IV

IV

Lehrer Lukas Allm wohnte neben der rosa getünchten Kirche in einem roten Backsteinhaus. Man brauchte nur die viereckigen Linien, die gleichmäßig verteilten Fenster zu sehen, um zu wissen, daß es die Schule war. Kam man um die Ecke, so waren da einige dürftige Turngeräte, die vereinsamt auf einem öden Platz standen. Ging man noch eine Ecke weiter, so sah man etwas, was bunt und fröhlich leuchtete, wie pausbäckiger Bengels vergnügtes Lachen. Das war der Garten des Schullehrers. Am Zaun, der an die Wiese grenzte, träumte feuerroter Mohn. Auf den schmalen Beeten wuchs Kapuzinerkresse, dazwischen Lavendel und zierliche Porzellanblümchen. Große Bohnen standen in langen Reihen, daneben zog sich Erbsengeranke mit schneeweißen Blüten hin.

Lukas Allm hatte aus eignen Mitteln eine kleine blaugemalte Veranda an das Haus anbauen lassen. Die Trauben der Glycinien fingen schon an, seine Hoffnungen auf ein gemütliches Plätzchen zu erfüllen.

Er brauchte einen solchen stillen Winkel. Früher war er in der Stadt gewesen, an der Gemeindeschule. Er hatte mit seiner Mutter in einer Gasse gewohnt, wo es nach Grünkramläden und Straßenmüll roch. Bevor er aber davon krank wurde, bewarb er sich um eine Landstelle. Und so war er in das Heidedorf gekommen, wo er ein Hungergehalt bezog, von Kohl und Speck lebte, aber seinen Himmel sah und seine Blumen pflegte.

Lukas Allm besaß eine besondere Mischung von Gemüt und Verstand. Er war strebsam, nicht nach den höchsten, aber doch nach hohen Dingen. Überall wollte er lernen, und mit der schon in seiner Schädelform ausgesprochenen Beharrlichkeit setzte er viel bei sich durch. Er hatte ein paar gute und eine große Anzahl mittelmäßiger Bücher gelesen. Aus diesen geistigen Bausteinen, die er auf dem Fundament der Halbbildung des Volksschullehrers zusammentrug, entstand ein Gebäude, das an das Miethaus eines braven Maurermeisters erinnerte, der sich Architekt nennt. Natürlich war er stolz darauf und baute lustig weiter. Er hielt dieses Haus für seinen wertvollsten Besitz und ließ die wenigen Menschen seiner Bekanntschaft gern darin zu Gast sein.

Es gab aber Zeiten, wo ihm das Haus zu eng wurde. Das geschah, wenn das wirkliche Leben ihm atmend gegenüber trat. Und dann hatte er den Mut, sein Haus unverzüglich zu verlassen und sich ganz der Weisung seines tiefen Gemüts anzuvertrauen. Er tat dies ganz instinktiv, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen. Er konnte nicht anders, und darum wollte er auch nicht anders. Er war weit davon entfernt, den Wert dieses Muts zu sich selbst beurteilen zu können, ja, in den meisten Fällen bedauerte er ihn als eine menschliche Schwäche. Und doch war dies die vorzüglichste Eigenschaft seines Wesens. Sie hatte ihn veranlaßt, der Mutter zuliebe seine Studien für das höhere Lehrfach aufzugeben, bei armen Kindern mit Schiefertafeln und alten Hosen auszuhelfen und von seinem Gehalt ein paar Mark für die Schwester zu erübrigen, die an einen kleinen Beamten im Westfälischen verheiratet war. Aber auch eine fröhliche Befriedigung hatte sie ihm geschenkt, und den Himmel, der über der Heide träumte, und seine kleine Veranda.

Dort saß Lukas Allm jetzt vor einem Tisch; auf der mit Blumen bestickten Decke lagen Bücher und blaue Hefte, dazwischen stand das Tintenfaß.

Lukas Allm strich sich über den braunen Vollbart, klappte das Buch über Moorkultur zu und zog einen blauen Stoß heran. Er blätterte ihn durch und besah sich die Haar- und Grundstriche seiner Schüler. Zu unterst fand er ein Heft, auf dem mit feinen Buchstaben der Name Evelyn Hellwege geschrieben stand. Das war der Aufsatz, den sie ihm in der letzten Privatstunde abgegeben hatte. Er schlug ihn auf und las ihn langsam durch. Sein Gesicht, das zu Anfang mit lehrerhafter Strenge nach Fehlern suchte, verlor sich plötzlich in einer lächelnden Unschlüssigkeit und klärte sich dann zu einer warmen Freude. Es war ein Vorgang, der sich auch bei den Stunden, die er Evelyn erteilte, abzuspielen pflegte. Er wollte sie in die Kalkmauern seiner Gelehrsamkeit führen, aber sie lief ihm davon und winkte ihm von einer Wiese zu. Was konnte er anderes tun, als ihr nachgehen? Im Grunde lernte er mehr von ihr, als sie von ihm.

Auch das Thema dieses Aufsatzes hatte sie selbst bestimmt. Sie hatte für die Schuld der Jungfrau von Orleans nur ein übersehendes Lächeln gehabt und dann erklärt, sie wolle ihre Arbeit über den »Ernst und das Lachen« schreiben.

Das war sie nun, und Lukas Allm lachte. Das Lachen stand ihm besser als das Korrigiergesicht, und seine Mutter freute sich, als sie es sah. In der Tür stand sie mit einem Pack Wäsche.

»Stör’ ich dich auch?«

Der Lehrer sah auf und schüttelte den breiten Kopf. Er hielt der alten Frau seine große Hand hin. Sie nickte ihm zu und klopfte mütterlich seinen Arm. »Vom Feiertag-Heiligen scheinst du nicht viel zu halten!?«

»Ach, das ist keine Arbeit!« sagte er und machte eine froh-nachlässige Bewegung. »Das Heft vom Fräulein! Literatur!« betonte er wichtig. »Ich muß dir mal ihren letzten Aufsatz vorlesen! Etwas träumerisch, aber ganz geistvoll.«

Die Mutter machte ein bedenkliches Gesicht.

»Höre mal zu!« Der Lehrer nahm das Heft und lehnte sich im Stuhl zurück.

»Der Ernst und das Lachen.

Alle Menschen wollen lieber lachen, als ein ernstes Gesicht machen. Sie arbeiten sechs Tage ernst im Schweiße ihres Angesichts, und am siebenten ruhen sie und sind vergnügt und lachen.

Warum können die Menschen nicht immer lachen, Sonntags und Alltags? Sie können es nicht, weil man sie gelehrt hat, bei der einen Gelegenheit zu lachen und bei der anderen traurig zu sein. Die Menschen wissen nicht, daß Ernst und Lachen zusammengehören.

Wenn ich bei der Arbeit bin, Verse lernen oder sticken muß, so könnte ich wohl traurig sein. Aber ich fühle den Sonnenschein im Gesicht; und wenn sie draußen einen Sarg vorübertragen, so sehe ich die Blumen. Und dann lache ich. In allem Ernst wird doch noch ein Plätzchen für ein kleines Lachen sein.

Nun sitze ich mitten auf der Wiese, und Blumen liegen in meinen Händen, die Sonne küßt mich, und alle Vögel jubeln. Wenn ich dann lache, so ist es mir sehr ernst mit diesem Lachen. Ist es nicht ein heiliger Ernst, wenn einer glücklich ist und lacht?!

Für den, der in sich selbst zufrieden ist, sind Ernst und Lachen dasselbe!«

Lukas Allm legte das Heft auf den Tisch. »Das ist doch reizend!« Er machte eine bedeutende Handbewegung. »Wie gut ist diese Antithese durchgeführt!«

Die Mutter nickte.

»Ich hätte gar nicht gedacht, daß die Kleine sich überhaupt zum Schreiben hinsetzte. Die Fräulein Julie, ja! Aber die Eva!«

Sie faltete die Hände über ihrer Schürze. Die altmodischen Ohrringe baumelten. Der Kopf ging von links nach rechts.

»Ja, ja, was aus denen wohl noch wird!? Es ist doch traurig, so ohne Vater und Mutter! Es paßt ja keiner auf sie auf! Einen Mann finden sie hier draußen auch nicht!«

Der Lehrer wiegte den Kopf.

»Man weiß nicht!«

»Glaubst du, daß die einen aus dem Dorfe nehmen? Dafür sind sie viel zu vornehm! Wenn sie ja auch sonst immer freundlich und nett sind, und auch wirtschaftlich und fürs Einfache und alles selber tun im Haushalte!«

Über die Kressenbeete fiel ein Schatten; er stand einen Augenblick still und kam dann zögernd nach der Veranda zu. Der Lehrer sah hinaus.

Da stand ein Fremder, der sich suchend umblickte. Er war mittelgroß und trug einen Jackettanzug mit Gamaschen, starke, gelbbraune Stiefel und einen langgebundenen roten Schlips.

Der Lehrer stand auf. Der Fremde griff an den Hut.

»Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir zu sagen, wo Fräulein Hellwege wohnen? Im Dorf ist man wohl gerade beim Mittagessen; jedenfalls habe ich niemanden getroffen, den ich um Auskunft bitten konnte.«

Lukas Allm griff verlegen in sein dichtes Haar.

»Ja, bitte, die Fräuleins wohnen ein paar Häuser weiter. Ich will es Ihnen zeigen.«

»Wenn Sie mir nur das Haus beschreiben wollten; ich finde mich schon zurecht.«

Des Lehrers rote Hand stand in der blauen Luft.

»Wenn Sie von hier die Chaussee links hinuntergehen, an den drei großen Bauernhöfen vorbei. Da liegt rechts das Haus. Sie erkennen es schon an dem weißen Gitter, und dann ist es auch ein bißchen absonderlicher als die anderen.«

»Meinen Sie, daß man die Fräuleins zu Hause trifft?« fragte der Fremde und schob seinen Schlips zurecht.

Der Lehrer entwickelte ein baumwollenes Taschentuch. »Sie werden wohl zu Hause sein,« meinte er. »Ausflüge machen sie nur bei Regen und Sturm.«

»Na, da will ich mein Glück versuchen! Ich danke Ihnen.«

Lukas Allm sammelte seine unbeholfenen Glieder und brachte den Fremden bis an die Chaussee.

»Dort drüben steht mein Rad,« sagte dieser.

»Dann haben Sie wohl schon ein gutes Stück von der Gegend gesehen!«

Sie gingen schräg über den Spielplatz, wo an einem verwitterten Barren das Zweirad des Fremden stand. Der Moorboden zitterte elastisch unter den viereckigen Stiefeln des Lehrers.

»Sie haben einen hübschen Schulhof,« sagte der Fremde und griff nach der Lenkstange.

Über Lukas’ Gesicht kribbelte es wie lauter Kinderlachen.

»Das habe ich alles für die Bengels selbst gezimmert.«

Der Fremde führte das Rad auf die Chaussee.

»Haben Sie vielen Dank,« sagte er, sprang mit kurzem Schwung auf und fuhr in den Sonnenschein hinein.

Lukas Allm blieb noch einen Augenblick stehen, bis die kleine Staubwolke um die Ecke verschwand. Dann trottete er behaglich über den Platz zurück in den Garten.

Da stand er nun in all dem Flimmer. Die Sonne machte keinen Unterschied, sie küßte den guten dicken Kopf so weich, wie alle die Blumen. Eine behagliche Zufriedenheit glänzte in seinen runden Augen. Dann kam ein wohliges Dehnen in seine Muskeln.

Und plötzlich streckte sich ein angenehmer Gedanke in ihm aus. Der Fremde würde bei Hellweges von ihm sprechen, und Marianne würde an ihn erinnert werden. Und sie würde einen Augenblick mit ihren Gedanken bei ihm sein.

Feierstill wurde es dem kleinen Licht des Heidedorfs zumute.

Langsam sog er die warme Luft ein, den Duft von träumenden Blumen.

Aber plötzlich kam ein feiner Bratengeruch dazwischen.

Das Lächeln um den großen Mund wurde noch inniger. Es war heute ja Sonntag. Und da stand auch die Mutter in der Tür.

»Lukas, wir wollen essen!« rief sie.

Lukas Allm ging langsam die Holzstufen hinauf.


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