Lessing

LessingA.Jugendjahre 1729 bis 1760Meißen, Leipzig, Berlin (Religionsphilosophie)

Meißen, Leipzig, Berlin (Religionsphilosophie)

Gleich der erste unserer vier Klassiker, Lessing, mutet uns so modern an, als wäre er einer der Unseren, mit seiner Mannhaftigkeit und Ehrlichkeit, seiner Geistesfreiheit und -klarheit. Und doch ist er vor beinahe zweihundert Jahren in einer kleinen hinterwäldlerischen Stadt der sächsischen Lausitz geboren, der Sohn eines rechtgläubigen lutherischen Pastors, der, ursprünglich auch gelehrten Studien zugewandt, in dem abgelegenen kleinen Nest immer mehr zum versauerten Orthodoxen und kirchlichen Eiferer geworden war. Sein Ältester, eben unser Gotthold, hat von ihm vielleicht die Heißblütigkeit im Kampfe für das als recht Erkannte geerbt, daneben eine gewisse Achtung vor ehrlicher Orthodoxie beibehalten.

Aus seinem sechsten Lebensjahr ist ein von einem herumziehenden Maler gefertigtes Bild von ihm und seinem Bruder Theophil erhalten: dieser streichelt ein Lämmchen, Gotthold wollte durchaus »von einem großen Haufen Bücher umgeben« gemalt sein. Kursachsen hatte seit der Reformation die besten höheren Schulen Deutschlands. So konnte der junge Lessing seiner Bücherliebhaberei genugsam frönen während der fünf Jahre 1741 bis 1746, die er auf der »Fürstenschule« Sankt Afra inMeißen– neben dem noch heute bekannten Schulpforta einem der ersten Gymnasien des Landes – zubrachte. So tyrannisch wie Schiller und seine Jugendgefährten auf der Karlsschule wurden die Meißener Fürstenschüler zwar nicht behandelt, und Lessing hat später gern an seine Schuljahre zurückgedacht. Aber der Drill war doch auch hier stark und die Abgeschlossenheit von allem Modernen, wie es damals die englische Aufklärung zu vertreten angefangen hatte. Ähnlich wie in dem Königsberger Friedrichskolleg, in dem Kant ein Jahrzehnt früher seine acht Lehrjahre verbrachte, waren Religion mit 25 (!) und Latein mit 15 Wochenstunden der Mittelpunkt des Unterrichts. Und doch, alles dort eingeprägte Massenwissen strengte Gottholds schnell fassendenGeist nicht an, ja genügte ihm nicht. »Die Lektiones, die anderen zu schwer werden, sind ihm kinderleicht,« berichtete sein Rektor von ihm, »es ist ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß.« Am meisten zog seinen verstandesscharfen Geist, der auch später die Begriffsoperationen bis zum Spielen mit ihnen geliebt hat, der daher auch, wie sein Saladin und sein Al-Hafi, stets ein eifriger Liebhaber des Schachspiels gewesen ist, die Mathematik an: er übersetzte den Euklid und wählte zum Thema seiner Abgangsrede (Juni 1746) »die Mathematik der Barbaren«, also der Nichtgriechen und -römer. Ins Philosophische schlägt die offizielle »Glückwunschungsrede«, die er zu Neujahr 1743 an den Vater schrieb, deren Thema der für einen noch nicht Vierzehnjährigen besonders altklug anmutende Satz ist, daß die Menschheit im Grunde weder einen besonderen Fortschritt noch einen Rückschritt zu verzeichnen habe, sondern daß jedes Jahr dem anderen gleich sei. Es ist eben eine im üblichen Geleise der herrschenden Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie einhergehende rhetorische Schulübung eines besonders klugen Knaben, der den »deutlichen Ausspruch der Vernunft«, das »göttliche Zeugnis der Heiligen Schrift« und den »unverwerflichen Beifall« seiner – vierzehnjährigen »Erfahrung« auf seiner Seite zu haben behauptet.

Auch auf der UniversitätLeipzig, die der Siebzehnjährige im September 1746, nach dem Wunsche des Vaters als Studiosus der Theologie, bezieht, scheint er philosophisch keine besonderen neuen Einsichten gewonnen zu haben. Wohl gehen in seinem inneren und äußeren Leben große Umwälzungen vor. Er sieht ein, daß die bloße Bücherweisheit ihn »wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen« würde. Er lebt in der reichen, blühenden Stadt, wo man »die ganze Welt im kleinen sehen« konnte, dem »Klein-Paris« in Goethes »Faust«. Er lernt Tanzen, Reiten, Fechten, verkehrt mit Schauspielern und anderen leichten Gesellen, dichtet nach der Zeitsitte leichte »anakreontische« Liedchen über Liebe und Wein, schreibt seine ersten Dramen, gibt dann 1748 sein theologisches Studium auf, studiert kurze Zeit Medizin und geht zu Ende des Jahres, als der erste freie Literat, der bewußt auf Anstellung im Hof- und Staatsdienst verzichtet, nach derpreußischen Hauptstadt, die er nur vorübergehend verläßt, um 1750/51 in Wittenberg den Magistergrad, der ungefähr dem heutigenDr. phil.entspricht, zu erwerben. Erst ein in ernster Auseinandersetzung mit dem Vater zur Rechtfertigung seines neuen Lebensplans geschriebener Brief vom 30. Mai 1749 zeigt, daß er auch eine religiöse Krisis hinter sich hat. »Die Zeit soll lehren,« schreibt er dem Vater mit der ruhigen Klarheit, die nur eine selbsterrungene feste Überzeugung verleiht, »ob der ein besserer Christ ist, der die Grundsätze der christlichen Lehre im Gedächtnis und oft, ohne sie zu verstehen, im Munde hat, in die Kirche geht und alle Gebräuche mitmacht, weil sie gewöhnlich sind; oder der, der einmal klüglich gezweifelt hat und durch den Weg derUntersuchungzur Überzeugung gelangt ist oder sich wenigstens noch dazu zu gelangen bestrebt. Die christliche Religion ist kein Werk, das man von seinen Eltern auf Treue und Glauben annehmen soll.« Und vom christlichen Handeln bekennt er offen und scharf: »Solange ich nicht sehe, daß man eines der vornehmsten Gebote des Christentums, seinen Feind zu lieben, nicht besser beobachtet, so lange zweifle ich, ob diejenigen Christen sind, die sich davor ausgeben …«

Diese festen und klaren Sätze des erst Zwanzigjährigen zeigen schon ganz den Lessing der Mannesjahre. Sie zeigen ihn ferner auf demjenigen Gebiet philosophierend, das bis zu seinem Tode dasHauptgebiet seines Philosophierens gebildet hat: dem derReligion. Und sie zeigen ihn in derselben Linie tätig, wie die Tendenzstücke unter seinen Jugenddramen, auf die wir hier nur hinweisen können; und, beiläufig gesagt, auf einem ähnlichen Wege, wie ihn der nur fünf Jahre ältere junge Kant ging. »Der junge Gelehrte« richtet sich gegen die Pedanterie und Schulfuchserei, »der Freigeist« gegen die oberflächlichen Aufklärer, welche alle Frömmigkeit als Beschränktheit oder Heuchelei verschreien, aber doch auch den irreligiösen Freigeist vom Vorwurf des Lasters freisprechend; und »die Juden«, wider die religiöse Unduldsamkeit gegen Andersgläubige, ein Vorläufer seines »Nathan«, den er übrigens schon um 1751 geplant hat.

Will man literarische Einflüsse geltend machen, so kann man auf den des berühmten französischen Skeptikers PierreBaylehinweisen, jenes ersten Begründers der französischen Aufklärung, den schon der Student Lessing in den Vorlesungen des Professors Christ kennengelernt hatte, und dem er jetzt nähertrat. Mit Bayle, der überhaupt auf die erst allmählich sich aus den Fesseln der Theologie losringenden freieren Geister des damaligen Deutschlands: einen Winckelmann, einen Friedrich den Großen und andere mehr von nachhaltigem Einfluß gewesen ist, verbanden ihn mancherlei gemeinsame Geisteszüge: die ungeheure Belesenheit und Vielseitigkeit, die dialektische Meisterschaft, der Geist eindringender Kritik, aber auch die Duldsamkeit gegen anderer Überzeugung, die Kampfstellung infolgedessen nur gegen herrsch- und verdammungssüchtige Unduldsamkeit. Und neben Bayle stand dann bald sein Nachfolger und FortsetzerVoltaire, mit dem Lessing ja in Berlin als sein zeitweiser Sekretär bekanntlich auch in persönliche, zuletzt recht unliebsame Berührung geraten ist; und neben ihm das Haupt der Enzyklopädisten, der feurigeDiderot, der »durch Gänge voll Nacht zum glänzenden Throne der Wahrheit« führt.

Indes wir brauchen bei einem von Jugend auf so selbständigen Geist wie Lessing nicht einmal, jedenfalls nicht immer fremde Anstöße anzunehmen. Wie der dreiundzwanzigjährige Immanuel Kant in seiner Erstlingsschrift, deren etwas selbstbewußten Titel Lessing in einem später mit Grund gestrichenen Epigramm bespöttelte, das kühne Wort schrieb: »Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will; ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen«, so schreibt in demselben Alter auch der junge Lessing zu Wittenberg einem Bekannten den Vers ins Album:

»Wie lange währt's, so bin ich hinUnd einer Nachwelt untern Füßen;Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?Weißichnur,wer ich bin.«

»Wie lange währt's, so bin ich hinUnd einer Nachwelt untern Füßen;Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?Weißichnur,wer ich bin.«

»Wie lange währt's, so bin ich hinUnd einer Nachwelt untern Füßen;Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?Weißichnur,wer ich bin.«

»Wie lange währt's, so bin ich hin

Und einer Nachwelt untern Füßen;

Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?

Weißichnur,wer ich bin.«

Und in einem Gedicht des Jahres 1749 hatte bereits der Zwanzigjährige, unbewußt und ohne dabei an sich selbst zu denken, den stolzen Adlerflug des freien Genies beschrieben:

»Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu,Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh …Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß,Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß.Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher,Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.«

»Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu,Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh …Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß,Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß.Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher,Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.«

»Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu,Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh …Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß,Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß.Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher,Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.«

»Ein Adler hebet sich von selbst der Sonne zu,

Sein ungelernter Flug erhält sich ohne Ruh …

Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß,

Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß.

Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher,

Er schöpfet aus sich selbst, er ist sich Schul und Bücher.«

In diese Periode des Ringens mit sich selbst und den anerzogenen Vorstellungen, die jeder ernsthafte Mensch früher oder später in sich durchmachen muß, fallen mehrere Bruchstück gebliebene religionsphilosophische Lehrgedichte, wie »Die Religion« (veröffentlicht November 1751) und »Über die menschliche Glückseligkeit« (veröffentlicht 1753), auf die wir indes nicht näher eingehen: einmal, weil sie eben Fragmente geblieben sind und nicht viel mehr als Zeugnisse dieses inneren Ringens darstellen; dann auch, weil sie doch noch nicht den Lessing der Reifezeit enthalten, mit dem wir es vor allem zu tun haben. Es war wohl die Zeit, von der er später (um 1779) einmal rückschauend gesagt hat, daß er in ihr alle die verschiedenen neuerschienenen Schriftenfürundwiderdie Religion gierig verschlungen habe, ohne daß ihn eine ganz befriedigt hätte; sie hätten ihn vielmehr nur »von einer Seite zur anderen gerissen«. Und nun kommt eine Bemerkung, die so recht Lessings bis ans Ende seines Lebens ihm eigentümlich gebliebenes geistiges Verhalten kennzeichnet: »Je bündiger mir der eine das Christentum erweisen wollte, desto zweifelhafter ward ich. Je mutwilliger und triumphierender mir es der andere ganz zu Boden treten wollte: desto geneigter fühlte ich mich, es wenigstens in meinem Herzen aufrechtzuerhalten.« Es ist die Art des selbständigen Geistes, der in Dingen, die doch schließlich durch das persönliche Gefühl entschieden werden, gegen ihm von fremder Seite aufgezwungen werden sollende sogenannte Verstandes»beweise« sich wehrt; der Geist des Mißtrauens gegen sich aufblähende »Autoritäten« der einen oder der anderen Seite, gegen Systemmacherei überhaupt, die ihm einmal in einem scherzhaften Liede die Verse eingibt:

»Allen Narren, die sich ›isten‹,Zum Exempel Pietisten,Zum Exempel Atheisten,Zum Exempel Rabulisten– – – – – –Quietisten und Sophisten– – – – – –Mag ich, Lessing, nicht gefallen!«

»Allen Narren, die sich ›isten‹,Zum Exempel Pietisten,Zum Exempel Atheisten,Zum Exempel Rabulisten– – – – – –Quietisten und Sophisten– – – – – –Mag ich, Lessing, nicht gefallen!«

»Allen Narren, die sich ›isten‹,Zum Exempel Pietisten,Zum Exempel Atheisten,Zum Exempel Rabulisten– – – – – –Quietisten und Sophisten– – – – – –Mag ich, Lessing, nicht gefallen!«

»Allen Narren, die sich ›isten‹,

Zum Exempel Pietisten,

Zum Exempel Atheisten,

Zum Exempel Rabulisten

– – – – – –

Quietisten und Sophisten

– – – – – –

Mag ich, Lessing, nicht gefallen!«

In diesen Zusammenhang gehören auch die bei ihm so beliebten »Rettungen« einzelner von der hergebrachten Theologie, sei es der liberalen oder der orthodoxen, verketzerter Persönlichkeiten oder ganzer Richtungen, deren »Recht auf Ewigkeit« er untersuchen, denen er »unverdiente Flecken abwischen, falsche Verkleisterungen ihrer Schwächen auflösen« will. Dahin gehören z. B. die Rettungen einzelner durch die Autorität eines Luther niedergekämpften, nur unseren gelehrten Kirchenhistorikern bekannten Männer wie Cochläus oder Lemnius im sechzehnten Jahrhundert; dahin die des italienischen Renaissancephilosophen Cardano oder des deutschen Predigers Adam Neuser, die als »Atheisten« verdammt worden waren, weil sie – das spätere Nathan-Problem! – den Schein der Gleichberechtigung oder gar der Minderwertigkeit des Christentums gegenüber dem Islam nicht ganz vermieden hatten. Dahin auch die »Gedanken über die Herrnhuter« (1750), die im Grunde genommen – sie sind freilich auch nur Fragmente geblieben – so gut wie gar nicht von »diesen Leuten« selbst handeln, sondern sie nur zum Ausgangspunkt seiner eigenen ketzerischen Sätze benutzen. Er gibt darin eine Geschichte der Weltweisheit wie der Religion auf wenigen Seiten, von »Adam bis zur Gegenwart«, d. h. von den sieben Weisen Griechenlands bis zu Leibniz und Wolff – Sokrates ist sein Held, Jesus ein von Gott erleuchteter Lehrer –, um daraus den Schluß zu ziehen: »Sie füllen denKopf, und dasHerzbleibt leer.« Man wird »durchgängig finden, daß die Menschen in der einen wie in der anderen nur immer habenvernünfteln, niemalshandelnwollen«. Und doch »ward der Mensch zum Tun und nicht zum Vernünfteln erschaffen«. Das haben die Herrnhuter auf dem Gebiet der Religion zu ihrem Ziel gemacht. Lessing wünscht, daß auch in der Philosophie bald ein Mann mit ähnlichen Gedanken auftreten möge (wir denken dabei an J. J. Rousseau oder an Kants praktische Philosophie).

Bei diesem Stand der Dinge brauchen wir uns nicht lange mit einzelnen trotzdem »vernünftelnden« Aufstellungen Lessings selbst aus der nämlichen Zeit, dem Beginn der fünfziger Jahre, aufzuhalten: etwa dem »Christentum der Vernunft«, das in 27 Paragraphen aus denLeibnizschenBegriffen der Vollkommenheit, der Harmonie, der allmählichen Stufenfolge aller Dinge und ähnlichem aufgebaut wird und, statt wie eine gesunde kritische Philosophie mit der Gottesidee etwa zu enden, sogleich mit Gott als dem »einzigen vollkommensten Wesen« einsetzt, während es mit einer mehr an Schleiermacher als an Kant erinnernden Formulierung des menschlichen Sittengesetzes schließt: »Handle deinen individualischen (wir sagen heute: individuellen) Vollkommenheiten gemäß!« Von der kirchlichen Religionsauffassung hat er persönlich sich um diese Zeit schon ganz frei gemacht: ein für die damaligen deutschen Verhältnisse und für seine eigene Entwicklung sehr vielsagendes Resultat. Das beweist unter anderem ein, wenigstens höchstwahrscheinlich, noch in die Berliner Zeit fallendes, in seinem Nachlaß gefundenes Bruchstück »Über die Entstehung der geoffenbarten Religion«. Und so konnte er beinahe ein Menschenalter später in einem, vielleicht eben dieser Offenheit wegen ungedruckt gebliebenen, Vorwortentwurf zum »Nathan« erklären: »Nathans Gesinnung gegenüber jeder positiven Religion istvon jeherdie meinige gewesen.«

Dagegen hat er an einer, wie man in jener Zeit sagte, »natürlichen« Religion, mit dem Glauben an einen Weltschöpfer, nicht bloß damals, sondern anscheinend bis an sein Ende festgehalten. So tritt er gelegentlich für Albrecht v. Hallers, des auch von dem jungen Kant hochgeschätzten Schweizer Naturforschers und Dichters, Gottesglauben gegen den entschiedenen Materialismus eines Lamettrie ein, der in seinem »L'homme machine« den Menschen als ein mechanisches Uhrwerk aufgefaßt hatte. Und auch philosophisch entfernt er sich in den fünfziger Jahren noch wenig von der herrschenden Leibniz-Wolffschen, das heißt durch den trockenen Pedanten Christian Wolff verwässerten Leibnizschen Philosophie. Ganz seiner sonstigen, frischen, für alle reinen Gedanken aufgeschlossenen Art entgegen, meint er einmal 1752 in einer seiner Rezensionen in der damals schon bestehenden »Vossischen Zeitung« zu Berlin: »Das Neue sollte uns in den spekulativischen Teilen der Weltweisheit alle Zeit verdächtig sein.« Für unseren Zweck brauchen wir darum auch diese seine verhältnismäßig doch unbedeutenden Buchbesprechungen aus denJahrgängen 1751 bis 1754 der »Vossischen« nicht einzeln auf seinen philosophischen Standpunkt hin zu durchmustern.

Selbst nicht die ihrem Titel nach philosophischste seiner Abhandlungen: die 1755 aus Anlaß einer Preisaufgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften erschienene: »Pope ein Metaphysiker!« Schon deshalb nicht, weil sie nicht von ihm allein, sondern gemeinsam mit dem in Berlin neu gewonnenen Freunde Moses Mendelssohn verfaßt ist. Und zweitens, weil wir uns heute auch wohl kaum noch für das Thema interessieren: 1. welches der wahre Sinn des Satzes »Alles ist gut« sei; der in des Engländers Pope (1689 bis 1744) seinerzeit vielbewundertem Lehrgedicht »Vom Menschen« (1729) vorkommt, 2. wieweit er mit Leibniz' Optimismus übereinstimme und 3. ob Popes System anzunehmen oder zu verwerfen sei. Sondern uns interessiert nur die Art von Lessings Behandlung, zu der ihm die Aufgabe der Akademie, über die er sich eigentlich mehr lustig macht, bloß den Anlaß gibt: seine reinliche Scheidung zwischenDichterundMetaphysiker. Gewiß, im weitesten Sinne des Wortes ist jeder Metaphysiker ein Dichter; aber ein System in Reime bringen heißt noch nicht dichten. Ein philosophischer Dichter ist darum noch kein Philosoph, ebensowenig wie ein poetischer Weltweiser an sich schon ein wahrer Poet: dasselbe Problem, das Kant vierzig Jahre später von der anderen Seite her ebenso scharf in Angriff genommen hat (in seinem Aufsatz »Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie«, 1796).

Bei dieser Gelegenheit nur ein paar kurze Ausführungen über Lessings philosophisches Verhältnis zu den Berliner Freunden MosesMendelssohnund FriedrichNicolai; denn ihre persönlichen Beziehungen zu behandeln, ist hier nicht der Ort. Gemeinsam mit beiden ist ihm im Grunde nur ein Allerallgemeinstes: die Zugehörigkeit zu der großenAufklärungsbewegung, die in England ihren Ursprung genommen, dann nach Frankreich sich verpflanzt hatte und jetzt, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, anfangs noch recht bescheiden, auch in Deutschland, und hier wieder am stärksten in dem von jeher freigeistigen und zum Vorwitz neigenden Berlin, ihre Schwingen zu regen begann. Im übrigenverdankt Lessing dem späteren Diktator der Berliner Aufklärung und langjährigen Herausgeber der Allgemeinen Deutschen Bibliothek von seiner philosophischen Eigenart so gut wie nichts; dem rührend anhänglichen jüdischen Freunde – das darf man sagen, ohne dem braven Moses Mendelssohn zu nahe zu treten – recht wenig. Wohl hat dieser ihm öfters, z. B. zu der Pope-Schrift und zum »Laokoon«, Material geliefert, sicherlich auch manche philosophische Einzelgedanken, namentlich auf ästhetischem Gebiet, in ihm angeregt. Aber bei aller warmen Empfindung, bei aller Klarheit des Stils fehlt ihm doch zu sehr die philosophische Kraft und Tiefe, als daß er dem großen Freunde eine wesentliche Förderung in seiner philosophischen Entwicklung hätte bieten können. Und schließlich auch der Mut des Genius. Wie hätte es einem Lessing begegnen können, daß er vor einem anderen Menschen, und wäre es auch der »Alleszermalmer« Kant, gleich Mendelssohn scheu sich zurückgezogen hätte!


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