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Da stand der Sarg.

Frau Hellwege war am Dienstag gestorben, und morgen sollte sie das bäuerische Landhaus verlassen, in dem sie seit des Rechtsanwalts Hellwege Tod mit ihren vier Töchtern Sommer und Winter gelebt hatte.

Eine reiche Erziehung, die mit gutem Grunde die Einsamkeit der Heide und die schwerfällige Besonnenheit der Torfbauern aufgesucht hatte, blieb unvollendet. Vor den Kindern stand das Leben mit einer fragenden Geste; die Mutter hatte eine Antwort bekommen, konnte sie ihnen aber nicht mehr sagen.

Da stand nun der Sarg.

Er ruhte auf zwei Holzblöcken, die inmitten der Diele auf der Strohmatte standen. Es war ein hoher, dämmeriger Raum. Im Hintergrunde führten rechts und links Türen nach draußen; sie waren bis zu Kopfeshöhe geschlossen. Durch den Ausschnitt darüber quoll warmes Licht; in breiten Schichten flirrten Sonnenstäubchen. Sie berührten das Kopfende des Sarges. Hinten saß ein grünschwarzes Dunkel, das die Rückwand der Diele trauernd verhüllte. Vorn standen Schranke und alte Truhen an den bläulichweiß gekalkten Wänden, die in dem Trauerschmuck geringelter Eichenlaubgirlanden befremdet und ernst nach der Mitte blickten.

Zu Füßen des Sarges lagen bäuerische Kränze in robusten Farben, noch warm von der Mittagsonne, die stundenlang auf sie herniedergebrannt hatte. Die vordere Tür stand weit offen, und draußen auf Kieswegen und Rasenflecken war gelbes Licht. Ein surrendes Geräusch kam von der geschwärzten Decke herab, wo Fliegen und Mücken durcheinanderschwirrten, und ab und zu ein leise kratzendes Klirren der Eichenblätter an den Wänden.

Sehr einsam stand der Sarg. Eine breite Stille hatte sich um ihn gelagert und wachte bei ihm. Durch die Tür guckte mit scheuem Glucksen ein Huhn, aber es traute sich nicht herein und lief mit federndem Schritt wieder auf den Rasen.

Das Licht ging weiter und stand als ein graugoldener Streifen hinter dem Sarge. Langsam sank der Sarg in Schatten.

Plötzlich kam eine Bewegung in das Licht. Es irrte umher und sammelte sich dann in einer Fülle von blaßblondem Haar, das über schmale Schultern herabflutete.

Evelyn trat schüchtern an den Sarg. Sie legte einen großen Strauß Wiesen-Vergißmeinnicht auf den schwarzen Deckel. Wie waren die Knöchel über den kindlichen nackten Füßen fein und intelligent! — Sie schob einen Kranz zurecht.

»Da ist nun mein süßes Muttel drin!«

Die Oberlippe zog sich in die Höhe, und die graublauen Augen sahen in Fernen. Da glitten ihre Kinderjahre rauschend vorüber, und in Nebeln stand die Zukunft hinter ihnen.

Sie machte eine Bewegung mit der Hand und ging nach der Tür, die vorn zum Wohnzimmer führte. Die wurde von innen geöffnet. Marianne erschien auf der Schwelle.

»Hast du ihr Blumen gebracht?« fragte sie die Kleine.

»Vergißmeinnicht!«

Marianne trat auf die Diele. Ihr junger Körper spottete des einfachen Konfirmationskleides, das für seine weichen Formen zu eng war. Der Stoff konnte die vollen Arme, die Linie der Hüften nicht verhüllen. Aus den Ärmeln, die viel zu kurz waren, hingen die weißen Hände weit heraus. »Es ist schön hier!« sagte sie langsam und blieb vor den Kränzen stehen.

Evelyn hatte den Kopf auf die Seite geneigt.

»Möchtest du da drin liegen?« fragte sie. »Ich denke es mir schön,« fuhr sie nach einer Weile fort. »Ganz lang sich ausstrecken, den Kopf nach hinten gelehnt, und mein Haar so über die linke Schulter herüber.«

Sie faßte ihren blonden Reichtum mit beiden Händen und strich mit den Fingern weich darüber hin. Marianne blickte sie scheu an.

»Und dann in die Erde?«

»Und dann liegen meine Hände auf dem Haar, hoch oben über der Brust, weißt du, und zwischen den Fingern halte ich Vergißmeinnicht,« sie überlegte einen Augenblick, »oder Margueriten —, was sieht zu meinem Haar besser aus, Marianne?«

Marianne schüttelte den Kopf.

»Und meine Augen mache ich leise zu, aber ich fühle die Sonne.«

»Du bist doch tot!« unterbrach Marianne schwerfällig. »Nachher kommen Männer und legen einen schweren Deckel über dich und nageln ihn zu. Und dann trägt man dich weg in das tiefe Loch ...«

»Daran denke ich nicht,« beharrte Evelyn. »Das ganze Dorf kommt dann zusammen und steht hier vor mir. ›Wie schön sie ist!‹ sagen sie alle. Und der Pastor steht zu meinen Füßen und spricht von der Blume, die nun gebrochen ist, und Tante Laura macht ihr heiliges Gesicht, dicke Tränen rollen über ihre Backen. Und ich blinzle ein bißchen, da kann ich von allen grade die gelben Flachshaare sehen, und vom Pastor den breiten schwarzen Rücken. Dann lache ich für mich.«

»Pfui, Evy!« sagte Marianne und kniete nieder, um die Kränze zu ordnen. »An was du alles denkst! Bist du denn nicht traurig?«

»Ich habe Muttel lieber, als ihr alle. Aber davon kann ich doch nicht sprechen!« sagte Evelyn leise. Marianne schüttelte den Kopf. Plötzlich legte sie sich lang vor den Kränzen hin. Das Kleid strammte über ihre Brust, und ihr Rock schob sich in die Höhe, daß man die runden Beine sah.

»Siehst du! Nun legst du dich ja selbst hin!« lachte Evelyn auf.

»Das ist etwas anderes!« sagte Marianne.

Evelyn glitt zu ihr. Nun lagen sie nebeneinander, die Köpfe halb unter den Blumen versteckt. Evelyn sah einer weißen Lilie in den Kelch.

»Hast du Angst vor dem Tode?« fragte sie nachdenklich.

Marianne sah mit halbgeöffneten Augen zur Decke hinauf.

»Ich weiß nicht. In den Himmel kommen, und Mama wiedersehen, und auch Papa, das ist ja sehr schön. Aber, was tut man dort den ganzen Tag?«

»Da ist eine endlos weite Wiese,« sagte Evelyn langsam und schwelgend, »und darüber blauer Himmel und Sonnenschein, Blumen sind da, viele Blumen, und ich liege im Grase, lasse alle meine Glieder los, daß sie mir garnicht mehr gehören und dann erzähle ich mir Märchen ...«

»Woher weißt du denn das alles?« fragte Marianne ungeduldig und streckte die Beine wieder aus. Das Laub der Kränze raschelte bei der Bewegung.

»Das weiß ich,« sagte Evelyn bestimmt. »Im Himmel ist alles so, wie ich es mir wünsche.«

Marianne lachte kurz. »Das glaub ich nicht! Ich will jedenfalls erst mal hier auf der Erde glücklich sein!«

»Wie willst du denn glücklich sein, wenn du Angst vor dem Tode hast?« fragte Evelyn. Sie richtete sich auf, stützte die Hände auf die Matte und sah ihrer Schwester ins Gesicht.

»Man muß eben gut sein hier auf der Erde!« sagte sie kleinlaut. »Dann kommt man in den Himmel. Und dann braucht man sich vor dem Tode nicht zu fürchten!«

Evelyn sah sie spöttisch an. »Deinen Himmel wünsche ich mir nicht!« sagte sie energisch; dann ließ sie sich wieder auf der Matte nieder und verschränkte die Arme unter dem Kopf.

Der Lichtstreifen hinter dem Sarge war mehr und mehr verblaßt und dann verschwunden. Graublaue Dämmerung stand schweigend zwischen den Wänden.

Die beiden Mädchen träumten unter dem Sarge von einem fernen Glück. Für Evelyn war es ein traumhaftes Jenseits, für Marianne eine heiße Gegenwart, die schon vor der Tür stand und die Arme nach ihrem sehnsuchtsvollen Leibe ausbreitete.

Violette Schleier senkten sich langsam von oben herab.

Marianne lag, ohne sich zu rühren, und fühlte ihr Blut rinnen.

Evelyn hob die Hand und strich über das Holz des Sarges. Da war eine Stelle so weich. Sie glitt langsam darüber hin. Was mochte das sein? Das Holz war hart; aber diese eine Stelle war ganz weich, wie Seide. Sie faßte wieder hinauf; jetzt war es nur das harte Holz, aber nun hatte sie es wieder, weiter oben. Sie richtete sich auf, um zu sehen, was es eigentlich sei. Sie hob sich in die Höhe — und dann schrie sie auf. Eine haarige Raupe kroch langsam am Sarg hinauf. Evelyn floh nach der Tür und begann plötzlich zu schluchzen.

Marianne wendete sich träge um.

»Was hast du?« fragte sie.

Evelyn weinte bitterlich.

Marianne erhob sich, erblickte die Raupe, nahm sie vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger, trug sie in den Garten und legte sie auf den Rasen.

»Da ist doch nichts weiter dabei,« sagte sie gleichmütig.

Evelyn weinte nur noch heftiger.

»Mein armes Muttel! Mein armes Muttel!«

Die Tür zur Rechten tat sich auf, und Agnes Elisabeths rotes Haar wurde sichtbar.

»Kinder, kommt zum Abendbrot!« sagte sie sanft und freundlich.

Marianne trat neben Evelyn und zog ihr die Hände von den Augen.

»Komm, sei vernünftig!«

Die Kleine sah eine Weile vor sich hin, dann warf sie den Kopf zurück und folgte Marianne in das Wohnzimmer.

Ein großer Raum mit vier niedrigen Fenstern, vor denen weiße Mullvorhänge mit roten Übergardinen hingen. Auf den Fensterbänken blutrote Geranien und schmächtige Zimmerlinden mit großen Blättern. In der Ecke ein rotes Sofa, mit altem Gobelinstoff überzogen, ein zierlicher Damenschreibtisch, an dem Frau Hellwege ihre wenigen Briefe geschrieben hatte, vor dem Kamin ein weißes Bärenfell, blasse Polster, in der Mitte ein runder handfester Tisch. Um ihn herum Bauernstühle mit grünen Seidenkissen, die von den Balltoiletten der Urgroßmutter träumten. Auf der blankgescheuerten Holzplatte des Tisches war zum Abendessen gedeckt.

Agnes Elisabeth saß schon an ihrem Platze und schnitt Brot. Der erste Eindruck, den man hatte, war krauses rotgoldenes Haar, das wie Feuer um ihren Kopf glühte, und eine feinknochige Figur. Sie war nicht schön, das Gesicht kühn geschnitten, die Nase fein und fest, die Augen blaßgrau.

Julie stand am Fenster. Ein Rest von Licht fiel auf das kapriziöse Ohr und hob die geschwungene Linie, die zur Schulter lief, scharf heraus. Es war ihre beste Linie. Julie liebte es, in der Dämmerung am Fenster zu stehen. Sie wußte von dem mattgoldenen Schleier, der ihre Haut schimmern ließ und alle Schatten ihres blaßblauen Leinenkleides weich machte. Aber Julie war nicht eitel ...?

»Bleib sitzen, Agnes Elisabeth, laß mich eingießen!« sagte Evelyn, nahm Tine Schwenke, die große Grünglasierte, ging mit ihr um den Tisch und goß den Tee in die gelben, grünen, blauen Tassen.

»Dein Haar sieht wunderschön aus in diesem matten Licht.« Sie hatte ihren Kummer schon vergessen und sah nur die Schönheit, die vor ihr stand.

»Früher streute man Asche darauf, wenn man trauerte; das müßte dir stehen! Wie grauer Spitzentüll!«

»Was du immer für verrückte Ideen hast, Evelyn,« sagte Marianne. Ihr rundgeschweifter Rücken machte träge die Bewegung des Kauens mit. »Das würde ein netter Schmutzkram werden! Komm, gib mir lieber mal etwas Schinken!«

Evelyn lachte und schob ihr einen Teller hin.

»Du bist das materiellste Geschöpf, das ich kenne.«

»Man sieht ja auch, wo es bleibt!« warf Julie ein.

Marianne nahm sich ein Stück Schinken und sah über den Tisch. »Ich weiß nicht, es ist so ungemütlich heute,« sagte sie. »Warum haben wir eigentlich kein Tischtuch?«

»Julie findet es hübscher,« antwortete Agnes Elisabeth. »Warum soll sie nicht ihren Willen haben? Schön finde ich es ja auch nicht.«

Marianne schüttelte den Kopf.

»Was tun wir nun mit unseren Kleidern?«

Julie lachte. »Wir können ja nachsehen; Vielleicht hängen unsere Konfirmationskleider noch irgendwo auf dem Boden.« Sie strich langsam über ihren bloßen Arm. »Dicke, wenn du nur so viel Schönheitssinn hättest, wärest du heute nicht in diesem Auszug erschienen!« Sie zeigte es an ihrem Fingernagel.

»Es gibt eben verschiedene Arten von Schönheitssinn,« sagte Evelyn. »Marianne tut es auf ihre Weise. Sie liest jeden Abend in einem Goldschnittbuch über Teintpflege; danach braut sie sich dann alles mögliche zusammen, Salben und Tinkturen.«

Evelyn lachte.

»Davon hat sie auch ihre rosige Farbe,« sagte Julie.

Marianne schob die Unterlippe vor.

Evelyn lachte. »Komm, iß!«

»Nun seid mal still,« sagte Agnes Elisabeth. »Überlegt euch lieber mal, wie wir es nun mit dem Trauern machen wollen. Wir können die Leute nicht so vor den Kopf stoßen, wenn sie morgen zum Begräbnis kommen. Denkt euch Tante Lauras Entsetzen. Wir haben sie schon genug verletzt, weil wir sie jetzt nicht hier haben wollen.«

»Ach, sie ist nur unglücklich, weil sie nicht den ganzen Tag hier am Sarg sitzen und weinen darf,« warf Julie ein.

»Ich habe noch mein Kleid von Vaters Tod, das zieh’ ich an,« sagte Agnes Elisabeth bestimmt.

»Ich behalte das Kleid an, das ich jetzt trage!« gab Julie zurück. »In dem hat Mama mich immer gern gesehen.«

In der Tür erschien Gesch Margret, das Mädchen, mit einem Kranz von Lavendel, Reseden und Flocks.

»Hier, Fräulein Hellwege, ik schall ok velmals gröten von Fro Klattenberg. Un de Fräuleins schullen man nich to trurig sin. Un denn let se ok frogen, we dat mit denn Botterkoken to de Beerdigung wern schull?«

»Schade, daß der Flocks drin ist, sonst wäre er hübsch,« warf Julie ein.

»Ja, Gesch Margret, ich denke, wir nehmen drei große Platten,« meinte Agnes Elisabeth. »Und dann viel Kaffee.«

Gesche schluchzte hinter ihrer Schürze. Die grüne Tür schloß sich. Die Gardine am Türfenster flatterte noch einen Augenblick hin und her.

Evelyn zog ihr Taschentuch heraus. Dann legte sie ihren bloßen Arm auf den Tisch, beugte den Kopf darüber und weinte. Julie sah nachdenklich zum Fenster hinaus; hinter der Sauberkeit der steifen Gardinen schwieg die Abendluft. Marianne blickte an ihrer schwarzen Fülle hinunter. Eine Stille kam langsam ins Zimmer und streckte sich schwer über die Schwestern aus.

Da draußen vor der Tür lag die Mutter, das fühlten sie plötzlich wieder. Der Tod stand drüben auf der dunkeln Diele; sie fühlten seine Nähe. Nach einer Weile stand Agnes Elisabeth leise auf, ging zu Evelyn, hob sie sanft auf und zog sie auf ihren Schoß. Evelyns Kopf fiel müde an ihre Schulter. Agnes Elisabeths Hand glitt über die blasse Wange der kleinen Schwester.

»Siehst du, Muttchen geht es nun gut. Nun hat sie keine Schmerzen mehr, nur Ruhe, die sie immer so gern mochte.«

Der blonde Kopf schmiegte sich mit leisem Rascheln an das blaßgrüne Kattunkleid.

Agnes Elisabeth wußte plötzlich, daß sie nun Evelyns Mutter war, daß sie die Kleine liebhaben würde wie ihr Kind und auf sie achten und sie beschützen würde.

»Wir haben Muttchen doch so lieb,« fuhr sie leise fort. »Darum freuen wir uns, daß es ihr gut geht. Wir brauchen nicht zu weinen.«

Evelyn zog die Knie herauf und kauerte nun wie ein Kind auf der Schwester Schoß. Agnes Elisabeth strich über die schmalen Beine und die kleinen Füße. Die waren ganz kalt. Mit einer weichen, mütterlichen Bewegung faßte sie hinüber nach dem Sessel, nahm den Schal und wickelte die Füße hinein.

Die Kleine lag ganz still. Vielleicht wußte sie, daß sie doch noch eine Mutter hatte?!

Julie stand auf und nahm ein Paket vom Schreibtisch.

»Ich kann wohl die Lampe anzünden?«

Agnes Elisabeth nickte und setzte sich mit Evelyn aufs Sofa; sie schmiegte sich in die Kissen und sah vor sich hin. Evelyns Arme glitten langsam herab. »Ich bin nämlich so müde, so müde, du!«

Gesch Margret kam, um abzudecken. Julie zündete die Hängelampe an. Weiches Licht lag nun auf Tisch und Teppich; oben, durch einen seidenen Schirm gedämpft, verlor es sich im Zwielicht.

Marianne ließ sich in den Schaukelstuhl sinken.

»Hol dir doch eine Handarbeit, Marianne,« sagte Agnes Elisabeth. »Du kannst doch nicht immer so faul im Lehnstuhl sitzen.«

»Hm!« machte Marianne, stand schwerfällig auf und kramte in einer Schieblade.

Julie öffnete das Paket, breitete Briefe vor sich aus und begann sie zu ordnen.

»Was hat Mama doch für eine feine Handschrift gehabt!« sagte sie. »Ich glaube, Mama hat früher sehr gern geschrieben.« Sie legte die Briefe aufeinander. »Noch aus der Mädchenzeit, an die Großeltern, ›Mein lieber Ernst, 26. Juni‹, das muß ihr erster Brautbrief gewesen sein.«

»Laß mich sehen!« sagte Marianne schnell und kam eilig an den Tisch.

»Setz dich hin,« wehrte Julie ab. »Erst will ich sie ordnen.«

Marianne setzte sich mit einer Stickerei — Frau Hellwege hatte sie noch begonnen — in den Schaukelstuhl und machte ein paar träge Stiche.

»Ob es eigentlich indiskret ist, diese Briefe zu lesen?« fragte Julie. »Vielleicht sollte man sie besser verbrennen! Sie sind doch nicht für uns bestimmt.«

»So war Mama doch nicht,« sagte Agnes Elisabeth. »Sie hat mir manchmal daraus vorgelesen.«

»Außerdem ist es sehr interessant,« warf Marianne ein.

»Das wäre kein Grund!«

»Vielleicht können wir auch etwas daraus lernen!«

»Willst du mir die Briefe mal geben,« bat Agnes Elisabeth; »ich weiß einen, der ist so schön!«

Julie reichte ihr ein paar hinüber. Agnes Elisabeth suchte eine Weile und zog dann einen dünnen, blauen Bogen heraus und entfaltete ihn.

»17. Oktober, ›du sagtest neulich, daß Schönheit ein Schmuck unseres Lebens sein sollte‹, ja, dieser ist es.« Sie gab ihn Julie. »Willst du ihn vorlesen?«

Julie rückte näher an den Tisch heran und beugte sich über den Brief. Ihre krausen Haare hingen zitternd herab und berührten den Bogen. Sie begann:

»Du sagtest neulich, daß Schönheit ein Schmuck unseres Lebens sein sollte. Ich habe lange darüber nachgedacht und habe gefunden, daß ich hierin anderer Meinung bin. O, nicht nur dies! Es handelt sich nicht um eine Meinung, die ich dir zuliebe gern daran geben würde. Hier geht es um mein ganzes inneres Leben. Ich weiß nicht, ob du mich ganz verstehen wirst, Ernst. Sieh, Schönheit ist das erste, was ich zum Leben brauche, ebenso notwendig brauche wie Essen und Trinken. Wenn ich an mein bisheriges Leben zurückdenke: wie einsam war es! Ich fand bei den Eltern wenig Verständnis, noch seltener eine Anregung. Die Tage gingen dahin, einer wie der andere, wie eine abgeleierte Melodie. Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht selbst zugefaßt und mit beiden Händen, soviel ich nur fassen konnte, Schönheit in mein trauriges Dasein hineingetragen hätte. Ich wäre ja verkommen.

So aber habe ich mir ganz vorsichtig und leise, daß kein anderer davon merkte, ein kleines Haus gebaut. In dem wohnte ich ganz allein, mit allen meinen Träumen; die erwachten dort langsam zu einer weichen, bunten Wirklichkeit. Nur dort habe ich mein Leben gelebt. Den anderen war ich ein ruhiges, immer williges Wesen, das braune Kleider trug und niemanden störte.«

Agnes Elisabeth lächelte.

»Diese braunen Kleider! Weicher, wolliger Kaschmir, und die schmale weiße Spitzenkrause am Halse!«

»O wie glücklich war ich in meinem Haus! Alles, was sich darin befand, und alles, was ich dort tat, war schön! Es gab keine häßliche Linie. Du kannst dir denken, daß ich es schließlich nicht mehr verlassen wollte. Ich trug es also mit mir herum. Und mit jedem Tage lernte ich es noch mehr liebhaben. Wenn etwas Rauhes, Häßliches von draußen kam, kroch ich schnell in meinen kleinen Winkel zurück, zog die spinnwebfeinen Schleier über mein Gesicht und ließ die Sonnenstäubchen in meinem Haar flimmern. Dann konnte mir niemand etwas tun. Und so habe ich immer nur von Schönheit gelebt, von Blumen, Licht und Farben, von weiter Ruhe und feingetönten Stimmungen.

Und nun willst du, daß Schönheit nur eine kleine äußerliche Annehmlichkeit sein soll, wo sie doch allein meinem Leben seinen Wert geben kann?! Nun soll ich sie umtun wie einen Sonntagsschmuck, wie eine dünne goldene Kette, und ist doch mein braunes Kleid, das ich alle Tage trage!

Schreibe mir bald, daß du mich so haben willst, wie ich bin.

Agnes.«

Aus Mariannes Stuhl kam ein langgezogenes »Ach!« Ihre volle weiße Hand zog gelangweilt einen Faden durch den Kanevas.

Julie hielt das Briefblatt vor ihr Gesicht.

»Dieser feine violette Duft! Findest du nicht, Agnes Elisabeth, daß Duft eine Farbe hat?«

»Es wird Lavendel gewesen sein.«

Marianne lehnte den Kopf zurück und zog den Atem langsam durch die Nase. »Ich möchte mich am liebsten in Parfüm baden.«

»Nur das nicht!« entgegnete Julie schnell. »Daß du uns wieder solchen Moschusgeruch ins Haus bringst wie neulich. Ich mag nur frischen, herben Geruch, von harzigem Holz oder nasser Wiesenerde.«

Evelyn verzog ihr Gesicht und riß die Augen auf.

»Ich dachte, ich läge schon lange in meinem Bett. Und nun sitzen wir hier alle noch!«

»Bist wie ein großes Baby auf meinem Schoß eingeschlafen,« sagte Agnes Elisabeth. »Komm, Marianne, pack’ deine Arbeit zusammen.«

Marianne stand auf. »Schläfst du heute nacht wieder bei uns, Julie?«

»Nein, ich sage dir ja, ich bleibe in Mamas Zimmer.«

»Daß du das magst! In einem Bett, in dem eben erst jemand gestorben ist!?«

Julie zuckte die Achseln.

Die Schwestern gingen zur Ruhe. Evelyns Hand glitt noch einmal über den Sarg. »Morgen bring’ ich dir wieder frische Blumen!« flüsterte sie.

Nun war das ganze Haus eingeschlafen.

Agnes Elisabeth schloß behutsam die Wohnstubentür. Ihr Kleid streifte die Kränze am Sarg. In der Hand hielt sie eine kleine Petroleumlampe, die sie auf eine Truhe an der Wand setzte. Die Kuppel klirrte eine Weile. Von der Decke glitt eine sammetbraune Motte und zog langsam um das Licht. Agnes Elisabeth blickte sinnend auf den rosig leuchtenden Alabasterfuß und in das trübe Petroleum. Dann wendete sie sich um.

Die Schatten der Nacht zeichneten den Sarg übernatürlich, hoben ihn gleichsam in die Höhe. Die Kränze hatten sich zu einer dunkeln Masse zusammengetan. Da starrten wohl noch einige aufrecht wie Schildwachen, aber die meisten waren müde zusammengesunken. So lagen sie da, alle beieinander, die bunten Gewinde von den reichen Bauern, der dünne Tannenkranz von der alten Nortorf, mit seinen paar roten Fensterblumen, — sie hatte so manches Kleid für Frau Hellwege gemacht —, die anspruchsvollen Maréchal-Niel-Rosen vom Vormund, die schönen und die häßlichen: die Nacht hatte sie alle gleichgemacht, hatte allen Blumenduft in sterbenden Modergeruch verwandelt.

Agnes Elisabeth wußte nicht, wie lange sie da gestanden hatte. Sie fühlte nur, wie ihre Arme schwer in den Gelenken hingen. Plötzlich hörte sie ein sprödes Schluchzen. Als ob eine Stimme sich aus allen den toten Blumen losgerungen hätte! Erst als Tränen sich zögernd von ihren Augen lösten und den Weg über ihr Gesicht suchten, wußte sie, daß das Schluchzen von ihr gekommen war.

Sie sah sich hilflos um. Da war ein alter Strohstuhl neben der Truhe. In dem kauerte sie sich zusammen; sie stützte ihre Arme auf die Knie und legte das Gesicht in beide Hände.

In der Ecke stand der grüne Schrank; oben hinter dem geschweiften Aufsatz war eine Schar von Einmachegläsern aufgebaut. Von da oben herunter glitt langsam etwas Schwarzes, Weiches. Es stand einen Augenblick still, lang und geschmeidig. Das war die alte Katze. In dem hochgehobenen Schwanz bebte ein Zittern. Die glasigen Augen sahen sich suchend um. Dann schob sie ihren Körper mit streichelnder Bewegung nach vorn. Die Pfoten ließen den Sand auf der Diele nur eben schnurren. Sie kam langsam am Sarg vorüber, schnüffelte an den Kränzen vorbei, blinzelte zur Lampe hinauf und rieb ihren Rücken an Agnes Elisabeths Kleid.

Die fuhr mit einem kleinen Schreck in die Höhe, als wüßte sie nicht recht, wo sie wäre.

»Ach, das bist du, gute alte Miese! Willst mir Gesellschaft leisten?« Sie hob die Katze auf ihren Schoß. »Siehst du, nun sind wir drei ganz allein! Sie,« sie hob den Zeigefinger nach dem Sarge, »du und ich.«

Die Katze fing leise zu schreien an.

»Ach so!«

Sie setzte das Tier hin, stand auf und ging in die Küche. Mit einer Schale voll lauwarmer bläulicher Milch kam sie zurück. Die schmale Katzenzunge schleckte durstig.

Agnes Elisabeth griff nach ihrem Strickstrumpf. Die Nadeln klirrten eintönig. Die Katze leckte.

Das Lampenlicht ruhte sich auf Agnes Elisabeths rotem Haar aus. Die Schatten träumten leise hin und her.

Die Diele lag ausgestreckt und schlief schwer und fest.

Und die Stille schwieg über allem.


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