Chapter 2

Steht eine Vorstellung oder ein Vorstellungscomplex mit den logischen und praktischen oder ideellen Normen im Widerspruch, so ist dadurch die Assimilation erschwert und es entsteht ein unangenehmes Gefühl; während die Uebereinstimmung mit jenen Normen eine leichte ungehinderte Assimilation und somit ein angenehmes Gefühl bewirkt.

Die logischen, praktischen und ideellen Normen zeigen freilich je nach der Individualität und Bildung des Einzelnen, sowie der Cultur des Volkes, dem das Individuum angehört, in ihrer Zahl und namentlich in ihrem qualitativen Inhalt und ihrer Entwickelungshöhe sehr bedeutende Verschiedenheiten und von der grösseren oder geringeren Ausbildung dieser Normen hängt es mit ab, ob ein Vorstellungscomplex, der mit denselben in Conflict tritt, uns mehr oder minder unangenehm berührt, oder wie gross im umgekehrten Fall das angenehme Gefühl ist, das aus der Uebereinstimmung einer gegebenen Vorstellung mit einer jener Normen entsteht. Im grossen Ganzen

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wiegen bei der Mehrzahl der Menschen die praktischen Normen bei Weitem vor und indem dieselben in ihrer niedrigsten Entwicklungsstufe nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden, concentriren sie sich im Egoismus, der deshalb bei Ungebildeten fast ausschliesslich den Maassstab für die Qualität der Gefühle abgiebt. — Nur das, was den praktischen Ideen in diesem Sinne entspricht, ist für den wenig Gebildeten eine Quelle angenehmer, nur das, was ihnen zuwiderläuft, der Ursprung unangenehmer Gefühle.

Je höher die Bildung, die wirkliche Herzensbildung, um so mehr treten die sittlichen und religiösen und weiterhin die ästhetischen Ideen, sowie gleichzeitig die logischen Normen in den Vordergrund und spielen bei der Erregung von Gefühlen eine wesentliche Rolle. Während daher der Ungebildete sich an dem Leiden Anderer weiden und ergötzen kann, in der Freude über die Verschonung seiner eigenen Person, wird der Gebildete dabei mit innerem Weh erfüllt, weil die Vorstellung von dem Leiden überhaupt mit seinen mehr ausgebildeten ethischen und ästhetischen Ideen in lebhaften Widerspruch tritt. — Während der Eine, von materiellem Egoismus befangen, geduldig in schmachvoller Unterdrückung und Knechtschaft lebt, so lange nur sein Leib und Gut nicht gefährdet ist, wird der Andere Feinfühlige von Grimm erfüllt, trotz äusserlich glänzender Lage, bei blossen Vorstellungen, die mit seiner Freiheits- oder Rechtsidee in Gegensatz treten.

In den bisher betrachteten Fällen von Aufnahme neuer Vorstellungen war gewissermaassen vorausgesetzt, dass dieselben ein momentan nicht in lebhafter Thätigkeit begriffenes Vorstellungsleben antreffen, und nach den angedeuteten Gesetzen die Vorstellungen, mit denen sie in Harmonie oder Contrast treten, erst selbst bestimmen, dieselben erst wecken. Etwas anders gestalten sich nun aber die Verhältnisse, wenn zur Zeit, wo eine neue Vorstellung in uns erzeugt wird, eine andere Vorstellung resp. ein Vorstellungskreis das Bewusstsein beherrscht, uns momentan sehr lebhaft beschäftigt. In diesem Fall wird die Assimilationsfähigkeit der neuen Vorstellung fast allein davon bestimmt, ob dieselbe mit jener momentan herrschenden Vorstellungsreihe übereinstimmt oder nicht, sich

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also gerade mit dieser in leichte oder schwere Association setzt. — Nach dem Satz von der Enge des Bewusstseins kann nämlich in einem bestimmten Augenblicke nur eine Vorstellung unser Denken ganz ausfüllen. Tritt uns eine neue Vorstellung entgegen, so muss sie erst die augenblicklich im Bewusstsein vorhandene verdrängen, sofern sie nicht mit ihr ineineVorstellungsthätigkeit verschmelzen kann. — Dies Verdrängen aber, bei vorhandener Disharmonie zwischen den beiden Vorstellungen wird unter allen Umständen, selbst wenn die neue Vorstellung etwa mit den logischen oder ideellen Normen harmonirend uns an sich durchaus angenehm berühren würde, eine Verzögerung der Assimilation veranlassen und daher zunächst ein unangenehmes Gefühl hervorrufen, das später freilich, wenn die neue Vorstellung sich nach Ueberwindung dieser Schwierigkeiten mit dem gesammten Vorstellungscomplex in die richtigen Beziehungen gesetzt hat, unter Umständen in ein angenehmes Gefühl übergehen kann. — Im umgekehrten Fall dagegen, wenn die beiden Vorstellungen oder Vorstellungsreihen leicht mit einander in Verbindung treten, und in einen Denkact verschmelzen können, wird die Assimilation sehr wesentlich gefördert, da einer ihrer Acte, „das Wecken" der ähnlichen Vorstellung, in Wegfall kommt. Die Beziehungen zwischen beiden Vorstellungen brauchen daher in diesem Fall, um schon ein angenehmes Gefühl hervorzurufen, nur entfernte zu sein, und sich z. B. nur auf ganz äussere Aehnlichkeit wie Gleichklang der Worte u. dgl. zu beschränken,wo sonst die mit der Association verbundene Gefühlserregung zu schwach zu sein pflegt, um überhaupt noch empfunden zu werden.

Wir erklären hieraus z. B. den angenehmen Einfluss, den der Reim auf unser Gefühl ausübt. Es werden uns bei demselben in den beiden gereimten Versen zwei Vorstellungsreihen geboten, deren Association mit einander durch den Gleichklang der letzten Worte ganz erheblich erleichtert wird und daher ein angenehmes Gefühl hervorruft. Es ist ja eine bekannte Thatsache, dass gereimte Verse sich leichter behalten das heisst eben doch leichter assimilirt und reproducirt werden) als Prosa. Ja schon das blosse Metrum reicht hiezu aus, indem dieAehn-

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lichkeitdes Sylbenfalls die Assimilation erleichtert. In gleicher Weise wirkt auch die Uebereinstimmung zweier Vorstellungen nach den Gesetzen der Coexistenz oder Succession, die allein für sich selten ein starkes Gefühl zu produciren vermögen, sehr entschieden angenehm. Zwei Worte, die wir oft hinter einander gehört haben, hören wir für die Folge auch gern zusammen. Es verursacht für den nach dem Lutherschen Katechismus Unterrichteten ein gar nicht wegzuleugnendes angenehmes Gefühl, wenn er die Worte: Augen, Ohren; Vernunft und alle Sinne; Kleider und Schuhe; Essen und Trinken; Haus und Hof; Weib und Kind etc. nach alter Katechismusreminiscenz zusammenstellt. — Doppelt angenehm wirken die noch dazu durch Alliteration einanderähnlichenWortverbindungen, wie: Mann und Maus, Kind und Kegel, Stock und Stein (auch Haus und Hof gehört hierher), — die ja auch das Volk mit einer gewissen Vorliebe gebraucht. Noch lebhafter als die angenehmen Gefühle bei Uebereinstimmung der neuen Vorstellungsreihe mit der schon vorhandenen resp. kurz vorher gegebenen, können unter Umständen die unangenehmen Gefühle bei mangelnder Harmonie sein. Es gehört hierher namentlich das unangenehme Gefühl getäuschter Erwartung, bei der eine neue Vorstellung eine kurz vorher angeregte Vorstellungsrichtung plötzlich unterbricht. Es ist in diesen Fällen die Assimilation der neuen Vorstellung unendlich erschwert, selbst dann, wenn diese eine angenehme ist. Denken wir, es wird uns ein Besuch angemeldet, der uns übrigens ziemlich gleichgültig lässt, oder gar unangenehm berührt, auf dessen Eintreten wir aber mit einer gewissen Spannung warten; statt der angemeldeten Person tritt jedoch ein anderer uns äusserst lieber Besuch ins Zimmer. Trotz der angenehmeren Situation wird doch im ersten Augenblick die Empfindung eine peinliche sein — um freilich bei dem Einen schneller, bei dem Andern langsamer dem ungemischten Gefühl der Freude Platz zu machen. Man sagt von Menschen, bei denen die Assimilationsfähigkeit selbst conträrer Vorstellungen eine grosse ist, sie können „sich schnell fassen".

Stellen wir jetzt noch einmal die Ursachen der angenehmen und unangenehmen Gefühle zusammen, die, wie eben erörtert,

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aus der geförderten, respective gehemmten Association und Assimilation hervorgehen, so erkennen wir:

A.Als Quelle angenehmer Gefühle

1) die Harmonie einer Vorstellung mit einer erst zu weckenden nach den Normen der Gleichzeitigkeit, Reihenfolge und Aehnlichkeit; 2) die Coincedenz mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; 3) die Uebereinstimmung mit der momentan das Bewusstsein beherrschenden Vorstellungsreihe.

B.Als Quelle unangenehmer Gefühle

die Disharmonie in den genannten drei Punkten. —

Versuchen wir jetzt, die hier gewonnenen psychologischen Resultate zur Theorie des Lächerlichen zu verwerthen. Wir hatten oben für unsere Untersuchung das Ziel gesteckt, den Nachweis zu liefern, dass die im komischen Object enthaltenen Vorstellungen durch ihre Einwirkung auf unsere Seele sowohl die angenehmen wie unangenehmen Gefühle hervorrufen, welche zusammengenommen das Wesen des Komischen ausmachen. Wir haben nun gesehen, was wir unter Lust und Unlust verstehen und wie diese Gefühle zu Stande kommen und wollen jetzt zunächst die Probe zu machen suchen, ob wir wirklich im Komischen jene beiden Factoren in obigem Sinne nachweisen können. Sehen wir uns nach Beispielen um, so finden wir zunächst, dass man das Komische in eine grössere oder beschränktere Zahl von Hauptgruppen eingetheilt hat. Schopenhauer kennt nur zwei Hauptformen des Lächerlichen, nämlich: die sog. Narrheit und den Witz. Vischer dagegen unterscheidet das objectiv Komische oder die Posse, das subjectiv Komische oder den Witz, das absolut Komische oder den Humor. In Bezug auf die ersten beiden Formen stimmt er mit Schopenhauer überein. In Rücksicht auf die letzte Form bemerke ich dass nach Lazarus, dem ich mich vollkommen anschliesse, der Humor sich dem Komischen nicht unterordnet, sondern eine Stelle neben demselben einnimmt, wie wir später sehen werden.

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Wir behalten demnach als die bisher gebräuchlichsten und anerkennenswerthen Formen nur die Narrheit (oder Posse) und den Witz übrig. Aus diesen beiden Formen wollen wir nun Beispiele wählen, und an diesen zunächst unsere obige Behauptung vorläufig zu erweisen suchen. Es wird dann eine Eintheilung des Komischen folgen, in der unsere Theorie des Lächerlichen durch weitere Beispiele noch näher erläutert werden soll.

In der Form des Komischen, welche Vischer das objectiv Komische nennt, erwähnt er als Beispiele niedrigsten Grades zunächst die in der Posse am häufigsten als Gegenstand des Gelächters dienenden Körpergebrechen. Das Volk lacht da über einen Höcker, einen dicken Bauch oder über tölpelhafte Ungeschicklichkeit u. dergl. Auf dieses Lachen findet die schon oben erwähnte Hobbes'sche Erklärung ihre Anwendung. Uebertragen wir dieselbe in unsere psychologische Form, so finden wir den Grund dieses Lächerlichen in Folgendem: Die durch den Anblick eines Buckligen u. dergl. entstandene Vorstellung seiner Hässlichkeit tritt mit unseren ästhetischen Ideen in Gegensatz und erzeugt ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber wird dadurch, dass sichdieselbe Vorstellungmit der auf unser eigenes Selbst bezüglichen niedrigsten Entwickelungsstufe der ethischen und praktischen Normen in Beziehung setzt und mit diesen übereinstimmt, das angenehme Gefühl der Verschonung der eigenen Person, des „Sichbesserdünkens" erregt. —

Also Unlust und Lust gehen beide aus den verschiedenen Beziehungen hervor, in welche dieseeineVorstellung des Hässlichen einerseits zu unseren ästhetischen Ideen, andererseits zu unseren mangelhaft entwickelten ethischen und praktischen Normen tritt. — Keineswegs aber spielt, wie wir schon sagten, das Gefühl der Ueberlegenheit bei allen Arten des Komischen dieselbe Rolle; Ja, wir können sogar über die nämlichen eben angeführten Körpergebrechen und Schönheitsfehler in ganz anderm Sinne lachen, indem das angenehme Gefühl sich aus einer von der vorigen vollständig verschiedenen Quelle herleitet. — Wenn wir als gebildete Menschen den dicken Hans Fallstuff, ganz abgesehen von seinem trefflichen Witz und Humor, bloss seiner

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unförmigen Erscheinung wegen belachen, so spielt gewiss das Gefühl unserer Ueberlegenheit dabei nur eine verschwindend kleine Rolle; dagegen tritt hier zur Erzeugung des angenehmen Gefühls ein ganz anderes Moment in Wirksamkeit. Ausser der Vorstellung der Hässlichkeit wird uns nämlich durch die Erscheinung unseres Helden die durch sein Reden und Thun bestätigte Vorstellung von seiner maasslosen Schlemmerei und Völlerei aufgedrungen. Diese seine Untugenden beleidigen ebenfalls unser Gefühl, andererseits treten nun diese beiden Vorstellungen, d. h. die von seiner unnatürlichen und ihm selbst höchst lästigen Körperfülle und die von seiner Völlerei in eine leichte Verbindung, indem der zwischen beiden sich herstellende ursächliche Zusammenhang unserer Gerechtigkeitsidee entspricht. Wir sehen seine Dicke als die gerechte Strafe für seine Unmässigkeit an, daraus aber erzeugt sich ein angenehmes Gefühl. —

Spielt in den eben angeführten Beispielen zur Erzeugung der Gefühle die Harmonie resp. Disharmonie mit den ideellen Normen eine Rolle, so sehen wir im folgenden Beispiele die Normen der Ideenassociation sich betheiligen. Bei den uns lächerlich erscheinenden Anachronismen, wo wir z. B. auf einem Bilde Kanonen vor Troja erblicken, entsteht das unangenehme Gefühl durch die nach der Norm der Gleichzeitigkeit uns unmöglich gemachte Vereinigung der beiden uns dargebotenen Vorstellungen (Troja und Kanonen). Das angenehme Gefühl dagegen geht wieder aus der Beziehung jener Vorstellungen zu unserem Selbstgefühl hervor. Unser Besserwissen Macht uns Freude. —

Wir haben also durch die bisherigen Beispiele vorläufig bestätigt gefunden, dass im Komischen, wenigstens in der ersten Form desselben (der sog. Narrheit oder Posse), ein Inhalt steckt, der nach dem oben ausführlich abgeleiteten Gesetz einerseits ein angenehmes, andererseits ein unangenehmes Gefühl verursacht. Dass auch in allen nur denkbaren Beispielen des Komischen dasselbe Gesetz sich bestätigt, werden wir bald sehen, wenn wir die einzelnen Formen ableiten. Wir haben jetzt weiter nachzuweisen, dass auch für den Witz das oben Gesagte Geltung hat. Ich bringe zuerst ein Beispiel von der

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einfachsten und ursprünglichsten Art der Witze, nämlich von den Klangwitzen, wie sie in den sogenannten Frageräthseln der Kinder gebräuchlich sind: Welche Tracht kleidet am besten? — die Eintracht. — Welche Ringe sind nicht rund? — die Häringe etc. — In Frage und Antwort sind die beiden dargebotenen Vorstellungen enthalten. Dieselben lassen sich in Bezug auf die logischen Normen nicht mit einander vereinigen: Tracht und Eintracht — Ring und Häring haben rücksichtlich ihrer Bedeutung nicht das Geringste mit einander zu schaffen, und durch den erzwungenen Zusammenhang, in den sie gebracht sind, entsteht ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber gehen diese Worte vermöge ihrer Klangähnlichkeit (also nach der 3. Norm der Ideenassociation) doch leicht eine Verbindung mit einander ein und erregen dadurch ein Lustgefühl. Als 2. Beispiel führe ich einen guten Witz von Kant an, der einmal in einer Damengesellschaft die scherzhafte Behauptung aufstellte, dass Frauen nicht in den Himmel kämen, denn in der Offenbarung Johannis stehe geschrieben, es sei im Himmel eine Stille von einer halben Stunde gewesen; eine solche Stille aber sei, wo Frauen anwesend sich befinden, nicht möglich.

Wir haben hier 2 Vorstellungsreihen (die Bibelstelle und den daraus gezogenen Schluss), die sich nach den logischen Normen nicht mit einander vereinigen lassen, denn jene Schriftstelle steht mit Kant's Behauptung eigentlich in gar keinem Zusammenhang. Andererseits aber ist durch die geschickte Auslegung in Rücksicht auf unsere Wahrheitsidee doch eine leichte Verbindung zwischen diesen beiden Vorstellungsreihen möglich gemacht.

Also auch beim Witz finden wir die oben aufgedeckten Quellen der Lust und Unlust wieder. Wir konnten aber auch schon an diesen einfachen Beispielen eine weitere Bemerkung machen,dass nämlich die Ursachen der beiderseitigen Gefühle häufig mehrfache sind. In den späteren Beispielen werden wir dies noch in höherem Maasse bestätigt finden. Natürlich steigert sich durch diese Häufung der Gefühlsgegensätze die komische Wirkung im Allgemeinen, gleichzeitig wird daraus aber auch die Thatsache verständlich, dass drei bis vier Personen über dasselbe Object lachen können, jeder aus

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einem andern Grunde. Es kommt deshalb in jedem einzelnen Falle einerseits darauf an, alle möglichen Auffassungsweisen in's Auge zu fassen, und die einander entsprechenden angenehmen und unangenehmen Gefühle zu sondern, andererseits aber auch die den Umständen entsprechenden hauptsächlich wirkenden Factoren, die einem vorliegenden Beispiele seinen eigentlichen Charakter gehen, herauszuheben. Natürlich habe ich zunächst, da es mir darauf ankam, die Elemente des Komischen zu demonstriren, solche Beispiele wählen müssen, die möglichst einfach sind. In einer Anekdote der gewöhnlichsten Art stecken häufig 6-8 verschiedene Gefühlsquellen.

Es würde jetzt weiter die Frage entstehen, ob die angenehmen wie unangenehmen Gefühle aus *jeder* der oben angegebenen Ursachen in den komischen Contrast eingehen können. Wäre dies der Fall, so würden wir durch einfache Combinirung der möglichen Quellen der beiden Gefühlsgegensätze verschiedene Formen des Komischen herleiten können. Die Erfahrung lehrt, dass dies nichtunbedingtder Fall ist und als Grund dafür müssen wir eine Thatsache anführen, deren Beweis erst später folgt, dass nämlich jene beiden entgegengesetzten Gefühlein einem bestimmten Verhältnisse der Stärke zu einander stehen müssen, und zwar so, dass keines vor dem andern das unbedingte Uebergewicht erlangt. Es würde nämlich sonst das stärkere Gefühl ohne Weiteres das schwächere auslöschen, zum Verschwinden bringen und höchstens dadurch von seiner eigenen Kraft etwas einbüssen; ein Kampf der beiden Gefühle aber, wie wir ihn zum Zustandekommen des Lächerlichen als nothwendig erkennen werden, könnte nicht entstehen. Nehmen wir diese Thatsachen von der nothwendig erforderlichen, annähernd gleichen Stärke der beiden Gefühle vorläufig als feststehend an, so müssen wir in Erinnerung an das oben GesagteeineQuelle derselben sofort streichen. Wir sahen nämlich schon oben, dass die erleichterte Association einer gegebenen Vorstellung mit einer erst nach den Normen der Ideenassociation zu weckenden in der Regel ein kaum merkliches Gefühl hervorruft und es wird uns deshalb natürlich scheinen, dass dasselbe etwa einer Verletzung der ideellen Normen nicht das Gleichgewicht halten kann. Vielmehr muss in solchem Fall das angenehme Ge-

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fühl, um überhaupt in den komischen Contrast eingehen zu können, noch aus anderer Quelle her eine Unterstützung erfahren, und zwar dadurch, dass die eine Vorstellung die andere mit ihr zu associirende als eine im Bewusstsein schon vorhandene, herrschende, d. h. durch die komische Situation und Erzählung selbst dargebotene, antrifft. Dasselbe gilt für das aus gleichen Quellen fliessende unangenehme Gefühl. Durch diese Einschränkung modificirt sich aber unsere obige Aufstellung der Gefühle in folgender Weise. —

Als zum komischen Contrast tauglich kennen wir:

A.Angenehme Gefühle,

1) aus der Coincidenzeinerim komischen Object enthaltenen Vorstellung mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen;

2) aus der Uebereinstimmungzweierdargebotenen Vorstellungen unter einander — in Rücksicht auf die logischen, praktischen und ideellen Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.

B.Unangenehme Gefühle,

1) aus der Disharmonieeinerim komischen Object enthaltenen Vorstellung mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; und

2) aus der Disharmoniezweierim Komischen mitgetheilten Vorstellungen in Rücksicht auf die logischen, praktischen und ideellen Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.

Combiniren wir nun die Gefühle, so erhalten wir durchGegenüberstellung der angenehmen und unangenehmen Gefühle folgende 4Formen:

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Bewähren sich dieselben als wirklich vorhanden, so ist damit gewissermaassen indirect auch der Beweis geliefert, dass unsere Behauptung von der nothwendig annähernd gleichen Stärke der beiden Gefühlsgegensätze begründet war. — Wie wir sehen werden, lassen sich aber diese 4 Formen wirklich festhalten, und was weiter zu jenem Beweise nothwendig ist, es lassen sich in ihnen auch alle Beispiele des Komischen unterbringen.

Betrachten wir nun diese Hauptformen näher.

In der ersten Hauptform, die wir daseinfach Komischenennen wollen, soll sich also das angenehme wie unangenehme Gefühl erzeugen, auseinervorhandenen Vorstellung (oder Vorstellungsreihe) die mit einzelnen logischen, praktischen oder ideellen Normen übereinstimmt, mit anderen aber nicht.

Die zweite Hauptform:Das Komische mit zwei vereinbarenVorstellungen, lässt das angenehme Gefühl aus der leichtenVerschmelzungzweierim komischen Object enthaltenen Vorstellungenin Rücksicht auf die Normen hervorgehen, während das unangenehmeGefühl dadurch erzeugt wird, dasseineder beiden gegebenenVorstellungen mit einer der Normen nicht übereinstimmt.

Die dritte Hauptform:Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen, enthält ein unangenehmes Gefühl, welches aus der in Rücksicht auf die Normen unmöglichen Vereinigungzweierim komischen Object enthaltenen Vorstellungen entsteht, während das angenehme Gefühl auf der Uebereinstimmung einer der beiden Vorstellungen mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen beruht.

Die vierte Hauptform endlich:Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellungen oder der Witzentsteht dadurch, dasszweidargebotene Vorstellungen in Rücksicht auf eine der Normen übereinstimmen und dadurch das angenehme Gefühl bilden, in Rücksicht auf andere Normen sich aber nicht mit einander vereinigen lassen und in Folge dessen ein unangenehmes Gefühl erzeugen.

Wir werden später sehen, dass bei veränderter Auffassung eines bestimmten Falles derselbe aus einer Form in die andere übergehen kann. Doch ist diese Thatsache keineswegs etwa geeignet unsere Eintheilung umzustürzen, sondern dient der-

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selben vielmehr, wie sich herausstellen wird, zur wesentlichen Stütze. —

Innerhalb der genannten vier Hauptformen lassen sich nun aber wieder verschiedene Nebenformen abgrenzen, durch Auflösung der einzelnen Gesetze und Normen. Ich werde die wichtigsten derselben anführen.

Wir müssen ferner innerhalb des Komischen noch eine gewisse Rangordnung unterscheiden, bei welcher der sittliche Standpunkt der maassgebende ist. Sehr bemerkenswerth ist, dass hierbei lediglich die Entstehungsursachen desangenehmenGefühls eine Rolle spielen.Nurdiese bedingen in einem gegebenen Fall die Höhe des Komischen und zwar lässt sich hierüber folgender Satz aufstellen:Je edler die Quelle ist, aus welcher das*angenehme*Gefühl hervorgeht, um so höher stehend und edler ist die Form des Komischen selbst; während dieselbe umgekehrt um so niedriger steht, je weniger ein sittliches Wohlgefallen im Spiele ist. — Wie wenig der Ursprung des unangenehmen Gefühls in's Gewicht fällt, sehen wir am Besten daraus, dass in der höchststehenden Form des Komischen, in demNaiven, gerade am häufigsten grobe Verletzungen sittlicher Ideen vorkommen, die aber durch die Harmonie mit noch höher stehenden sittlichen Normen völlig aufgewogen werden. —

Aus dem oben Gesagten ist es leicht verständlich, dass wir aus der Thatsache, ob ein bestimmter Gefühlscontrast Lachen erregend wirkt oder nicht, einen Maassstab für den absoluten sowie namentlich individuellen Werth der dabei concurrirenden Gefühle, und für den Werth und die Entwickelungshöhe der ihnen zu Grunde liegenden Normen gewinnen, und mit vollem Rechte können wir darum den Satz aufstellen:

„Sage mir, worüber Du lachst, und ich will Dir sagen, wer Dubist." —

Wenden wir uns jetzt zur Besprechung der oben aufgestelltenHauptformen.

*I. Das einfach Komische.*

Aus einer Vorstellung und ihrer einerseits leichten, andererseits unmöglichen Vereinigung mit den logischen und ideellen

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Normen hervorgehend, bietet uns diese Gruppe, wenn wir die Leiter desKomischen von unten hinauf steigen, zunächst:

*1. Das niedrig Komische,*

bei dem wir als Erreger des angenehmen Gefühls die Harmonie der gegebenen Vorstellung mit der niedrigsten Entwickelungsstufe der praktischen Normen, d. h. mit dem Egoismus und dem gesteigerten Selbstgefühl antreffen, während auf Seiten des unangenehmen Gefühls die Verletzung irgend einer andern Norm steht. Da, wo das erhöhte Selbstgefühl mit den ästhetischen Normen in den komischen Contrast tritt, entsteht das Lachen über körperliche Hässlichkeit, über allerlei Gebrechen, die den Schönheitssinn beleidigen, wie Verunstaltung durch Buckel, durch Lahmheit u. dergl., die wir schon oben erwähnten. Hierbei wird also die eigentlich erregte Unlust durch das Gefühl der Lust im Gedanken an die Verschonung der eigenen Person, durch das „Sichbesserdünken" aufgewogen. Bei Verletzung der ethischen Ideen tritt das geschmeichelte Selbstgefühl gegen moralische Hässlichkeit, Unsittlichkeit, Unwahrheit u. dergl. in die Schranken und bei Disharmonie mit den praktischen Ideen und logischen Normen endlich ruft es das Lachen über die Ungeschicklichkeit, die Dummheit und den Unsinn hervor. In all' diesen Fällen muss also das Selbstgefühl der Verletzung übrigens höher stehender Normen das Gleichgewicht halten können, wenn der komische Contrast entstehen soll, und daher ist es leicht ersichtlich, dass jene Gefühlsconflicte hauptsächlich bei solchen Menschen ein Lachen erzeugen, welche die hohen sittlichen und ästhetischen Ideen nur in unentwickelter Form besitzen, deren Selbstgefühl dagegen abnorm gesteigert ist. Dies ist der Fall bei rohen, ungebildeten Leuten und bei Kindern, in denen sich die höheren sittlichen Ideen noch nicht entwickelt haben.

In einem Falle nur ist das erhöhte Selbstgefühl als eine etwas edlere Regung anzusehen, wenn wir uns nämlich gewissermaassen über unsere eigene Schwachheit und Dummheit erheben und unser Selbstgefühl daran stärken, dass wir in einem gegebenen Falle eine Schwierigkeit überwunden, einen uns gestellten Fallstrick umgangen haben. Hierauf beruht zu einem Theil das Lachen über die sog. Münchhausiaden, Lügen- und Jagd-

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geschichten (sofern dieselben nicht zum Witz gehören). Während einerseits durch die Verletzung der Wahrheit unser Gefühl beleidigt wird, empfinden wir andererseits ein angenehmes Gefühl in Folge der berechtigten unserem Selbstgefühl schmeichelnden Freude darüber, dass wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind,so nahe wir der Gefahr auch waren. In einer gewissen Gefahr, der Täuschung zu unterliegen, müssen wir geschwebt haben, damit die Lust durch eine Leistung unsererseits einigermaassen motivirt ist. Daher dürfen die Lügen nicht gar zu plump angelegt sein, sondern müssen die Möglichkeit einer Täuschung enthalten. — Da es zum Lachen über diese Geschichten ausserdem einer gewissen Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit bedarf, welche eine Kränkung des Selbstgefühls über die beabsichtigte Düpirung nicht aufkommen lässt (wir lassen uns solche Geschichten ungestraft auch eigentlich nur von guten Bekannten erzählen), so steht diese Form des Komischen schon dadurch ein wenig höher; doch ist sie in steter Gefahr auf das gewöhnliche Niveau des niedrig Komischen herabzusinken, sobald solche Münchhausiaden einer grösseren Gesellschaft erzählt werden. Denn sofort stellt sich dann bei jedem Zuhörer das Gefühl der Ueberlegenheit über die Anderen ein, denen er Dummheit genug zutraut, dass sie jene Geschichten glauben. Findet sich nun vollends ein Dummer, der sich wirklich die Lüge als Wahrheit aufbinden lässt, so steigt unser Selbstgefühl in gleichem Maasse, wie die Form des Komischen sinkt. Eine Stufe höher steht die folgende Form des Komischen, die ich wegen ihrer grossen Aehnlichkeit und häufigen Verwechselung mit dem Naiven (das danach besprochen wird)

*2. Das Pseudonaive*

nennen will, gleichzeitig auch deshalb, weil das angenehme Gefühl bei ihm nur aus einerscheinbarenoderbedingtenCoïncidenz mit höheren Ideen (namentlich mit der Wahrheit) hervorgeht. Während einerseits, und zwar hauptsächlich durch diekindliche Einfalt, unsere praktischen Ideen von Klugheit oder die logischen Normen beleidigt werden, ist andererseits in der pseudonaiven Aeusserung oder Handlung doch etwasrelativWahres, Kluges, Vernünftiges enthalten, namentlich wenn wir

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uns auf den Standpunkt der bei dem Redendennaturgemässvorhandenen und daherverzeihlich scheinendenUnkenntniss stellen. — Die Beispiele zu dieser Form sind sehr zahlreich und lasse ich hier einige folgen, die dieselbe wohl hinreichend verdeutlichen werden.

Das vierjährige Töchterchen eines Pfarrers wird zum ersten Male mit in die Kirche genommen, vorher aber ernstlich verwarnt, ja recht artig zu sein, denn in der Kirche müsse man sich ganz ruhig und still verhalten. Nach der Kirche wird das Kind gefragt, wie es ihm gefallen habe, und erwidert darauf: Ach recht gut, es waren auch alle ganz artig. Bloss der Papa allein hat so geschrieen und gelärmt.

Ein anderes Pastorenkind rief, als es zum ersten Male in die Kirche kam und seinen Vater auf der (übrigens ungewöhnlich hoch angebrachten) Kanzel stehen sah, ängstlich aus: „Ach, Du lieber Gott, wer hat nur meinen Papa dort oben 'naufgesperrt. Wird er denn auch wieder herunterkönnen?"

Ein Knabe auf einem einsamen Dorfe besass viele bleierne Soldaten, auch Cavalleristen, hatte aber noch nie einen lebendigen Reiter gesehen. Da plötzlich, als er just am Fenster steht, sprengt ein solcher in den Hof und springt an der Hausthür vom Pferde: „O", ruft der Knabe da mit tiefem Bedauern, „jetzt ging er entzwei". —

Ein Kind sollte das „Vater unser" beten und fragte die Mutter: ob derVater unser mit dem Onkel Unzer (einem Hausfreunde) verwandt sei. —

Ein weiteres Beispiel zu dieser Form ist das später aus Kant angeführte.

Endlich gehören hierher fast sämmtliche Beispiele, welche Schopenhauer zu seiner zweiten Form des Lächerlichen, der von ihm sog. Narrheit anführt. Nach Schopenhauer, der wie erwähnt nur zwei Arten des Lächerlichen: den Witz und die Narrheit kennt, entsteht die letztere dadurch, dass wir beim Auffinden der Incongruenz zwischen Anschauung und Begriff vom Begriff zum Realen übergehen. „Objecte, die übrigens grundverschieden, aber alle in einem Begriff gedacht sind, werden auf gleiche Weise angesehen und behandelt, bis ihre übrige grosse Verschiedenheit zur Ueberraschung und zum

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Erstaunen des Handelnden hervortritt." — Die Beispiele, die S. zu dieser Art des Lächerlichen anführt, sind nun merkwürdiger Weise fast alle pseudonaiv und scheinen mir auch durch die von diesem Standpunkt ausgehende Erläuterung in ihrem Wesen viel bestimmter präcisirt zu werden, als durch die zu weit gefasste Schopenhauer'sche Erklärung. — Ich lasse einige „Narrheiten" von ihm folgen: „Soldaten machen einen Arrestanten und erlauben demselben dann aus Gutmüthigkeit an ihrem Kartenspiel Theil zu nehmen; als er aber während des Spiels anfängt zu chicaniren, werfen sie ihn schliesslich in dem dabei entstehenden Streite hinaus." — Die Soldaten begehen offenbar eine thörichte Handlung, die gegen die Gesetze der praktischen Klugheit gewaltig verstösst, indem sie einen Arrestanten hinauswerfen. Von einem anderen Standpunkt aus, der durch die Erhitzung beim Streit und die darausnatürlichhervorgehende momentane Unzurechnungsfähigkeit uns in diesem Falle ganz entschuldbar erscheint, ist ihre Handlung aber wiederum eine ganz vernünftige, zweckentsprechende, daher also eine pseudonaive.

„Zwei Bauerjungen hatten ihre Flinten mit grobem Schrot geladen, welches sie, um ihm feines zu substituiren, heraushaben wollten, ohne jedoch das Pulver einzubüssen. Da legte der Eine die Mündung des Laufes in seinen Hut, den er zwischen die Beine nahm und sagte zum Andern: „Jetzt drücke Du ganz sachte, sachte, sachte los; da kommt zuerst das Schrot." — Auch hier haben wir eine thörichte Handlung (oder eine Aufforderung zu einer solchen) vor uns, die aber, wenn wir uns auf den Standpunkt des Bauerjungen stellen, der nichts von der beim Schuss vor sich gehenden Explosion des Pulvers weiss undwissen kann(dessen Unkenntniss wir jedenfalls verzeihlich finden), so ist die Aeusserung im gewissen Sinne eine ganz kluge und überlegte, indem sie (wie Schopenhauer ganz richtig anführt) von dem Begriff ausgeht, Verlangsamung der Ursache giebt Verlangsamung der Wirkung.

Auch die Münchhausiaden, die Schopenhauer weiter als Beläge zu seiner Definition anführt, lassen sich bei entsprechender Auffassung unter das Pseudonaive stellen, wenn sie nämlich solchen Inhalts sind, dass sie zwar für uns etwas absolut Un-

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sinniges, Unmögliches enthalten, aber von einem bestimmten Standpunkte aus, welcher Kenntnisse in dem gerade vorliegenden Gegenstande mit einer gewissen Berechtigung als nicht vorhanden voraussetzt, dennoch nicht allein möglich, sondern sogar klug ersonnen erscheinen. So enthält die Geschichte von den im Posthorn eingefrorenen Melodien, die in der warmen Stube später aufthauen, für den Einsichtsvollen einen puren Unsinn; denken wir aber, Jemand wisse Nichts von dem eigentlichen Wesen des Tons, sondern sähe denselben mit gutem Recht für etwas Materielles an, etwa für eine Flüssigkeit, die unter Umständen ja auch einfrieren könne, so erscheint uns diese Idee von den aufthauenden und dadurch wieder zum Vorschein kommenden Tönen ganz klug. — Werden uns diese Geschichten von irgend Jemand als Münchhausiaden erzählt, so wird in der Regel freilich die eben besprochene Auffassung uns nicht zum Bewusstsein kommen, sondern das Lachen in der früher mitgetheilten Weise sich motiviren, anders aber verhält es sich, wenn wir die in der Geschichte liegende Idee etwa einem Kinde in den Mund legen, welches sieht, dass in dem Mundstück des Posthorns sich Eis angesetzt hat und nun fragt, ob das eingefrorene Töne seien und ob die nicht in der Stube wieder aufthauen würden. —

Manche dieser pseudonaiven Aeusserungen (wie z. B. die vom Onkel Unzer) gehen, wie erst bei Besprechung des Witzes deutlich werden kann, vermöge einer etwas anderen Auffassung leicht in den Witz über, indem sie das „unbewusst Witzige" bilden. Von zwei Menschen, welche dieselbe Aeusserung belachen, kann der eine sie als pseudonaiv, der andere sie als eine witzige auffassen.

*3. Das Naive*

bildet, wie schon gesagt, die auf höchster Stufe stehende Form des Komischen. Die Bezeichnungnaivwird in einer weiteren und engeren Bedeutung gebraucht, je nachdem das unangenehme Gefühl aus der Verletzungirgend einerpraktischen, logischen oder ideellen Norm hervorgeht, oder sich nur aus einem Verstoss gegen unsere Ideen vonconventionellem, gesellschaftlichem Anstandherleitet. Es leuchtet ein, dass

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(natürlich nur für sittlich entwickelte Menschen) im ersten Fall das entgegenstehende angenehme Gefühl ein stärkeres sein muss, als im zweiten Fall, wo gewissermaassen nur künstlich geschaffene Gesetze verletzt werden. Immer aber ist es nöthig, dass uns in der naiven Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die Etiquette uns gezogen, nicht kennt und daher auch nicht zu respectiren braucht, indem sie einer freieren und höheren Sittlichkeit folgt. — Am häufigsten beobachten wir aus diesem Grunde die Naivetät bei Kindern, bei denen wir die Unkenntniss mit den künstlich geschaffenen Gesetzen des sogenannten Anstandes als naturgemäss voraussetzen. —

An Beispielen für das Naive ist kein Mangel. Eine recht hübsche und dankenswerthe Zusammenstellung von kindlich naiven Aussprüchen (untermischt mit pseudonaiven und unbewusst witzigen) hat Dr. Walter Hoffmann kürzlich in einem kleinen Heftchen unter dem Titel: „Humor aus der Kinder- und Schulstube. Eine Sammlung der vorzüglichsten Anekdoten aus der Kinderwelt" herausgegeben [1]. Ich empfehle dieses Büchelchen, aus dem ich auch schon oben einige Beispiele entlehnt habe, nicht blos weil es für den, der einmal tüchtig und von Herzen lachen will, reichlichen Stoff enthält, sondern weil es einen schätzenswerthen Beitrag zur Psychologie der Kinderseele liefert. —

Hier nur ein Beispiel:

„Aber Mama, wann essen wir denn heute", fragt der kleine Ernst seine Mutter. „Bald, warte nur noch ein Weilchen", entgegnete diese. — Nach einer Weile fragt er wiederum und erhält dieselbe Antwort. „Aber weshalb essen wir nur heute nicht; ich habe solch' grossen Hunger". — „Warte nur noch ein Bischen, bis der Soldat fort ist, dann wird gleich gegessen". — Darauf geht Ernstchen zum Soldaten in die Stube und fragt ihn: „Höre, wann gehst Du denn fort?" — „Gleich, mein Sohn, aber weshalb fragst Du denn?" „Nun, weil ich Hunger habe und Mama sagt, wenn Du fort bist, soll gegessen werden." Ich glaube, der Soldat hat über diese naive Aeusserung lachen

[1] Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1871.

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müssen, so wie wir jetzt noch darüber lachen. Wir haben hier zunächst eine Beleidigung unserer Idee von Schicklichkeit und gesellschaftlichem Anstand vor uns, andererseits aber bewegt uns die kindliche Unschuld, welche jene conventionellen Schranken nicht kennt und unbekümmert darum die Wahrheit sagen darf, in angenehmer Weise. — Aus gleichem Grunde lachen wir über jenes Kind, das, einen fremden Herrn empfangend die Abwesenheit der Mutter mit den naiven Worten entschuldigt: „Mama wird gleich kommen, sie setzt sich nur noch ihre Locken auf." Verstösst diese Aeusserung einerseits gegen unsere Idee von gesellschaftlichem Takt (und praktischer Klugheit), so befriedigt und erfreut uns doch in höherem Grade das rückhaltlose, wahrheitsliebende Bekenntniss des Kindes, welches in seiner Unschuld jene künstlich geschaffenen Lügengesetze nicht kennt und daher sittlich höher zu stehen scheint. —

Bei einer etwas anderen Auffassung kann diese selbe Aeusserung aber auch unter die nun folgende Form des Komischen gestellt werden, indem wir dann nicht über das Kind, sondern über die Mutter lachen, ja! dieselbe auslachen. — Wir empfinden nämlich über die eitle Frau eine gewisse sittliche Entrüstung und gönnen ihr nun die Blamage, welche ihr durch die Aeusserung der Tochter bereitet wird, als eine wohlverdiente; — unser Gerechtigkeitsgefühl wird dadurch befriedigt. Es wird bei dieser Auffassung, von der Naivetät der Aeusserung ganz abgesehen, und an Stelle der letzteren könnte eben so gut ein Zufall treten, der die Frau gerade beim Aufsetzen der Perücke überrascht werden lässt. — Es bestätigt dies Beispiel die unzählig oft zu beobachtende und schon erwähnte Thatsache, dass ein und dieselbe komische Situation oder Aeusserung mehrfache komische Elemente enthält, wobei natürlich im Ganzen der komische Effect sich steigert, wenn uns die verschiedenen Auffassungen nach einander zum Bewusstsein kommen. Gerade durch diesen Umstand wird aber die Beurtheilung des Komischen, sowie die Beibringung von einfachen Beispielen sehr erschwert. —

Dass das Naive im Gebiete des einfach Komischen die höchste Stellung einnimmt oder wenigstens dasselbe nach einer Richtung hin abgrenzt, erkennen wir am besten daraus, dass es aus demLächerlichensehr leicht in dasRührendeüber-

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geht. Ich führe dazu wieder ein Beispiel aus Walter Hoffmann an:

„Vom verstorbenen Prof. A. v. Schaden erzählte mir seine Mutter, sie habe einst auf seine Fürsprache einem Bettler Brod geben wollen und sich angeschickt, ihm ein Stück von einem Laibe abzuschneiden. Da sei ihr Sohn zu ihr getreten und habe ihr zugeflüstert: „Mama, die Thür steht offen, er (der Bettler) hat ja gesehen, dass Du einenganzenLaib hast, Du kannst ihm daher nichts abschneiden! (d. h. Du musst ihm denselben ganz geben)."

Diese Aeusserung ist offenbar eine naive, sie verstösst einerseits gegen unsere Idee von praktischer Klugheit, andererseits aber überrascht uns darin eine hohe Sittlichkeit und kindliche Unschuld. Wir lachen über die Aeusserung — aber zugleich ist uns auch vor Rührung das Weinen nahe. Indem nämlich jene hohe kindliche Reinheit in uns das Gefühl unserer eigenen Erbärmlichkeit und berechnenden Selbstsucht lebhaft anregt, werden wir beschämt und durch die Wucht jener Ideen gewissermaassen erdrückt. Dadurch wird aber auf Seiten der unser Selbstgefühl herabstimmenden Empfindungen ein Uebergewicht erzeugt, — aus dem der Affect des Weinens hervorgeht. —

Im Anschluss an das Naive muss ich hier wenigstens anhangweise den *Humor* kurz erwähnen, der als nächster Nachbar neben dem Komischen eine Form für sich bildet oder richtiger gesagt, einen besonderen Standpunkt bezeichnet, von dem aus das Komische und Rührende sich in etwas abweichender Weise erzeugt, und einen besonderen Hintergrund erhält. Aehnlich wie das Naive zeigt auch der Humor den leichten Uebergang vom Lachen ins Weinen („er lacht mit dem einen Auge, während er mit dem andern weint"), ebenso wie beim Naiven treten auch bei ihm als Erreger des angenehmen Gefühls die höchsten, sittlichen und religiösen Ideen in die Schranken; doch wie wir sehen werden, in etwas anderer Weise. Der Humor ist vor allen Dingen im Gegensatz zum Naiven, völlig bewusst, ja willkürlich. Er beruht ganz und gar auf einer subjectiven Auffassung, die bei dem Humoristen eine vorherrschende, eine allgemeine Weltanschauung geworden ist [1]. Er bringt vorsätzlich,

[1] Lazarus l. c.

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oder durch sein Naturell gezwungen, jedenfalls mit einer gewissen Vorliebe das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige, Gemeine mit den in ihm lebhaft vorhandenen hohen sittlichen und religiösen Ideen in Gegensatz. Daraus erzeugt sich einerseits in ihm ein unangenehmes Gefühl, andererseits aber entsteht dadurch, dassder Humorist sich gerade in dem Contrast mit dem Niedrigen, der Hoheit und Erhabenheit der in ihm ruhenden Ideen lebhafter bewusst wird, ein angenehmes Gefühl. Behält das Letztere das Uebergewicht, so erzeugt sich der komische Affect, während der rührende Affect dann entsteht, wenn wir lebhaft fühlen, dass unser eigenes Thun und Handeln mit unseren Idealen nicht im Einklang stehe. Dies sind die beiden Formen des sogenannten versöhnten Humors. Es kann nun aber auch der Fall eintreten, dass der Humorist durch das gegen seine Ideale kämpfende Niedrige und Gemeine zu tief gekränkt wird, — und an Allem verzweifeln möchte: dann entwickelt sich derunversöhnte Humor, der sich daher gern im Sarkasmus ergeht und wohl auch meist als erste Stufe dem versöhnten Humor vorausgeht. Letzterer ist, wie Vischer [1] richtig sagt, voll Unschuld, „aber es ist nicht die einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewusstsein hindurchgegangen, sich wieder mit ihrem Gott versöhnt hat". Dass die Humoristen bei all' ihrer Gemüthlichkeit, sehr häufig eigentlich, unglückliche Menschen sind, erklärt sich daraus, dass sie für Alles in der Welt vorgehende Widrige, für alle kleinen Leiden des Lebens ein viel feineres Gefühl haben als andere Menschen, und sich doch meist ihren Idealen gegenüber selbst klein fühlen. Daher haben die meisten Humoristen einen Anflug von Melancholie oder Hypochondrie. Aber selbst über diese wissen sie sich wiederum zu erheben, indem sie gewissermaassen an sich selbst ihren Witz auslassen. Aecht humoristische Personen sind z. B. die Narren im Shakespeare, ebenso auch Hamlet, der in vielen Scenen den unversöhnten Humor erkennen lässt. Ich erinnere an die Scene vor Aufführung des Schauspiels bei Hofe, wo er zu Ophelia sagt: „Was sollte ein

[1] Erhab. u. Komische p. 215.

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Mensch anderes thun, als lustig sein? Denn seht nur, wie vergnügt meine Mutter aussieht, und mein Vater ist doch erst vor zwei Stunden gestorben. Ophelia: Vor zwei Mal zwei Monaten, gnädigster Herr. Hamlet: So lange ist's her?! Ei da mag der Teufel noch schwarz gehen! ich will mir ein munteres Kleid machen lassen" [1]. — Weitere Repräsentanten des Humors liefert Jean Paul im Titan und Siebenkäs etc., vor Allen auch Sterne in seinem „Leben und Meinungen Tristam Shandys."

Neben dem bisher dargestelltensubjectivenHumor, „wo eine selbstbewusste humoristische Person auftritt, die absichtlich als solche handelt," giebt es, wie Lazarus richtig hervorhebt, auch einenobjectivenHumor, „wo nur der Leser und Zuschauer die Absicht und Wirkung des Humors empfindet", indem der objective Humorist, wie z. B. Falstaff, alle hohen Ideen, deren Widerpart er in Leben und Gesinnung ist, durch sein Reden und Thun in uns erweckt. „Er spricht von Ehre, Muth etc., stellt den König dar, wie er Heinrich straft etc., in Allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee Kennender und Zeigenden. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre), wir lachen, weil er selbst die wahre Idee in uns weckt und diese desto sicherer siegt, je angelegentlicher er dagegen kämpft" [2].

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem eigentlichenThema zurück, und wenden uns zur zweiten Hauptform des Komischen.

*II. Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen.*

Kam bei der vorher besprochenen Form des einfach Komischen überhaupt nureineVorstellung in Frage, die durch ihre Harmonie mit einzelnen und Disharmonie mit anderen Normen die beiden einander conträren Gefühle erregte, so sind bei der vorliegenden Formzweiim Komischen selbst enthaltene Vorstellungen zur Erzeugung des angenehmen Gefühls thätig während zum unangenehmen Gefühl wiederum nur eine der beiden gegebenen Vorstellungen die Ursache giebt. —

[1] Vergl. weiter unten das bei „Ironie" Gesagte. [2] Aus Lazarus l. c. p. 206.

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Wir haben hier die sogenannte

*Gerechte Schadenfreude*

zu erwähnen, bei welcher das unangenehme Gefühl aus dem Verstosse einer gegebenen Vorstellungsreihe gegen irgend eine der beiden Normen hervorgeht, während das angenehme Gefühl daraus resultirt, dass eine zweite gleichzeitig gegebene Vorstellung sich mit jener ersten in Rücksicht auf die ethische Norm derGerechtigkeitleicht verbindet. Die beiden Vorstellungen stehen dabei in dem Verhältniss von Ursache und Wirkung — von Vergehen und Strafe. Während uns einerseits die Dummheit, Schlechtigkeit u. dergl. ärgert, wird andererseits durch die gleichzeitig eintretende Strafe unser Gerechtigkeitsgefühl befriedigt. — Wir haben schon oben in dem zweiten vorläufigen Beispiel angeführt, wie in diesem Sinne auch den Gebildeten die Corpulenz eines Falstaff zum Lachen reizen kann. Wir erwähnen hier noch, als ähnliche sinnlich-hässliche Gegenstände des Gelächters, die Glatze und die rothe Nase, da wir auch diese Fehler (freilich nicht immer mit Recht) als Folgen einer etwas lockeren, üppigen Lebensweise anzusehen gewohnt sind, und wir demnach statt Mitleid mit dem also Entstellten zu empfinden, vielmehr durch die Befriedigung unserer Gerechtigkeitsidee angenehm berührt werden.

In demselben Sinne kann ein Gebildeter auch über die Dummheit lachen, nicht sowohl insofern er sich seines Besserwissens freut, als vielmehr in der Voraussetzung, dass die Dummheit mehr oder weniger auf eigenem Verschulden beruht und wir die den Dummen treffende Blamage oder auch einen geringen Schaden, den er erleidet, als verdient und ihm von Rechtswegen zukommend ansehen. —

Zu beachten ist aber hierbei ein sehr wichtiger Umstand (der gleichzeitig am besten die Richtigkeit meiner Erklärung beweist): Die Strafe darf nicht das uns gerecht erscheinende Maass überschreiten, sonst hört die komische Wirkung in dem jetzt besprochenen Sinne auf. Wir lachen über einen ungeschickten Menschen, wenn er in Folge seiner Ungeschicklichkeit ein mässiges Unheil anrichtet, etwa hinfällt und im Fallen sein Beinkleid an einer am wenigsten dazu geeigneten Stelle auf-

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reisst. Sobald wir aber sehen, dass der Fallende sich ein Bein gebrochen, oder sich sonst erheblich verletzt hat, so werden wir nicht mehr lachen, da die ihn treffende Strafe das uns gerecht erscheinende Maass bei Weitem überschritten hat. Das hat wohl Aristoteles mit seinem anôdunon ou phthartikon auch eigentlich sagen wollen: Ein Schmerz oder Schaden muss wohl vorhanden sein, derselbe darf aber über ein gewisses Maass nicht hinausgehen und muss verdient erscheinen. Um ein weiteres hierher gehöriges Beispiel anzuführen, erinnere ich an jenes Bild, einen Bauer darstellend, der damit beschäftigt ist, einen Baumast abzusägen, auf dessen äusserstem Ende er selbst sitzt. Die komische Wirkung dieser Darstellung beruht offenbar darauf, dass einerseits die Dummheit des Bauern, d. h. der Contrast seiner Handlung mit der Idee von praktischer Klugheit uns unangenehm berührt, während andererseits der in dem Bilde als unabwendbar bevorstehend gezeigte Fall aus der mässigen Höhe uns als Strafe für jene Thorheit gerecht erscheint, und somit wegen seiner leichten Verbindung mit jener ersten Vorstellung in Bezug auf die Gerechtigkeitsidee unserem Gefühle zusagt. Denken wir uns nun aber das Bild so verändert, dass jener Baumast über einem gähnenden Abgrunde schwebe, in welchen der Mensch nun hineinzufallen droht, so lachen wir nicht mehr, weil die Strafe für seine Dummheit bei Weitem das entsprechende Maass überschreitet und unsere Gerechtigkeitsidee dadurch umgekehrt gerade beleidigt würde. Der Umstand übrigens — das sei zum Schlusse noch erwähnt — dass die eine Vorstellung (die des Herabfallens) nicht unmittelbar im Bilde vorhanden ist, thut nichts zur Sache, und ändert die Auffassung dieser Form nicht. Es wird diese Vorstellung jedenfalls durch das Bild hervorgerufen, und geht mit in den komischen Contrast ein; ganz ebenso wie in den ersten Beispielen die rothe Nase uns ohne Weiteres die Vorstellung des Trinkens erweckt und diese nun ganz so wie eine unmittelbar dargebotene sich an dem Contrast betheiligt [1]. Auch dadurch endlich verfällt die Dummheit oft dem Gelächter, selbst der Gebildeten, dass sie sich, mit vielem Selbstgefühl gepaart, den

[1] Schopenhauer l. c. p. 107.

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Anschein besonderer Klugheit geben will, sich aber natürlich nun um so mehr bloss stellt. Wie vorher erscheint uns jetzt die den Dummen treffende Blamage wegen der Ansprüche, die er erhoben hat, als eine wohl verdiente.

Wir kommen nunmehr zur Besprechung der dritten Hauptform, welche wir nannten:

*III. Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen.*

Wie bei der vorigen Form sind auch bei dieser zur Erzeugung des einen Gefühls (hier aber des _un_angenehmen) zwei Vorstellungen im Komischen selbst enthalten, die sich in der dargebotenen Form nicht mit einander verbinden wollen, während andererseits in Folge der Harmonie einer der beiden Vorstellangen mit irgend einer Norm ein angenehmes Gefühl erzeugt wird. — Zu dieser Gruppe gehören zahlreiche Nebenformen, von denen ich die wichtigsten anführe. Als einfachste der hierher gehörigen Formen nenne ich zuerst:

*1. Das Komische der getäuschten Erwartung.*

Wie oben mitgetheilt, will Kant beim Komischen stets eine in Nichts aufgelöste Erwartung nachweisen können, und stützt darauf seine Definition. Richtig ist allerdings, dass die getäuschte Erwartung beim Lächerlichen sehr häufig angetroffen wird, doch spielt sie, wie sich leicht nachweisen lässt, in den meisten Fällen nur eine ganz nebensächliche Rolle, und dient höchstens dazu, die komische Wirkung zu steigern. Schon das erste Beispiel, das Kant zur Stütze seiner Definition selbst anführt, spricht gegen ihn. Lassen wir Kant selbst reden: „Wenn Jemand erzählt, dass ein Indianer, der an der Tafel eines Engländers in Surate eine Bouteille mit Ale öffnen und alles dies Bier in Schaum verwandelt herausdringen sah, mit vielen Ausrufen seine grosse Bewunderung anzeigte, und auf die Frage des Engländers, was ist denn hier sich so zu verwundern? antwortete:Ich wundere mich auch nicht darüber, dass es herausgeht, sondern wie ihr's habt herein kriegen können; so lachen wir und es macht uns eine recht herzliche Lust, nicht, weil wir uns etwa klüger finden, als diesen Un-

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wissenden, oder sonst über etwas, was uns der Verstand hierin Wohlgefälliges bemerken liesse, sondern unsere Erwartung war gespannt und verschwindet plötzlich in Nichts." —

Dass eine gewisse Spannung unserer Erwartung in diesem Falle vorliegt, will ich nicht leugnen; Wir denken etwa: „welch wichtigen Grund seines Erstaunens wird der Indianer wol vorbringen?" Doch dient dies Moment hier offenbar nur dazu, die komische Wirkung,die auch ohne dies vorhandenwäre, durch die geschickte Form des Vortrages zu erhöhen. Die Aeusserung bleibt auch komisch, wenn wir einfach den Indianer ohne weitere Vorbereitung verwundert fragen lassen: „Sagt mir nur, wie habt Ihr das Alles in die Flasche hineinbekommen?" — Die Frage ist, wie leicht ersichtlich, eine pseudonaive und die komische Wirkung erklärt sich bei dieser Auffassung leicht. Während die eigentlich dumme Aeusserung des Indianers unser Gefühl einerseits beleidigt, entdecken wir andererseits in derselben doch viel Ueberlegung und Klugheit, wenn wir uns auf den Standpunkt der bei einem Indianer ganz erklärlichen Unkenntniss in Bezug auf die beim Schäumen des Bieres wirkenden Verhältnisse stellen. —

Nebenbei freuen wir uns — obschon Kant es nicht wahr haben will — doch etwas unseres Besserwissens. Uebrigens bringt Kant noch eine Bemerkung, aus der sich die richtige Auffassung ahnen lässt. Er sagt nämlich: „Merkwürdig ist, dass in allen solchen Fällen der Spass immer etwas in sich enthalten muss, welches auf einen Augenblick täuschen kann. Denn wenn Jemand uns mit der Erzählung einer Geschichte grosse Erwartung erregt und wir beim Schluss die Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns Missfallen." —

Doch wir haben nun, da sich das Kant'sche Beispiel für die hier zu besprechende Form nicht als brauchbar erwiesen hat, noch Beispiele anzuführen, in denen die getäuschte Erwartung wirklich einwesentlichesGlied bei Erzeugung des komischen Affects darstellt. Als allgemeines Schema dafür können wir das bekannte: parturiunt montes nasciturridiculusmus anführen, zu dem unter Anderem der folgende Schwank, den der Clown im Circus oft ausübt, einen speciellen Fall bildet. Der Clown stellt sich an, als ob er über ein ziemlich hochgehaltenes Seil

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hinüber springen will, nimmt einen gewaltigen Anlauf, um dann plötzlich unter dem Seile hindurchzukriechen. In der Regel belohnt unauslöschliches Gelächter, namentlich im Olymp, diese Farce. Suchen wir den Grund dieses Lachens auf, so finden wir das zum Lächerlichen erforderliche unangenehme Gefühl hervorgehend aus der plötzlich getäuschten Erwartung. Das angenehme Gefühl dagegen entsteht einerseits aus dem befriedigten Selbstgefühl, indem dasselbe durch die Vorstellung, dass der Clown jener Aufgabe doch nicht gewachsen war, gehoben wird, andererseits wirkt die berechtigte Schadenfreude mit, indem wir dem Clown die Blamage, die er sich (wenn auch nur scheinbar) zugezogen hat, als eine verdiente gönnen; endlich drittens spielt eine gewisse objectivirende Schadenfreude, die wir über uns selbst empfinden, eine nicht unwesentliche Rolle. Während eigentlich der Clown uns auslachen könnte, dass wir uns durch ihn haben dupiren lassen, schwingen wir uns schnell zu einer Objectivität auf, in der wir im Stande sind, über uns selbst zu lachen. Da wo diese Objectivität nicht vorhanden ist, überwiegt leicht die Kränkung des Selbstgefühls, und es entsteht statt Lachen Aerger. —

Eine zweite hierher gehörige Form:

*2. Den komischen Anachronismus*

haben wir schon bei den vorläufigen Beispielen erwähnt. Wenn wir also, um noch einige andere Beispiele anzuführen, auf Raphael'schen Bildern den Stammvater Abraham mit eiserner Karst in der Hand, Gott Apollo mit einer Geige, auf anderen Bildern Soldaten, unter dem Kreuze Christi, Karten spielend und Tabak rauchend, Ferngläser in der Hand römischer Feldherren, Christus auf seinem Gange nach Golgatha von einem betenden Kapuziner begleitet sehen, so wirkt das Alles komisch, weil uns zwei Vorstellungen zusammen geboten werden, die sich nach der Norm der Gleichzeitigkeit nicht mit einander vereinigen lassen und durch ihre erzwungene Zusammenstellung ein unangenehmes Gefühl erzeugen, während das angenehme Gefühl auf der unserm Selbstgefühl schmeichelnden Vorstellung von unserem Besserwissen beruht.

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*3. Das Komische der Darstellung oder das Burleske und Heroisch- Komische*

leitet sein unangenehmes Gefühl her aus der Disharmonie zwischen der poetischen Darstellung und dem Inhalt. Beim Burlesken werden ernste, wichtige und erhabene Dinge in einer unwürdigen und sie herabsetzenden Weise vorgetragen. Als Beispiel mag Offenbach's „Orpheus in der Unterwelt" gelten. Beim Heroisch-Komischen werden ganz unbedeutende Gegenstände durch die Sprache als bedeutende dargestellt, wie z. B. in Blumauers Aeneïde. —

So lange das Burleske und Heroisch-Komische nicht zugleich witzig ist (was aber meist der Fall ist) steht der, aus der oben genannten Quelle fliessenden Unlust, ein Lustgefühl gegenüber, das wie bei der vorigen Form nur aus dem gesteigerten Selbstgefühl des Besserwissens entspringt.

Wir kommen jetzt zur letzten Hauptform des Komischen, die wir nannten:

*IV. Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellungen oder denWitz.*

Der Witzist eine der ausgedehntesten Formen des Komischen und erfreut sich gerade bei den Gebildeten einer besonderen Beliebtheit und doch steht er dem grössten Theile seines Inhalts nach auf keiner hohen Stufe, indem bei ihm das angenehme Gefühl (in der Regel) ohne Betheiligung sittlichen Wohlgefallens zu Stande kommt. Die logischen Normen und die Normen der Ideenassociation sind es vorwiegend, die bei ihm eine Rolle spielen, während die Beziehungen zu den ethischen oder ästhetischen Normen meistens ausserhalb des Witzes, neben diesem vorhanden sind und die komische Wirkung nur erhöhen. — Es hat daher etwas für sich, wenn Vischer in seiner ersten Schrift [1] den Witz: das Komische des Verstandes oder der Reflexion nennt und hervorhebt, dass die Untersuchung des Witzes theilweise mit der Lehre von den Gesetzen der Ideenassociation zusammenfalle. Das wesentlichste Merkmal des Witzes allen übrigen Formen des Komischen gegenüber ist aber Folgendes:

[1] Erhab. u. Komische p. 196 u. 198.

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Beim Witz entsteht die Unlust wie die Lust aus*zwei*Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit, und doch wiederum mögliche Vereinbarkeit mit einander, die Quelle der Gefühle bildet, während bei den übrigen Formen entweder nureineVorstellung beide Gefühle erzeugte, oder zwei dargebotene Vorstellungen doch nur zur Erregung deseinender Gefühlsgegensätze thätig waren.

Indem die zwei dargebotenen Vorstellungen zunächst nur unter einander und nicht zu unserem ganzen Ich (zu den ideellen etc. Normen) in Beziehung treten, regt der Witz unsere Interessen viel weniger an, als alle übrigen Formen des Komischen. Ganz richtig sagt deshalb Jean Paul von ihm: „er achtet nichts und verachtet nichts, Alles ist ihm gleich, sobald es gleich und ähnlich wird".

Sehen wir davon ab, dass der Unterschied des Witzes von den übrigen Formen des Komischen mir bisher nirgend so scharf präcisirt zu sein scheint, so ist er doch im Ganzen von den Autoren am richtigsten aufgefasst. Jean Paul bringt auch über ihn ungemein viel Treffendes, wenn schon er mit seiner eigentlichen Definition nicht glücklich war und den Mangel wissenschaftlicher Schärfe auch hier verräth. — Seine gelegentlichen Bemerkungen z. B., wenn er ihn den verkleideten Priester nennt, der jedes Paar copulirt, sind viel bezeichnender als seine Definition, nach welcher er die alte, in der That unzureichende Auffassung: Der Witz sei eine Fertigkeit, Aehnlichkeiten zwischen Unähnlichem zu finden, in der Art verändert, dass er den Begriff der Vergleichung substituirt, welche eine theilweise Gleichheit bei grösserer Ungleichheit entdeckt. Viel entsprechender ist die Definition von Vischer, der jene alte dahin erweitert: „Der Witz ist eine Fertigkeit mit einer überraschenden Schnelle mehrere Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie angehören, einander eigentlich fremd sind, zu Einer zu verbinden." — In dieser Definition ist freilich ungesagt, dass diese Verbindung in gewissen Hinsichten eine gerechtfertigte und uns angenehm berührende sein muss.

Doch berichtigt Vischer wenigstens seine in dem ersten Werke ausgesprochene Ansicht, dasskeinWitz einen eigentlichen Sinn habe, in seiner Aesthetik dahin, dass der Sinn zwar

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nicht innerlich organisch im Witz enthalten sei, doch in vielen Fällen von Aussen hinzukomme [1]. Vollständig treffend, wenn wir die darin enthaltenen Begriffe, Gleichheit und Verschiedenheit, mit unseren obigen Normen in Beziehung bringen, ist die schon erwähnte Definition von Lazarus, die eigentlich auf das Komische überhaupt gemünzt ist, aber, wie wir sehen, im Besonderen auf den Witz passt. Es sollen zwei Vorstellungen vorhanden sein, die einmal wegen ihrer Gleichheit zu einem einzigen Denkacte verschmelzen, während sie nach anderer Richtung hin, wieder ganz und gar verschieden sind, „die Möglichkeit und die Unmöglichkeit der Verschmelzung tritt zu gleicher Zeit ein". Das ist in der That das Charakteristicum des Witzes.

Die Schopenhauer'sche Definition werde ich bei Gelegenheit einer besonderen Form der Witze erwähnen, zu der wiederum alle von ihm aufgestellten Beispiele gehören.

Am ausführlichsten und in vieler Beziehung sehr glücklich hat in neuester Zeit Kuno Fischer [2] den Witz behandelt. Seine Darstellung, die halb vom psychologischen halb vom metaphysisch-ästhetischen Standpunkte ausgeht, weicht aber von der meinigen vor allen Dingen darin ab, dass Fischer ganz entsprechend seiner Auffassung des Thema's hauptsächlich die Frage erörtert, wie der Witz entsteht, auf welchem Boden er aufspriesst und wie er geformt wird. — Das Material, aus dem er besteht, behandelt Fischer nur gelegentlich. Darum ist selbstverständlich seine ganze Eintheilung eine andere, wenn ich auch in einzelnen Formen mit ihm übereinstimme. Entspringend auf dem Boden der ästhetischen Freiheit, die sich vom Begehren und Wollen fern hält und aus dem ungedruckten Selbstgefühl hervorgeht, ist nach Fischer's kurzer und knapper Definition der Witz ein spielendes Urtheil, welches die Fehler und Gebrechen, d. h. das Unfreie im intellectuellen Reich unserer Gedanken und Vorstellungen plötzlich aufdeckt, und mit unserem erhöhten und freien Selbstgefühl in den komischen Contrast bringt. Der Witz muss nach F. ganz entlegene, nicht gleichartige, sondern entgegengesetzte,

[1] l. c. p. 426. [2] Ueber die Entstehung u. die Entwickelungsformen des Witzes. Zwei Vorträge etc. Heidelberg 1871.

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nicht bekannte, sondern einander fremde Vorstellungen mit einander verknüpfen, dieselben aber plötzlich in der Pointe zusammenstossen lassen. „Was noch nie vereint war, ist mit einem Male verbunden und in demselben Augenblicke, wo uns dieser Widerspruch noch frappirt, überrascht uns schon die sinnvolle Erleuchtung". — Sehr mit Recht betont Fischer, wie auch Vischer, besonders das Plötzliche des Zusammenstosses der beiden Vorstellungen, d. h. die Pointe. Wir müssen auf diesen Punkt, der zwar indirect in unserer Aufstellung schon enthalten ist, am Schlusse noch einmal zurückkommen. Zunächst wollen wir die einzelnen Formen des Witzes untersuchen und durch Beispiele erläutern.

Wir können innerhalb des Witzes zwei inhaltreiche Hauptgruppen aufstellen, die sich durch die Entstehung des angenehmen Gefühls von einander unterscheiden; in der einen Gruppe ist dasselbe abhängig von der leichten Vereinbarkeit der beiden dargebotenen Vorstellungen in Rücksicht auf dielogischenNormen; bei der andern Gruppe entsteht die Lust aus der leichten Verbindung der beiden Vorstellungen nach irgend einerder drei Normen der Ideen- Association.

In der ersten Gruppe spielt der doppelte Sinn, die zweifache Bedeutung und Beziehung, welche in einer der beiden dargebotenen Vorstellungen steckt und in Rücksicht auf welche die Vereinigung mit der in der vorliegenden Situation enthaltenen zweiten Vorstellung, einmal möglich, das andere Mal unmöglich ist, eine Hauptrolle. Ich will deshalb der bequemeren Bezeichnung halber den Namen „Doppelsinn-Witze" dafür einführen, während ich die andere Gruppe (Ideen-)Associations-Witzenenne.

Wir behandeln zuerst die

*1. Associations-Witze*

als die tiefer stehende Form. Es werden hier also zwei Vorstellungen mit einander in einen Zusammenhang gebracht, der gegen die Normen der Logik verstösst, und dadurch Unlust verursacht, während andererseits die Verbindung derselben beiden Worte in Rücksicht auf eine der drei Normen der Ideenassociation eine leichte ist und dadurch das Lustgefühl begründet. Je

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nachdem das Gesetz der Aehnlichkeit, das der Gleichzeitigkeit oder das der Zeitfolge die Association erleichtert, erhalten wir drei verschiedene Unterklassen der Associationswitze. In der erstgenanntenUnterklasse, die ihrangenehmes Gefühl auf die Aehnlichkeit der beiden Worte stützt, nehmen die sogenannten *Klangwitze* das weiteste Gebiet ein. Bei ihnen ist die äussere Aehnlichkeit des Klanges massgebend. Wir haben schon oben unter den vorläufigen Beispielen auch von dieser Form einige angeführt: (Tracht — Eintracht; Ring — Hering.) Man nennt diese Sorte von Witzen auch „Kalauer" und achtet sie ziemlich gering; trotzdem hat selbst Shakespeare sie nicht verschmäht, indem er z. B. dem dicken Hans Falstaff folgende in den Mund legt. „Allerdings hat mein Wanst es weit in die Dicke gebracht, aber es ist hier nicht die Rede vonWänsten, sondern vonGewinnsten, nicht vonDicke, sondern vonTücke". — Nicht der geringste logische Zusammenhang besteht zwischen diesen, doch in eine enge Verbindung gebrachten Worten; nur der Gleichklang hält sie zusammen.

Ich erwähne hier ferner jenes schon bei Gelegenheit des Pseudonaiven angeführte Beispiel, wo das Kind, dem das Vaterunser gelehrt wird, fragt, ob der Vater Unser mit dem Onkel Unzen verwandt sei. Wir können diese Aeusserung auch als einen Witz auffassen, bei welchem das angenehme Gefühl (allerdings viel schwächer als bei der vorigen Auffassung) lediglich aus dem Gleichklang der beiden Worte Unser und Unzer hervorgeht, die sonst gar nichts mit einander zu thun haben, und deren Zusammenbringung unser Gefühl beleidigt. Jene Aeusserung steht, als pseudonaive aufgefasst, bedeutend höher, als wenn wir sie als Witz ansehen.

Zuweilen erhält die einerseits unsinnige Zusammenstellung klangähnlicher Worte durch äussere Nebenbeziehungen eine Art von Sinn, und diese Witze stehen dann um ein Weniges höher. Beispiele zu dieser Art liefern Fischart und Abraham a Santa Clara in grosser Fülle.

Dem letzteren nachgebildet sind die bekannten Klangwitze desKapuziners in Wallenstein:

Kümmert sich mehr um denKrugals denKrieg,Wetzt lieber denSchnabelals denSabel,

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Hetzt sich lieber herum mit der Dirn,Frisst denOchsenlieber als denOchsenstirnetc.Das römische Reich, dass Gott erbarm,Sollte jetzt heissen römisch arm.DerRheinstromist geworden zu einemPeinstrom,DieBisthümersind verwandelt inWüstthümer,DieAbteienundStifterSindRaubteienundDiebesklüfter,Und alle die gesegnetendeutschen LänderSind verwandelt worden inElender.

Im Anschluss hieran muss ich noch eine Abart der Klangwitze erwähnen, die sich von der gewöhnlichen Form dadurch unterscheidet, dass von den beiden Vorstellungen, deren Vereinbarkeit und Unvereinbarkeit eben den Witz erzeugt, nur die eine direct, die andere aber indirect gegeben ist. Hierher gehört besonders die theils absichtliche, theils unabsichtliche Verstümmelung der Fremdwörter, wie sie zum Beispiel von Onkel Bräsig in hohem Maasse geübt wird: Er spricht von dem Existent (statt Assistent) des Wasserdoctors, der nicht als Gregorius (Chirurgus) qualifikacirt war und keine Operamente (Operationen) machen durfte, ihm dagegen eine Extra-Einwickelung apoplexirte. Hier findet der Wettstreit zwischen dem wirklich ausgesprochenen und dem eigentlich gemeinten Wort statt, das wir sofort errathen müssen. In Bezug auf die logischen Normen haben diese beiden Worte, die nicht nur in Verbindung gebracht sind,sondern von denen eins sogar für's andere substituirtist, nicht das Geringste mit einander zu thun, ihre Klangähnlichkeit aber erleichtert andererseits die Association. — Man kann diese Confusionen (wie es mit dem gerade angeführten Beispiel wol gewöhnlich geschehen wird) auch als einfach komisch und nicht als witzig auffassen, indem man dabei weniger den Wettstreit der beiden Vorstellungen berücksichtigt, sondern vielmehr die komische Situation in's Auge fasst, dass Jemand, der sich aus Eitelkeit einen Anstrich von Bildung geben will und daher Fremdworte anwendet, nun durch Verstümmelung derselben doch seine Unbildung verräth, sich blamirt und auf diese Weise unser Gerechtigkeitsgefühl befriedigt. Dagegen werden wir die folgenden Confusionen schon eher als witzig auffassen: Finis coronat opium;

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tres faciunt collodium; Omnia mea mecum portemonnaie; exempla sunt spirituosa, mundus vult deficit etc. Hierher gehören vor allen Dingen auch die witzigen Verdeutschungen fremder Worte, die sich bei Fischart in so überaus reichlicher Zahl finden und die einerseits zwar von seiner kecken und oft zu weit gehenden muthwilligen Laune Zeugniss ablegen, andererseits aber auch wie Kurz in seiner Geschichte der deutschen Literatur richtig anführt, die ächt volksmässige Schöpfungskraft in ihm erkennen lassen, welche das fremde Wort zwar beibehält, ihm aber deutsche Form und deutsche Bedeutung giebt, wie in unseren Worten Opfern (von dem lat. offerre), Körper (corpus) etc. So bildet Fischart maulhenkolisch (für melancholisch), Pfotengram (Podagra), Affrich (Afrika), Notnar (Notar), Jesuwider (Jesuit), Untenamend (Fundament), Amend (Amen) u. s. w.

Die Aehnlichkeit der beiden zusammengebrachten Worte braucht sich aber nicht immer auf den äusserenKlangzu beziehen, sondern kann auch in anderen Verhältnissen stattfinden. So entsteht z. B. in dem „doppelten Kinderlöffel für Zwillinge", den Lichtenberg in seinem bekannten Auctionsverzeichniss ausbietet, das angenehme Gefühl durch die wegen ihrer inneren Aehnlichkeit leicht vor sich gehende Association der beiden BegriffedoppelterLöffel undZwillinge, während das Unsinnige der Zusammenstellung uns Unlust macht. In wieder anderen Fällen ist die Aehnlichkeit eine ganz versteckte und nur partielle und wird erst durch den Witz aufgefunden und hervorgehoben. Für diese Fälle passt die alte Definition, dass der Witz eine Fertigkeit sei, versteckte Aehnlichkeiten zu finden. Als Beispiel diene folgende Witzreihe von Heine, der von einer auffallend hässlichen Frau sagt: „Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus von Melos, sie ist auch ausserordentlich alt, hat ebenfalls keine Zähne und auf der gelblichen Oberfläche ihres Körpers einige weisse Flecken etc." Wir fühlen einerseits, dass dieser Vergleich zweier ganz heterogenen Gegenstände (einer hässlichen Frau mit der Venus) ein völlig unpassender ist — werden aber doch durch die wirklich vorgefundenen partiellen Aehnlichkeiten angenehm überrascht. Ein im gewissen Sinne umgekehrtes Beispiel wie das vorliegende bildet diewitzige Carricatur, bei der wir in toto wohl die Aehnlichkeit des Bildes mit dem


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