ERSTER THEILBUCH DER URART

Attho akkharasaññāto,Durch Silben wird der Sinn erkannt.

Attho akkharasaññāto,Durch Silben wird der Sinn erkannt.

Attho akkharasaññāto,Durch Silben wird der Sinn erkannt.

Attho akkharasaññāto,

Durch Silben wird der Sinn erkannt.

Solche, in ihrer Art einzige Gewissenhaftigkeit, die eben nur in Indien möglich war und ist, verdient innige Anerkennung und Bewunderung. Ihr ist es ferner zu danken, dass die alten Lehren bis auf den heutigen Tag im Volke lebendig geblieben sind und, mutatis mutandis, ebenso wirken wie einst. Mit ihr im Bunde endlich ist es den standhaften buddhistischen Missionaren gelungen, die eine Hälfte der Erde, wie Sir William Hunter sagt, zu erobern und den Glauben der anderen zu modifizieren. Ihr wird man es vielleicht einmal nachzurühmen haben, wenn eine, so weit es eben möglich ist, menschenwürdige Religion auf dem Erdball allgemeine Verbreitung gewinnt. Viel, sehr viel Achtung verdient also die indische Schwester Schulweisheit.

Auf mächtigen Glanz folgt naturgemäß Nacht. Sobald die buddhistischen Patres ecclesiae und Doctores profundi darangehn dunkle, tiefe Stellen des Kanons aufhellen zu wollen, reden sie wie Blinde von der Farbe. Sie meinen’s ja grundehrlich, die Wackeren, versteht sich; doch was hilft guter Wille in der Kunst? Kunst kommt von Können, auch im Indischen, ihr Können aber beschränkte sich auf schwaches philologisches und reiches volksthümliches Wissen. Damitkonnten sie freilich zur Erklärung der Reden Gotamo Buddhos nicht auslangen.

Es sei hier gestattet ein paar Beispiele anzuführen. Ich entnehme dieselben den allgemein zugänglichen Kommentaren oder gebe sie genau nach den mündlichen Belehrungen, welche mir die höchst achtbaren, vortrefflichen Mönche Zeilons während eines dortigen Aufenthalts in reicher Fülle zutheil werden ließen. Unterschiede zwischen den Erklärungen der Mönche von Kolombo und Kalutara, vom Daladamaligawa und Asgiriyavihāre, am Alufelsen und in Anurādhapura und an anderen Orten haben sich, bei wiederholter Besprechung derselben Punkte, nicht ergeben, da nur eine Autorität für alle gilt: die οται μυριαδες ἐπων Mahābuddhaghosos. —DNI., No. 11, Schlussverse desKevaṭṭasuttantam: Zweierleiviññāṇamgiebt’s, das erste,viññāṇam anidassanam, ist gleichnibbānam, ja; das zweite,viññāṇassa nirodhena etth’ etam uparujjhati, ist das gewöhnliche.MNI., No. 8 wirdsallekhovonlikhati~chindatiabgeleitet.KhN,Dhp.v. 227 istAtulastattatulamzu lesen, als Eigenname im Voc. —KhN,Itiv.1 seqq.:Ayaṃ vo pāṭibhogo anāgāmitāyawird ersetzt durchAhaṃ vo pāṭi0, ganz wie beim Herausgeber der editio princeps.KhN,Thīg.v. 267 (cf.MNI., 134,21).nāgabhogasadisopamā‖ti hatthināgassa hatthena samasamā; hatthī hi idha bhuñjati etenā ti bhogo ti vutto — tā ti ūruyo. Es ist eine Reminiszenz an Stellen wienāganāsasamūpamā.ANIV., No. 159 istsetughāto=hetughāto. Diedosinā ratti, passim, erklärt alsdosāpagatā ratti.Sotāpanno,sotāpattigehört zu √sru,savati, u. s. w. — Wenn nun auch derartige Originalerklärungen, die man zu hunderten häufen könnte, kaum mehr als einen Einblick in den scholastischen Volksbuddhismus gewähren, so dürfenwir uns anderseits der vielen sekundären Bemerkungen des Scholiasten gelegentlich herzlich freuen. Diese bringen uns das Verständniss zuweilen wirklich näher und erleichtern die Denkarbeit, dienen gewissermaaßen als Eselsbrücke. Einige hübsche Beispiele dafür sind:MNI., No. 36, p. 245ajaddhukam~abhojanam; ibid., No. 15, p. 96apadānam~pubbe apuññakatam; die zuDN,Mahāparin.p. 22 gelungene Erklärung derācarīyamuṭṭhi[***];KhN,Thag.v. 986adda=addakkhi;KhN,Thīg.v. 122:vīdhavā ti;dhavo vuccati sāmiko, tad abhāvā vīdhavā, matapatikā ti attho; passim:anacchariyam~thokam abbhutam, pag’ eva~paṭhamam eva, u. a. m. — Seien wir also billig und gestehn zu, dass Buddhaghoso, Dhammapālo, Ñāṇasāgaro und wie dieAggācariyosalle heißen, bis herab auf den ebenso gelehrten als edlen Subhūti Terunnānse von Kalutara, in ihrer Art Vorzügliches geleistet haben, dass wir aber diese Braven nicht nach modernem Wissen und Können schätzen und nützen dürfen. Uns ziemt es nun unser altes Erbe zurückzuerobern und den ursprünglichen Gehalt rein darzustellen. Die Geistesspuren jenes großen Mannes, der wohl überall gepriesen doch nicht genug gekannt ist, liegen in den auf uns gekommenen Reden treu erhalten vor: wir sind allmälig mündig geworden, die ächte Elephantenfährte, wie es in der 27. Rede heißt, von der falschen unterscheiden zu lernen.

Die Brüder in Zeilon sollen uns jedoch nicht undankbar schelten. Wir werden sie noch oft um ihren Rath angehn, wenn es wichtige Bestätigungen gilt. Wie erfreulich war mir z. B. Subhūtis Denkweise, als er auf meine Bitte,Mārozu erklären, mit dem schönen Citate aus demSNantwortete:Rūpam māro, vedanā māro, saññā māro, saṉkhāra māro, viññāṇam māro, pañc’ upādānakkhandhā māro ti, und mirso gleichsam die offizielle Berechtigung gab in jenem Begriffe die Natur, oder richtiger, im Einklang mit Schopenhauer, die Mortur wiederzuerkennen. Solche und manche ähnliche, recht unphantastische Offenbarung darf man heute gewiss nur mehr auf Zeilon oder allenfalls noch in Barma und Siam erwarten; in China und Tibet kann man mitunter etwas andere Dinge zu hören bekommen. Hat mir doch ein sehr intelligenter Lama, wenige Tagereisen von der Heimath des Buddhismus entfernt, im Kloster Bhutia Basti bei Dārjiling, am Schlusse einer langen gelehrten Unterredung die Versicherung gegeben, ein vollkommener Weiser mag sich ausgesucht nette und geprüfte Jungfrauen,varalakṣaṇopetās, ad libitum zulegen, zur Erfrischung seiner Lebensgeister. Ein derartiges Ideal hat nun freilich der südliche Buddhist niemals aufgestellt, und dielakṣaṇas, die ihm, auch als vollkommenem Weisen, einzig nahe gehn, sind immer die selben geblieben, nämlichaniccam,dukkham,anattam. Darum wollen wir die gute buddhistische Volksmetaphysik und ihre Meister hochhalten. Bei der Lehre Gotamo Buddhos, die erst in den letzten fünfzig Jahren durch Gogerlys, Spence Hardys und Childers’ vertrauten Umgang mit den Mönchen Zeilons neu entdeckt wurde, ist das Wort des Richard Wagnerschen Hans Sachs wundersam am Platze:

Dass uns’re Meister sie gepflegt,Grad’ recht nach ihrer Art,Nach ihrem Sinne treu gehegt,Das hat sie ächt bewahrt. —

Dass uns’re Meister sie gepflegt,Grad’ recht nach ihrer Art,Nach ihrem Sinne treu gehegt,Das hat sie ächt bewahrt. —

Dass uns’re Meister sie gepflegt,Grad’ recht nach ihrer Art,Nach ihrem Sinne treu gehegt,Das hat sie ächt bewahrt. —

Dass uns’re Meister sie gepflegt,

Grad’ recht nach ihrer Art,

Nach ihrem Sinne treu gehegt,

Das hat sie ächt bewahrt. —

Eine wenig bekannte Einzelheit mag hier noch, als Exkurs, behandelt werden. Man hat bis vor kurzem allgemein angenommen, das letzte Mahl Gotamo Buddhos, von einemjungen Schmidte Namens Cundo gespendet, sei Wildbraten gewesen, und zwar verdorbener, dessen Genuss Erkrankung und Tod des Buddho zur Folge hatte. Die betreffende Stelle findet sich in der 16. Rede desDN,Mahāparinibbānasuttamp. 41–42. Dort wird erzählt, der junge Schmidt Cundo habe die Mönche in sein Haus geladen und feste und flüssige Speise und ein reichliches Gericht vonsūkaramaddavamfür sie bestellt; letzteres habe sich der Buddho vorsetzen lassen, den Schmidt aber ermahnt, die Jünger mit der anderen Speise zu bewirten und den Rest seines Gerichtes in die Gosse zu schütten, da es von keinem verdaut werden könne, den Vollendeten ausgenommen. Nach dem Genusse dieser Speise sei dann der Buddho krank geworden, schwer krank, und heftige Schmerzen hätten sich eingestellt.

Bhuttassa ca sūkaramaddavenaVyādhippabāḷhā udapādi satthuno.

Bhuttassa ca sūkaramaddavenaVyādhippabāḷhā udapādi satthuno.

Bhuttassa ca sūkaramaddavenaVyādhippabāḷhā udapādi satthuno.

Bhuttassa ca sūkaramaddavena

Vyādhippabāḷhā udapādi satthuno.

Was ist nunsūkaramaddavam? Ist es Wildbratensülze, wie es auf den ersten Blick scheint? Die einheimische Tradition hat es meist dafür gehalten, und die europäische Forschung hat es unbesehens übernommen. Zu vertrauensvoll: denn wir haben zusūkaramaddavamParallelen, die einen anderen Begriff vermuthen lassen. Unter den Arzeneipflanzen, die derRājanighaṇṭusaufzählt, finden wir u. a. das fem. simpl.sūkarī, vonsūkarasEber, Schwein, als Batate, dannsūkarakandasEberbirne (Erdbirne),sūkarapādikāEberklaue=kolaśimbīEberschote, dann aber, und dies ist wichtiger, densūkareṣṭas, eine Erdmandel, welche die Wildschweine mit Leidenschaft auswühlen, wörtlich Ebergier; daher z. B. der OrtSūkarakhatāEberswühl,MNI., 497.Suśrutasgiebtvārāhī, vonvarāhasEber, für dieYamwurzel an, dannvarāhakandasEbertrüffel,varāhamūlam, Eberwurz, etc. Vergl. noch Bezeichnungen wiegostanīWeintraube, wörtlich Kuheuter,hastikarṇasRizinus, w. Elephantenohr,uraṇākṣaseine Zimmtpflanze, w. Schaafauge,kukkuṭamastakasein Pfeffer, w. Hahnenkamm,vānarapriyasein gemeinsamer Name der indischen Feigenbäume, w. Affenlieb,ajamodāfür Kümmel, Sellerie, Liguster, w. Ziegenlab,mṛgabhojanīKoloquinthenfrüchte, w. Wildspeise, nämlich der Rehe, Hirsche etc., u. v. m.Sūkaramaddavam, von √mṛḷgaudere (s.ANvol. I. p. 94, XV, 2=Suttanipāto, vv. 250, 292,Jāt.vol. V. p. 378 v. 176,Dhammasaṉg.s. v.maddavatā, Asokos Delhi-Sivālik-Säulenedikt VII β, 1. 7madave), wird daher Eberlust bedeuten und der Name irgend einer essbaren Pilzart sein. Auch wir haben ja derlei Gewächse mit ähnlichen Namen bedacht, ex jure primi possidentis, und sagen Saubrod (eine Erdnuss), Hirschtrüffel, Hirschschwamm, Bärwurz, Bärenklee, Hasenampfer; vergl. auch Benennungen wie Eberesche, Kuhbaum, Wolfsmilch, Schlangenkraut, Schaafgarbe, Geißblatt. Cundo der Schmidt gehörte nun offenbar nicht der Jägerkaste an und war als wohlhabender indischer Handwerker gewiss nicht gewohnt Saubraten zu essen oder darzureichen. Am Markt gekaufte Wurzeln, Kräuter und Schwämme dürfte er zubereiten lassen und zum täglichen Reis mit angeboten haben. Unter die letzteren werden unglücklicherweise auch giftige gerathen sein und der Buddho hat es alsbald gemerkt. — Das Verdienst die Sache ans Licht gezogen zu haben gebührt dem Verfasser des trefflich ausgearbeiteten »Buddhistischen Katechismus«, Friedrich Zimmermann (Subhadra Bhikschu), s. 4. Aufl., Braunschweig 1894, p. 26 f. Dieser wieder verdankt, nach persönlicher Mittheilung, dieerste Anregung einem Artikel im Journal of the Mahā-Bodhi-Society, vol. I., No. VIII. p. 2–3, Kalkutta 1892, wo der Hauspaṇḍit der Zeitschrift unsere Stelle nach dem Kommentare Dhammapālācariyos zuKhN,UdānamVIII., 5., (p. 81) erörtert und Aeußerungen Rhys Davids’, Bigandets, Rockhills und Colonel Olcotts, der nachdrücklich auf die richtige Bedeutung hinweist, wiedergiebt. Aus dem Kommentare geht hervor, dass der Irrthum schon in den Scholien derMahā Aṭṭhakathāaufgetischt, aber von ›Anderen‹, d. h. besseren Beobachtern, erkannt worden ist. Die heutigen Mönche Zeilons lassen sich über diese Frage mit der ihnen bei solchen ἀδιαφοροις eigenen Indifferenz aus und stellen die einander widersprechenden Erklärungen der Kommentatoren als gleich möglich hin; doch neigen sie seit einigen Jahren, wie sie sagen, mehr zu der eben dargelegten Ansicht. Einer der berühmtesten Nāyakas, der ehrwürdige Terunnānse des Maligakandapariveṇa in Kolombo Hikkaḍuwe Sumaṉgala meinte mit verächtlichem Lächeln: Ob der Buddho vor seinem Ende Pilze oder Fleisch, eine Brühe oder was sonst zu sich genommen habe, sei dem Buddhisten sehr gleichgültig; er wisse: alle Nahrung ist Elend.Na hi āhārena suddhī ti.Dass diese Worte keine hohle Phrase waren konnte ich täglich beobachten. Wie einst so schreitet auch heute noch der Mönch am Vormittag durch das Dorf hin, alter wie junger, niemals ein Wanst, fast immer eine schlanke, asketische Gestalt, gemessenen Ganges, barhäuptig, kahlgeschoren wie Scipio, gesenkten Blickes, unter der langen gelben Toga die Almosenschaale halb verborgen im Arme, und tritt von Hütte zu Hütte, eine kleine Weile unbeweglich wartend, ob ihm eine milde Hand einen Bissen Speise in die Schaale senken werde; und stumm zieht er weiter, ohne ein Wort desGrußes, ohne ein Wort des Dankes, ohne aufzublicken, ohne eine Miene zu verziehen. Ist seine Schaale, ein halbkugelförmiger glatter Napf von 20–25 cm Durchmesser, nach Gutdünken voll geworden, dann kehrt er in seine blühende Einsiedelei oder, an größeren Orten, in sein luftiges Kloster zurück und nimmt langsam und reinlich das Mahl ein, ohne auszuwählen, Flüssiges und Festes vermischt, wie’s eben im Napfe sich vorfindet. Um 12½ muss er gespeist und sich Mund und Hände gewaschen haben und braucht nun bis zum nächsten Vormittag nicht mehr ans Essen zu denken. Und strenge wird Zucht gehalten, eine Observanz, die in günstigem Lichte erscheint, in entschieden günstigerem als Berichterstatter mit gemächlichen Ohren und eiligen Augen es gelegentlich schildern.

DIE UEBERSETZUNG

Wer Pāli kann braucht kein geborgtes Licht; wenn die Sonne scheint vermissen wir nicht den Mond. Um Pāli wirklich zu verstehn sind aber, meines Erachtens, vorerst zwei Dinge unerlässlich: 1) eine möglichst gründliche Kenntniss der besten Saṃskṛt-Texte und wiederholte Beschäftigung mit ihnen, und 2) jahrelang geübtes Studium der Pāli-Urkunden. Den Kampf mit dem spröden Stoffe ohne dieses nothwendigste Rüstzeug aufnehmen verspricht geringen Erfolg, wie viele, oft redlich beflissene Uebersetzungen intra et extra muros deutlich darthun. Man ist nur allzu geneigt die verhältnissmäßig leichte Zugänglichkeit der Pāli-Texte sogleich auch für leichte Schmelzbarkeit zu halten. Man zerlegt ein dutzend Perioden, giebt den ungefähren Inhalt an und glaubt schon, dies wäre, im Großen und Ganzen, alles. Ein ehrenwerther Rechtsanwalt in Kandy, Siṇhalo-Holländer, der mich einmalmit einem Mönche reden gehört hatte, meinte nachher: ‚Wenn ich nur die Zeit hätte! In drei Monaten würd’ ich das ganze Pāli bemeistert haben.‘ Er ließ sich von gelegentlichen Anklängen ans Siṇhalesische bestechen. Wie mancher Biedermann bei uns gleicht mit seinem bischen Saṃskṛt diesem würdigen Holländer: nur mit dem Unterschied, dass er sich keine drei Monate Zeit nimmt, zur »Meisterung«. Er betreibt sie sein ganzes Leben lang, so nebenher.

Schön und gut sind nun wohl die zwei genannten unerlässlichen Eigenschaften, doch reichen sie zu einer Uebersetzung keineswegs hin. Am Schlusse der Anmerkungen zum West-östlichen Divan stellt Goethe drei Arten von Uebersetzungen auf, die prosaische, die parodistische und die identische. Die beiden ersten seien in ihrem Sinne recht brauchbar und verdienstlich, wahre Befriedigung könne nur die letzte gewähren. »Eine Uebersetzung, die sich mit dem Original zu identifizieren strebt, nähert sich zuletzt der Interlinearversion und erleichtert höchlich das Verständniss des Originals; hiedurch werden wir an den Grundtext hinangeführt, ja getrieben, und so ist denn zuletzt der ganze Zirkel abgeschlossen, in welchem sich die Annäherung des Fremden und Einheimischen, des Bekannten und Unbekannten bewegt.« Sollte in den folgenden Blättern jene Identität auch nur hier und da zum kleinsten Theile sichtbar werden, dann wäre das Verständniss des Grundtextes allerdings wesentlich leichter, obgleich nicht mühelos geworden. Die Reden stammen zwar aus dem 6. Jahrhundert vor Christus: aber sie machen zuweilen den Eindruck als gehörten sie ins 6. Jahrhundert nach Schopenhauer.

Wien, im Herbst 1895.

KARL EUGEN NEUMANN.

1.

Erster Theil

Erste Rede

{1}Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Ukkaṭṭhā, im Lustwalde, am Fuße eines Königsbaumes. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche:»Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Aller Dinge Urart will ich euch weisen, ihr Mönche: höret es und achtet wohl auf meine Rede.«

»Ja, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Da hat einer, ihr Mönche, nichts erfahren, ist ein gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige,der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich und nimmt die Erde als Erde, und hat er die Erde als Erde genommen, so denkt er Erde, denkt an die Erde, denkt über die Erde, denkt ›Mein ist die Erde‹ und freut sich der Erde: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt das Wasser als Wasser, und hat er das Wasser als Wasser genommen, so denkt er Wasser, denkt an das Wasser, denkt über das Wasser, denkt ›Mein ist das Wasser‹ und freut sich des Wassers: und warum?Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt das Feuer als Feuer, und hat er das Feuer als Feuer genommen, so denkt er Feuer, denkt an das Feuer, denkt über das Feuer, denkt ›Mein ist das Feuer‹ und freut sich des Feuers: und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Luft als Luft, und hat er die Luft als Luft genommen, so denkt er Luft, denkt an die Luft, denkt über die Luft, denkt ›Mein ist die Luft‹ und freut sich der Luft: und warum?{2}Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Natur als Natur, und hat er die Natur als Natur genommen, so denkt er Natur, denkt an die Natur, denkt über die Natur, denkt ›Mein ist die Natur‹ und freut sich der Natur: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Götter als Götter, und hat er die Götter als Götter genommen, so denkt er Götter, denkt an die Götter, denkt über die Götter, denkt ›Mein sind die Götter‹ und freut sich der Götter: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt den Herrn der Zeugung als Herrn der Zeugung, und hat er den Herrn der Zeugung als Herrn der Zeugung genommen, so denkt er den Herrn der Zeugung, denkt an den Herrn der Zeugung, denkt über den Herrn der Zeugung, denkt ›Mein ist der Herr der Zeugung‹ und freut sich des Herrn der Zeugung: und warum? Weil er ihn nicht kennt, sage ich. Er nimmt den Brahmā als Brahmā, und hat er den Brahmā als Brahmā genommen, so denkt er den Brahmā, denkt an den Brahmā, denkt über den Brahmā, denkt ›Mein ist Brahmā‹ und freut sich des Brahmā: und warum? Weil er ihn nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Leuchtenden als Leuchtende, und hat er die Leuchtenden als Leuchtende genommen,so denkt er die Leuchtenden, denkt an die Leuchtenden, denkt über die Leuchtenden, denkt ›Mein sind die Leuchtenden‹ und freut sich der Leuchtenden: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Strahlenden als Strahlende, und hat er die Strahlenden als Strahlende genommen, so denkt er die Strahlenden, denkt an die Strahlenden, denkt über die Strahlenden, denkt ›Mein sind die Strahlenden‹ und freut sich der Strahlenden: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Gewaltigen als Gewaltige, und hat er die Gewaltigen als Gewaltige genommen, so denkt er die Gewaltigen, denkt an die Gewaltigen, denkt über die Gewaltigen, denkt ›Mein sind die Gewaltigen‹ und freut sich der Gewaltigen: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt den Uebermächtigen[1]als Uebermächtigen, und hat er den Uebermächtigen als Uebermächtigen genommen, so denkt er den Uebermächtigen, denkt an den Uebermächtigen, denkt über den Uebermächtigen, denkt ›Mein ist der Uebermächtige‹ und freut sich des Uebermächtigen: und warum? Weil er ihn nicht kennt, sage ich. Er nimmt die unbegränzte Raumsphäre als unbegrenzte Raumsphäre, und hat er die unbegränzte Raumsphäre als unbegränzte Raumsphäre genommen, so denkt er unbegränzte Raumsphäre, denkt an die unbegränzte Raumsphäre, denkt über die unbegränzte Raumsphäre, denkt ›Mein ist die unbegränzte Raumsphäre‹ und freut sich der unbegränzten Raumsphäre: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die unbegränzte Bewusstseinsphäre als unbegränzte Bewusstseinsphäre, und hat er die unbegränzte Bewusstseinsphäre als unbegränzteBewusstseinsphäre genommen,{3}so denkt er unbegränzte Bewusstseinsphäre, denkt an die unbegränzte Bewusstseinsphäre, denkt über die unbegränzte Bewusstseinsphäre, denkt ›Mein ist die unbegränzte Bewusstseinsphäre‹ und freut sich der unbegrenzten Bewusstseinsphäre: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Nichtdaseinsphäre als Nichtdaseinsphäre, und hat er die Nichtdaseinsphäre als Nichtdaseinsphäre genommen, so denkt er die Nichtdaseinsphäre, denkt an die Nichtdaseinsphäre, denkt über die Nichtdaseinsphäre, denkt ›Mein ist die Nichtdaseinsphäre‹ und freut sich der Nichtdaseinsphäre: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung als Gränzscheide möglicher Wahrnehmung, und hat er die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung als Gränzscheide möglicher Wahrnehmung genommen, so denkt er die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung, denkt an die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung, denkt über die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung, denkt ›Mein ist die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung‹ und freut sich der Gränzscheide möglicher Wahrnehmung: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt das Gesehene als gesehn, und hat er das Gesehene als gesehn genommen, so denkt er Gesehenes, denkt an das Gesehene, denkt über das Gesehene, denkt ›Mein ist das Gesehene‹ und freut sich des Gesehenen: und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt das Gehörte als gehört, und hat er das Gehörte als gehört genommen, so denkt er Gehörtes, denkt an das Gehörte, denkt über das Gehörte, denkt ›Mein ist das Gehörte‹ und freutsich des Gehörten: und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt das Gedachte als gedacht, und hat er das Gedachte als gedacht genommen, so denkt er Gedachtes, denkt an das Gedachte, denkt über das Gedachte, denkt ›Mein ist das Gedachte‹ und freut sich des Gedachten: und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt das Erkannte als erkannt, und hat er das Erkannte als erkannt genommen, so denkt er Erkanntes, denkt an das Erkannte, denkt über das Erkannte, denkt ›Mein ist das Erkannte‹ und freut sich des Erkannten: und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Einheit als Einheit, und hat er die Einheit als Einheit genommen, so denkt er die Einheit, denkt an die Einheit, denkt über die Einheit, denkt ›Mein ist die Einheit‹ und freut sich der Einheit: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Vielheit als Vielheit, und hat er die Vielheit als Vielheit genommen, so denkt er die Vielheit, denkt an die Vielheit, denkt über die Vielheit, denkt ›Mein ist die Vielheit‹ und freut sich der Vielheit: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich. Er nimmt das All als All, und hat er das All als All genommen, so denkt er das All, denkt an das All, denkt über das All, denkt{4}›Mein ist das All‹ und freut sich des Alls: und warum? Weil er es nicht kennt, sage ich. Er nimmt die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung[2], und hat er die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung genommen, so denkt er die Wahnerlöschung, denkt an die Wahnerlöschung, denkt über die Wahnerlöschung, denkt ›Mein ist die Wahnerlöschung‹ und freut sich der Wahnerlöschung: und warum? Weil er sie nicht kennt, sage ich.

»Wer aber, Mönche, als kämpfender Mönch, mit streitendem Busen die unvergleichliche Sicherheit zu erringen trachtet,auch dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als Erde gegolten, dann soll er nicht Erde denken, nicht an die Erde denken, nicht über die Erde denken, nicht denken ›Mein ist die Erde‹, sich der Erde nicht freuen: und warum nicht? Damit er sie kennen lerne, sage ich. Wasser, Feuer, Luft, Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm als All, und hat ihm das All als All gegolten, dann soll er nicht das All denken, nicht an das All denken, nicht über das All denken, nicht denken ›Mein ist das All‹, sich des Alls nicht freuen: und warum nicht? Damit er es kennen lerne, sage ich. Die Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann soll er nicht die Wahnerlöschung denken, nicht an die Wahnerlöschung denken, nicht über die Wahnerlöschung denken, nicht denken ›Mein ist die Wahnerlöschung‹, sich der Wahnerlöschung nicht freuen: und warum nicht? Damit er sie kennen lerne, sage ich.

»Wer aber, Mönche, als heiliger Mönch, als Wahnversieger, Endiger, gewirkten Werkes, lastentledigt, sein Ziel vollbracht, die Daseinsfesseln zerstört hat, in vollkommener Weisheit erlöst ist,{5}auch dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht ›Mein ist die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum nicht? Weil er sie kennt, sage ich. Wasser, Feuer, Luft, Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm als All, und hatihm das All als All gegolten, dann denkt er nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des Alls: und warum nicht? Weil er es kennt, sage ich. Die Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung, denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung: und warum nicht? Weil er sie kennt, sage ich.

»Wer aber, Mönche, als heiliger Mönch, als Wahnversieger, Endiger, gewirkten Werkes, lastentledigt, sein Ziel vollbracht, die Daseinsfesseln zerstört hat, in vollkommener Weisheit erlöst ist, auch dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht ›Mein ist die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum nicht? Weil er gierversiegt gierlos ist. Wasser, Feuer, Luft, Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm als All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt er nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des Alls: und warum nicht? Weil er gierversiegt gierlos ist. Die Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung, denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung:und warum? Weil er gierversiegt gierlos ist.

»Wer aber, Mönche, als heiliger Mönch, als Wahnversieger, Endiger, gewirkten Werkes, lastentledigt, sein Ziel vollbracht, die Daseinsfesseln zerstört hat, in vollkommener Weisheit erlöst ist, auch dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht ›Mein ist die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum nicht? Weil er hassversiegt hasslos ist. Wasser, Feuer, Luft, Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm als All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt er nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des Alls: und warum nicht? Weil er hassversiegt hasslos ist. Die Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung, denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung: und warum nicht? Weil er hassversiegt hasslos ist.

»Wer aber, Mönche, als heiliger Mönch, als Wahnversieger, Endiger, gewirkten Werkes, lastentledigt, sein Ziel vollbracht, die Daseinsfesseln zerstört hat, in vollkommener Weisheit erlöst ist, auch dem gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht ›Mein ist die Erde‹ und freutsich nicht der Erde: und warum nicht? Weil er irreversiegt irrlos ist. Wasser, Feuer, Luft, Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt ihm als All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt er nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des Alls: und warum nicht? Weil er irreversiegt irrlos ist. Die Wahnerlöschung gilt ihm als Wahnerlöschung, und hat ihm die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung, denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung: und warum nicht? Weil er irreversiegt irrlos ist.

»Und dem Vollendeten, ihr Mönche, dem Heiligen, vollkommen Erwachten[3], gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht{6}›Mein ist die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum nicht? Weil der Vollendete sie kennt, sage ich. Wasser, Feuer, Luft, Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt dem Vollendeten als All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt er nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des Alls: und warum nicht? Weil der Vollendete es kennt, sage ich. Die Wahnerlöschung gilt dem Vollendeten als Wahnerlöschung, und hat ihm die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung, denkt nicht über die Wahnerlöschung, denktnicht ›Mein ist die Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung: und warum nicht? Weil der Vollendete sie kennt, sage ich.

»Und dem Vollendeten, ihr Mönche, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, gilt die Erde als Erde, und hat ihm die Erde als Erde gegolten, dann denkt er nicht Erde, denkt nicht an die Erde, denkt nicht über die Erde, denkt nicht ›Mein ist die Erde‹ und freut sich nicht der Erde: und warum nicht? ›Genügen ist des Leidens Wurzel‹, das hat er entdeckt, ›Werden gebiert, Gewordenes altert und stirbt.‹ Darum also, ihr Mönche, sage ich, dass der Vollendete, allemLebensdurst erstorben, entwöhnt, entrodet, entgangen, entwunden, in der unvergleichlichen vollkommenen Erwachung auferwacht ist. Wasser, Feuer, Luft, Natur und Götter, Einheit und Vielheit, das All gilt dem Vollendeten als All, und hat ihm das All als All gegolten, dann denkt er nicht das All, denkt nicht an das All, denkt nicht über das All, denkt nicht ›Mein ist das All‹ und freut sich nicht des Alls: und warum nicht? ›Genügen ist des Leidens Wurzel‹, das hat er entdeckt, ›Werden gebiert, Gewordenes altert und stirbt.‹ Darum also, ihr Mönche, sage ich, dass der Vollendete, allem Lebensdurst erstorben, entwöhnt, entrodet, entgangen, entwunden, in der unvergleichlichen vollkommenen Erwachung auferwacht ist. Die Wahnerlöschung gilt dem Vollendeten als Wahnerlöschung, und hat ihm die Wahnerlöschung als Wahnerlöschung gegolten, dann denkt er nicht die Wahnerlöschung, denkt nicht an die Wahnerlöschung, denkt nicht über die Wahnerlöschung, denkt nicht ›Mein ist die Wahnerlöschung‹ und freut sich nicht der Wahnerlöschung:und warum nicht? ›Genügen ist des Leidens Wurzel‹, das hat er entdeckt, ›Werden gebiert, Gewordenes altert und stirbt.‹ Darum also, ihr Mönche, sage ich, dass der Vollendete, allem Lebensdurst erstorben, entwöhnt, entrodet, entgangen, entwunden, in der unvergleichlichen vollkommenen Erwachung auferwacht ist.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

2.

Erster Theil

Zweite Rede

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Wie allem Wähnen gewehrt wird, Mönche, das will ich euch weisen:{7}höret es und achtet wohl auf meine Rede.« »Ja, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Dem Kenner, ihr Mönche, dem Kundigen verheiße ich Wahnversiegung, keinem Unbekannten, keinem Unkundigen. Was soll aber, Mönche, gekannt, was erkundet sein zur Wahnversiegung? Gründliche Achtsamkeitund seichte Achtsamkeit. Seichte Achtsamkeit, ihr Mönche, zeitigt neues Wähnen und lässt das alte erstarken, gründliche Achtsamkeit, ihr Mönche, lässt neues Wähnen nicht aufkommen und zerstört das alte.

»Es giebt, Mönche, ein Wähnen, das wissend überwunden werden muss. Es giebt ein Wähnen, das wehrend überwunden werden muss. Es giebt ein Wähnen, das pflegend überwunden werden muss. Es giebt ein Wähnen, das duldend überwunden werden muss. Es giebt ein Wähnen, das fliehend überwunden werden muss. Es giebt ein Wähnen, das kämpfend überwunden werden muss. Es giebt ein Wähnen, das wirkend überwunden werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das wissend überwunden werden muss? Da hat einer, ihr Mönche, nichts erfahren, ist ein gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich und erkennt nicht was der Achtsamkeit werth ist und erkennt nicht was der Achtsamkeit unwerth ist. Ohne Kenntniss der würdigen Dinge, ohne Kenntniss der unwürdigen Dinge achtet er auf das Unwürdige und nicht auf das Würdige. Was ist aber, Mönche, das Unwürdige, das er würdigt? Durch dessen Würdigung, ihr Mönche, neuer Wunscheswahn gezeitigt wird und alter erstarkt, neuer Daseinswahn gezeitigt wird und alter erstarkt, neuer Irrwahn gezeitigt wird und alter erstarkt, das ist das Unwürdige, das er würdigt. Und was ist, ihr Mönche, das Würdige, das er nicht würdigt? Durch dessen Würdigung, ihr Mönche, neuer Wunscheswahnnicht aufkommen kann und alter zerstört wird, neuer Daseinswahn nicht aufkommen kann und alter zerstört wird, neuer Irrwahn nicht aufkommen kann und alter zerstört wird, das ist das Würdige, das er nicht würdigt.{8}Und indem er unwürdige Dinge würdigt und würdige Dinge nicht würdigt erhebt sich neues Wähnen in ihm und das alte erstarkt.

»Und seicht erwägt er also: ›Bin ich wohl in den vergangenen Zeiten gewesen? Oder bin ich nicht gewesen? Was bin ich wohl in den vergangenen Zeiten gewesen? Wie bin ich wohl in den vergangenen Zeiten gewesen? Was geworden bin ich dann was gewesen? Werd’ ich wohl in den zukünftigen Zeiten sein? Oder werde ich nicht sein? Was werd’ ich wohl in den zukünftigen Zeiten sein? Wie werd’ ich wohl in den zukünftigen Zeiten sein? Was geworden werd’ ich dann was sein?‹ Und auch die Gegenwart erfüllt ihn mit Zweifeln: ›Bin ich denn? Oder bin ich nicht? Was bin ich? Und wie bin ich? Dieses Wesen da, woher ist das wohl gekommen? Und wohin wird es gehn?‹

»Und bei solchen seichten Erwägungen kommt er zu dieser oder zu jener der sechs Ansichten: die Ansicht ›Ich habe eine Seele‹ wird ihm zur festen Ueberzeugung, oder die Ansicht ›Ich habe keine Seele‹ wird ihm zur festen Ueberzeugung, oder die Ansicht ›Beseelt ahn’ ich Beseelung‹ wird ihm zur festen Ueberzeugung, oder die Ansicht ›Beseelt ahn’ ich Entseelung‹ wird ihm zur festen Ueberzeugung, oder die Ansicht ›Entseelt ahn’ ich Beseelung‹ wird ihm zur festen Ueberzeugung, oder aber er kommt zur folgenden Ansicht: ›Mein selbiges Selbst, sag’ ich, findet sich wieder,wenn es da und dort den Lohn guter und böser Werke genießt, und dieses mein Selbst ist dauernd, beharrend, ewig, unwandelbar, wird sich ewiglich also gleich bleiben.‹ Das nennt man, ihr Mönche, Gasse der Ansichten, Höhle der Ansichten, Schlucht der Ansichten, Dorn der Ansichten, Hag der Ansichten, Garn der Ansichten. Ins Garn der Ansichten gerathen, ihr Mönche, wird der unerfahrene Erdensohn nicht frei vom Geborenwerden, Altern und Sterben, vonKummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung, er wird nicht frei, sag’ ich, vom Leiden.

»Doch der erfahrene heilige Jünger, ihr Mönche, merkt das Heilige, ist der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre wohlzugänglich, merkt das Edle, ist der Lehre der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich und erkennt was der Achtsamkeit werth ist und erkennt was der Achtsamkeit unwerth ist. Bekannt mit den würdigen Dingen, bekannt mit den unwürdigen Dingen{9}achtet er nicht des Unwürdigen sondern des Würdigen. Was ist aber, Mönche, das Unwürdige, das er nicht würdigt? Durch dessen Würdigung, ihr Mönche, neuer Wunscheswahn gezeitigt wird und alter erstarkt, neuer Daseinswahn gezeitigt wird und alter erstarkt, neuer Irrwahn gezeitigt wird und alter erstarkt, das ist das Unwürdige, das er nicht würdigt. Und was ist, ihr Mönche, das Würdige, das er würdigt? Durch dessen Würdigung, ihr Mönche, neuer Wunscheswahn nicht aufkommen kann und alter zerstört wird, neuer Daseinswahn nicht aufkommen kann und alter zerstört wird, neuer Irrwahn nicht aufkommen kann und alter zerstört wird, das ist das Würdige, das er würdigt. Und indemer unwürdige Dinge nicht würdigt und würdige Dinge würdigt kommt neues Wähnen nicht auf und das alte vergeht.

»›Das ist das Leiden‹ erwägt er gründlich. ›Das ist die Leidensentwicklung‹ erwägt er gründlich. ›Das ist die Leidensauflösung‹ erwägt er gründlich. ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erwägt er gründlich.

»Und bei solcher gründlicher Erwägung lösen sich ihm drei Umgarnungen auf:der Glaube an Persönlichkeit, Zweifelsucht, sich klammern an Tugendwerk.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das wissend überwunden werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das wehrend überwunden werden muss? Da wahrt sich, ihr Mönche, ein Mönch Besonnenheit als gründliche Wehr und Waffe des Gesichts. Denn ließ’ er, ihr Mönche, sein Gesicht wehrlos gewähren, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn; doch das wehrlich gewahrte Gesicht hält das verstörende, sehrende Wähnen von ihm ab. Besonnenheit wahrt er sich als gründliche Wehr und Waffe des Gehörs. Denn ließ’ er, ihr Mönche, sein Gehör wehrlos gewähren, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn; doch das wehrlich gewahrte Gehör hält das verstörende, sehrende Wähnen von ihm ab. Besonnenheit wahrt er sich als gründliche Wehr und Waffe des Geruchs. Denn ließ’ er, ihr Mönche, seinen Geruch wehrlos gewähren, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn; doch der wehrlich gewahrte Geruch hält das verstörende, sehrende Wähnen von ihm ab. Besonnenheit wahrt er sich als gründliche Wehr und Waffe des Geschmacks.Denn ließ’ er, ihr Mönche, seinen Geschmack wehrlos gewähren, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn; doch der wehrlich gewahrte Geschmack hält das verstörende, sehrende Wähnen von ihm ab. Besonnenheit wahrt er sich als gründliche Wehr und Waffe des Getasts. Denn ließ’ er, ihr Mönche, sein Getast wehrlos gewähren, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn; doch das wehrlich gewahrte Getast hält das verstörende, sehrende Wähnen von ihm ab. Besonnenheit wahrt er sich als gründliche Wehr und Waffe des Gedenkens. Denn ließ’ er, ihr Mönche, sein Gedenken wehrlos gewähren, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn;{10}doch das wehrlich gewahrte Gedenken hält das verstörende, sehrende Wähnen von ihm ab. Ließ’ er sich also, ihr Mönche, wehrlos gehn, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn; doch wehrlich gewahrt hält er das verstörende, sehrende Wähnen von sich ab.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das wehrend überwunden werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das pflegend überwunden werden muss? Da pflegt, ihr Mönche, ein Mönch gründlich besonnen der Kutte, nur um sich vor Kälte zu schützen, vor Hitze zu schützen, nur um sich vor Wind und Wetter, vor Mücken und Wespen und plagenden Kriechthieren zu schützen, nur umdie Schaam und Schande bedecken zu können. Gründlich besonnen pflegt er der Almosenspeise, nicht etwa zur Letzung und Ergetzung, nicht zur Schmuckheit und Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten, zu fristen, um Schaden zu verhüten, um ein heiliges Lebenführen zu können: ›So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten undein neues Gefühl nicht aufkommen lassen, und ich werde ein Fortkommen haben, ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden.‹ Gründlich besonnen pflegt er der Lagerstatt, nur um sich vor Kälte zu schützen, vor Hitze zu schützen, nur um sich vor Wind und Wetter, vor Mücken und Wespen und plagenden Kriechthieren zu schützen,nur um den Unbilden der Jahreszeit auszuweichen, um Ruhe genießen zu können. Gründlich besonnen pflegt er der Arzeneien im Fall einer Krankheit,nur um anfällige niederzerrende Gefühle zu beschwichtigen, mit der Unabhängigkeit als letztem Ziel. Weil ihn also, ihr Mönche, ohne Pflege verstörendes, sehrendes Wähnen ergriffe, nimmt er der Pflege wahr und hält das verstörende, sehrende Wähnen von sich ab.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das pflegend überwunden werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das duldend überwunden werden muss? Da erträgt, ihr Mönche, ein Mönch gründlich besonnen Kälte und Hitze, Hunger und Durst, Wind und Wetter, Mücken und Wespen und plagende Kriechthiere, boshafte, böswillige Redeweisen, körperliche Schmerzgefühle, die ihn treffen, heftige, schneidende, stechende, unangenehme, leidige, lebensgefährliche dauert er duldend aus. Denn würde er ungeduldig, ihr Mönche, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn: darum bleibt er geduldig und entgeht dem verstörenden, sehrenden Wähnen.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das duldend überwunden werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, dasfliehend überwunden werden muss? Da flieht, ihr Mönche, ein Mönch gründlich besonnen einen wüthenden Elephanten, ein wüthendes Pferd, einen wüthenden Stier, einen wüthenden Hund, er flieht Schlangen, meidet abgeholzten Grund, Dornengestrüpp, Klinzen und Klüfte, Pfützen und Sümpfe.{11}Orte, die zum Weilen nicht taugen, Plätze, die zum Wandeln nicht taugen, Freunde, die zum Verkehr nicht taugen, von erfahrenen Ordensbrüdern entsprechend missbilligt würden, solche Orte, solche Plätze, solche Freunde flieht er, gründlich besonnen. Denn wollte er nicht fliehn, ihr Mönche, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn: darum flieht er und entgeht dem verstörenden, sehrenden Wähnen.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das fliehend überwunden werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das kämpfend überwunden werden muss? Da gönnt, ihr Mönche, ein Mönch gründlich besonnen einem aufgestiegenen Wunschgedanken keinen Raum, verleugnet ihn, vertreibt ihn, vertilgt ihn, erstickt ihn im Keime; gönnt einem aufgestiegenen Hassgedanken keinen Raum, verleugnet ihn, vertreibt ihn, vertilgt ihn, erstickt ihn im Keime; gönnt einem aufgestiegenen Wuthgedanken keinen Raum, verleugnet ihn, vertreibt ihn, vertilgt ihn, erstickt ihn im Keime; gönnt diesen und jenen schlechten, verderblichen Gedanken, die aufsteigen, keinen Raum, verleugnet sie, vertreibt sie, vertilgt sie, erstickt sie im Keime. Gäbe er aber nach, ihr Mönche, so käme verstörendes, sehrendes Wähnen über ihn: darum kämpft er und bleibt frei vom verstörenden, sehrenden Wähnen.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das kämpfend überwunden werden muss.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für ein Wähnen, das wirkend überwunden werden muss? Da wirkt, ihr Mönche, ein Mönch gründlich besonnen der Einsicht Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Gründlich besonnen wirkt er des Tiefsinns Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Gründlich besonnen wirkt er der Kraft Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Gründlich besonnen wirkt er der Heiterkeit Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Gründlich besonnen wirkt er der Lindheit Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Gründlich besonnen wirkt er der Innigkeit Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Gründlich besonnen wirkt er des Gleichmuths Erweckung, die abgeschieden gezeugte, abgelöst gezeugte, ausgerodet gezeugte, die in Endsal übergeht. Weil er also, ihr Mönche, ohne Wirken verstörendem, sehrendem Wähnen erläge, wirkt er, und kein verstörendes, sehrendes Wähnen kommt ihn an.

»Das nennt man, ihr Mönche, Wähnen, das wirkend überwunden werden muss.

»Hat nun, ihr Mönche, ein Mönch das Wähnen, das wissend überwunden werden muss, wissend überwunden, das Wähnen, das wehrend überwunden werdenmuss, wehrend überwunden, das Wähnen, das pflegend überwunden werden muss, pflegend überwunden, das Wähnen, das duldend überwunden werden muss, duldend überwunden, das Wähnen, das fliehend überwunden werden muss, fliehend überwunden,{12}das Wähnen, das kämpfend überwunden werden muss, kämpfend überwunden, das Wähnen, das wirkend überwunden werden muss, wirkend überwunden: so nennt man ihn, Mönche, einen Mönch, der gegen alles Wähnen gefeit ist. Abgeschnitten hat er den Lebensdurst, weggeworfen die Fessel, durch vollständige Dünkeleroberung ein Ende gemacht dem Leiden.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

3.

Erster Theil

Dritte Rede

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Erben der Lehre seid mir, Mönche, nicht Erben der Nothdurft! Aus Mitleid red’ ich also zu euch: O dassmeine Jünger Erben der Lehre seien und nicht Erben der Nothdurft.

»Wäret ihr, meine Mönche, Erben der Nothdurft, nicht Erben der Lehre, so zeigte man auf euch und spräche: ›Erben der Nothdurft sind sie, die Jünger des Meisters, nicht Erben der Lehre‹, und auch auf mich deutete man: ›Erben der Nothdurft sind sie, die Jünger des Meisters, nicht Erben der Lehre.‹ Wollt ihr nun, meine Mönche, Erben der Lehre sein, nicht Erben der Nothdurft, dann zeiht euch wohl keiner: ›Erben der Lehre sind sie, die Jünger des Meisters, nicht Erben der Nothdurft‹, und keiner wird mich zeihen: ›Erben der Lehre sind sie, die Jünger des Meisters, nicht Erben der Nothdurft.‹ Daher sollt ihr euch, meine Mönche, als Erben der Lehre erweisen, nicht als Erben der Nothdurft. Aus Mitleid red’ ich also zu euch: O dass meine Jünger Erben der Lehre seien und nicht Erben der Nothdurft.

»Wenn ich da, Mönche, zu Mittag die genügende, vollgemessene Mahlzeit beendet habe, hinreichend satt geworden bin, und es bleibt mir vom Almosen ein Rest übrig, den ich nicht mehr einnehme, der nun aus der Schaale entleert werden muss, und es kommen zwei Mönche heran, aufgerieben von Hunger und Schwäche:{13}da werd’ ich sie einladen: ›Ich habe, ihr Mönche, zu Mittag die genügende, vollgemessene Mahlzeit beendet, bin hinreichend satt geworden, und es bleibt mir vom Almosen ein Rest übrig, den ich nicht mehr einnehme, der nun aus der Schaale entleert werden muss; wollt ihr, so nehmt ihn, wo nicht, so werd’ ich ihn jetzt auf grasfreien Grund ausleeren oder in fließendes Wasserschütten.‹ Da gedächte der eine der Mönche: ›Der Erhabene hat zu Mittag die genügende, vollgemessene Mahlzeit beendet, ist hinreichend satt geworden, und dieser Rest da ist vom Almosen übrig geblieben, muss vertilgt werden; nehmen wir ihn nicht an, so leert ihn der Erhabene auf grasfreien Grund oder in fließendes Wasser aus. Aber ich kenne ja das Wort des Erhabenen: ‚Erben der Lehre seid mir, Mönche, nicht Erben der Nothdurft!‘ Zur Nothdurft gehört auch ein Almosenbissen; wie, wenn ich nun diesen Bissen verschmähte und hungrig und schwach, wie ich bin, bis morgen Mittag aushielte?‹ Und er verschmähte den Bissen und beschiede sich trotz seines Hungers, trotz seiner Schwäche bis zum Mahle des folgenden Tages. Doch der andere Mönch gedächte: ›Der Erhabene hat zu Mittag die genügende, vollgemessene Mahlzeit beendet, ist hinreichend satt geworden, und dieser Rest da ist vom Almosen übrig geblieben, muss vertilgt werden; wie, wenn ich nun diesen Bissen annähme, mich von Hunger und Schwäche erholte und also den Tag zubrächte?‹ Und er nähme den Bissen an, erholte sich von Hunger und Schwäche und brächte den Tag also zu. Immerhin mag, ihr Mönche, dieser Mönch den Bissen annehmen, sich von Hunger und Schwäche erholen und also den Tag zubringen: aber jener andere, mein erster Mönch, ist würdiger und vorzüglicher. Und warum? Weil es ihn eben, ihr Mönche, lange Zeit fördern wird in seiner Genugsamkeit, Zufriedenheit, Ledigkeit, Leichtigkeit, Beharrlichkeit.[4]Daher sollt ihr euch, meine Mönche, als Erben der Lehre erweisen, nicht als Erben der Nothdurft. Aus Mitleid red’ ich also zu euch: O dass meineJünger Erben der Lehre seien und nicht Erben der Nothdurft.«

Also sprach der Erhabene. Nach diesen Worten stand der Willkommene vom Sitze auf und zog sich in das Wohnhaus zurück.

Da wandte sichnun der ehrwürdige Sāriputto, bald nachdem der Erhabene fortgegangen war, an die Mönche: »Brüder Mönche!« — »Bruder!« antworteten da jene Mönche dem ehrwürdigen Sāriputto aufmerksam.{14}Der ehrwürdige Sāriputto sprach also:

»Hat sich der Meister, ihr Brüder, zurückgezogen, wie pflegen dann die Jünger der Einsamkeit nicht? Und hat sich der Meister, ihr Brüder, zurückgezogen, wie pflegen dann die Jünger der Einsamkeit?«

»Selbst von weit her, Bruder, würden wir kommen, gält’ es beim ehrwürdigen Sāriputto darüber Aufschluss zu erhalten, gut wär’ es wohl, wenn sich doch der ehrwürdige Sāriputto in dieser Sache vernehmen ließe! Das Wort des ehrwürdigen Sāriputto werden wir bewahren.«

»Wohlan denn, Brüder, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«

»Freilich, Bruder!« antworteten da jene Mönche dem ehrwürdigen Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto sprach also:

»Da pflegen, ihr Brüder, die Jünger des einsam weilenden Meisters der Einsamkeit nicht; und was der Meister als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie nicht; und anspruchsvoll werden sie und aufdringlich, suchen vor allem Gesellschaft, fliehen die Einsamkeit als lästige Last. Somit, ihr Brüder, gereichen drei Fälle denälteren Mönchen zur Schande: ›Der Meister weilt einsam zurückgezogen, aber die Jünger pflegen der Einsamkeit nicht‹, das ist der erste Fall, der den älteren Mönchen zur Schande gereicht; ›und was der Meister als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie nicht‹, das ist der zweite Fall, der den älteren Mönchen zur Schande gereicht; ›und anspruchsvoll sind sie und aufdringlich, suchen vor allem Gesellschaft, fliehen die Einsamkeit als lästige Last‹, das ist der dritte Fall, der den älteren Mönchen zur Schande gereicht. Den älteren Mönchen also, Brüder, gereichen diese drei Fälle zur Schande. Und den mittleren Mönchen, Brüder, und den neuen Mönchen, Brüder, gereichen drei Fälle zur Schande: ›Der Meister weilt einsam zurückgezogen, aber die Jünger pflegen der Einsamkeit nicht‹, das ist der erste Fall, der den mittleren Mönchen, der den neuen Mönchen zur Schande gereicht; ›und was der Meister als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie nicht‹, das ist der zweite Fall, der den mittleren Mönchen, der den neuen Mönchen zur Schande gereicht; ›und anspruchsvoll sind sie und aufdringlich, suchen vor allem Gesellschaft, fliehen die Einsamkeit als lästige Last‹, das ist der dritte Fall, der den mittleren Mönchen, der den neuen Mönchen zur Schande gereicht. Den mittleren Mönchen also, Brüder, den neuen Mönchen also, Brüder, gereichen diese drei Fälle zur Schande. Das ist die Art, ihr Brüder, wie die Jünger des einsam weilenden Meisters Einsamkeit scheuen.

»Wie wird nun, ihr Brüder, von den Jüngern des einsam weilenden Meisters Einsamkeit geübt?{15}Da pflegen, ihr Brüder, die Jünger des einsam weilenden Meistersder Einsamkeit; und was der Meister als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie; und sie werden nicht anspruchsvoll, nicht aufdringlich, fliehen Gesellschaft als lästige Last, suchen vor allem Einsamkeit. Somit, ihr Brüder, gereichen drei Fälle den älteren Mönchen zur Ehre: ›Der Meister weilt einsam zurückgezogen und die Jünger pflegen der Einsamkeit‹, das ist der erste Fall, der den älteren Mönchen zur Ehre gereicht; ›und was der Meister als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie‹, das ist der zweite Fall, der den älteren Mönchen zur Ehre gereicht: ›und sie sind nicht anspruchsvoll, nicht aufdringlich, fliehen Gesellschaft als lästige Last, suchen vor allem Einsamkeit‹, das ist der dritte Fall, der den älteren Mönchen zur Ehre gereicht. Den älteren Mönchen also, Brüder, gereichen diese drei Fälle zur Ehre. Und den mittleren Mönchen, Brüder, und den neuen Mönchen, Brüder, gereichen drei Fälle zur Ehre: ›Der Meister weilt einsam zurückgezogen und die Jünger pflegen der Einsamkeit‹, das ist der erste Fall, der den mittleren Mönchen, der den neuen Mönchen zur Ehre gereicht; ›und was der Meister als verwerflich bezeichnet hat, das verwerfen sie‹, das ist der zweite Fall, der den mittleren Mönchen, der den neuen Mönchen zur Ehre gereicht; ›und sie sind nicht anspruchsvoll, nicht aufdringlich, fliehen Gesellschaft als lästige Last, suchen vor allem Einsamkeit‹, das ist der dritte Fall, der den mittleren Mönchen, der den neuen Mönchen zur Ehre gereicht. Den mittleren Mönchen also, Brüder, den neuen Mönchen also, Brüder, gereichen diese drei Fälle zur Ehre. Das ist die Art, ihr Brüder, wie die Jünger des einsam weilenden Meisters Einsamkeit üben.

»Nun merket, Brüder: Gier ist vom Uebel und Hass ist vom Uebel und es giebt einen Mittelweg um der Gier zu entgehn und dem Hass zu entgehn, einen Weg, der sehend und wissend macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung führt. Was ist das aber, Brüder, für ein Mittelweg, der sehend und wissend macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung führt? Dieser heilige achtfältige Pfad ist es eben, und zwar: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht,rechte Einigung. Das, ihr Brüder, ist der Mittelweg, der sehend und wissend macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung führt. Und Zorn, Brüder, und Zwietracht ist vom Uebel, und Häuchelei und Neid ist vom Uebel, und Eiferung und Eigensucht ist vom Uebel, und Trug und List ist vom Uebel, und Starrsinn und Ungestüm ist vom Uebel, und Stolz und Dünkel ist vom Uebel, und Lauheit und Lässigkeit ist vom Uebel und es giebt einen Mittelweg um der Lauheit zu entgehn und der Lässigkeit zu entgehn, einen Weg, der sehend und wissend macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung führt.{16}Was ist das aber, Brüder, für ein Mittelweg, der sehend und wissend macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung führt? Dieser heilige achtfältige Pfad ist es eben, und zwar: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Einigung. Das, ihr Brüder, ist der Mittelweg, der sehend und wissend macht, zur Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung führt.«

Also sprach der ehrwürdige Sāriputto. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des ehrwürdigen Sāriputto.

4.

Erster Theil

Vierte Rede

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Da kam nun Jāṇussoṇi, ein Brāhmane, zum Erhabenen hin, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, wechselte freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend wandte sich nun der Brāhmane Jāṇussoṇi also an den Erhabenen:

»Die edlen Söhne hier, o Gotamo, die um des verehrten Gotamo willen, aus Zuversicht vom Hause fort in dieHauslosigkeit gezogen sind, die folgen dem verehrten Gotamo nach, halten den verehrten Gotamo hoch, haben den verehrten Gotamo zum Lenker erkoren, und des verehrten Gotamo Lebensansicht und Lebensführung wird diesen Leuten zur eigenen.«

{17}»So ist es, Brāhmane, so ist es, Brāhmane. Die edlen Söhne hier, Brāhmane, die um meinetwillen, aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, die folgen mir nach, halten mich hoch, haben michzum Lenker erkoren, und meine Lebensansicht und Lebensführung wird diesen Leuten zur eigenen.«

»Schwer lebt es sich aber, o Gotamo, im tiefen Walde, an abgelegenen Orten, schwer ist es Einsamkeit zu pflegen, schwer Alleinsein genießen; die Waldschluchten müssen wohl einem Mönche, der keine Fassung gewinnen kann, das Herz im Leibe stocken lassen.«

»So ist es, Brāhmane, so ist es, Brāhmane. Schwer lebt es sich freilich, Brāhmane, im tiefen Walde, an abgelegenen Orten, schwer ist es Einsamkeit zu pflegen, schwer Alleinsein genießen; die Waldschluchten müssen wohl einem Mönche, der keine Fassung gewinnen kann, das Herz im Leibe stocken lassen.

»Auch mir, Brāhmane, ist es, noch vor der vollen Erwachung, dem unvollkommen Erwachten, Erwachung erst Erringenden[5], also ergangen: ›Schwer lebt es sich, ach, im tiefen Walde, an abgelegenen Orten, schwer ist es Einsamkeit zu pflegen, schwer Alleinsein genießen; die Waldschluchten müssen ja einem Mönche, der keine Fassung gewinnen kann, das Herz im Leibe stocken lassen.‹

»Da sagte ich mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die, an Thaten ungeläutert, tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil ihr Thun nicht geläutert ist, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich, an Thaten nicht ungeläutert, tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, übe lauteres Thun: habt ihr Heilige, die, lauter an Thaten, tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Lauterkeitdes Thuns eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die, an Worten ungeläutert, tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil ihre Rede nicht geläutert ist, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich, an Worten nicht ungeläutert, tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, übe lautere Rede: habt ihr Heilige, die, lauter an Worten, tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Lauterkeit der Rede eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die, an Gedanken ungeläutert, tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil ihr Denken nicht geläutert ist, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich, an Gedanken nicht ungeläutert, tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, übe lauteres Denken: habt ihr Heilige, die, lauter an Gedanken, tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Lauterkeit des Denkens eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die ungeläuterten Wesens tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil ihr Wesen nicht geläutert ist, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich nicht ungeläuterten Wesens tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, übe lauteres Wesen: habt ihr Heilige, die lauteren Wesens tief im Walde abgelegeneOrte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Lauterkeit des Wesens eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die begierig, voller heftiger Wünsche tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie begierig, von heftigen Wünschen erfüllt sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich nicht begierig, nicht voller heftiger Wünsche tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin ohne Begier: habt ihr Heilige, die ohne Begier tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹{18}Als ich, Brāhmane, merkte, diese Begierlosigkeit eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die gehässig, verbitterten Sinnes tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie gehässig, verbitterten Sinnes sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich ohne Hass, ohne Verbitterung tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, fühle Mitleid: habt ihr Heilige, die mitleidig tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, dieses Mitleid eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die matt und müde tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie sich von matter Müde beschleichen lassen, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich matter Müdewehrend tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin frei von matter Müde: habt ihr Heilige, die frei von matter Müde tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese matte Müde sei mir fremd, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die aufgeregt, unruhigen Geistes tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie aufgeregt, unruhigen Geistes sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich ohne Erregung, ohne Unruhe tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, weile ruhigen Gemüthes: habt ihr Heilige, die ruhigen Gemüthes tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Ruhe eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die schwankend und zweifelnd tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie schwankenden, unsicheren Geistes sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich sicher und zweifellos tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin meiner Sache gewiss: habt ihr Heilige, die ihrer Sache gewiss tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Gewissheit eigne mir,{19}nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die mit Selbstlob und Nächstentadel tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, dieerfahren, eben weil sie sich brüsten und andere verachten, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich ohne mich zu brüsten, ohne andere zu verachten tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin frei von Selbstlob und Nächstentadel: habt ihr Heilige, die frei von Selbstlob und Nächstentadel tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, Selbstlob und Nächstentadel sei mir fremd, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die zitternd und zagend tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie zittern und zagen, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich ohne Zittern, ohne Zagen tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin frei von Zittern und Zagen: habt ihr Heilige, die frei von Zittern und Zagen tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, Zittern und Zagen sei mir fremd, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die nach Gaben, Ehre und Ansehn geizend tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie Gaben, Ehre und Ansehn erhoffen, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich Gaben, Ehre und Ansehn verschmähend tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bescheide mich: habt ihr Heilige, die sich bescheidend tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so hin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Bescheidenheit eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die gebrochen und muthlos tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie gebrochen und muthlos sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich ungebrochen, nicht muthlos tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin standhaft: habt ihr Heilige, die standhaft tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Standhaftigkeit eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

{20}»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die mit verstörter, trüber Vernunft tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie verstörter, trüber Vernunft sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich ohne Verstörung, ohne Trübung tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin bei klarer Vernunft: habt ihr Heilige, die bei klarer Vernunft tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese klare Vernunft eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die unsteten, zerstreuten Sinnes tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie unstet und zerstreut sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich nicht unstet, nicht zerstreut tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin gefasst: habt ihr Heilige, die gefasst tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Fassung eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder Brāhmanen, die thörig und stumpf tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie thörig und stumpf sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich nicht thörig, nicht stumpf tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin weise: habt ihr Heilige, die weise tief im Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane, merkte, diese Weisheit eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am Waldleben zu.

»Da sagte ich mir, Brāhmane: ›Wie, wenn ich nun in gewissen, verrufenen Nächten, bei Vollmond und bei Neumond, bei zunehmendem und bei abnehmendem Viertel Grabhügel in Hainen, in Wäldern, unter Bäumen aufsuchte, an Stätten des Grauens und Entsetzens weilte, damit ich doch erführe, was es mit jener Furcht und Angst sei?‹ Und im Laufe der Zeit, Brāhmane, suchte ich in gewissen, verrufenen Nächten, bei Vollmond und bei Neumond, beim ersten und beim letzten Viertel Grabhügel auf, in Hainen, in Wäldern, unter Bäumen, weilte an Stätten des Grauens und Entsetzens. Da saß ich nun, Brāhmane, und ein Reh kam herbei, oder ein Waldhuhn knickte einen Ast,{21}oder Wind schüttelte das Laubwerk. Ich aber dachte: ›Hier wird sich wohl jene Furcht und Angst einstellen.‹ Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Was wart’ ich denn unverwandt auf das Erscheinen der Furcht? Wie, wenn ich nun, sobald sich jene Furcht und Angst irgend zeigen sollte, auch schon alsbald jener Furcht und Angst begegnete?‹ Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, kam über mich, als ich auf und ab ging. Aber weder stand ich da, Brāhmane, still, nochsetzte ich mich nieder, noch legte ich mich hin, bis ich auf und ab gehend jener Furcht und Angst begegnet hatte. Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, fand sich ein als ich stille stand. Aber weder ging ich da, Brāhmane, auf und ab, noch setzte ich mich nieder, noch legte ich mich hin, bis ich stille stehend jener Furcht und Angst begegnet hatte. Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, nahte mir als ich saß. Aber weder legte ich mich da, Brāhmane, hin, noch stand ich auf, noch ging ich umher, bis ich sitzend jener Furcht und Angst begegnet hatte. Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, kam heran als ich lag. Aber weder hob ich mich da, Brāhmane, empor, noch stand ich auf, noch ging ich hin und her, bis ich liegend jener Furcht und Angst begegnet hatte.


Back to IndexNext