9. Strich und Ton.

9. Strich und Ton.

So sehr auch zugegeben werden muß, daß unsere Technik in ihrer bisher beschriebenen Ausübung geeignet erscheint, dem Künstler ein Ausdrucksmittel zu sein, das ihm gestattet, sein Innerstes vor dem Beschauer aufzutun, so ist doch und namentlich heute nicht mehr die Nadel allein das ganze Rüstzeug des Radierers.

Freilich, der Anfänger wird mit verdienter Freude seine Fortschritte mit der Nadel begrüßen und es wäre falsch, wollte man behaupten, daß der Nadel allein höhere künstlerische Wirkungen und der Ausdruck der Stimmungen versagt seien.

Schon der Anfänger, wenn er das erste Herzklopfen überstanden hat, wird mit seiner Nadel einer beabsichtigten Wirkung beizukommen suchen, indem er ihre Handhabung solange verändert, bis ihre Wirkung seinem Empfinden entspricht, und darin liegt schon soviel Persönlichkeit! Bald führt er die Nadel, namentlich die Beschneidfeder, nach Art der kalten Nadel Furchen schneidend über die Fläche, bald läßt er sie, steilgehalten, in Punktreihen, statt in kontinuierlichem Strich über das Kupfer springen. Hierin hat er schon ein Mittel in der Hand, in Ton zu arbeiten, denn eine gekreuzte Strichlage wird bei springend geführter Nadel nicht störendempfunden. Und Ton ist ja das Endziel jedes malerisch, also farbig Empfindenden.

Denn wenn auch – technisch – eine Arbeit mit der Nadel rein in Konturen denkbar ist, die Ziele der Radierung liegen doch fernab von trockenem Zeichnen in Umrissen und magerem Schatten in Strichlagen.

Wenn der Anfänger die ersten Beweise steigenden Könnens begrüßt hat, empfindet er in der Ausdrucksweise eine Lücke, die auszufüllen ihn verlangt. Zahllos schier sind die Mittel, die uns zu Gebote stehen, die Kupferfläche derart zu bearbeiten, daß uns der Abdruck nicht als Skelett der Zeichnung allein, sondern den verbindenden Ton grauer Flächen bringt.

In den Tiefen zuerst verlangt es uns nach sammetartig homogenem Ton. So dicht auch die Strichlage hier gehalten werden kann, immer und namentlich bei Flächen größerer Ausdehnung entsprechen den notwendigen Stegen, die die Striche trennen müssen, im Abdrucke lichten Stellen, die sogenannten Flammen, die oft recht störend wirken können. Bei Flächen von schmälerer Gestalt hilft man sich bisweilen mit der »springenden Nadel«, wenn man diese mit tüchtigem Nachdruck führt. Auch die Schneidefeder leistet vorzügliche Dienste. Größere Flächen werden mittelst Beizemitteln getont. Zu solchen Beizemitteln zählt die Schwefelmilch, ein lichtgelbes feines Mehl, welches jede Drogerie vorrätig hat. Dieses Mehl wird mit Öl zu einemBrei verrieben und auf die zu tonende Fläche aufgetragen. Das Auftragen kann mit einem Haarpinsel erfolgen; rascher und intensiver zeigt sich die Wirkung, wenn man, mit sorgfältiger Achtnahme auf die Begrenzung der zu tonenden Fläche, den Brei mit einem Leinwandfleckchen, welches um den Zeigefinger gespannt ist, auf der betreffenden Stelle verreibt. Bei Flächen von bestimmter Begrenzung arbeitet man am besten mit einem Papierwischer (Kreidewischer). Die Wirkung dieser Beize besteht in einer infolge schwacher Ätzung erzielten feinen Aufrauhung der allzu glatten Stellen des Kupfers. Sofort nach erreichter Wirkung muß diese Beize mit reinem Öl vom Kupfer entfernt werden.

Alle solche Beizmittel sind eigentlich nur als eine ergänzende Nacharbeit des Hauptvorganges aufzufassen, denn sie sind ihrer Natur entsprechend nicht dazu angetan, den Gesamtcharakter, den Aufbau einer Radierung, wesentlich zu verändern.

Anders sieht es mit den sogenannten maschinellen Mitteln der Ätzkunst aus. Ihre Anwendung bestimmt von vornherein die Stimmung, den Charakter des Werkes, und von ihrer zielbewußten, taktvollen Anwendung hängt der künstlerische Wert einer Arbeit vornehmlich ab.

Hier möchte ich der Meinung entgegentreten, daß maschinelle Mittel bei einer Radierung von der Hand zu weisen wären, »weil sie unkünstlerisch seien.«

Ein Beispiel: Ein Porträt, eine Landschaft, istauf getontem Naturpapier gearbeitet, die Lichter in Weiß aufgesetzt. Ja noch mehr: die Farbe des Papiers ist sogar der Stimmung des Bildes angepaßt. – Und dieser Farbenton des Papiers, ist er vielleicht nicht auch ein maschinelles Mittel, das dem Künstler fertig zu Gebote steht? Und ihrer Anwendung wegen vielleicht das Beginnen unkünstlerisch? Wenn nicht, dann wird auch der Radierung ein solches Mittel nicht verwehrt werden dürfen, wenn es die Ausdrucksfähigkeit der Technik erhöht. Freilich muß künstlerischer Geschmack bei einer solchen Arbeit Pate gestanden sein, freilich muß der Radierer schon langevorBeginn seiner Arbeit über die Anwendung seiner Mittel im Klaren sein, soll das Ende vom wohlüberlegten und trefflich disponierten Anfang, von zielbewußtem Aufbau uns erzählen! Dieses Ziel besteht eben in der harmonischen Verquickung der beiden Begriffe: Strich und Ton. Eine Radierung kann gewiß auf den Strich allein aufgebaut sein; dann ist es ein Motiv, welches des Tons nicht bedarf. Ebenso kann eine Arbeit auch auf die Wirkung des Tones berechnet sein. (Man denke nur an eine Nebelstimmung oder eine trübe Winterlandschaft und dgl.) In der Mitte der beiden Extreme jedoch steht die Arbeit, welche auf das gegenseitig ergänzende Zusammenwirken von Strich und Ton berechnet ist; sei es, daß der Ton die Zeichnung als eine Art graue Lasur überzieht, oder, daß ein hauptsächlich in Tonqualitäten wirkendes Bild mittelst der Nadelbloß an markanten Stellen in seiner Wirkung gehoben wird. – Welche Fülle von Wegen zum Ziele!

Karlskirche in WienOriginal-Radierung von Alois Seibold

Karlskirche in WienOriginal-Radierung von Alois Seibold

Unter maschinellen Mitteln verstehen wir Mittel, welche uns gestatten, über die Platte einen gleichmäßigen Ton von verschiedener Textur auszubreiten. Die Elemente können Punkte oder Striche sein, je nach der Entstehungsart des erzielten Effektes. Bei der Radierung in unserem Sinne beschränkten sich die dazu erforderlichen Arbeiten auf eine zweckmäßige Behandlung des auf der Platte befindlichen Ätzgrundes.

Eine der ältesten Arten in Ton zu arbeiten besteht darin, daß man auf die grundierte, heißgehaltene Platte mittelst eines Siebes Steinsalz streut. Die feinen Körnchen bleiben am weichen Ätzgrund kleben und sinken bei weiterer Erhitzung der Platte in der geschmolzenen Firnisschicht bis auf das blanke Kupfer. Die wieder erkaltete Platte gelangt nun in ein Gefäß mit Wasser. Die Salzkörnchen werden hierin ausgelaugt und lassen in der Firnisschicht feine Löcher zurück, welche bis aufs Kupfer reichen und dem Ätzwasser später Zutritt auf die blanke Platte gewähren. (»Aquatinta«).

Eine ähnliche Wirkung hat Schmirgelpapier, welches in der Art, wie wir unsre Probedrucke herstellen, mit dem Beinstab an die grundierte Platte gedrückt wird. (Abb. 13). Die scharfkantigen Körnchen durchlöchern in zahllosen Stichen den Ätzgrund und legen das Kupfer für die Ätzung bloß.

Wohl noch wenig bekannt ist das Tonen mit der Stahldrahtbürste. (Abb. 16).

Die grundierte, kalte Platte wird auf den Tisch gelegt und mit einer gestielten feinen Stahldrahtbürste (sieheAbb. 16) sachte geschlagen, wobei die Kupferplatte mit der linken Hand fortwährend zu drehen ist, damit die Wirkung gleichmäßig erfolge. Die Verletzungen des Ätzgrundes haben nämlich die Form zarter kurzer Strichelchen von bestimmter Richtung. Das Drehen der Platte mit der linken Hand soll also das Vorherrschen einer gewissen Richtung der Strichelchen verhüten.

Eine derart behandelte Platte kann nun eventuell noch vor der Ätzung auch mit der Nadel bearbeitet werden. Lichter sind selbstverständlich vorher mit Pinselfirnis zu decken (sogenannte »Reservagemethode«). Abgestuftes Ätzen mittelst Deckfirnis erlaubt dann noch einen Reichtum an Tonstärken zu entwickeln, doch soll auch hier ein gewisses Maß nicht überschritten werden, damit der Reiz der Kontraste dadurch nicht verschleiert werde.

Das fertige Blatt wird von manchem Radierer noch weiter »bearbeitet«. Die noch weiche, verwischbare Druckfarbe wird mit Wischern an gewissen Stellen vertrieben, verwischt, die Striche auseinandergeschmiert, um so etwas wie »Ton« zu erzielen; doch nicht genug damit: Mit dem Radiergummi werden auf dem fertigen Blatt lichte Wolken – hervorgezaubert. Was bleibt da noch übrig von der Schönheit dieser Technik? Dem Laien, derin die Geheimnisse dieser Kunstweise nicht eingeweiht, ist es nicht zur Last zu legen, daß solche Blätter mit Erfolg kursieren können. Wenn aber der Berufene selbst um eines groben Effektes willen die Reinheit des Stiles hingibt und an der Verwilderung einer Technik arbeitet, die in ihrenechtenMitteln ohnehin so unerschöpflich reich und schön ist, so ist dies ein bedauernswerter, von vielen Kunsthändlern protegierter Tiefstand, dem der Einzelne durch konsequente Pflege des reinen Stiles entgegenarbeiten kann und muß.


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