III

III

Evelyn hockte mit hochgezogenen Knien auf einem Stuhl in Julies Zimmer. In ihren Händen lag ein dickes Gesangbuch. Die kleinen Finger spielten mit den silberbeschlagenen Ecken. Mit murmelnder Stimme lernte sie:

»Keiner Gnade sind wir wert,Doch hat er die GnadenpforteHier uns ...«

»Keiner Gnade sind wir wert,Doch hat er die GnadenpforteHier uns ...«

»Keiner Gnade sind wir wert,Doch hat er die GnadenpforteHier uns ...«

»Keiner Gnade sind wir wert,

Doch hat er die Gnadenpforte

Hier uns ...«

Sie stockte und warf verstimmt den Kopf nach hinten. Ihr bloßer Fuß sah unter dem Kleid hervor und trommelte eine ärgerliche Melodie. Sie öffnete das Buch und las mit leiernder Betonung:

»Keiner Gnade sind wir wert,Doch hat er in seinem WorteEndlich sich dazu erklärt;Sehet nur, die GnadenpforteIst hier völlig aufgetan«

»Keiner Gnade sind wir wert,Doch hat er in seinem WorteEndlich sich dazu erklärt;Sehet nur, die GnadenpforteIst hier völlig aufgetan«

»Keiner Gnade sind wir wert,Doch hat er in seinem WorteEndlich sich dazu erklärt;Sehet nur, die GnadenpforteIst hier völlig aufgetan«

»Keiner Gnade sind wir wert,

Doch hat er in seinem Worte

Endlich sich dazu erklärt;

Sehet nur, die Gnadenpforte

Ist hier völlig aufgetan«

Sie klappte das Buch zu und rasselte den Schluß herunter:

»Jesus nimmt die Sünder an!«

Julie wandte den Kopf vom Schreibtisch herüber, sah die kleine Schwester erstaunt an und lachte.

»Was machst du eigentlich?«

»Ich lerne!« sagte Evelyn verdrießlich. »Es ist schrecklich! Die Gnadenpforte tut sich immer zu früh auf!«

»Dann mach’ sie doch zu! Und das Buch würde ich auch zumachen!«

»Ich muß es aber morgen können,« gab Evelyn weinerlich zurück.

»Weißt du, ich habe Gesangbuchverse nie gelernt!« erklärte Julie. »Ich glaube nicht, daß es dem lieben Gott eine große Freude ist, wenn man sie am Schnürchen herleiern kann.«

»Aber der Pastor hat es uns doch aufgegeben!«

»Also gut!« meinte Julie gleichgültig und wendete sich wieder zu ihrer Arbeit. Der dünne Arm stützte sich auf das helle Kirschbaumholz. Eine blaue Glockenblume — es standen da so viele beieinander in der irdenen Vase — reckte neugierig ihren dünnen Leib nach der bräunlichweißen Haut, die goldig porös schimmerte. Die goldenen Lettern der Bücher, die gravitätisch nebeneinander standen, blicken auf Julies stumpfbraunes Haar; das hing in seidigen Flocken auf die enggedruckten Seiten herab. Julie las in Brownings Gedichten.

Die alte Pendeluhr dicht am Ofen schlug sechs, dünn und blechern. Auf den Wänden zitterte Sonnenlicht. In dem Glas der goldgerahmten Kupferstiche spiegelte sich die große Silberkugel draußen im Garten, ein Stückchen Rasen und die Efeublätter, die das Fenster einrahmten.

»Warum wird man eigentlich konfirmiert?« fragte Evelyn plötzlich hinüber.

»O world, as God has made it: all is beauty, and knowing this, is love.« Julie hörte mit einem kleinen Seufzer auf. »Stör mich doch nicht immer,« sagte sie ruhig.

»Du brauchst doch nicht zu arbeiten! Du tust es doch nur zu deinem Vergnügen!« Evelyn gähnte.

»Ich finde es zwecklos, daß ich konfirmiert werde. Warum tut man eine Sache, deren Sinn man nicht begreift?«

»Als ich so alt war wie du, habe ich Mama dasselbe gefragt. Sie sagte: ›Tue es trotzdem, Kind, du wirst daran erfahren, wie vergeblich es ist, dort nach Schönheit zu suchen.‹«

»Ich wünschte, es wäre vorüber!« seufzte Evelyn.

»Mama meinte, daß man einmal versuchen müsse, auch diesen Weg zum Glücklichsein zu gehen, um dann bewußt wieder umkehren zu können, und sich einen anderen zu suchen.«

»Würdest du deine Kinder konfirmieren lassen, Julie?«

Julie sah durch das offene Fenster. Sie mußte immer offene Fenster in ihrem Zimmer haben.

»Nein! Ich würde nicht wagen, sie nach irgendeiner Seite hin zu drängen. Sie sollten Freiheit haben in allen Dingen!«

»Man müßte überhaupt tun dürfen, was man will!« sagte Evelyn auf einmal energisch. »Ich möchte den ganzen Tag auf dem Rasen sitzen, die Pfauen um mich herum; alle ihre Farben würden auf meinem Kleide spielen. Und in meinem Schoße sollten lauter Blumen liegen. Und Menschen dürften nur kommen, wenn ich winkte!«

Sie machte eine kleine souveräne Bewegung.

Die Begonie an Julies Brust löste sich und fiel mit einem leisen Geräusch zu Boden. Julie bückte sich nach ihr.

»Ich habe mir mein Leben so eingerichtet, wie ich es brauche. Ich kümmere mich um keinen Menschen und tue nur, was mir Freude macht.« Sie strich mit der Hand über das ausgeschlagene Buch, nahm die Blume und steckte sie wieder fest. Ihr Kopf neigte sich; in die Linie der Schultern kam eine kleine Krümmung, der viereckige Ausschnitt des Kleides verschob sich und ließ einen braungoldenen Schatten blinken.

Von Evelyn kam wieder das eintönige Geräusch des Gesangbuchliedes.

»Doch bat er in seinem Worteendlich sich dazu erklärt ...«

In der Tür erschien ein Laken, und darin Agnes Elisabeth, mit einem blauleinenen Badeanzug bekleidet.

»Bist du noch nicht fertig, Evelyn? Vertrödelst deinen ganzen schönen Nachmittag!«

Evelyns feuchtrote Lippen zogen sich zusammen.

»Marianne und ich wollen baden; kommt ihr mit?«

Evelyn strahlte; sie klappte ihr Buch zu und warf es auf das Sofa.

Julie sah auf.

»Ja, ich komme euch nach!«

Nun war es der Garten, ein wundervoll altmodischer Garten. Dichte, hohe Hecken, brennende Beete, buchsbaumgefaßte Wege, Rasenflächen, Hollunderlauben, eine lange Tannenallee und unten der schmale Fluß. Jenseits Gestrüpp, eine hohe, sich neigende Weide, dahinter endlose Wiesen und grasendes Vieh. Und über allem klarer Sommerhimmel.

»Ich kann mein Band nicht aufkriegen!« Evelyn reckte ihren Arm auf den Rücken.

Agnes Elisabeth half ihr. Dann ließ sie das Badelaken fallen. Die Haare zogen flirrende seidige Lichter aus den bloßen Armen. Mit kurzen Schritten ging sie an die fettgrüne Böschung und hinein in das klare goldbraune Wasser. Das Haar schwamm darauf wie eine Flut brandig gelber Blüten. Mit kurzen Stößen glitt sie vorwärts.

»Wie eine untergehende Sonne siehst du aus!« rief Evelyn ihr nach.

Das Wasser gluckste und glutterte.

An Marianne glitt eben ein blaßblauer Unterrock herunter. Sie bückte sich und löste die Strumpfbänder. Der runde Nacken tauchte aus den Spitzen. Langsam genießend zog sie sachte das Schwarz des Strumpfes von den weißen Beinen. Das Fleisch atmete auf und wurde weich und voll. Die Füße schmiegten sich in das Rasengrün. Sie zog die Schultern in die Höhe und ließ das Hemd streichelnd hinuntergleiten. Weiß lag es zu ihren Füßen. Weißer noch waren ihre Knöchel, ihre reifen Hüften, ihre vollen Brüste.

Marianne sog den warmen Duft ihres Körpers ein. Das zitternde Grün der Bäume griff sehnsüchtig nach ihrer Schönheit. Dann hob sie die Arme und verschränkte sie hinter dem Kopfe.

Vom Wasser her kam Agnes Elisabeths Stimme und schreckte das anbetende Lauschen auf. »Wollt ihr heute nicht mehr baden?«

»Nein, ich muß warten, bis Marianne aufhört, sich zu bewundern!« rief Evelyn, die im Grase hockte. »Sie sieht himmlisch aus!« Sie drehte sich auf ihren kleinen Schenkeln herum und sah zu Marianne auf. »So bist du mir doch am angenehmsten, wenn du so stumm nackend dastehst. Eigentlich ist es Sünde, daß gerade du so schön bist!«

Evelyn stand auf. Feine Grasabdrücke waren über das rosige Fleisch verstreut. Wie ein Mantel hing das Haar um ihre kindlichen Formen. Sie glitt den Rand hinunter und sank mit einem kleinen Juchz ins Wasser.

Marianne ging vorsichtig in das laue Gold und ließ sich auf dem Rücken treiben.

Evelyn kam plötzlich in die Höhe. »Oh, ich habe vergessen, mein Haar aufzubinden!« Sie kletterte prustend auf die Böschung. Die Wassertropfen glitterten an ihr herunter.

Agnes Elisabeth stand schon neben ihr und faßte das Haar. Das blaue Leinen spannte sich straff um ihren Körper. Herb stand das Weiß zu dem scharfen Blau. In den Augen schimmerte ein Glanz. Nur die Glut des Haares gab den Gedanken an schweres Blut.

Nun kam auch Julie aus der Laube. Aus ihren Linien sprach Strenge. Der Bronzeton ihrer Haut ließ sie schmal und flach aussehen, wie einen Jüngling. Nur der weiche Gürtel unter der kleinen, festen Brust, der niemals eingeschnürt worden war, erschien frauenhaft.

Ihre Hand glitt langsam über den Hals. Sie blickte auf Agnes Elisabeth. »Warum hast du einen Badeanzug an? Es sieht uns doch niemand hier!« sagte sie erstaunt.

Agnes Elisabeth steckte das Haar der Kleinen fest. »Ich mag es lieber!« sagte sie und ging wieder ins Wasser.

Julie blieb einen Augenblick vor der goldenen Bronze stehen. Dann beugte sie sich etwas nach vorn und sprang hinein.

Evelyn planschte mit kindlichem Vergnügen.

Marianne lag regungslos. Die lauen Wellen faßten nach ihr wie Hände und hauchten über ihre Haut wie sehnsüchtige Lippen.

Julie tauchte auf und nieder. »Wenn es nur nicht so lau wäre! Man hat gar nicht das Gefühl, daß man naß wird!«

Ein Schatten ging über das Wasser. Drüben neben der Weide stand eine schwarzweißgefleckte Kuh. Das fette Gesicht sah mit überlegenem philosophischen Lächeln aus seinen runden, schönen Augen auf all das Weiße, Lebendige.

Julie bespritzte Evelyn.

»Sieh, da ist etwas, was den ganzen Tag im Grase liegt und nichts tut!«

Evelyn lachte. Sie sprang mit einem Satz, wie eine Katze, an Julies Hals und tauchte ihren Kopf unter. Es gab Geschrei und Lachen. Dann faßten sich alle vier an der Hand und tanzten Ringel-Rangel-Rosenkranz. Der Kuhschweif wedelte dazu, warm und gemütvoll.

Ein dickes rotes Etwas in blauem Kattunkleid raste plötzlich vom Hause her, tauchte zwischen den Bäumen unter, erschien wieder, verschwand hinter dem Gebüsch und stand endlich prustend am Wasser.

»Fräulein, der Herr Pastoor! Ik hevv em schon jümmer seggt, dat Se im ’en Woter wären. Ober he hät Tid. He will so lange luern, bit Se rein sind!«

Marianne kreischte auf. Evelyn kam mit der Gnadenpforte.

»Wie dumm!« sagte Agnes Elisabeth ärgerlich. »Was machen wir nun? Ich mit meinem nassen Haar kann mich unmöglich sehen lassen!«

Julie zog gemütlich ihre Beine aus dem Wasser. »Bei mir geht es schnell mit dem Anziehen! Genießt es nur weiter!« Sie verschwand in der Laube und trat nach kurzer Zeit in ihrem Leinenkleide wieder heraus. »Amüsiert euch derweilen mit der Kuh!« rief sie und ging langsam den Kiesweg hinauf; am Blumenbeet blieb sie stehen und pflückte ein paar Heliotropen.

Im Wohnzimmer, am Fenster, das nach dem Garten führte, stand der Pastor. Frech wippte das Gardinenmuster auf seiner Glatze. In den Winkeln über der Oberlippe saß behaglich eine Phantasie über die weißen Mädchenkörper dort unten, die er nicht sah, deren Stimmen aber ab und zu heraufklangen. Seine Hand lag unruhig auf der Fensterbank.

Julie trat in die Tür, blieb einen Augenblick stehen und stellte mit lächelnder Genugtuung bei sich fest, daß der Pastor am Fenster stand, und daß dort unten der Fluß war.

»Guten Abend, Herr Pastor!« sagte Julie.

Der Pastor zuckte zusammen und wendete sich um.

»Ach so, — so!« Er griff mit der Hand in die Luft. Mit einem Zucken flog die kleine Phantasie davon, und das sanfte Lächeln setzte sich mechanisch in die altgewohnten Falten.

»Verzeihen Sie, daß ich erst heute wieder den Weg zu Ihnen finde,« begann er. »Und daß ich Sie nun auch noch beim ... auch noch störe.«

»Sie stören mich durchaus nicht, Herr Pastor,« sagte sie mit friedlichem Spott.

»Ich war in den letzten Tagen leider so beschäftigt, und da ich heute etwas mehr Zeit habe, wollte ich mein Vorhaben endlich ausführen und sehen, wie es Ihnen geht.«

Sie saßen sich gegenüber in den tiefen Mahagonimöbeln. Julies Hände lagen ausgestreckt auf dem Holz. Von ihrem Körper strahlte ein feuchter Duft. Der Vanillegeruch der Heliotropen an ihrem Kleide tiefte die laue Badatmosphäre. Der Pastor sah, wie die letzten Tropfen an ihrem Hals herunterrieselten ...

Sie sprachen von den Dingen des Alltags.

Der Abend kam mit nassen Lichtern.

Julies Stimme hatte aufgehört zu sprechen. Der Pastor blickte auf. Die Möbel standen plötzlich aufdringlich um ihn herum. Die Bedrängnis, die von diesem frischen Leibe ausging, faßte ihn mit unsichtbaren Armen und ließ ihn seinen Blick nicht von ihr wenden. Der starke Nacken drehte sich im Kragen.

Er fand keine Worte mehr. Endlich nach einer schweren Pause flog ein Gedanke vorüber. Er nahm hastig aus seiner Brieftasche einen Zettel, auf dem eine Auswahl von Sprüchen für Frau Hellweges Leichenstein verzeichnet war.

»Vielleicht haben Sie selbst schon ein Wort für das Grab Ihrer Mutter ausgewählt? Es ist doch eine so schöne Sitte!«

Julie wandte den Kopf ein wenig.

»Nein! Es soll nur Name, Geburts- und Todestag geschrieben werden! Ich wüßte nicht, aus welchem Grunde da noch mehr stehen sollte.«

»Aber, liebes Fräulein, das sagen Sie doch nicht im Ernst. Ein solches Wort soll denen, die trauernd an dem Grabe stehen, zur Erbauung dienen, es soll ...«

»Ich bedarf keiner Erbauung!« sagte Julie ruhig.

»Die brauchen wir alle! Aber nicht dies allein: die Worte, die auf dem Grabstein leuchten, sollen zu Ihnen reden, als spräche Ihre selige Mutter vom Himmel herab zu Ihnen, als wollte sie ihre Kinder trösten und sie hinweisen auf das Wiedersehen.«

»Das ist ja alles sehr schön und gut,« meinte Julie. »Aber was soll man damit, wenn man an ein Wiedersehen nicht glaubt?«

Der Pastor blickte verdutzt auf. »Das hatte ich nicht gewußt!« stotterte er. »Ja, aber dann sind Sie ja, — nein, Sie werden wieder davon abkommen, ich weiß es, ich glaube es!« sagte er mit Bekennermut.

Julie lächelte.

Der Pastor bekam es plötzlich mit der Angst um Evelyn.

»Um eins möchte ich Sie bitten,« sammelte er sich. »Daß ich auf Ihren Glauben noch keinen Einfluß habe, weiß ich.«

»Ja!« bestätigte Julie.

»Wenn schon ... Aber lassen Sie durch Ihre Anschauungen nicht die reine Kinderseele Ihrer Schwester getrübt werden! Bedenken Sie, daß das Kind zu Ostern seinen Glauben vor dem Altar bekennen soll!«

Der Pastor stand auf.

»Ich habe noch niemals meinen Einfluß auf andere Menschen dazu benutzt, sie an ihrer freien Selbstbestimmung zu hindern!« sagte Julie mit Hochmut. »Aber ...«

»Dafür danke ich Ihnen! Es ist Zeit zu gehen; meine Frau wartet mit dem Abendbrot. Grüßen Sie Ihre lieben Schwestern von mir! Und ...«

Er reichte Julie die Hand, die sie nur widerstrebend berührte.

»Wenn Sie Rat brauchen, ich meine, nicht nur in äußerlichen Dingen, wenn Sie geistlicher Hilfe bedürfen, so kommen Sie! Ich warte auf Sie!«

Julie zog ihre Hand zurück, und der Pastor verschwand hinter der Tür.

Eine Trübe blieb im Zimmer liegen. Julie stand unter dem Kronleuchter. Ihre Hände hingen schlaff herab. Sie lächelte. Geheimnisvoll blickte dieses Lächeln aus den Schatten, die im Zimmer schweigend warteten. Durch das Fenster kam vom Garten eine kühl duftende Dämmerung herein. Weich glitt sie um Julies Gesicht.

Dann schallten helle Stimmen auf der Diele. Julie wendete langsam den Kopf.


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