßt und ängstlich nach dembraven Manne darin spähen . . . dann langsam und vorsichtig über die Leiter steigen und sich zu ihm setzen; und der Alte hob sein Haupt auf, sahe ihn wieder an, und rief: „Daniel!“ und Daniel rief: „Mein Großvater!“

Darauf war es umher still vor Mitleid und Verwunderung; selbst die Soldaten wehrten dem Knaben nicht; und so überwand auch Christel die Scheu, aber nur durch eine starke innere Aufwallung, sich vor so vielen Augen zu zeigen; und so ließ sie die Menschen die Menschen sein, unbekümmert, ob sie solche heilige Kleinode unter der Stirn besäßen, die da zu sehen vermöchten, was unter der Sonne vorgeht; oder ob solche kleine Hämmer in ihren Ohren ihnen verkündigten, was aus einer Menschenbrust herauf und heraus getönt in die himmlische Luft — — sie drückte dem Vater die Hand, und hielt sie fest, während ihre thränengefüllten Augen über ihm schwebten. Denn sie bedachte mit staunendem Bedauern, wie nahe ihm die Hülfe des Himmels durch den entschlossenen Ellenroth gewesen sei, und welche That er aus Mangel an Vertrauen gethan — und sie drohte ihm mild mit dem Zeigefinger; — er kehrte sein Gesicht ab — und sie hatte nun eisernes Antlitz — vor aller Welt zu weinen! Dann erblaßte sie über und über vor Scham vor der Welt der Großen, und erröthete wieder über ihre eigene Schuld der Verschweigung gegen den Schwiegervater:welchenTrost ihr der Herr von Ellenroth gegeben! Aber „soll ein Weib denn alle Augenblicke Alles sagen? und gleichsam vom Herzen abschlagen, was noch nicht reif ist, sondern erst eine kleine grüne Frucht ansetzt, die noch abfallen kann?“ So tröstete sie sich selbst, faßte sich schwer aufathmend, und befahl ihrem Daniel leise, bei dem Großvater zu bleiben und ihn zu pflegen und darum wohl zuzusehen,wohin man ihn ins Gefängniß werfen werde, und dann Herrn Paschalis zu bitten, daß er sich seiner erbarme. Darauf gab sie dem Daniel Geld, stieg rasch vom Wagen und verlor sich unter der Menge.

Und der eine Bürger sagte wieder: „Schwager! Wenn wir nicht alledieHoffnung hätten, daß eigentlich Nichts lange besteht, was die Großen thun, höchstens von einem Friedensschluß bis zum andern, und wenn es nicht ein wahres Glück wäre, daß ein Friede nicht von Eichenholz ist, also nicht versteinern kann, sondern der ewigste Friede nur etwa fünfzehn Jahr alt wird — so möchte ich kein Schuhflicker sein in Ewigkeit! Sela!“

„Und ich kein Schneider! Schwager!“ versetzte der Andre, „Aber wir hoffen, das deutsche Reich, dieses viel zerrissene und von aller Welt behaltene Gewand, das der liebe Gott am Schöpfungs-Sonntage selber abgelegt, das wird nun endlich wieder auf seine alte rechte Seite neugewandt werden, und auf eine beßre, ja hoffentlich gute Weise mit Cameelgarn und Seide wieder zusammengenäht, daß es so lange hält wie ein Rock der Kinder Israel in der Wüsten — 40 Jahr! Sela!“

„Wenn’s nur noch Stich hält!“ schloß der Dritte. „Menschenherzen sollten sie können zusammen nähen! So einen Schneider gebe uns Gott! Desselben Ziegenbock will ich sein in Ewigkeit!“

„Ich auch!“ sprach der Dritte. „Ich auch!“ schrie der Erste. Und von ihrem Gedanken gleich froh ergriffen,meckertenalle drei Freunde laut, und nunmehr erscholl unauslöschliches Lachen. Doch nun meckerten sie erst recht. Und die Kinder umher meckerten, die Lehrjungen meckerten; die Kühe brüllten;die Soldaten fluchten und schlugen ohne Auswahl und ohne Schonung unter die Menge. Und die drei ursprünglichen Ziegenböcke fingen an zu reden und sprachen: „Vergieb ihnen, Herr! denn Soldaten wissen ja nie, was sie thun! — nur was sie leiden!“

Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt öfter ihre — mit den Ellenbogen wie in die Luft gestützte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete, daß das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklärte es sich aus gutem Herzen so: — „Johannes liebte sie; das sahe der Großvater; — und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und die Kinder liebte mit seiner Liebe.“ So war es gekommen. Darum beschloß sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem Herzen. Und so ward dieses neue Unglück ein neues Band um sie und Johannes; denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trägt, und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das Frohe.

Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: „Weißt Du?“ — Und sie antwortete nur: „ich weiß!“ Und nach zeitlangem Schweigen setzte er nur noch hinzu: „Deine schönen Kühe sind auch fort!“ — Sie aber versetzte heiter lächelnd: „aber die Kinder — die Kinder sind alle — ach nun alle die wir noch haben — gesund und fröhlich — bis auf den Daniel, der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!“

Sie schwiegen darauf beide — aber übereinstimmend —und gingen an ihre Geschäfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen selbst, der in ihren nöthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat, ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefühlendarüberzu machen, sondern seine Leiden und Freuden in seine Geschäfte hinein arbeitet oder hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag — und das Gottgeheißene willig und still vollendend, ein Mensch ist, ein ächter Träger der Zeit — wenn er bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heißt.

Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein großes Geheimniß kaum verständlich zugeflüstert: Daß Dorothea nichts gethan: —als eine Thüre zugemacht, eine Gewölbthür im Unterstock des Schlosses, — Das Mädchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere Erkundigung gesagt: „in dem Gewölbe habe ein großes Kohlenbecken mit glühenden Kohlen gestanden.“ — Mit diesem unverständlichen Bescheid wollte der verstoßene Bräutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber — er nahm seinen Weg über Breitenthal, um zu erfahren: Wie „eine Thür zumachen“ seine Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen können.

So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte Unordnung, und von Mühe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gästen, die sich müßig pflegten und schonten bis zum Lord- — Todesschmause auf dem großen grünen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht aber mitspeisen, höchstens ins Gras beißen, oder Erde kauen; — „so wie Bauern beim Schachspiel, welches morgenländische Herrscher mit lebendigen Figuren spielten oder noch spielen, undden verlornen und gewonnenen, vom Stehen müden Statisten die Köpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen oder es befehlen; ohne daß die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als — den Braten gerochen, den sie wie Jäger, noch grunzend im Walde für ihres gnädigen Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern aufgerissen hat;“ wie Wecker gesagt.


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