Es ist unnötig zu sagen, daß diese Verfügungen nur jene Plätze betrafen, die unter der Gerichtsbarkeitdes Lordmayors standen, aber die Friedensrichter der Kirchspiele, die zu der näheren Umgebung und den Vorstädten gehörten, ergriffen die gleichen Maßregeln. Freilich wurde zur Absperrung der Häuser auf unserer Seite erst später geschritten, weil, wie ich schon erzählt habe, die Pest nicht so bald zu uns kam und erst Anfang August ihre volle Heftigkeit entfaltete.
Anfangs nannte man diese Absperrung der Häuser eine recht grausame und unchristliche Maßregel, und die solchermaßen eingesperrten Leute klagten aufs Bitterste; auch kamen täglich die heftigsten Beschwerden an den Lordmayor über zu Unrecht oder aus Bosheit abgesperrte Häuser. Die Untersuchung ergab die Grundlosigkeit mancher Beschwerden; in andern Fällen zeigte sich, daß die Krankheit nicht zu den ansteckenden gehörte, oder auch, daß die Erkrankten, wennschon ihr Fall nicht sicher war, eingewilligt hatten, nach dem Pesthause gebracht zu werden, worauf die Absperrung aufgehoben wurde.
Eines Tages, als ich etwa um 8 Uhr morgens durch Houndsditch kam, hörte ich einen großen Lärm. Zwar waren nur wenige Leute auf der Straße, da es ihnen verboten war, dort lange herumzustehen oder sich mit andern herumzutreiben, auch hielt ich mich selbst nicht lange auf, aber das laute Geschrei erweckte meine Neugierde, so daß ich einem, der aus dem Fenster schaute, zurief und ihn fragte, was es denn gäbe.
Wie es schien, war der Wächter, der vor demverseuchten oder angeblich verseuchten und abgesperrten Hause seinen Posten hatte, nun schon zwei Nächte hintereinander dagewesen, wie er wenigstens erzählte, und der Tagwächter, der auch schon einen Tag hier sein Amt versehen hatte, war eben gekommen, um ihn abzulösen – und während dieser ganzen Zeit war kein Laut aus dem Hause gedrungen, kein Licht hatte sich gezeigt, die Leute verlangten nichts, schickten den Wächter weder auf irgendeine Besorgung, was doch gemeinhin die Haupttätigkeit der Wächter ausmachte, noch wollten sie sonst etwas von ihm. So war es nach seinem Berichte seit Montagnachmittag. Da hatte er in dem Hause ein arges Schreien und Heulen gehört, wie er meinte, weil dort gerade jemand gestorben war. Wirklich war auch der Leichenkarren in der vorhergehenden Nacht vor der Türe angehalten und die Leiche eines Dienstmädchens herabgebracht worden. Die Leichenträger hatten sie in den Karren geworfen, wie sie war, nur in ein Stück grünes Zeug gewickelt, und waren davongefahren.
Als der Lärm und das Geschrei ertönte, hatte der Wächter an die Türe geklopft, aber eine ganze Weile hatte niemand geantwortet. Endlich hatte jemand zum Fenster herausgesehen und mit einer verärgerten, aber doch weinerlichen Stimme gefragt: »Was wollt Ihr denn, daß Ihr so klopft?« Er hatte geantwortet: »Ich bin der Wächter, wie geht’s Euch? Was ist los?« – Die Person hatte darauf gerufen: »Was geht das dich an? Halt’ den Leichenkarren an.« Das war so um 1 Uhr herum gewesen. Bald nachher hatte er, wie er erzählte, den Leichenkarren angehalten und von neuem geklopft, aber keine Antwort erhalten. Auch als er immer weiter geklopft und der Kerl von dem Karren mit seiner Glocke geläutet und wiederholt gerufen hatte: »Bringt die Leiche heraus!«, war alles still geblieben, bis der Fuhrmann, der irgendwo anders gebraucht wurde, endlich nicht mehr warten wollte und weggefahren war.
Der Wächter hatte nicht gewußt, was er aus all dem machen sollte, so hatte er die Sache auf sich beruhen lassen, bis der Tagwächter zur Ablösung gekommen war. Nachdem er ihm alles aufs genaueste erzählt hatte, klopften die beiden eine Zeitlang an die Türe, aber ohne Erfolg. Doch bemerkten sie, daß das Fenster oder der Fensterflügel im zweiten Stock, aus dem die Person herausgeschaut und gerufen hatte, noch immer offen stand.
Darauf holten die beiden Leute, um ihre Neugier zu befriedigen, eine lange Leiter, und einer von ihnen stieg hinauf und spähte in das Zimmer. Dort sah er die Leiche einer Frau auf dem Boden liegen, die nichts als ein Hemd an hatte. Aber obwohl er laut rief und mit seinem langen Stock auf den Boden stieß, rührte sich nichts, auch war kein Laut in dem ganzen Hause zu hören.
Nun stieg er wieder herunter und sprach mit seinem Kameraden, der auch hinaufstieg und alles gerade so fand wie der andere, worauf sie sich entschlossen, die Sache beim Lordmayor oder einerandern Behörde zur Anzeige zu bringen. Aber durchs Fenster wollte keiner von ihnen steigen. Von seiten der Behörde wurde auf die Anzeige hin befohlen, das Haus aufzubrechen, und zwar in Gegenwart eines Konstablers und anderer dazu bestimmter Personen, damit nichts gestohlen würde. Also geschah es, es wurde aber niemand in dem Hause gefunden als die Leiche jenes jungen Weibes, das man, da doch nichts mehr zu machen war, sich selbst überlassen hatte. Die andern hatten wohl auf irgendeine Weise den Wächter getäuscht und sich durch die Tür oder eine Hintertür oder über die Dächer davongemacht. Er selbst konnte darüber keine Angaben machen, und was das Schreien und Heulen anbetraf, so war es wohl bei dem jämmerlichen Abschied gewesen, der ihnen zu tiefst ans Herz ging, da es sich um die Schwester der Hausfrau handelte. Der Mann selber, seine Frau, mehrere Kinder und Dienstboten waren alle fort und geflohen, ob krank oder gesund, konnte ich niemals erfahren, freilich zog ich auch keine Erkundigungen ein.
In einem andern Hause in einer Straße, ganz nahe bei Aldgate, war, wie man mir erzählte, eine ganze Familie abgesperrt und eingeschlossen worden, weil das Dienstmädchen krank geworden war. Der Vater der Familie hatte durch seine Freunde bei dem nächsten Ratsherrn und beim Lordmayor Beschwerde einlegen lassen und sich bereit erklärt, das Mädchen in das Pesthaus bringen zu lassen, was ihm aber abgeschlagen wurde. Die Türewurde also mit einem roten Kreuz bezeichnet, ein Schloß vorgelegt und ein Wächter hingestellt, wie die Verordnungen es vorschrieben.
Als der Hausherr sah, daß dagegen nichts zu machen war, und daß er, seine Frau und seine Kinder mit diesem armen verseuchten Dienstboten eingesperrt waren, rief er dem Wächter zu, er solle sogleich eine Pflegerin für die Kranke holen, denn für sie alle würde die Pflege sicheren Tod bedeuten. Er sagte dem Wächter in dürren Worten, wenn er das nicht tue, würde das Mädchen entweder an der Seuche sterben oder an Hunger zugrunde gehen, denn er wäre fest entschlossen, kein Mitglied seiner Familie in ihre Nähe zu lassen. Dazu lag sie in der Dachstube über vier Treppen, wo ihr Schreien oder um Hilfe rufen von niemand gehört werden konnte.
Der Wächter willigte ein, ging weg und holte eine Pflegerin, wie er beauftragt worden war; brachte sie auch noch denselben Abend. Der Hausherr benützte inzwischen die Gelegenheit, ein großes Loch durch seinen Laden in eine Bude oder einen Stand zu brechen, wo früher ein Schuhflicker unter seinem Ladenfenster gesessen hatte. Bei diesen traurigen Zeiten aber war er wahrscheinlich tot oder verzogen, und so hatte der Herr den Schlüssel in Gewahrsam. Solange der Wächter da war, hätte er freilich des Lärms wegen das Loch nicht durch die Wand brechen können. Als er nun drin in der Bude war, hielt er sich ganz still, bis der Wächter mit der Pflegerin zurückkam, undso machte er’s auch am nächsten Tage. In der folgenden Nacht aber schickte er den Wächter mit dem Auftrage weg, aus der Apotheke ein Pflaster für die Kranke zu holen, das erst hergerichtet werden mußte, oder gab ihm einen andern Auftrag, der ihn einige Zeit entfernt hielt, und während dieser Zeit machte er sich mit der ganzen Familie davon, und überließ es dem Wächter und der Pflegerin, das arme Geschöpf zu beerdigen, d. h. in den Leichenkarren zu werfen und für das Haus zu sorgen.
Nicht weit davon schütteten sie angezündetes Schießpulver auf einen Wächter und verbrannten den armen Teufel jämmerlich. Während er fürchterlich brüllte und niemand sich zur Hilfe herbeiwagte, stieg die ganze Familie aus den Fenstern im ersten Stock und ließ zwei Kranke zurück, die laut um Hilfe schrien. Man trug Sorge, ihnen Pflegerinnen zu verschaffen, aber die geflohenen Leute wurden niemals entdeckt, bis sie nach Erlöschen der Seuche zurückkehrten. Da aber kein Beweis gegen sie vorlag, konnte ihnen nichts geschehen.
In andern Fällen gab es Gärten, Mauern oder Zäune zwischen den Häusern und den Nachbargebäuden oder Höfe und Hinterhäuser, und aus Freundschaft oder auf ihre inständigen Bitten hin ließ man die Leute über die Mauern oder Zäune klettern und verschaffte ihnen so einen Ausgang durch die Nachbarhäuser. Oder sie bestachen die Dienstboten, sie bei Nacht durchzulassen, so daßalles in allem die Absperrung der Häuser keineswegs sicher war. Noch erfüllte sie überhaupt ihren Zweck und diente mehr dazu, die Leute in Verzweiflung und bis zum Äußersten zu bringen, um nur unter allen Umständen hinauszukommen.
Und was dabei das Schlimmste war, war, daß diejenigen, die so die Flucht ergriffen, die Ansteckung immer weiter verbreiteten, indem sie sich, schon verseucht, in der schauerlichsten Lage herumtrieben, was sonst nicht der Fall gewesen wäre. Wer sich die Sache in allen Einzelheiten vor Augen führt, muß zugeben, daß die Härte solcher Absperrungen viele Leute toll machte, so daß sie auf jede Gefahr hin aus den Häusern rannten, und das mit der Pest im Leibe und ohne zu wissen, wohin sie sich wenden oder was sie tun sollten, oder auch was sie taten. Manche gerieten in die schrecklichste Not und gingen auf den Straßen oder Feldern an Entkräftigung zugrunde, oder ließen sich in der Fieberhitze der Krankheit einfach zu Boden fallen. Andere wanderten aufs Land hinaus, irgendwohin, wie es ihnen gerade ihr Elend eingab, ohne Ziel und Zweck, bis sie, erschöpft und hinfällig, im Straßengraben verkamen. Denn niemand kam ihnen zu Hilfe, und überall in den Häusern oder Dörfern an der Straße weigerte man sich sie aufzunehmen, ob sie krank waren oder nicht. Manche verkrochen sich in Heuschober und starben dort, denn kein Mensch wagte nur in ihre Nähe zu kommen, oder glaubte ihnen, daß sie nicht angesteckt wären.
Wenn anderseits die Pest in eine Familie einbrach, d. h. wenn ein Familienmitglied ausgegangen war und von irgendwoher die Ansteckung heimbrachte, so erfuhr es die Familie sicherlich früher als die Aufsichtsbeamten, die ernannt worden waren, um die Kranken zu untersuchen. In der Zwischenzeit hatte dann der Hausherr bequem Gelegenheit, mit seiner ganzen Familie fortzuziehen, falls er wußte wohin, und viele taten das auch. Aber das Unglück war, daß eine Menge davon schon angesteckt waren und so die Seuche in die Häuser jener brachten, die sie gastfreundlich aufnahmen, was im höchsten Grade grausam und undankbar war.
Bisher sprach ich von jenen Leuten, die aus Angst, eingesperrt zu werden, jedes Mittel ergriffen, sei es List oder Gewalt, um vor oder nach der Zuschließung der Häuser herauszukommen, und deren Elend dadurch nicht vermindert, sondern eher gesteigert wurde. Aber außerdem gab es viele unter den Flüchtlingen, die Zufluchtsorte und andere Häuser hatten, wohin sie sich zurückzogen und verborgen hielten, bis die Seuche erloschen war. Andere Familien, die das Kommen der Seuche voraussahen, stapelten Haufen von Nahrungsmitteln und Vorräten auf, genug für sie alle, und schlossen sich so gänzlich ab, daß man von ihnen weder etwas sah noch hörte, bis die Seuche vorbei war, worauf sie endlich wieder in voller Gesundheit zum Vorschein kamen. Ich erinnere mich mehrerer solcher Fälle und könnte im einzelnen anführen,wie sie es machten. Zweifellos war das das Sicherste, was man tun konnte für solche, deren Verhältnisse keine Entfernung erlaubten oder die keinen geeigneten Zufluchtsort besaßen, denn wenn sie sich so abgeschlossen hatten, war’s gerade, als ob sie hundert Meilen weit weg gewesen wären. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß irgendeine dieser Familien erkrankt wäre. Unter ihnen waren besonders einige holländische Kaufleute bemerkenswert, die ihre Häuser wie gegen eine Belagerung herrichteten und niemand erlaubten, hinein oder heraus oder nur in die Nähe zu kommen. Eins von diesen Häusern stand in einem Hofe in der Throckmorton-Straße und ging auf Drapers Garten.
Aber nun wieder zurück zu den Verseuchten, die von den Behörden abgesperrt wurden. Ihr Elend ist gar nicht zu beschreiben, und gewöhnlich kam auch aus solchen Häusern das schauerlichste Geschrei und Gejammer der armen verzweifelten Leute, die ihre Liebsten in solch fürchterlicher Lage sahen und dabei eingesperrt wie im Gefängnis waren.
Ich erinnere mich – und während ich’s niederschreibe, ist’s mir, als hörte ich noch jetzt den ganzen Jammer – ich erinnere mich, sage ich, an eine Dame, die eine einzige Tochter hatte, ein junges Mädchen von etwa 19 Jahren. Sie waren recht wohlhabend und wohnten in einem Hause allein für sich. Die beiden waren mit ihrem Dienstmädchen irgendwo fort gewesen, aber ungefähr zweiStunden nach ihrer Rückkehr klagte das junge Mädchen über Unwohlsein, eine Viertelstunde später begann sie, sich zu erbrechen und fühlte heftige Kopfschmerzen. »Gott verhüte,« sagte die Mutter in entsetzlicher Angst, »daß mein Kind die Pest habe!« Da die Kopfschmerzen zunahmen, ließ die Mutter das Bett wärmen und brachte ihre Tochter zu Bett. Dann gab sie ihr etwas, um sie zum Schwitzen zu bringen, was man gewöhnlich tat, wenn die ersten Anzeichen der Seuche sich einstellten.
Während das Bett noch gelüftet wurde, entkleidete die Mutter das junge Frauenzimmer, und indem sie mit einer Kerze ihren Körper ableuchtete, gewahrte sie sogleich die heillosen Merkmale der Seuche in der Leistengegend. Unfähig sich zu beherrschen, ließ sie die Kerze fallen und stieß ein so schauerliches Geschrei aus, daß das mutigste Herz auf der ganzen Welt dadurch erschüttert worden wäre. Damit nicht genug, fiel sie in Ohnmacht, rannte, als sie wieder zu sich kam, vom Entsetzen gepackt, durch das ganze Haus, die Treppen hinauf und hinunter, wie eine Wahnsinnige. Und das war sie auch. Sie fuhr fort stundenlang zu schreien und zu kreischen, denn offenbar hatte sie jede Herrschaft über sich verloren und, wie ich hörte, wurde sie auch nie mehr ganz vernünftig. Was ihre Tochter anbetrifft, so war sie schon so gut als tot, denn der kalte Brand, der die Flecken hervorruft, hatte sich bereits über ihren ganzen Körper verbreitet, und sie starb nach weniger alszwei Stunden. Doch die Mutter schrie noch immer fort, ohne etwas davon zu merken. Das alles ist so lange her, daß ich mich nicht mehr genau erinnere, aber ich glaube, daß die Mutter sich nicht wieder erholte und nach zwei oder drei Wochen starb. –
Vor mir liegt die Geschichte von zwei Brüdern und einem Vetter von ihnen, die alle drei Junggesellen waren. Sie waren zu lange in der Stadt geblieben, um noch weg zu können, und da sie nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, auch keine Mittel zu einer weiteren Reise besaßen, dachten sie sich zu ihrer Rettung etwas aus, das zuerst hoffnungslos aussah, aber doch eigentlich das Natürlichste war. Man muß sich wundern, daß nicht mehr Leute darauf verfielen. Sie waren zwar von niederem Stande, aber doch nicht so gänzlich mittellos, um sich nicht das Nötigste zu verschaffen, und als sie sahen, daß die Seuche in der schrecklichsten Weise zunahm, entschlossen sie sich, so gut es eben gehen wollte, sich auf und davon zu machen.
Einer von ihnen war in den letzten Kriegsläuften Soldat und noch früher in den Niederlanden gewesen. Er hatte außer dem Gebrauch der Waffen nichts besonderes gelernt, und da er infolge einer Verwundung keine schwere Arbeit ausführen konnte, war er bei einem Bäcker von Schiffszwieback in Wapping in Arbeit getreten.
Sein Bruder war ein Matrose gewesen, hatte aber irgendwie eine Verletzung am Bein davongetragen, die ihn verhinderte, weiterhin zur Seezu gehen. Er hatte dann bei einem Segelmacher in Wapping oder da herum in Arbeit gestanden, und da er seine Sachen gut zusammenhielt, hatte er sich eine Kleinigkeit erspart und war von den Dreien der Reichste.
Der dritte war seines Zeichens ein Zimmermann, ein geschickter Bursche. Alles, was er besaß, war zwar nur sein Werkzeugkasten, aber mit dessen Hilfe verstand er, sich überall seinen Lebensunterhalt zu verschaffen. In solchen Zeiten freilich war auch er arbeitslos. Übrigens wohnte er in Shadwell.
Alle ihre Arbeitsplätze gehörten zu dem Kirchspiel von Stepney, das zuletzt von der Seuche erfaßt wurde, und daher waren sie geblieben, bis sie sahen, daß die Pest in den Westteilen der Stadt allmählich erlosch und sich nun nach Osten wandte, wo sie wohnten.
Die Geschichte dieser drei Leute werde ich an ihrem Orte ausführlich erzählen, da sie in künftigen schlimmen Zeiten für manchen von nicht geringem Nutzen sein mag, aber vorläufig habe ich noch anderes zu berichten. –
In der ersten Zeit bewegte ich mich ganz sorglos in der Stadt umher, wenn auch nicht so sorglos, um mich offensichtlicher Gefahr auszusetzen, außer damals, als man das Massengrab im Kirchhof von Aldgate aushob. Das war eine fürchterliche Grube, und in meiner Neugier mußte ich hingehen und sie anschauen. Nach meiner Schätzung maß sie in der Länge ungefähr 40 Fuß und 15oder 16 der Breite nach. Wie ich das erstemal hineinsah, war sie etwa 9 Fuß tief, aber später sollen sie an einem Ende bis zu 20 Fuß gegraben haben, bis sie auf das Grundwasser kamen. Schon früher waren einige Massengräber ausgehoben worden, denn als endlich die Seuche zu uns kam, wütete sie in den zwei Kirchspielen von Aldgate und Whitechapel ärger als in irgendeinem Teile von London.
Man hatte, wie gesagt, schon mehrere Massengräber hergestellt, als die Seuche zu uns kam und die Leichenkarren ihre Fahrt begannen. Das war etwa um den Anfang August. In jedem von diesen Gräbern lagen vielleicht 50 oder 60 Leichen, aber dann machte man sie größer, um alle, die innerhalb einer Woche starben, darin zu verscharren. Von Mitte bis Ende August waren das an die 2 bis 400 wöchentlich. Größer konnte man die Gruben nicht machen, weil die Behörden ausdrücklich vorgeschrieben hatten, daß jede Leiche 6 Fuß unter der Oberfläche liegen müsse und bei 17 oder 18 Fuß Tiefe schon das Grundwasser kam. Bei Beginn des September aber wurde die Seuche so heftig, daß die Sterblichkeitsziffer in unserm Kirchspiel höher war als irgendwo sonst in London, und da befahl man denn, diesen schauerlichen Schlund auszugraben, denn es war wirklich mehr ein Schlund als ein Grab.
Man hatte angenommen, daß man damit für einen Monat oder länger reichen würde, und einige machten den Kirchenvorstehern Vorwürfe, daß sieetwas Derartiges erlaubt hatten, als ob sie das ganze Kirchspiel mit Mann und Maus eingraben wollten, aber die Folge rechtfertigte die Maßregeln der Kirchenvorsteher und zeigte, daß sie für den Zustand ihres Kirchspiels einen richtigen Blick hatten. Denn am 4. September war die Grube fertig, am 6. begann man mit den Beerdigungen, und am 20., also gerade 14 Tage später, waren 1114 Leichen hineingeworfen worden, und man mußte sie wieder zuwerfen, da die Leichen schon bis 6 Fuß unter die Oberfläche reichten. Sicherlich gibt es noch einige alte Leute in dem Kirchspiel, die all das bestätigen und sogar den Ort auf dem Kirchhof anzeigen können, wo die Grube war. Noch viele Jahre lang war eine Senkung auf dem Boden zu sehen, neben dem Weg, der an der westlichen Mauer des Kirchhofs entlangführt, von Houndsditch heraus, und dann nach Whitechapel umbiegt, bis zum Wirtshaus zu den drei Nonnen.
Es war um den 10. September, als meine Neugierde mich veranlaßte oder trieb, das Grab von neuem anzuschauen, nachdem fast 400 Leute dort beerdigt worden waren. Diesmal begnügte ich mich nicht, wie vorher bei Tage hinzugehen. Denn da war nichts zu sehen als Erde, weil die hineingeworfenen Leichen von den Leichenträgern sofort mit Erde zugeschaufelt wurden. Also beschloß ich, nachts hinzugehen und beim Hineinwerfen zuzuschauen.
Das war zwar strenge verboten, und lediglich der Ansteckung wegen. Aber später wurde das Verbotaus andern Gründen nötig, denn Kranke, die ihr Ende nahen fühlten, liefen in ihren Fieberdelirien an diese Massengräber, mit nichts am Leibe als ein Leintuch oder irgendeinen Fetzen und sprangen hinein, um, wie sie sagten, sich selbst zu begraben. Ich glaube nicht, daß die Leute sie da liegen ließen, aber ich habe sagen hören, daß zu dem großen Grab in Finsbury, das damals gegen die Felder zu noch offen und ohne Mauer lag, viele kamen und hineinsprangen und ihren Geist aufgaben, ehe man noch die Erde auf sie schaufelte, und daß sie, als dann die Leichenträger mit neuen Opfern kamen, zwar schon tot, aber noch warm waren.
Solche Dinge mögen eine Vorstellung von dem Grauen dieser Zeit geben, obwohl wer’s nicht selbst gesehen hat, kaum eine Ahnung davon haben kann. Es war wirklich und wahrhaftig fürchterlicher, als man es sagen kann.
Die Bekanntschaft mit dem Küster ermöglichte mir den Eintritt in den Kirchhof. Er wies mich zwar nicht zurück, bat mich aber aufs ernstlichste, doch wieder fortzugehen. Als frommer und verständiger Mann hielt er mir vor, daß es wohl sein Amt und seine Pflicht wäre, sich allen Gefahren auszusetzen, und daß er darum hoffe, es werde ihm nichts geschehen. Ich aber hätte keinen Grund als meine Neugierde, die solch eine gefährliche Unternehmung doch wirklich nicht rechtfertigen könne. Ich sagte ihm, daß ich nun einmal darauf aus wäre, hineinzukommen, und daß es vielleicht nichtohne Nutzen wäre, so etwas zu sehen. »Wenn es so ist, dann geht in Gottes Namen,« sagte der gute Mann, »es mag Euch als beste Predigt dienen, die Ihr je in Eurem Leben gehört habt. Es ist ein Anblick, von dem eine laute Stimme kommt, die uns alle zur Buße ruft.« Mit diesen Worten öffnete er das Tor und sagte: »Nun geht, wenn Ihr wollt.«
Seine Worte hatten mich ein wenig schwankend gemacht, und ich zögerte noch eine Zeitlang, aber da sah ich gerade von den Minoriten her zwei Pechfackeln näherkommen, hörte die Glocke des Fuhrmanns, und dann rumpelte auch schon der Leichenkarren heran. So konnte ich mich nicht länger zurückhalten und ging in den Kirchhof. Soviel ich zuerst ausmachen konnte, war niemand dort als die Leichenträger und der Mann, der das Pferd am Karren führte, aber als ich näher an die Grube kam, sah ich dort einen Mann hin und hergehen, der in einen braunen Mantel gewickelt war und darunter allerlei Bewegungen mit den Händen machte, so als ob er in größter Verzweiflung wäre. Die Leute umringten ihn sogleich, wohl weil sie meinten, er wäre einer von den armen, fieberkranken Teufeln, die sich selber begraben wollten. Er sprach kein Wort, ging nur immer auf und ab, und ächzte und seufzte ein paarmal laut, als wolle es ihm das Herz abdrücken.
Die Träger merkten bald, daß er weder krank noch verrückt war, sondern nur von dem schrecklichsten Kummer niedergebeugt, was er wohl seinmochte, denn in dem Karren lagen die Leichen seiner Frau und mehrerer Kinder. Es war leicht zu sehen, wie schwer es ihm ums Herz war, aber trotzdem ließ er den Tränen keinen Lauf und unterdrückte sie mit männlicher Fassung. Er bat mit ruhiger Stimme die Träger, ihn allein zu lassen, er wolle nur sehen, wie die Leichen hineingeworfen würden und dann fortgehen. Sie ließen ihn also stehen und leerten die Leichen, wie sie durcheinander auf dem Karren lagen, in die Grube. Das schien der Mann nicht erwartet zu haben. Er mochte wohl geglaubt haben, daß sie auf anständige Weise hineingelegt würden, obwohl er sich später selbst überzeugte, daß das unmöglich war. Wie er das sah, war es mit seiner Selbstbeherrschung zu Ende, und er schrie laut auf. Ich verstand nicht, was er sagte, sah ihn nur zwei oder drei Schritte nach rückwärts taumeln und dann ohnmächtig zu Boden sinken. Die Träger liefen hin, hoben ihn auf und brachten ihn, nachdem er nach einiger Zeit wieder zu sich gekommen war, in ein Gasthaus, am Ende von Houndsditch, wo er anscheinend bekannt war und man sich seiner annahm. Ehe er ging, sah er noch einmal in die Grube hinab, aber die Leute hatten die Leichen schon mit Erde bedeckt, und obwohl es Licht genug gab, denn an allen Seiten der Grube steckten Laternen in der Erde, war doch nichts mehr zu sehen.
Dieses traurige Schauspiel erschütterte mich aufs tiefste. Und was ich sonst noch sah, war auch über alle Maßen grauenvoll. Auf dem Karren lagen16 oder 17 Leichen, einige in Leintücher eingeschlagen, andere in Fetzen, noch andere fast gänzlich nackt oder nur so leicht zugedeckt, daß die Hülle sich losmachte, als sie nun in die Grube geworfen wurden. Da lagen sie nun völlig nackt unten, aber für sie war’s gleich, denn sie waren alle tot, und sonst konnte wohl auch niemand daran Anstoß nehmen, angesehen sie nun alle im gemeinsamen Grab der Menschheit ruhten. Denn hier gab es keinen Unterschied, arm und reich lagen beieinander. Eine andere Art von Begräbnissen war unmöglich, denn woher hätte man die Särge für die ungeheure Anzahl der der Seuche Erlegenen nehmen sollen?
Um den Leichenträgern etwas anzuhängen, wurde wohl erzählt, daß sie den Toten, die ein richtiges, über dem Kopf und den Füßen zusammengebundenes Totenhemd aus gutem Leinenzeug trugen, es wegnahmen, wenn sie auf dem Karren lagen und sie ganz nackt in die Grube warfen, aber ich kann nicht glauben, daß es solche Scheusale unter den Christen gibt, besonders nicht in einer derartig schrecklichen Zeit. So erzähle ich nur und lasse die Sache unentschieden.
Zahllose Geschichten liefen auch um über die Unmenschlichkeit der Pflegerinnen, die den Tod der Kranken, die ihrer Sorge übergeben waren, beschleunigt haben sollten. Aber darüber werde ich später mehr zu sagen haben.
Der Anblick des Massengrabes überwältigte mich fast, und ich ging mit tief erschüttertem Herzenfort und voll von unaussprechlichen marternden Gedanken. Gerade als ich aus dem Kirchhof kam und in die Straße einbog, die zu meinem Hause führte, kam mir ein neuer Karren entgegen mit Pechfackeln und einem Kerl vor dem Karren, der mit der Glocke läutete. Er war ganz voll mit Leichen, und ich ging über die Straße, um zuzuschauen, aber dann fehlte mir doch der Mut, umzukehren und das gleiche grausige Schauspiel noch einmal anzusehen. So ging ich denn direkt nach Hause, in der Hoffnung, daß ich keinen Schaden genommen hatte, wie es auch in der Tat der Fall war.
Zu Hause fiel mir die unselige Geschichte des armen Mannes auf dem Friedhofe wieder auf die Seele, und wirklich, so oft ich an ihn dachte, mußte ich weinen, vielleicht heftiger, als er selbst es getan hatte. Und da ich sein Schicksal gar nicht mehr aus meinen Gedanken wegbrachte, zwang es mich förmlich, nochmals auszugehen und in das Gasthaus hinüberzuschauen, um zu erfahren, was aus ihm geworden war.
Es war schon 1 Uhr nachts, aber der arme Mann war noch immer dort. Da die Leute vom Hause ihn kannten, hatten sie sich seiner angenommen und ihn die Nacht über dabehalten, ohne Rücksicht auf die Gefahr, von ihm angesteckt zu werden, wenn schon er einen ganz gesunden Eindruck machte.
Ich kann nicht ohne Beschämung an dieses Gasthaus zurückdenken. Die Hausleute selber warenhöflich, freundlich und gesittet genug und hatten bis zur Stunde ihr Haus offengehalten und das Geschäft weitergeführt. Aber die Gesellschaft, die dort jede Nacht zusammenzukommen pflegte, benahm sich in einer lärmenden und schamlosen Weise, wie es eben bei solchen Menschen zu andern Zeiten üblich war, und das in einem solchen Grade, daß der Gastwirt und seine Frau selbst darüber empört und bestürzt waren.
Gewöhnlich hielten sie sich in einem Raum auf, der auf die Straße ging, und da sie meistens bis tief in die Nacht zechten, geschah es, daß sie die Fenster aufmachten, wenn sie das Geklingel des Leichenkarrens hörten, der am Hause vorbei nach Houndsditch fuhr, um sich die traurige Geschichte anzusehen. Wenn dann die Leute auf der Straße oder an den Fenstern beim Vorbeifahren des Karrens klagten und jammerten, machten sie ihre schamlosen Scherze und Spöttereien, besonders, wenn die Leute den lieben Gott anriefen, Mitleid mit ihnen zu haben, wie es viele in dieser Zeit zu tun pflegten.
Diese sauberen Herren, die sich durch die Aufnahme des armen unglücklichen Mannes gestört finden mochten, ärgerten sich und wurden recht hochfahrend gegen den Gastwirt, daß er einen solchen »Kerl«, wie sie sagten, vom Grabe her, in das Haus gebracht habe. Als nun der Wirt entgegnete, daß der Mann ein Nachbar sei, auch gesund, und nur überwältigt vom Jammer wegen seiner Familie, richtete sich ihr Ärger gegen den Mann,und sie fingen an, ihn wegen seines Kummers um Frau und Kinder zu verspotten, indem sie ihm Mangel an Mut vorwarfen, sonst wäre er in die Grube gesprungen, um, wie sie höhnisch bemerkten, sich mit den Seinigen im Himmel zu vereinigen. Dazu machten sie noch einige schnöde, ja geradezu gotteslästerliche Redensarten.
Sie waren gerade dabei, als ich ins Haus trat, und obwohl der Mann in seiner stillen Trostlosigkeit verharrte, konnte ich ihm doch anmerken, daß ihre Redereien ihn bekümmerten und verletzten. Auf das hin machte ich ihnen auf ruhige Weise einige Vorwürfe, denn ich wußte, mit was für Leuten ich’s zu tun hatte. Übrigens war ich zweien unter ihnen wohlbekannt.
Sofort überhäuften sie mich mit Flüchen und Schimpfreden und fragten mich, warum ich nicht, wie so viele weit bessere Menschen, schon begraben sei oder wenigstens zu Hause, um zu beten, daß mich der Leichenkarren nicht hole.
Ich wunderte mich nicht wenig über die Schamlosigkeit der Leute, aber sie brachte mich nicht aus der Fassung, und ich hielt an mich. Aber wegen der Art, wie sie sich gegen den armen Mann benommen hatten, sagte ich ihnen doch meine Meinung. Wie sie es nur übers Herz brachten, sich über diesen bejammernswerten Menschen, dem Gott die ganze Familie genommen hatte, lustig zu machen.
Ich erinnere mich nicht mehr an all die abscheulichen Scherze, die sie auf meine Rede hin gegenmich losließen, da sie besonders darüber aufgebracht waren, daß ich mir kein Blatt vor den Mund genommen hatte. Ich möchte auch all die gemeinen Flüche, Schimpfworte und ekelhaften Ausdrücke, die kaum der niederste Straßenpöbel in den Mund nimmt, nicht niederschreiben. Nur so ganz verhärtete Halunken konnten sich in einer Zeit des Schreckens, den die Hand des Schicksals jeden Augenblick auch auf sie schleudern mochte, so gehen lassen.
Das Greulichste dabei war, daß sie sich nicht fürchteten, Gott zu lästern und sich darüber lustig zu machen, daß ich die Pest eine Strafe Gottes nannte. Sie lachten über das Wort »Gericht«, als ob Gott keine Absicht dabei gehabt hätte, uns eine solche Heimsuchung aufzuerlegen. Und daß die Leute, wenn sie den Leichenkarren vorbeifahren sahen, Gott anriefen, fanden sie nur blödsinnig, lächerlich und unverschämt.
Ich machte, daß ich wegkam, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie das Gericht, das schwer über der ganzen Stadt lag, rächend auf sie niederbrach und auf alle, die zu ihnen gehörten.
Auf diese Weise trieben sie’s noch drei oder vier Tage, mehr war’s nicht. Dann traf den einen von ihnen die Seuche, und zwar gerade den, der den armen Mann am grausamsten verspottet hatte, und er ging auf die jämmerlichste Weise zugrunde. Kurz, einer nach dem andern wurde in die große Grube geworfen, ehe sie noch ganz voll war. –
Bisher hatten sich die Menschen eifrig in dieKirchen gedrängt, um die Barmherzigkeit Gottes in dieser Zeit des Schreckens anzurufen, aber als die Seuche in unserm Stadtteil nun immer ärger wurde, fing man an, sich zu scheuen, zur Kirche zu kommen, wenigstens war sie nicht mehr so voll wie früher. Das kam auch daher, weil viele der Geistlichen gestorben, andere aufs Land gezogen waren. Und wirklich, es bedurfte schon eines ordentlichen Mutes und eines starken Glaubens, in einer solchen Zeit nicht nur in der Stadt zu bleiben, sondern auch das Amt auszuüben und die Gemeinde mit christlichem Troste zu versehen, von der aller Wahrscheinlichkeit nach schon eine Menge angesteckt war, und das täglich oder an manchen Plätzen zweimal täglich durchzuführen. –
Ich erinnere mich an einen Mann, der aus seinem Hause in der Aldergate-Straße oder da herum ausbrach und die Straße nach Islington einschlug. Er versuchte im Wirtshaus zum »Engel« und dann im »Weißen Roß« unterzukommen, die auch jetzt noch so heißen, wurde aber abgewiesen. Dann kam er zu dem »Scheckigen Stier«, der auch noch das gleiche Zeichen trägt, und bat um ein Nachtquartier für nur eine Nacht, indem er vorgab, daß er sich nach Lincolnshire begeben wolle, auch völlig gesund und frei von jeder Ansteckung sei, die auch da draußen noch wenig Schaden getan hatte.
Man sagte ihm, daß kein Zimmer frei wäre, nur eine einbettige Dachstube und auch die nur für eine Nacht, da am nächsten Tage einige Viehtreibererwartet würden. Da er damit zufrieden war, gab man ihm ein Dienstmädchen mit einer Kerze mit, um ihn hinaufzuführen. Er war sehr gut angezogen und sah nicht aus, wie jemand, der gewohnt war, in einer Dachstube zu schlafen. Als er das Loch sah, stieß er denn auch einen tiefen Seufzer aus und sagte zu dem Mädchen: »So ist es mir noch nie gegangen.« Das Mädchen versicherte ihm, daß sie’s nun einmal nicht besser hätten, worauf er meinte: »Schön, dann werd’ ich mich eben behelfen. Das ist eine schreckliche Zeit. Aber es ist ja nur für eine Nacht.« Er setzte sich auf das Bett und bat das Mädchen, ihm einen Krug Warmbier zu bringen. Das Mädchen ging also hinunter, aber irgendwie kam ihr der Auftrag aus dem Kopf, und sie ging nicht wieder nach oben.
Als am nächsten Morgen der Fremde nicht erschien, fragte irgend jemand das Mädchen, das ihn hinaufgeführt hatte, was denn aus ihm geworden sei? »Donnerwetter,« sagte sie, »ich sollte ihm ein Warmbier bringen, aber ich hab’s ganz vergessen.« Darauf wurde sie oder jemand anders hinaufgeschickt, um nach ihm zu sehen. Da lag er, quer über dem Bett, maustot und schon fast kalt. Die Kleider hatte er ausgezogen, sein Kinn war herabgefallen, die Augen starrten weitgeöffnet, und mit einer Hand krallte er sich in die Bettdecke. Es war ganz klar, daß er gleich, nachdem das Mädchen ihn verlassen hatte, gestorben war, und hätte sie ihm sein Warmbier gebracht, so würdesie ihn wahrscheinlich schon als Leiche gefunden haben. Der Schrecken im Hause war natürlich groß, wie sich jeder vorstellen kann, denn bisher waren sie von der Seuche verschont geblieben. Aber jetzt war die Ansteckung im Hause und verbreitete sich sofort in der Umgebung. Ich weiß nicht mehr, wie viele im Hause selbst starben, aber ich glaube, daß das Mädchen, auch aus Schrecken, sich gleich hinlegte, und ein paar andere auch. Bisher waren in Islington in der vorigen Woche nur 2 an der Pest gestorben, in der nächsten waren es schon 14. Das war in der Woche von 11. zum 18. Juli. –
Für nicht wenige Familien gab es ein Auskunftsmittel, wenn ihre Häuser verseucht wurden, und das war so. Die Leute, die beim ersten Ausbruch der Pest aufs Land hinaus geflohen waren, um sich dort bei ihren Freunden zu verbergen, übergaben meistens irgend jemand, sei es einem Nachbarn oder einem Verwandten, die Aufsicht über ihr Haus, ihre Waren, oder was es sonst war. Einzelne Häuser wurden tatsächlich vollständig verschlossen, vor die Türen kamen Vorhängeschlösser, Fenster und Eingänge wurden mit Brettern vernagelt, und nur selten vertraute man sie der Aufsicht der gewöhnlichen Wächter oder Kirchspielbeamten an.
Man berechnete, daß nicht weniger als etwa 1000 Häuser von ihren Inwohnern verlassen wurden, Stadt und Vorstädte sowie das andere Ufer in Surrey zusammengenommen. Dabei waren dieEinzelmieter natürlich nicht mitgezählt, so daß die Gesamtzahl der Geflüchteten wohl auf rund 200 000 angenommen werden konnte. Darüber später noch mehr, für jetzt möchte ich nur bemerken, daß jene, die über zwei Häuser die Aufsicht hatten, in Krankheitsfällen regelmäßig die gesund Gebliebenen, Kinder, Dienerschaft und alles in das zweite Haus schafften, ehe sie dem Visitator oder einem anderen Beamten von der Verseuchung Anzeige machten. Das taten sie erst dann, besorgten eine Pflegerin für die erkrankte Person und sahen zu, daß sie außerdem noch irgend jemand fanden, was für Geld leicht möglich war, der sich mit einschließen ließ und nach dem Rechten sah, falls jene sterben sollte.
Auf diese Weise wurden in vielen Fällen ganze Familien gerettet, die, wenn sie mit dem Kranken abgesperrt worden wären, unvermeidlich zugrunde gegangen wären. Andererseits war das ein anderer Nachteil der Häuserabsperrung. Denn die Angst, eingeschlossen zu werden, ließ viele mit ihren Familien fliehen, die, wennschon es noch nicht offen zutage trat und sie auch noch leidlich sich wohl fühlten, doch die Ansteckung schon im Leibe trugen. Da sie nun völlig frei waren, herumzugehen wo sie wollten, dabei aber doch genötigt waren, die näheren Umstände zu verbergen, auch wohl selbst gar nicht wußten, wie es um sie stand, so steckten sie wieder andere an und verbreiteten die Seuche in der schrecklichsten Weise.
In meinem Hausstand hatte ich nur eine ältlichePerson, die mir den Haushalt führte, ein Dienstmädchen und zwei Lehrlinge, und wie nun die Seuche um uns herum zunahm, dachte ich oft bekümmert darüber nach, was ich tun und wie ich handeln sollte. All das Grauenvolle, das ich auf meinen Gängen durch die Straßen sehen mußte, hatte mein Herz mit tiefem Entsetzen erfüllt und mit Furcht vor der Seuche selbst, die wirklich fürchterlich genug war, viel ärger als andere Krankheiten. Wenn die Geschwülste, die meist am Genick oder in der Leistengegend auftraten, hart wurden und nicht aufgingen, verursachte das solche Schmerzen, wie sie die raffinierteste Tortur kaum hätte hervorbringen können. Manche, die sie nicht aushalten konnten, sprangen zum Fenster heraus, schossen sich eine Kugel vor den Kopf oder räumten sich auf andere Weise aus dem Leben, wie ich selbst nur zu oft gesehen habe. Andere, die unfähig waren, sich zu beherrschen, suchten ihre Qual durch beständiges Gebrüll zu erleichtern. Es war unsagbar gräßlich, das Geschrei dieser Elenden zu hören, wenn man durch die Straßen ging. Es ging durch Mark und Bein, und dabei mußte man noch daran denken, daß das gleiche schauerliche Schicksal jeden Augenblick über einen selber kommen könne.
Ich muß gestehen, daß mir mein Entschluß nun leid wurde, daß mich der Mut verließ, und ich oft meine Unbesonnenheit bereute, in der Stadt geblieben zu sein, wenn beim Nachhausekommen die entsetzlichen Bilder auf meine Seele drückten. Oftwünschte ich, ich hätte mich meinem Bruder und seiner Familie angeschlossen.
Manchmal faßte ich in meiner Angst den Entschluß, nicht mehr auszugehen und blieb auch drei oder vier Tage dabei. Diese verbrachte ich dann im Gebet und ernstlichem Nachdenken über die Gnade Gottes, die mich bisher erhalten hatte. Außerdem las ich viel und beschäftigte mich damit, ein Tagebuch zu führen, in das ich alle täglichen Vorfälle eintrug, und das mir auch zur Abfassung dieses Buches gedient hat. Daneben schrieb ich Betrachtungen über theologische Fragen, wie sie mir in solcher Zeit einfielen. Ich selbst hatte davon einen großen Nutzen, aber für fremde Augen sind sie nicht bestimmt, und daher sei darüber geschwiegen.
Ich besaß einen sehr guten Freund, einen Arzt, namens Heath, den ich in dieser Unglückszeit häufig aufsuchte. Ich bin ihm vielen Dank schuldig für manchen Ratschlag, den er mir gab, um beim Ausgehen die Ansteckung zu vermeiden. So hatte ich auf der Straße beständig ein Gegenmittel im Mund. Dieser Dr. Heath kam auch oft zu mir, und da er ein ebenso guter Christ als Arzt war, war mir seine Gesellschaft, mitten unter all diesen Schrecken, sehr viel wert.
Es war jetzt Anfang August, und die Seuche nahm in unserer Gegend eine schreckliche Ausdehnung an. Dr. Heath, der hörte, daß ich häufig ausging, ermahnte mich aufs Ernstlichste, mich mit meinem ganzen Haushalt einzuschließen, keinFenster zu öffnen, die Laden vorzulegen und die Vorhänge herabzulassen. Zuerst aber, erklärte er mir, müßte ich, während Fenster und Türen offenstanden, die Zimmer mit Harz, Pech, Schwefel und Schießpulver gut ausräuchern. Eine Weile folgten wir auch seinem Rat, da ich mir aber keine Vorräte zugelegt hatte, war es unmöglich, gänzlich zu Hause zu bleiben. Doch versuchte ich, diesem Mangel, so gut es noch gehen wollte, abzuhelfen. Backen und Brauen konnte ich zu Hause, so ging ich aus und kaufte zwei Sack Mehl, und einige Wochen lang bereiteten wir unser Brot im eigenen Backofen. Auch Malz hatte ich erstanden, und braute nun so viel Bier, als meine Fässer halten konnten, was für fünf oder sechs Wochen reichen mochte. So versorgte ich mich auch mit gesalzener Butter und Cheshire-Käse, aber Fleisch hatte ich nicht, und die Seuche wütete so entsetzlich unter den Schlächtern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sie ihre Läden hatten, daß es nicht ratsam war, sich hinzuwagen.
Ich darf nicht verschweigen, daß diese Notwendigkeit, sich mit Lebensmitteln zu versehen und dazu auszugehen, in hohem Grade zur Verseuchung der Stadt beitrug, denn die Leute steckten sich dabei gegenseitig an, und auch die Lebensmittel waren nach meiner Überzeugung oft verpestet. Daher glaube ich auch nicht, trotzdem es oft mit Bestimmtheit versichert wurde, daß die Leute, die Lebensmittel von außen her in die Stadt brachten, niemals angesteckt wurden. Das weiß ich sicher,daß die Metzger in Whitechapel, wo am meisten geschlachtet wurde, von der Seuche in solchem Grade heimgesucht worden waren, daß nur ganz wenige Läden noch offen waren. Die Überlebenden schlachteten in Mile-End und brachten das Fleisch auf Pferden zu Markt.
Wie dem nun aber auch sei, die arme Bevölkerung konnte sich keine Vorräte aufspeichern und war gezwungen, auf den Markt zum Einkaufen zu gehen, oder Kinder und Dienstboten hinzuschicken, und das täglich. So kamen Haufen von verseuchten Leuten auf den Markt, und viele, die gesund hingegangen waren, brachten von dort den Tod heim.
Freilich beobachtete man alle mögliche Vorsicht. Wenn einer ein Stück Fleisch kaufte, ließ er sich’s nicht vom Metzger geben, sondern nahm es selbst vom Haken. Und der Metzger berührte das Geld dafür nicht, sondern es mußte in einen Topf mit Essig gelegt werden, der eigens dazu da stand. Jeder Käufer hatte sich mit kleinem Gelde versehen, um das Wechseln unnötig zu machen. Man trug Flaschen mit allerlei Gerüchen in der Hand und gebrauchte auch sonst jede nur erdenkliche Vorsichtsmaßregel, aber für die Armen kam das alles nicht in Frage, und sie waren jeder Gefahr ausgesetzt.
Zahllose Schauergeschichten liefen darüber um. Zuweilen fiel ein Mann oder eine Frau auf dem offenen Marktplatz tot um. Denn viele Leute hatten die Pest in sich, ohne es zu wissen, bis der inwendigekalte Brand sich auf die wichtigsten Körperteile warf, worauf sie dann in wenigen Minuten starben. Manchen ging es so, ohne das geringste Vorzeichen, andere hatten vielleicht noch Zeit, die nächste Bude zu erreichen oder sich an irgendeiner Tür zusammenzukauern, ehe der Tod sie ereilte.
Das kam so oft vor, als die Seuche bei uns ihren Höhepunkt erreicht hatte, daß man kaum über die Straße gehen konnte, ohne da und dort auf der Erde Leichen liegen zu sehen. Im Anfang blieben die Leute noch stehen und riefen den Nachbarn zu, herauszukommen, bald aber beachtete man es kaum mehr. Nur daß man acht gab, nicht in die Nähe des Leichnams zu kommen, oder, wenn das in einer engen Gasse oder einem Durchgang nicht möglich war, wieder umkehrte. In solchen Fällen blieb die Leiche liegen, bis die damit Beauftragten benachrichtigt wurden und sie holten. Oder auch bis zur Nacht, wenn die Leichenträger mit ihrem Karren des Wegs kamen und sie mitnahmen. Dann wurden erst von diesen vermessenen Gesellen die Taschen geleert und, wenn der Tote gut angezogen war, ihm die Kleider abgezogen.
Um aber noch einmal vom Markt zu sprechen, so hatten die Fleischer immer irgendeinen Amtsdiener zur Hand, der einen plötzlich Verstorbenen auf einen Schubkarren lud und ihn zum nächsten Kirchhof fuhr. Das geschah so häufig, daß man jene, die tot auf den Straßen oder auf dem Felde gefunden wurden, gar nicht mehr ins Sterberegistereintrug, sie verloren sich eben in der Masse der Pestopfer.
Nach und nach steigerte sich aber die Seuche in solchem Grade, daß nur noch wenige Lebensmittel zu Markt gebracht wurden. Auch die Käufer wurden selten, und der Lordmayor verfügte, daß die Leute vom Lande, die etwas brachten, vor der Stadt aufgehalten würden, um dort ihre Waren zu verkaufen und dann sofort wieder umzukehren. Das war ihnen auch sehr recht, denn so schlugen sie ihre Waren schon beim Eintritt in die Stadt los, ja selbst auf dem Felde, besonders über Whitechapel hinaus in Spittlefields. Was man jetzt so nennt, war damals wirklich freies Feld, ebenso in Woods Close bei Islington, wohin der Lordmayor, die Ratsherren und Beamten ihre Diener schickten, um für ihre Familien einzukaufen. Diese Maßregel kam dem Landvolk sehr gelegen. Die Leute brachten nun alle Arten von Lebensmitteln und kamen nur selten zu Schaden, was wahrscheinlich zu den wunderbaren Geschichten über ihre Ansteckungsunfähigkeit beitrug.
Was nun meinen kleinen Hausstand anbetrifft, so hatte ich mir, wie gesagt, Vorräte von Brot, Butter, Käse und Bier zugelegt und folgte nun dem Rate meines Freundes, zu Hause zu bleiben. Lieber wollte ich mich ein paar Monate ohne Fleischnahrung behelfen, als sie mit Gefahr meines Lebens bezahlen zu müssen.
Aber obwohl ich meine Hausgenossen abschloß, konnte ich selbst meine Neugierde doch nicht gänzlichunbefriedigt lassen. Ich mußte hinaus, zwar nicht so häufig wie früher und obschon ich stets mit schwerem Herzen und ganz trübsinnig wieder nach Hause kam.
Einen Grund auszugehen hatte ich ja, nämlich in dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße nachzusehen, das er meiner Aufsicht unterstellt hatte. Anfangs ging ich täglich hin, später aber nur noch ein oder zweimal wöchentlich.
Auf diesen Gängen hatte ich die schrecklichsten Anblicke: Leute, die tot auf der Straße zusammenfielen, Geschrei und Geheul von Weibern, die in ihrer Todesangst die Fenster aufrissen und in herzzerreißender Weise hinausjammerten, kurz, es ist nicht zu beschreiben, zu welchen Anfällen die Verzweiflung die armen Leute brachte.
Als ich einmal durch den Hof von Tokenhouse in Lothbury kam, flog gerade über meinem Kopfe ein Fensterladen auf, und eine Weiberstimme schrie, daß mir das Blut in den Adern vor Entsetzen gerann, dreimal hintereinander: »O Tod – Tod – Tod!« Kein Mensch war auf der Straße, auch alle Fenster blieben geschlossen, denn niemand war mehr neugierig, und zu helfen war ja doch nicht. So ging denn auch ich weiter.
In der nächsten Straße gab es auch wieder ein fürchterliches Geschrei. Ich konnte hören, wie in einer Wohnung Kinder und Frauen durcheinander heulten wie die Wahnsinnigen. Plötzlich wurde gegenüber der Laden von einem Dachfenster zurückgeschlagen und jemand fragte, was es denngäbe? Darauf kam aus dem ersten Hause die Antwort: »O Gott, mein alter Herr hat sich erhängt.« Der andere fragte: »Ist er denn schon tot?« und »Ja, tot und schon kalt!« tönte es zurück. Dieser Mann war Kaufmann, stellvertretender Ratsherr und sehr reich gewesen. Ich will seinen Namen nicht nennen aus Rücksicht auf die Familie, der es jetzt wieder ganz gut geht.
Aber das ist nur ein Fall. Es ist nicht zu glauben, was sich alles täglich ereignete. Leute, die durch die Glut des Fiebers oder die Qualen der Geschwülste den Verstand verloren, Hand an sich legten, zum Fenster heraussprangen, sich eine Kugel durch den Kopf jagten, Mütter, die in ihrem Wahnsinn die eigenen Kinder umbrachten; manche, die am Kummer oder an Entsetzen zugrunde gingen, ohne im mindesten angesteckt zu sein; andere, die blödsinnig wurden oder in Schwermut verfielen.
Die Qual der Schwellungen war sehr heftig, zuweilen ganz unerträglich. Man kann ruhig behaupten, daß die Ärzte manche der armen Geschöpfe einfach zu Tode marterten. Wenn die Geschwülste hart wurden, legten sie starke Zugpflaster oder Umschläge auf, um sie zu erweichen, und wenn das nicht half, schnitten sie an ihnen in der scheußlichsten Weise herum. Manchmal waren diese Geschwülste so hart, daß kein Instrument durchkam, dann brannten sie sie mit Ätzmitteln, daß die Leute nicht selten während der Operation verrückt wurden. Oft war niemand da, sie im Bett festzuhalten,so daß sie Gelegenheit fanden, mit sich ein Ende zu machen, andere rasten nackt auf die Straße und sprangen in den Fluß, wenn sie nicht von einem Wächter aufgehalten wurden.
Es ging einem durch Mark und Bein, das Stöhnen und Brüllen der so Gemarterten zu hören, und doch waren sie von allen an der Seuche Erkrankten noch am besten dran. Denn wenn die Geschwülste zum Aufbrechen oder, wie die Ärzte sagten, zur Entleerung des Eiters nach außen, gebracht werden konnten, wurde der Kranke meistens wieder gesund. Diejenigen aber, die, wie jenes junge Mädchen, den Tod schon im Leibe trugen, so daß die Flecken allmählich herauskamen, fühlten sich oft bis zum letzten Augenblick ganz wohl. Sie fielen hin wie die Epileptiker oder als hätte sie der Schlag getroffen. Bei solchen kam das Ende ganz plötzlich. Gerade, daß sie noch irgendwo sich hinkauern konnten, vielleicht daß sie noch ihre Wohnung erreichten, dann wurde es ihnen schwach, und sie starben. Ihr Tod war so wie beim kalten Brand, in Bewußtlosigkeit oder fast wie im Traum. Sie wußten kaum etwas davon, daß sie angesteckt waren, bis sich der Brand durch den ganzen Körper verbreitet hatte. Auch die Ärzte konnten erst dann Sicherheit geben, wie es mit ihnen stand, nachdem sie ihre Brust oder andere Körperteile entblößt und darauf die Merkmale der Pest gesehen hatten.
In dieser Zeit wurden die schauerlichsten Geschichten erzählt von Wächtern und gemietetenPflegerinnen, die die Kranken in der schändlichsten Weise behandelten, sie verhungern ließen, erstickten oder auf andere Weise ums Leben brachten. Auch von den Wächtern, denen die Aufsicht über die abgesperrten Häuser übertragen war, sagte man, daß sie, wenn nur ein Kranker im Hause war, einbrachen, ihn ermordeten und gleich auf den Totenkarren warfen, ehe der Unglückliche noch ganz erkaltet war.
Ich glaube auch, daß manche solche Schändlichkeiten von ihnen begangen wurden. Zwei wurden festgenommen, starben aber, ehe die Verhandlung gegen sie stattfand. Drei andere sollen wegen Mordes hingerichtet worden sein. Aber häufig waren solche Verbrechen nicht, wie man später behauptet hat. Und was hätte es auch für einen Sinn gehabt, Leute umzubringen, die gänzlich hilflos waren und in den meisten Fällen doch sterben mußten?
Leugnen will ich ja nicht, daß Räubereien und ähnliche schlimme Dinge an der Tagesordnung waren. In gewissen Menschen ist die Habsucht so stark, daß sie auf jede Gefahr hin stehlen und rauben. Besonders in Häuser, von wo alle Inwohner schon als Leichen hinausgetragen worden waren, pflegten sie einzubrechen, ohne an die Ansteckungsgefahr zu denken, und schleppten selbst die Kleider der Gestorbenen und ihr Bettzeug fort.
So war es der Fall bei einer Familie in Houndsditch, wo man einen Mann und seine Tochter, deren Angehörige schon früher dem Leichenkarrenverfallen waren, splitternackt in zwei Kammern auffand, tot auf der Erde, während all das Bettzeug verschwunden war. Wahrscheinlich hatten die Diebe die Leichen von den Betten heruntergeworfen und liegen lassen.
Bemerkenswert ist, daß während der ganzen Pestzeit die Weiber sich vor allen durch ihre Verworfenheit auszeichneten. Da eine Menge von ihnen als Pflegerinnen untergekommen war, hatten sie Gelegenheit, zu stehlen, wo es nur anging. Einige wurden öffentlich ausgepeitscht, statt daß man sie zum warnenden Beispiel gehängt hätte. Bis endlich die Kirchspielbeamten beauftragt wurden, die Pflegerinnen für die Kranken auszusuchen und sich erst nach ihrer Tauglichkeit zu erkundigen, so daß sie zur Rechenschaft gezogen werden konnten, wenn in dem betreffenden Hause etwas Verdächtiges vorkam.
Freilich erstreckten sich diese Diebstähle meist nur auf Kleider, Bettzeug und etwa herumliegendes Geld und Kostbarkeiten; zu einer allgemeinen Ausplünderung des Hauses kam es nicht. Von einer Pflegerin könnte ich erzählen, die später auf ihrem Totenbette mit dem größten Abscheu die Räubereien eingestand, die sie während der Ausübung ihres Berufes begangen hatte, und durch die sie recht wohlhabend geworden war. Was aber Morde anbelangt, so glaube ich nicht, daß außer den schon berichteten, irgendwelche sonst sich ereigneten.
Allerdings wurde mir von einer Pflegerin erzählt,die ein nasses Tuch auf das Gesicht der Kranken drückte, und sie so umbrachte, und von einer andern, die ein junges Frauenzimmer erstickte, als es ohnmächtig dalag, auch von sonstigen Greueltaten durch Verhungernlassen und was dergleichen mehr ist, aber diese Geschichten hatten immer zwei Eigenheiten, die sie verdächtig machten, einmal, daß ihr Schauplatz bei näherer Erkundigung stets an das andere und entfernteste Ende der Stadt verlegt wurde, dann, daß die Einzelheiten unweigerlich dieselben waren, so bei der Geschichte von dem nassen Tuch und der Erwürgung des jungen Frauenzimmers. Ich für meinen Teil wenigstens bin überzeugt, daß mehr vom Märchen als von Wahrheit darin war. –
Ein Bekannter aus meiner Nachbarschaft, der Geld von einem Ladenbesitzer in der Whitecroß-Straße zu fordern hatte, schickte seinen Lehrling, einen Jungen von etwa 18 Jahren, hin, um den Versuch zu machen, zu seinem Gelde zu kommen. Der Junge kam an die Tür, und da er sie verschlossen fand, pumperte er mit Gewalt dagegen. Er glaubte auch, irgend etwas innen zu hören, da er aber nicht sicher war, so wartete er eine Weile und wiederholte den Lärm so lange, bis er jemand die Treppe herabkommen hörte.
Endlich erschien der Hausherr an der Türe. Er hatte nur seine Unterhosen an, eine gelbe Flanellweste, keine Strümpfe, dagegen ein paar Pantoffel, eine weiße Mütze auf dem Kopfe und, wie der Junge sagte, auf seinem Gesichte den Tod.
»Warum läßt du mich nicht in Ruhe?« fragte er, während er die Türe öffnete. Der Junge antwortete ein wenig verlegen, er käme von dem und dem, um die Schuld einzutreiben, von der jener wohl wissen werde. »Schön, mein Junge,« sagte die lebende Leiche, »geh’, wenn du vorbeikommst, bei der Cripplegate-Kirche vor, und sage dort, man solle die Glocke läuten.« Damit schloß er die Türe, ging wieder hinauf und starb noch den gleichen Tag, vielleicht sogar in derselben Stunde. Der Junge hat’s mir selber erzählt, und ich habe keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Damals war die Seuche noch nicht auf ihrer Höhe. Es muß, scheint mir, im Juni gewesen sein, als man die Leichenkarren noch nicht eingeführt hatte, und noch die Glocke für jeden Toten läutete. Schon im Laufe des Juli wurde das anders, denn bei einer wöchentlichen Sterbeziffer von über 550 mußte man wohl oder übel mit den richtigen Beerdigungen aufhören, ob es sich um arm oder reich handelte. –
Ich habe schon erzählt, daß die Diebereien und Räubereien hauptsächlich von Weibern ausgeführt wurden. Eines Tages, ungefähr um die elfte Stunde, kam ich zu dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße, wohin ich öfters ging, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre. Vor dem Hause befand sich ein kleiner, mit einer Ziegelsteinmauer umgebener Hof, zu dem eine Türe führte. In dem Hof waren mehrere Schuppen, worin mein Bruder seine Waren aufbewahrte. In dem einen befanden sich einige Kisten mit hohenDeckelhüten für Frauen, die auf dem Lande, ich glaube für den Export, gemacht wurden.
Als ich mich dem Hause meines Bruders näherte, war ich erstaunt, drei oder vier Frauen zu begegnen, die hohe Deckelhüte auf dem Kopfe trugen; eine oder zwei von ihnen hatten auch noch welche in der Hand. Da ich sie aber nicht aus dem Hause selbst kommen sah, auch nicht wußte, daß mein Bruder solche Hüte führte, sprach ich sie nicht an, sondern ging meines Weges weiter im Bogen um sie herum, wie man’s aus Angst vor der Ansteckung jetzt gewöhnlich tat. Als ich aber an die Tür kam, traf ich auf noch eine Frau mit gleich ein paar von diesen Hüten in der Hand. »Darf ich wissen, werte Frau, was Ihr hier zu suchen habt?« fragte ich. »Es sind noch mehr Leute hier,« antwortete sie, »und ich habe hier ebensoviel zu suchen wie jene.« Auf das hin schwieg ich und beeilte mich, an die Tür zu kommen, und die Frau ging weg. Gerade, als ich an der Tür war, sah ich zwei weitere Frauen über den Hof kommen, auch mit Hüten auf dem Kopfe und unter dem Arme. Nun schlug ich die Tür hinter mir zu, die einschnappte, und wandte mich an die beiden. »Was habt ihr hier zu tun?« fragte ich und nahm ihnen die Hüte weg. Die eine von ihnen sah gar nicht nach einer Diebin aus, das muß ich gestehen. »Es war wohl unrecht von uns,« entgegnete sie, »aber man sagte uns, daß die Sachen hier herrenlos wären. Nehmt sie nur wieder und seht dorthin, wenn’s Euch beliebt, dort gibt’s noch mehr Kunden.«Sie fing dabei zu weinen an und machte dazu ein so jämmerliches Gesicht, daß ich die Türe öffnete und die zwei gehen hieß, denn sie taten mir wirklich leid. Als ich dann aber nach dem Schuppen zu schaute, erblickte ich sechs oder sieben andere, die sich alle mit Hüten ausstaffierten, so ruhig und unbefangen, als wenn sie bei einem Hutmacher wären und für ihr gutes Geld etwas kauften.
Ich war nicht wenig in Verlegenheit, die andern aber auch, wenn auch nicht aus demselben Grunde. Sie meinten alle, sie kämen aus der Nachbarschaft, hätten gehört, daß es hier Sachen gäbe, die niemand gehörten und mehr dergleichen. Zuerst fuhr ich gewaltig auf sie los, ging zur Türe, schloß ab und drohte, sie alle im Schuppen einzusperren und dann die Polizei herbeizuholen. Nun verlegten sie sich aufs Bitten, sagten, sie hätten die Tür offen gefunden, und sicher wäre schon früher jemand eingebrochen, der es auf viel Wertvolleres abgesehen hatte. Unwahrscheinlich war das gerade nicht, denn das Schloß war kaput und das Vorhängeschloß auch verdorben, und schließlich waren noch nicht recht viele Hüte gestohlen worden. So überlegte ich mir denn, daß man in einer solchen Zeit nicht so strenge sein dürfe, und daß ich im Falle einer Anzeige ein ewiges Herumgelaufe hätte, von einem zum andern, über deren Gesundheit ich nichts wußte, und daher leicht, statt einen Schadenersatz zu bekommen, mein eigenes Leben verlieren könne. Ich begnügte mich also, die Namenund Wohnungen von einigen aufzuschreiben und ihnen anzudrohen, daß mein Bruder sie zur Rechenschaft ziehen würde, wenn er zurückkehrte.
Dann zog ich andere Saiten auf und fragte sie, woher sie den Mut hernähmen, in dieser Unglückszeit und angesichts von Gottes Gericht, sich so aufzuführen. Vielleicht stände die Pest schon vor ihrer Türe oder wäre schon ins Haus gedrungen, und der Leichenkarren hielte in wenigen Stunden davor, um sie auf den Kirchhof zu bringen.
Ich kann nicht sagen, daß meine Rede einen großen Eindruck auf sie machte. Später kamen noch zwei Männer aus der Nachbarschaft, die von dem Vorfall gehört hatten und einige der Frauen kannten. Sie konnten mir ihre Namen und Wohnungen angeben; es scheint aber nicht, daß die Frauen mich vorher, als ich diese niederschrieb, angeschwindelt hatten. Bei diesen beiden Männern fällt mir etwas Merkwürdiges ein. Der eine hieß John Hayward und war seines Zeichens zweiter Küster im Kirchspiel von St. Stephan, wobei unter »zweiter Küster« damals der Totengräber und Leichenträger verstanden wurde. Er half bei der Beerdigung sämtlicher Leichen in diesem großen Kirchspiel, und als das förmliche Beerdigen aufhörte, begleitete er den Leichenkarren und holte die Toten aus den Häusern und Wohnungen. Oft konnte er mit dem Karren nicht bis ans Haus kommen, denn in der ganzen Gegend gab es und gibt es jetzt noch von ganz London die meisten Durchgänge, wo kein Karren Platz fand und mandie Leichen oft eine lange Strecke weit tragen mußte. Oft gebrauchte man auch eine Art von Schubkarren, auf den man die Toten legte und bis zum Karren hinfuhr. All das machte der Mann, und bekam doch niemals die Pest, sondern lebte nach ihrem Erlöschen noch gut 20 Jahre, blieb auch bis zu seinem Tode im Amte. Sein Weib war zur gleichen Zeit Pflegerin, bekannt wegen ihrer Ehrlichkeit, und auch sie wurde nicht angesteckt. Er selbst benutzte niemals ein Gegenmittel gegen die Seuche, als daß er Knoblauch und Raute im Munde hatte und viel rauchte. Sein Weib pflegte sich den Kopf mit Essig zu waschen und ihre Haube beständig mit Essig anzufeuchten. Wurde der Gestank der Kranken zu stark, so schnupfte sie mit der Nase Essig auf und hielt ein ebenso getränktes Taschentuch vor den Mund. –
Man muß zugeben, daß die Armen, unter denen die Seuche am meisten wütete, sich auch am wenigsten darum scherten, und ihren Geschäften mit einer Art von rohem Mut nachgingen. Ich kann ihn nicht anders nennen, denn er stützte sich weder auf Vernunft noch Frömmigkeit. Selten, daß sie irgendeine Vorsicht beobachteten. Wenn sie nur Beschäftigung fanden, ganz gleich, ob sie gefährlich war, ob nicht. Zu den ersteren gehörte die Pflege der Kranken, die Bewachung der verseuchten Häuser, das Wegschaffen von Kranken nach dem Pesthause und das allerschlimmste, das Wegführen der Leichen in die Massengräber.
Es war im Beisein jenes John Hayward, daßdie Geschichte mit dem Sackpfeifer passierte, die den Leuten so viel Vergnügen machte. Er versicherte mir, daß sie wahr wäre. Es hieß, er wäre blind gewesen, aber John sagte mir, daß das nicht der Fall war, nur wäre er ein elender, jämmerlicher, armer Teufel gewesen. Nachts gegen zehn Uhr trat er gewöhnlich seine Runde an und wanderte mit seiner Sackpfeife von Tür zu Tür. Die Leute zogen ihn dann in die Wirtshäuser herein, wo er bekannt war, und gaben ihm zu essen und zu trinken und manchmal auch Geld, wofür er dann sang, die Sackpfeife spielte und komische Reden hielt, die seine Zuhörer belustigten. So lebte er, aber damals freilich waren schlechte Zeiten für solche Unterhaltungen. Nichtsdestoweniger trieb’s der Bursche weiter, wie er’s gewohnt war, ging aber dabei fast zugrunde. Fragte ihn jemand, wie’s ihm ginge, so pflegte er zu antworten: noch hätte ihn der Leichenkarren nicht geholt, aber für die nächste Woche wär’s ihm versprochen.
Eines Nachts hatte er mehr als gewöhnlich zu essen bekommen, und da er daran nicht mehr gewöhnt war, legte er sich auf das Dach einer Bude und schlief fest ein. Auf dasselbe Dach legte man nun, als durch die Glocke das Nahen des Leichenkarrens sich anzeigte, einen Toten, der eben an der Pest gestorben war, weil die Leute wohl meinten, da läge so schon einer.
Als nun John Hayward mit seinem Karren daherkam und zwei Tote auf dem Dach der Bude liegen sah, zog er sie mit dem Hacken, der dazugebraucht wurde, herab und warf sie auf den Karren, was den Sackpfeifer in seinem Schlaf nicht störte. Dann ging’s weiter, und sie luden, wie mir John erzählte, so viele Leichen auf, daß sie den guten Sackpfeifer fast lebendig begruben. Er aber schlief immer weiter. Endlich gelangten sie zu dem Ort, wo die Leichen begraben werden sollten, wenn ich mich recht erinnere, bei Mountmill. Als nun der Karren hielt und die Leute sich fertig machten, ihre Ladung in die Grube zu werfen, erwachte der Bursche, machte mit einiger Anstrengung seinen Kopf unter den Leichen frei, stemmte sich auf und rief: »Hoho, wo bin ich denn?« Der eine von den Leuten entsetzte sich darüber nicht schlecht, John aber faßte sich schnell und sagte: »Beim Himmel, da ist einer auf dem Karren, der noch nicht ganz tot ist.« Darauf fragte der andere: »Wer bist du?« – »Ich bin der arme Sackpfeifer,« antwortete der Bursche, »aber wo bin ich denn?« – »Wo du bist!« meinte John Hayward, »nun, du bist auf dem Leichenkarren und sollst jetzt begraben werden.« – »Ja, bin ich denn tot?« fragte er, worauf sie nun doch lachen mußten, obwohl sie zuerst nicht wenig erschrocken waren. Dann halfen sie dem Burschen herab, und er machte sich davon.
Ich weiß, die Geschichte wird so erzählt, daß er auf dem Karren zu spielen anfing, und die Träger dadurch dermaßen in Schrecken setzte, daß sie davon liefen, aber davon wußte John Hayward nichts. Er erzählte die Sache genau so, wie ich sie wiedergegeben habe. –
Von dem Augenblick an, als man sah, daß die Seuche sich über die ganze Stadt verbreiten würde, und jeder floh, der es nur irgend möglich machen konnte, stockte aller Handel vollständig, bis auf die Geschäfte, die zur unmittelbaren Erhaltung des Lebens notwendig waren.
Das war eine so ernsthafte Sache, die die Lage der Bevölkerung aufs Schwerste in Mitleidenschaft zog, daß ich ins einzelne gehen muß. Ich will in folgendem die verschiedenen Volksklassen zusammenfassen, die dadurch sofort in verzweifelte Umstände gerieten.
Es wurden arbeitslos:
1. Alle Werkmeister in den Fabriken, besonders jenen, die Putz, Modeartikel, Kleider und Möbel herstellten; die Band- und Bortenwirker, die Verfertiger von Gold- und Silberspitzen, die Gold- und Silberdrahtzieher, die Näherinnen, Putzmacherinnen, Schuhmacher, Hut- und Handschuhmacher, dann die Tapezierer, Kunsttischler, Spiegelglaser und zahllose Arbeiter, die von ihnen abhingen. Die Werkmeister hörten auf und entließen alle ihre Arbeiter und Hilfsarbeiter.
2. Da der Handel gänzlich aufgehört hatte (denn nur wenige Schiffe wagten sich noch flußaufwärts, und hinaus ging gar keines), wurden mit einem Male alle überzähligen Zollbeamten, die Bootführer, Fuhrleute, Träger und alle die sonst mit dem Handel zu tun hatten, entlassen und arbeitslos.
3. Alle Bauarbeiter hatten nichts mehr zu tun,denn niemand hatte Lust, sich ein Haus zu bauen, zu einer Zeit, da Tausende leer standen, so daß dadurch alle Maurer, Ziegelträger, Schreiner, Zimmerleute, Stukkateure, Zimmermaler, Glaser, Schlosser und Dachdecker überflüssig wurden.
4. Da es keine Schiffahrt mehr gab, waren alle Seeleute ohne Beschäftigung und mit ihnen alle jene, die mit dem Bau und der Schiffsausrüstung zu tun hatten, die Schiffszimmerleute, Kalfaterer, Tau- und Segelmacher, Ankerschmiede, Figurenschnitzer, Kanonengießer, Lichtzieher u. a. m. Ihre Werkmeister konnten vielleicht von ihren Ersparnissen leben, aber der Handel lag so gänzlich darnieder, daß alle Arbeiter entlassen werden mußten. Dazu kam, daß auch der Bootsverkehr auf dem Flusse aufgehört hatte, und damit auch die Bootführer, Leichterführer, Bootbauer und was sonst noch damit zusammenhängt, arbeitslos geworden waren.
5. Alle schränkten sich soviel als möglich ein, sowohl die Geflohenen als jene, die in der Stadt geblieben waren, so daß eine Unmenge Dienstpersonal, Tagelöhner, Buchhalter und besonders Dienstmädchen entlassen wurden und ohne Hilfe auf der Straße lagen – und das war wirklich eine schlimme Sache.
Ich könnte noch ausführlicher werden, aber es mag genügen, im allgemeinen festzustellen, daß jedes Geschäft aufhörte und damit den Armen die Arbeit und alle Möglichkeit, ihr Brot zu verdienen, abgeschnitten war. Im Anfang war denn auchihre Lage schrecklich, bis die Wohltätigkeit sie ein wenig milderte. Viele flohen gleich hinaus aufs Land, die meisten aber blieben in London, bis der äußerste Mangel sie wegtrieb. Aber der Tod folgte ihnen auf ihrem Wege, und wirklich konnten sie als Boten des Todes gelten, denn sie trugen die Ansteckung hinaus und verbreiteten sie bis in die entferntesten Orte des Reiches.
Von den entlassenen Dienstmädchen dagegen kamen viele als Pflegerinnen unter.
In gewisser Weise muß man, so traurig es klingt, es als eine Erlösung bezeichnen, daß die Pest in der schlimmsten Zeit 30–40 000 dieser armen, arbeitslosen Leute hinwegraffte, die sonst eine unerträgliche Last bedeutet hätten. Die ganze Stadt hätte sie weder erhalten noch mit Nahrung versorgen können, und so wären sie dazu gezwungen worden, in der Stadt selbst oder der Umgegend zu plündern, um sich durchzubringen, was früher oder später das reinste Chaos herbeigeführt hätte. Die meisten starben im August und September, in welchen beiden Monaten die Sterberegister fast 50 000 Opfer verzeichneten. Genau waren diese Register freilich nicht, soviel ich glaube, und es konnte auch nicht wohl anders sein bei der allgemeinen Verwirrung. Die Leichenkarren arbeiteten doch nur bei Nacht, und in einigen Kirchspielen wurden die Toten überhaupt nicht eingetragen, da Küster und Schreiber wochenlang fehlten.
Wenn ich sage, daß die Kirchspielbeamten in ihren Angaben nicht zuverlässig waren, so mußman anderseits berücksichtigen, daß das auch in einer solchen Zeit kaum möglich gewesen wäre. Viele von ihnen erkrankten selbst und starben vielleicht zur gleichen Stunde, als sie ihre Listen fertig hatten. In Stepney allein wurden während des Jahres 116 Küster, Totengräber, Leichenwagenkutscher und Träger von der Seuche hinweggerafft.
Die Arbeit, die sie auszuführen hatten, erlaubte ihnen auch wirklich nicht, genaue Listen von den Toten aufzunehmen, die in der Nacht alle durcheinander in die Gruben hineingeworfen wurden, denen niemand ohne die äußerste Gefahr nahe kommen konnte. In Aldgate, Cripplegate, Whitechapel und Stepney gaben die wöchentlichen Listen 5, 6, 7 und 800 Tote an, während nach meiner Überzeugung und der meiner Mitbürger manchmal an 2000 in der Woche in diesen Kirchspielen starben. Von einem, der es wissen mochte und mich unter der Hand Einsicht in seine Aufzeichnungen nehmen ließ, erfuhr ich, daß er die Anzahl, der in einem Jahre an der Seuche Verstorbenen, auf 100 000 berechnete, während die offiziellen Totenregister sie nur mit 68 590 angaben.
Und nach dem, was ich mit eigenen Augen sah und von anderen hörte, die auch Augenzeugen waren, glaube ich auch, daß 100 000 nicht zu hoch gegriffen war, außer denen, die auf den Landstraßen, auf freiem Feld oder in verborgenen Schlupfwinkeln zugrunde gingen. Es war allgemein bekannt, daß eine Menge armer verseuchter Geschöpfe, die schon halb blödsinnig durch ihr Elendgeworden waren, aufs freie Feld oder in die Wälder wanderte, um hinter einem Busch oder einer Hecke das Ende zu erwarten.
Die Bewohner der anliegenden Dörfer brachten ihnen aus Mitleid Nahrung, die sie in einiger Entfernung hinstellten, damit jene sie holen konnten, wenn sie dazu noch imstande waren, was oft genug nicht der Fall war. Kamen sie dann das nächste Mal, so fanden sie den armen Teufel tot und die Nahrung unberührt. Ich weiß von vielen, die auf diese Weise zugrunde gingen, und könnte die Stellen so genau bezeichnen, daß ich mich anheischig machen wollte, ihre Gebeine dort auszugraben. Die Bauern gruben nämlich etwas entfernt davon ein Loch und zogen mittels langer Stangen, an denen ein Hacken befestigt war, die Leichen hinein, worauf sie von weit her, so gut es gehen wollte, Erde darauf warfen. Dabei beobachteten sie genau, woher der Wind kam, um nicht durch den Geruch angesteckt zu werden. Viele, viele Leute verließen so die Welt, ohne daß es jemals bekannt wurde.
Ich weiß das hauptsächlich vom Hörensagen, denn ich selbst kam selten soweit hinaus, außer nach Bethnalgreen und Hackney. Geschah es aber einmal, so sah ich immer aus der Entfernung eine Menge dieser armen Leute. Näheres konnte ich freilich nicht über sie in Erfahrung bringen, denn ob in der Stadt oder draußen wich man stets jedem aus, den man herankommen sah.