Chapter 2

»Denken die HimmlischenEinem der ErdgebornenViele Verwirrungen zu,Und bereiten sie ihmVon der Freude zu SchmerzenTief-erschütternden Übergang;Dann erziehen sie ihmIn der Nähe der Stadt,Oder an fernem Gestade—Daß in Stunden der NothAuch die Hülfe bereit sei —Einen ruhigen Freund.«

»Denken die Himmlischen

Einem der Erdgebornen

Viele Verwirrungen zu,

Und bereiten sie ihm

Von der Freude zu Schmerzen

Tief-erschütternden Übergang;

Dann erziehen sie ihm

In der Nähe der Stadt,

Oder an fernem Gestade—

Daß in Stunden der Noth

Auch die Hülfe bereit sei —

Einen ruhigen Freund.«

Ich küßte den Band und ließ ihn wie Honig in einem absterbenden Baume. Die größte Aufgabe der Indier während ihres Lagers im sogenannten Deutschland scheint mir die Läuterung des durch die herrschsüchtigen Neu-Römer verfälschten Christenthums, und so nahm ich als reines Facit nur »D. August Neanders Werke« und »Reinhards Plan Jesu« mit mir. Von weltlichen Büchern aber ein Buch — wozu ein Volk von Gelehrten gehörte, also die Deutschen, und Jahrtausend alte und reiche Kenntniß es zu schreiben — eine Bibliothek in Einem Werke, mit einem Wort: die unschätzbare »Encyclopädie von Gruber und Ersch.« Wenn einmal ein auf Welt-Unkostenreisender himmlischer Regierungsrath, oder himmlischer geheimer Consistorial-Assessor käme, und auf der Erde Schulexamen ihrer Kinder vorgehalten haben wollte, oder Adam früge: wie viel wissen denn nun meine Kinder durch die Frucht vom Baume der Erkenntniß; so thäte man füglich am kürzesten, dem Vater Adam oder dem himmlischen Regierungsrath oder himmlischen Ober-Consistorial-Assessor die Encyclopädie von Gruber und Ersch als Scriptum der geistreichen Kinder zur Einsicht und Kenntnißnahme gehorsamst darzureichen. Und der Bericht an die Weltregierung, das große Ministerium des wahren Cultus, würde glänzend ausfallen.

Jetzt Abends brachten mir arme Bürger eine Musik. Ich weiß nicht, ich bin bei allen Dingen standhaft, sie kommen mir alle noch weltlich, oberflächlich, menschlich vor. Aber, so wie Musik erschallt, wie Klänge aus der gewöhnlichen Menschenluft da draußen sich regen und hervorbrechen wie rosige Blitze aus Wolken, und wie Donnergemurr und Gottes Rede aus Wolken — dann bin ich hin, dann bin ich erweicht, und die Geistermachen mit mir was sie wollen, und das Ereigniß erscheint nun geweiht, es geschieht nun im ewigen schönen geheimen Leben; die Geister des Himmels wissen darum, sie loben, sie preisen, sie verherrlichen es mit ihren Engelszungen, und nur mit höchster Überwindung bring’ ich’s dahin, dazu und darein zu singen, und wenn mir’s gelingt, dann lebe ich mit in dem Leben der himmlischen Heerschaaren! Und nun sangen sie gar: »Befiehl du deine Wege!« . . . und mit erhöhter gewaltiger Stimme: »Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn. Was Er sich fürgenommen, und was Er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel!« . . . und das Kraftwort: »Mach’ End, o Herr, mach’ Ende an aller unser Noth!« — Da trat der General-Vormund mit meiner lieben Lehrtochter, der Baronesse, zu mir Einsamen herein. Sie wünschten mir Glück, sie empfahlen sich meiner Gunst und Vorsorge. Denn er übergab mir 2000 Guineen als Privateigenthum seiner Mündel, das in der englischen Bank gestanden und den Gläubigernnie mit gehört habe — nur die Baronie — und auf den Fall, daß sie den Gläubigern ganz gehören werde, sollte ich dem armen Kinde reicher Ahnen, der jungen Baronesse, drüben wieder ein Stück Amerika kaufen, so groß es für das Geld seyn werde und könne. Kaufen aber sollte ich jedenfalls; »denn,« sprach der General-Vormund, »in Zeiten muß Jeder für seinen Fall besorgt seyn. Vorsorge ist die wahre Sorge. Alles Andere ist Kummer und Noth.« — Dagegen versprachen sie mir, für meinen Sohn alles Mögliche zu thun, und meiner — Strohwittwe Freude zu machen, die eigentlich nur um des geliebten Sohnes willen dableibe — und die Freysingen gab mir ihr Händchen darauf, aber sie zitterte, sie war erröthet und ihre Augen schlug sie schüchtern nieder und ein Lächeln schwebte über ihr Gesicht und — ich segnete sie . . . . . wenn mein Vaterherz sie recht verstanden hatte, und sie weinte.

»Ja, es ist ein Elend,« stöhnte der General-Vormund; »die alten Burgen wäscht der Regen herunter, und auch alle die Herrenvon—»»die Herren von Hab’ und Gut«« — führt der Himmel auch herab unter die Menschenkinder.«

Am schwersten schien mir der Abschied von meiner alten lieben Großmutter, die in dem Alter von 88 Jahren und staarblind in meinem Hause lebte, still und ungemerkt. Aber er ward mir am leichtesten. Denn die gute Alte segnete meinen Gang und sprach: »Du hast wohl einmal gehört, mein Kind, daß mein jüngster Sohn August, um mich als Wittwe zu kränken, von mir gegangen ist nach Amerika. Das hab’ ich aus Rotterdam erfahren. Er war kaum Chirurgus. Meine Augen waren immer schwach; er wollte mich heilen und sein Mittel machte mich blind. Da stieß ich harte Worte im ersten Schrecken gegen ihn aus. Er solle aus meinen Augen gehn! Ich wolle ihn nicht mehr sehn! — Ich will Sie nicht mehr sehen, meine Mutter; ich kann es auch nicht! sprach er und floh. Mein Gesicht kam wieder. Er blieb fort. Nun bin ich blind! Nun kann er kommen! So lange habe ich gelebt, ihn wieder zu sehen! Und gieb Acht, er lebt noch, Du findestihn! Ja, so lange sterbe ich nicht, bis er kommt. Und Du kommst auch wieder, mein Sohn!«

Nach Allem endlich schliefen wir zum letzten Male im Hause zusammen. O das letzte Lichtauslöschen! Das letzte Gute-Nachtsagen! Und die Glockenschläge der alten Uhr vom alten Thurme! Und das letzte Tagabrufen des Nachtwächters! O die Welt ist entsetzlich tief und schauerlich! Und das Menschenherz ist sehr stark, und unzerreißbar von allen Erdbeben und Stürmen, die unter Gewitterwolken es zittern und klingen lassen von unbegreiflichen, hinreißenden Melodieen des Lebens. Und die Träume kamen; die alten Träume, die weinenden, kamen lachend; und die neuen Träume, die lachenden, kamen weinend! Und ich schlummerte ein wenig, und die Träume weinten viel, aber die Thränen standen am Morgenmirin den Augen. Und ich dachte, so ist schon Hunderttausenden gewesen, in alten Tagen und neuen! So wird noch Millionen seyn, so Gott will. Alle Thüren im Hause standen offen, als ginge es auf einen großen Jahrmarkt . . . . ich jagte noch unser Rothkehlchen hinaus in die Freiheit; ich liesden Zeisig aus dem Gebauer in die Freiheit — die Katze blieb und der Hund lief mit! Und sonderbar — ich schied von Nichts und von Niemand schwerer, als von Jemand, den ich doch mit mir nahm — von meiner Tochter! Wohl weil ich sah, wie sie Mutter und Bruder und Heimath verlor. Man muß die Augen zumachen wie ein Todter, den man hinausträgt, sprach ich zu mir. Mit offenen Augen schiede er selber schwer! —

»Du kommst wieder!« sprach mein Weib zum Abschiedswort, und blieb fest in der Hausthür stehen, »Komm’ wieder, Vater!« sprach mein Knabe, und kroch mir noch in den Wagen nach, um mich noch einmal zu küssen; — denn ich hatte Pfefferkuchen bei mir!

Ein Wagen ist so dumm nicht erdacht; nach hinten und an den Seiten zu — nur nach vorn, nach der Zukunft offen! Die Tochter saß neben mir, mein Schulmeister gegenüber und mein ältester Sohn, der mich begleitete. Der Schwager stieß in sein Horn . . . . mein Gott! ich hatte die Nacht noch Abschied nehmen wollen von Vater und Mutter auf dem Kirchhof — und nun mußteich denken: wir lassen nur Staub hier; was die Todten uns gewesen und was sie noch sind, das besitzen wir, das sind wir selbst, das nehmen wir mit. Sie waren auch überhaupt nicht von hier — sie sind auch noch weiter ausgewandert! Sie mußten. Wir müssen. Und in den frischen Morgen klang das Horn in den Wald hinein, in den Gesang der Vögel, den Berg hinan, dann den Fluß entlang — und die stillen Wellen reiseten ja alle so Tag und Nacht, so still nach dem Ocean! Die Morgensonne trat auf die Berge und lächelte uns an, die große Reisende, die gestern das Land gesehen, wohin wir wollten, und sie leuchtete unsdazu, gewiß dazu! Meine Frau hatte mir ein Blatt Papier beim Scheiden gegeben, ich entfaltete es; es war ein Notenblatt, das Lied: »Dir folgen meine Thränen!« Da that ich einen Morgenschlaf im Wagen, und die Ändern wurden still, und schliefen wohl auch. O Schlaf! Zwei Augen zu — und die Welt ist still, und das Herz wird leicht und rein, als schmölze der Schlaf es ein, läuterte das Gold, und gösse es nun in die Form des neuen Tages, die ihm die Hoffnung gegebenund reizend geschmückt. Im bestimmten Nachtquartier fanden wir uns mit dem Amerikaner und seinem Neger Wilberforce zusammen. Als er auch meine Mirjam aussteigen sah, schien er sehr froh — er diente ihr höflich-amerikanisch; er frug lächelnd: ob nicht der Diaconus mitgekommen? Sie sah ihn an, er sie; und sie errötheten Beide so flüchtig, wie eine Schwalbe vorüberfliegt. So kamen wir nach und nach, geschwind genug, durch vieler Herren Staaten, über Grenzen und Grenzen, durch mannigfarbig bemalte Schlagbäume, erhielten mancherlei kleines Geld heraus und bekamen nach mancherlei Ellen gemessen. Wir sahen das Bewegen, das Hinundherregen, das Umherdrehen von Soldaten, Fuhrleuten, Landleuten. Nur zu einer Übung in allerhand Privatkleidern sagte der Amerikaner: »Vergessen Sie das nicht!«

Und als wir so viele mißmuthige, verdroßne Gesichter gesehen, und wenig von Lust und Freude gehört, sagte er wieder: »Vergessen Sie das nicht! wenn Sie unsere Gesichter sehen. Kind und Greis sehen einerlei gleichgültig aus, und innerliche Betrachtungen und Überlegungen hemmen Hand undFuß und Auge und Leben. So tanzen wir auch noch nicht.Die Seeleist zu steif dazu.«

Endlich eines Abends überholten wir in einem dünnen Walde, im Sandweg, Auswanderer! Deutsche Auswanderer nach Amerika. Scheckige Ochsen zogen langsam einen Wagen fort, darauf Grabscheite, Hacken, ein Gebund Betten und kleine Kinder saßen, während die Väter, Mütter, Söhne und Töchter von drei Familien nebenher zu Fuße gingen. Ein andrer Wagen mit Pferden fuhr die letzten oder ersten nöthigsten Sachen, Säckchen mit Sämereien und allerhand Zusammengehäuftes von mehreren Haushaltungen. Wenn Swift ein Gebet über den Besenstiel verfertigt, so wäre mir gewiß jetzt ein rührenderes »Gebet über ein Grabscheit« gelungen, deren Eisen mich glänzend anblitzte. Die Leute gingen anständig gekleidet, aber stumm, wie der Sprache beraubt. Nur eine Jungfrau frug uns: »Wie weit ist noch Bremen?«

Dort liegt es ja! antwortete ich selber überrascht. Die Wagen hielten, die Männer nahmen ihre Mützen ab, Alle falteten die Hände und betetenein stilles Vaterunser, ein Walte-Gott, oder ein: Nun danket alle Gott! vermuth’ ich. Nun standen die Thürme der Stadt uns auf aus der Hoffnung, der hohe Angariusthurm, die Liebfrauenkirche, das Rathhaus, die Domkirche, die Sternwarte, alles in dem geschmückten grünen Wall umher wie Spielsachen in dem Raum eines Geburtstagskuchens. Dann die Masten der Schiffe! Seiler spannen hier Schifsstaue; dort schmiedeten Männer in Hemden große Anker. Dann umfing uns die enge Straße mit Häusern voll Erkern, über und über vorn mit Fenstern, wie eine streifigegläserneWeste, die Gott vor Schloßen bewahren möge. Endlich die lange Brücke, die liebe Weser und das große Wasserrad. Ein schöner junger Mensch begegnete uns, der unwillkürlich sein englisches Pferd anhielt, wohlwollend, ja fast zärtlich uns . . . ich glaube, zumeist meine Tochter, ansah, den Kopf senkte und dann erst still des Weges ritt. Zufall! Schicksal!

Denn mein lieber Master Erwin kehrte bei einem Handelsfreunde ein; ich, bei meinem redlichen, guten, besten Freunde, dem Doctor ProfessorWeber. Wir stiegen hinauf, er kannte mich nicht; ich aber wußte, daß er es war, ich brachte ihm Grüße von meinem Bruder, den ich gar nicht habe — und nun fiel er mir um den Hals. Seine schönen Kinder standen um uns und hielten den Athem an — meine Tochter hatte er nicht gesehen, und es ist wohl die eigenste Befriedigung, die schönste Lösung des heiligen Lebensräthsels: einem Freunde die erwachsene Tochter zu bringen, zu zeigen. Und das gute Mädchen stand vor ihm befangen, ja gefangen da, wie eine unbewußte Schuldnerin von unabwehrbarer Neigung und Liebe, die ich dem theuren Freunde im Herzen bewahrte. Er führte sie zu seinem Weibe, der auch ich gleich wie ein naher Verwandter war; und meine Augen hingen an seinen Knaben, wie an Ablegern einer köstlichen Nelke, die der Gärtner bisher nur immer allein gesehen hat! Und nun hat sie sich verdoppelt, vervierfacht, verjüngt, verschönt. Er fand mich im Verlieren, ich wollte nach Amerika, und die Glocke der Freude zersprang. Und so sagte er mir im Vertrauen, daß sein werther Freund und Gönner,der Graf B . . . . . St . . . . . . . ihm den jungen, incognito hierher gekommenen Prinzen empfohlen, der neben ihm wohne und den Titel eines Herzogs in seiner ursprünglichen Bedeutung den Deutschen auffrischen wolle — und als Führer der Auswanderer aus seinem nicht gar großen Ländchen auftreten, da sein Vater sich noch nicht entschließen könne, dem das Amt eigentlich zukomme. Denn, sage er, mit einem Schwarm junger Bienen, welche den alten Mutterstock verlassen, und in die neue, von den Spurbienen gesuchte Bäute schwärmen, zieht nicht ein junger Weisel, sondern der alte erfahrene Weisel des Stockes, als rührendes Beispiel für Menschen! Die Herzöge der alten Deutschen seien es auch nur für die Zeit des Zuges oder der That gewesen, und in dem drüben angekauften freien Lande möchten ihn die Seinen nun ferner zum Haupt wählen, oder einen Andern, wenn er nur brüderlich für sie gesorgt, bis wo sie sein und des Vaters nicht mehr bedürften. Er meine eine große, deutsche, zeitgemäße That dadurch zu thun, indem er mit Willen und Liebe sich an die Spitzeder Bewegung stelle; aber sein Vater wolle ihn davon abhalten, und werde dieser Tage in Bremen eintreffen, »um den so guten, edlen, feurigen, jungen Sohn auf gute Weise zurückzuführen und wieder einzuspannen in den alten schweren Wagen von Europa, von dem Niemand wisse, wohin er fahre, nur wie schlecht der Weg sei —« wie er selbst ihm geschrieben. Übrigens lagern Tausende von Auswanderern so eben jenseits der Altstadt, nach Elsfleth zu, die ich lieber sogleich gesehen und ausgefragt hätte. Da kam der junge Prinz gesprengt, er sprang ab, er kam herauf, und überrascht, uns . . . . ich muß es sagen . . . . meine Mirjam hier zu finden, sah er noch einmal so schwärmerisch schön aus, seine Augen leuchteten, aber seine Anrede verwirrte sich, selbst sein Gruß stockte, seine Frage blieb aus, und er schlug die Augen wie ein Mädchen zur Erde. Im Geiste hatte er schon seinen Titel abgelegt, und dem gewünschten Incognito gemäß, lernten wir ihn nur als HerrnLeutholdkennen! Leuthold — Publicola — der Name machte mir ihn werth; und als er nun hörte, daß ich die armen Einwohnervon zwanzig großen Dörfern hinübersiedeln wolle, überschüttete er mich mit einer Masse von wohlgegründeten Nachrichten aus redlicher Männer Munde, drückte mir die Hände, und es ward verabredet, das Lager der Auswanderer gegen Abend zu besuchen, und auf dem Pianoforte spielte er mir den unvergleichlich rührenden »Gesang der Pilger« aus Hasses Pilgerinnen vor, und sang dazu mit feuchten Augen und bebender Stimme. Ungern schied ich indeß. Denn ich hatte die eben angekommenen sechs Freundinnen meiner Tochter unterzubringen, die sich drüben vermiethen wollten.

Gegen Abend also gingen wir dann. Ich mit dem Freunde; der Prinz führte meine Tochter und sprach in seinem Feuer mit edlem Anstand zwar, doch wenig verhalten zu ihr — als uns der Amerikaner begegnete und als Freund sich uns anschloß. Er gesellte sich aber zu mir, ging mit mir hinter dem Paare, und sahe ernst und blaß aus und sprach nicht, und sahe bisweilen murmelnd lange starr zu Boden, als schimmere ihm unter der Erde ein großes Buch, dessenSchrift er mit Gewalt entziffern wolle. Der immer vorsichtige Mann stolperte jetzt sogar. Zuletzt trug er, wie ich wohl bemerkte, erst Eine, dann beide geballte Fäuste in der Tasche. Wilberforce, sein Neger, sahe, wie ein treuer Hund nach dem Jäger sieht, gespannt nach den Augen seines Herrn. Er frug endlich, doch leise, meinen Freund, wer der junge Gentleman sei, der die Miß vor ihnen führe. . . . . . »Der Prinz . . .« sagte ich ihm, zwar leis, doch etwas unvorsichtig, und er hörte es kaum halb, als ihm recht wohl schien. Es stand ein Lächeln auf seinem Gesicht, das ganz Europa weglächelte, ein kostbares Lächeln, das mich hinriß. Aber meine Tochter war noch Gänschen genug und noch von keinem Prinzen und so verbindlich geführt worden, und ich als Herr Vater und Unterthan steckte auch noch so tief in der Eselshaut, daß ich keine Scene, besonders nicht gleich und hier auf der Straße besorgte. Der schätzbare Master Erwin aber nahm mich unter den Arm, hielt mich zurück, als wolle er mir etwas zeigen; und als die Übrigen voraus genug waren, frug er mich ehrerbietig und lüfteteden Hut dazu: »Wollen Sie mir Ihre Tochter gönnen?«

Wie so? — frug ich.

»Zur Hausfrau! — meine ich.«

Ich wußte, wie meine Tochter dachte und fühlte. Ich gestand ihm das; aber auch, daß sie ihm, daß sie der je ihr eignen und freien Neigung entsagt — weil er Sclaven — hundert — fünfhundert Sclaven habe.

Der Mensch in dem Amerikaner, in dem Kaufmann und reichen Plantagenbesitzer ward roth. Er preßte die Lippen zusammen, blickte mit starren Augen ein inneres Bild vor seiner Seele an, und sprach dann: »Schon gut! meine ich. Also Sie meinen sonst Ja?«

Ich zuckte, eigentlich wunderbar froh die Achseln und meinte: Ja!

Da verließ er mich, ohne Übereilung, ging dem guten Prinzen zur Seite und sprach: »Wollen Sie mir nicht erlauben, meine Braut zu führen?«

Da ließen die Arme der beiden unschuldigen Kinder sich los. Mein Kind war blaß, so vielich sehen konnte, sie stand ein wenig vorgeneigt, mit gesenktem Antlitz, und hielt ihre linke Hand leicht über die Augen, ihre Lippen standen geöffnet, als wäre eine Rose plötzlich aufgeblüht.

. . . . Das habe ich nicht gewußt; — stammelte der Jüngling.

»Ich auch nicht! Aber Sie wissen es jetzt;« sprach der überraschte und überraschende Bräutigam.

Der Jüngling trat zurück. Die Braut ließ sanft und langsam ihre Hand von den Augen sinken, und ihre großen Augen sahen einen wunderbaren Augenblick nach mir zurück; dann sah sie vorwärts, sah nicht den Bräutigam an, der den gesenkten Arm anständig an den seinen nahm.

Und nun gingen wir — schweigend bis ganz in die Nähe des friedlichen Lagers. Da hörten wir singen, blieben betroffen stehen, und hörten nach rührender Weise in Moll ganz deutlich die Worte:

»Nun wandern wir mit Thränen aus,Von Bergen und von Thal!Die Erde ist ein großes HausMit manchem Saal!Du Sonne, kommst mit über’s MeerIn jene beßre Welt;Du Mond, du schiffst still nebenherAm Sternenzelt.

»Nun wandern wir mit Thränen aus,

Von Bergen und von Thal!

Die Erde ist ein großes Haus

Mit manchem Saal!

Du Sonne, kommst mit über’s Meer

In jene beßre Welt;

Du Mond, du schiffst still nebenher

Am Sternenzelt.

Der Boden zieht sich unterm MeerDahin, in sichrem Band;Und drüben hebt er sich so hehrAls freier Strand!Da drüben blüht der Frühling auchIm alten Himmelreich;Die Erde hält den alten Brauch —Bleibt Euch nur gleich!

Der Boden zieht sich unterm Meer

Dahin, in sichrem Band;

Und drüben hebt er sich so hehr

Als freier Strand!

Da drüben blüht der Frühling auch

Im alten Himmelreich;

Die Erde hält den alten Brauch —

Bleibt Euch nur gleich!

Habt Dank, Ihr Brüder, nah und fern!Ihr halft uns Alle gern;Habt großen Dank, Ihr großen Herrn,Habt Dank, Ihr Herrn!Ihr Flüsse habt den schönsten DankFür eure klare Fluth;Doch euer Trank, der macht uns krank,Ihr meintet’s gut!

Habt Dank, Ihr Brüder, nah und fern!

Ihr halft uns Alle gern;

Habt großen Dank, Ihr großen Herrn,

Habt Dank, Ihr Herrn!

Ihr Flüsse habt den schönsten Dank

Für eure klare Fluth;

Doch euer Trank, der macht uns krank,

Ihr meintet’s gut!

Nun sind wir Furcht und Qualen los,Wir werfen Alles ab;Und glückt uns Nichts — im ErdenschooßBleibt uns das Grab!Drum angenehme Ruh! Glück zu!Nun Alle gute Nacht!Haus, Bäume, Feld und Pferd und Kuh —Es ist vollbracht!

Nun sind wir Furcht und Qualen los,

Wir werfen Alles ab;

Und glückt uns Nichts — im Erdenschooß

Bleibt uns das Grab!

Drum angenehme Ruh! Glück zu!

Nun Alle gute Nacht!

Haus, Bäume, Feld und Pferd und Kuh —

Es ist vollbracht!

Viel thaten wir mit unsrem Arm,Viel tausend Städte stehn! —Der Korb ist nicht der Bienenschwarm.Sie stehn — wir gehn!Wohl hundertmal jed’ Beet mit FleißUmpflügten wir mit Muth —Das Land ist naß von unsrem Schweiß,Von unsrem Blut.

Viel thaten wir mit unsrem Arm,

Viel tausend Städte stehn! —

Der Korb ist nicht der Bienenschwarm.

Sie stehn — wir gehn!

Wohl hundertmal jed’ Beet mit Fleiß

Umpflügten wir mit Muth —

Das Land ist naß von unsrem Schweiß,

Von unsrem Blut.

Manch Schlachtfeld deckt die Väter zu,Der Todten morsch Gebein!Drum laßt uns ziehn in Fried’ und Ruh,Uns unser seyn!Nicht hundert Jahr, so kommen wirZurück zu Euren Gau’n,Und wie’s Euch geht, geloben wir,Mit Ernst zu schau’n!«

Manch Schlachtfeld deckt die Väter zu,

Der Todten morsch Gebein!

Drum laßt uns ziehn in Fried’ und Ruh,

Uns unser seyn!

Nicht hundert Jahr, so kommen wir

Zurück zu Euren Gau’n,

Und wie’s Euch geht, geloben wir,

Mit Ernst zu schau’n!«

*                   **

So etwas hatte ich noch nicht gehört auf Erden, gedachte aber an das Lied: »An Wasserflüssen Babylon.« Die Leute, die gesungen, schwiegen kaum, als wir von einer andern Seite her schon den Ausgang eines andern Liedes vernahmen, das junge Burschen in lustiger Weise sangen:

»Nun schnürt die letzten Lumpen einUnd macht ein groß Gebund!Schnürt Sonne, Mond und Sterne drein!Und bleibt nur fein gesund!

»Nun schnürt die letzten Lumpen ein

Und macht ein groß Gebund!

Schnürt Sonne, Mond und Sterne drein!

Und bleibt nur fein gesund!

Vor allen schnürt die Hände ein!Und Kopf und Herz und Mund!Ein Hüttchen wird schon drüben seyn,Das glaubt sogar mein Hund!«

Vor allen schnürt die Hände ein!

Und Kopf und Herz und Mund!

Ein Hüttchen wird schon drüben seyn,

Das glaubt sogar mein Hund!«

*                   **

Einer von ihnen wollte jetzt das bekannte Lied anstimmen: »Was ist des Deutschen Vaterland?« — als Andre ihn unterbrachen und frugen! Ist das noch nicht aus? — und Einer wollte in das Lied eingestimmt haben: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?« — Mädchen kamen uns entgegen gesprungen, welche schon einen Maikäfer gehascht und wieder fliegen lassen, und aus der dreißigjährigen alten Noth dazu sangen:

»Flieh, Käfer, flieh!Dein Vater ist im Krieg,Deine Mutter ist in Pommerland —Pommerland ist abgebrannt —Flieh, Käfer, flieh!«

»Flieh, Käfer, flieh!

Dein Vater ist im Krieg,

Deine Mutter ist in Pommerland —

Pommerland ist abgebrannt —

Flieh, Käfer, flieh!«

Die Knaben aber sangen ein andres, mir unbekanntes, schwermüthiges, treues Lied, auch aus Moll, was »die Schwalbe« hieß; denn unter diesem Titel forderten es von den andern Kindern zwei liebe, schöne Knaben, beide wie Brüder gleich gekleidet; beide gelbe Strohhütchen auf, beide blaue Jäckchen an, beide weiße lange Hosen und beide baarfuß. Sie sahen gesund, aber kummervoll aus. Und die andern Kinder wollten es, manche dem Anselm, manche dem Wilhelm zu Liebe mitsingen; die Brüder selber sangen nun, hell und bang herauszuhören aus dem lieben Knabengesang:

Du, meine liebe Schwalbe,Ziehst weit nun über’s Meer,Siehst meine Heimath wieder —Ach, wenn Ich doch —Duwär’!

Du, meine liebe Schwalbe,

Ziehst weit nun über’s Meer,

Siehst meine Heimath wieder —

Ach, wenn Ich doch —Duwär’!

Ich baut’ an Mutter’s FensterMein Nest mir einsam, leer;Ich säng’ ihr meinen Kummer,Wenn Stille um uns wär’!

Ich baut’ an Mutter’s Fenster

Mein Nest mir einsam, leer;

Ich säng’ ihr meinen Kummer,

Wenn Stille um uns wär’!

Da spräch’ sie einst zum Vater:»Das Lied macht mir so schwer!Ach, fange doch die Schwalbe,Und bringe sie mir her!«

Da spräch’ sie einst zum Vater:

»Das Lied macht mir so schwer!

Ach, fange doch die Schwalbe,

Und bringe sie mir her!«

Da laß ich mich ihn fangen;Die Mutter küßt mich sehr!Drauf soll ich wieder fliegen —Da bin ich schon nicht mehr!

Da laß ich mich ihn fangen;

Die Mutter küßt mich sehr!

Drauf soll ich wieder fliegen —

Da bin ich schon nicht mehr!

Da steht sie tief betroffen,Denkt bang an mich und schwer,Begräbt mich bei dem Weinstock,Der sagt ihr: daß Ich’s wär!

Da steht sie tief betroffen,

Denkt bang an mich und schwer,

Begräbt mich bei dem Weinstock,

Der sagt ihr: daß Ich’s wär!

Jetzt hatten wir Stimmung! Das Herz war uns schwer, und wir begriffen, wie den Abgeschiedenen zu Muth war, die mir so eigen bedürftig, so eigen heimathlos vorkamen, wie den Schiffern die müden Vögel, die vor Hunger und Müdigkeit ohne Menschenfurcht sich auf dem Fluge über das Meer in die Segelstangen setzen, sich ausruhen, auch wohl schlafen und im Schlafe vom Morgen träumend singen! — O Natur, du bist unter allen Masken nur Eine, voll Leid und Freude und Trost und Hoffnung immer und überall.

Darauf gingen wir hinter in den grünen Raum, wo die deutschen Auswanderer lagerten, theils in offen stehenden leeren Magazinen, Scheunen, theils auf dem Platze davor. Es ist unmöglich,zu leugnen, daß der Anblick ergriff: diese kraftvollen, rüstigen Männer, diese gesunden, auch schönen Weiber und rosigen Jungfrauen, diese Knaben und Mädchen, diese kleinen Kinder in Bettchen hier, dort auf Strohe liegend, und von den kleinen Schwesterchen gewiegt, herumgetragen, oder im Schlafe bewacht von einem treuen Hunde, der wie aus dem Schlaf die Augen nach uns richtete, aber die wohlwollende Seele in den unsern erkannte, nicht anschlug, nicht knurrte, sondern ruhig wieder die Schnauze hinstreckte. Auch alte Männer mit weißen Haaren saßen da, welche, kaufmännisch betrachtet, doch kaum die paar Thaler für die Überfahrt werth waren, und welche doch — wie die Türken in Constantinopel sich drüben in Scutari begraben lassen — auch drüben wollten begraben seyn. Sie schnitzten Löffel, auch nur Spielsachen für die Kinder. Hier und da hing ein Ochse oder eine Kuh, welche für ihre Mühe: die Wagen hierher an das Ufer zu ziehen, geschlachtet und für die Seereise in Fässer eingepöckelt wurden. Selbst einigen Ziegen war es so gegangen, die räuchern hingen, und ihre gehörntenFelle nicht weit davon zum Trocknen. Andere Ziegen mit schwellenden vollen Eutern, von den Jungfern mit Gras gefüttert und eben gemolken, sollten den Kindern auf der See frische Milch geben, und es drängte mich, den Weibern zu lehren, wie sie auch Milch aufbewahren können. Kessel kochten das Abendessen über Feuern; im Strom gefangene Fische zappelten auf dem Rasen noch ungeschlachtet. Wasserkrüge und kleine Trinkkrügchen standen bereit. Alle waren anständig gekleidet, Manche vielleicht aus Armuth sonntäglich.

»Welche Wehmuth geht von dem Raume aus!« sprach der Prinz. »Hier schaut man unleugbar: Ganz gewiß ist etwas vorgegangen, ganz gewiß ist diesen Menschen etwas Unleidliches geschehen, ganz gewiß hoffen sie Erlösung, eine bessere Zukunft, als sie hier abwarten und mit durchleben wollen, daß wir diese Tausend und schon Legionen und noch Legionen hier am Eingang des Meeres sehen! Etwas ganz gewiß. Das ist unleugbar. Etwas, dem Niemand helfen kann oder will. Denn menschliche Geduld ist — übermenschlich, oder deutsch. Ach, wer in alle die Herzensehen könnte! Diese Menschen sind nur — heilige Meerschweine, die auf die Oberfläche der See kommen, wenn Sturm soll kommen! Sie sind Sturmvögel! Oder fliegende Fische, die nicht vor Vergnügen . . . . sondern, dem Tode zu entgehen, vor Angst vor einem oder vielen kleinen Haien, sich der ihnen von der Natur aus Vorsorge zu Lehn gegebenen großen Flossen oder Flosse — der Schiffe — bedienen. Sie sind Männchen im Mantel, die aus dem Wetterhäuschen bei schlechtem Wetter herauskommen, und von der gekrümmten Darmsaite gezwungen, sich herauswinden müssen. Denn welche Schnecke bleibt nicht gern in ihrem Hause? Welcher Fuchs ist so dumm, aus der Haut zu fahren, als wenn sie aufgeschnitten ist und er gebrannt und geprellt wird. Der Mensch ist nicht dümmer als das Vieh, aberam Endeauch so klug und so tapfer. Ja der Zahnarzt, der keinen Zahnarzt findet, nimmt sich in der Angst selbst einen Zahn aus, und je weher er sich selber thut, je lieber er sich selber zur Thür hinauswerfen möchte, je gewaltiger ruckt er an seinem Zahne, bis er hinausfliegt. Kurz, hierschmerzen die Zähne, oder die Herzen. Herzensweh, größtes Weh!« sprach er und schlug die Augen nieder. Meine Tochter auch, die dem von Wohlwollen leuchtenden Jüngling mit feuchten Augen zugesehen, oder zugehört — ich weiß nicht.

Mein ehrwürdiger Prinz — wollte ich sagen — aber durfte nur sprechen: Sie einziger, theurer Herr Leuthold, wie ungern gebe ich Ihnen Recht — verzeihen Sie, es ist höchst unrecht und unanständig, vornehmen Leuten Recht zu geben — Furcht und Hoffnung treibt und jagt die Welt. Indeß, was Jeder, oder was Alle hoffen oder fürchten, ist nach der Bildung des Geistes und Herzens eines Jeden verschieden, und stuft sich ab von Brot bis zur Freiheit, von Qual bis zu Kälberbraten und Salat. Indessen wäre es doch höchst wichtig, selbst den Höchstwichtigen, zu wissen: was diese fliegenden Fische oder Wettermännchen fürchten oder hoffen, oder hoffenundfürchten. Wir wissen es so ziemlich gewiß, aber ob auch Diese? Doch das Volk weiß Alles wahr und klar, durch handgreifliche Dinge, und beurtheilt die Saaten und die Bäume nach Garbeund Frucht; die Graf Magnische Wolle, Electoral- und Königlich-Spanische Wolle beurtheilt es aber blos nach dem Rocke — den es selber tragen kann!

»Rem acu tetigisti! Sie haben den Schaden mit der Sonde berührt, und er schmerzt mich!« versetzte Herr Leuthold. Mein Schulmeister Tolera hatte schon Bekanntschaft unter der Menschenheerde gemacht, und er zeigte uns Studenten von verschiedenen Universitäten, die, wie er uns erzählte, statt Doctoren zu werden, mit dem Gelde von ihren Ältern, theils ohne . . . theils daß diese es wußten, und zufrieden waren, nach Amerika auswanderten. Sie wollen auf einer Nordamerikanischen Universität studiren, oder drüben Garten-, Vieh- und Menschenzucht betreiben, und haben sich schon die haltbarsten, schönsten Mädchen hier ausgesucht, die ihnen die Ältern nicht abschlagen wollen. Ich begreife gar nicht, wie aus altem Holze schon neue Triebe wachsen, wie man auf der Reise an’s Heirathen denken kann. Freilich paaren sich Störche, Amseln, Kraniche und Schwalben, grade ehe sie fortziehn — wie die fortgeschicktenPolen in Danzig alles von der Straße wegheiratheten. So wundre ich mich nun nicht mehr so sehr. Vorhin war ein Herr hier, der frug einen Professor, der auch mit auswandert: »Das sind wohl eigentlich alles Pracken?« Gewiß, versetzte der Professor; aber es bleibt dabei die Frage: ob sie geprackt worden, oder ob sie geprackt haben — alle Andern, alle Solche wie Sie, und Sie nicht ausgenommen. Dabei kehrte er ihm den Rücken. Tolera brachte uns aber eigentlich nur die beiden Knaben, die vorhin das Lied von der Schwalbe gesungen, und winkte sie näher. Sie kamen, die gelben Strohhütchen in den wie zum Beten gefalteten Händen, waren bildhübsch, und der Älteste, der Anselm, sprach: »Ach, liebe Herren, Alle oder Einer, unser Vater ist blos über dem Wasser hier drüben, in einer großen Stadt, die Kentucky heißt; unsre Mutter hat sollen nachkommen, sie ist aber gestorben, und nun lacht uns jeder Schiffscapitain aus, wenn wir ihn bitten: uns ohne Geld mit hinüber zu nehmen. Erbarmen Sie sich, Einer oder Alle, unsres Vaters, der wird sich doch gar zu sehrfreuen! Ach, und das ist ein rechtes Unglück, man kann drüben nicht mehr die Überfahrt abverdienen, wenn Einen der Capitain dafür auf ein paar Jahr vermiethet, das hat der drübensche Congreß verboten! Ach, wenn derCongreß uns sähe am Ufer stehen, er wäre ein barmherziger Amerikanischer Congreß! Aber die Congresse sind so weit von uns, so unbarmherzig und hart und wie blind, daß sie uns arme Kinder freilich nicht hier stehen sehen können! Aber Sie sehen uns stehen, beste Herren! Oder wenn Sie kein Geld haben, oder an uns nichts wenden wollen, befehlen Sie nur einem Capitain, daß er uns mitnehmen muß! Schreiben Sie es mit ihm nieder, daß er mich drüben verkaufen muß, für mich und meinen Bruder, den armen Schelm! Ich will Gutes thun. Indeß wachs’ ich noch größer. Und wenn ich meinen Vater erst in zehn Jahren sehe, so sehe ich ihn doch einmal und mein Bruder auch.« Die Kinder faßten vor Freude sich schon bei den Köpfen.

Master Erwin sagte uns, daß alle europäische Contracte in der Union gar nichts gelten, undwarnte uns. Meine Tochter schien ihn zu bitten, den lieben Knaben die Überfahrt zu bezahlen, als sie der Prinz schon beide an den Händen ergriff, und zu einem Capitain führte, der jetzt aus einer Scheune kam. Ein sonnegebräunter, kerniger, hoher Mann im blauen Frack und langen, weiß und roth gestreiften Hosen und Schuhen, einen dreieckigen langen niedrigen Hut die Quere auf dem Kopfe, wie ein kleines schwarzes Boot. Er gab jedem der Knaben darauf eine Karte aus seiner Brieftasche; und ohne vor Freuden sich nur zu bedanken, sprangen sie fort und rissen vor Eifer im Laufe andere Kinderchen um. Der Prinz kam still wieder zu uns. Master Erwin, oder nun mit Gott denn: mein Schwiegersohn, hatte indeß ein Gespräch mit mehreren Auswanderern angeknüpft, deren Einer ihn jetzt als Amerikaner auf sein Gewissen frug:

Also freies Raff- und Leseholz können Sie uns gewiß versichern?

»Auf fünfhundert Jahr vor der Hand, meine ich.«

Der Kreis sahe sich froh an. Eine alte Fraurieb sich den Rücken und seufzte: Da werde ich also nicht krumm und lahm geprügelt. — Mein Gott! wie bist Du doch gnädig da drüben über dem Wasser! Hier war es wie’s war!

Und ein Anderer frug wieder: Herr, ich habe wegen Angeln und Krebsen vier Jahr gesessen, und bin freilich ein Liebhaber, aber auch ein armer Teufel — wie steht es da drüben?

»— Freier Fischzug in allen Flüssen und Seeen. —«

Der Mann machte eine besondere Geberde, die aber uns nicht galt, zog einen alten Jäger herbei, und frug weiter: Der hier hat, als streng angewiesener Grünspecht, einen oder ein paar Wildschützen erschossen, die einen Hasen nicht haben herausgeben wollen — ist dort Wildpret genug? Denn, lieber Herr, wo jeder Bauer den Garten voll Pflaumenbäume stehen hat, da stiehlt kein Kind eine Pflaume.

»— Freie Jagd und Wildpret in Unzahl. Geflügel in Unzahl. Maisvögel, Truthühner, Tauben.«

Da möchte man sich das Leben nehmen!seufzte der alte Jäger, dessen Augen und Wesen deutlich verriethen, daß er dem Wahnsinn und einer schrecklichen That an sich selber ganz nahe stand.

Aber Wiesewachs, Futter für die Kühe! Wie viel Stunden weit hat man wohl in das Gras? und wächset auch welches?

»— Liebe Frau, da wird ihr der Rücken nicht weh thun. Die Kühe hinaus! und wenn Ihr hundert habt; und welche ihr melken wollt, die ruft Ihr bei Namen. Aber einen Namen muß sie haben. So macht Ihr es auch mit Euren hundert Schweinen, und Ihr ruft nur: Komm, laß dich schlachten! Ich lüge nicht, so mach’ ich es, so machen es tausend Nachbarn noch hundert Jahr . . . Ein Pfaffe hat Europa verdorben, und das Schwein verdirbt Amerika. Haltet keine Schweine, damit ihr keine Schweine werdet; denn auf dreimal Schinken den Tag, setzet Ihr auch vielleicht dreimal Whisky und Rum.«

Ach Gott! nur zu Weihnachten ein Schweinchen! schmunzelte eine Frau.

»— Schlachtet Ochsen! —«

Ach, der liebe Gott ist doch sehr gnädig da drüben über dem Wasser! Hier war es mit den Ochsen nicht recht richtig; stöhnte die alte Frau und sahe ganz jung aus vor Freude.

Aber, aber! sprach ein alter Mann: Ich habe Zeitlebens gearbeitet wie mein eigener Sclave, und habe Nichts, als diese Jacke auf dem Leibe, weil Arbeit uns hier nicht mehr nährt, Alles der bösen Nachbarn wegen, des Krieges wegen, der Schulden wegen, der Furcht wegen! Was wollte ich noch fragen? Ja! — Sind drüben gute Nachbarn? Sonst kehre ich heim.

»Das Weltmeer ist der schlimmste und beste Nachbar; übrigens ist dort kein Papst, kein Kaiser, kein König auf weit und breit. Friede und Brot!« sprach mein Schwiegersohn.

Friede und Brot! wiederholte der alte Mann; und drei alte Weiber sprachen nun wie die drei Eumeniden wieder im Chor: Mein Gott, wie bist Du doch gnädig da drüben über dem Wasser!

»MeineSöhne!« rief hier eine Mutter zu ihren vier Jünglingen. »MeineSöhne!« spracheine andere Mutter zu ihren Sechsen. »MeinSohn!« rief eine dritte Mutter.

»Ja, Euer seid Ihr dort!« sprach mein Schwiegersohn; »selber das ganze Land oder Reich, nämlich die souveraine Republik, ist dort Euer, und selber der Präsident, der bloß Euer Vorsitzer ist. Ohne Erbe ist kein Erbfolgekrieg; ohne Furcht vor dem Volke ist keine Unterdrückung, ohne Schulden sind keine Zinsen, ja, es ist die bitterste Wahrheit: in wenigen Jahren muß Jeder bei uns von der Regierung alle Jahre Etwas heraus bekommen an Gelde!«

Und die drei Eumeniden sprachen wieder: Mein Gott, wie bist Du doch gnädig da drüben über dem Wasser!

»Ihr habt Recht!« sprach er, »aber vergeßt nicht: blos Europa hat es dadrüben gut gemacht! Alles, was man hier im Geiste gesehn und gewünscht, das wird da drüben in Wahrheit; was man hier verwünscht hat, das bleibt hier begraben. Drum tretet dankbar und leise auf das heilige Grab und segnet es hier und noch drüben!«

Und es war wunderlich anzusehen, wie Einigeleise und schonend auf dem heiligen Boden des Vaterlandes — des Mutterlandes der Freiheit — fort zu den Ihren schlichen. Mir quollen die Thränen in den Augen.

Herr Leuthold aber drückte meinem Schwiegersohn die Hand, daß er Deutschland gepriesen als die saure Rebe der süßen Traube. Das Lager der Auswanderer hatte den tiefsten Eindruck auf ihn und uns Alle gemacht. Und diese ihre erzwungene Muße, dieses große Müßigsein voll stiller Geduld und schönen Zutrauens war allerdings ein eigener Zustand der Menschen auf Erden, in deren Leben wir einen tiefen, düstern und erfreulichen Blick thaten. Diese hier sangen, andre wuschen die Kinder, noch andre aßen, alles in herzlicher Eintracht. Einer theilte dem Andern mit, was er hatte, und es that ihm nur leid, wenn es ihm fehlte, und er sprach wohl freundlich zu ihm: Bruder, das habe ich nicht! und ein Nachbar hatte es gehört, rief ihn und sprach: Bruder, ich habe noch, komm! So wurden die Verschiedenen zu Einem. Denn gleicher Wille und gleiches Ziel verbinden die Völker.

Es war noch Zeit, unsre Arche, das Schiff zu besehen, das mein Schwiegersohn gemiethet. Wir fuhren zu Wasser hin. O so ein Haus! So ein großer verständiger Fisch! Wie sauber Alles. Und die goldenen Sterne, 27 Sterne, für jeden Freistaat ein Stern in himmelblauem Eckfelde der roth, blau und weißen Flagge. Seine Flügel schliefen. Die sauberen Räume standen noch leer. »Es ist nicht groß, darum geht es nicht tief, und kann überall eher ans Land;« sagte mein Schwiegersohn; »es ist neu, also wird es der Capitain nicht mit Willen stranden lassen, um die versicherte Prämie zu gewinnen. Ich habe es ganz gemiethet, es faßt 150 Menschen, und so kostet Jedem die Überfahrt ohne Essen und Trinken nur 30 Thaler. Sie kommen mit nach New-Orleans, um Florida zu sehen, das man so rühmt, und dann den Todtenstrom, den Missisippi hinauf, auf einem der Dampfboote, nach Kentucky, Ohio und wohin Sie wollen.«

So hatten wir denn, wie die Kinder, schon in der Kutsche gesessen, die noch ohne Pferde steht. Abends aber führte uns Master Erwin in dieVersammlung der verarmten Rittergutsbesitzer, denn wohl zwanzig Familien hatten seiner, auf des Vaters Befehl gethanen Einladung, mit Freuden Folge geleistet. Sie wohnten alle in der Nähe, sie waren versammelt, sie lernten ihn kennen, wir sie. Unter den merkwürdigen, anständigen, mitunter schönen Gesichtern und den unleugbar sich auszeichnenden Gestalten der Männer, Frauen, jungen Herren und Fräulein, und unter den mannigfachen Reden der Verdrossenen, Neu-hoffenden, vergesse ich nie die Valet- oder Standrede des Adels, welche ein launiger alter Herr hielt, welcher sich selbst den Herrn von Habenichts nannte. Unter andern sprach er: »O Don Colibrados, und alle Ihr Colibraden, kommt mit! Was Ihr einmal waret, begreift Niemand, Ihr selber nicht mehr! selbst Euren Namen nicht. »Wir sind vom Geschlecht der Colibraden!« Das Wort mußte uns Spannung geben. Für den Schein mußten wir alle Wahrheit opfern! Pferde, Spiele, Bälle. Wir tanzten wie ein gewisses fettes Thier vor Angst auf den heißen Eisenstäben. Denn der Güterhandel, der Pferdehandel, der Holzhandel,der Wollhandel, der Getreidehandel, kurz alle Handel und Händel brachten uns zum Tanzen. Was waren wir noch? Sequester der Juden! Sclaven unserer Schaafe und Ochsen. Und nun sollten unsere Junkerlernen!Lernen, was andere Menschen, die Krety und Plety, wissen und können; unsere Fräulein sollten Bürger heirathen — blos um das einzige Wörtchenvonim Stillen zu behaupten! Das sei Gott geklagt. Wir werfen das einzige Wörtchen »von« von uns ab, als den alten schweren Harnisch, verlassen die hohe Region, erwerben im Thale des Lebens für unser letztes Hab und Gut große Güter, und nennen uns heimlich, bis wir es sind, »die Herrenvon— Europa.« Und sind wir nicht dennoch die Vorbilder des Volkes gewesen? Und haben wir es nicht vortrefflich gehabt, so lange wir es gewesen? Haben wir Edlen nicht alle wilden Schweine, Hirsche, Rehe, alle Hasen, alle Rebhühner und Lerchen gebraten und gekocht, alle Hechte, Karpfen, und Krebse gegessen, bis wir dem gemeinen Volke den Mund wäßrig gemacht, und alle das liebe Wild ihnen verkauft, um Kutschen und Kleiderzu kaufen. Sind wir nicht Keiler, Zehnender, Hasen, Bretklötzer, Hechte u. s. w. über und über? Ja durch und durch! Und unsere Burgen und Zimmer, haben sie nicht nun Alle? Was wir tragen, trägt es nicht Jeder? Was wir wissen, weiß es nicht Jeder? Wie wir ohne Steuern und Gaben zu seyn wußten, will es nicht Jeder? Haben wir uns nicht gegen den hohen Adel gestemmt, und ihm Alles abgetrotzt? Kurz, durch uns Muster und Modelle sind nun Alle im Lande Edelleute geworden, ja sie wollen sogar edle Leute seyn! Und so sind wir die Steinplatte mit der ersten, so so gezeichneten Menschengestalt gewesen, welche man tausendfach abgedruckt hat, die aber selbst darüber abgenutzt und verwischt worden bis zum Unkenntlichen, hoff’ ich. Das war nobel! hoff’ ich. Und unser Lohn ist, der Abschied eines Dieners, oder eines Herrn, der sich unnütz gemacht hat — eines Stockes, der durch Lehre und Zucht der Schulknaben zu kurz geworden — eines Flegels in genere, der durch Dreschen abgedroschen ist, und in der Scheune verloren dahängt, als sein eignes Monument. O Welt, wie schönbist du, wie dankbar! so daß dein größter Dank für die Größten und Edelsten grace, der himmlische Dank ist: daß sie darin überflüßig, verachtet, verspottet, zum alten Flegel werden, vom seligen Herrn von Habealles, allmählig zum Herrn von Habewas, bis endlich zu meines Gleichen: den seligen Herrn von Habenichts! Und so danke ich allen meinen Ahnen, die das vollendet, — allen Schatten der nobelsten Geschlechter danke ich hier in dem Einen schwarzen Schatten, der von mir an der Wand schwebt, als letztes concretes und concentrirtes Bild unsrer edlen Kaste, ich gehe hinund küsse ihn dreimal laut: Dank! Dank! Dank!«

Und so that der herrliche fröhliche Mann wirklich, ging hin und küßte den Schatten »mit dreimal Dank.« Und mit sonderbarem Gefühl wischte er sich den Kalk der Wand von den Lippen, setzte sich und sprach: Nun sage Niemand mehr, daß Einer sich nicht selber küssen kann! Sie meine Herren und Damen, sind männiglich Zeuge! Und männiglich sind Sie, daß Sie mich nicht etwa erzürnt zur Thüre hinauswerfen, sondernso edel, so gescheidt, so politisch, so habsüchtig, daß wir in genere die Landstraße zu Wasser nach Amerika einschlagen wollen und werden. —

»Sie lachen! Alle! Sie lachen heiter! Sie haben überwunden;« sagte mir der liebe Leuthold ins Ohr. »Es wäre vielleicht doch nicht gut, ein ganzes Ländchen mit allen Ständen und Ständchen hinüber zu setzen! Wer drüben leben und denken, unbillig leben und denken will, der bleibe gleich lieber hier und leide sich und Andere! Man dürfte nur »Constantinopel wie es ist« — »Venedig wie es ist« — »Wien — Rom — wie es ist — Neapel — Baiern, wie es ist« — nach Amerika hinüber versetzen, und ganz Amerika wäre auf immer verdorben! Und das verdorbne Europa auch! Ich fange an, Nord-Amerika für eine Art wohlgedeckte große Freimaurerloge anzusehen, wohin man nur mit Schurzfell und Kelle kommen darf. Diese Erfahrung hier wird meine Übersiedelung stark berichtigen! Aber sehen Sie nur, was Herr von Habenichts auskramt!«

Ich sah. Dieser breitete eine große Charte von einem kleinen angekauften Ländchen aus, undzeigte Jedem sein neues Gut, oder doch Habe. »Für den Rest, den Ihr auf Eure Schulden herausbekommen, für die 5000 Thaler etwa, habt Ihr Jeder so viel Erde dort wieder, als Ihr hier niemals besessen — Teiche, Wälder, Wild! Für den Werth des Holzes in Wien oder Berlin kauftet Ihr hier ein Fürstenthum; aber thut es ja nicht! Denn dort müßtet Ihr verhungern, wenn Ihr das schöne Mahagoniholz nicht verbrennen wolltet zu Acker, da die Bäume keine Brotbäume sind. Aber Menschen — denn mit Erlaubniß, so nenne ich Euch jetzt, pflanzt Pisang! Pisang! Denn ein Stück Land, das mit Euren vermaledeiten Kartoffelnbepflanzt, nur Adam und Eva nährt, das nährt, mit Pisang bepflanzt, ein halbes Hundert. Ihr seht also, daß Ihr die alte Bärenhaut mitnehmen könnt, um dort mit den Händen so viel auszuruhen, als Ihr hier mit dem Kopfe habt arbeiten müssen. Jeder findet sein Haus, und gefällt es Euch nicht, wie vermuthlich nicht — doch ein Blockhaus ist kein Stockhaus, sondern nur einstöckig — so baut Euch Ein Schloß auf der Stelle, wo alle Eure Grenzenzusammenstoßen — einen großen Boarding, ein Gemeinlogis, schämt Euch des Namens nicht! Denn ein Gut, wovon nicht Jeder das Gleiche besitzen und brauchen kann, ist ein wahres Übel, wie unsereGüterwaren, welchen Namen ein alter Prophet aufgebracht, um uns einmal — das heißt jetzt — den Stolz zu benehmen. Aber was macht denn das Kartenspiel so interessant für die herrlichsten Menschen? Also auch für Euch, denn ich darf Euch nun Menschen nennen, und herrliche Menschen, denn Ihr habt wieder Etwas, ja viel — was reißt so zum Kartenspiel? Nun? . . . . daß sie Freiherrn werden, Schicksalsgötter, daß sie nach ihrem Kopfe mit Königen, Königinnen, Buben, As, Spadille und Manille verfahren können, wo ihnen keine Hausehre, kein Offizier, kein König darein reden darf, denn wenn er kann und will, sticht er — oder paßt, verpaßt. Seht, hier habt Ihr eine beßre Art Charte, die Euch noch froher machen wird — hier ist ein neues Spiel; setzt Euch ein! Da seid Ihr wieder Herren!«

Während nun die schöne klare Charte undmancher Plan den Auszug oder die Auszügler und Vorzügler des Adels beschäftigte, und sie wünschten, daß Alle als Nachzügler kämen, ward mein Freund Weber abgerufen. Er holte bald den Prinzen nach, dessen Vater, der Fürst, gekommen war, mein gnädigster Landesherr, der, obgleich souverain, doch, so viel er von höhrem Ort durfte, Jedem Freiheit ließ, ja gab. Und doch schien mir seine Ankunft dem guten menschenfreundlichen Prinzen fatal. Wir zogen uns auch zurück, und mein Schwiegersohn, Gott bewahre, nicht der neue Landesherr dieser vornehmen Neuweltsrekruten — unter welchen Obersten, Generale und große Thiere waren — sondern blos der bescheidene Herr ihres neuen Landes, ward von ihnen, wie Moses am rothen Meere von den Kindern Israels verehrt, und Jeder empfahl sich ihm einzeln zu gnädigem Schutz. So steckte noch die alte Lust und Gewohnheit: protegirt zu seyn, in den redlichen Leuten!

Zu Nacht erst war ich allein mit meiner Tochter, und konnte sie, als Braut eines ihr lieben Mannes, in meine Arme schließen und segnen.Sie war zu allem still, und sprach zuletzt nur: »O wenn nur die Mutter hier bei uns wär’!« — Ich deutete das in meinem Sinn, wie ich ihr eigentlich nur Segen von dem Segen gab, den ich durch ihre reiche Heirath über mich ausgeschüttet, fühlte. Fand ich drüben keine Anstellung als Prediger, vielleicht wohl gar bei den ausgezognen Adligen, und starb ich nicht, ehe ich verhungerte — so verhungerte ich nun nicht, sondern meine gute Tochter gab mir gewiß das Gnadenbrot! und ich konnte umsonst predigen, taufen, trauen, begraben, was bei uns der nobelste Bischof nicht thut, und wir theuren Herren kosten mit Kirchen und Schulen den armen Leuten zu viel, und ich habe immer einen Stich in der Seele gefühlt, wenn ich den Becher Taufwasser, oder den Leib des Herrn mit den paar Dreiern von den guten Leuten bezahlt erhielt, welche sie hinter dem Altare wandelnd hervorgesucht! Und doch schielte ich abscheulicher Mann dennoch manchmal nach dem Gelde, oder schlauer sogar nur freundlich, nach den Augen der Opfernden; denn, wer mit zugemachten Augen gab, der schämte sich, sowenig zu geben, als er in den bedeckenden Fingern mir auf den Altar heraufreichte — aber, mein Gott! ich bedurfte das Geld, und seufzte, wenn ich es so geschwind durchzählen konnte, und es für den Herrn Sohn auf der — Pferdeakademie nicht langte, denn er lernte reiten; oder nicht langte zu dem bestellten Weihnachtsgeschenk für die Frau . . . . und morgen ging die Post! Darum segnete ich die Tochter mit feurigem Dank für meine Erlösung und bat: daß alle Geistlichen so liebe Töchter hätten, auch so liebe Amerikaner fänden, um Alle, Alle im Geldsinn, nicht im Weltsinn umsonst zu predigen, umsonst Wein und Oblaten auszutheilen, umsonst kleine Kinder zu taufen, kurz, Alle von Judas Ischariot’s Sünde erlöst zu werden — wie ich nun schien. Ich schlief die Nacht in einem Rosengarten, der in Amerika lag; denn im Traume sah ich ungeheure Ströme, Höhlen, Wälder, Wasserfälle, Blumen und Bäume, tausend Wunder, Alles mir neu — und selbst meine Tochter wandelte dort, nebst einem Häuflein Kinder, aber mit dem Prinzen Hand in Hand, der sie dort in seiner Provinz, wohin er sein ganzesVölkchen übergesiedelt, als redlicher einfacher Herr Leuthold geheirathet hatte — — — und ich küßte ihm die Hand, aber er gab mir mit meiner Tochter Hand eine Ohrfeige, und die Hand war eiskalt! — So etwas mußte am Tage mir still durch die Seele gefahren seyn, ich meine nicht die Ohrfeige, sondern, daß die lieben Kinder ein schönes Paar wären!

Der Amerikaner sagte mir am Morgen nichts Näheres, Gewisseres über seine Verlobung — bloß, daß unser Schiff fertig liege, und daß der Wind nur nach Ost umzusetzen brauche. Freund Weber, vom Fürsten beschäftigt, konnte mir auch kein Wörtchen sagen, als: der hergeeilte Vater will den armen Leuthold nach Hause bringen oder zwingen. So kamen wir, ich, meine Tochter, Erwin, von seinem Wilberforce und nun seinem Tolera begleitet, am Ufer der Weser zu einer herzzerreißenden und doch herzerfreuenden Scene. Der junge Leuthold kam uns düster und allein entgegen. Er blieb bei uns stehen, wir lasen in seiner Seele, aber nicht laut, und deuteten lieber auf etwas auf dem Strome, den Knaben, dem er gesternmit seinem Bruder die Überfahrt zu seinem Vater in Kentucky besorgt hatte. Wir kannten den Anselm an seiner Kleidung, ja am Gesicht; sein Bruder Wilhelm fischte mit ihm. Wahrscheinlich hatten sie einen großen Lachs gefangen und der ältere Bruder beugte sich über, er konnte die Last nicht erheben, er wollte sie nicht fahren lassen, während der kleinere Bruder im Strome den Kahn nicht zu halten vermochte. Uns verging der Athem vor Angst. Er machte eine Anstrengung nach dem Fisch und stürzte in die Wogen des tiefen und breiten Stromes. Den kleinen Knaben führte die Strömung im Kahne davon. Der Verschwundene kam nicht herauf. Endlich, endlich erschien das schwarze kleine Haupt — das wieder überspielt ward, dann wieder einmal eine Hand — wie Geisterzeichen aus einer Mauer — endlich zwei Hände. Und indem wir starr hinblicken, ohne an Hülfe zu denken, erblicken wir eine Gestalt in der Gegend des Knaben — meine Tochter ruft gedämpft! es ist der Prinz! und fällt demAmerikaner um den Hals und verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust, und so hält sie ihn auf.Indeß seh’ ich allein das Traurige. Der menschenfreundliche Leuthold ist uns entschlichen, ist weiter unterhalb in den Strom gesprungen — weil kein Kahn hier steht — und hat sich gewiß gefährlich gestoßen an einem ungeheuren Pfahl; denn aus seinen gelegentlichen Worten von gestern weiß ich, daß er schwimmen kann — und jetzt doch dort draußen mitten auf dem Wasser hält er sich kaum. Er rudert; vergeblich. Er sucht; vergeblich. Er bedarf selbst der Hülfe. Der Amerikaner sieht, was vorgeht, über die Achseln seiner Braut, oder doch meiner Tochter. Eine seiner Wangen ist glühend roth, die andere weiß — er hat ein Auge geschlossen, eins hat er mitleidig offen. Ich rede zu ihm an das linke Ohr und frage: »kann Wilberforce nicht schwimmen?« — ich erwarte keine Antwort, gehe vor Eifer auf die andre Seite. »Wilberforce!« rufe ich. Das hat nun auf dem rechten Ohre der sonderbare, halbtodte, halblebendige, halbfrohe, halbtraurige Erwin gehört — er winkt, und der Neger, der sich schon bereitet hat, theilt sicher und flink, wie ein Reh, die Fluth — endlich,endlich kommt er auf die gefährliche Mitte. Ich habe nicht Augen genug, wie es sich ereignen wird, schon ereignet hat. Ein Kahn ist vom jenseitigen Ufer herüber gekommen zu Hülfe. Der Neger hat den rettenden Jüngling ergriffen, er zieht ihn nach. Aber Leuthold, Kindhold, Menschenhold hat den Knaben mit seiner Hand an der Hand und zieht ihn nach. Ich jauchze: sie leben! Er lebt! — Meine Tochter schlägt die Augen auf und sieht mich an. Sie lehnt sich nicht mehr an ihres Bräutigams Brust. Sie sieht nun selbst — der Jüngling wird von den Schiffern in den Kahn gehoben — aufrecht gesetzt, oder setzt er sich selbst; der Knabe wird zu seinen Füßen gelegt, und ist nicht zu sehn. Der Neger schwingt sich in den Kahn. Sie rudern schnell. Sie kommen. Sie nahen. Sie landen. Sie springen ans Land. Selber der Knabe kommt wie betrunken getaumelt. Maria faßt ihn in ihre Arme, so naß er ist. Er drückt sich die schwarzen Locken aus. Leuthold bleibt ruhig in dem Kahn. Ich steige hinein. Der Amerikaner steigt hinein — der schöne Jüngling ist ertrunken,und seine schöne Hoffnung ist dahin, ins Land der Hoffnung, oder war sie zuvor schon dahin. Und die Hoffnung vieler Tausend. Durch den Vater.

Der Bruder des Knaben kommt am Ufer heraufgelaufen. Er ist weiter unten glücklich gelandet. Es freut uns nicht. Hülfe kommt; ein Wundarzt; es freut uns nicht. Das edle purpurne Blut fließt aus dem entblößten mädchenweißen Arm des blassen schönen Jünglings; die Hülfe bleibt vergebens — es betrübt uns nicht. Der Vater, der Fürst kommt. Es betrübt uns nicht. Es ist sein einziger Sohn; er hat nicht Viele retten sollen — Einen zu retten, dem er schon Freude gemacht, dem er Vater und Vaterland wiedergeschenkt, das hat er nicht unterlassen können; die abgeschnittene Rebe hat in der engen einzelnen That sich ausgeweint. Meine Tochter weint. Sie soll mit dem Bräutigam gehen. Sie hat sein Wort nicht gehört. Er geht allein. Der Fürst schenkt dem Neger seine goldene Uhr; Wilberforce läuft seinem Herren nach, zeigt sie und frägt: ob er sie behalten dürfe? Der wirft sie gelassen in denStrom und geht. Jetzt eilen wir nach. Wir kommen zusammen nach Hause. Er hat vorher geschwiegen. Er schweigt auch jetzt. Er steht nur einmal still, blickt freundlich ernst auf den Boden — und ist dann der Vorige! So hing denn auch dieses hin, wie so Vieles in der Welt hinhängt, unausgemacht, ungewiß, selber die Sonne am Himmel.

Tolera berichtete am folgenden Tage, daß sich die Auswanderer alle bereiteten, mit Leuthold zu Grabe zu gehen, der ihnen so manches Gute gethan, wie sich jetzt erst hervorthat. Der Leichenzug wäre merkwürdig gewesen. Besonders wenn die guten Deutschen, wenn Diese noch so genannt werden durften, gewußt hätten, daß er ein Prinz sey, der einmal sich an die Spitze des Volkes zu stellen entschlossen war, um Volkswillen auszuführen, nämlich das Volk, wie Moses aus Ägypten. Wir unter uns glaubten, der Vater werde ihn in dem Bleikeller der hohen Domkirche beisetzen lassen, damit er dort unverweslich und unverwandelt als die größte Merkwürdigkeit ruhe und lehre. Der Vater waraber durch des Sohnes Tod, das Andenken an ihn, das Hineindenken in ihn so zum Sohne geworden, daß er ihn wenigstens in den Freistaaten begraben lassen wollte. Aber Amerika weiset die Todten von sich; kein Schiffer schifft sie hinüber. Das nennt man Aberglauben. Ich hatte die Ehre mit meiner Tochter, den Vater an demselben Abend bei meinem Freunde zu sehen, als Leuthold nach der Gruft seiner Ahnen abgeführt worden. Da ihm als Incognito Niemand besonders krumme Rücken und jämmerlich-unterthänige Redensarten zeigte, so sahe man hier, was Behandlung, die Art des Selbstbenehmens, thut. Er war fast wie wir andern. Es waren an diesem Tage mehrere reiche Auswanderer angekommen, denen keine leiblichen Güter fehlten, also nur die geistigen Güter; denn es waren bekannte hochgebildete Männer, und Frauen darunter!

Der Fürst erzählte, er habe mit ihnen gesprochen — und solcher Deutschen Auswanderung habe ihn frappirt — an das Herz geschlagen. Und wie schlugen mir seine Worte an’s Herz! »Europa,« sprach er, »Europa ist das Landwo alle Rechtsinstitutionen zuerst im Großen auf Völker angewendet worden sind. Seit einem Jahrtausend hat es sogar versucht, die Religion auf den Staat anzuwenden, in jedes Haus, an jeden Heerd, bis in das Gewissen jedes Menschen eindringend. Das sind denn wohl ungeheure, höchst ehrwürdige Versuche! Daß ihr Gelingen aber nicht möglich war, und seyn wird, daß Europa an dem Widerstreit seiner alten, ersten und nun hinzugekommenen entwickelten Institutionen untergehen wird und muß, deswegen grade sey es glücklicheren, durch keine alten Fesseln gehemmten Völkern desto ehrwürdiger — weil es rechtlich war! Es hat den Begriff des Rechtes festgehalten, und heilig das Erworbene, Überkommene geehrt; ob es gleich in späterer Zeit nicht neu ertheilt worden wäre, so hat es doch das Bestehende geschützt — um Keinen zu kränken, und lieber den Anschein haben wollen: als kenne es nicht das Reine, Vollkommene; lieber im Kampf mit Ablösung alter Asiatischer Gebrechen untergehen, als mit dem Schritt zu einem Zustande, wie er den Einsichten derentwickeltenMenschheitangemessen wäre, die Verbindlichkeiten seiner Erblasser abschütteln, und groß, frei, herrlich . . . . aberschuldigund verschuldet dastehn. Indeß sichern ihm seine niedergelegten Beweise von Kenntniß des Höchsten: die Achtung des Geistes überall; und seinVerhalten: den Adel des Herzens; und sein Schicksal und seine Verlassenschaft: die ewige Dankbarkeit aller spätern Völker. Und seine Grabschrift wird seyn: Es that, was Recht war; darüber ging es zu Grunde, der Welt zum Opfer. Have, anima pia!«

Er schwieg. Er dachte gewiß an seinen Sohn, denn er sprach noch einmal mit feuchten Augen auf Deutsch: »Ruhe sanft, du gute Seele!«

In dieser wehmüthigen Pause zogen grade die Studenten nach Elsfleth vorüber, um sich diese Nacht noch einzuschiffen. Wir hörten die ersten und letzten Verse ihres Liedes nicht, nur diese beiden, die mit Kraft und Jubel gesungen, nicht ohne Eindruck blieben:


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