Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Der Tod seines Kindes war Felix Altwirth nahe gegangen. Bittere Reue quälte ihn, daß er sich um das Kind so wenig gekümmert hatte. Es schmerzte ihn jetzt, daß er nur sich und seinen Neigungen gelebt hatte, und er verurteilte die selbstische Sucht des Künstlers, sich und seine Kunst, seine Wünsche und Ziele stets an erster Stelle zu setzen.

War er denn tatsächlich so glücklich geworden? War dies mit Sophie nicht nur ein Rausch, der einmal eine innere Leere zurücklassen würde? Hätte er nicht besser daran getan, sein Temperament mehr im Zaum zu halten, es zu überwinden und sich mehr Adele und dem Kind zu widmen?

Er dachte an das zarte, kleine Mädchen, wie dankbar sie ihm war für jeden flüchtigen Liebesbeweis, den sie von ihm erhielt. Wenn er ihr dann und wann einmal zärtlich über das blondgelockte Köpfchen fuhr, dann sah sie jedesmal mit strahlenden Augen zu ihm auf. „Papi! Lieber Papi!“ sagte sie dann jubelnd und küßte ihn stürmisch.

Dieser strahlende, dankbare Blick des Kindes verfolgte jetzt Felix und traf ihn als ein schwerer Vorwurf. Wie liebesbedürftig war das Kind gewesen, und wie wenig Liebe hatte er für sie übrig gehabt. Es tat ihm so weh, fortwährend an die hellen, freudigen Augen der kleinen Dora denken zu müssen. Gerade das Glück und die Seligkeit, die aus ihnen gesprochen hatten, verwundete ihn bis ins Innerste.

Das kleine Mädchen dankte dem Vater für die Abfälle seiner Liebe, die er in so reichlichem Maße für eine Fremde empfand. Aber war denn Sophie eine Fremde? War sie nicht die Verkörperung seiner höchsten Wünsche und Ideale? War sie nicht sein ... sein Weib ... obwohlnach Recht und Gesetz die Gattin eines andern? Und Adele ...

Felix Altwirth hatte tiefstes Mitleid mit dem Schmerz seiner Frau. Er wußte, daß ihr Leben nun ganz zertreten war ... ein Leben, das so reich hätte sein können und so glücklich, wenn es nicht seine Bahn gekreuzt hätte ...

Warum paßten sie gar nicht zueinander ... er und Adele?

Felix dachte jetzt in den vielen Stunden einer grüblerischen Reue darüber nach. Sie hatten einander doch lieb gehabt, als sie sich heirateten, und waren zueinander gestanden, als die Not kam. Nein ... das war er nicht. Felix war gerecht genug, es jetzt einzusehen, daß Adele es war, die aufrecht blieb, zu ihm hielt und ausharrte. Er hatte sie gequält und mit Vorwürfen gepeinigt.

In der Not hatte er sie und ihr Kind als eine Last empfunden ... als eine schwere, eiserne Kette, die den Künstler niederzog und gewaltsam festhielt. Er hatte es gesehen, wie sie innerlich litt, und er liebte sie ... vielleicht gerade deshalb. Er wußte es nicht genau, warum. Er wußte es jetzt nur noch, daß er sie damals noch liebte, als er sie demütigte. Sie war ihm alles, bis Sophie in sein Leben trat.

Und jetzt, jetzt liebte er Adele nicht mehr. Dies Gefühl war klar und deutlich. Seine Liebe hatte aufgehört von jenem Augenblick, da die Frau in stolzer, vornehmer Würde ihren Gatten der Liebe eines andern Weibes überließ, ohne einen Vorwurf für ihn zu haben.

Ohne Bitterkeit und ohne Kampf hatte diese Übergabe stattgefunden. Es war sein Wille gewesen, die andere zu besitzen, und Adele hatte sich gefügt. Die Art, wie sie es tat, brachte es mit sich, daß das warme und ehrliche Gefühl, das Felix für sie stets empfunden hatte, langsam in eine Gleichgültigkeit gegen sie überging.

Felix liebte seine Frau nicht mehr. Auch jetzt nicht,nach dem großen, gemeinsamen Leid, das sie beide vielleicht hätte einander näher bringen sollen. Er hatte nur Mitleid für sie. Ein großes, namenloses Mitleid, das ihm so wehe tat, daß er hätte weinen mögen. Er fühlte sich so schuldig in ihren Augen ... schuldig daran, daß seine Frau nun wie eine lebendige Tote herumwandelte.

Bleich und aufrecht ging Adele ihren einsamen Weg. Sie hatte keine Tränen mehr ... Mit heißen, brennenden, todestraurigen Augen sah sie jetzt auf den Gatten. Felix hatte eine Scheu vor ihrem Blick. Er fürchtete sich davor. Er fürchtete mit fast abergläubischer Angst, daß sie nun von ihm gehen würde. Er wollte sie nicht von sich lassen ... er liebte sie nicht ... aber er hatte das Bedürfnis, daß sie bei ihm bleiben müsse.

Und einmal sprach Adele davon, daß sie fortzugehen wünsche. Jetzt konnte sie es ja tun. Nun war sie frei ... Das letzte Bindeglied zwischen ihr und dem Gatten lag droben in dem stillen Friedhof zu Wilten.

Adele sprach ihren Wunsch ruhig und klar aus, ohne Erregung und mit tonloser Stimme.

Tötlich erschrocken sah Felix seine Frau an.

„Fort willst du, Adele? Geh’ ... nicht!“ bat er herzlich. „Wir sollten jetzt nicht voneinander gehen. Wir sind doch gute Kameraden!“

Um Adelens Mund zuckte es wehe. „Sind wir das wirklich, Felix?“ frug sie bitter.

„Nein, Adele. Du hast ja recht. Ganz recht hast du. Aber geh’ trotzdem nicht von mir! Ich bitte dich darum!“ sagte Felix leidenschaftlich. „Mein guter Engel geht ... wenn du gehst!“

Adele saß in einem weichen Lehnstuhl ihres hübschen Wohnzimmers in derselben Haltung wie stets, wenn sie nachdenklich war. Leicht nach vorne gebeugt und mit dem Arm aufs Knie gestützt. Sie sah mit ernstem,forschendem Blick auf Felix, der mit geducktem Kopf wie ein schuldbewußter Knabe vor ihr stand.

Felix hatte noch immer etwas Weiches, Knabenhaftes an sich. Etwas in seinem Wesen, das die unselbständige Art seines Charakters verriet und das um eine feste, energische Hand förmlich zu bitten schien.

Oft schon hatte sich Adele gefragt, ob Felix wohl ein anderer geworden wäre, wenn er Sophie Rapp zur Gattin genommen hätte. Und immer hatte sie diese Frage bejahen müssen. Hatte sich sagen müssen, daß gerade Sophiens Temperament und Leidenschaft den richtigen Ausgleich für Felix bedeutet hätte.

Adele war einsichtsvoll genug und besaß auch jenen Grad der Selbsterkenntnis, um es sich zu gestehen, daß sie selber nicht ganz ohne Schuld war. Ihre ruhige, vornehme Art paßte eben nicht zu dem Künstler. Da paßte ein wildes, aufgeregtes Blut, ein Temperament, das zügellos sein konnte und sofort wieder gefügig, willig und zahm wie ein kleines Kind.

Das alles war Sophie. Ihr selber fehlte es vollständig. Das wußte sie. Und gerade diese Erkenntnis war es, die Adele so gerecht urteilen ließ. Sie wollte nicht hart gegen Felix sein. Wenn sie ihm wirklich noch etwas bedeutete im Leben, dann war sie froh.

Sie wollte ihn nicht strafen durch eine Härte, die ihr gar nicht eigen war. Und wenn er sie jetzt bat, daß sie bei ihm bleiben sollte, so war dieser Wunsch ehrlich und aufrichtig gemeint. Er entsprang vielleicht einem künstlerischen Sehnen nach Reinheit und mildem Verstehen ... und das wollte sie ihm erfüllen. Sie litt ja jetzt nicht mehr unter seiner Untreue. Dies Gefühl für ihn war gestorben ... tot ... wie ihr Kind.

„Dann will ich bleiben, Felix!“ sagte Adele über eine Weile, während der sie Felix mit ängstlichen Augen beobachtet hatte. „Bleiben ... solange du willst!“

„Ich danke dir, Adele!“ Fast ehrfürchtig zog der Gatte die schöne, wohlgepflegte Hand Adelens an seine Lippen. „Vielleicht ... vielleicht ...“ sagte er zögernd und sah etwas schüchtern und unbeholfen auf seine Frau, „vielleicht kommen wir uns doch wieder näher ... vielleicht ...“

„Wir wollen nicht davon sprechen, Felix!“ sagte Adele ruhig. „Ich will dir immer ein guter Kamerad bleiben, auf den du dich verlassen kannst. Wenn dir das genügt, soll mir’s recht sein!“

„Ja, Adele, es ist mir recht!“ Unsicher schaute Felix nach seiner Frau. Das war wieder die Art an ihr, die er nicht verstand und nicht begreifen konnte. Dieser Mangel an Wärme und Weichheit, die Sophie in so reicher Weise besaß. Und gerade diese stolze Würde und Ruhe war es, die ihn auch jetzt wieder zu Sophie trieb ...

Sophie Rapp hatte unter der trüben Stimmung ihres Geliebten schwer zu leiden. Fast glaubte sie, daß sie ihn verlieren würde. Aber sie wollte ihn nicht verlieren ... Sie liebte ihn und kämpfte mit ihm um seine Liebe. Und meisterhaft verstand sie es, auch diese Gefahr zu überwinden. Geschickt und klug brachte sie ihn auf andere Gedanken, entwickelte Pläne mit ihm und Zukunftsträume. Alle seine melancholischen Bedenken überwand sie und führte ihn so langsam, aber sicher wieder auf den Pfad, wo sie ihn haben wollte.

Daß Adele bei dem Gatten blieb, war ihr äußerst erwünscht. Sie selber hatte gar keinen Wunsch, sich von Doktor Rapp scheiden zu lassen. Das Verhältnis zu Felix paßte ihr so, wie es war, und sie erstrebte keine Ehe mit ihm.

Daß Felix aber, wenn Adele fortgegangen wäre, im Lauf der Zeit diese Forderung an sie gestellt hätte, das wußte Sophie ganz genau. Und sie wußte es auch, daß es dann zwischen ihr und dem betrogenen Gattenzu einer Katastrophe gekommen wäre. So begünstigte sie das Einvernehmen, das zwischen Felix und Adele herrschte, nach ihren Kräften. Sie brachte es auch zustande, daß Felix aus Rücksicht für seine Gattin den eigenen Schmerz überwand, daß er um ihretwillen, deren Leben er zertreten hatte, dasjenige tat, was er in seiner bedrückten seelischen Stimmung um seiner selbst willen niemals getan hätte.

Sophie sprach mit dem Künstler viel von der Verwirklichung seiner großen Pläne. Seit Monaten schon war sie dem Kaufmann Patscheider in den Ohren gelegen, daß er sich der Gründung einer Tiroler Nationalgalerie annehmen möge. Sie hatte es nicht gerne getan. Patscheider war ihr nicht entgegengekommen, sondern hatte die Angelegenheit abweisend behandelt. Sophie war sich diesem Manne gegenüber dann immer sehr klein und gedemütigt vorgekommen.

Mit großer Selbstüberwindung hatte sie ihn trotzdem bei jeder Gelegenheit, die sich ihr bot, aufs neue bearbeitet. Aber damals war Felix noch der treibende Faktor gewesen. Jetzt, nach dem Tode des Kindes bezeigte er keine Lust mehr, sich weiter für seine eigenen Ideen zu interessieren. Sophie fühlte es, daß nur eine große, neu erwachte Begeisterung jetzt imstande wäre, Felix seiner Lethargie zu entreißen. Und deshalb sprach sie ihm nun immer dringender von seinen Zukunftsplänen und zwang ihn förmlich dazu, auf ihre Gedankenwelt einzugehen.

Traurig und mißmutig wehrte Felix ihr ab. „Laß mich, Sophie!“ sagte er trübsinnig. „Das hat ja jetzt alles keinen Zweck mehr! Für wen soll ich jetzt noch arbeiten? Ich bin froh, wenn das Leben zu Ende ist.“

Da stellte sich Sophie resolut vor ihn hin. „Felix! Mensch! Schämst dich nit!“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Ist das ein Mann, frag’ ich! Es ist ja recht,wenn man um sein Kind trauert. Und ’s Dorele ... das war ein lieber Schneck. Da darf man schon trauern drum. Aber gleich das ganze Leben wegwerfen ... dazu, Felix, hast du kein Recht nit! Ein Künstler gehört nicht nur sich selber, sondern der ganzen Welt, hab’ ich oft von dir g’hört! Und jetzt raffst dich auf, sag’ ich ... und arbeitest und schaffst! Tag und Nacht, wenn’s sein muß! Aber arbeit’! Denk’! Auch deiner Frau zulieb mußt du’s tun!“

Sophie hatte sich neben ihn gesetzt und hatte sich innig an ihn geschmiegt. „Schau, Felix,“ fuhr sie dann mit weicher, überredender Stimme fort, „du hast mir oft erzählt, wie rührend Adele damals an deine Kunst geglaubt hat, als sie dich alle verachtet haben. Und diesen Glauben mußt du ihr jetzt lohnen. Daß ihr zwei, du und sie, nit zusammen paßt, da könnt’s ihr ja beide nix dafür. Das ist halt amal so. Da kann man nix machen! Und sie ist ja eine recht vernünftige Frau. Die versteht’s und kann’s entschuldigen. Aber das ist g’fehlt von dir ... daß du deswegen hergehst und Tag und Nacht a G’sicht schneidest wie zehn Tag’ Regenwetter und dich am liebsten aufhängen tätest vor Kummer ... Das ist blöd und hat kein’ Sinn und kein’ Zweck. Ihr zulieb raff’ dich auf! Sie soll wenigstens auf deine Kunst und auf deine Erfolge stolz sein. Das ist auch eine Freud’ für sie!“

So und ähnlich sprach Sophie Rapp, und sie hatte viel zu tun, ehe es ihr gelang, den Trübsinn von der Stirn des Geliebten zu scheuchen. Aber es gelang schließlich doch. Und Sophie schürte die neu erwachte Lebenslust des Malers, wo sie konnte. Sie spornte seine Phantasie an und erhielt ihn in atemloser Spannung wegen der Durchführung seines großen Planes.

Mit Feuereifer hatte sie sich jetzt der Sache angenommen. Es war schwer, den Patscheider zu gewinnen. Felix Altwirth kam es manches Mal fast unerreichbar vor.Er wußte es wohl, daß er damals, als er seine zornige Empörung nicht hatte bemeistern können, sich den Kaufmann zum Todfeinde gemacht hatte. Es hieß jetzt für Sophie, den einflußreichen Mann zu umschmeicheln und so einzufädeln, daß er ein Werkzeug wurde in ihrer Hand.

Felix Altwirth ahnte es nicht, daß Sophie ihre ganze weibliche List zu diesem Kampfe aufbot. Daß sie alle Künste der Koketterie spielen ließ, um sich den Patscheider gefügig zu machen. Sophie hatte es eingesehen, daß es nur durch dieses eine Mittel möglich sein würde, den Kaufmann für ihre Absichten zu gewinnen.

So spielte sie denn mit dem alternden Mann, wie sie so oft schon mit Männern gespielt hatte. Nur mit dem einen Unterschied, daß dieses Mal der Patscheider es war, der das Spiel bestimmte.

Johannes Patscheider bemerkte es mit einer Art grimmiger Freude, daß die Frau seines Gegners sich allmählich an ihn heranschlich. Er wußte, daß nur die Liebe zu Felix Altwirth sie ihm zutrieb, und er haßte den Maler ehrlich und vom Herzen. Er war nicht gesonnen, auch nur einen Finger zu rühren, um dem Altwirth bei der Verwirklichung seiner ehrgeizigen Pläne behilflich zu sein. Im Gegenteil tat er alles dawider, um die Ausführung zu verhindern.

So plante Sophie Rapp ein großes Wohltätigkeitsfest, dessen Ertrag für den Baufond der Tiroler Nationalgalerie bestimmt gewesen wäre. Doktor Rapp setzte sich dafür ein, und Patscheider vereitelte die Sache, legte Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg und hintertrieb die ganze Veranstaltung schließlich durch Intrigen. Endlich blieb Sophie nichts anderes übrig, als den direkten Weg zu dem Kaufmann anzubahnen.

Johannes Patscheider war im Anfang wenig liebenswürdig zu der Frau seines Rivalen. Da Sophie die mehr oder minder großen Bosheiten, die er ihr sagte,nicht zu verstehen schien, sondern ihren gewöhnlichen lustigen Ton gegen ihn anschlug, so änderte Patscheider seine Taktik insoweit, daß er wenigstens zum Schein auf ihre Vorschläge einging.

Er ließ sie erzählen und beriet sich mit ihr in unverbindlicher Weise. Dabei war er schlau genug, sich jedesmal, wenn sie ihn in einer Falle glaubte, mit Geschick aus der Schlinge zu ziehen. Das Spiel unterhielt ihn um so mehr, als der Reiz dieses Weibes nicht ganz ohne Wirkung auf ihn blieb.

Der Patscheider war keine verliebte Natur. In Weibergeschichten hatte er sich selten eingelassen. Seit er auf der Höhe seines Ansehens stand, schon gar nicht. Er wahrte den Eindruck des schlichten, ehrbaren Bürgers. Und wenn er einmal die Lust verspürte, auch außerhalb seiner Ehe ein kleines Erlebnis zu haben, so wußte er es so einzurichten, daß niemand in Innsbruck jemals eine Ahnung davon bekam.

Die Spannung, die in der stets wechselnden Haltung des Kaufmanns lag, blieb nicht ohne Einfluß auf Felix und Sophie. Von Tag zu Tag wuchsen die Aufregungen. Einen Tag wußte Sophie davon zu berichten, der Patscheider wolle selbst eine größere Summe Geldes stiften zur Gründung der Galerie, um dann den Tag darauf alles zu widerrufen. Diese stete Spannung schuf sowohl bei Felix wie bei Sophie eine fast leidenschaftliche Erregung.

Bei Felix steigerte sie sich dermaßen, daß er, je größer die Schwierigkeiten schienen, desto zäher auf der Erfüllung seines Wunsches bestand. Er hatte sich jetzt geradezu hinein verbissen in seinen Plan, und es schien ihm, als ob sein ganzes Wohl und Wehe von dieser einen Sache abhängen würde.

Sophie verdoppelte ihr Spiel mit dem Kaufmann, bezauberte und bestrickte ihn derart, daß der Rest vonLeidenschaft, der in dem alternden Manne noch übrig geblieben war, zur Glut entfacht wurde.

Johannes Patscheider gewahrte es mit einem gewissen Zynismus, daß sein Begehren nach dem Besitz dieses Weibes ging. Wenn sie zu ihm kam, dann umlauerte sie sein Blick, frech, begehrlich und fordernd. Sophie fühlte es. Sie kannte die Blicke der Männer und verstand, in ihren Augen zu lesen. Sie wußte, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen war, wo sie ihr Spiel gewinnen mußte. Sie kannte jedoch den Einsatz, den er fordern würde. Davor aber schreckte das Weib in ihr zurück.

Sophie Rapp fühlte einen körperlichen Widerwillen gegen Johannes Patscheider. Wenn er sie mit begehrlichen, verliebten Blicken anschaute, so überlief es sie dabei eiskalt. Galant küßte er ihr jedesmal beim Abschied die Hand. Sophie Rapp war es, als hätten seine Lippen eine laue, schlutzige Wärme. Und ihr Ekel vor ihm war so groß, daß sie sich dann stets lange noch mit dem Taschentuch die Hand abrieb, die er geküßt hatte.

Am liebsten wäre sie nie mehr zu ihm gegangen. Sie hatte jetzt eine ausgesprochene Angst vor ihm bekommen und fürchtete sich von Tag zu Tag, daß er den letzten Preis von ihr fordern würde. Und immer wieder schob sie es hinaus, ließ sich von ihm mit leeren Versprechungen hinziehen, nur um diesem einen Schrecklichen zu entgehen.

Felix wurde ungeduldig und reizbar. „Ich sehe ja, Sophie, daß du mich nicht mehr liebst!“ sagte er übellaunig. „Dir fehlt das richtige Verständnis. Du begreifst nicht, daß so ein Zustand des Hangens und Bangens einem jede Lust zum Schaffen benimmt und benehmen muß. Denk’ doch nur, was alles davon abhängt! Ich werde berühmt sein ... unsterblich, Sophie! Unsterblich durch dich ... Auf immer wird mein Name mit jenem des Kunsttempels verbunden sein, und alles werd’ ichdir verdanken, alles! Du allein hast das zustande gebracht, du ...“

„Ach geh’, hör’ auf!“ sagte Sophie gereizt. „Wenn der Patscheider nit so ein grauslicher Kerl wär’! Mit dem kann man ja nix G’scheit’s reden. Alleweil schlüpft er einem durch die Finger durch, wenn man glaubt, man hat ihn.“

„Du darfst ihn dir nicht entschlüpfen lassen, Sophie! Deine Liebe zu mir muß dir die rechten Worte geben!“ sagte Felix drängend. „Geh’ ... sprich mit ihm ... bitt’ ihn! Ich will ja auch zu ihm gehen und mich entschuldigen ...“

„Was dir nit einfallt!“ rief Sophie entsetzt. „Du und zum Patscheider gehen! Daß du mir alles verdirbst! Du darfst nit mit ihm zusammenkommen! Sonst ist alles vorbei!“

Sophie sah sich nun in ihre eigenen Netze so verstrickt, daß ein Entkommen daraus mit heiler Haut unmöglich war. Sie sah, daß sie jetzt um jeden Preis ihren Zweck bei dem Patscheider erreichen mußte. Denn sie fühlte es deutlich, daß Felix’ Liebe zu ihr im Erkalten war. Diese Überzeugung aber erfüllte sie mit nur um so größerer Leidenschaft für ihn.

Felix Altwirth bedeutete für Sophie alles. Er hatte ihr heißes Blut gezähmt, hatte sie ruhiger und vernünftiger gemacht. Das Bewußtsein, diesem Manne mehr zu bedeuten als ein bloßes Werkzeug seiner Lust, gab ihr den innerlichen sittlichen Halt zurück, den sie verloren hatte. Seit Doktor Storf damals seine Beziehungen zu ihr abgebrochen hatte, war keinem andern Manne je wieder ihre Gunst zuteil geworden außer dem Felix Altwirth.

Der Verlust des Doktor Storf traf sie kaum. Er war ihr im Gegenteil recht. Nun konnte sie ganz ihrem Felix leben und ihre volle Glut und Leidenschaft nur diesemeinen geliebten Manne zuwenden. Und immer rasender liebte sie den Maler. Es schien, als habe sie jetzt erst kennen gelernt, was wahre Liebe sei.

Ein tötliches Erschrecken war es für die Frau, als sie erkannte, daß Felix nicht mehr so heiß für sie fühlte wie vordem. Es kam über sie wie ein Erkennen ... Sie durfte ihn nicht verlieren ... jetzt nicht ... um keinen Preis!

Wie ein Abgrund ... öde und leer und schauderhaft gähnte ihr das Leben ohne diese Liebe entgegen. Ohne Felix ... Es würde wieder so werden wie zuvor. Von Genuß zu Genuß würde sie rasen und alles gierig nehmen, was sich ihr bot. Von Mann zu Mann würde sie jagen, und keiner würde darunter sein, der das Weib in ihr zu ehren verstand.

Das tat Felix Altwirth. Und weil er es tat, deshalb besaß er die Liebe dieses Weibes im vollsten Maße, ganz und gar. Er entehrte sie nicht ... er war ihr dankbar für das, was sie ihm gab. Und auf die höchste Stufe der reinen Frau stellte er das Weib, das andere nur nach ihrer Sinnengier gewertet hatten.

Sophie Rapp wurde durch diese Liebe eine andere und eine bessere. Sie war reiner geworden in ihrem Denken und edler in ihren Empfindungen.

Vielleicht wäre ihr das mit dem Patscheider in früheren Jahren nicht so ungeheuerlich erschienen wie heute. Vielleicht hätte sie es mitgenommen als eine unerfreuliche Episode ihres Lebens, als etwas ... an das sie lieber nicht mehr denken wollte.

Heute fühlte sie anders. Sie empfand frauenhaft und rein. Sie empfand rein, weil die große Liebe zu einem Mann sie geläutert hatte und sie dazu befähigte.

Sophie Rapp lernte erst jetzt die Seelenkämpfe kennen, die einem inneren Zwiespalt entspringen. Bis jetzt hatte sie ihr Leben mit Leichtigkeit bestimmt und geleitet.Ohne Kampf war das alles gegangen. Was sie wollte, hatte sie stets erreicht. Wie auf leichten, blumigen Wegen war sie dahingeglitten, heiter und froh und lebenslustig. Bis er kam ... der den Durst zu stillen verstand und ihr ganzes Sein für sich in Anspruch nahm.

Jetzt aber litt Sophie um ihrer Liebe willen heiße Seelenkämpfe. Und es gab manchen Morgen, der sie noch mit offenen Augen im Bett liegen fand. Eine nervöse Überreiztheit war die natürliche Folge dieses Zustandes. Sie sah jetzt öfters übernächtig aus, gequält und eingefallen. Auch ihr heiteres Temperament litt unter diesen Qualen.

Ihrem Gatten entging es nicht, daß sie jetzt oft wegen geringfügiger Ursachen aufbrauste, daß sie übellaunig war und häufig mit ernstem, finsterem Gesicht vor sich hinzustarren pflegte, wenn sie sich unbeobachtet glaubte.

Diese Veränderung verfehlte nicht die Rückwirkung auf Doktor Rapp. Sein Mißtrauen erwachte und steigerte sich von Tag zu Tag. Zum ersten Male seit seiner Ehe beobachtete er Sophie mit einer Art inneren Unbehagens und legte ihren Worten, die sie ihm harmlos sagte, eine ganz andere Bedeutung zugrunde.

Doktor Rapp war jetzt ernstlich beunruhigt. Er verfolgte seine Frau heimlich auf ihren Gängen und belauerte sie. Sophie, die mit rascher Klugheit dieses sich steigernde Mißtrauen bei dem Gatten bemerkt hatte, gab sich alle Mühe, ihm eine Rolle vorzuspielen, um das zu scheinen, was sie nicht mehr war ... ein zufriedenes, glückliches Weib. Aber das Mißtrauen hatte sich nun einmal festgesetzt bei Valentin Rapp und wollte nicht mehr aus seiner Seele weichen.

Es war eine harte Zeit für Sophie gekommen. Oft war ihr so schwer zumute, daß sie ihre ganze Kraft aufbieten mußte, um die große Gefahr, die sie von allen Seiten umgab, zu überwinden ...

Und in einem Anfalle innerer Verzweiflung ging Sophie Rapp zu Johannes Patscheider. Ging mit bebendem Herzen und doch mutig und unerschrocken und beschwor dasjenige herauf, vor dem sie in qualvollen Stunden zurückgeschreckt war.

Sie trieb den Mann zu einer Entscheidung. Jetzt mußte er sich erklären, mußte sich entschließen. Und dann ... wenn dieses Letzte, Schwerste überwunden war, dann würde sie wieder ihre Ruhe und ihren Frieden finden können. Das wußte sie.

Nun stand Sophie in dem großen, kostbar ausgestatteten Zimmer des Kaufmanns. Es war derselbe Raum, in dem Felix Altwirth als ein Bittender vor diesem Manne gestanden hatte, wo er ihn voll Empörung einen Hund geheißen hatte. Diesen Schimpf verzieh ihm der Patscheider niemals im Leben.

Und jetzt forderte Sophie in klaren, energischen Worten, daß er sich für diesen selben Mann, der ihn mit seiner Beleidigung so tief getroffen hatte, einsetzen solle. Daß er die Sache dieses ihm verhaßten Menschen zu seiner eigenen machen solle. Daß er mit dem Namen dieses Mannes seinen eigenen verknüpfen solle für alle Zeiten in der Geschichte der Stadt.

Johannes Patscheider hatte stets ein offenes Herz und eine offene Hand, wenn es galt, etwas im Interesse der Stadt zu unternehmen. Er war dem Plane des Malers Altwirth im Prinzip nicht abgeneigt. Er wußte, daß es dem Ansehen der Stadt nur nützen konnte, wenn sie über einen Kunsttempel verfügte. Aber er sträubte sich anfangs im obstinaten Eigensinn gegen diese Erkenntnis.

Erst durch Sophiens Einfluß wurde dieser Eigensinn besiegt. Aber nicht ganz. Denn wenn er jetzt einlenkte, wenn er durch sein Geld ein Werk ins Leben rief, das nicht nur ihn selber, sondern auch den Maler Felix Altwirth gewissermaßen unsterblich machte im Land ...dann wollte er auch diejenige sein eigen nennen, um derentwillen er seinen Starrsinn gebrochen hatte.

Sophie zitterte an allen Gliedern, als sie jetzt in ihrem eleganten Straßenkleid vor Patscheider stand. Sie mußte ihre ganze Kraft aufwenden, um ihrer Stimme die nötige Festigkeit zu geben.

„Aber heute, Herr Patscheider, heute schicken’s mich ohne ein Resultat nit fort von da! Das sag’ ich Ihnen!“ meinte sie mit erzwungener Lustigkeit. „Heute sagen’s ja oder nein!“ erklärte sie resolut. „Wenn Sie nein sagen, dann wissen wir wenigstens, woran wir sind!“

„Aber liebe ... schöne Frau Doktor ...“ sagte der Kaufmann ausweichend und nötigte Sophie gewaltsam, Platz zu nehmen. „Sind’s doch nit so grausam! Ja oder nein! Zu Ihnen kann man doch nur ja sagen!“ scherzte er, indem er näher an sie heranrückte und ihr mit verliebten Augen dreist ins Gesicht starrte. „Sie sind ja ...“

Sophie überlief ein Schauder. Fast ängstlich rückte sie von ihm ab, um ihn ja nicht zu nahe an sich kommen zu lassen.

„Nein ... nein ...“ erklärte sie entschlossen und ohne ihn anzusehen. „So fangen’s mich heut’ nimmer ein! Ich frag’ jetzt, und Sie antworten nur mit ja oder nein!“

„Einverstanden!“ sagte der Patscheider höflich. „Also fragen’s!“

„Soll das Projekt vom Maler Altwirth ausgeführt werden?“

„Ja!“

„Bald?“

„Ja!“

„Übernehmen Sie die ganze Angelegenheit?“

„Ja!“

„Und die materielle Seite? Wie steht’s mit der?“fragte Sophie stockend. Sie wußte, daß er nun ausweichend antworten würde.

„Gnädige Frau müssen dafür aufkommen!“ erklärte der Patscheider im bestimmten Ton.

„Unsinn!“ Sophie erhob sich erregt und sah den Mann, der mit zynisch boshaften Blicken auf sie schaute, mit zornigen Augen an. „Sie wissen, daß ich das nit kann. An diesem Punkt scheitert ja alles. Die Stadt muß aufkommen dafür. Die Stadt muß Gründerin sein. Verstehen Sie mich, Herr Patscheider?“

„Ja, Frau Doktor!“ sagte der Patscheider gelassen und starrte sie unverwandt an.

„Na ... und?“ fragte Sophie ungeduldig.

„Die Stadt hat andere ... dringendere Auslagen zu decken. Der Stadt kann so was nit zugemutet werden!“ versetzte der Patscheider ruhig.

„Sie ... Herr Patscheider ...“ Sophie war jetzt ganz nahe an ihn herangetreten, „Sie wissen ganz genau ... was für einen Einfluß Sie haben ...“

„Da soll doch der Herr Gemahl seinen Einfluß ...“

„Damit Sie alles wieder hintertreiben. Ja!“ sagte Sophie erregt. „Wie Sie’s immer gemacht haben. Heimtückisch und ...“

„Und ... Frau Sophie?“ fragte der Patscheider und legte zärtlich seinen Arm um ihren Hals. Sie gefiel ihm in ihrer Aufregung noch viel besser als sonst.

„Lassen’s mich aus!“ wehrte ihm Sophie mit unverhohlenem Abscheu. „Reden’s anständig mit mir!“

„Ja ... Frau Sophie. Gern!“ sagte der Kaufmann leise. „Aber zuerst setzen’s Ihnen da neben mir her. Da ... ganz nahe!“

Er deutete mit seinem dicken, wulstigen Zeigefinger auf ein Sofa, das an der Wand stand, und setzte sich dann selber in recht gemütlicher und ungenierter Weise darauf.

„Wollen’s Ihnen nit niedersetzen, Frau Sophie?“ meinte Johannes Patscheider über eine Weile, als Sophie noch immer zögerte.

„Nein!“ sagte Sophie abweisend.

„Nit?“ Der Kaufmann zog bedauernd seine Brauen hoch. „Das tut mir aber leid, weil wir sonst noch ein bissele miteinander unterhandeln hätten können.“

„Das können wir so auch!“ stieß Sophie atemlos vor innerer Erregung hervor.

„Nein, das können wir nit!“ erklärte der Patscheider bestimmt.

Er saß auf dem Sofa, und mit beiden Händen stützte er sich auf den weichen Polstersitz. Mit lauernden Blicken sah er auf Sophie, sah ihre zitternde Erregung und sah den inneren Kampf, der sich in ihrem Gesicht widerspiegelte. Aber er hatte kein Mitleid mit ihr. Er weidete sich an ihrer Angst. Und dieses Gefühl steigerte seine Begierde nach ihr. Warum sollte er sie nicht besitzen? War der Preis, den er ihr bot, nicht hoch genug für eine Nacht? Eine Nacht nur ... aber die wollte er genießen.

„Wir hätten sonst vielleicht davon reden können ... daß ich als Gründer ... mit einem Kapital von Fünfzigtausend ...“ fuhr der Kaufmann langsam fort.

„Wollten Sie das ... Herr Patscheider?“ brachte Sophie aufgeregt hervor.

„Es ist möglich ...“ erwiderte der Patscheider mit ruhiger, langsamer Stimme. „Wenn nämlich gewisse Vorbedingungen erfüllt werden.“ Er sah sie frech und herausfordernd an.

„Und ...“ stieß Sophie keuchend hervor, „die sind?“

„Wollen Sie Ihnen nit doch jetzt ein bissel da neben mir hersetzen ... Sophie?“ fragte er über eine Weile.

Die beiden hatten sich wie ebenbürtige Gegner mit ihren Blicken gemessen. Sie verstanden einander ohne Rede.

„Nun ... wird’s bald?“ fragte der Patscheider dann nach einer großen Pause, während der sich Sophie nicht von ihrem Platz gerührt hatte ... „Oder soll ich die schöne Frau zu mir herholen?“

Langsam und mit gesenkten Blicken kam Sophie näher. Schritt für Schritt. Sie wußte, daß es jetzt kein Entrinnen gab.

Johannes Patscheider erhob sich und ging ihr entgegen. Und dann umfing er sie mit gieriger Hast und sog sich an ihren Lippen fest.

Mit beiden Fäusten stieß ihn Sophie von sich fort.

„Ich will nicht!“ schrie sie, sich leidenschaftlich gegen ihn zur Wehr setzend. „Ich will nicht!“

„Nicht?“

„Nein!“ Sie stampfte mit dem Fuß in ohnmächtiger Wut.

Der Patscheider hielt sie mit beiden Armen fest umklammert.

„Eine Nacht ... Sophie ...“ flüsterte er heiser. „Eine einzige Nacht ...“

„Schuft!“ fauchte sie ihn wie eine Wildkatz an. „Ich bring’ dich um, wenn du dein Wort nit hältst!“

„Ich halt’ mein Wort. Aber zuerst der Preis!“

Wie mit Eisenklammern hielt sie der Mann in seinen Armen. Sie fühlte seinen heißen, erregten Atem, und sie dachte an Felix, dem sie dieses Opfer bringen mußte.

Eine Nacht ... eine einzige Nacht nur ... Dann war’s vorbei ... Die Qual überwunden ... Sie konnte wieder glücklich sein ...

„Ja!“ stieß sie zitternd hervor und wand sich verzweifelt unter seinen Küssen.

„Lass’ dich küssen ... Weib ...“ sagte der Patscheider zynisch. „Ich zahl’ gut ... es ist nix umsonst!“

Wie von Sinnen eilte Sophie Rapp aus dem Hause des Kaufmanns. Sie irrte durch ganz entlegene Gassen,hinüber nach Hötting, dem Walde zu ... Sie konnte jetzt nicht unter Menschen gehen mit dieser flammenden Röte der Scham in den Wangen. Jeder würde ihr die Entehrung und Schande vom Gesicht ablesen können ... Sie mußte fort ... allein sein ... konnte niemanden sehen ... bis alles vorbei war ...

***

Einige Tage war Sophie jetzt nicht zu Felix gekommen. Sie schrieb ihm auch nicht und ließ nichts hören von sich. Da kam Felix Altwirth von banger Sorge getrieben zu ihr.

„Sophie ... Liebste ... Einzige ...“ sagte er zärtlich, als sie allein waren. „Hab’ ich dir weh getan? Hab’ ich dich beleidigt? Bist du krank gewesen?“ Ganz unglücklich sah der Maler drein, als er leise und sanft ihr immer wieder liebkosend über die heiße Stirn fuhr.

„Ich hatte Kopfschmerzen,“ sagte Sophie ausweichend und vermied es, Felix in die Augen zu sehen. Seine warme Zärtlichkeit tat ihrer wunden, zertretenen Seele ungemein wohl. Sie lehnte sich in ihrem Schaukelstuhl zurück und schloß die Augen.

Sophie sah elend aus. Tatsächlich krank. Sie hatte auch ihr inneres Gleichgewicht noch nicht wiedergefunden. Immer von neuem tauchten die schrecklichen Stunden in ihrer Erinnerung auf. Es war ein Glück, daß Doktor Rapp für einige Zeit hatte verreisen müssen. So brauchte sie diesem wenigstens keine Komödie vorzuspielen. Und bis er kam, so hoffte sie, würde sie wohl wieder ganz hergestellt sein.

Sie fühlte sich jetzt, da Felix sie mit seiner achtungsvollen Liebe umgab, bereits wohler. Sie lachte ihn an und plauderte mit ihm, und er mußte ihr erzählen, was er geschaffen hatte, seit sie sich nicht sahen.

Wie eine lange Zeit der Trennung kam es den beiden jetzt vor. Und Felix gestand ihr, wie er von Stunde zu Stunde auf sie gewartet und geharrt hatte, und wie er schließlich so unruhig wurde, daß er diesen Besuch bei ihr wagte.

„Bei hellichtem Tag!“ neckte er sie. „Da bin ich ganz fremd bei dir. Gelt, Schatz?“

„Ja!“ sagte Sophie trocken.

„Na ... Schatz ... was hast du denn?“ fragte Felix verwundert.

„Nichts!“ Sophie schüttelte den Kopf und wiegte sich schaukelnd in dem Stuhl. Sie hatte ein ungewöhnlich ernstes Gesicht.

„Doch!“ beharrte Felix. „Du hast etwas. Du ...“

„Ach ...“ sagte Sophie ausweichend, „es ist mir nit ganz recht, daß du zu mir gekommen bist.“

„Wegen deinem Mann?“

„Ja! Du weißt ja ... daß er jetzt so eigen ist ... so mißtrauisch. Ich möcht’ ihn erst wieder ruhiger werden lassen ... dann ...“

„Ja ... aber er ist ja jetzt gar nicht da?“ fragte Felix verständnislos.

„Nein! Aber wenn er’s erfährt?“

„Ach Kind ... du bist krank. Beim hellichten Tag! Was ist denn dabei?“

„Nix. Aber du sollst jetzt doch lieber gehen!“ drängte Sophie.

„Also geh’ ich halt gehorsamst!“ sagte Felix. „Aber ... dann mußt du morgen zu mir kommen. Willst du?“

„Ja ... Felix ...“ Sie hielt ihm ihren Mund entgegen und küßte ihn innig.

„Aber Kind ... du weinst ja?“ rief Felix erstaunt. „Was ist denn?“

Nun weinte Sophie wirklich. Ein kurzes, leidenschaftliches Schluchzen.

„Kind ... Sophie ... Schatz!“ tröstete sie Felix zärtlich. „Was ist dir denn widerfahren? Schau, sag’ mir’s doch! Quält er dich recht ... dein Mann?“

Sophie schüttelte den Kopf. „Nein!“ stieß sie hervor.

„Nicht? Ja, weshalb weinst du denn dann?“

Da barg Sophie ihren Kopf wie Schutz suchend an der Brust des Geliebten und schluchzte laut auf in wildem Schmerz. Und je länger sie weinte, desto gefaßter wurde sie. Felix beschwichtigte sie, wie man ein Kind zu trösten sucht.

Als sie ruhiger geworden war, frug er sie ernst: „Er quält dich also doch ... nicht wahr?“

Sophie nickte. Sie war froh, daß er die Lüge glaubte. Und dann war es ihr leid um den Gatten, den sie verleumdet hatte. — — —

Mit keinem Wort hatte Sophie dem Maler von dem Zustandekommen der Nationalgalerie sprechen können. Erst viel später, als die Sache schon nahe vor der Veröffentlichung war, sagte sie es ihm ...

„Und das sagst du mir erst jetzt, Sophie?“ frug Felix verwundert.

„Du hast mich ja nimmer g’fragt drum!“ gab sie ihm lustig zur Antwort.

„Ich sah, daß du nicht wohl warst, und da nahm ich mir vor ... dich nicht auch noch zu quälen. Die Sache schien dich doch aufzuregen.“

„Jetzt ist’s überstanden!“ sagte Sophie ruhig. „Gott sei Dank!“

„Und der Patscheider?“

Alle Farbe wich bei der Nennung dieses Namens aus ihrem Gesicht.

„Der Patscheider zeichnet als Gründer Fünfzigtausend!“ sprach sie ruhig.

„Ja ... Sophie ... Sophele!“ In einer wahren Ekstase des Glückes drückte sie Felix an sich. „Du bistja eine Zauberin! Wie hast du nur das zustande gebracht?“

Sanft löste sich Sophie aus den Armen des Geliebten und sah ihn mit ernsten Augen an. Dann nahm sie seinen Kopf in ihre Hände und küßte ihn lange und küßte ihn innig.

„Sophie ...“

„Wenn ich dich nit so gern hätt’ ...“ hauchte Sophie.

Aber nie erfuhr Felix Altwirth von dem Opfer, das Sophie Rapp um seinetwillen gebracht hatte.

Schlussvignette, Kapitel 18


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