VIII. Abtheilung.

VIII. Abtheilung.Tendenz der Europäer. — Charakterzüge der Hawaiier. — Gebräuche und Sitten derselben.Wie schon früher erwähnt, machte ich auf dem Schiffe die Bekanntschaft eines sehr gebildeten, adeligen Kanaken resp. eines Häuptlings, der mir ausserordentlich interessante Mittheilungen über die Vergangenheit und Gegenwart des Inselreiches, über die Sitten und Gebräuche seines Volkes machte und die ich mit meinen persönlichen Eindrücken vereinigt hier ausnützen will.Die von dem edlen Manne mir gemachten Mittheilungen erweckten in vielen Beziehungen trübe Gedanken über den Charakter der weissen Race und bestätigten meine, auf meinen weiten Reisen um die Welt sich entwickelnde Ueberzeugung, dass hier ebenfalls — wo das Land weder erobert, noch annectirt, sondern nur durch das hinterlistig dem Lande aufgedrungene Protektorat der nordamerikanischen Staaten indirekt unter dem Einflusse des anglo-sächsischen Systemes sich befindet — die Abnahme der Urbevölkerung begünstigt und das Ueberwuchern des ausländischen, meist habsüchtigen Elementes hervorgerufen wird. Hier zeigt sich gleich wie überall, wo ich die Folgen der fieberhaftaufgeregten, so gewaltig wirkenden Kraft der weissen Race in den weiten Landstrichen fremder oder richtiger gesagt fremdfarbiger Nationalitäten — der Tropen namentlich — beobachtet hatte, stets als Resultat „die Vernichtung“ als die natürliche Folge eines der Urbevölkerung nur Nachtheil bringenden, selbstsüchtigen hyppokritischen Systemes.Der sogenannte civilisatorische Einmarsch der weissen Race in die Gebiete sogenannter Barbaren fand gewöhnlich und findet gewöhnlich noch unter dem Deckmantel der christlichen Religion statt, d. h. Missionäre verschiedener Confessionen bilden den Vormarsch. Unter dem christlichen Banner der Liebe, der Gerechtigkeit, der Treue, der Eintracht, des Glaubens und der Hoffnung als Grundbasis der christlichen Religion ziehen sie ein, doch nehmen sie leider zu oft hinüber den fanatischen, so giftigen Hass verschiedener Confessionen und der so zahlreichen protestantischen Sekten gegen einander mit und erwecken durch diesen Hass, da er im Widerspruche zu ihrer Lehre der Nächstenliebe steht, erst das Misstrauen und dann allmählig die Verachtung der vorgefundenen Urbevölkerung. Um rascher Proselyten zu machen und um einen Vorsprung in den Resultaten gegenüber den andern Confessionen und Sekten zu erlangen, mischen sie oft — um die Leute rascher zu verlocken und den Uebergang ihnen leichter und fassbarer zu machen — Prinzipien der vorgefundenen religiösen oder religionsartigen Gebräuche der Urbevölkerung mit den Prinzipien der resp. christlichen Confession oder Sekte. Oft entwickelt sich zwischen den verschiedenen Confessionen und Sekten, denoftmals durch Versprechungen oder durch irdische Vortheile zur Bekehrung Verlockten und den standhaft ihren Traditionen treu Gebliebenen Hass und Zwietracht, und hieraus entsteht wiederum in der Masse der Bekehrten eine rein geistig-religiöse abergläubische Ueberspannung oder aber meistens eine vollständige Demoralisation anstatt Christenthum.Wenn nun der noch unbekehrt gebliebene Kern einer solchen, von den Missionären bearbeiteten Nation aus Liebe zu ihrem Vaterland oder zu ihrer Freiheit, oder aus Verzweiflung sich mit Gewalt von dem unruhigen Treiben des sie aus allen ihren traditionellen, ererbten Gewohnheiten, Gebräuchen und früheren inneren Zufriedenheit und Ruhe reissenden Einflusses zu befreien sich entschlossen und die Ursache dieses Einflusses durch die Verjagung der Missionäre aus ihrem Lande oder durch Ermordung derselben zu beseitigen gesucht hatte — ja dann erhob sich und erhebt sich noch in derartigen Fällen suppressio veri der mächtige Grossstaat, zu dem die betreffenden verjagten oder ermordeten Missionäre gehörten, um die alsdannals „Rebellen“ Bezeichnetenzu züchtigen und Genugthuung von dem geistig geknechteten, gewöhnlich naiv arglosen Volke zu fordern. Mit Feuer, Pulver, Blei, des Dampfes mächtiger Kraft und allen den so gewaltig vorgeschrittenen Erfindungen der Massenmord-Instrumente unserer stets Frieden predigenden Civilisation beginnen sie einen Vernichtungskampf gegen die meist nur mit Keulen, Pfeilen, Speeren und Schleudersteinen Bewaffneten und treiben verheerend, plündernd, mordend die unglückliche schwache Bevölkerung in das Innere des Landes.Dem folgt durch die glorreichen Sieger zur Sicherstellung dieser Action ironisch die Besatzung des Küstenlandes, bis Ruhe wieder unter den sogenannten Rebellen entsteht. Dieser Sicherstellung folgt jedoch gewöhnlich eine eigenmächtige Annexion, dieser wiederum zur Verbreitung der Civilisation die Kolonisation, und gleichwie das Scheidewasser frisst sich die monopolisirende Besatzung des anfangs begrenzten Areales allmählig tiefer in das Innere des Landes, indem sie die Ureingeborenen erbarmungslos gleich Vogelfreien mehr und mehr in die unwirthlichsten Strecken des Binnenlandes treibt und sie der oft haarsträubendsten Hartherzigkeit der eingeführten oder eingezogenen Colonisten preisgiebt. Diese bestehen meist aus Verbrechern, aus unmoralischen Abenteurern, selbstsüchtigen, gewissenslosen Spekulanten, fanatisch exaltirten Menschenbeglückern oder Reformatoren und einer Schaar nirgends zufriedener Geisteskinder, die nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen haben und die ohne viele Mühe rasch reich werden wollen.Gerechtigkeit und Nächstenliebe findet der Ureingeborene „nicht“, statt dessen aber „Verachtung und Hass“ bei den habsüchtigen Eingedrungenen, und die Verzweiflung, Muthlosigkeit und endlich die Depravation folgen den Entbehrungen des unglücklichen, verzweifelnden Volkes und wirken natürlich gewaltig auf das abnorme Aussterben und Schwinden desselben.Hierzu kommt noch, und zwar gewaltig wirkend, die Einführung fremdartiger Sitten, Gebräuche und Laster der meist leidenschaftlichen Einwanderer, nebst der dem Lande und seiner rechtmässigen Bevölkerung fremdartigen Cultur der Eindringlinge.Das jungfräuliche, noch im Urzustande befindliche Land wird sofort mit und durch Dampf in fieberhafter Uebereilung zum Nutzen des Landes der gewissenlosen Abenteurer und habsüchtigen Spekulanten ohne Rücksicht auf Vortheil und Nutzen des Landes und seiner „rechtmässigen Bevölkerung“ durchzogen, durchwühlt, ausgesogen und in facto radikal verdorben, was die Veränderung der klimatischen Verhältnisse der meisten Colonien zur Genüge beweisen.Dieses ist die Methode und dieses die Folge des Colonisationssystems namentlich der anglo-sächsischen Race, wie es die vereinigten Staaten von Nord-Amerika, ein Theil Westindiens, Neuseeland, Australien, Tasmanien und sogar in gewisser Beziehung das früher so reiche Ost-Indien beweisen, wo die Urbevölkerung, wie z. B. in Tasmanien vollständig bis auf den letzten Mann ausgerottet, in Australien und in den Vereinigten Staaten nahezu vernichtet und in Westindien und Neuseeland im Schwinden begriffen ist. In Ostindien, da es keine Colonie ist, hat in Folge der Uebervölkerung das anglo-sächsische System nicht dieselbe Wirkung erzeugen können; es zeigt sich aber demungeachtet die Wirkung im allgemeinen Verarmen der Bevölkerung, in der planlosen Devastation des Landes und der Veränderung der Ertragfähigkeit des Bodens. Sehr verschieden hiervon zeigen sich die Folgen der Colonisation der Spanier, Holländer, Portugiesen, Russen und sogar Franzosen, wo die Urbevölkerung anstatt vernichtet, erhalten worden ist; anstatt auszusterben, hat die Zahl derselben zugenommen. — Da der Fortschritt der Eindringlinge ein mehr allmählich progressiver im eroberten Lande war und die Interessen der Urbevölkerung durch ein engeres Beisammenleben mit denjenigen der Eroberer oder Colonisatoren mehr und mehr verschmolzen, hatten sich die Eingeborenen verhältnissmässig rasch civilisirt.Dieses günstige Resultat — ob mit oder ohne Willen der Colonisatoren — zeigt sich trotz allen daselbst vorgekommenen und noch beständig vorkommenden Guerilla-Kriegen und -Grausamkeiten deutlich in der Zunahme der Urbevölkerung sowohl als auch der Mischlinge in Central- und Süd-Amerika, im spanischen, portugiesischen und französischen Westindien, sowie in den kleinen Colonien genannter Nationen in Ostindien, Algier und in St. Mauritius, letzteres, als es noch französisch war. So spöttisch auch die in ihrem Colonisationstalente bisher dem Scheine nach einen so erhabenen Ruf geniessende anglosächsische Race über die so langsamen Resultate der Kolonisatoren anderer Racen und das Unverständniss derselben critisirt, so haben letztere jedoch oft, bewusst oder unbewusst, das wichtigste Resultat der Kolonisation erreicht, indem dieselben nämlich während der so langen Zeit ihrer Dominion der resp. Landstriche die Urbevölkerung, d. h. „den Menschen“ anstatt vernichtet, gehoben und das Land anstatt devastirt, und zwar ohne dessen Charakter zu verändern, einem wenn auch langsamen, so doch natürlichen Fortschritte entgegengeführt haben. Freilich haben diese Nationen weniger materiellen Gewinn aus dem Lande gezogen, sie haben aber den unberechenbaren Gewinn erlangt — bewusst oder unbewusst — den Menschen zu erhalten.Nicht dasselbe hat die über Alles erhaben sich dünkende anglosächsische Race erreicht; sie hat im Gegentheil unter scheinbarem Glanze ihrer auf Glasfundament erbauten Metropolen und Städte ihrer Kolonien die Urbevölkerung theilweise vollständig vernichtet, theilweise dem Aussterben überlassen, das Land derselben zum Entstehen der Scheinpaläste der Metropolen davastirt, ausgesogen und verwüstet, so zu sagen, die charakteristische, natürliche Lebenskraftdemselben fürihrenmomentanen Ruf oder Vortheil genommen; sie hat es vollständig übersehen, dass das wichtigste Resultat einer Dominion die „Erhaltung“ ist, d. h. die Erhaltung des Menschen vor Allem und die Erhaltung der dem Lande zu seinem kraftvollen Bestehen erforderlichen natürlichen, der Zone charakteristischen Vegetation.Trotz den in Britannien so zahlreichen, an und für sich sehr löblichen, philanthropischen Vereinen „Peace Society“, „Aborigines-Protection Society“, „Antislavery Society“, „Antivivisection Society“ u. s. w., die meist grossen Lärm schlagen, gute Geschäfte machen, gemüthliche Zusammenkünfte „[meetings]“ halten, jedoch entsetzlich wenig für dieHauptsacheausrichten und oft als Deckmantel von den Anti-Protectionisten zu ihren dunklen Thaten benutzt werden, liegt das Hauptprincip dieser Kolonisatoren im habsüchtigen, raschen Gelderwerb mit dem bei ihnen zur Ueberzeugung gewordenen Gefühle, dass alle Regionen der Welt zu ihrer Disposition stehen, und dass nach vollendetem Verwüsten, Aussaugen, Ermatten der einen Region eine frische sich wiederfinden muss, um das Werk der Vernichtung mit Hülfe des auf der verlassenen Region erworbenen Reichthums wieder fortzusetzen.Dieses Prinzip ist die Ursache, die sie unwillkürlich zwingt, Alles zu beseitigen, was in irgend welcher Weise sich hemmend ihren Gelüsten entgegenstellt, Alles dem eroberten Lande zu rauben, und unter dem Scheinglanze eines vergänglichen, nur momentanen Wohlstandes die Vernichtung des Landes und seiner Urnation zu vollziehen.Der Kolonisator im Allgemeinen müsste bedenken:1) Dass „Erobern“ und „gewaltsam Berauben“ eigentlich im richtigen Sinne genommen, ein und dasselbe bedeutet; Dass der Eroberer, gleichwie der gewaltsame Mensch gewöhnlich verhasst ist und dass — obgleich es freilich wahr ist, dass kein Staat einen grossen Reichthum oder namhaften Vortheil ohne Ungerechtigkeit auszuüben, erwerben kann — es oft fraglich bleibt, ob der auf Kosten Anderer errungene grosse Reichthum oder Vortheil dem resp. Staate ein wirklich nützlicher wirdund ob der Vortheil dem Staate oder der erobernden Nation für den durch diese Eroberung entstandenen Hass ein genügendes Aequivalent bietet? Laut der Ueberlieferungen der Geschichte über derartige Fälle glaube ich nicht an ein Aequivalent für solche Eroberungen.2) Dass „politisches Handeln“ und „gewandter Betrug“ im richtigsten Sinne genommen eigentlich ein und dasselbe bedeutet und dass beide ein nie und nimmer zu beseitigendes Misstrauen erwecken.Gleichwie bei dem achtbaren Manne unter seinen Mitbürgern eine geachtete, allgemeines Vertrauen einflössende Stellung das Haupterforderniss ist: so bedingt ein Staat oder eine ganze Nation unter Staaten oder Nationen zur Entwicklung einer Thätigkeit für das allgemeine Wohl die Erhaltung der Menschen!Freilich giebt es leider keinen Staat oder Nation mehr, wo nicht Eifersucht gegen andere Staaten oder Nationen bestände; doch darf das Allgemeine dieses Uebels in keiner Weise eine Entschuldigung werden, da bekanntlich so oft die Folgen dieser Eifersucht sich durch Störung und Hemmung der dem Lande zu seiner natürlichen Entwicklung so erforderlichen commerziellen Geschäfte und Unternehmungen, sowie durch kostspielige Armirungen und beunruhigende Zeiten als gründlich schädlich erwiesen haben und trotz aller glanzvollen Hallucinationen einer gewissen Klasse Menschen sich auch ferner noch als schädlich stets erweisen werden.3) Dass ein weiser Staat resp. eine weise Nation sich nie ein eigenmächtiges Attentat — weder im Grossen noch im Kleinen — auf das Eigenthum oder die legale Freiheit Anderer erlauben darf und dass, im Falle ein Staat oder eine Nation es thut oder durch Verhältnisse dazu gezwungen wird, vom erobernden Theil die vorgefundenen Sitten, Gebräuche und Religion der Eingeborenen geachtet und beachtet werden, gemäss letzterer das eroberte Land regieren und dasselbe allmählig,wenn es erforderlich erscheint, auf natürlichem Wege entwickeln und reformiren soll.Der Eroberer braucht ja nicht das Knie vor dem Gotte oder den Göttern des Landes zu beugen; er soll aber die vollste Toleranz und die gebührende Achtung den vorgefundenen Religionen und Gebräuchen des Landes — und wenn dieselben ihm noch so falsch und abergläubisch erscheinen — erweisen; er möge den Gebräuchen der Eingeborenen eine gleiche Achtung gönnen als wie er solche für die seinigen fordert. Die Toleranz und Achtung ihrer Religionen und Gebräuche wird dem Eingebornen die Unterjochung leichter ertragen helfen, ihm seine moralische Kraft erhalten; den Eindringling als Einwanderer oder Kolonist wird dieselbe rascher naturalisiren und namentlich den gegenseitigen Hass, die gegenseitige Verachtung rascher im Keime ersticken. Hass und Verachtung, die so oft die Unterjochten bis in das Tiefste ihrer heiligsten Gefühle verletzten, haben dieselben zu Rebellionen und wahren Menschenschlächtereien gereizt, was durch so viele Fälle der Geschichte erwiesen und sich so lange noch erweisen wird, als Egoismus, blinde Hartherzigkeit, Eigendünkel und Missachtung der vorgefundenen Gebräuche und Sitten und namentlich die religiöse Intoleranz die Eroberer, resp. die dominirenden Nationen leitet.Die legitimen Mittel, um gewaltsam Unterworfenen gerecht zu werden und dieselben an sich zu ziehen, liegen in der toleranten Milde und Gerechtigkeit, im unverletzlichen Einhalten einmal geschlossener Verträge und gegebener Versprechungen, in einer gemässigten Gewinnsucht der Eindringlinge und in dem energischen Streben des dominirenden Staates (resp. der dominirenden Nation), das eroberte oder annectirte Land vor Devastation und die unterjochten resp. rechtmässigen Besitzer vor Unterschätzung und Missachtung von Seiten der Eindringlinge zu hüten.Da das Königreich von Hawaii glücklicher Weise von colonisatorischem Joche und von einer Annexion — freilich, wie es mein geschichtlicher Theil des Inselreiches erweist, mit vielen Schwierigkeiten — sich soweit befreithat, dass es seine eigene Regierung, seine Selbstständigkeit und sogar die Möglichkeit der Abschüttelung des fremden Einflusses errungen hat, leidet es in dieser Beziehung nur durch den indirekten Einfluss des amerikanischen Protektorats resp. indirekt durch die aussaugende Tendenz des anglosächsischen Kolonisations-Prinzips und sein eigennütziges, dem Lande schädliches Hantiren des Kapitalisten und Kapitales.Das Vorgehende berücksichtigend fühlte ich mich — und zwar als Warnung zugleich — veranlasst, das eigentlich nur die Kolonien Betreffende auch hier zu erwähnen.Zur Zeit des Capitän Cook 1779 soll von ihm, wie schon früher erwähnt, die Zahl der damaligen Bevölkerung der Inselgruppe von 300,000–400,000 geschätzt worden sein. Diese Zahl soll aller Wahrscheinlichkeit nach eine irrthümliche gewesen sein, da bekanntlich die Inseln von Cook nicht bereist worden sind und daher er die Bevölkerung nur nach den sich an den Ufern Ansammelnden taxiren konnte, jenen Ansammlungen, die erstens durch die Neugierde seiner Landung wegen und zweitens durch die im Allgemeinen stärker bewohnte Küste hervorgerufen waren. Mein liebenswürdiger Mitpassagier auf der „Likelike“ glaubte für 1779 die Zahl der gesammten Bevölkerung auf ein Maximum von 250,000 feststellen zu dürfen. Demnach wäre, da der Census von 1872 die Bevölkerung der Eingeborenen, die Mischlinge eingeschlossen, auf nur 51,531 feststellte, seit 1779 ein Deficit von 248,000 Seelen, wenn wir auf die Angabe pro 1779 auf 300,000 Seelen fussen.Es ist glaublich und zu hoffen, dass die Abnahme sich allmählig vermindern oder ganz heben wird, da die Regierung seit 1823 die nöthigen Massregeln zu treffen sucht, die vielfältigen Ursachen der abnormen Sterblichkeit zu beseitigen.Besonders günstig wirken die Errichtung von Hospitälern, das Reinhalten der Strassen und Häuser, die Berufung tüchtiger europäischer Aerzte in das Land, die Ausbildung einheimischer Aerzte an europäischen Universitätenund das Verdrängen der bisher so schädlich wirkenden Kahúnas, d. h. der Zauberärzte.Die Hauptursache dieser abnormen Sterblichkeit, abgesehen von den verheerenden Kriegen Kamehámehás I., sind zu finden:1. „In der venerischen Vergiftung des Blutes, Gift, das ihnen die unsittlichen europäischen Walfischfahrer beigebracht und, da keine andere ärztliche Hilfe als nur die der mystischen „Kahunas“ ihnen damals zu Gebote stand, nicht beseitigt wurde und daher ins Blut übergegangen war und ein erbliches Übel entwickelt hat, wie es der so ansteckende Hawaii’sche Aussatz genügend beweist, der oft plötzlich bei Vielen scheinbar ohne Ursache erscheint.Auf der Insel Molokai, wohin alle von dieser Krankheit Befallenen sofort exportirt werden, kann man diese schreckliche national-chronische Seuche genügend beobachten.Bis vor Kurzem war und ist noch bis auf die Jetztzeit im Volke die Überzeugung der Unheilbarkeit dieser Seuche derart eingewurzelt, dass eine von derselben behaftete Person, ohne Hülfe zu suchen, ohne selbst viel zu klagen, mit stoischer Ruhe die endliche Erlösung von der allmähligen Verwesung seines Körpers erwartet und nur durch Zwang sich einer Behandlung unterwirft. Das Auffallendste ist aber, dass Nichtbehaftete keine Scheu vor den Kranken zeigen. Sie wohnen mit ihnen, berühren dieselben und speisen mit ihnen aus einem und demselben Topfe mit vollster Überzeugung, dass sie dem Übel nicht entrinnen können, wenn sie demselben zu verfallen bestimmt sind. Dieses ist die Folge eines Aberglaubens, der aller Wahrscheinlichkeit nach ihnen durch die „Kahunas“ zur Bemäntelung ihrer Unfähigkeit, eine heilende Hilfe zu verschaffen, beigebracht und mit der Zeit traditionell geworden ist.In neuerer Zeit haben sich hin und wieder durch ärztliche Behandlung — wenn auch nicht Heilungen, so doch — Vernarbungen der Wunden gezeigt, und es beginnt in Folge dessen obiger Aberglaube zu schwinden, undes steigert sich sichtbar der Muth, die Hoffnung und das Selbstvertrauen der armen Leute.Die grösste Schwierigkeit zur vollständigen Beseitigung des Übels liegt darin tüchtige Ärzte zu finden, die sich selbst aufopfernd aus Liebe zur Wissenschaft und aus Nächstenliebe constant der Behandlung und Pflege der Unglücklichen in ihrem Exile auf der kleinen Insel widmen wollen; denn nur durch eine richtige, constante und sorgfältige Behandlung ist ein radikales Mittel zur Heilung und Vorbeugung gegen das Übel bei Gesunden zu finden.2. Im frühzeitigen Sterben der Kinder durch auffallende, bis jetzt noch bemerkbare, fast unglaubliche Fahrlässigkeit der Mütter.Die Ernährung der Kinder an der Brust als auch nach deren Entwöhnung ist eine sorglose, unregelmässige und schädliche. Je nach der Bequemlichkeit der Mutter wird dem Kinde bald die Brust, bald Kuhmilch und zwar oft im ungesundesten, säuerlichsten Zustande verabfolgt. Die Gleichgültigkeit der Mutter geht oft so weit, dass sie nicht einmal zur richtigen Zeit dem Kinde die Milch verabfolgt, sondern wie es gerade sich trifft.Oft füttert sie das Kind statt mit Milch mit „poi“ oder andern schwer verdaulichen Stoffen oder überlässt die Pflege desselben Anverwandten, die sich dabei gewöhnlich nicht viel sorgsamer benehmen; demzufolge natürlich beginnt das Kind zu kränkeln, die Mutter erschrickt über die Folgen der unregelmässigen Ernährung, gibt dem Kinde die Brust mit oft säuerlich verstockter Milch, wodurch das Kind radikal zu Grunde gerichtet wird.3. In dem zu jugendlichen Beischlafe der Geschlechter.4. In der sehr verbreiteten Sitte der Polyandrie, gegen die die jetzige Regierung streng auftritt.5. In der Sucht nach Sorglosigkeit, durch das im Lande sehr verbreitete Foeticidium.6. Durch die im Blute der Mutter sich vererbten venerischen Gifte entstandenen foetalen Krankheiten.7. Im zu jugendlich begonnenen und zu übertriebenen Reiten des weiblichen Geschlechtes, namentlich, da dieselbenam liebsten in männlicher Positur zu Pferde sitzen und ein hastiges Tempo lieben, wodurch sich die Frucht leicht verliert. Es sollen Fälle aufzuweisen sein, wo Frauen das Reiten als Mittel zur Vernichtung derselben benutzt haben, um keine Kinder zu gebären.“Gegen diese benannten Ursachen schreitet die jetzige Regierung consequent vor, und es ist mit Sicherheit zu erwarten, dass in kurzer Zeit dieselben wenn auch nicht vollständig gehoben, so doch bedeutend vermindert sein werden.Sonderbar ist es, wie sammt der auffallenden Gutmüthigkeit und der Intelligenz der Hawaii-Kanaken diese Race so bemerkenswerth wenig Anhänglichkeit für ihre Kinder zeigte. Es lässt sich diese Indifferenz nur durch die uralte Sitte dieser Race, die Kinder zu abergläubisch-religiösen Zwecken zu benutzen oder benutzen zu lassen, erklären, indem die armen Wesen jeden Augenblick gewärtig sein mussten, als Opfer des Aberglaubens, des schrecklichen „tabú“, je nach der Willkür der Häuptlinge und Priester den Göttern geopfert zu werden.Durch diesen erbarmungs- und schutzlosen Stand der Kinder verlor natürlich die Mutter allmählig das Gefühl des Besitzrechtes und demzufolge auch das natürliche Pflichtgefühl der Fürsorge und der mütterlichen Liebe. Das Kind wurde ihnen ein Element der Sorge und Last, ein Object des Kummers, ein Gegenstand, der je nach Willkür gegen ein fragliches Aequivalent der Vergütung im Jenseits zu jeder Zeit als Opfer für die Götter genommen werden konnte.Hieraus wird die Aversion der Frauen gegen die Kindererzeugung, die Gefühllosigkeit oder besser gesagt Gleichgültigkeit der Mütter gegen ihre Kinder und die Depravation der Frauen begreiflich.Ohne physische Fürsorge, ohne moralische Belehrung und Leitung, ohne gefühlvolle Umgebung im Elternhause wuchs das Kind in eine unbestimmte, hoffnungslose Zukunft, quasi von Tag zu Tag vegetirend hinein. Seine Freuden lagen nur und zwar in ausschweifendster Art in der Befriedigung seiner physischen Gelüste, in leidenschaftlichenSpielen und Tänzen, wie es bei vernachlässigten, hoffnungslosen, vogelfreien, geknechteten und namentlich abergläubischen Wesen im Allgemeinen der Fall ist. Daher zeigte sich allen Besuchern der Inseln in früherer Zeit der Charakter der Nation, dessen Keim ein überaus guter war, als schüchtern, niederträchtig, falsch und lügnerisch, was sich klar durch die Nation der Jetztzeit, die glanzvollen Resultate ihrer kurzen Entwicklung von 1825 bis jetzt so gründlich bewiesen hat.Befreit vom Zwange ihres Aberglaubens, geleitet durch eine, den Eigenthümlichkeiten der Nation weise angepasste, constitutionelle Regierungsverfassung, hat es diese Nation und haben es ihre tüchtigen Leiter verstanden, im Verlaufe von nur 58 Jahren sich aus dem Joche des gewaltigsten Barbarismus des Heidenthums durch sich selbst auf die bewunderungswürdige Stufe politischer und moralischer Prinzipien der hervorragendsten christlichen Staaten der Civilisation zu erheben.Das Volk des Inselreiches von heute athmet frei unter dem Schutze weiser Gesetze und blickt mit stolzer Hoffnung für sich und seine Kinder in die Zukunft. Es werden nicht mehr den Müttern ihre Kinder zu mythischen Zwecken entzogen; die Mühe der Pflege, die Erziehung derselben wird den Eltern nicht mehr nutzlos; die Kinder gehören ihnen, und sie erziehen sich durch dieselben feste Stützen ihres Alters.Die Wirkung dieser Ueberzeugung zeigt sich schon jetzt im Familienleben der Hawaii-Kanaken von heute durch mehr Liebe, mehr Anhänglichkeit, regeres Interesse und festere Bande der Familienglieder, und wird diese Wirkung in der neueren Generation unzweifelhaft noch mehr zunehmen, da bei derselben der moralische Druck der alten mythischen Gebräuche ihrer Nation ihnen nur traditionell als Legende, nicht aber als eine erlebte Wirklichkeit bekannt sein wird.Noch findet man deutlich im Charakter der Nation, abgesehen von dem bei ihnen so auffallend raschen Wechselvom Kummer zur Freude und viceversa, in beiden Fällen eine seltsame Tendenz zur Melancholie.In früheren Zeiten soll der Charakter derselben noch auffälliger im raschen Wechsel der Gemüthsstimmung gewesen sein. Der Ausdruck von Freude oder Sorge hielt nur kurzweilig an. Thränen folgte helles Lachen, dem Lachen Thränen, fast eins in das andere verschmelzend und beiden Fällen folgend eine grenzenlose Apathie. Alle ihre Sorgen und Freuden waren ja meist nur materiellen oder wollüstigen Ursprungs und ein sprechender Beweis für den früher herrschenden Mangel geistiger Eindrücke ist der Umstand, dass die Kanaken in ihrer Sprache keine Worte zum Ausdrucke des Gefühles hatten, während sie einen unendlichen Reichthum wollüstiger und materieller Ausdrücke besassen.Diese Eigenthümlichkeit ihres Charakters hatte sich auch auf ihre Lieder, auf den Charakter ihres Gesanges, auf ihre Spiele, Tänze und Belustigungen übertragen.Unter den nationalen Spielen waren die hervorragendsten folgende: Der „moko-moko“, ähnlich dem Boxen, in welchem sie eine ausserordentliche Gewandtheit besassen; das „úlu-mai-ka“ oder Kugel- und Ball-Spiel; das „heé-nalú“ bestand darin, auf einer schmalen Planke reitend sich durch die brandende Woge in die offene See treiben zu lassen und mit der zurückkehrenden Woge das Ufer wieder zu erreichen — eine höchst beschwerliche, durch sie höchst gewandt ausgeführte Balance-Übung; das „holua“, d. h. das Niederrutschen von steiler Felsenhöhe auf einem Brett; das „pahú“, d. h. das Treffen einer am ebenen Boden bezeichneten Stelle mit dem Wurfspiess, dem sogenannten „pahú“; das „Konáne“, eine Art Dame-Spiel; das „pu-héne-héne,“ das Verbergen eines Steines und Suchen desselben; das „loú-loú“, wo zwei Männer ohne Beihilfe der andern Hand, Finger in Finger ihre Kraft versuchen; das „hónu-hónu“ besteht im Schwimmen mit gebundenen Füssen, — ein Spiel, in welchem sie rein fischartige Bewegungen hervorbringen und auffallend sicher und gewandt sind; das „úma“, Kraftprobe mit dem Arme; das „lili-ko-ualí“, dasSichschwingen an einem Tau; das „lele-ka-uá“, d. h. der Sprung vom steilen Abhang in den tiefen Ozean; das „kúla-kúla-ei“, das Ringen und Balgen beim Schwimmen in offener See; das „pápu-héna“; das „úme“ und „kúlu“ sind wollüstige Spiele, die nur zur Nachtzeit gespielt werden.Unter den „húla’s“, d. h. den Tänzen hatten sie die verschiedensten Arten, die stets mit „mele’s“, d. h. von Liedern und der Trommel begleitet sind. Sie sind jetzt gleichwie die nächtlichen Spiele verboten, jedoch nicht unterdrückt, sodass man sie im Innern des Landes, namentlich aber in Honolulu sich vortanzen und vorsingen lassen kann. Sie sind beide höchst bemerkenswerther Art.Der „hula“ wird nur von den Frauen produzirt und stets, wie schon gesagt, mit „mele’s“, d. h. mit Liedern begleitet.In zahlreichem Gefolge der Könige und Häuptlinge befanden sich früher stets professionelle Tänzerinnen und Sängerinnen. Ihre Musik bestand aus einer Art Pauke und Trommel, die aus Kürbissen verfertigt und deren Öffnungen mit einer stramm gezogenen Haut überspannt waren; die kleinen Trommeln bestehen aus fein gearbeiteten Kokusnüssen, deren Öffnung ebenfalls, jedoch mit einer feinern Haut, stramm überzogen ist. Der Tanz wird im genauesten Tempo ausgeführt und besteht in bald wilden, raschen, bald in langsamen, sehr graziösen Bewegungen des Körpers, die oft in völlig apathische übergehen.Gleich dem Charakter der Race zeigen sich auch in ihren Tänzen die Bewegungen in Constrasten und das Temperament derselben in Extremen.Die Tänzerinnen sind stets mit Blumenkränzen von Jasmin, Orangen, Tuberosen, Geranien und Immergrün-Blättern, oder mit rothgelben Schwanzfedern des „mamo“, die goldschimmernd sind, geschmückt. Von diesen rothgelben Schwanzfedern, deren der Vogel nur 2 besitzen soll, ist der berühmte Thronmantel des Königs Kamehámehá I. verfertigt, der im Halbzirkel eine Länge von 5′ nebst einer Schleppe von 11′ hat und eine überraschend kunstvolle, eigenthümliche Arbeit repräsentirt, da er aus 5000 solchenFedern besteht, die mit den Fasern der Rinde des „Olóna“ kunstvoll an einander befestigt, ein überraschend festes Ganzes bilden.Die Waffen der Kanaken bestanden aus Speeren („pahú“), langen Dolchen, Keulen und Spiessen. Alle diese Waffen waren aus einem harten, eisenartigfesten, ebenholzartigem Holze, das im Inselreiche nicht mehr vorhanden, auffallend vollendet, eben, glatt und glänzend verfertigt, und zwar war dasselbe so hart, dass man mit einem scharfen Messer keinen Einschnitt in das Holz machen kann.Eine grosse Gewandtheit besassen die Eingebornen im Schleudern der Steine mit der Schlinge, die aus dem Bast der Kokusnüsse verfertigt wird. Dies ist eine Waffe, die sie oft als Spiel, um ihre vollendete Gewandtheit in der Handhabung derselben zu üben, benutzen.Die Ackergeräthe und Werkzeuge der Kanaken waren aus jenem harten Holze oder aus Stein, Muscheln, Knochen und Gräten künstlich verfertigte, mit denen sie die Steine und das Holz zu den Bauten ihrer Häuser und Hütten sowie den Boden bearbeiteten, ihr Holz fällten und ihre höchst eigenthümlichen sogar in der wildesten Seesichern„Kános“ bauten. Diese „Kános“ bestanden aus einem ausgehöhlten, von aussen und innen gefälligbearbeiteten Baumstamm und deren saubere Vollendung ist eine erstaunliche. Kamehámehá I. besass zu seinen Eroberungskriegen eine Flotte solcher, die sog. „péle-leú“, deren Kanoos eine Länge von circa 60′ hatten.Im Charakter des Kanaken ist mir namentlich aufgefallen das Gemisch von Veneration, Achtung und Selbstgefühl.Wie oft habe ich die Leute im Umgang mit dem freilich auffallend leutseligen Könige Kalakaua betrachtet! Einem schweigsamen Grusse folgte Schweigen, das Auge stets träumerisch, nie starr, fast sprechend in die des Königs gerichtet. Befragt, war die Antwort stets kurz, bündig und auffallend klar, ohne Niederschlagen der Augen, ohne Geberden. Der Gruss als Bewegung betrachtet, war langsam, respektvoll, gediegen. Jeder duzt den König.Gleich dem Grusse hat auch die Rede keine Spur von knechtischem Anschein.Es liegt, so zu sagen, im Betragen des Kanaken ein Gemisch von gebender und fordernder Achtung, von Verehrung und Unabhängigkeit und trotz seines respektvollen, schweigsamen Benehmens liegt in seinen sprechenden Augen das Bewusstsein: ich habe Augen zum Sehen und Gehirn zum Denken!Leider soll, wie authentische Persönlichkeiten des Landes mir vielseitig bemerkt haben, schon jetzt eine bedeutende Veränderung im Charakter dieser freimüthigen Race durch den ansteckenden Einfluss der in das Land eindringenden, europäischen, so vielseitig krankhaft übertriebenen Civilisation zu spüren sein.Schon das Misstrauen allein gegen eine fremde durch die Macht ihrer nationalen Stellung sie dominiren wollende Race, erweckt bei ihnen nothgedrungen die Verstellung und verscheucht die ihnen angeborene Offenherzigkeit, demzufolge sich auch schon die, dieser Race bisher angeborene Gastfreundschaft bemerkbar zu verlieren scheint. Früher war jeder willkommen und, so lange er wollte willkommen geheissen, während jetzt schon oft unter ihnen das Gefühl des „Belästigtsein’s“ und das „wird er zahlen?“ als ein — dankbares Resultat des egoistischen Beispieles der Geldgier unserer übertriebenen europäischen Civilisation zu bemerken ist.In allen ihren Schöpfungen und Erfindungen zeigt sich ein hoher Grad von Intelligenz und Ausdauer. In ihren Gesprächen spürt man Vaterlandsliebe, Nächstenliebe, Offenheit, Misstrauen, List, gewandte Verstellung und wollüstige Leidenschaft. Aus ihrer Poesie und ihrem sehr melodischen Gesange fühlt man Seele, Verständniss, Melancholie und ausgesprochene Leidenschaft. In ihren Tänzen und ihrer Musik zeigt sich abwechselnd Ernst, Melancholie, Apathie, Leidenschaft, Wollust und eine auffallende Präzision.Dieses beweist, dass der Charakter der Nation von Natur ein gefühlvoller gewesen ist und dass sich in demselben nur durch sociale Verhältnisse — durch das Joch des mythischen Aberglaubens des „tabú“, und aus Furcht oder Hilflosigkeit — sich der grenzenlose, fast unglaubliche Mangel an Gefühl entwickelt hat, den man bei den Eltern, namentlich den Müttern gegen ihre Kinder findet und der allmählig zur nationalen Gewohnheit geworden ist.Das Wort „tabú“ bezeichnet die mythische Verfügung der Götter durch die Priester, welche Personen, Gegenstände, Speisen, Orte, Thiere, Grundsätze, Opfer, Gedanken, Zeit, Unternehmungen etc. zu einer privilegirten, unantastbaren, unverletzlichen, über Alles erhabenen, göttlichen Heiligkeit zu erheben Macht hat. So sind z. B. der König, die Häuptlinge und die Priester als „tabunirt“ erklärt, daher auch Alles, was dieselben bei Andern berühren, unberührbar wurde und sofort vernichtet werden musste. Trat der König in ein Haus seines Volkes, so durfte keiner mehr nach ihm hineintreten, es musste vernichtet werden. Orte, Gegenstände, Thiere, Speisen, sobald der „tabú“ über dieselben verhängt war, durfte Keiner mehr betreten, berühren oder geniessen. Der Grundsatz, dass die Männer nicht mit ihren Frauen beisammen essen durften, war seit undenklicher Zeit als „tabú“ erklärt und wird noch bis zur jetzigen Zeit trotz des vollständig eingeführten Christenthums im Lande noch hin und wieder beachtet.Sobald ein König oder Häuptling starb, wurde ein „tabu“ (oder auch „tapú“) über die Dauer einer bestimmten Zeit ausgesprochen, durch welches das Land für eine bestimmte Zeit als gesetzlos erklärt wurde. Während dieser Zeit durfte sich das Volk allen Thaten, Lastern und Vergehen ergeben.Über Kinder, Erwachsene und über Gegenstände wurde oft das „tabú“ verfügt, um dieselben als Geheiligte zu opfern.Jedes Vergehen oder Streben gegen den „tabú“ wurde ohne Möglichkeit einer Begnadigung mit dem Tode bestraft, und hat dieser schreckliche Aberglaube vielen Tausenden das Leben gekostet.Die traditionelle Mythologie der Hawaii-Kanaken bestand aus einem Urgotte oder dem Ursprunge des Weltalls,dem sog. „wakéa“, den vier Hauptgöttern: Kú, Lóna, Káne, Kanalóa und einer unbestimmten Anzahl Untergötter und Heiligen, die sie sich in den Wolken und über den Wolken-Gebilden dachten.Ihr Begriff der Seele war der: dass sich selbige nach dem Tode zeitweilig in der Umgebung der Leiche aufhält, die dunklen und einsamen Orte sucht und von dort aus ihre irdischen Feinde mit den sonderlichsten Unarten so lange belästigt, bis sie in den Ursprung des Weltalls des „wakéa“ oder des paradisischen Ursprungs der Hawaii’schen Race einkehrt, wo sie, im Falle, dass sie während ihres irdischen Lebens die ihnen vorgeschriebenenreligiösen Gebräuche, Ceremonien und Opfer pünktlich und treu befolgt hat, mit ihren Knochen wieder vereinigt in Freude und Bequemlichkeit für ewig bleibt, während sie im entgegengesetzten Falle aus dem „wakéa“ ausgeschieden und gezwungen wird, von der Höhe sich in den Ort der Qualen, dem sog. „milú“ für ewig zu versenken.Die gefürchtetste Göttin der Unterwelt des „milú“ war die „Péle“, die Göttin des Kraters „Kilauéa“, der man zur Beruhigung ihrer Wuth Schweine und andere Produkte des Landes als Opfer in ihren Schlund warf, und kein Wanderer wagte es früher, ohne eine Gabe sich der Krateröffnung zu nähern. Auch jetzt noch zeigt der Hawaiier eine ganz besondere Ehrfurcht bei seinem Erscheinen vor derselben. Ausser der „Péle“ waren noch „Káilií“, der Gott des Krieges, „Kamohálií“, der Gott der Schwefeldämpfe der Umgebung des Kilauéa, „Keuakepó,“ der Gott des Regens und Feuers, „Kánokékili,“ der Gott des Donners, „Mókualií,“ der Gott der Schiffe. Alle diese Götter bewohnten die Vulkane und waren die Plagegeister der Menschen und der ihnen durch die Ausstossung aus dem „Wakéa“ in „milu“ verfallenen Seelen.Ausser den allmächtigen Priestern, deren Amt ein heiliges und erbliches war, gab es sogenannte „Kiéo’s“, — Zauberer und Beschwörer, die die Gewalt besassen, mit den Göttern zu verkehren und von denselben durch das „anaána“, das sog. Todtengebet, den Tod eines Menschen, densie beseitigt haben wollten, zu erlangen, was natürlich sie durch Vergiftung erreichten, zu welchem Zwecke die zahlreich im Inselreiche vertretene Strychninpflanze diente. Der Glaube an die gewaltige Macht der „Kiéos“ ist im Volke derartig eingewurzelt, dass er ungeachtet des Christenthumes, noch nicht hat vollständig beseitigt werden können.Das Jahr theilen die Hawaiier in zwei Theile, nämlich den „Kaú“, Sommer, und „Hooilo“, Winter. Die Monate des Kaú sind: „eikiki“, der Mai, „kaaóna“, der Juni, „hinaieleelé“, der Juli, „kámahoemuá“, der August „kamahoehópe“, der September und „ikuá“, der Oktober. — Die Monate des „hooilo“ sind: „welehú“, der November, „makalii“, der Dezember, „kaélo“, der Januar, „kaulúa“, der Februar, „nana“, der März und „wélo“, der April.Während der Monate des „Kaú“, d. h. des Sommers, ist es freilich wärmer als in den Monaten des „Hooilo“; es herrscht jedoch während des „Kaú“ eine die Temperatur abkühlende Seebrise, die während der Monate des „Hooilo“ nicht herrscht, wodurch sich hier die so erstaunliche Gleichheit der Temperatur beider Jahreszeiten und deren gleichmässiger Einfluss auf die Vegetation erklären lässt.Die Bäume sowie die anderen Pflanzen sind immer grün und im ununterbrochenen Wechsel des Blüthenreichthums und ununterbrochener Fruchtbildung. Die Sonne ist stets gleichmässig warm und die Temperatur variirt nur zwischen 70° und 80° Fahrenheit. Nie giebt es einen ununterbrochenen Regentag. Die häufigsten Regen herrschen im Dezember und Januar.Die Urastronomie der Eingeborenen soll sich auf fünf Hauptsterne (Planeten) basirt haben, die als Basis ihrer Richtung zu ihren oft sehr weiten Oceanreisen auf ihren kleinen „Kános“ dienten, und sollen die Eingeborenen dieselben mit unfehlbarer Sicherheit benützt haben und noch benützen. —Von allen den alten Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen bleiben — jedoch nur scheinbar — wenige Spuren zurück, daher sie dem Fremden fast unsichtbar geworden, in den Familienkreisen aber noch vielfältig zu finden und zu bemerken sind, wenn der Fremde es vermag, den LeutenVertrauen einzuflössen. Gelingt dieses und haben die Leute die Überzeugung gewonnen, dass der „haoli“ (d. h. der Fremde) sie nicht verspottet und ihnen ein Freund sein will, was in der Jetztzeit nicht sehr leicht zu erreichen ist, so zeigen sie sich und zwar alsdann vollständig, wie sie wirklich sind.Wie von einem Schleier enthüllt, entfaltet sich dann ein ganz anderes Bild als dasjenige ihres gewöhnlichen, öffentlichen Erscheinens unter Fremden. Es wird, sozusagen, aus ihnen eine andere Nation als die, unter der man bis dahin zu leben geglaubt hat, und ich muss gestehen, dass ich sie in ihrem natürlichen Zustande trotz ihres Aberglaubens vorziehe, in welchem sie rein kindlich-offenherzig werden, als demjenigen, wenn sie im öffentlichen Leben vor dem Fremden ein ganz sonderbares Gemisch von Misstrauen, süsser Höflichkeit, Ergebenheit, Neugierde, Zurückhaltung und Stolz zeigen.Ein Hauptzug ihres öffentlichen Charakters ist die grosse Gewandtheit, sich zu verstellen. Keine Bewegung, kein Wort, kein Hauch ist alsdann bei ihnen glaubwürdig. Wenn sie sich verstellen wollen oder es zu müssen glauben, so ist nicht die geringste Veränderung in ihren Zügen zu bemerken, wenn Eindrücke der Freude oder des Kummers sie erregen. Wenn sie sich jedoch nicht verstellen wollen oder glauben offenherzig sein zu dürfen, ja dann tragen ihre Züge einen so sprechenden Ausdruck ihrer vollsten Empfindungen, dass man kaum ihrer Worte bedarf, um sie zu verstehen. Sie sind, so zu sagen, alsdann das Modell eines gefühlvollen, intelligenten Menschen, da sie durch angeerbte Gewohnheiten oder durch irgend ein mächtiges „Muss“ erlernt haben, ihre Gefühle in jeder Lage des Lebens sofort zu bemeistern — eine Fähigkeit, die sich sichtlich in den so auffallend geordneten Sitzungen ihres Parlamentes und ihrer Behörden beweisen, wo das Bemeistern ihrer Gefühle und Erregungen eklatante Fälle liefert.Was öffentlich noch theilweise das Gepräge der alten Zeit trägt, sind die sonderbaren Grashütten der Armen und die Grashäuser der Reichen, die übrigens bedeutend abzunehmen beginnen, um an ihrer Stelle zierlich weiss gestrichenen Häusern mit rothen Dächern Platz zu machen.Diese Grashütten und Häuser sind entweder aus Rasenstücken aufgeführt oder bestehen aus dickem, festen Grasgeflecht. In beiden Fällen sind dieselben ohne Decke mit einem dicken Grasdach versehen. An Stelle der Fenster sind Luken, die — gleich wie die Thüren — aus einem festen Grasgeflecht, welches in einen hiezu verfertigtem Rahmen gespannt wird, bestehen. Das zum Geflechte der Wände, Dächer, Thüren und Luken gebrauchte Gras ist ein Sumpfgras. Ein Dach aus demselben, d. h. doppelt geflochten, hält 25–30 Jahre. Oft brauchen sie hiezu die Blätter der „Thy“-Staude (einer Thyphacee) deren Haltbarkeit für die Dächer nur 6 Monate währt; zu den Wänden gebraucht ist selbige jedoch eine überaus dauerhafte.Im Innern sind solche Hütten und Häuser meist rein gehalten, und bestehen dieselben aus einem grossen Raum, der durch Matten oder „Thy“-Blättergeflecht in 2 oder 3 Abtheilungen getheilt ist, von denen die eine als Gesellschaftsgemach und die andern als Schlafgemächer benutzt werden.Möbel gab es früher nicht, und gibt es jetzt noch in denselben nur wenige. Verhältnissmässig saubere, stets in farbigen Mustern geflochtene Matten, aus den Fasern des Pandanus littoralis geflochten bedecken den Fussboden, den nur die Erde bildet, oft in doppelt und dreifachen Schichten und dienen als Tisch, als Stuhl und als Lager. Zahlreiche Kissen, und zusammengerollte Matten liegen auf dem Boden zerstreut zur Bequemlichkeit der sitzenden, kauernden oder liegenden Gesellschaft.Die Hütten und Häuser sind auffallend frisch; die heissesten Sonnenstrahlen haben keine durchwärmende Wirkung auf das Geflecht, daher das Innere der Gemächer, die stets im Halbdunkel erhalten werden immer kühl erscheint.Die Frauen hatten in Folge der schon früher erwähnten heiligen Satzung des „tabú“ ein abgesondertes Haus zum Speisen, jetzt jedoch, wo das Christenthum in das Volk gedrungen ist, schwindet auch dieser Gebrauch des alten Aberglaubens, und die Frauen speisen mit den Männernzusammen oder mindestens unter einem Dache. Gekocht wird stets im Freien. Sie essen am liebsten kalte Speisen und gekochte erkaltet. Sie lieben Schweinefleisch, dessen Zubereitung eine höchst eigenthümliche und wie folgt ist:Das Schwein wird geschlachtet, geöffnet, die Gedärme werden herausgenommen, das Innere wird sorgfältig gereinigt und wiederholt mit frischem Wasser ausgewaschen, dann mit während dieser Zeit glühend gemachten Steinen — von Grösse einer Faust, — gefüllt. Alsdann wird das Schwein möglichst hermetisch mit Blättern der Bananen umwickelt, in eine Grube glühender Steine gelegt und mit glühenden Steinen bedeckt. Sobald die Steine erkaltet sind, ist auch das Werk vollbracht und das Schwein auf das Beste gebraten und gebacken. Überraschend saftig und wohlschmeckend wird ein Thier auf diese Art zubereitet. In gleicher Weise behandeln sie Geflügel, Fische u. s. w.Ihre tägliche und liebste Nahrung ist jedoch der sogenannte „poi“, der wie schon früher erwähnt, aus der „tarro“-Wurzel zubereitet wird. Der „tarro“ oder „kálo“, wie ihn die Hawaii-er nennen ist der „Arum esculentum“, gehört der Familie der Aurideen an, einer Art des in Ostindien, Ägypten etc. als mehlstoffhaltiges Nahrungsmittel verwandten Arum Colocasia, welche Wurzel nicht zu verwechseln ist mit der Zehrwurzel, der Arum maculatum, die braunroth gefleckt und giftig ist, während Arum esculentum und colocasia ohne Flecken sind und von ihrem theilweise giftigen, stark ätzenden, flüchtigen Stoffen durch Kochen, Rösten oder Gähren vollständig befreit und für den Genuss unschädlich gemacht werden.Die Zubereitung dieser den Tropen so wichtigen Wurzel ist diese: Entweder wird sie in Fett und mit Gewürz als Gemüse, oder an Stelle des Brodes gekocht oder geröstet (der Geschmack ist alsdann sehr ähnlich dem der Kartoffel); oder es wird die Wurzel wie folgend zum „poi“ bearbeitet: „Die Wurzeln werden sorgfältig mit kräftigem Schnitt von ihren Keimknospen und Wurzelsprossen befreit, alsdann tüchtig ausgewaschen und in einem dazu bestimmten, sauber gehaltenen hölzernen Behälter bei abwechselndem Begiessenmit Wasser zerstampft, bis die hellgraue Masse einen kleisterartigen Brei bildet. Dieser Brei wird demnächst in grosse, reine Kürbisschaalen, d. h. Calabassen, gefüllt und fest mit Brettern belegt, mit Steinen beschwert und darauf der Gährung überlassen. Nach stattgefundener Gährung ist der Brei geniessbar und zwar je älter, desto wohlschmeckender. Er hat einen säuerlichen, etwas faden Geschmack, ist gesund, nahrhaft und sehr erfrischend, was die blühende Gesichtsfarbe und die meist sehr wohlbeleibten Gestalten der Bevölkerung genügend beweisen.Gleichwie die Eingeborenen alle Nahrungsmittel mit den Händen geniessen und zerkleinern, so gebrauchen sie auch die Finger zum „poi“.Da ich ihre Art und Weise des Speisens schon in meiner Beschreibung der Insel Kauai erwähnt habe, übergehe ich hiermit deren Wiederholung mit der Bemerkung, dass die Ursache der auffallend rastlosen Gesprächigkeit während ihrer Mahlzeiten auf dem Aberglauben beruhte, dass die bösen Geister, dem muntern Gespräche lauschend die Verdauung der Speisenden nicht stören.Die Kleidung der Männer besteht gegenwärtig aus einem Gemisch amerikanisch-europäischer Kleidungsstücke leichter Stoffe in den verschiedensten Farben, als z. B. Alpacca, Seide, Wolle, Baumwolle etc., während die der Frauen im alltäglichen Gebrauche eine mehr nationale in ihrem Schnitt geblieben und aus den verschiedensten amerikanischen, europäischen oder einheimischen und zwar farbigen oder weissen Stoffen verfertigt sind und aus einem tunikartigen Gewande mit langer Schleppe ähnlich der Morgenkapotte der Spanierinnen besteht.Die Haare der Race sind schwarz, lockig und in ihrer Fülle gescheitelt und gewöhnlich mit natürlichen Blumen oder mit Diademen aus bunter Wolle, in der die steinharten, goldgelben, kleinen Früchte der Pandanen gleich Perlen gruppirt sind, geziert.Zu Pferde, auf welchen sie meist wie Männer im Sattel oder auf einer Decke sitzen, tragen sie über einem Blusengewande ein um die Hüften befestigtes, langes, breites,meist farbiges Stück Zeug, welches von vorne in Falten gezogen, mit den Füssen in den Steigbügeln des Sattels oder der Decke festgehalten und nach hintenzu faltenreich in zwei sehr langen Streifen dem Spiele des Windes überlassen wird und bei dem stets sehr kühnen und raschen Tempo der vortrefflichen Reiterinnen sich höchst malerisch macht. Ihr Haupt ist beim Reiten mit männlichem Hut nebst Feder oder einem Blumenschmucke bekleidet. Gewöhnlich sind die Reiterinnen gleichwie die Reiter mit Guirlanden frischer Blumen geziert, und auch die Pferde haben meist irgend welche Blumen am Kopfe oder am Schweif. Hin und wieder tragen die Frauen beim Reiten über dem Kleide die sehr kleidsame „selapa“, die ähnlich der südamerikanisch-spanischen Poncha ist und aus einem viereckigem Stück Zeug mit einem Zentralloch zum Durchschlüpfen des Kopfes, aber ohne Ärmel besteht.Die Sprache der Hawaiier bestand aus 12 articulirten Lauten: „a, e, i, o, u, h, k, l, m, n, p, w,“ was den Missionären und der Presse anfänglich grosse Schwierigkeiten machte, die jedoch durch die Intelligenz und Auffassungsgabe der Nation rasch beseitigt wurden. Die Resultate der so kurzen Reformzeit von 53 Jahren haben nämlich bewiesen, dass das Schreiben und Lesen der Hawaii-Sprache leichter als irgend einer anderen Sprache ist, denn wie wäre es sonst möglich gewesen, dass eine Nation, die kein Alphabet noch kannte, in so kurzer Zeit sich zu der Stufe der Bildung aufgeschwungen, dass es augenblicklich nicht nur schwer fallen würde, einen Hawaii-Kanaken zu finden, der nicht lesen, schreiben und rechnen kann, sondern auch das Land eine nationale Presse besitzt, die in grösstem Wortreichthum der modernen Civilisation die Artikel der ausländischen Presse dem Publikum in der Landessprache wiedergiebt.Höchst bemerkenswerth ist, wie schon gesagt, der Fall, dass in der ganzen Bevölkerung kaum Einer zu finden ist, der nicht lesen und schreiben kann. Die neue Generation hat freilich Schule genossen, demnach ist ihr allmählig durch Lehrer die Kunst, ihre Gedanken niederzuschreibenund von Anderen geschriebenen Gedanken zu lesen beigebracht worden, aber anders ist es mit den noch Lebenden älterer Generation, die im vorgeschrittenen Alter ohne Schule es verstanden haben, diese Kenntnisse sich anzueignen; denn, wie gesagt, unter den ältesten Leuten, die sich noch der Zeit des Heidenthums erinnern, findet man nur selten eine Ausnahme hiervon.Das Schulwesen im Inselreiche blüht sichtbar und liefert auffallende Beweise der nationalen Fähigkeit und geistigen Lebendigkeit.Das amerikanische System der Erziehung bildet die Grundlage des Schulwesens. Wie bereits gesagt, hat sich hier das Princip, Knaben und Mädchen „zusammen“ zu erziehen, aufs Beste bewährt, d. h. für dienationalenKinder nur, während es für KinderfremderNationalitäten der weissen Race auch hier als nachtheilig sich gezeigt hat.Im elterlichen Hause werden die nationalen Mädchen im Allgemeinen nicht verzärtelt — „noch“ nicht! —, wie es leider bei uns und besonders in Amerika stattfindet, wo dieselben, für ein über Alles bevorzugtes Geschlecht betrachtet, eingebildet oder zu einer Modepuppe — dies namentlich bei uns — erzogen werden. Hier besitzen jene daher noch die mädchenhafte Naivetät und Frische, während bei uns das junge Mädchen dieselben oft im kürzesten Rocke schon verloren und als grosse Dame der Intrigue auftritt. Die Mädchen von Hawaii besitzen in Folge ihrer von Jugend auf genossenen Selbstständigkeit eine Art weiblichen Instinktes vor den Gefahren, welchen unsere meist verwöhnte oder verzogene Jugend so leicht in die Arme läuft.Die Charakteristik der Frauen und Mädchen ist der der Männer sehr ähnlich und folgende: Sie sind von starkem, der Korpulenz sich hinneigendem, kräftigem Körperbau mit meist edlen Gesichtsformen und graziösen Bewegungen, kühne Reiterinnen, unermüdliche und gute Tänzerinnen, zuvorkommend und sehr natürlich in Bewegung und Rede, gutmüthig und geneigt für wohlthuende Zwecke, aufgeweckt und frei in ihrer Unterhaltung. Sie besitzen eine auffallende Gabe, mit kühner Gewandtheit ihrer Umgebung Respekteinzuflössen, besitzen ein auffallendes Selbstbewusstsein, das dadurch entstanden, dass das hiesige weibliche Geschlecht dem männlichen moralisch weder über- noch untergeordnet, daher gleich berechtigt war. Dies wird namentlich dadurch erhellt, dass seit uralter Zeit es üblich gewesen, dass die Könige des Landes als „kuïna-nuis“, d. h. Premiers meist Frauen ernannten, die die Hauptleitung der Regierung in Händen hatten. Obgleich dies im Widerspruche zum früher erwähnten „tabú“ steht, in Folge dessendie Frauen mit den Männern nicht unter einem Dache speisen durften, so ist dies dadurch zu erklären, dass diese „tabunirte“ Sitte sich nicht auf die Missachtung des weiblichen Geschlechtes, sondern auf die Verschiedenheit der Schutzgötter der Geschlechter sich stützte, und zwar in der Voraussicht, dass dieselben während des Speisens möglicher Weise in Streit gerathen und die ruhige Verdauung der Speisenden hindern könnten.Das weibliche Geschlecht ist trotz ihrer respekteinflössenden Eigenschaft leidenschaftlich und wie schon früher erwähnt in Extremen von Freude zu Kummer wechselnd, daher auch wechselnd im Temperament, in den Gefühlen der Freundschaft und Feindschaft, des Interesses und der Gleichgültigkeit, daher höchst unsicher in der Bekanntschaft. Es besitzt trotz seines so freien, natürlichen Auftretens und des leidenschaftlichen Wechsels ihres Temperamentes sowie die Männer eine bedeutende Gabe der Verstellung: mit keinem Zuge, keiner Bewegung verrathen sie ihre innersten Gedanken und Gefühle bis zu dem Augenblick, wo sie sich von diesem Gedanken befreien wollen, wo alsdann eine Ausströmung ihrer lange bemeisterten Gedanken und Gefühle unter bald leidenschaftlichem Lachen bald leidenschaftlichem Weinen stattfindet, sodass man dieselbe faktisch nur mit dem Auslassen der Luft aus einem Luftkissen vergleichen kann, wo nämlich sodann in beiden Fällen der Schluss eine vollständige Erschlaffung ist.Wenn sie sich der Liebe für einen Mann oder für irgend etwas hingeben, so geschieht dieses mit völligster Eifersucht, jeden Augenblick mit Leidenschaft bereit, demGegenstand ihrer Liebe sich zu opfern oder sich zu rächen.Sie besitzen im höchsten Grade die Liebe für Blumen, grelle Farben, Schmuck, zugleich für Poesie, Musik, und scheuen keine Ausgaben, keine Mühe, um den Genuss derselben sich zu verschaffen.Sie sind, im Allgemeinen genommen, häuslich und in der Häuslichkeit thätig und geschickt, zugleich aber auch südländisch unordentlich und lieben, während der Verrichtung ihrer Beschäftigungen sich hin und wieder Zeit zum vollständigen dolce far niente zu geben, wo sie dann am liebsten, auf der Matte hingestreckt, rauchend, in Gedanken vertieft, oder mit den neben ihnen Ausgestreckten im Halbdunkel die Zeit mit Plaudern oder Klatschen verbringen.Diese Gewohnheit der Herzerleichterung resp. der Klatscherei ist unter der hiesigen Frauenwelt im höchsten Grade verbreitet und bildet gegenüber den ausserordentlichen Eigenschaften den grössten Fehler ihres Charakters.

Tendenz der Europäer. — Charakterzüge der Hawaiier. — Gebräuche und Sitten derselben.

Wie schon früher erwähnt, machte ich auf dem Schiffe die Bekanntschaft eines sehr gebildeten, adeligen Kanaken resp. eines Häuptlings, der mir ausserordentlich interessante Mittheilungen über die Vergangenheit und Gegenwart des Inselreiches, über die Sitten und Gebräuche seines Volkes machte und die ich mit meinen persönlichen Eindrücken vereinigt hier ausnützen will.

Die von dem edlen Manne mir gemachten Mittheilungen erweckten in vielen Beziehungen trübe Gedanken über den Charakter der weissen Race und bestätigten meine, auf meinen weiten Reisen um die Welt sich entwickelnde Ueberzeugung, dass hier ebenfalls — wo das Land weder erobert, noch annectirt, sondern nur durch das hinterlistig dem Lande aufgedrungene Protektorat der nordamerikanischen Staaten indirekt unter dem Einflusse des anglo-sächsischen Systemes sich befindet — die Abnahme der Urbevölkerung begünstigt und das Ueberwuchern des ausländischen, meist habsüchtigen Elementes hervorgerufen wird. Hier zeigt sich gleich wie überall, wo ich die Folgen der fieberhaftaufgeregten, so gewaltig wirkenden Kraft der weissen Race in den weiten Landstrichen fremder oder richtiger gesagt fremdfarbiger Nationalitäten — der Tropen namentlich — beobachtet hatte, stets als Resultat „die Vernichtung“ als die natürliche Folge eines der Urbevölkerung nur Nachtheil bringenden, selbstsüchtigen hyppokritischen Systemes.

Der sogenannte civilisatorische Einmarsch der weissen Race in die Gebiete sogenannter Barbaren fand gewöhnlich und findet gewöhnlich noch unter dem Deckmantel der christlichen Religion statt, d. h. Missionäre verschiedener Confessionen bilden den Vormarsch. Unter dem christlichen Banner der Liebe, der Gerechtigkeit, der Treue, der Eintracht, des Glaubens und der Hoffnung als Grundbasis der christlichen Religion ziehen sie ein, doch nehmen sie leider zu oft hinüber den fanatischen, so giftigen Hass verschiedener Confessionen und der so zahlreichen protestantischen Sekten gegen einander mit und erwecken durch diesen Hass, da er im Widerspruche zu ihrer Lehre der Nächstenliebe steht, erst das Misstrauen und dann allmählig die Verachtung der vorgefundenen Urbevölkerung. Um rascher Proselyten zu machen und um einen Vorsprung in den Resultaten gegenüber den andern Confessionen und Sekten zu erlangen, mischen sie oft — um die Leute rascher zu verlocken und den Uebergang ihnen leichter und fassbarer zu machen — Prinzipien der vorgefundenen religiösen oder religionsartigen Gebräuche der Urbevölkerung mit den Prinzipien der resp. christlichen Confession oder Sekte. Oft entwickelt sich zwischen den verschiedenen Confessionen und Sekten, denoftmals durch Versprechungen oder durch irdische Vortheile zur Bekehrung Verlockten und den standhaft ihren Traditionen treu Gebliebenen Hass und Zwietracht, und hieraus entsteht wiederum in der Masse der Bekehrten eine rein geistig-religiöse abergläubische Ueberspannung oder aber meistens eine vollständige Demoralisation anstatt Christenthum.

Wenn nun der noch unbekehrt gebliebene Kern einer solchen, von den Missionären bearbeiteten Nation aus Liebe zu ihrem Vaterland oder zu ihrer Freiheit, oder aus Verzweiflung sich mit Gewalt von dem unruhigen Treiben des sie aus allen ihren traditionellen, ererbten Gewohnheiten, Gebräuchen und früheren inneren Zufriedenheit und Ruhe reissenden Einflusses zu befreien sich entschlossen und die Ursache dieses Einflusses durch die Verjagung der Missionäre aus ihrem Lande oder durch Ermordung derselben zu beseitigen gesucht hatte — ja dann erhob sich und erhebt sich noch in derartigen Fällen suppressio veri der mächtige Grossstaat, zu dem die betreffenden verjagten oder ermordeten Missionäre gehörten, um die alsdannals „Rebellen“ Bezeichnetenzu züchtigen und Genugthuung von dem geistig geknechteten, gewöhnlich naiv arglosen Volke zu fordern. Mit Feuer, Pulver, Blei, des Dampfes mächtiger Kraft und allen den so gewaltig vorgeschrittenen Erfindungen der Massenmord-Instrumente unserer stets Frieden predigenden Civilisation beginnen sie einen Vernichtungskampf gegen die meist nur mit Keulen, Pfeilen, Speeren und Schleudersteinen Bewaffneten und treiben verheerend, plündernd, mordend die unglückliche schwache Bevölkerung in das Innere des Landes.

Dem folgt durch die glorreichen Sieger zur Sicherstellung dieser Action ironisch die Besatzung des Küstenlandes, bis Ruhe wieder unter den sogenannten Rebellen entsteht. Dieser Sicherstellung folgt jedoch gewöhnlich eine eigenmächtige Annexion, dieser wiederum zur Verbreitung der Civilisation die Kolonisation, und gleichwie das Scheidewasser frisst sich die monopolisirende Besatzung des anfangs begrenzten Areales allmählig tiefer in das Innere des Landes, indem sie die Ureingeborenen erbarmungslos gleich Vogelfreien mehr und mehr in die unwirthlichsten Strecken des Binnenlandes treibt und sie der oft haarsträubendsten Hartherzigkeit der eingeführten oder eingezogenen Colonisten preisgiebt. Diese bestehen meist aus Verbrechern, aus unmoralischen Abenteurern, selbstsüchtigen, gewissenslosen Spekulanten, fanatisch exaltirten Menschenbeglückern oder Reformatoren und einer Schaar nirgends zufriedener Geisteskinder, die nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen haben und die ohne viele Mühe rasch reich werden wollen.

Gerechtigkeit und Nächstenliebe findet der Ureingeborene „nicht“, statt dessen aber „Verachtung und Hass“ bei den habsüchtigen Eingedrungenen, und die Verzweiflung, Muthlosigkeit und endlich die Depravation folgen den Entbehrungen des unglücklichen, verzweifelnden Volkes und wirken natürlich gewaltig auf das abnorme Aussterben und Schwinden desselben.

Hierzu kommt noch, und zwar gewaltig wirkend, die Einführung fremdartiger Sitten, Gebräuche und Laster der meist leidenschaftlichen Einwanderer, nebst der dem Lande und seiner rechtmässigen Bevölkerung fremdartigen Cultur der Eindringlinge.

Das jungfräuliche, noch im Urzustande befindliche Land wird sofort mit und durch Dampf in fieberhafter Uebereilung zum Nutzen des Landes der gewissenlosen Abenteurer und habsüchtigen Spekulanten ohne Rücksicht auf Vortheil und Nutzen des Landes und seiner „rechtmässigen Bevölkerung“ durchzogen, durchwühlt, ausgesogen und in facto radikal verdorben, was die Veränderung der klimatischen Verhältnisse der meisten Colonien zur Genüge beweisen.

Dieses ist die Methode und dieses die Folge des Colonisationssystems namentlich der anglo-sächsischen Race, wie es die vereinigten Staaten von Nord-Amerika, ein Theil Westindiens, Neuseeland, Australien, Tasmanien und sogar in gewisser Beziehung das früher so reiche Ost-Indien beweisen, wo die Urbevölkerung, wie z. B. in Tasmanien vollständig bis auf den letzten Mann ausgerottet, in Australien und in den Vereinigten Staaten nahezu vernichtet und in Westindien und Neuseeland im Schwinden begriffen ist. In Ostindien, da es keine Colonie ist, hat in Folge der Uebervölkerung das anglo-sächsische System nicht dieselbe Wirkung erzeugen können; es zeigt sich aber demungeachtet die Wirkung im allgemeinen Verarmen der Bevölkerung, in der planlosen Devastation des Landes und der Veränderung der Ertragfähigkeit des Bodens. Sehr verschieden hiervon zeigen sich die Folgen der Colonisation der Spanier, Holländer, Portugiesen, Russen und sogar Franzosen, wo die Urbevölkerung anstatt vernichtet, erhalten worden ist; anstatt auszusterben, hat die Zahl derselben zugenommen. — Da der Fortschritt der Eindringlinge ein mehr allmählich progressiver im eroberten Lande war und die Interessen der Urbevölkerung durch ein engeres Beisammenleben mit denjenigen der Eroberer oder Colonisatoren mehr und mehr verschmolzen, hatten sich die Eingeborenen verhältnissmässig rasch civilisirt.

Dieses günstige Resultat — ob mit oder ohne Willen der Colonisatoren — zeigt sich trotz allen daselbst vorgekommenen und noch beständig vorkommenden Guerilla-Kriegen und -Grausamkeiten deutlich in der Zunahme der Urbevölkerung sowohl als auch der Mischlinge in Central- und Süd-Amerika, im spanischen, portugiesischen und französischen Westindien, sowie in den kleinen Colonien genannter Nationen in Ostindien, Algier und in St. Mauritius, letzteres, als es noch französisch war. So spöttisch auch die in ihrem Colonisationstalente bisher dem Scheine nach einen so erhabenen Ruf geniessende anglosächsische Race über die so langsamen Resultate der Kolonisatoren anderer Racen und das Unverständniss derselben critisirt, so haben letztere jedoch oft, bewusst oder unbewusst, das wichtigste Resultat der Kolonisation erreicht, indem dieselben nämlich während der so langen Zeit ihrer Dominion der resp. Landstriche die Urbevölkerung, d. h. „den Menschen“ anstatt vernichtet, gehoben und das Land anstatt devastirt, und zwar ohne dessen Charakter zu verändern, einem wenn auch langsamen, so doch natürlichen Fortschritte entgegengeführt haben. Freilich haben diese Nationen weniger materiellen Gewinn aus dem Lande gezogen, sie haben aber den unberechenbaren Gewinn erlangt — bewusst oder unbewusst — den Menschen zu erhalten.

Nicht dasselbe hat die über Alles erhaben sich dünkende anglosächsische Race erreicht; sie hat im Gegentheil unter scheinbarem Glanze ihrer auf Glasfundament erbauten Metropolen und Städte ihrer Kolonien die Urbevölkerung theilweise vollständig vernichtet, theilweise dem Aussterben überlassen, das Land derselben zum Entstehen der Scheinpaläste der Metropolen davastirt, ausgesogen und verwüstet, so zu sagen, die charakteristische, natürliche Lebenskraftdemselben fürihrenmomentanen Ruf oder Vortheil genommen; sie hat es vollständig übersehen, dass das wichtigste Resultat einer Dominion die „Erhaltung“ ist, d. h. die Erhaltung des Menschen vor Allem und die Erhaltung der dem Lande zu seinem kraftvollen Bestehen erforderlichen natürlichen, der Zone charakteristischen Vegetation.

Trotz den in Britannien so zahlreichen, an und für sich sehr löblichen, philanthropischen Vereinen „Peace Society“, „Aborigines-Protection Society“, „Antislavery Society“, „Antivivisection Society“ u. s. w., die meist grossen Lärm schlagen, gute Geschäfte machen, gemüthliche Zusammenkünfte „[meetings]“ halten, jedoch entsetzlich wenig für dieHauptsacheausrichten und oft als Deckmantel von den Anti-Protectionisten zu ihren dunklen Thaten benutzt werden, liegt das Hauptprincip dieser Kolonisatoren im habsüchtigen, raschen Gelderwerb mit dem bei ihnen zur Ueberzeugung gewordenen Gefühle, dass alle Regionen der Welt zu ihrer Disposition stehen, und dass nach vollendetem Verwüsten, Aussaugen, Ermatten der einen Region eine frische sich wiederfinden muss, um das Werk der Vernichtung mit Hülfe des auf der verlassenen Region erworbenen Reichthums wieder fortzusetzen.

Dieses Prinzip ist die Ursache, die sie unwillkürlich zwingt, Alles zu beseitigen, was in irgend welcher Weise sich hemmend ihren Gelüsten entgegenstellt, Alles dem eroberten Lande zu rauben, und unter dem Scheinglanze eines vergänglichen, nur momentanen Wohlstandes die Vernichtung des Landes und seiner Urnation zu vollziehen.

Der Kolonisator im Allgemeinen müsste bedenken:

1) Dass „Erobern“ und „gewaltsam Berauben“ eigentlich im richtigen Sinne genommen, ein und dasselbe bedeutet; Dass der Eroberer, gleichwie der gewaltsame Mensch gewöhnlich verhasst ist und dass — obgleich es freilich wahr ist, dass kein Staat einen grossen Reichthum oder namhaften Vortheil ohne Ungerechtigkeit auszuüben, erwerben kann — es oft fraglich bleibt, ob der auf Kosten Anderer errungene grosse Reichthum oder Vortheil dem resp. Staate ein wirklich nützlicher wirdund ob der Vortheil dem Staate oder der erobernden Nation für den durch diese Eroberung entstandenen Hass ein genügendes Aequivalent bietet? Laut der Ueberlieferungen der Geschichte über derartige Fälle glaube ich nicht an ein Aequivalent für solche Eroberungen.2) Dass „politisches Handeln“ und „gewandter Betrug“ im richtigsten Sinne genommen eigentlich ein und dasselbe bedeutet und dass beide ein nie und nimmer zu beseitigendes Misstrauen erwecken.Gleichwie bei dem achtbaren Manne unter seinen Mitbürgern eine geachtete, allgemeines Vertrauen einflössende Stellung das Haupterforderniss ist: so bedingt ein Staat oder eine ganze Nation unter Staaten oder Nationen zur Entwicklung einer Thätigkeit für das allgemeine Wohl die Erhaltung der Menschen!Freilich giebt es leider keinen Staat oder Nation mehr, wo nicht Eifersucht gegen andere Staaten oder Nationen bestände; doch darf das Allgemeine dieses Uebels in keiner Weise eine Entschuldigung werden, da bekanntlich so oft die Folgen dieser Eifersucht sich durch Störung und Hemmung der dem Lande zu seiner natürlichen Entwicklung so erforderlichen commerziellen Geschäfte und Unternehmungen, sowie durch kostspielige Armirungen und beunruhigende Zeiten als gründlich schädlich erwiesen haben und trotz aller glanzvollen Hallucinationen einer gewissen Klasse Menschen sich auch ferner noch als schädlich stets erweisen werden.3) Dass ein weiser Staat resp. eine weise Nation sich nie ein eigenmächtiges Attentat — weder im Grossen noch im Kleinen — auf das Eigenthum oder die legale Freiheit Anderer erlauben darf und dass, im Falle ein Staat oder eine Nation es thut oder durch Verhältnisse dazu gezwungen wird, vom erobernden Theil die vorgefundenen Sitten, Gebräuche und Religion der Eingeborenen geachtet und beachtet werden, gemäss letzterer das eroberte Land regieren und dasselbe allmählig,wenn es erforderlich erscheint, auf natürlichem Wege entwickeln und reformiren soll.

1) Dass „Erobern“ und „gewaltsam Berauben“ eigentlich im richtigen Sinne genommen, ein und dasselbe bedeutet; Dass der Eroberer, gleichwie der gewaltsame Mensch gewöhnlich verhasst ist und dass — obgleich es freilich wahr ist, dass kein Staat einen grossen Reichthum oder namhaften Vortheil ohne Ungerechtigkeit auszuüben, erwerben kann — es oft fraglich bleibt, ob der auf Kosten Anderer errungene grosse Reichthum oder Vortheil dem resp. Staate ein wirklich nützlicher wirdund ob der Vortheil dem Staate oder der erobernden Nation für den durch diese Eroberung entstandenen Hass ein genügendes Aequivalent bietet? Laut der Ueberlieferungen der Geschichte über derartige Fälle glaube ich nicht an ein Aequivalent für solche Eroberungen.

2) Dass „politisches Handeln“ und „gewandter Betrug“ im richtigsten Sinne genommen eigentlich ein und dasselbe bedeutet und dass beide ein nie und nimmer zu beseitigendes Misstrauen erwecken.

Gleichwie bei dem achtbaren Manne unter seinen Mitbürgern eine geachtete, allgemeines Vertrauen einflössende Stellung das Haupterforderniss ist: so bedingt ein Staat oder eine ganze Nation unter Staaten oder Nationen zur Entwicklung einer Thätigkeit für das allgemeine Wohl die Erhaltung der Menschen!

Freilich giebt es leider keinen Staat oder Nation mehr, wo nicht Eifersucht gegen andere Staaten oder Nationen bestände; doch darf das Allgemeine dieses Uebels in keiner Weise eine Entschuldigung werden, da bekanntlich so oft die Folgen dieser Eifersucht sich durch Störung und Hemmung der dem Lande zu seiner natürlichen Entwicklung so erforderlichen commerziellen Geschäfte und Unternehmungen, sowie durch kostspielige Armirungen und beunruhigende Zeiten als gründlich schädlich erwiesen haben und trotz aller glanzvollen Hallucinationen einer gewissen Klasse Menschen sich auch ferner noch als schädlich stets erweisen werden.

3) Dass ein weiser Staat resp. eine weise Nation sich nie ein eigenmächtiges Attentat — weder im Grossen noch im Kleinen — auf das Eigenthum oder die legale Freiheit Anderer erlauben darf und dass, im Falle ein Staat oder eine Nation es thut oder durch Verhältnisse dazu gezwungen wird, vom erobernden Theil die vorgefundenen Sitten, Gebräuche und Religion der Eingeborenen geachtet und beachtet werden, gemäss letzterer das eroberte Land regieren und dasselbe allmählig,wenn es erforderlich erscheint, auf natürlichem Wege entwickeln und reformiren soll.

Der Eroberer braucht ja nicht das Knie vor dem Gotte oder den Göttern des Landes zu beugen; er soll aber die vollste Toleranz und die gebührende Achtung den vorgefundenen Religionen und Gebräuchen des Landes — und wenn dieselben ihm noch so falsch und abergläubisch erscheinen — erweisen; er möge den Gebräuchen der Eingeborenen eine gleiche Achtung gönnen als wie er solche für die seinigen fordert. Die Toleranz und Achtung ihrer Religionen und Gebräuche wird dem Eingebornen die Unterjochung leichter ertragen helfen, ihm seine moralische Kraft erhalten; den Eindringling als Einwanderer oder Kolonist wird dieselbe rascher naturalisiren und namentlich den gegenseitigen Hass, die gegenseitige Verachtung rascher im Keime ersticken. Hass und Verachtung, die so oft die Unterjochten bis in das Tiefste ihrer heiligsten Gefühle verletzten, haben dieselben zu Rebellionen und wahren Menschenschlächtereien gereizt, was durch so viele Fälle der Geschichte erwiesen und sich so lange noch erweisen wird, als Egoismus, blinde Hartherzigkeit, Eigendünkel und Missachtung der vorgefundenen Gebräuche und Sitten und namentlich die religiöse Intoleranz die Eroberer, resp. die dominirenden Nationen leitet.

Die legitimen Mittel, um gewaltsam Unterworfenen gerecht zu werden und dieselben an sich zu ziehen, liegen in der toleranten Milde und Gerechtigkeit, im unverletzlichen Einhalten einmal geschlossener Verträge und gegebener Versprechungen, in einer gemässigten Gewinnsucht der Eindringlinge und in dem energischen Streben des dominirenden Staates (resp. der dominirenden Nation), das eroberte oder annectirte Land vor Devastation und die unterjochten resp. rechtmässigen Besitzer vor Unterschätzung und Missachtung von Seiten der Eindringlinge zu hüten.

Da das Königreich von Hawaii glücklicher Weise von colonisatorischem Joche und von einer Annexion — freilich, wie es mein geschichtlicher Theil des Inselreiches erweist, mit vielen Schwierigkeiten — sich soweit befreithat, dass es seine eigene Regierung, seine Selbstständigkeit und sogar die Möglichkeit der Abschüttelung des fremden Einflusses errungen hat, leidet es in dieser Beziehung nur durch den indirekten Einfluss des amerikanischen Protektorats resp. indirekt durch die aussaugende Tendenz des anglosächsischen Kolonisations-Prinzips und sein eigennütziges, dem Lande schädliches Hantiren des Kapitalisten und Kapitales.

Das Vorgehende berücksichtigend fühlte ich mich — und zwar als Warnung zugleich — veranlasst, das eigentlich nur die Kolonien Betreffende auch hier zu erwähnen.

Zur Zeit des Capitän Cook 1779 soll von ihm, wie schon früher erwähnt, die Zahl der damaligen Bevölkerung der Inselgruppe von 300,000–400,000 geschätzt worden sein. Diese Zahl soll aller Wahrscheinlichkeit nach eine irrthümliche gewesen sein, da bekanntlich die Inseln von Cook nicht bereist worden sind und daher er die Bevölkerung nur nach den sich an den Ufern Ansammelnden taxiren konnte, jenen Ansammlungen, die erstens durch die Neugierde seiner Landung wegen und zweitens durch die im Allgemeinen stärker bewohnte Küste hervorgerufen waren. Mein liebenswürdiger Mitpassagier auf der „Likelike“ glaubte für 1779 die Zahl der gesammten Bevölkerung auf ein Maximum von 250,000 feststellen zu dürfen. Demnach wäre, da der Census von 1872 die Bevölkerung der Eingeborenen, die Mischlinge eingeschlossen, auf nur 51,531 feststellte, seit 1779 ein Deficit von 248,000 Seelen, wenn wir auf die Angabe pro 1779 auf 300,000 Seelen fussen.

Es ist glaublich und zu hoffen, dass die Abnahme sich allmählig vermindern oder ganz heben wird, da die Regierung seit 1823 die nöthigen Massregeln zu treffen sucht, die vielfältigen Ursachen der abnormen Sterblichkeit zu beseitigen.

Besonders günstig wirken die Errichtung von Hospitälern, das Reinhalten der Strassen und Häuser, die Berufung tüchtiger europäischer Aerzte in das Land, die Ausbildung einheimischer Aerzte an europäischen Universitätenund das Verdrängen der bisher so schädlich wirkenden Kahúnas, d. h. der Zauberärzte.

Die Hauptursache dieser abnormen Sterblichkeit, abgesehen von den verheerenden Kriegen Kamehámehás I., sind zu finden:

1. „In der venerischen Vergiftung des Blutes, Gift, das ihnen die unsittlichen europäischen Walfischfahrer beigebracht und, da keine andere ärztliche Hilfe als nur die der mystischen „Kahunas“ ihnen damals zu Gebote stand, nicht beseitigt wurde und daher ins Blut übergegangen war und ein erbliches Übel entwickelt hat, wie es der so ansteckende Hawaii’sche Aussatz genügend beweist, der oft plötzlich bei Vielen scheinbar ohne Ursache erscheint.

Auf der Insel Molokai, wohin alle von dieser Krankheit Befallenen sofort exportirt werden, kann man diese schreckliche national-chronische Seuche genügend beobachten.

Bis vor Kurzem war und ist noch bis auf die Jetztzeit im Volke die Überzeugung der Unheilbarkeit dieser Seuche derart eingewurzelt, dass eine von derselben behaftete Person, ohne Hülfe zu suchen, ohne selbst viel zu klagen, mit stoischer Ruhe die endliche Erlösung von der allmähligen Verwesung seines Körpers erwartet und nur durch Zwang sich einer Behandlung unterwirft. Das Auffallendste ist aber, dass Nichtbehaftete keine Scheu vor den Kranken zeigen. Sie wohnen mit ihnen, berühren dieselben und speisen mit ihnen aus einem und demselben Topfe mit vollster Überzeugung, dass sie dem Übel nicht entrinnen können, wenn sie demselben zu verfallen bestimmt sind. Dieses ist die Folge eines Aberglaubens, der aller Wahrscheinlichkeit nach ihnen durch die „Kahunas“ zur Bemäntelung ihrer Unfähigkeit, eine heilende Hilfe zu verschaffen, beigebracht und mit der Zeit traditionell geworden ist.

In neuerer Zeit haben sich hin und wieder durch ärztliche Behandlung — wenn auch nicht Heilungen, so doch — Vernarbungen der Wunden gezeigt, und es beginnt in Folge dessen obiger Aberglaube zu schwinden, undes steigert sich sichtbar der Muth, die Hoffnung und das Selbstvertrauen der armen Leute.

Die grösste Schwierigkeit zur vollständigen Beseitigung des Übels liegt darin tüchtige Ärzte zu finden, die sich selbst aufopfernd aus Liebe zur Wissenschaft und aus Nächstenliebe constant der Behandlung und Pflege der Unglücklichen in ihrem Exile auf der kleinen Insel widmen wollen; denn nur durch eine richtige, constante und sorgfältige Behandlung ist ein radikales Mittel zur Heilung und Vorbeugung gegen das Übel bei Gesunden zu finden.

2. Im frühzeitigen Sterben der Kinder durch auffallende, bis jetzt noch bemerkbare, fast unglaubliche Fahrlässigkeit der Mütter.

Die Ernährung der Kinder an der Brust als auch nach deren Entwöhnung ist eine sorglose, unregelmässige und schädliche. Je nach der Bequemlichkeit der Mutter wird dem Kinde bald die Brust, bald Kuhmilch und zwar oft im ungesundesten, säuerlichsten Zustande verabfolgt. Die Gleichgültigkeit der Mutter geht oft so weit, dass sie nicht einmal zur richtigen Zeit dem Kinde die Milch verabfolgt, sondern wie es gerade sich trifft.

Oft füttert sie das Kind statt mit Milch mit „poi“ oder andern schwer verdaulichen Stoffen oder überlässt die Pflege desselben Anverwandten, die sich dabei gewöhnlich nicht viel sorgsamer benehmen; demzufolge natürlich beginnt das Kind zu kränkeln, die Mutter erschrickt über die Folgen der unregelmässigen Ernährung, gibt dem Kinde die Brust mit oft säuerlich verstockter Milch, wodurch das Kind radikal zu Grunde gerichtet wird.

3. In dem zu jugendlichen Beischlafe der Geschlechter.

4. In der sehr verbreiteten Sitte der Polyandrie, gegen die die jetzige Regierung streng auftritt.

5. In der Sucht nach Sorglosigkeit, durch das im Lande sehr verbreitete Foeticidium.

6. Durch die im Blute der Mutter sich vererbten venerischen Gifte entstandenen foetalen Krankheiten.

7. Im zu jugendlich begonnenen und zu übertriebenen Reiten des weiblichen Geschlechtes, namentlich, da dieselbenam liebsten in männlicher Positur zu Pferde sitzen und ein hastiges Tempo lieben, wodurch sich die Frucht leicht verliert. Es sollen Fälle aufzuweisen sein, wo Frauen das Reiten als Mittel zur Vernichtung derselben benutzt haben, um keine Kinder zu gebären.“

Gegen diese benannten Ursachen schreitet die jetzige Regierung consequent vor, und es ist mit Sicherheit zu erwarten, dass in kurzer Zeit dieselben wenn auch nicht vollständig gehoben, so doch bedeutend vermindert sein werden.

Sonderbar ist es, wie sammt der auffallenden Gutmüthigkeit und der Intelligenz der Hawaii-Kanaken diese Race so bemerkenswerth wenig Anhänglichkeit für ihre Kinder zeigte. Es lässt sich diese Indifferenz nur durch die uralte Sitte dieser Race, die Kinder zu abergläubisch-religiösen Zwecken zu benutzen oder benutzen zu lassen, erklären, indem die armen Wesen jeden Augenblick gewärtig sein mussten, als Opfer des Aberglaubens, des schrecklichen „tabú“, je nach der Willkür der Häuptlinge und Priester den Göttern geopfert zu werden.

Durch diesen erbarmungs- und schutzlosen Stand der Kinder verlor natürlich die Mutter allmählig das Gefühl des Besitzrechtes und demzufolge auch das natürliche Pflichtgefühl der Fürsorge und der mütterlichen Liebe. Das Kind wurde ihnen ein Element der Sorge und Last, ein Object des Kummers, ein Gegenstand, der je nach Willkür gegen ein fragliches Aequivalent der Vergütung im Jenseits zu jeder Zeit als Opfer für die Götter genommen werden konnte.

Hieraus wird die Aversion der Frauen gegen die Kindererzeugung, die Gefühllosigkeit oder besser gesagt Gleichgültigkeit der Mütter gegen ihre Kinder und die Depravation der Frauen begreiflich.

Ohne physische Fürsorge, ohne moralische Belehrung und Leitung, ohne gefühlvolle Umgebung im Elternhause wuchs das Kind in eine unbestimmte, hoffnungslose Zukunft, quasi von Tag zu Tag vegetirend hinein. Seine Freuden lagen nur und zwar in ausschweifendster Art in der Befriedigung seiner physischen Gelüste, in leidenschaftlichenSpielen und Tänzen, wie es bei vernachlässigten, hoffnungslosen, vogelfreien, geknechteten und namentlich abergläubischen Wesen im Allgemeinen der Fall ist. Daher zeigte sich allen Besuchern der Inseln in früherer Zeit der Charakter der Nation, dessen Keim ein überaus guter war, als schüchtern, niederträchtig, falsch und lügnerisch, was sich klar durch die Nation der Jetztzeit, die glanzvollen Resultate ihrer kurzen Entwicklung von 1825 bis jetzt so gründlich bewiesen hat.

Befreit vom Zwange ihres Aberglaubens, geleitet durch eine, den Eigenthümlichkeiten der Nation weise angepasste, constitutionelle Regierungsverfassung, hat es diese Nation und haben es ihre tüchtigen Leiter verstanden, im Verlaufe von nur 58 Jahren sich aus dem Joche des gewaltigsten Barbarismus des Heidenthums durch sich selbst auf die bewunderungswürdige Stufe politischer und moralischer Prinzipien der hervorragendsten christlichen Staaten der Civilisation zu erheben.

Das Volk des Inselreiches von heute athmet frei unter dem Schutze weiser Gesetze und blickt mit stolzer Hoffnung für sich und seine Kinder in die Zukunft. Es werden nicht mehr den Müttern ihre Kinder zu mythischen Zwecken entzogen; die Mühe der Pflege, die Erziehung derselben wird den Eltern nicht mehr nutzlos; die Kinder gehören ihnen, und sie erziehen sich durch dieselben feste Stützen ihres Alters.

Die Wirkung dieser Ueberzeugung zeigt sich schon jetzt im Familienleben der Hawaii-Kanaken von heute durch mehr Liebe, mehr Anhänglichkeit, regeres Interesse und festere Bande der Familienglieder, und wird diese Wirkung in der neueren Generation unzweifelhaft noch mehr zunehmen, da bei derselben der moralische Druck der alten mythischen Gebräuche ihrer Nation ihnen nur traditionell als Legende, nicht aber als eine erlebte Wirklichkeit bekannt sein wird.

Noch findet man deutlich im Charakter der Nation, abgesehen von dem bei ihnen so auffallend raschen Wechselvom Kummer zur Freude und viceversa, in beiden Fällen eine seltsame Tendenz zur Melancholie.

In früheren Zeiten soll der Charakter derselben noch auffälliger im raschen Wechsel der Gemüthsstimmung gewesen sein. Der Ausdruck von Freude oder Sorge hielt nur kurzweilig an. Thränen folgte helles Lachen, dem Lachen Thränen, fast eins in das andere verschmelzend und beiden Fällen folgend eine grenzenlose Apathie. Alle ihre Sorgen und Freuden waren ja meist nur materiellen oder wollüstigen Ursprungs und ein sprechender Beweis für den früher herrschenden Mangel geistiger Eindrücke ist der Umstand, dass die Kanaken in ihrer Sprache keine Worte zum Ausdrucke des Gefühles hatten, während sie einen unendlichen Reichthum wollüstiger und materieller Ausdrücke besassen.

Diese Eigenthümlichkeit ihres Charakters hatte sich auch auf ihre Lieder, auf den Charakter ihres Gesanges, auf ihre Spiele, Tänze und Belustigungen übertragen.

Unter den nationalen Spielen waren die hervorragendsten folgende: Der „moko-moko“, ähnlich dem Boxen, in welchem sie eine ausserordentliche Gewandtheit besassen; das „úlu-mai-ka“ oder Kugel- und Ball-Spiel; das „heé-nalú“ bestand darin, auf einer schmalen Planke reitend sich durch die brandende Woge in die offene See treiben zu lassen und mit der zurückkehrenden Woge das Ufer wieder zu erreichen — eine höchst beschwerliche, durch sie höchst gewandt ausgeführte Balance-Übung; das „holua“, d. h. das Niederrutschen von steiler Felsenhöhe auf einem Brett; das „pahú“, d. h. das Treffen einer am ebenen Boden bezeichneten Stelle mit dem Wurfspiess, dem sogenannten „pahú“; das „Konáne“, eine Art Dame-Spiel; das „pu-héne-héne,“ das Verbergen eines Steines und Suchen desselben; das „loú-loú“, wo zwei Männer ohne Beihilfe der andern Hand, Finger in Finger ihre Kraft versuchen; das „hónu-hónu“ besteht im Schwimmen mit gebundenen Füssen, — ein Spiel, in welchem sie rein fischartige Bewegungen hervorbringen und auffallend sicher und gewandt sind; das „úma“, Kraftprobe mit dem Arme; das „lili-ko-ualí“, dasSichschwingen an einem Tau; das „lele-ka-uá“, d. h. der Sprung vom steilen Abhang in den tiefen Ozean; das „kúla-kúla-ei“, das Ringen und Balgen beim Schwimmen in offener See; das „pápu-héna“; das „úme“ und „kúlu“ sind wollüstige Spiele, die nur zur Nachtzeit gespielt werden.

Unter den „húla’s“, d. h. den Tänzen hatten sie die verschiedensten Arten, die stets mit „mele’s“, d. h. von Liedern und der Trommel begleitet sind. Sie sind jetzt gleichwie die nächtlichen Spiele verboten, jedoch nicht unterdrückt, sodass man sie im Innern des Landes, namentlich aber in Honolulu sich vortanzen und vorsingen lassen kann. Sie sind beide höchst bemerkenswerther Art.

Der „hula“ wird nur von den Frauen produzirt und stets, wie schon gesagt, mit „mele’s“, d. h. mit Liedern begleitet.

In zahlreichem Gefolge der Könige und Häuptlinge befanden sich früher stets professionelle Tänzerinnen und Sängerinnen. Ihre Musik bestand aus einer Art Pauke und Trommel, die aus Kürbissen verfertigt und deren Öffnungen mit einer stramm gezogenen Haut überspannt waren; die kleinen Trommeln bestehen aus fein gearbeiteten Kokusnüssen, deren Öffnung ebenfalls, jedoch mit einer feinern Haut, stramm überzogen ist. Der Tanz wird im genauesten Tempo ausgeführt und besteht in bald wilden, raschen, bald in langsamen, sehr graziösen Bewegungen des Körpers, die oft in völlig apathische übergehen.

Gleich dem Charakter der Race zeigen sich auch in ihren Tänzen die Bewegungen in Constrasten und das Temperament derselben in Extremen.

Die Tänzerinnen sind stets mit Blumenkränzen von Jasmin, Orangen, Tuberosen, Geranien und Immergrün-Blättern, oder mit rothgelben Schwanzfedern des „mamo“, die goldschimmernd sind, geschmückt. Von diesen rothgelben Schwanzfedern, deren der Vogel nur 2 besitzen soll, ist der berühmte Thronmantel des Königs Kamehámehá I. verfertigt, der im Halbzirkel eine Länge von 5′ nebst einer Schleppe von 11′ hat und eine überraschend kunstvolle, eigenthümliche Arbeit repräsentirt, da er aus 5000 solchenFedern besteht, die mit den Fasern der Rinde des „Olóna“ kunstvoll an einander befestigt, ein überraschend festes Ganzes bilden.

Die Waffen der Kanaken bestanden aus Speeren („pahú“), langen Dolchen, Keulen und Spiessen. Alle diese Waffen waren aus einem harten, eisenartigfesten, ebenholzartigem Holze, das im Inselreiche nicht mehr vorhanden, auffallend vollendet, eben, glatt und glänzend verfertigt, und zwar war dasselbe so hart, dass man mit einem scharfen Messer keinen Einschnitt in das Holz machen kann.

Eine grosse Gewandtheit besassen die Eingebornen im Schleudern der Steine mit der Schlinge, die aus dem Bast der Kokusnüsse verfertigt wird. Dies ist eine Waffe, die sie oft als Spiel, um ihre vollendete Gewandtheit in der Handhabung derselben zu üben, benutzen.

Die Ackergeräthe und Werkzeuge der Kanaken waren aus jenem harten Holze oder aus Stein, Muscheln, Knochen und Gräten künstlich verfertigte, mit denen sie die Steine und das Holz zu den Bauten ihrer Häuser und Hütten sowie den Boden bearbeiteten, ihr Holz fällten und ihre höchst eigenthümlichen sogar in der wildesten Seesichern„Kános“ bauten. Diese „Kános“ bestanden aus einem ausgehöhlten, von aussen und innen gefälligbearbeiteten Baumstamm und deren saubere Vollendung ist eine erstaunliche. Kamehámehá I. besass zu seinen Eroberungskriegen eine Flotte solcher, die sog. „péle-leú“, deren Kanoos eine Länge von circa 60′ hatten.

Im Charakter des Kanaken ist mir namentlich aufgefallen das Gemisch von Veneration, Achtung und Selbstgefühl.

Wie oft habe ich die Leute im Umgang mit dem freilich auffallend leutseligen Könige Kalakaua betrachtet! Einem schweigsamen Grusse folgte Schweigen, das Auge stets träumerisch, nie starr, fast sprechend in die des Königs gerichtet. Befragt, war die Antwort stets kurz, bündig und auffallend klar, ohne Niederschlagen der Augen, ohne Geberden. Der Gruss als Bewegung betrachtet, war langsam, respektvoll, gediegen. Jeder duzt den König.Gleich dem Grusse hat auch die Rede keine Spur von knechtischem Anschein.

Es liegt, so zu sagen, im Betragen des Kanaken ein Gemisch von gebender und fordernder Achtung, von Verehrung und Unabhängigkeit und trotz seines respektvollen, schweigsamen Benehmens liegt in seinen sprechenden Augen das Bewusstsein: ich habe Augen zum Sehen und Gehirn zum Denken!

Leider soll, wie authentische Persönlichkeiten des Landes mir vielseitig bemerkt haben, schon jetzt eine bedeutende Veränderung im Charakter dieser freimüthigen Race durch den ansteckenden Einfluss der in das Land eindringenden, europäischen, so vielseitig krankhaft übertriebenen Civilisation zu spüren sein.

Schon das Misstrauen allein gegen eine fremde durch die Macht ihrer nationalen Stellung sie dominiren wollende Race, erweckt bei ihnen nothgedrungen die Verstellung und verscheucht die ihnen angeborene Offenherzigkeit, demzufolge sich auch schon die, dieser Race bisher angeborene Gastfreundschaft bemerkbar zu verlieren scheint. Früher war jeder willkommen und, so lange er wollte willkommen geheissen, während jetzt schon oft unter ihnen das Gefühl des „Belästigtsein’s“ und das „wird er zahlen?“ als ein — dankbares Resultat des egoistischen Beispieles der Geldgier unserer übertriebenen europäischen Civilisation zu bemerken ist.

In allen ihren Schöpfungen und Erfindungen zeigt sich ein hoher Grad von Intelligenz und Ausdauer. In ihren Gesprächen spürt man Vaterlandsliebe, Nächstenliebe, Offenheit, Misstrauen, List, gewandte Verstellung und wollüstige Leidenschaft. Aus ihrer Poesie und ihrem sehr melodischen Gesange fühlt man Seele, Verständniss, Melancholie und ausgesprochene Leidenschaft. In ihren Tänzen und ihrer Musik zeigt sich abwechselnd Ernst, Melancholie, Apathie, Leidenschaft, Wollust und eine auffallende Präzision.

Dieses beweist, dass der Charakter der Nation von Natur ein gefühlvoller gewesen ist und dass sich in demselben nur durch sociale Verhältnisse — durch das Joch des mythischen Aberglaubens des „tabú“, und aus Furcht oder Hilflosigkeit — sich der grenzenlose, fast unglaubliche Mangel an Gefühl entwickelt hat, den man bei den Eltern, namentlich den Müttern gegen ihre Kinder findet und der allmählig zur nationalen Gewohnheit geworden ist.

Das Wort „tabú“ bezeichnet die mythische Verfügung der Götter durch die Priester, welche Personen, Gegenstände, Speisen, Orte, Thiere, Grundsätze, Opfer, Gedanken, Zeit, Unternehmungen etc. zu einer privilegirten, unantastbaren, unverletzlichen, über Alles erhabenen, göttlichen Heiligkeit zu erheben Macht hat. So sind z. B. der König, die Häuptlinge und die Priester als „tabunirt“ erklärt, daher auch Alles, was dieselben bei Andern berühren, unberührbar wurde und sofort vernichtet werden musste. Trat der König in ein Haus seines Volkes, so durfte keiner mehr nach ihm hineintreten, es musste vernichtet werden. Orte, Gegenstände, Thiere, Speisen, sobald der „tabú“ über dieselben verhängt war, durfte Keiner mehr betreten, berühren oder geniessen. Der Grundsatz, dass die Männer nicht mit ihren Frauen beisammen essen durften, war seit undenklicher Zeit als „tabú“ erklärt und wird noch bis zur jetzigen Zeit trotz des vollständig eingeführten Christenthums im Lande noch hin und wieder beachtet.

Sobald ein König oder Häuptling starb, wurde ein „tabu“ (oder auch „tapú“) über die Dauer einer bestimmten Zeit ausgesprochen, durch welches das Land für eine bestimmte Zeit als gesetzlos erklärt wurde. Während dieser Zeit durfte sich das Volk allen Thaten, Lastern und Vergehen ergeben.

Über Kinder, Erwachsene und über Gegenstände wurde oft das „tabú“ verfügt, um dieselben als Geheiligte zu opfern.

Jedes Vergehen oder Streben gegen den „tabú“ wurde ohne Möglichkeit einer Begnadigung mit dem Tode bestraft, und hat dieser schreckliche Aberglaube vielen Tausenden das Leben gekostet.

Die traditionelle Mythologie der Hawaii-Kanaken bestand aus einem Urgotte oder dem Ursprunge des Weltalls,dem sog. „wakéa“, den vier Hauptgöttern: Kú, Lóna, Káne, Kanalóa und einer unbestimmten Anzahl Untergötter und Heiligen, die sie sich in den Wolken und über den Wolken-Gebilden dachten.

Ihr Begriff der Seele war der: dass sich selbige nach dem Tode zeitweilig in der Umgebung der Leiche aufhält, die dunklen und einsamen Orte sucht und von dort aus ihre irdischen Feinde mit den sonderlichsten Unarten so lange belästigt, bis sie in den Ursprung des Weltalls des „wakéa“ oder des paradisischen Ursprungs der Hawaii’schen Race einkehrt, wo sie, im Falle, dass sie während ihres irdischen Lebens die ihnen vorgeschriebenenreligiösen Gebräuche, Ceremonien und Opfer pünktlich und treu befolgt hat, mit ihren Knochen wieder vereinigt in Freude und Bequemlichkeit für ewig bleibt, während sie im entgegengesetzten Falle aus dem „wakéa“ ausgeschieden und gezwungen wird, von der Höhe sich in den Ort der Qualen, dem sog. „milú“ für ewig zu versenken.

Die gefürchtetste Göttin der Unterwelt des „milú“ war die „Péle“, die Göttin des Kraters „Kilauéa“, der man zur Beruhigung ihrer Wuth Schweine und andere Produkte des Landes als Opfer in ihren Schlund warf, und kein Wanderer wagte es früher, ohne eine Gabe sich der Krateröffnung zu nähern. Auch jetzt noch zeigt der Hawaiier eine ganz besondere Ehrfurcht bei seinem Erscheinen vor derselben. Ausser der „Péle“ waren noch „Káilií“, der Gott des Krieges, „Kamohálií“, der Gott der Schwefeldämpfe der Umgebung des Kilauéa, „Keuakepó,“ der Gott des Regens und Feuers, „Kánokékili,“ der Gott des Donners, „Mókualií,“ der Gott der Schiffe. Alle diese Götter bewohnten die Vulkane und waren die Plagegeister der Menschen und der ihnen durch die Ausstossung aus dem „Wakéa“ in „milu“ verfallenen Seelen.

Ausser den allmächtigen Priestern, deren Amt ein heiliges und erbliches war, gab es sogenannte „Kiéo’s“, — Zauberer und Beschwörer, die die Gewalt besassen, mit den Göttern zu verkehren und von denselben durch das „anaána“, das sog. Todtengebet, den Tod eines Menschen, densie beseitigt haben wollten, zu erlangen, was natürlich sie durch Vergiftung erreichten, zu welchem Zwecke die zahlreich im Inselreiche vertretene Strychninpflanze diente. Der Glaube an die gewaltige Macht der „Kiéos“ ist im Volke derartig eingewurzelt, dass er ungeachtet des Christenthumes, noch nicht hat vollständig beseitigt werden können.

Das Jahr theilen die Hawaiier in zwei Theile, nämlich den „Kaú“, Sommer, und „Hooilo“, Winter. Die Monate des Kaú sind: „eikiki“, der Mai, „kaaóna“, der Juni, „hinaieleelé“, der Juli, „kámahoemuá“, der August „kamahoehópe“, der September und „ikuá“, der Oktober. — Die Monate des „hooilo“ sind: „welehú“, der November, „makalii“, der Dezember, „kaélo“, der Januar, „kaulúa“, der Februar, „nana“, der März und „wélo“, der April.

Während der Monate des „Kaú“, d. h. des Sommers, ist es freilich wärmer als in den Monaten des „Hooilo“; es herrscht jedoch während des „Kaú“ eine die Temperatur abkühlende Seebrise, die während der Monate des „Hooilo“ nicht herrscht, wodurch sich hier die so erstaunliche Gleichheit der Temperatur beider Jahreszeiten und deren gleichmässiger Einfluss auf die Vegetation erklären lässt.

Die Bäume sowie die anderen Pflanzen sind immer grün und im ununterbrochenen Wechsel des Blüthenreichthums und ununterbrochener Fruchtbildung. Die Sonne ist stets gleichmässig warm und die Temperatur variirt nur zwischen 70° und 80° Fahrenheit. Nie giebt es einen ununterbrochenen Regentag. Die häufigsten Regen herrschen im Dezember und Januar.

Die Urastronomie der Eingeborenen soll sich auf fünf Hauptsterne (Planeten) basirt haben, die als Basis ihrer Richtung zu ihren oft sehr weiten Oceanreisen auf ihren kleinen „Kános“ dienten, und sollen die Eingeborenen dieselben mit unfehlbarer Sicherheit benützt haben und noch benützen. —

Von allen den alten Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen bleiben — jedoch nur scheinbar — wenige Spuren zurück, daher sie dem Fremden fast unsichtbar geworden, in den Familienkreisen aber noch vielfältig zu finden und zu bemerken sind, wenn der Fremde es vermag, den LeutenVertrauen einzuflössen. Gelingt dieses und haben die Leute die Überzeugung gewonnen, dass der „haoli“ (d. h. der Fremde) sie nicht verspottet und ihnen ein Freund sein will, was in der Jetztzeit nicht sehr leicht zu erreichen ist, so zeigen sie sich und zwar alsdann vollständig, wie sie wirklich sind.

Wie von einem Schleier enthüllt, entfaltet sich dann ein ganz anderes Bild als dasjenige ihres gewöhnlichen, öffentlichen Erscheinens unter Fremden. Es wird, sozusagen, aus ihnen eine andere Nation als die, unter der man bis dahin zu leben geglaubt hat, und ich muss gestehen, dass ich sie in ihrem natürlichen Zustande trotz ihres Aberglaubens vorziehe, in welchem sie rein kindlich-offenherzig werden, als demjenigen, wenn sie im öffentlichen Leben vor dem Fremden ein ganz sonderbares Gemisch von Misstrauen, süsser Höflichkeit, Ergebenheit, Neugierde, Zurückhaltung und Stolz zeigen.

Ein Hauptzug ihres öffentlichen Charakters ist die grosse Gewandtheit, sich zu verstellen. Keine Bewegung, kein Wort, kein Hauch ist alsdann bei ihnen glaubwürdig. Wenn sie sich verstellen wollen oder es zu müssen glauben, so ist nicht die geringste Veränderung in ihren Zügen zu bemerken, wenn Eindrücke der Freude oder des Kummers sie erregen. Wenn sie sich jedoch nicht verstellen wollen oder glauben offenherzig sein zu dürfen, ja dann tragen ihre Züge einen so sprechenden Ausdruck ihrer vollsten Empfindungen, dass man kaum ihrer Worte bedarf, um sie zu verstehen. Sie sind, so zu sagen, alsdann das Modell eines gefühlvollen, intelligenten Menschen, da sie durch angeerbte Gewohnheiten oder durch irgend ein mächtiges „Muss“ erlernt haben, ihre Gefühle in jeder Lage des Lebens sofort zu bemeistern — eine Fähigkeit, die sich sichtlich in den so auffallend geordneten Sitzungen ihres Parlamentes und ihrer Behörden beweisen, wo das Bemeistern ihrer Gefühle und Erregungen eklatante Fälle liefert.

Was öffentlich noch theilweise das Gepräge der alten Zeit trägt, sind die sonderbaren Grashütten der Armen und die Grashäuser der Reichen, die übrigens bedeutend abzunehmen beginnen, um an ihrer Stelle zierlich weiss gestrichenen Häusern mit rothen Dächern Platz zu machen.

Diese Grashütten und Häuser sind entweder aus Rasenstücken aufgeführt oder bestehen aus dickem, festen Grasgeflecht. In beiden Fällen sind dieselben ohne Decke mit einem dicken Grasdach versehen. An Stelle der Fenster sind Luken, die — gleich wie die Thüren — aus einem festen Grasgeflecht, welches in einen hiezu verfertigtem Rahmen gespannt wird, bestehen. Das zum Geflechte der Wände, Dächer, Thüren und Luken gebrauchte Gras ist ein Sumpfgras. Ein Dach aus demselben, d. h. doppelt geflochten, hält 25–30 Jahre. Oft brauchen sie hiezu die Blätter der „Thy“-Staude (einer Thyphacee) deren Haltbarkeit für die Dächer nur 6 Monate währt; zu den Wänden gebraucht ist selbige jedoch eine überaus dauerhafte.

Im Innern sind solche Hütten und Häuser meist rein gehalten, und bestehen dieselben aus einem grossen Raum, der durch Matten oder „Thy“-Blättergeflecht in 2 oder 3 Abtheilungen getheilt ist, von denen die eine als Gesellschaftsgemach und die andern als Schlafgemächer benutzt werden.

Möbel gab es früher nicht, und gibt es jetzt noch in denselben nur wenige. Verhältnissmässig saubere, stets in farbigen Mustern geflochtene Matten, aus den Fasern des Pandanus littoralis geflochten bedecken den Fussboden, den nur die Erde bildet, oft in doppelt und dreifachen Schichten und dienen als Tisch, als Stuhl und als Lager. Zahlreiche Kissen, und zusammengerollte Matten liegen auf dem Boden zerstreut zur Bequemlichkeit der sitzenden, kauernden oder liegenden Gesellschaft.

Die Hütten und Häuser sind auffallend frisch; die heissesten Sonnenstrahlen haben keine durchwärmende Wirkung auf das Geflecht, daher das Innere der Gemächer, die stets im Halbdunkel erhalten werden immer kühl erscheint.

Die Frauen hatten in Folge der schon früher erwähnten heiligen Satzung des „tabú“ ein abgesondertes Haus zum Speisen, jetzt jedoch, wo das Christenthum in das Volk gedrungen ist, schwindet auch dieser Gebrauch des alten Aberglaubens, und die Frauen speisen mit den Männernzusammen oder mindestens unter einem Dache. Gekocht wird stets im Freien. Sie essen am liebsten kalte Speisen und gekochte erkaltet. Sie lieben Schweinefleisch, dessen Zubereitung eine höchst eigenthümliche und wie folgt ist:

Das Schwein wird geschlachtet, geöffnet, die Gedärme werden herausgenommen, das Innere wird sorgfältig gereinigt und wiederholt mit frischem Wasser ausgewaschen, dann mit während dieser Zeit glühend gemachten Steinen — von Grösse einer Faust, — gefüllt. Alsdann wird das Schwein möglichst hermetisch mit Blättern der Bananen umwickelt, in eine Grube glühender Steine gelegt und mit glühenden Steinen bedeckt. Sobald die Steine erkaltet sind, ist auch das Werk vollbracht und das Schwein auf das Beste gebraten und gebacken. Überraschend saftig und wohlschmeckend wird ein Thier auf diese Art zubereitet. In gleicher Weise behandeln sie Geflügel, Fische u. s. w.

Ihre tägliche und liebste Nahrung ist jedoch der sogenannte „poi“, der wie schon früher erwähnt, aus der „tarro“-Wurzel zubereitet wird. Der „tarro“ oder „kálo“, wie ihn die Hawaii-er nennen ist der „Arum esculentum“, gehört der Familie der Aurideen an, einer Art des in Ostindien, Ägypten etc. als mehlstoffhaltiges Nahrungsmittel verwandten Arum Colocasia, welche Wurzel nicht zu verwechseln ist mit der Zehrwurzel, der Arum maculatum, die braunroth gefleckt und giftig ist, während Arum esculentum und colocasia ohne Flecken sind und von ihrem theilweise giftigen, stark ätzenden, flüchtigen Stoffen durch Kochen, Rösten oder Gähren vollständig befreit und für den Genuss unschädlich gemacht werden.

Die Zubereitung dieser den Tropen so wichtigen Wurzel ist diese: Entweder wird sie in Fett und mit Gewürz als Gemüse, oder an Stelle des Brodes gekocht oder geröstet (der Geschmack ist alsdann sehr ähnlich dem der Kartoffel); oder es wird die Wurzel wie folgend zum „poi“ bearbeitet: „Die Wurzeln werden sorgfältig mit kräftigem Schnitt von ihren Keimknospen und Wurzelsprossen befreit, alsdann tüchtig ausgewaschen und in einem dazu bestimmten, sauber gehaltenen hölzernen Behälter bei abwechselndem Begiessenmit Wasser zerstampft, bis die hellgraue Masse einen kleisterartigen Brei bildet. Dieser Brei wird demnächst in grosse, reine Kürbisschaalen, d. h. Calabassen, gefüllt und fest mit Brettern belegt, mit Steinen beschwert und darauf der Gährung überlassen. Nach stattgefundener Gährung ist der Brei geniessbar und zwar je älter, desto wohlschmeckender. Er hat einen säuerlichen, etwas faden Geschmack, ist gesund, nahrhaft und sehr erfrischend, was die blühende Gesichtsfarbe und die meist sehr wohlbeleibten Gestalten der Bevölkerung genügend beweisen.

Gleichwie die Eingeborenen alle Nahrungsmittel mit den Händen geniessen und zerkleinern, so gebrauchen sie auch die Finger zum „poi“.

Da ich ihre Art und Weise des Speisens schon in meiner Beschreibung der Insel Kauai erwähnt habe, übergehe ich hiermit deren Wiederholung mit der Bemerkung, dass die Ursache der auffallend rastlosen Gesprächigkeit während ihrer Mahlzeiten auf dem Aberglauben beruhte, dass die bösen Geister, dem muntern Gespräche lauschend die Verdauung der Speisenden nicht stören.

Die Kleidung der Männer besteht gegenwärtig aus einem Gemisch amerikanisch-europäischer Kleidungsstücke leichter Stoffe in den verschiedensten Farben, als z. B. Alpacca, Seide, Wolle, Baumwolle etc., während die der Frauen im alltäglichen Gebrauche eine mehr nationale in ihrem Schnitt geblieben und aus den verschiedensten amerikanischen, europäischen oder einheimischen und zwar farbigen oder weissen Stoffen verfertigt sind und aus einem tunikartigen Gewande mit langer Schleppe ähnlich der Morgenkapotte der Spanierinnen besteht.

Die Haare der Race sind schwarz, lockig und in ihrer Fülle gescheitelt und gewöhnlich mit natürlichen Blumen oder mit Diademen aus bunter Wolle, in der die steinharten, goldgelben, kleinen Früchte der Pandanen gleich Perlen gruppirt sind, geziert.

Zu Pferde, auf welchen sie meist wie Männer im Sattel oder auf einer Decke sitzen, tragen sie über einem Blusengewande ein um die Hüften befestigtes, langes, breites,meist farbiges Stück Zeug, welches von vorne in Falten gezogen, mit den Füssen in den Steigbügeln des Sattels oder der Decke festgehalten und nach hintenzu faltenreich in zwei sehr langen Streifen dem Spiele des Windes überlassen wird und bei dem stets sehr kühnen und raschen Tempo der vortrefflichen Reiterinnen sich höchst malerisch macht. Ihr Haupt ist beim Reiten mit männlichem Hut nebst Feder oder einem Blumenschmucke bekleidet. Gewöhnlich sind die Reiterinnen gleichwie die Reiter mit Guirlanden frischer Blumen geziert, und auch die Pferde haben meist irgend welche Blumen am Kopfe oder am Schweif. Hin und wieder tragen die Frauen beim Reiten über dem Kleide die sehr kleidsame „selapa“, die ähnlich der südamerikanisch-spanischen Poncha ist und aus einem viereckigem Stück Zeug mit einem Zentralloch zum Durchschlüpfen des Kopfes, aber ohne Ärmel besteht.

Die Sprache der Hawaiier bestand aus 12 articulirten Lauten: „a, e, i, o, u, h, k, l, m, n, p, w,“ was den Missionären und der Presse anfänglich grosse Schwierigkeiten machte, die jedoch durch die Intelligenz und Auffassungsgabe der Nation rasch beseitigt wurden. Die Resultate der so kurzen Reformzeit von 53 Jahren haben nämlich bewiesen, dass das Schreiben und Lesen der Hawaii-Sprache leichter als irgend einer anderen Sprache ist, denn wie wäre es sonst möglich gewesen, dass eine Nation, die kein Alphabet noch kannte, in so kurzer Zeit sich zu der Stufe der Bildung aufgeschwungen, dass es augenblicklich nicht nur schwer fallen würde, einen Hawaii-Kanaken zu finden, der nicht lesen, schreiben und rechnen kann, sondern auch das Land eine nationale Presse besitzt, die in grösstem Wortreichthum der modernen Civilisation die Artikel der ausländischen Presse dem Publikum in der Landessprache wiedergiebt.

Höchst bemerkenswerth ist, wie schon gesagt, der Fall, dass in der ganzen Bevölkerung kaum Einer zu finden ist, der nicht lesen und schreiben kann. Die neue Generation hat freilich Schule genossen, demnach ist ihr allmählig durch Lehrer die Kunst, ihre Gedanken niederzuschreibenund von Anderen geschriebenen Gedanken zu lesen beigebracht worden, aber anders ist es mit den noch Lebenden älterer Generation, die im vorgeschrittenen Alter ohne Schule es verstanden haben, diese Kenntnisse sich anzueignen; denn, wie gesagt, unter den ältesten Leuten, die sich noch der Zeit des Heidenthums erinnern, findet man nur selten eine Ausnahme hiervon.

Das Schulwesen im Inselreiche blüht sichtbar und liefert auffallende Beweise der nationalen Fähigkeit und geistigen Lebendigkeit.

Das amerikanische System der Erziehung bildet die Grundlage des Schulwesens. Wie bereits gesagt, hat sich hier das Princip, Knaben und Mädchen „zusammen“ zu erziehen, aufs Beste bewährt, d. h. für dienationalenKinder nur, während es für KinderfremderNationalitäten der weissen Race auch hier als nachtheilig sich gezeigt hat.

Im elterlichen Hause werden die nationalen Mädchen im Allgemeinen nicht verzärtelt — „noch“ nicht! —, wie es leider bei uns und besonders in Amerika stattfindet, wo dieselben, für ein über Alles bevorzugtes Geschlecht betrachtet, eingebildet oder zu einer Modepuppe — dies namentlich bei uns — erzogen werden. Hier besitzen jene daher noch die mädchenhafte Naivetät und Frische, während bei uns das junge Mädchen dieselben oft im kürzesten Rocke schon verloren und als grosse Dame der Intrigue auftritt. Die Mädchen von Hawaii besitzen in Folge ihrer von Jugend auf genossenen Selbstständigkeit eine Art weiblichen Instinktes vor den Gefahren, welchen unsere meist verwöhnte oder verzogene Jugend so leicht in die Arme läuft.

Die Charakteristik der Frauen und Mädchen ist der der Männer sehr ähnlich und folgende: Sie sind von starkem, der Korpulenz sich hinneigendem, kräftigem Körperbau mit meist edlen Gesichtsformen und graziösen Bewegungen, kühne Reiterinnen, unermüdliche und gute Tänzerinnen, zuvorkommend und sehr natürlich in Bewegung und Rede, gutmüthig und geneigt für wohlthuende Zwecke, aufgeweckt und frei in ihrer Unterhaltung. Sie besitzen eine auffallende Gabe, mit kühner Gewandtheit ihrer Umgebung Respekteinzuflössen, besitzen ein auffallendes Selbstbewusstsein, das dadurch entstanden, dass das hiesige weibliche Geschlecht dem männlichen moralisch weder über- noch untergeordnet, daher gleich berechtigt war. Dies wird namentlich dadurch erhellt, dass seit uralter Zeit es üblich gewesen, dass die Könige des Landes als „kuïna-nuis“, d. h. Premiers meist Frauen ernannten, die die Hauptleitung der Regierung in Händen hatten. Obgleich dies im Widerspruche zum früher erwähnten „tabú“ steht, in Folge dessendie Frauen mit den Männern nicht unter einem Dache speisen durften, so ist dies dadurch zu erklären, dass diese „tabunirte“ Sitte sich nicht auf die Missachtung des weiblichen Geschlechtes, sondern auf die Verschiedenheit der Schutzgötter der Geschlechter sich stützte, und zwar in der Voraussicht, dass dieselben während des Speisens möglicher Weise in Streit gerathen und die ruhige Verdauung der Speisenden hindern könnten.

Das weibliche Geschlecht ist trotz ihrer respekteinflössenden Eigenschaft leidenschaftlich und wie schon früher erwähnt in Extremen von Freude zu Kummer wechselnd, daher auch wechselnd im Temperament, in den Gefühlen der Freundschaft und Feindschaft, des Interesses und der Gleichgültigkeit, daher höchst unsicher in der Bekanntschaft. Es besitzt trotz seines so freien, natürlichen Auftretens und des leidenschaftlichen Wechsels ihres Temperamentes sowie die Männer eine bedeutende Gabe der Verstellung: mit keinem Zuge, keiner Bewegung verrathen sie ihre innersten Gedanken und Gefühle bis zu dem Augenblick, wo sie sich von diesem Gedanken befreien wollen, wo alsdann eine Ausströmung ihrer lange bemeisterten Gedanken und Gefühle unter bald leidenschaftlichem Lachen bald leidenschaftlichem Weinen stattfindet, sodass man dieselbe faktisch nur mit dem Auslassen der Luft aus einem Luftkissen vergleichen kann, wo nämlich sodann in beiden Fällen der Schluss eine vollständige Erschlaffung ist.

Wenn sie sich der Liebe für einen Mann oder für irgend etwas hingeben, so geschieht dieses mit völligster Eifersucht, jeden Augenblick mit Leidenschaft bereit, demGegenstand ihrer Liebe sich zu opfern oder sich zu rächen.

Sie besitzen im höchsten Grade die Liebe für Blumen, grelle Farben, Schmuck, zugleich für Poesie, Musik, und scheuen keine Ausgaben, keine Mühe, um den Genuss derselben sich zu verschaffen.

Sie sind, im Allgemeinen genommen, häuslich und in der Häuslichkeit thätig und geschickt, zugleich aber auch südländisch unordentlich und lieben, während der Verrichtung ihrer Beschäftigungen sich hin und wieder Zeit zum vollständigen dolce far niente zu geben, wo sie dann am liebsten, auf der Matte hingestreckt, rauchend, in Gedanken vertieft, oder mit den neben ihnen Ausgestreckten im Halbdunkel die Zeit mit Plaudern oder Klatschen verbringen.

Diese Gewohnheit der Herzerleichterung resp. der Klatscherei ist unter der hiesigen Frauenwelt im höchsten Grade verbreitet und bildet gegenüber den ausserordentlichen Eigenschaften den grössten Fehler ihres Charakters.


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