Chapter 3

Dem Menschen ist nichts angeboren,Als Maul und Nase, Aug’ und OhrenEt caetera! Et caetera!Und hat er nicht den Kopf verloren,So steht der Bursch stets neugeborenIn Galla da! In Galla da!

Dem Menschen ist nichts angeboren,

Als Maul und Nase, Aug’ und Ohren

Et caetera! Et caetera!

Und hat er nicht den Kopf verloren,

So steht der Bursch stets neugeboren

In Galla da! In Galla da!

Dem Menschen ist vieleingeboren —Ein Leben, frei und unbeschorenEt caetera! Et caetera!Wo guter Wein gut ausgegohren,Da singt der Bursch, wie neugeboren:Halleluja! Halleluja!

Dem Menschen ist vieleingeboren —

Ein Leben, frei und unbeschoren

Et caetera! Et caetera!

Wo guter Wein gut ausgegohren,

Da singt der Bursch, wie neugeboren:

Halleluja! Halleluja!

»Die guten jungen Menschen!« sagte der Fürst. »Wirklich: jungeMenschen! Sie kommen mir so unschuldig vor, wie der Lebensbalsam, der nicht in der Retorte bleiben kann, in welcher er bereitet worden, sondern übergeht! Auch keine Blume blüht in der Erde, in der sie gekeimt. Dann ist die ganze Natur treulos, wenn diese jungen Blumen, jungen Menschen treulos sind. Diese alle fliehen den langweiligen unsichern Proceß, das Recht zu gewinnen. Und . . . . sie wollen des Lebens positive Güter. Und wie kommen mir Alle, alle die Auswanderer so fromm vor, gar so fromm! Sie murren nicht,sie tadeln nicht, sie klagen nicht! Sie leiden! Sie meiden!Sie gehn! Geht mit Gott! Ruhe fordert der Mensch mit Recht; Ruhe seit uralten Tagen; Ruhe zu eigenem thätigem Leben. Und darum Sicherheit — heitere Aussicht — Lämmer am Himmel, nicht Kriegsgestalten. Und hätten wir nicht Alle die Ruhe verdient? Ist es nicht unmenschlich, dem nicht die Ruhe zu gönnen, der sie erlangen kann, der gern arbeiten will, daß ihm das Blut aus den Nägeln dringt, um nur Ruhe zu haben. Die Ruhe ist ein inneres Gut. Und wäre ich so reich, um Jedem sein halbes Brot da drüben zu sichern, und wäre der Mantel des Doctor Faust noch im Gange, daß Jeder gleich drüben erwachen könnte mit allen den Seinen, und früh zu dem Fenster hinaus sehn — wie viele Ämter würden früh ohne Männer seyn. Pfarrämter, Gerichtsämter, selber mancher Ministerstuhl würde leer stehn. Und nur die, welche vom Wirrwarr, vom Kritisiren leben, die würden, sich dann doppelt breit und groß machen, wie Kinder, die auf dem Kirchhofe den Geist spielen, und das Betttuch auf demRechen emporstrecken. Indessen ist das Meer eine Art von Zaubermantel. Die Reichen ziehen fort, um ihres Wohlstandes sich drüben doppelt zu freuen, doppelt reich zu seyn — leiblich und geistig. Selber die Besten ziehen fort, die da glauben, daß es in Europa gewiß gut werden wird, ja daß die deutschen »Vereinigten Staaten« die Amerikanischen himmelhoch übertreffen werden. Aber da hört’ ich ein Lied derselben, das heißt:

Und selber die LeidenUnd Wehen vom Neuen —Die wollen wir meiden;Dort Deiner uns freuenWie Hirten vom Feld —Du geborener Held!

Und selber die Leiden

Und Wehen vom Neuen —

Die wollen wir meiden;

Dort Deiner uns freuen

Wie Hirten vom Feld —

Du geborener Held!

Und sie glauben also: Wir müssen durch den großen Umschwung in Europa uns viel mehr verwandeln, aus Mangel an Kopf oder Geld von dem in Schwung gebrachten Rade zur Seite geschleudert, als wir uns dort verwandeln müssen, nämlich nur die Augen aufmachen! Die Armen aber, sie finden drüben die oft uns genannten zehn Plagen nicht. In Amerika sind nicht:Europäische Politik; stehende Heere; zu kostspielige Hofhaltung; Aristokratenherrschaft; papistische Umtriebe und Priesterherrschaft; Staatsschulden; Staatspapiere; Handelssperre durch directe und indirecte Abgaben; Ungleichheit der Besteuerung; Ungleichheit vor dem Gesetz. —NichtsistViel. Viel ist Nichts. — So gehen sie denn. Und mit doppeltem Eindruck wiederholte er seine Worte: Sie murren nicht, sie tadeln nicht, sie klagen nicht. — Sie leiden! Sie meiden.Sie gehn. Geht mit Gott! Gott ist gewiß auch über dem Wasser!«

Zu diesem Worte, das uns an den Alten-Weiber-Spruch erinnerte, mußten wir beinahe lachen. Er schloß aber ernst:

»Denn keusche Reinheit, zarter GöttersinnWohnt in dem armen menschlichen Geschlecht.Im stillen sanft, im Ganzen allverbreitetLaß es das Leben allgemach sich schmückenAuf reinstem Wege, wie dem Menschen ziemt.Die Einzelnen nur mögen Reue fühlen,Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht,Ziemt alles Große, Würdige und Schöne;Und sicher seines Tags, in mildem Stolz,So wandelt’s rein zum reinsten Erdenglück.«

»Denn keusche Reinheit, zarter Göttersinn

Wohnt in dem armen menschlichen Geschlecht.

Im stillen sanft, im Ganzen allverbreitet

Laß es das Leben allgemach sich schmücken

Auf reinstem Wege, wie dem Menschen ziemt.

Die Einzelnen nur mögen Reue fühlen,

Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht,

Ziemt alles Große, Würdige und Schöne;

Und sicher seines Tags, in mildem Stolz,

So wandelt’s rein zum reinsten Erdenglück.«

Ich führe diese Gesinnungen deswegen an, weil sie darauf einen geheimen Contract zwischen dem Vater des Leuthold und Herrn Erwin zur Folge hatten, worunter ich mich nur als Zeuge mit unterschreiben mußte, ohne jetzt mehr zu erfahren, als daß beide Theile dabei das Beste ihres resp. Vaterlandes besonders im Werke führten. So viel jedoch konnte ich mir abnehmen, daß die Sache einen Austausch von Einwohnern oder Unterthanen betraf, wie sie für jedes Land am zweckmäßigsten wäre! Ich sollte dabei höchlich interessirt seyn, und vorzüglich wirken. Ich! Und somit ward ich in die Welt verwickelt. Wer lebt, kann in Alles gerathen. Ein Kind kann groß wachsen, ein Erwachsener kann Soldat werden, ein Soldat kann — Nelson erschießen! oder Moreau! die auch einmal Jungen gewesen sind. Denn dieß ganze Geschlecht besteht aus großgewachsenen Jungen und Mädchen, und die Kinder spielen nun Leute. Darum kann ich immer keinen rechten Respect vor allen den Herren bekommen! Und was ich selber thue, kommt mir immer nur wie ein großer Kinderstreich vor!Und wenn mich ein alter Bauer »Hochwürden« nannte, so mußte ich mich recht zusammennehmen, um das Amtsgesicht zu machen! Wie mag das dem Papst erst schwer werden! Nur nicht, wenn er bedenkt, daß alle seine Vorfahren und Pfaffen ja eigentlich auch nur Kinder sind. Im Nebenzimmer, unter vier Augen steckte mir der Fürst den kostbaren Ring an den Finger, den sein Leuthold getragen — als ein Andenken für meine schöne liebe Tochter an ihn. Die Vornehmen erfahren und vermuthen doch Alles, weil Jeder sie für seinen Beichtvater hält, dem er Alles aus dem Herzen schütten muß, und der alle Sünden vergeben kann. So war auch meine Tochter verrathen — oder ihr zur Ehre nur der gute Leuthold. Ich kehrte aber die großen funkelnden Steine des Ringes in das Inwendige der Hand — und mußte noch obendrein mich bedanken. Es kam aber nicht besonders heraus. Mehr Freude machte mir ein Beutelchen Gold zum Abschiedsfest der Auswanderer im Lager, damit sie »Einen guten Tag« in Deutschland, hätten. Und wir Andern, die sich selbsthinauspracticirenden Adligen, die Wohlhabenden, kurz wir Alle feierten das Abschiedsfest mit ihnen, unter ihnen als alle nun: Neue Landsleute! Amerikaner! Das Fest war sehenswerth, mehr aber hörenswerth, am meisten jedoch bedenkenswerth.

Ein weißer weiter Frühlingsnebel bedeckte das Vaterland am Einschiffmorgen. Wir sahen die Sonne nicht mehr. Nur einzelne Stimmen ließen sich vernehmen, und ein gewisser Krüppel sang wieder sein unvergessenes Lied: Frisch auf, Cameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! — Wir umarmten die bleibenden Freunde am Ufer, empfahlen ihnen die Abschiedsbriefe in die Heimath, und saßen dann wie die alten Helden — im Pferdebauch. Kanonenschüsse donnerten, so daß wir in der Seele recht hell erwachten und einen Blick in die Welt thaten. Der Lootse, ein Kerl wie ein Bär aus Helgoland, sprang aus dem Nebel auf das Verdeck, der Anker ward eingeladen und wir schwammen! Das nächste Land, das wir sahen, war Amerika, und dazwischen lag nur die Meereswüste,wie vor den Kindern Israel ihre Sandwüste, um in der einsamen heiligen Zeit unsere Sünden abzubüßen und neue gute Entschlüsse zu fassen. O Weltmeer, mit deinem blauen Gewölbe, worin des Tages nur Eine große Lampe vorübergetragen wird, und des Nachts viel tausend goldene Lampen — welcher Tempel vergleicht sich dir! Wo man den Menschen vergißt, da erscheint Gott! Und Deutschland lag mit seinem Gewimmel, seinen Thürmen und Hütten hinter uns, wie den Nachhauseziehenden eine kleine Stadt mit ihrem verlöschenden Jahrmarkt, wenn es drinnen finster werden will. Nur als draußen auf offener See am Abend der Mond aus der Fluth aufstieg, als ich glaubte zu Hause zu seyn, und nur die Tochter neben mir stand, da wurden die Augen mir feucht, und ich lehnte mich an sie. O was ist ein Kind in der Fremde! Wir sehen uns an — und wir reisen nicht; wir sind daheim; da wo wir auch zu Hause daheim sind, wenn wir uns ansehn. Nur die Mutter hatte mir das Herz schwer gemacht; denn das Postschiff hatte uns draußen bei Wangerooge nocheingeholt, Briefe nachgebracht — und meine Frau schrieb mir: »Ich komme! Segle vor dem Zwanzigsten ja nicht ab! Ich bringe unsern Gustav Adolph mit. Es hat sich hier viel verändert!« — Und das las ich bei vollem Winde den Achten des Monats! Zwölf Tage zu spät! Ich hatte ihr geschrieben, daß Steinbach unsere Tochter zur Frau von mir begehrt, und daß ich sie ihm zugesagt. Das war gewiß Eine von den Veränderungen, die sie bestimmt hatten, mir sogleich nachzufolgen. Und nun war ich fort! Mit einem schweren Seufzer mußte ich auch Das gut seyn lassen, wie tausend Andere in der Heimath! Ich verschwieg aber der Tochter die Nachkunft der Mutter, meine Sorge und die Verwirrung, welche nun entstehen mußte. Die Männer müssen verstehen, das Schwerste allein zu tragen. Darum sind auch noch die Weiber und Kinder so lustig in Deutschland. Dafür wußte ich Einem Vater drüben Freude zu machen, durch die zwei Knaben, den Anselm und Wilhelm, die mir anvertraut waren. Vom Schulmeister Tolera unterstützt, hielt ich Vor- und NachmittagsSchiffsschule mit den Kindern der Auswanderer, und trieb vorzüglich nur Neueweltkunde, Geographie und Naturgeschichte. Die Kinder lernten alle wie Genie’s! Denn das Interesse lag vor uns — nicht rückwärts! Das ist die Ursache, daß so viele Candidaten, besonders der heiligen Theologie, den Repuls bekommen! Die Ältern hier aber erlebten Freude und saßen mit gefalteten Händen an den Borden umher. Bisweilen sangen in der Morgen- und Abendstunde auch die Rothkehlchen dazu, und die Staare schwatzten. Denn ein Freund der Natur hatte eine kleine Arche voll Singvögel mit eingeschifft: Leipziger Lerchen, 50, je ein Männlein und ein Fräulein; Polnische Sprosser, 50, je ein Männlein und ein Fräulein. Bayersche Staare! Und Oberlausitzer Haidelerchen, die Vögel mit dem wehmüthigsten Gesange auf Erden! Und auch den fröhlichsten, liebsten Vogel der Kinder — den Kukuk! 12, je ein Männlein und ein Fräulein.

War der Mann mehr ein Menschenfreund? Oder ein Freund der Vögel, der diesen da drüben neue unermeßliche Wälder schenken wollte?Ich weinte fast, wenn ich die lieben Sänger ansah, und war voll von tausend Frühlingen. Der Inhaber derselben frug mich lächelnd: »Bin ich der Herr von Habenichts? Ich will durchaus wissen, ob ich drüben der Herr von Kannnichts seyn werde; das will ich wagen und prüfen! Die geheime Macht ist die größte; und das geheime Wissen und Können, was Jedem einwohnt, ohne daß er es weiß — das ist das Herrlichste. Was für ein Esel hat mein Ahn und Ihr Ahn — Adam geglaubt zu seyn, als ihn der Engel zur Auswanderung aus dem Paradiese genöthigt; und ward er nicht ein herrlicher Landpfleger in Asia, der Normalbauer, auch Schaafzüchter der Heidenheit! Und o wie schwer mußte dem Herrn von Adam das Leben unter nicht einmal bürgerlichen, sondern thierischen Canaillen werden — da er das Paradies geschaut hatte und drinnen gelebt! Wie viel tausendmal besser haben es wir — die wir bei uns nichts vom Paradiese gesehen haben, als Schwarzkittel, Regimenter Engel mit dem Schwerdt, und wenig Freudenhäuser — als die privilegirten! Und ist jederBauer im Schiff hier nicht ein Auserwählter des Herrn, wie Noah in seinem Kasten! Damit wir gesegnet würden, durften Millionen nicht ersaufen, sie durftenauf trockenem Landebleiben! Und was fand Noah, als er ausstieg? — Recta Nichts! Und was finden wir? — Recta Alles! Bis auf die Singvögel, und die bringe Ich!«

Zur Ergötzlichkeit der Andern wurden fast alle Gespräche öffentlich gehalten, und ich erstaunte, wie bald sich der Mensch an Redefreiheit gewöhnt. Die alten ertragenen Leiden waren unleugbar überstanden, und wie man von Todten spricht, so redeten hier die Leute von Europäern und Europäischen Dingen: daswarengroße Schulden — daswarenschwere Zeiten — daswarenschlechte Aussichten. Kurz, der liebe Schiller ist nie zur See gefahren, sonst hätte er wahrer gesungen: »Auf demMeereist Freiheit!« — Uns war es die Freiheitsschule.

Wir waren schon mehrere Wochen gesegelt, und Anselm wußte, wie wir Alle, daß Amerika da sey, wenn die Wache aus dem Mastkorberiefe:Land! Da rief sie nach einem schweren Gewitter einst: Land! Land! — Es konnten diesmal, da uns der Sturm zur Seite gedrückt, jedoch nur erst die azorischen Inseln seyn. Der Knabe aber stieg in die Strickleitern hinauf — sahe Land, sah in seiner Meinung das heiß ersehnte Amerika — er dachte gewiß an seinen Vater, wollte gewiß die Hände ausstrecken, hatte sich also nicht mehr angehalten, und so war der arme, vor Freude taumelnde Knabe herabgestürzt auf die harten Bohlen, und wir hatten einen Halbtodten im Schiff, den der Arzt herzustellen nicht gewiß versprach. Ich bekam eine Nothtaufe; darum schrieb ich zu den andern Regeln für Überfahrer auch die: nur geborene Menschen mitzunehmen. Der Sturm hatte in der Ferne wo ein Schiff zerbrochen, und in der darauf folgenden gänzlichen Windstille erkannten wir endlich einen Menschen, der, mit einem Schwimmgürtel versehen, sein Leben gerettet hatte. Ich fuhr im Boote mit hinaus ihn aufzufischen. Welch ein Mensch! Alle die Seinen waren umgekommen. Er hatte in einer Tasche vor derBrust noch Lebensmittel auf viele Tage. Sein erstes Wort war: »Niemand muß sich allein retten. Das ist schändlich, unausstehlich!« Der Mann sah furchtbar aus. Er trug einen leichten Panzer, über und über mit Stahlstacheln gegen die Angriffe der Seeungeheuer, womit er auch schon zu Lande, in Wäldern und Sümpfen, jeder Schlange, jedem Bäre getrotzt. Er erzählte uns im Schiffe seine Abenteuer. Trotz dem, daß er der größte Wagehals schien, war er doch nur der größte Gottfried Sicher gewesen und nannte sich selbst den größten Feigling. Auch uns Auswanderern wollte er seinen Namen wie einen großen Mantel umwerfen, daß wir ausgewandert wären. Seine Worte waren schneidend. Er gab mir eines Abends seine Lebensbeschreibung in einer Glasbouteille »Leben eines Wagehalses«, und am andern Morgen war er, so sehr wir auch überall suchten, doch nirgends auf dem Schiffe zu finden. Viele hielten ihn für eine Geistererscheinung, die einem von uns den Tod bedeute. Andere konnten über das untergegangene Schiff nur beruhigt werden, daß sie von Seekundigen hörten: »Erstdas hundertste Schiff scheitert, und von hundert gescheiterten Schiffen kommt erst die Mannschaft von Einem um. So steht die Seerechnung!«

Ein ander Seegesicht darauf erfreute und bestürzte mich bang! Ein Schiff segelte unter dem Winde an uns vorüber. Nicht fünfhundert Schritt weit. Die helle Morgensonne schien hinein. Ein Schiff ist auf der See eine Merkwürdigkeit. Nach meiner Gewohnheit sahe ich mit dem Fernrohr hinüber in die rosig und saffranfarbig glühenden Segel. Auch die Reisenden sahen nach uns herüber; Frauen, Knaben, die Gesichter nach uns gewandt. Endlich erblicke ich, ein Gesicht — Gott! es war mein Weib! Ich konnte vor Beben kaum sehen, wie ihr die Augen leuchteten! Wie sie sehnsuchtblaß aussah. Sie hielt die Hand auf den Kopf meines Sohnes. Aber ach! sie vermuthete uns nicht, und sahe sofort herüber in stillem Trübsinn. Das Meer rauschte; der Wind sauste. Ich wollte durch das Sprachrohr dennoch versuchen ihr zuzurufen, mich ihr bemerklich zu machen, sie wenigstens zu grüßen! Ich rief meine Tochter, ich sagte ihr: Kniee nieder!siehe hinüber, da steht ein Weib . . . . wie unsere Mutter. Sie sahe hinüber — sie hatte eben das Mutterantlitz gefunden, da wendete sich das Schiff und zeigte uns das Steuerruder. Es rauschte mit Flügeln, des Sturmes davon. Maria sah mich an. Und ich faßte mich, ich verrieth ihr nichts; und so wußte sie ruhig die Mutter daheim bei den Brüdern. Ich aber besann mich, daß die Mutter ja wußte, wir segelten nach Neu-Orleans. »Also auf fröhliches Wiedersehen in einer bessern Welt!« sprach ich gedankenlos. Und so hatte ich richtig geahnt. Ich hatte sie zum letztenmale gesehen!

Darauf überfiel uns wieder tagelange Windstille. Unser Schiff schien wie ein Schwan auf dem Wasser zu schlafen. Die Tage waren schon heiß. Anselm ward kränker; Er ließ sich noch von seinem Bruder Wilhelm das Lied von der Schwalbe vorsingen, und die andern Knaben sangen es mit; Und für seinen Vater hörte ich weinend die letzten Verse mit an:

Da laß ich mich ihn fangen;Die Mutter küßt mich sehr!Drauf soll ich wieder fliegen —Da bin ich schon nicht mehr!Da steht sie tief betroffen,Denkt bang an mich und schwer;Begräbt mich bei dem Weinstock —Der sagt ihr: daß Ich’s wär’! —

Da laß ich mich ihn fangen;

Die Mutter küßt mich sehr!

Drauf soll ich wieder fliegen —

Da bin ich schon nicht mehr!

Da steht sie tief betroffen,

Denkt bang an mich und schwer;

Begräbt mich bei dem Weinstock —

Der sagt ihr: daß Ich’s wär’! —

Unter diesem Gesange war er gestorben, ohne auch todt noch zu seinem ersehnten Vater zu kommen; Denn wir begruben ihn darauf, wie man auf dem Schiffe begraben kann, in Gottes heilige See! Auf ein Bret gebunden, das mit Steinen beschwert war, um zu Grunde zu gehen, in ein weißes Tuch geschlagen, das Gesicht unverhüllt, versenkten wir ihn in die heilige Tiefe. Es war nicht zu weit mehr von der südlichen Spitze von Ostflorida, dem Eingang in den Meerbusen von Mexiko, oder in das neue mittelländische Meer von Amerika, in einem Clima wie in Ägypten. Die See war nicht zu tief und bei der Klarheit des Himmels und der Klarheit des Wassers glaubten wir den Grund des Meeres zu sehen; oder wie wir mit Erstaunen und Bewunderung wahrnahmen: sie trug ihren Grund oben! Und welchen Grund! Welche Zaubergärten! Gesträucheund Wasserpflanzen mit köstlichen großen Blumen, wie Kindergesichter, blühten und schwankten leis, ob sie gleich alle aus Edelsteinen gemacht schienen! Blätter, breit und gezänkelt, wie aus Rubin! Zweige, wie aus Gold und Rauchtopas! Blüthen und Blumen, wie aus Milch oder Schnee — aber Alles, Alles mit einem Anhauch von Smaragdgrün überflossen, wie die Pflaume von blauem Hauch. Und im lichten goldnen Sonnenstrahl funkelte der Zaubergarten golden und blau und grün und roth, wie besät mit funkelndem, strahlendem Thau! — Da hinab — in dies Paradies, das, hierher in das heilige Meer, verzaubert, so himmlisch und ruhig fortblüht — da hinab versenkten wir die weiße Gestalt des schönen Knaben; noch einmal so wohlgemuth durch das tröstliche Wunderspiel der Natur. Das Schiff stand in der Windstille, wie angewachsen, und so sahen wir, wie er losgelassen von den Seilen sank und sank und sank! Wie das weiße Gebild gemach und leise grünlich ward vom Scheine des Meeres, und grüner, und endlich kräftig grün, wie sonnedurchschienenerSmaragd. Endlich ruhte er, wie ein großes funkelndes schönes Gestirn, auf schwankenden Zweigen, wie eingewiegt von lieblichen Zaubergestalten von guten Geistern, die sich, in große Blumen verwandelt, ihm weich und hold, öffneten, sich reizend über ihn neigten, und über ihm schlossen. Alles war so wunderbar, daß wir uns nicht gewundert hätten, wenn die Zaubergebilde da drunten nun auch mit heiligen zarten Stimmen gesungen hätten! Selbst nicht, wenn sie den Menschenvers gesungen: »Wer will mir nun den Himmel rauben?« Alles schwieg sofort. Er blieb da drunten sofort und die Augen vergingen uns über der Pracht. Da kam ein Lüftchen, kräuselte das Meer — und Alles war hin! Ein schönes Grab! Ein schöner Tod, der Tod vor Sehnsucht! Aber ich hatte noch einen Knaben für seinen Vater. Und der Knabe war nicht lange begraben, so schrie die Wache vom Mastkorb: Land! Land! Licht! — Denn es war Nacht. Und in der Nacht fuhren wir um die Spitze von Florida, diesem papstlosen Italien der neuen Welt, dessen Sicilien Cuba heißt.

Die leicht anzulegende Durchfahrt quer durch Florida wäre sehr zu wünschen! Denn im Canal von Bahama wurden wir so von Wind und Wogen gepeinigt, daß der wieder seekranke arme Tolera sich mit den Armen an mich anhielt, mir in die Augen sah und frug: »Mein Herr Pastor! was müßte wohl Einer an Hochwürden bezahlen, wenn er Sie zu Hause auf Ihrem Hofe in einen Kasten sperren und fünf Wochen lang Hochwürden Tag und Nacht dermaßen schütteln und rütteln wollte, daß Sie die Welt für einen Dreier verkauften? Ich glaube, schweres Geld!«

Das heißt Krieg, sagte Napoleon, sprach ich, und das heißt Seefahren, und man kommt wohin, und wohin? mein Tolera! Denk’ Er doch! — Am Morgen war uns die Küste wieder zu dem heraufdämmernden Streifen eines Traumes geworden. Die Hitze ward unausstehlich, und die dicksten Männer ließen sich an Stricken unter dem Arme und an das Schiff gebunden eine Stunde lang durch die frische Flut nachschwemmen. Unser Schiff ward gewaschen und neu angestrichen, damit wir, wie Garden geputzt,wie von einem bloßen Spaziergang heiter in das heitre Land einzögen.

Endlich erreichten wir die Mobile-Bay, und den Meerteich vor dem Hafen von Neu-Orleans. Hüben und drüben grünende Küsten, flach wie Ägypten, mit Tulpenbäumen, Akajous, Wachsmyrthen, mit Feigenbäumen, Orangenbäumen voll Früchte, ja mit Palmen!

Wir begegneten ein großes Amerikanisches Kriegsschiff. Es war ein Man of War, ein Seeheld vom ersten Rang. In schweigender Majestät. Und Tolera sagte: Columbus sahe nur grüne Zweige treiben und schloß auf das Land. Solche Früchte aber lassen auf einen Riesenbaum schließen. »Es leone unguem!« Die Sonne stand uns im Rücken. Ein Frühlingsgewitter zog segenverstreuend in’s Land. Ein breiter, prachtvoller Regenbogen bildete ein himmlisches Thor zu dem herrlichen Lande, hoch und weit geöffnet vor uns, wie von bunten, hellen, dreifarbigen Blumen bekränzt! Vor Entzücken glaubten wir selbst an dem himmlischen Thoredie himmlische Überschrift mit Gold geschrieben zu sehen:

FRIEDE. BROT. FREIHEIT.

Die Kanonen hallten. Wir waren da! Wir umarmten uns Alle durcheinander vor Freuden! Wir weinten wieder einmal recht aus Herzens Grund, wie die Kinder. So steuerte uns der Lootse in den Hafen, unter die hundert Schiffe, der Stadt näher, nahe, dicht hinan. Wir hatten nicht Augen genug! Und als der Anker fiel, als die Segel alle nach und nach eingezogen waren, als das Schiff stand, — als Alle aus tiefer Brust dem glücklichen Capitain das »Hurrah!« riefen, da erwachte ich wie aus einem Traum. Ich rieb mir die nassen Augen. Es überfiel mich mit Todesangst: Du bist fort! Ein tausend Meilen breiter Meerschwall trennt dich . . . . ich wußte nicht von wem? von was? Aber es lag eine Gewalt in dem stillen, unbekannten, verlornen Etwas, daß ich in einen Winkel hinter das große Steuerrad ging und bitterlich weinte. Auswandern — sterben! Doch auch: Auferstehn! sprach ich wiederzu mir. Steh’ also auf aus dem Grabe! Steh’ auf in der neuen Welt, mit neuem Leibe und neuer Kinderseele!

Ein Gesundheitsbeamter kam — er fand uns Alle gesund, und wir durften an’s Land! — Aber bald murmelte es in der verworrenen Menge der an’s Land zu steigen Begierigen: »Das gelbe Fieber ist in der Stadt! das gelbe Fieber!« Und vor Schrecken legten die Meisten ihre Bürden wieder hin und sahen sich an. Es ward Abend über uns, und wir hatten uns nicht gerührt. Nur um den großen Todtenstrom, den furchtbar angeschwollenen, fünftausend Fuß breiten Missisippi zu sehn, dessen gewaltiges Rauschen und Tosen wir über den Damm weg hörten, stiegen wir nach einander in den obersten Mastkorb. Große Ströme und große Völker gelangen schwer in den Ocean der Zeit! Sie führen zu viel Ballast mit sich, und verwälzen sich selbst ihr Ende mit Staub der Erde. Nur hohe Dämme führten den gewaltigen Strom noch mühsam durch das Delta, durch die vielen Bayous in’s Meer, und nur weil er in Empörungwar! Sonst versiegt er wie der Ganges, wie der Nil, wie der Rhein, und wie ihre Völker, und die Pest herrscht in Calcutta, in Ägypten und hier. Dies Ende der Völker und Ströme, diese Lehre der Natur stimmte mich herzhaft! Ich ließ meine Tochter in dem sichern anständigen Schiffe, selber Erwin bat sie darum, und sie folgte doppelt gern. Ich mußte mein gutes Weib aufsuchen! Meinen Knaben! Ich fuhr auf einem kleinen Boot mit einem Führer an die Schiffe, welche in diesen Tagen vor uns schon Auswanderer mitgebracht. Ich fand glücklich den Capitain, der mein Weib und Kind übergeführt. Er nannte mir das Haus, wohin sie mit dem Knaben sich gewendet. Ich bat darauf meinen Freund um seinen Neger Wilberforce; und sauber gekleidet und glühend im Gesicht ging ich in der Abenddämmerung mit ihm dahin. Er trug meinen Mantel und mein rothes Saffian-Kästchen. So drängten wir uns durch ein Gewirr von Menschen, und daß ich auch so schändlich unterscheide — durch unzählige Sclaven, von welchen sehr viele nur Einen Arm hatten, derihnen von ihren Herren weggehauen worden, wenn sie ihn auch oft nur zufällig gegen denselben erhoben. Alle wichen mir als einem Weißen aus, schon von Weitem. Aber Alle sahen düster, ja gefährlich aus, und ihre Augen funkelten und desto greller in der sinkenden Dämmerung. Das ersehnte war ein ziemlich einsam stehendes prächtiges Haus mit großem Erker mit Spiegelscheiben, in denen der Abendschein glühte. Der treue Wilberforce meldete mich unter dem Namen eines französischen Obersten. Das sey der geringste Titel, den ich mir geben müsse, meinte er. Ich dachte an das Wiener »Gnaden« und ließ es geschehen. Ich ward angenommen. Alles prachtvoll im Hause! Kostbare Teppiche auf der Treppe. Ein glänzendes Vorzimmer. Ein unbeschreiblich liebliches Zimmer, worin ein Weib auf der Ottomane lag, sich halb aufrichtete, als ich hereintrat; und als ich ihr näher trat, und ihr doch noch zu fern stehen mochte, als daß sie in dem abendroth dämmernden Zimmer, wie sie wünschte, mich sahe — da stand sie ganz auf, und leise, leise bog sie ihr Köpfchenvor. Es war mein Weib nicht. Aber da ich mit unbeschreiblicher Sehnsucht, mit dem Lächeln, Jemand zu überraschen, mit der Freude: Freude zu machen, mit großen, gewiß leuchtenden Augen nach ihr gesehen, so hatte ich auch gesehen, daß es ein Weib war, schön, wie die Kaiserin Josephine in ihrer blühendsten Jugend gewesen seyn mag; aber solche Augen voll Seele, groß und mild, solch einen Wuchs, solche Glieder hatte ich noch nie gesehen. Es war, ihrem nur wie mit einem Hauch vom lichtesten, fast weißen Braun behauchten Gesicht, dem Hals und Nacken und den Armen nach, eine Quarterone, die, ein Theil Indisch, zu drei Theilen Weiß gemischt, meist zauberisch schön sind. Mit dieser Neugier, dieser Verwunderung, ich will nicht sagen Bewunderung, sah ich sie an. Sie lächelte, wie ich sie so ansah. Wir waren allein. Ich schlug die Augen nieder. Dann glaubte ich Geräusch hinter den Vorhängen ihres Schlafcabinets zu vernehmen — und ich blickte mit Sehnsucht dahin! Aber es trat Niemand heraus! Nur ein buntgefiederter Ara hatte sich in seinemRinge geschaukelt und mit der Kette gespielt. Sie hatte sich wieder gesetzt. Und ihr Blick stieg jetzt langsam von meiner Fußspitze an mir herauf und blieb dann an meinen fragenden Augen fest geheftet, bis jetztsiedie Augen niederschlug, und vor sich hinlächelte, wie ich nie gesehen.

Ich ward roth, ich fühlte es, über ein mögliches, wenn auch noch so ehrenwerthes oder holdes Mißverständniß, und so wollte ich, alle Schleier zerreißend, nun, leise jedoch, nach meinem Weibe, meinem Knaben fragen — denn auch er stürzte dem Vater noch nicht in die Arme . . . . oder hatte sie mich in dem Briefe gutmüthig getäuscht, oder ich mich gutmüthig im Schiff — aber wie dann doch der Capitain des Schiffes . . . . so überlegte ich noch . . . . aber eben deswegen wollte ich ja fragen, fiel mir, von dem jungen Weibe ganz Verworrenen ein — da sprang sie plötzlich auf und stieß einen Schrei aus; und wie erschrocken darüber, daß sie so laut geschrieen, hielt sie sich doch gleich selbst mit der kleinen Hand den kleinen Mund zu — ich blickte im Zimmer umher — es war hell! ichblickte nach dem Fenster — ich sah Gluth. Feuer ging auf in der Stadt. Schon schlug eine hohe Lohe empor. Rauch quoll auf Rauch, und die Feuersäule stieg himmelan. —

Die schöne Frau zitterte am ganzen Leibe; ihre Zähnchen klapperten vor Schrecken, und Furcht. — »Sehen Sie dort! Dort auch!« — sprach sie auf französisch, mit gedämpfter, hastiger, ängstlicher Stimme, deren Drang und Laut mich innig durchscholl und bewegte. Und als sie einige Schritt auf die Gluth zu gethan, rief sie in höchster Bestürzung: »Und dort! Dort auch!« —

Sie sank auf ein Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen, und ihr volles Haar fiel schwarz und auch wie schrecklich über sie herab, mit den Spitzen bis auf den Teppich. — »Ich bin verloren!« stöhnte sie. »Wir sind verloren!«

— Die Feuer sind weit! tröstete ich sie. Sie scheinen freilich angelegt. Denn drei Gehöfte gehen an verschiedenen Orten zu gleicher Zeit mit demselben Stundenschlage auf. Aber man wird es löschen. Das Feuer ist dem Menschen oder doch dem Wasser, unterthan.

»Ach, die Sclaven! die Sclaven! Sie stiften den Brand nur an, um uns zu ermorden, um frei zu seyn!« sprach sie, in höchster Angst aufspringend, irrte im Zimmer umher und rang die Hände. »Mein Mann ist todt; schon ein Jahr. Er war hart. Ich bin gut. Aber sie haben es ihm nicht vergessen. Sclavenrache ist fürchterlich! Die südlichen Staaten zittern vor ihren Millionen Sclaven! Wohl hunderttausend sind hier in der Nähe! Und hier, hier im Gehöft sind 63 Neger! Himmel! Sie singen ihr fürchterlich Lied! Quillt nicht dort Rauch aus dem Dach? — Ach, wie entflieh’ ich? Retten Sie mich! Ach, ich bin noch so jung! Ich lebte so gern, nun wollt’ ich erst leben, und soll nun sterben!«

Sie weinte. Und ehe ich nur so was denken konnte, lag das zitternde, glühende, bebende Weib schon an meiner Brust . . . ihre Augen sahen himmlisch bittend mit ihren schwarzen, großen Sternen aus dem großen, reinen, feuchten Milchweiß zu mir auf . . . . ihre Lippen zuckten . . . sie war ein Weib . . . . ich war ein Mensch . . . Lärmen von tausend dumpfen Stimmen scholl her,die Gluth wuchs, als wenn die Wolken anbrennten, Wagen eilten und rasselten, Glocken lauteten grell und ängstlich; »Alle Sclaven bei Todesstrafe in die Häuser!« hörte ich deutlich unten rufen — — Schiller trat als Geist vor mich, ich erblickte sein blasses, menschenfreundliches, keckes Gesicht deutlich, und er sprach deutlich.

»— Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht —Vor dem freien Menschen erzittert nicht!«

»— Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht —

Vor dem freien Menschen erzittert nicht!«

So etwas hatte ich mir nicht vorgestellt, nirgends, am wenigsten hier; aber ich war mitten hinein geworfen, die junge Wittwe küßte meine Hände, sie gelobte mir ewige Freundschaft, ewige Dankbarkeit, wie ein Weib sich nur irgend bedanken könne, mit Allem, was sie habe und sei, wenn das zulange, mir genug oder nicht genug sei . . . . . nur erretten sollt’ ich sie, retten . . . .

— und ich war bereit.

Aber wie? — Das war die Frage; und ich that sie mit Trost, aber mit Eifer. Ich weiß nicht wie. Es ist etwas Eigenes um ein gar so schönes Weib! und in Noth und in Thränen! Sie wußte Rath. Das Opfer war nicht gering.Aber es gab nur diesen Weg, sonst keinen. Denn an Vertheidigung war nicht zu denken. — In meinen Kleidern wollte sie fliehen, mit meinem Mantel und Hut, mit meinem Bündel. Denn so hatten sie mich gewiß hereinkommen gesehn, so ließen sie mich in dem Eifer gewiß wieder hinaus; abersie, statt mich. Ich sollte mich aber in ihr Bett legen — als Kranker, vom gelben Fieber plötzlich Befallener — wenn mich die Sclaven suchten und fänden und hervorrissen. Sie würden sehen, ich sei fremd. Selbst in der Wuth würden sie so blind nicht seyn. Am wenigsten könnten sie ahnen, daß wir schon ein Einverständniß hätten!

Bei diesem Wort sah sie mich mit Augen an, von welchen ich nicht mehr geglaubt hätte, daß sie mich angehen, mich anfechten, ja in mich dringen könnten. Ich kam aus dem Erstaunen nicht heraus. In der Welt ist Alles möglich! dacht’ ich. Zeit, Ort und Umstände sind die Herren aller Dinge. Sollte ich sie in Stücke zerhauen sehn? Doch, wenn ihre Flucht gelang, wennsie sicher war, dann war ich erst in der größten Gefahr. Doch das dachte ich nicht. Denn . . . .

Sie war rasch zum Werk. Sie holte mein Ledertäschchen selbst aus dem Vorzimmer, sie warf meine Sachen heraus, meine besten, theuersten Sachen und Papiere, sie schloß eine Commode auf, nahm Papiere heraus, und füllte es dafür damit an; sie band mir das Halstuch ab, nahm die Weste, nahm den Hut, den Mantel, die Stiefeln, sogar; ich mußte mich in ihr weiches zartes Bett legen, sie deckte mich zu, ja, als ich gehorsam wie ein großes Windelkind, überrascht und wie gefangen mit dem Kopf in den weichen Pfühlen lag, neigte sie schnell ihr Gesicht über mich, ihr rechter Arm schlang sich unter meinem Nacken durch, ihre Stirn ruhte einen Augenblick auf meiner, und ihre Lippen küßten meine Lippen im Fluge einen Augenblick, während ich nicht aufblickte, sondern die Augen fest zugeschlossen hatte; und schnell lispelte sie mir noch zu: »Das soll Dir nicht unvergolten bleiben! So Gott will!«

Und so verschwand sie — wie mein zweites Ich, und ich träumte mit wachenden Augen, undsahe die Gluth des Feuers und hörte das Tosen in der Stadt.

So lag ich voller Erwartung der Dinge. Ich liege eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, eine — — zwei Stunden — — ich höre keine Uhr mehr; keine Glocke; das Tosen läßt nach, das Feuer brennt lichter am Himmel als auf der Erde. Ich bin halb eingeschlafen. Endlich ganz. Ich weiß nicht wie lange. Aber mit Sorgen. Denn nun höre ich leise Tritte, überall im düstern Zimmer umher! Ich höre rufen! Es kommt zu meinem Bett! Es ruft mich! meinen Namen! Es greift und tappt auf meiner Decke, es ergreift meinen Kopf, meine Hand. Ich fasse zu, als wenn ich einen Löwen festhalten wollte.

»Ich bin’s!« spricht die Stimme. Es ist der Neger — Wilberforce. »Sind Sie hier? Sind Sie es?« frägt er.

Ich muß leider Ja sagen.

»Haben Sie Muth?« frägt er mich. »Wissen Sie schon?«

Ich habe Muth, wie Du siehst, und weiß nichts! antworte ich.

»Wissen Sie nicht ihr Schicksal?«

Ist sie todt? frag ich, und fahre empor.

»Nun Sie es sagen — ja! Sie ist todt!« spricht er und weint.

Ich falle vor Schreck zurück. Ich denke sie mir todt. In der That, mir stockt das Herz. Ich athme kaum. Weinen kann ich nicht.

»Aber Ihr kleiner Sohn lebt;« spricht er.

Alsomeine Frauist todt! ruf’ ich und springe aus dem Bett.

»Am gelben Fieber;« sagt er. »Vor vierzehn Tagen. Die reiche, schöne, junge Wittwe hier hat sie redlich pflegen und begraben lassen, und ihr ein gemauertes Kästchen in das Wasser machen, denn hier begräbt man in Wasser.«

Nun kann ich weinen.

Nach langem Schweigen frag’ ich zu meinem Troste: aber mein Sohn lebt, warum kommt er nicht?

»Schon Ihre vormalige Frau hat geglaubt, Sie sind voraus nach Ohio — und so hat, natürlichaus einem Irrthum, das gute liebe Weib hier, ich meine Madame Josephine, ihn in guter Begleitung nach Cincinnati abreisen lassen mit Briefen an dasselbe Haus, an das Sie empfohlen sind. Das weiß ich vom Hausvoigt. Ja, sie hat ihn schon fortgesandt, ehe er auch erkranke, und ehe seine Mutter gestorben ist.«

Aber warum lebe ich noch? Wo sind die Neger gewesen?

»Zufällig eingeschlossen, — von mir! Sie wären ermordet worden im, Bett. Vielleicht auch nicht. Denn wir sind nur rachsüchtig, nicht blutdürstig. Ich sah Sie forteilen ohne mich — ich eile nach; da entdeck’ ich, es ist Josephine, die sich mir entreißt. Da vermuth’ ich mit Recht, daß Sie noch im Hause sind. Da verschloß ich die Sclaven. Im Grunde umsonst; denn der Aufruhr ward in der Stadt gedämpft. Die Neger hörten nichts mehr, und so blieben sie ruhig. Aber alle hatten sich schon mit Waffen versehn! sie sind schuldig. Ach, bitten Sie morgen für meine Brüder, wenn Josephine vom Landhaus wiederkehrt. Die Gefahr ist vorüber. Morgen können Sie gewißhundert Sclaven sehen die rechte Hand abhauen. Denn wer von uns nur eine Hand gegen seinen Herrn aufhebt, dem wird sie abgehauen. Darum tragen wir sie gern ganz steif an den Schenkeln hinunter. Ach Gott, wer zu Hause wäre, und hätte nur Freiheit im Vaterland! Freiheit und Vaterland, keins ist ohne das andere was werth — wie nur Ein Bein, Eine Hand! Ach! Ich bin frei! Für treue Begleitung auf seiner Reise hatte mir mein Herr die Freiheit versprochen. Aber was ist das ohne Vaterland! Was ich Jahre gehofft, ist mir nun nichts! Doch nein — die Freiheit ist mir die Erlaubniß im Vaterlande zu wohnen!«

So verließ er mich weinend.

Es war natürlich, daß mir das Unglück meiner Frau um meiner Tochter willen am tiefsten leid that. Denn weil die Tochter lebte . . . . so war ich jetzt am meisten um die Tochter besorgt. Was würde sie gelitten haben! Und warum? Warum schon jetzt? Warum überhaupt! Ich beschloß also fest, meiner einzigen Tochter den Tod ihrer Mutter zu verschweigen. Meiner GroßmutterSohn war gewiß schon lange todt, und in der alten Frau lebte er immer noch glücklich! Und so schlief ich endlich voll Liebe und Träume ein, mit nassen Augen. Zu Hause saß meine alte Großmutter blind — ohne ihren liebsten Sohn; mein Sohn Marbod vielleicht noch auf dem Schlosse bei der Baronesse Freysingen Doppelsonaten spielend. Mein Knabe war hier im Land, aber fremd unter Fremden mich suchend! Aber meine Tochter hatte ich nahe, die arme, ungewisse Braut, die sich edel scheute vor einem Mann, der Sclaven hat . . . . und ich lag hier in dem weichen Bett . . . . als Gesandter . . . und wer hatte gestern in diesem Bett geruht . . . . ein Gebild, das ich nie gekannt, das mir wie im Traume Verheißungen gethan, die mir heiß machten . . . . die nun in Erfüllung gehen konnten . . . . und morgen früh im Morgenroth kam sie vielleicht schon . . . . oder kam nicht . . . . Und ich fürchtete mich vor ihr! und auch nicht . . . . .

Mein Gott! Was ist der Mensch! Das Meer murmelte, ich dachte an seine Wüste — aber auch an seine Blumengärten in der Tiefe. Und ichbeschloß neu zu seyn in der neuen Welt. Und ich sah einen mir neuen, hellen, schönen Stern am Himmel, den ich nie gesehn. Und er war doch, und ich war! Ich — 40 Jahr! In meinen schönsten Jahren!

Was ist der Mensch! Und auf diesen Grundstein baute ich edle Pläne für viele Menschen — für schwarze und weiße! Das Alles versteht sich — im Traume!

Ich schlief bis die Sonne schon hoch stand. Ich war todtmüde an Leib und Seele, und die erste Nacht Schlaf auf dem Lande, diese Wonne, dieses Gefühl der Erde, ist allein eine tausend Meilen weite Seereise werth. Das kann man mir glauben, mir, der ich gar nichts auf solche Dinge halte, als da sind: Braten, Wein, gutes Bett und alle die Herrlichkeiten der Herrlichkeiten. Ich sah mir die Sonne an, das heilige Bild, das treu aussehend wie in der Heimath, hier wunderhell am Himmel strahlte und mich anlächelte. Ich war barbarisch hungrig — in diesem Lande, wo Millionen Fische in den Strömen und Seeen schwimmen, wo alle Früchte der Erde im Überfluß wuchsen,war ich barbarisch hungrig, und im Hause regte sich Niemand, kein Mensch frug nach mir. Ich hätte mir gern ein halbes Dutzend Feigen oder Orangen von den Bäumen am Hause hereingelangt; aber ich wäre bald zum Fenster hinausgestürzt, und schlug mir auf den Magen: Freund, Geduld! — Ich goß Waschwasser in das Porcellainbecken, ich ließ es eine Zeit auf dem offenen Fenster stehen, während ich meine zerstreuten Sachen zusammenlas, und als ich mich waschen wollte, verbrannte ich mir fast die Hände darin, so heiß war es von der bloßen Sonne geworden, die hier ein ganz anderes Ding war! Und ich erklärte den im Geiste vor mich tretenden Vorstehern unsrer zwanzig Dörfer laut: Laßt uns betrachten! Es ist Unsinn, hierher in die Gluth zu wandern. Wollt Ihr faul werden? — faul, wie die Italiäner? Zu sinnlichen, unwissenden Menschen? Oder fleißige Deutsche bleiben, die den Tag fleißig arbeiten, oder bis in die Nacht noch fleißig studiren? — Selber Bienen, die hierher kommen, und den ersten und alle Winter hier Blumen und Nahrung im Überfluß finden, werden faul, dasheißt: sie nähren sich blos. Oder, liebe Gemeinden, wollt Ihr in Furcht vor den Sclaven leben? Oder noch schlimmer, wollt Ihr Sclaven halten? Ihr könnt Euch ja denken, wie Sclaven zu Muth ist; denn das kann Jeder. Wollt Ihr Plantagenbesitzer werden, Diener der Kaufleute? Wollt Ihr alle Jahre am gelben Fieber sterben? Das heißt: Jeder der Euren nur einmal. Aber das ist genug für Jeden. Und wenn der Vater oder die Mutter in einem Hause stirbt, zu früh, zu unnöthig, macht das nicht oft ein ganzes Geschlecht bis auf Kind und Kindeskind unglücklich? — Ihr wollt das Alles Alle nicht! Ich höre es. Also Kinder, vermeidetdie Küstevon Amerika, von Boston bis Neu-Orleans, wo ich meine Frau verloren. Zieht nicht in die Staaten, wo die Sclaven die heimlichen Herren sind, also nur nach Ohio, wo kein Mensch einen Menschen als Sclaven halten darf, nach Kentucky höchstens, wo sie verlöschen. Lieber nach Indiana, Illinois! Aber nördlicher nicht! Denn alte Menschen müssen in ein wärmeres Clima wandern, das thut ihnen wohl! Nicht in ein kälteres, wo kein Wein wächst,die Milch der Alten, der Wein, der des Menschen Herz erfreut — und soll sich der Mensch nicht freuen der Erde auf Erden? Bedürft Ihr nicht Freude? Ach, ein Glas Wein Euren Armen und Alten hätte Euch wohl gethan! — Ich dachte in dieser Rede an die Flasche, die ich an dem Treppengeländer zerschlagen, an das Lachen meines Herrn Sohnes — und schwieg; Mit diesen Worten, sahe ich, hatte ich mir aber selbst meinen Reiseplan vorgezeichnet — und ich war nur auf einige Staaten gewiesen, freute mich und rieb mir die Hände. Die Herren Vorsteher mit ihren Hüten in den Händen verschwanden mir aber plötzlich alle; denn ein prachtvoller englischer Wagen mit herrlichen Pferden kam donnernd vor das Haus gefahren und hielt. Ich sah zum Fenster hinab. Und das rückwärts gebeugte Köpfchen, das herauf strahlende Auge, das freundlich lächelnde Gesicht, die wie Perlen blitzenden Zähnchen im rothen, schwellenden Munde — ich kannte das Alles schon wie aus einem Traume. Ich fuhr in meinen Rock — ja, um ein aufrichtiger Mann zu seyn — ich sah in den Spiegel. Die Seereisehatte mich wundervoll hergestellt. Ich konnte kaum öffnen, als sie an ihrer eignen Thür mit schnellem Finger anpochte, und wie eine Erscheinung, rasch und leuchtend, stand Josephine schon im Zimmer; aber wie sorgfältig geschmückt, wie ländlich-lieblich im weißen Kleide mit blauen Bändern um Leib und Brust, und doch wie reich! große Perlen am Ohr; ein unschätzbares Halsband von sehr großen Diamanten um den Hals, dreimal ihn weit umlagernd.

»Nun,« sprach sie doppelt zart und unschuldig klingend auf französisch, und reichte mir ein Händchen und sahe mir in die Augen — »nun, wie schlief es sich hier . . . in Amerika?« und meinte gewiß nur ihr Bett. Denn sie erröthete zart und unschuldig. Aber plötzlich brach sie in lautes Gelächter aus, denn sie sahe auf meine Füße. Ich war in Strümpfen. Aber um ein aufrichtiger Mann zu seyn, mußte ich gestehen und ihr sagen: »Als Sie gerettet waren, sahe ich nicht ein, warum ich hier bleiben, vielleicht den Tod erleiden und nicht lieber versuchen sollte, desgleichen zu entkommen! Das vergebenSie mir gewiß auch! Ich malte mir also mit meinem Finger aus ihrem Dintenfaß — schwarze Schuhe auf die Strümpfe . . . aber da glaubt’ ich heraufkommen zu hören, und, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, ich verbrachte ein angenehmes halbes Stündchen in ihrem Camin, — — Ich mußte lachen. Es war unmöglich, ich mußte. Sie betrachtete ihr Bett und sagte, lachend bis zu Thränen: »Ja, es ist wahr!« Und wie vor Lachen barg sie ihr Gesicht einen Augenblick in den Kopfkissen.

Ich räusperte mich; ich rieb mir mit der flachen Hand die Brust; ich machte, ärgerlich, ein finstres Gesicht.

Aber sie sprach, jetzt ernstlich besorgt: Sie sind hungrig! Ich lebe jetzt auf dem Lande und war gestern nur auf ein Huschchen hereingekommen, doch ist hier Rath. Und schlank und flink, willig und gutmüthig, ja fast gehorsam, als wäre sie selbst eine weiße Sclavin, eilte sie, rief sie, besorgte sie; und athemschöpfend und rosig und heiter kam sie wieder. Mein Gott! mußte ich sprechen und seufzen! Sie hatte mir, ehe sie wiedergekehrt,die mir fehlenden Kleidungsstücke mit einer jungen Sclavin, schwarz wie eine Schnecke, aus dem Wagen geschickt. Dieselbe bediente uns bei Tisch, an welchem wir uns Beide gegenübersaßen, und uns von der überstandenen Angst und der Nacht erzählten. Die kalten Speisen, die Früchte, der Wein, Alles war köstlich, und ein heitres Mahl läßt Alles heitrer betrachten. Und doch kostete sie kaum von Einem oder dem Andern, wie Kinder. Und doch ward ich immer trauriger mit jedem Glase Wein, ob er gleich Amerikaner war. O wie hatte ich mich auf den ersten Bissen Amerikanisches Brot gefreut! auf den ersten Trunk Amerikanisches Wasser! Ich dachte zu Hause an unsre letzte Mahlzeit, ja mein Diakonus stand wieder vor mir, und hielt um Maria an; ich lächelte, und Josephine lächelte hold unbewußt. Darauf nahm sie ein, vielen deutschen Bürgermeistern und Andern noch wohlbekanntes Russisches Instrument, eine Knute von der Wand, aber ländlich zierlich mit schöner bunter Schlangenhaut überzogen und aus Schlangenhaut geflochten. Wir gingen hinab in den Hof, in dessenMauern vor den Gebäuden die Sclaven standen, die im Glauben, ein Unrecht gestern begangen zu haben, auf ihre Kniee fielen. Sie hatten das Lied gesungen . . . .! Ich sollte es bezeugen! Da knieeten nun die Kinder jener ersten Kinder der frühsten anfänglichen Erde, noch schwarz wie ihre ersten Ältern unter der überall heißen Sonne. Und ihre kleinen Kinder hoben neben den Müttern die kleinen schwarzen Händchen in die Höhe. So weit hatten sie es also in Jahrtausenden gebracht! So weit das weiße Geschlecht! Ich bat für die Armen, die nichts verbrochen, als daß sie die Freiheit wünschten. Ich mußte lange bitten, während ihre Herrin mit von mir abgewandtem Gesicht langsam umherging. Endlich wandte sie sich plötzlich um und sprach: »Ich habe Allen sogleich verziehen, Glauben Sie es! Aber es ist gar so hold, wenn Sie bitten; ich weiß nicht, es macht mir recht innerlich Freude.« Sie rief sechs Mädchen herbei und sagte ihnen: »Ihr habt Euch verheirathen wollen, so macht denn heut Hochzeit, und Alle freuen sich mit Euch!«

Kein Hund, kein Mensch kann sich so bedanken,wie diese von einem guten Worte Glücklichen. Josephine konnte sich nicht ihrer wehren, und sie wies auf mich und sagte: »Danket dem Herrn hier!« — Nun umkniete mich der Schwarm, und ich sagte ihnen: Danket dem Herrn Jesus Christ! Da tiefen Alle: »Ah, Monsieur Jesus Christ! Monsieur Jesus Christ — quand viendrat — il en Amerique?«

Mich frug dann ein alter Neger genauer. Er glaubte: Ihr Freund lebe bei Uns! aber außer seinem Namen wußte er kein Wort von ihm. Die Neger hatten nur jeder einen Namen; von einer Taufe wußten sie nichts, auch nicht, daß ein Pfarrer die jungen Paare trauen werde. Das mußte nun wohl einen Pastor verdrießen, aber nicht grade einen Lehrer und Prediger. Dafür dankte ich meiner gütigen Wirthin für ihre Güte . . . und es mußte gesagt seyn — ich dankte ihr auch, daß sie mein Weib so gepflegt, und sie, die Unbekannte, so dankenswerth habe begraben lassen! Nun war mir der Stein vom Herzen.

»Aber mein Gott!« . . . rief Josephine, und trat einen Schritt auf mich zu. Sie war blaß,ganz blaß geworden, ihre Arme hingen an ihren Schenkeln herab, und die Hand ließ noch eine wundervolle, tellergroße, rothe Blüthe fallen, und ihr Köpfchen neigte sich auf die Brust. Welche Gedanken sie im Innern überwältigten, wie sollte ich es bedenken, ich, dessen Herz so voll war, dessen Augen sich füllten. Endlich lispelte sie, wie zu sich selbst, ohne mich anzusehen: — »also der unvergleichlich schöne Knabe, das war seyn Sohn! Und wie erkannt’ ich nicht gleich den Vater! Ist er ihm nicht ähnlich, wie der halbgefüllte Mond dem vollen Mond?« Und zu mir gewandt sprach sie mit Thränen in den Augen: »Ich hatte den Knaben so lieb, drum schickt’ ich in Zeiten ihn fort!«

Was sollte ich sagen? — Mein Geschäft hier war zu Ende. Mir blieb nichts als zu scheiden, aber erst Abschied zu nehmen; jedoch bei den ersten Worten dazu fragte sie mich, während ihre großen Gazellenaugen mich treuherzig ansahen: »Und wieder in alle Welt schon wollen Sie hin? Wohin? Habe ich Sie beleidigt? War ich zu heiter — war ich zu aufrichtigen Herzens? Ach, vielim Leben hängt davon ab, in welcher Reihenfolge wir etwas vernehmen, in welcher Gedankenfolge ein Mensch den andern sieht . . . . o, ich war so heiter! Und alle die Angst!«

Ich bat sie nur Eins: zu verschweigen, daß die Fremde hier gestorben sei, damit es meinem Knaben, damit es meiner Tochter ein ruhiges Geheimniß bleibe . . . .

»Ihrer Tochter!« sprach sie fast betreten. »Sie haben . . . .?«

Ja, sie ist hier; hatte ich kaum gesagt, als meine Maria schon vor mir stand, und hinter ihr Wilberforce. Die Unruhe hatte sie hergetrieben. Josephine stand lange vor ihr mit niedergesenkten Augen, den Mund fein geschlossen; sie getraute sich aus reinster Schaam, ja Beschämung nicht sie anzusehn. Ja, in dieser befangenen Stellung sprach sie zu ihr, begrüßte sie, hieß sie willkommen, ja reichte sie ihr eine langsame Hand, die sie gleich wieder zurückzog. Sie erblickte im offenen Thor die sechs Schwestern, die auch vom Schiffe an’s Land gekommen; sie sahe mich fragend an, sie ließ sie einladen; und während Wilberforceging, und nachdem sie von mir gehört, welche Absicht sie hätten, versprach sie mir schon im Voraus, sie alle bei sich zu behalten, wenn ich auch das erlaube . . . . oder vielleicht auch die Tochter . . . wenn ich gehe, damit sie nicht ganz allein sei. Und den Schwestern entgegen wandelnd, vertraute ich dem treuherzigsten Geschöpf von der Welt, daß sie eine sonderbare Braut sei mit Master Erwin; die Ursache ihrer Scheu vor ihm, als einem so grausamen Mann, der Sclaven halte, und nun seine Scheu vor ihr. Aber zu meiner Verwunderung fand sie sein Anhalten sehr natürlich. O der Mensch ist blind über gute Menschen; dann wie ich hätte Ursache gehabt mich zu freuen.

Nun mußte ich bleiben. Ich ging darauf allein zu Erwin, um meine Sachen alle zu Josephinen tragen zu lassen. Er war das zufrieden; auch daß meine Maria bei ihr bleibe, war er zufrieden, ob er mir gleich mit Achselzucken vertraute, daß Josephine, als Abkömmling von schwarzer Haut, bei keiner ganz weißen Haut in irgend einer menschlichen Achtung stehe; so schön,so seelengut, so achtungswerth, ja so reich sie sei — denn sie sei die Wittwe seines Bruders, und wahrscheinlich, wie er sich einbilde, sei ich nur durch Namensverwechselung an ihr Haus gewiesen worden. Ohne etwas zu ahnen, hatte er damit nur mein Weib gemeint.

Also ihr Bruder ist todt? wollte ich fragen, aber ich vermied aus eigener Trauer die Frage. Er versprach mir zur Reise den Todtenstrom hinauf alles Erforderliche anzuordnen; er selbst habe Hoffnung zum Senator gewählt zu werden, und dann müsse er mit, oder nach mir — denn er habe noch Vieles und Schweres zuvor zu besorgen — nach Philadelphia, nach Washington. Dabei gab er mir wieder die Hand, und schüttelte sie dreimal, wie in Bremen auf der Straße, als er die wohl von Eifersucht ausgepreßte Frage an mich that. Das war mein ganzer Bescheid! Ich mochte verdrossen aussehen, aber er lächelte kaum bemerklich. Das ergrimmte mich noch mehr. Meine Hoffnungen waren zu Wasser! Die Auswanderer waren schon lange in’s Land, den Strom auf einem der hundert Dampfschiffe hinauf! Nur denWilhelm fand ich allein, den ich mit mir nahm. Ich traf zu Hause, so mußte ich schon sagen, aber meine Tochter nicht mehr, Josephinen nicht mehr, sondern nur einen angespannten, auf mich wartenden Wagen, der uns im Fluge hinaus nach dem prächtigen Landsitz brachte.

In den wenigen Tagen, die ich darauf noch hier blieb, hatte sich Josephine an die dritte der sechs Schwestern, an die schöne Clöta gewöhnt, die französisch verstand, sie lieb gewonnen; und gegen meine Maria war Josephine verschämt, aber mild, und so war auch meine Tochter verschämt vor ihr, aber mild. Gegen mich war Josephine gelassen, ernst, düster, so anständig und zart, wie ich kaum je ein so junges Weib, ja nur eine Jungfrau gesehen. Schien ich etwas zu wünschen, so sprang sie in der ersten Zeit noch behend auf wie ein Reh, aber sie kam wieder und hatte nur für sich etwas geholt. Mir war sonderbar zu Muth. Manchmal, wenn wir neben einander am Abend in den schattigen Gängen ihres Gartens wandelten, und die große, hier himmlische Abendsonne durch Lücken der blühenden Akazien undMagnolien ihr Gesicht und Schulter vergoldete, da, um ein aufrichtiger Mann zu seyn — fiel folgendes Gespräch in mir vor:

— Mein liebes Weib, Du bist ja doch nun todt einmal, also auf immer! Ich lebe noch — auf dem Gipfel des Lebens. Der Hinuntergang ist schlimmer als der Hinaufgang. Wie viel Gutes und Schönes würde ich für mich und die Kinder erlangen, mit dieser Gestalt . . . . . wenn ich Muth hätte!

— — Unterstehe Dich! und sag’ ihr ein Wort! sprach meine Frau, die als Erscheinung der Seele mir klar, sogar sichtbar vor meinen Augen in dem Schattengang schwebte, und uns nicht von der Seite wich, — und näher mir wiederholte: Unterstehe Dich das! Und jetzt schon! O Du Undankbarer! Denn war ich nicht eine Adlige, die Dir ihre Hand gab? Und ist diese arme Person hier nicht eine Namenlose, eine Unehrliche im Lande? Mucke!

Da schwieg ich eine Weile. Dann fing ich doch leise wieder an: Aber wenn ich sie nach Europa nähme mit alle den Sclaven? Und ehe wirreiseten, könnte ich Dir lassen ein prachtvolles Mausoleum erbauen mit Deinem Wappen; und vor meinem Namen wollte ich lassen ein »Von« einhauen damit ein Jeder hier läse, daß Du keine Mißheirath gethan!

Lügen willst Du sogar? sprach das Luftgebild. Ich sehe schon, wie Du denkst. Ich bin verloren, aber zum Glück bin ich todt!

Nein, sprach ich, Du sollst meine innere, geistige Frau seyn, und diese hier meine äußere, leibliche.

O sie ist schön! sprach meine geistige Frau; um mich in Versuchung zu führen.

Soll ich ihr hier ungesehen zu Füßen fallen? Ach, ich dürfte nur ihre Hand ergreifen — und ich denke, sie fällt mir zuvor um den Hals.

Da schrie meine Frau auf, und fuhr zwischen mich und Josephine, die sich mit dem Arm an eine Cypresse gelehnt, und der sinkenden Sonne nachsah, aber mit zugeschlossenen Augen. Ich selbst aber hatte den Schrei meiner Frau mit meinem Munde ausgestoßen — so daß die Vögel erschreckt von den Zweigen flogen — daß Josephine michansah, und erstaunt sah, wie ich zitternd und bebend und ganz blaß vor Schrecken dastand, wie aus dem Himmel gefallen; aber ich war nur aus dem innern Hause des Menschen heraus auf die lebendige Erde getreten. Und ich schämte mich und schwieg. Und sie frug nicht. Und so blieb es. So blieb sie. So blieb ich. Ein Wittwer ist eine besondere Person. Aber ich dachte auch manchmal: auch eine Wittwe ist eine besondere Person; nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Mutter — denn Josephinen stand dereinst erst dies Glück bevor. — Ach! es sollte nur Wittwen geben von 70 Jahren, und Wittwer von 80! Der Tod, besonders der frühe Tod stiftet allerhand Unheil.

So ein Gespräch wäre mir, in Allem ehrlichem Manne, wahrlich nicht vorgekommen, wenn ich nicht auf immer aus dieser Gegend nun scheiden mußte; Josephinen auf immer zurücklassen. Und die Trennung ist ein Wurm, der die Früchte zu früh reift — daß sie abfallen. Es war ein Gedanke gewesen zum Besten meiner Kinder, zum Besten der armen schwarzen Kinder der Erde. Ich schrieb einen ausführlichen, lehrreichen Brief indie Heimath, an mein Volk — dessen Gesandter ich war; an meinen Sohn. Meine Tochter schrieb an die Baronesse Freysingen, an ihren kleinen Bruder, und — was ich heimlich mit Thränen sah — sie schrieb einen langen, herzlichen Brief an ihre Mutter, die aber nicht weit von ihr in der freien Erde lag. Sie versprach ihr, recht oft zu schreiben. Dann besprachen wir, neben Josephinen sitzend, unsere Reise. Meine Tochter wollte mich nicht verlassen und fiel mir um den Hals. Josephine sagte mir am letzten Abend blos gute Nacht wie gewöhnlich. Aber am Morgen war sie schon früh abgereiset . . . . nach der Stadt in ihr Haus. Dafür fand ich in unserem Dampfschiff unsre Karte für mich, für Maria und unsern WilhelmMosburgbezahlt; wir fanden Körbe voll köstlicher Speisen, voll Wein, voll Früchte. Aber auch meine Tochter fand nach dem Wirrwarr des Morgens jetzt erst im Schiffe: daß das dreifache Halsband mit den großen Diamanten von Josephinen ihr um den Hals gebunden war. Das deutete auf ewigen Abschied. Das konnte Niemand gethanhaben, als sie — des Nachts — und wir sahen uns an und weinten fast Beide. Mein Kind wollte wieder an’s Land, es zurückstellen, Gewißheit haben, doch danken. Aber das Schiff ging schon sausend den heiligen Todtenstrom hinauf in das heilige Land, einen Urgarten der Erde, das künftige Paradies der schwarzen Kinder, denn hier konnten sie allein arbeiten und gedeihen. Ihnen gehört es also von Natur. Nicht den Weißen, denen es eine Schande geworden, etwas zu thun, weil sie nicht können.

Ich finde in meinem Reisebuche bemerkt: »Hier waren alsoalleWeiße adlig, oder fühlen sich so; und alle Schwarzen — Canaille, und fühlen sich nicht so; bei uns sind es doch nur einige berühmte Geschlechter — gewesen. In den nördlichen Staaten darf sich sogar kein freier Neger niederlassen.«

Unser Dampfschiff ward, nach der neusten Erfindung, selber mit Wasser gefeuert. Und so fuhren wir, auf der größten Silberader, der Saugader des Landes, in welche 40 große Silberadern sich ergießen, auf dem Missisippi, nach und nachin immer höheren Ufern hinauf. Meine Tochter ist niedergeschlagen. Aus Einem Grunde. Ich bin niedergeschlagen. Aus dreifachem Grunde! Unsere Reisegefährten waren nicht heiter, und erheiterten sich und uns wenig. Viele Amerikaner reisen zu ihrem Vergnügen; und da Europa zu unerheblich oder Asien zu weit ist, so reisen sie im Vaterlande und lernen es kennen und schätzen. Denn wahrlich hier ist ein Vaterland! Und wer wollte den Menschen den Stolz darauf verargen! Wer sich darüber ärgern? Ach, eher kümmern! Aber in dem Gesicht des Amerikaners liegt etwas Unerklärliches. Nicht Tiefsinn, nicht Muthlosigkeit, nicht Schüchternheit, nicht Verlegenheit; aber die Stille einer großen Zukunft, und eine bescheidne und doch schmachtende Begierde danach, und eine fast kindische Befangenheit und ein Bangen, wie eines Bräutigams, ruht auf den Gesichtern. Mir kamen sie vor, als wenn sie selber auswandern sollten — in ferne, ungekannte, schöne Tage! Daher die heimliche Unruh, der eigene gedämpfte Blick, ein fast komischer Ernst und eine heitre Trauer! O wie rührend und schön ist der JugendGesicht! Ich seufzete selbst über alte Männer! Und auch die jungen Städte des Landes, groß angelegt aus ungeheurer Hoffnung und doch noch in ihrer Kindheit — rührten mich. Baton; Francesville; Fort Adam; Natchez; Huntson; Warren. Old-Arkansaw gegenüber, kamen Auswanderer den Arkansaw herab, die sich, nicht Alle, aus einem Überfall der noch nicht weit genug vertriebenen Wilden gerettet. Wir mußten sie aufnehmen; es waren Neu-Griechen, die sogar erst seit dem Frieden ihr königliches Vaterland verlassen; eingriechischerBischof führte sie. Das zeigte deutlich, welche Furcht sie hinweg getrieben. Nach und nach wußten wir um Namen, Vorhaben und Vermögen fast aller Mitreisenden. Und so ward denn ein junger Mensch von etwa 22 Jahren, so hübsch und anständig er war, von den Meisten zuletzt vermieden. Darum grade suchte ich seine Bekanntschaft. Und nach einigen Tagen konnte er nicht über das Herz bringen, mir nicht sein Schicksal zu klagen. — »Man hat mir meinen Vater erschlagen,« sprach er betrübt und zornig, und ich habe als Sohn es so weit gebracht, daßsein Mörder nun hingerichtet wird, ein Ansiedler in Kentucky, dem er Landeserzeugnisse verkauft, und ihn dabei vielleicht zu sehr gedrückt hat; denn im Inlande ist kein Geld, und ganz ohne Geld kann Niemand bestehn, weil doch nicht Jeder Alles erzeugt. Mein Vater war ein Aufkäufer, die freilich überall hier so verhaßt als unentbehrlich sind. Auch hätte er längst in seinem Alter von 60 Jahren ausruhen können, da er die schönste Besitzung in Ohio hat. Aber er hoffte noch immer seinen Sohn, meinen älteren Bruder, zu finden, der ihn verlassen hat, weil der Vater wirklich fast unerträglich sich gegen ihn benommen. Aber hier ist es vergebens, einen Menschen zu suchen. Der Zufall allein thut oft Wunder, wie ich schon gesehen, so jung ich bin. Mein Vater stammte aus Deutschland, und er selbst scheint auch seinen Ältern heimlich davon gegangen zu seyn; denn alle Weihnachtsabende hat er zwar nach Hause geschrieben, aber nie die Briefe fortgeschickt, sondern sie alle gesammelt und sorgfältig vor uns verschlossen. Auch hat er nie einen Brief empfangen, so unerhört es ist, daß Einer auf unsern7000 Postämtern verloren geht. Hier ist Jedermann unbedingter Herr selbst von dem höchst achtbarsten Vermögen; der Vater kann frei Einem Alles, den andern Kindern Nichts vermachen — mir hatte mein Vater Alles vermacht, und so konnte ich unbesorgt meinen Bruder suchen, und hatte ihn glücklich gefunden. Ich bewege ihn glücklich, mit mir zum Vater zu reisen; er ist nicht daheim; wir reisen ihm nach; — er ist nicht auf der Meierei, von wo er doch nicht fortgereist war. Unser Neufoundländer Hund findet seyn Geripp in einem Ameisenhaufen der großen Ameisen. So sah der Sohn den Vater wieder. Und nun macht man mir Vorwürfe, daß ich das Gesetz angerufen, und sagt: »Hier wird Niemand hingerichtet! Man bessert! Und unsere Anstalten dazu sind die erfolgreichsten auf Erden. Wir haben nur noch die Todesstrafe auf qualificirten Mord, und sind insofern noch dem alten Judengott zugethan, dem: Auge um Auge, Zahn um Zahn; wenn die Europäer — welche hier nur die Verwahrloseten heißen — noch das halbe Judenthum, und das ganze römische Heidenthumin ihrem italiänischen Glauben und römischen Gesetzbuch haben! Statt tausend Straftitel haben wir die Geschworenen, die es so christlich machen können, als sie wollen; auch das ist nicht verboten, und je weniger diese ehrwürdigen Männer von Gesetzgebung und Wesen wissen, je einfacher sie sind, ja wenn sie blos ein Menschenherz im Leibe haben, desto vollkommner sind sie, desto ehrwürdiger. Aber sie sprachen denMosburgnicht frei, weil sie grade glaubten, einem Mörder müsse es eine Wohlthat seyn, Strafe zu leiden; denn auf Wiedervergeltung beruhe das Weltgericht, und sonst brauche keines zu seyn. Aber das müsse ja seyn, sonst werde die Tugend ja auch nicht belohnt im Himmel, und ewig, ewig.« —

Ich war über ein Wort in der Erzählung erschrocken, und bebte über den NamenMosburg, denn so hieß der Vater des Knaben, seines noch einzigen Kindes, des armen Wilhelms, der neben mir zuhörte, aber zum Glück nicht Englisch verstand. Sein Vater wohnte bei Perkins. Und so frug ich in Gottes Namen, wieder Ort heiße, wo der Mosburg wohne, oder gewohnt.

Er nannte mir unbedenklich den Ort. Es warPerkins! —

Meine Tochter ging von uns und weinte. Sie führte den Wilhelm mit fort, und zeigte ihm den schönen Abendhimmel und die grünenden Berge, wie ich von fern an ihrem ausgestreckten Arme bemerkte. Dann setzte sie sich, und hatte ihn vor sich umarmt, und ich sahe, er trocknete ihr die Augen mit ihrem Tuche.

Mosburg lebt doch noch? frug ich weiter.

»Ich reise zur Hinrichtung. Es werden Tausende bei diesem seltnen, fast erloschnen Schauspiel zugegen seyn!« sprach er.

Ich war froh. Ich konnte dem lebenden Vater doch den lebenden Knaben bringen! Und wir beschlossen zusammen zu reisen. Ich, wie ich sagte, blos aus Neugier.

Einige vertheidigten dann auch den braven Sohn mit den Worten: »Wenn wir Amerikaner endlich einmal ein rechtes; Volk, ein Muster- und End-Volk werden sollen, so müssen Alle fürAlles solidarisch einstehen, so weit es Menschen möglich ist; für Mord und Brand, Diebstahl und Schaden in aller Art; Jeder muß das Recht, ja den Beruf haben, statt eines Andern zu klagen, der feig oder gefühllos es selbst nicht kann oder will. Dann sind erst die Staaten ein wahrer Rechtsstaat, bis dahin ist Alles nur Pfuscherei! Der Freie muß Alles dürfen und können, was recht und was gut ist.«

Man lobte zum Einwandern besonders mir Indiana, das herrliche; Illinois, ja Einer sagte: »Wer redlich an die Zukunft denkt, der thut wohl, sich ganz im Westen am Meere, am Columbiastrom niederzulassen, auf den Fall, daß es mit Europa aus ist und aus wird, und wir die Kräfte nach Asien wenden. Haltet Ihr die Natur für so kurzsüchtig und albern, daß sie sonst dort nach Abend einen solchen allmächtigen Strom hat fließen lassen, und so lange umsonst. Sie könnte ihr Wasser ja besser brauchen.« —

Und so wäre ich lieber in Indiana gereiset, statt nach Kentucky mit Sclaven, aber das Schicksal trieb mich hin; und ich rathe keinem Menschen,auf Reisen eine Commission anzunehmen — denn wie bitter war mir die meine! Aber das reichliche Reisegeld von dem guten Prinzen für den Knaben reichte für mich und Maria. Noch zog mich ein Anderes an den jungen Mann. Nicht, daß er reich und wohlerzogen war, und täglich auf die bescheidenste Weise meiner Tochter gefälliger war, die sie selber rührte, ob sie gleich innerlich fest an ihrem sonderbaren Freunde Erwin hing; und ob ich gleich mit zu jener schlimmsten Art der Väter gehörte, nämlich zu denen, die Töchter haben, und Luchsaugen haben möchten, um jungen Männern in die Herzen zu sehen, wem sie das Beste, was sie haben, einmal anhängen können. Das ist die abscheulichste Sorge für einen Töchter-Vater. Ein Sohn- oder Zehn-Söhne-Vater ist glücklich. Denn die versorgen sich selbst, und müssen und können ihr Schicksal machen. Und meine Tochter war mir so gut wie wiederum auf dem Halse, was mir nur schwer fiel, weil ich mir schon eine lange glückliche Zeit diese Bürde eines Tochter-Vaters erleichtert gefühlt. Doch, um ein aufrichtigerMann zu seyn, das Alles war es nicht, was mich an den jungen Mann zog, sondern es war die Neugier, die Wißbegier — für meine alte blinde Großmutter — es war derKofferdes jungen Mannes, auf dessen vergoldetem Schilde der Name: Marfolk stand. Das bemerkte ich, als er das Schild sich zerbrach, die zwei Stücken verschoben neben einander lagen, so, daß sein Name nun »Folkmar« zu lesen war. Das gab mir einen Stich in meiner Großmutter Herz. Ihr Sohn, ihr August war also erschlagen — und kam nie wieder? Der Name Volkmar konnte à la Norfolk nur Marfolk englisirt seyn. Denn der Vater war ja ein Deutscher. Der junge Mann bekannte sich zwar zu dem Koffer und zu dem Namen. Aber so fein und plump ich mehr zu wissen versuchte — er wußte nicht mehr.

Wir gelangten in den schönen Ohiofluß und landeten in Handerson in Kentucky, wo Washington auf Mount Vernon, wie vom Herrn, begraben liegt. Hier sah ich mit Freuden das erste Geld, Silber und Gold, und sahe die erstenZeitungen, die Literatur der Amerikaner; denn das ganze Land schreibt für das ganze Land diese tausend Zeitungen, die in Millionen Blättern wie Wundertauben über das Land fliegen — und wie aufrichtig! Wie der Geist Gottes! Vox populi, vox Dei! Ich wollte sie übersetzen, Auszüge für uns. Aber was für Amerikaner aufrichtig ist, ist noch nicht aufrichtig für Deutschland. Eine oder tausend eben so aufrichtige Zeitungen für Deutschland müßten ganz anders seyn. Und hier schreibt Einer im ganzen Leben vielleicht nur Einen lehrreichen Aufsatz. Ich sahe die erste Schule — aber was wußten die Kinder hier mehr! Wie viel, wie gründlich Alles, was sie Zeit Lebens brauchen können und sollen und werden. Aber wie geschieht das? Antwort: Die Griechen und Römer waren so klug und weise und groß in ihrem Fach — besonders, weil sie nicht mit Griechisch und Lateinisch die jungen Seelen verhunzten. O wir Armen! Wir armen Gläubigen! Wir glauben an alle Völker! Nur an uns nicht. Und deswegen sagte Napoleon: »Die Deutschen sind kein Volk.«

Auf dem grünen Fluß schifften wir nach der Besitzung von Wilhelms Vater. Er war nicht da — in der Stadt im Gefängniß. Ich mußte dem Knaben doch Alles zeigen, und mit wie schwerem Herzen sah ich zu, wenn er sich auf des Vaters Stuhl setzte, seinen im Schrank hängenden blauen Oberrock anzog, und vor Freuden damit in der Stube umhersprang; wenn er die alte Hausfrau nach ihm frug, wie er vor Ungeduld weinte, wenn sie ihn nicht verstand, und wie sie weinte, als ich ihr sagte: es ist der Sohn des Herrn! Selber Marfolk hielt es hier nicht aus, und ehe wir fortzogen, durchrannte der Knabe noch den Garten mit angepflanzten Bäumen, die Wiesen, bestieg die Hügel und hatte fast einen Arm voll duftende Blumen, die er dem Vater mit nach der Stadt nehmen wollte. Selber der Haushund war gerührt, und leckte ihm die Hand, als müsse Derjenige seines Herren Sohn seyn, der sich hier so freue, ihn mit so guten Bissen füttere!

In der Stadt erlangte ich gern, ja mit Seufzen des Mitleids die Erlaubniß, den Vater zu sehn. Der Ort, ein höchst saubrer, freundlicher.Der Mann, ein höchst gutmüthiger, wohlwollender. Und ihm mußte ich sagen, daß ich ihm seinen Sohn Wilhelm bringe!

Der ruhige Mann schlug sich vor den Kopf. Dann saß er mit aufgestemmten Händen, während der Sohn an die Thür pochte vor Ungeduld. Wilhelm aber sollte und wollte dem Vater nicht sagen, daß Mutter und Bruder gestorben seyen.

O Wiedersehn! heiliges Wiedersehn! Wie weinte meine Maria, wie — um ein aufrichtiger Mann zu seyn — wie weinte ich! Wie gedrückt war des Vaters Herz, denn in wenigen Stunden hatte er zu sterben. Wie strömten ihm Lehren und Küsse vom Munde! und segnende Blicke und Thränen von den Augen! — Endlich und endlich, nachdem ihm der Knabe viel erzählen müssen von Mutter und Bruder — ja als er ihm auch im Eifer, sein kindliches Herz ganz auszuschütten, erzählte, wie sie den Anselm in den Meergarten begraben — weil sie beide zu ihm gewollt — weil ja die Mutter gestorben sey — — — da faßte sich der Mann wunderbar, schwieg eine Zeit, schien viel zu fühlen undzu bedenken, und gab mir seinen Sohn dann an der Hand mit den Worten: »Ich habe eine weite Reise vor, mein Kind! Lerne indessen fleißig, lebe gut und fromm und dulde kein Unrecht wie ich! Ich reise gern. Könnte ich nur Alle mitnehmen, die mich dazu nöthigen! Dein Führer hier wird ferner Dein Freund und . . . . Dein Vater seyn.« Dann setzte er sich ruhig hin und sprach nicht mehr. Wie konnte ich anders, als, so schwer sie mir war, eine so heilige Pflicht von dem Vater übernehmen.

Endlich gingen wir fort. Der Knabe ging rückwärts zum Zimmer, rückwärts zur Thür hinaus, um den Vater also noch länger zu sehn — und als die Thür schon zu war, wünschte er ihm noch »glückliche Reise, fröhliches Wiedersehn!« durchs Schlüsselloch. Da hörten wir drinn einen dumpfen Fall! — Aber wir gingen! Und noch war hier ein Herz geschont, das Herz des armen Knaben, der nun mein war.


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