XIX
Generationen hindurch waren Professor Stockmanns Vorfahren Geistliche gewesen. Von Hause aus derbfäustige Naturen, hatten sie schon im Dreißigjährigen Krieg den Protestantismus mit Begeisterung verteidigt. Dies war ihre gesündeste und beste Zeit gewesen. Denn der empfindsame Augenaufschlag des Pietismus, der ihr folgte, war nichts für ihre einfachen Augen. Diese Augen waren nicht scharf genug, um Empfindung von Phrase zu scheiden. Und so hatte sich der Väter Überzeugungstreue in ein Gewirr unklarer Gedanken und verwaschener Gefühle gewandelt, und die persönliche Tat des protestantischen Bekenntnisses war zu einer leeren Tradition geworden.
Diese Tradition machte man in der Familie nun zur Grundlage einer Erziehung, die heute kaum anders war als vor zweihundert Jahren.
Es war System in dieser Erziehung. Die Bilder an den Wänden, Porträts von Francke, Spener, der Christuskopf von Guido Reni, die vergilbten Photographien von Werken der Nazarener redeten dieselbe eindringliche Sprache wie Morgen- und Abendandachten, Bet- und Bibelstunden. Es gab keine Gespräche, die nicht mit geistlichen Betrachtungen gewürzt gewesen wären, keinen Entschluß, bei dem man vergessen hätte, zu prüfen, ob er Gottes Wille sei. — Den Dingen der Welt stand man mit der uneingestandenen Feindseligkeit und dem Argwohn der evangelischen Milde gegenüber. Man war tolerant; aber man wußte, daß durch eine Falte der Stirn, durch geschickt eingeschaltete Nebensätze eine Verurteilung schärfer ausgesprochen werden kann als durch gehässige Rede. Man verehrte die Kunst: aber sie mußte an den Stufen von Gottes Thron stehen. Man sah die Kunstwerke unter evangelischem Gesichtswinkel, man hörte die Musik zur Ehre Gottes.
Dieses Erziehungssystem bemächtigte sich ihres Lebens derart, daß von persönlichem Religionserlebnis, von religiöser Sehnsucht längst nicht mehr die Rede sein konnte; vielmehr durfte man sagen, daß den Stockmanns der Protestantismus in Fleisch und Blut übergegangen war. Unter dieser Voraussetzung war es zu begreifen, daß die Jungen schon mit zwölf Jahren ihre festen Ziele hatten, und daß aus ihnen Menschen wurden, die niemals mit Scheu vor den Fragen des Lebens stehenblieben, die weder den heiligen Ernst des Suchens, noch das Glück des Findens kannten. Es kamen freilich Tage, wo des Lebens Sturmwinde heransausten, morsche Stämme zu brechen und Platz zu schaffen für junge Bäume, die stark werden sollten. Da wäre Gelegenheit gewesen, einmal aufzuräumen, einmal nachzusehen, was des Wachsens noch wert wäre, und der Schößlinge zu achten, die heimlich aus dem Schutt herauskamen.
Aber das taten die Stockmanns nicht.
Hatte bis zu diesem Zeitpunkte alle Verantwortung den Eltern zugesprochen werden müssen, so traf sie jetzt die junge Generation. Diese aber wagte keinen Kampf. Vielleicht wollte sie ihre Gewohnheiten nicht aufgeben, vielleicht war sie überhaupt zu blaß, zu kränklich. Der Mangel an Lebensmut und Lebensbejahung, der sie den Kampf vermeiden hieß, vererbte sich gleichfalls und wuchs im Laufe der Zeiten zu einer beträchtlichen Schuldenlast heran. Die Eigenschaften, die beim Urgroßvater wertvoll gewesen waren, wirkten heute als eigensinnige Schrullen. Aus seinem Glauben war Starrheit geworden, aus seiner Innigkeit Sentimentalität.
Durch die Ehen, die in der Familie geschlossen worden waren, hatten die Wirkungen dieser Erziehung nicht aufgehoben werden können. Es waren immer Frauen gewesen, die verwandtem Boden entstammten. Nur eine Ausnahme gab es, und diese Frau hatte allerdings anderes Blut in die Familie hineingebracht; das war Mathilde Dorn gewesen, die Tochter eines stillen Gelehrten, dessen Leben voller Güte unbemerkt bei trockener Fachwissenschaft vorübergegangen war, nach dessen nicht ganz aufgeklärtem Tode man jedoch einige Arbeiten über die Freiheit der naturwissenschaftlichen Forschung vorfand, die seine Persönlichkeit unter eine veränderte Beleuchtung brachten. Mathilde Dorn war verschlossen und träumerisch. Ihr Wesen hatte die Milde eines Regens, der an schwülen Sommertagen zur Erde rauscht, ohne zu kühlen. Als Professor Stockmann sie heiratete, lebte ihr Vater noch, und als die Kinder kamen, Martha und zwei Jahre später Johannes, war zu hoffen, daß ihre Erziehung von anderer Art sein würde, als sonst in der Familie gebräuchlich war. Denn Mathilde liebte ihre Kinder mit dem leidenschaftlichen Muttergefühl einer Frau, die nichts anderes hat als ihre Kinder. Besaß sie auch selbst kein stark ausgeprägtes eigenes Wesen, so durfte man doch von diesem durch keine Begriffe beirrten mütterlichen Gefühl mancherlei erwarten. Aber nach wenigen Jahren starb Mathildens Vater, und geraume Zeit darauf folgte sie ihm, ohne ihre Kinder bis zu einer inneren Selbständigkeit gebracht zu haben.
Es sei ein Herzleiden, sagten die Ärzte, aber in Wirklichkeit ging sie an den fortgesetzten stillen Vorwürfen zugrunde, die ihr Mann wegen jener Schriften ihres Vaters gegen sie erhoben hatte. Immerhin erkannte man noch heute an den Kindern die Mutter.
Martha, die seit ihrer Konfirmation dem Hauswesen vorstand, verband mit der kindlichen Liebe zum Vater doch eine gewisse Unabhängigkeit. Sie hatte den Glauben ihres Vaters, aber ein Glanz war übers ihn gebreitet, der von persönlichem Empfinden herkam.
Johannes hingegen hatte von der Mutter die Zweifel geerbt. Sie entbehrten zwar der Schärfe und hatten hin und wieder eine gewisse Haltlosigkeit zur Folge; aber an dieser Stelle kam ihm die Hartnäckigkeit des Vaters zugute. So gab es in seinem Leben wenigstens scheinbare Kämpfe. Selbständigkeit gehörte nicht zu seinen Eigenschaften. Aber er besaß eine gewisse Geschicklichkeit: er nahm niemals Partei für Anschauungen, die den Familientraditionen zuwiderliefen, aber er machte kleine Konzessionen, gestand einigen Punkten eine Berechtigung zu und fühlte sich immer auf der Höhe überlegener Milde.
Professor Stockmann hatte sich allmählich in seine Kinder gefunden. Daß der positive Glaube ihnen keine Herzenssache war, wußte er wohl; aber er zog es vor, diese Lücke zuzudecken, ohne sie zu ergründen. Für diese Nachsicht forderte er stillschweigend das Festhalten an allen äußerlichen Gewohnheiten. Es gab keinen Widerspruch gegen seine Anschauungen; und die Kinder waren klug genug, dem Vater zu folgen, ja, sie taten es sogar aus Überzeugung. Drei- bis viermal im Jahr ging man zur Kommunion, morgens und abends versammelte man sich zur Andacht, genau so, wie es unter dem seligen Generalsuperintendenten gewesen war.
Zu dieser Familie kam Julie Hellwege.