X

X

Wie tote Städte standen die Torfhaufen nebeneinander, in geraden Straßen, die verlassen waren. Hier eine Stadt, dort eine, alle ausgestorben, als sei die Pest hindurchgegangen.

Der Wind fegte über das Moor. Aus der Ferne kam er heulend heran, wimmerte über den Bäumen und prasselte hinten in die Dorfstraße hinein. Staub wirbelte er auf, duckte Hagebuttensträuche zu Boden, ließ Eichengebüsch klirrend erschauern und die entlaubten Birken ihre Leiber zur Erde biegen. Alles, was noch Sommer war, riß er ab und pfiff es in die Luft.

Drüben stand die Sonne. Zwischen Dunst ein matter Streifen und in Schleiern eine kalte Kugel. Es war kein Licht, das von ihr kam; eine Blässe, die nur traurig war, ein Glanz wie blindes Messing. Feindschaft war heraufgekommen aus toten Winkeln und hatte alles Glück und alles Jubeln verstummen lassen. An Licht und Sonne mochte man nicht glauben und ließ es gehen, wie es ging.

In der Mitte der Straße ging Agnes Elisabeth. Der Wind preßte sich fest an sie, so daß das Kleid wie nasse Tücher um ihre Formen klebte. Sie lehnte sich dagegen. Der Sturm wußte, daß sie ihm gehörte.

Just, als die gelbe Scheibe sich hinter graue Schwaden versteckte, erschien unten, wo die Chaussee mit kreisrunder Öffnung in der Ferne verschwand, ein dunkler Punkt. Er wurde größer, und dann erkannte Agnes Elisabeth, daß es der war, den sie erwartete.

Ihre Füße fingen zu laufen an. Sie lief, bis sie bei ihm war. Nun stand sie vor ihm und wußte erst jetzt, daß sie gelaufen war.

Eben noch hätte sie ihre Arme um ihn werfen mögen, hätte sich an ihn pressen, ihn küssen mögen, nun konnte sie nichts von alledem. Demütig stand sie und wartete.

Heinrich Craner nahm ihre Hände und neigte sich über sie, aber er wagte es nicht, sie zu küssen. War er erschrocken darüber, daß sie so auf ihn zugeflogen war, mit wirrem Haar, das wie Flammen flirrte, mit ungestümen Bewegungen, leidenschaftlich, und doch kalt!? Jedenfalls schien es ihm, als seien in ihrer Gestalt alle Stimmungen dieser Herbstesherbheit vereinigt: ein Brausen über unendliche Flächen der Sehnsucht, ein Rütteln an allem, was einengte, freilich auch nur blasses Licht, das kaum noch an sich glauben mochte.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind!« sagte er ruhig.

Agnes Elisabeth machte eine abwesende Bewegung. Noch war sie wie im Traum; alles war so selbstverständlich geschehen, ohne daß sie etwas dazu getan hatte; sie hatte das Haus verlassen, mechanisch die Richtung zum Bahnhof eingeschlagen, war immer weiter gegangen, bis sie ihn sah, und dann war sie ihm entgegengelaufen. Aber nun sie neben ihm schritt, fühlte sie plötzlich eine Verwunderung, die irgendwoher von außen zu kommen schien, vielleicht von den Bäumen, die ihre Köpfe schüttelten, von dem zweifelnden Blick der Sonne, die sich aus dem Dunst wieder herausquälte.

Craner ging eine Weile schweigend neben ihr her und versuchte hin und wieder ihren Blick zu finden. Aber der war zur Erde geneigt. — Plötzlich — es schien, als habe er nur darauf gewartet, daß sie die Brücke überschritten — begann er:

»Sie haben meinen Brief verstanden, nicht wahr? Ich weiß es; Sie wären sonst nicht gekommen, nicht so gekommen.«

Agnes Elisabeth erschrak. Hatte sie sich etwas vergeben? Kurz darauf aber dachte sie daran, daß er sie lieb hatte, und gleichzeitig erwachte Wärme in ihr.

Craner mochte sie fühlen.

»Ich möchte Ihnen sagen, wie glücklich ich darüber bin. Was ich Ihnen schrieb, habe ich bisher keinem Menschen gesagt. Das Vertrauen fehlte mir. Bei Ihnen habe ich nicht einen Augenblick gezögert.«

Ein froher Stolz breitete sich in ihr aus, mehr noch, ein glückliches Gefühl der Zusammengehörigkeit.

»Und das andere,« fuhr er zögernd fort; »daß ich ...«

Es war Agnes Elisabeth nicht möglich, ihm zu helfen. Nicht, weil sie zu schüchtern gewesen wäre; sondern einfach, weil sie nicht verstand, von Liebe zu sprechen.

Craner gab sich einen Ruck.

»Ja! Ich habe Sie lieb!«

Das wurde kurz und trocken hervorgestoßen. Aber es berührte sie unmittelbar. Sie drehte jäh den Kopf und sah ihn an.

Aber Craner blickte nach den Torfstädten hin; als dürfe er sich nicht beirren lassen, sprach er heftig weiter: »Und ich brauche Ihre Liebe. Sie wissen nicht, was es heißt, da unten zu sitzen, fern von aller Kultur, auf sich selbst angewiesen, ohne irgendeine Möglichkeit, geistig weiterzukommen.«

Er hielt inne und suchte mit den Augen zwischen den Bäumen. Er wußte gar nicht mehr, worauf er eigentlich hinauswollte.

Agnes Elisabeth hatte gespannt zugehört, um ihn zu verstehen. Der Sturm riß seine Worte weg; sie mußte sich mühen, sie aufzufangen. Sie begriff nur, daß er nicht glücklich war und sie brauchte. Das war auch alles, was sie hören wollte.

»Aber das meine ich eigentlich nicht,« sagte er, sich besinnend. »Ich meine, man ist so allein! Die paar Menschen, die ich hatte, bedeuteten nichts für mich. Und ich ...«

Agnes Elisabeth wunderte sich plötzlich, wie zaghaft dieser Mann war, der ihr doch damals ein Gefühl von Sicherheit hatte geben können. Das rührte sie. Sie empfand, daß etwas Verwandtes in ihnen war. Allein, o ja, allein war auch sie. Sie hätte es gern gesagt.

Aber Craner achtete nicht darauf.

»Ich brauche Sie so sehr!« sagte er kurz, fast hilflos.

Agnes Elisabeth hatte ihn plötzlich ganz vergessen. Sie dachte nichts anderes, als daß ihr Leben einsam war. Sie wollte es einmal aussprechen dürfen, reden ohne Aufhören von dieser Einsamkeit, in der sie sich hinschleppen mußte, sie wollte sich ausweinen und ihren Kopf anlehnen dürfen.

»Wollen Sie nun bei mir sein?«

Agnes Elisabeth nickte langsam mit dem Kopf. Eine unbestimmte Empfindung wurde in ihr wach. Warum sprach er noch immer? Sie wünschte, daß er schwiege, daß eine Stille käme, in der sie alles vergessen könnte.

Aber er fragte weiter:

»Wollen Sie mir nicht einmal sagen, ob Sie mich liebhaben? Hast du mich lieb, Agnes Elisabeth?«

»Ja, o ja!«

Es war, als ob etwas in ihr zerspränge, etwas anderes sich frei machte. Ein Ton war darinnen, wie von brechenden Ästen.

Dann kamen jene Augenblicke, die allein in Agnes Elisabeths Erinnerung an diesen Tag zurückblieben. Er nahm sie in seine Arme und küßte sie. Er küßte sie mit der Empfindung eines einfachen, gesunden Mannes.

Aber für sie war es mehr. Während er ihr nur einen Teil seines Ichs geben konnte, schenkte sie ihm alles. Jede Farbe ihres Empfindens, jede Linie ihres Körpers war Hingabe.

Nicht aus Liebe! Die Liebe allein hätte bei ihr solches nicht zuwege bringen können. Sondern weil Agnes Elisabeth stark war, und weil in dieser Stärke ihre Schwäche lag. Eine gefährliche Schwäche! Denn eine, die allein und nur mit eigener Kraft gehen will, die muß damit rechnen können, daß mitten auf der Straße des Lebens ein Durst nach Liebe sie übermannt und eine Sehnsucht, ihre Arme um einen Hals zu schlingen, und daß dann keiner da ist, dem sie es tun, keiner, der ihren Durst stillen könnte. Diese Rechnung stimmte bei Agnes Elisabeth nicht. Weder ihre Mutter, noch ihre Schwestern waren dagewesen, wenn sie nach ihnen gerufen hatte; sie war so oft am Wege liegen geblieben, sie hatte sich freilich wieder aufgerafft und war mit trotzigen Lippen weitergelaufen. Wenn Schwestern und Mutter dann kamen und nach ihr suchten, dann war sie schon weit weg, an blühenden Gartenzäunen des Lebens, und bedurfte ihrer nicht mehr. So waren sie aneinander vorbeigegangen.

Aber hier war einer da, als sie ihn brauchte.

Wie sie ihn küßte! Sie streckte ihre Arme aus und klammerte sich an ihn ...

Als sie sich endlich aufrichtete und hastig seinen Arm nahm, war es dunkel geworden. Wo die Sonne gestanden hatte, war nur qualmender Dunst; aus dem Moor stiegen Schatten auf. Der Rest von Licht, der auf Bäumen und Sträuchern gesessen hatte, war zusammengesunken. Die Nacht kam eilig von allen Seiten.

Craner war es, der zuerst wieder Worte fand.

»Morgen will ich mit meinem Bruder sprechen. Er weiß noch nichts. Er wird sich wundern.« Und er lachte.

Dieses Lachen war der Anfang von dem, was nun alles in kurzen Worten schnell und schreckhaft zu Ende gehen ließ.

Sie faßte ängstlich nach seiner Hand. Er streichelte sie und sprach weiter, ohne ihrer Angst zu achten:

»Und deine Schwestern ...?«

Vor ihren Augen flirrte etwas vorüber, was ganz schwarz war, wogte und plötzlich zerriß. Dann schien es ihr mit einem Male, als ob alles, was sie in der letzten halben Stunde erlebt hatte, abgeschlossen und beiseite gestellt sei. Sie war wieder die Agnes Elisabeth von früher; der da neben ihr ging, war ein fremder Mann.

Sie riß ihre Hand los:

»Nein, ich kann nicht! Ich muß bei den Schwestern bleiben.«

»Warum? Sie sind doch erwachsen.«

»Noch nicht.«

»Ist das ein Grund, ihnen solches Opfer zu bringen?«

»Ich habe Mama versprochen, bei ihnen zu bleiben.«

»So kann es deine Mutter nicht gemeint haben.«

Sie schwieg.

»Du hast nicht den Mut, glücklich zu sein?«

Sie schwieg. Nach einer langen Weile sagte sie: »Ich darf auch nicht so weit von ihnen weggehen.«

»Du willst nicht mit mir kommen?«

»Jetzt nicht.«

»Später?«

»Später? — Willst du wiederkommen?«

Die Frage verhallte. Wohl antwortete er »Ja«, aber dieses Ja kam ein wenig später, als sie gehofft hatte. Nun hörte sie es nicht mehr.

Craner sprach weiter, aber es ging an ihr vorüber, ohne daß sie es verstand. Plötzlich blieb sie stehen: »Ich muß gehn. Ich danke Ihnen. Und ich ...« Sie kam nicht zu Ende. Einen Augenblick stand sie unbewegt. Dann wendete sie sich ab und ging in das Halbdunkel zurück.

Mechanisch setzte sie Schritt vor Schritt. Es war, als wenn sie an den Bäumen entlangglitte. Plötzlich empfand sie einen Schmerz. Sie drehte sich um. Er war nicht mehr zu sehen. Ihre Gedanken waren ausgelöscht, ihr Empfinden betäubt. Es tat wohl, zu stehen und sich nicht zu rühren.

Bis Menschenstimmen herüberkamen, von drüben, wo ein Landweg aus dem Moor herauskroch. »Wirst mich auch wieder küssen?«

Dann ein unterdrücktes Kichern.

Agnes Elisabeth hob schwer den Kopf und kehrte um. Kurz vor dem Dorfe erkannte sie in einiger Entfernung zwei Gestalten, die nach einer Weile zwischen den Kastanienstämmen der Dorfstraße verschwanden.

Sie kam an den ersten Bauernhof, der behäbig neben der Straße lag. Der gehörte Hinrich Teetje, fiel ihr ein.

Als sie die Gartenpforte öffnete, dachte sie: Ob sich Marianne niemals diesen wiegenden Gang abgewöhnen wird?

Agnes Elisabeth und Marianne saßen im Wohnzimmer.

In der Stille des Lampenlichts gingen Gedanken hinüber und herüber. Es war ein erbitterter Streit, der schweigend gefochten wurde.

Bei Marianne kämpfte jene draufgängerische Leidenschaft, die das böse Gewissen gibt. Sie wußte sehr wohl, daß etwas nicht zu Recht und in Ordnung war. Und darum machte sie tollkühne Ausfälle, um künstlich Übergewicht zu erzwingen.

Agnes Elisabeth wurde als Gegner von ihr unterschätzt. Bei ihr handelte es sich nicht um Recht oder Unrecht, sondern um die Existenz. Sie kämpfte mit dem Letzten um ihre Stellung gegenüber den Geschwistern. Weil sie diese halten wollte, hatte sie bereits eine viel wertvollere darangegeben. Nun mußten wohl Erbitterung und Haß auf ihrer Seite sein.

Sie behielt die Oberhand. Der Kampf war in Wirklichkeit schon entschieden, als sie sich zum Fragen entschloß.

»Warum hast du kein Vertrauen zu mir, Marianne?«

»Wenn du keines zu uns hast!« flog es zurück.

Agnes Elisabeth duckte sich ein wenig.

Marianne machte ein herausforderndes Gesicht. Aber es dauerte nicht lange. Agnes Elisabeth klappte ihr Buch zu und nahm es fest in die Hand.

»Warum triffst du dich heimlich mit dem Lehrer?«

»Das ist meine Sache.«

»Nein!«

»Also gut! Ich liebe ihn!« sagte Marianne mit Stolz.

»Du mußt doch wissen, daß sich das nicht gehört. Du kannst doch nicht mit einem fremden Manne in der Dunkelheit durch die Heide laufen!«

»Übrigens sind wir verlobt,« sagte Marianne. Es gefiel ihr, die Märtyrerin ihrer Liebe zu spielen.

»Das wird sich finden!«

»Ich heirate ihn doch!«

Eine Pause ging zwischen ihnen hindurch.

»Einen Dorfschullehrer!« Agnes Elisabeth schämte sich, dieses Wort ausgesprochen zu haben.

»Darüber sieht man hinweg, wenn man liebt.« Marianne wollte ihn sich erkämpfen. Pathos klang aus ihrer Stimme. Dies war der Augenblick, in dem man zum Weibe heranreifte.

»Dann begreife ich nicht, warum Herr Allm noch nicht zu mir gekommen ist oder an Onkel Wilhelm geschrieben hat.«

»Wenn du das nicht verstehst?! Meinst du, wir werden unser Glück gleich den Verwandten preisgeben?«

»Hast du kein Gefühl dafür, daß du dir etwas vergibst? Nicht vor den Leuten! Aber vor dir selbst! Wenn du im Dunkeln —«

»Im Dunkeln ist es viel interessanter!«

»Durch solche Heimlichkeiten müßte sich dein Empfinden verletzt fühlen.«

Marianne schob den Stuhl zurück und lachte.

»Heimlichkeiten! Hast du übrigens keine, Agnes Elisabeth?« Sie kam sich mit einem Male wie verheiratet vor. Nun war auch die Neugierde da. »Ich kann dich ja verstehen! Da ich selbst so etwas durchlebe!«

Die täppische Vertraulichkeit traf. Agnes Elisabeths Züge wurden hart.

»Nein!« sagte sie schroff.

»Also nicht!« meinte Marianne pikiert und stand auf. Man hätte so gut ein bißchen darüber reden können; aber wenn Agnes Elisabeth nicht wollte! »Hast du Gesche mein Kleid zum Plätten gegeben?« fragte sie kühl.

»Ja!«

Marianne schlenderte aus dem Zimmer.

Agnes Elisabeth wandte den Kopf. Erbitterung schwoll in ihr auf, wie über eine Demütigung. Dieses junge Ding wollte über Liebe reden ...?! Agnes Elisabeth biß die Zähne zusammen. Vielleicht schmerzte sie weniger der törichte Vergleich, als daß sie selbst durch ihn so klein wurde und übelnehmerisch mit Marianne zankte.

Sie stand auf. Das Zimmer blickte sie gleichgültig an, die Lampe dämmerte.

Sie fühlte etwas Graues, Unendliches, das vor ihr aufzog und über sie hin griff. Ihre Augen schlossen sich, schraken aber gleich wieder auf. Sie mußte wohl nach den anderen sehen. Sie ging in Julies Zimmer.

Kreischendes Juchzen und ein Unterrock, der herumwirbelte. Julie saß auf dem Tisch, Marianne auf dem Sofa und Evelyn tanzte.

»Einen Hochzeitsreigen! Hörst du nicht? Einen Hochzeitsreigen!« rief Marianne.

Evelyn drehte sich taumelnd, sank zur Erde und blieb laut lachend liegen. Plötzlich verstummte sie. Ein furchtsamer Blick ging zu der Schwester, die in dem engen Türrahmen stand, wie ein Bild auf grauem Hintergrund: das Kleid verschwamm, nur Wange und Schläfe traten als harte Lichter heraus, und darüber glühte das rote Gewirr des Haars.

Agnes Elisabeth kam für einen Augenblick der Gedanke, den Schwestern zu sagen, was heute geschehen war. Daß Glück und Entsagung einander gemessen hatten, und daß sie, ohne zu zögern, das Glück beiseite geschoben und sich für die Entsagung entschieden hatte, um ihretwillen! Sie blickte schüchtern hinüber, als suchte sie Hilfe.

Aber Julie sah weg. Ein harter Zug lag in ihrem Profil. Marianne hob sich träge in die Höhe.

»Einen Hochzeitsreigen!« kommandierte sie von neuem.

Evelyn sprang auf, begann gravitätisch durch das Zimmer zu schreiten.

Agnes Elisabeth ging wieder hinaus. Ein Lachen klirrte hinter ihr her.

Sie ging in ihre Stube und setzte sich an den Tisch. Gedankenlos blickte sie durch die Luft. Nach einer Weile fiel ihr Kopf auf die Hände. Und wieder nach einer Weile krümmte sich ihr Rücken unter zuckenden Stößen.

Das war die Einsamkeit ...


Back to IndexNext