Neunzehntes Kapitel.
In dem Festsaal beim „Weißen Hahn“ tagte heute die Versammlung zur Gründung einer Tiroler Nationalgalerie in Innsbruck.
Johannes Patscheider hatte Wort gehalten. Mit seiner ganzen Persönlichkeit stand er für die Sache ein. Vertrat sie mit Macht und Energie und tat alles, um den großen Plan zur baldigen Ausführung zu bringen. Für den heutigen Abend hatte er alle jene Männer eingeladen, die Namen, Rang und Titel besaßen und die er für das Gelingen des Werkes zu gewinnen hoffte.
Es war eine stattliche Anzahl von Herren, die der Aufforderung des angesehenen Bürgers Folge geleistet hatten. Herren aus allen Ständen. Hohe Beamte, Honoratioren, Professoren und Künstler des Landes.
Felix Altwirth war ebenfalls anwesend. Zwischen ihm und dem Kaufmann Patscheider hatte eine förmliche Versöhnung stattgefunden. Felix Altwirth war einmal zu Patscheider gegangen und hatte dort seine Karte hinterlassen. Das war alles gewesen. Gesprochen hatten sich die beiden nicht bis zum heutigen Abend. Und auch jetzt war die Unterredung kühl und kurz gewesen.
Doktor Rapp hatte dieselbe herbeigeführt und war Zeuge, wie die beiden Männer einander die Hände schüttelten. Es war eine so frostige Begegnung, wie der Rechtsanwalt sie nur selten gesehen hatte. Felix Altwirth dankte dem Kaufmann für sein Entgegenkommen und rühmte seine Großmut, die er durch die Stiftung einer so hohen Summe bewiesen habe.
Johannes Patscheider wehrte mit kurzen, fast schroffen Worten ab. „Ihnen zulieb hab’ ich’s nit getan, Herr Altwirth!“ sagte er mit seiner lauten Stimme, so daß es alle, die es wollten, hören konnten. „Also brauchen’s mir auch nit zu danken!“ Dann wandte er sich unvermitteltvon dem Maler ab und sprach mit einigen Herren, die hinzugekommen waren.
Simon Tiefenbrunner trippelte unruhig im Saale umher. Trippelte von einer Herrengruppe zur andern und hielt sich dann wieder in der Nähe von Felix auf, der abwechselnd mit Doktor Storf und Doktor Valentin Rapp sprach.
Ängstlich wartete der Apotheker auf einen günstigen Augenblick, um sich an Felix heranzumachen. Dabei rieb er sich unausgesetzt die Hände, verbeugte sich geschäftig vor diesen und jenen Bekannten und schielte dann wieder über seinen Zwicker hinweg zu Felix Altwirth hinüber.
Frau Therese Tiefenbrunner hatte dem Gatten den strengen Auftrag erteilt, noch heute abend eine Versöhnung mit Felix anzubahnen. „Weißt, Simon, jetzt wo der Felix, unser Neffe, so berühmt wird, jetzt geht das nicht mehr, daß wir in Feindschaft von ihm getrennt leben. Jetzt müssen wir uns schon mit ihm aussöhnen!“ hatte sie gesagt.
„Ja ... aber ...“ wandte der kleine Mann zaghaft ein, „eigentlich muß das doch vom Felix ausgehen. Er hat uns doch beleidigt!“
„Er hat uns nit beleidigt, Simon! Da tust du dich wieder einmal täuschen!“ hatte die Gattin ganz energisch erwidert. „Das war sie ... die Frau ... die Person ... die ...“
„Alsdann muß die kommen ...“
„Nein, Simon! Das tut die nit! Da kennst du sie schlecht. Wir müssen halt denken ... das G’scheitere gibt nach! Und du schaust heut’ auf den Abend, daß du den Felix allein erwischen tust, und sagst ihm, ich lass’ ihn schön grüßen, und er kann schon einmal auf ein’ Kaffee kommen, wenn er mag!“
„Und wenn er nit mag?“ fragte der Apotheker.
Da wurde Frau Therese ungeduldig. „Ich weiß nit, Simon, wie du mir heut’ vorkommst!“ meinte sie vorwurfsvoll. „Red’ halt zuerst einmal mit ihm! Und wenn er nit kommt ... dann soll er’s bleiben lassen! Es ist mir ja nur wegen die Leut’, daß die Feindschaft ein Ende hat. Und daß man, wenn man dem Felix einmal am Weg begegnet, doch auch stehen bleiben kann bei ihm. Damit man sieht, daß man doch verwandt ist mit ihm.“
Das waren allerdings Argumente, die der Apotheker Tiefenbrunner einsehen mußte, ob er wollte oder nicht. Deshalb schlich er jetzt auch immer um die Gruppe herum, die sich nach und nach um Felix Altwirth gebildet hatte, und wartete eine Gelegenheit ab, um sich dem Doktor Storf zu nähern. Denn dieser sollte als ein alter Freund von Felix die Versöhnung zwischen Onkel und Neffen herbeiführen. So hatte es sich Simon Tiefenbrunner ausgedacht.
Der Saal füllte sich mit immer neuen Leuten. Es herrschte trotz der vorgerückten Jahreszeit eine Bruthitze in dem Raum. Ein Gewirr von Stimmen, ein Lachen und Plaudern von vielen Männern und mehr oder minder erwartungsvolle Gesichter. In der Mitte des Saales war eine kleine Tribüne errichtet. Von hier aus sollte Johannes Patscheider eine Ansprache halten, der dann die Gründung des Vereins zur Erbauung einer Tiroler Nationalgalerie folgen sollte.
Simon Tiefenbrunner glaubte jetzt den richtigen Moment gekommen, um sich mit seinem Anliegen an Doktor Storf zu wenden. „Einen Augenblick, Herr Doktor!“ Der Apotheker sagte es leise und zupfte den Arzt am Ärmel.
„Herr Tiefenbrunner?“ Doktor Storf sah erstaunt auf den Apotheker herab, der in einiger Verlegenheit vor ihm stand. Die beiden Herrn entfernten sich, um dann gleich darauf gemeinsam zu Felix zurückzukommen.
„Du, Felix!“ sagte Max Storf. „Schau, wen ich dir da bring’!“
„Ach, Onkel Tiefenbrunner!“ Ehrlich erfreut bot der Maler dem alten Herrn seine Hand. „Das ist schön, daß du auch gekommen bist. Willst du auch Mitglied werden, und trittst du als Gründer bei?“ Als wenn es zwischen ihnen nie eine Mißhelligkeit gegeben hätte, so unbefangen sprach Felix mit dem Apotheker.
„Ja, freilich! Natürlich!“ versicherte Simon Tiefenbrunner eifrig. Der kleine Mann freute sich innig darüber, daß Felix ihm die Versöhnung so leicht gemacht hatte. „Bei so was muß man schon mittun!“ sagte er mit wichtigem Gesicht. „Ein paar Tausender lassen wir da schon springen. Ich und die Tant’!“
„Das ist recht, Onkel! Es ist wirklich ein edler und vornehmer Zweck!“ sagte Felix mit leuchtenden Augen.
Da trat mit einem Male Ruhe ein im Saal. Das Stimmengewirr verflüchtigte sich. Die Gruppen lösten sich, gingen auseinander und nahmen in den Sesselreihen Platz.
Johannes Patscheider hatte jetzt die Rednerbühne betreten und stand droben, groß, wuchtig und knochig. Er machte einen schlichten Eindruck, und schlicht und einfach waren die Worte, die er sprach.
Der Kaufmann sprach von Kunst und Wissenschaft, sprach vom Aufblühen eines Landes und seinem Gedeihen, und wie es Ehrenpflicht eines jeden einzelnen sei, der sein Land wahrhaft liebe, die Kunst im Lande zu fördern ... „Darum, meine Herrn, habe ich Sie heute zu dieser Versammlung geladen, damit wir uns gemeinsam zusammentun und vereinigen zu einer großen Tat. Die Idee ist nicht meinem Gehirn entsprungen. Das wissen Sie alle, meine Herren. Dieses Verdienst gebührt einem Künstler, unserem lieben und verehrten Landsmann und Mitbürger Felix Altwirth. Und wirfreuen uns, daß es ein Innsbrucker war, der mit diesem großen Gedanken, mit dieser ausdrücklichen Forderung an uns herangetreten ist. Denn es ist ein Bedürfnis im Land. Innsbruck, diese Perle der Städte, unsere liebe Heimatstadt, an der wir alle, ich möchte sagen, mit verehrungsvoller Liebe und Hingabe hängen, diese moderne, aufstrebende Stadt, die alles besitzt, was man in dem Rahmen einer solchen Stadt erwarten darf, diese Stadt hat noch nicht jenes erhabene Bauwerk aufzuweisen, in dem die bildende Kunst eine dauernde Heimstätte finden kann. Wir wollen uns das ehrlich eingestehen, meine Herren. Esistein Mangel. In eine Stadt von dem Range, in dem die Landeshauptstadt steht, gehört ein Gebäude, das nur dem Zweck der schönen Künste gewidmet ist. Daß das nicht schon besteht, ist ein Vorwurf. Ein Vorwurf für uns alle. Ich nehme mich davon nicht aus. Seit mir aber die Augen geöffnet worden sind, will ich meinen Fehler gutmachen nach Kräften. Die Landeshauptstadt soll allen Städten der Provinz als ein leuchtendes Beispiel vorangehen. Sie soll der Mittelpunkt werden eines geistigen Lebens. Der Mittelpunkt eines Kunstlebens, das in Wirklichkeit im Land existiert, dem aber nur die Führer gefehlt haben. Das, meine Herren, ist der Zweck, warum wir uns entschlossen haben, eine Tiroler Nationalgalerie zu gründen. Je größer in einem Volke die Kultur entwickelt ist, desto größer geht sein Streben und sein Sinn nach Kunst. Es ist eine heilige Pflicht für uns, daß wir dieses Streben fördern, nach Kräften fördern. Wir wollen der Welt zeigen, daß nicht nur die Großstädte dazu berechtigt sind, das Kunstleben als ihr Eigentum zu betrachten. Jede Stadt der Provinz hat ein Recht dazu, einen maßgebenden Einfluß auf diesem Gebiete auszuüben. Daß dieses oft nicht geschieht, ist eine Schuld und entspringt einem mangelnden Verständnis. Wir wollen keine solche Schuld aufuns laden. Als erste wollen wir dem Lande vorangehen, wollen zeigen, was wir können. Fördernd wollen wir eintreten in das Kunstleben unserer Stadt, und wir wollen unsern Nachkommen, unsern Kindern und Kindeskindern beweisen, daß wir nicht nur im politischen und nationalen Sinn verstanden haben zu wirken und zu handeln, daß wir nicht aufgegangen sind im kleinlichen Parteihader, sondern daß wir stets zusammengehalten haben wie ein Mann, wenn es galt, für unsere schöne, liebe Vaterstadt Großes zu schaffen, sie als erste einzureihen in das Kulturleben der Gegenwart. Und deshalb, meine Herren, weiß ich, daß ich keine Fehlbitte getan habe. Alle, wie wir da sind, werden wir beisteuern für den erhabenen Zweck, auf daß er gelinge zum Ruhme und zur Ehre der Stadt! Ich glaube aus aller Herzen zu sprechen, wenn ich Sie auffordere, mit mir einzustimmen in den begeisterten Ruf: Innsbruck, das berggekrönte Juwel des Landes ... lebe hoch ... hoch ... hoch!“
Ein brausender Jubel hallte durch den großen Saal. Von allen Seiten wurde Johannes Patscheider umringt und beglückwünscht. Allen schüttelte er die Hand. Auch dem Maler Altwirth, der sich kaum fassen konnte vor Freude und Glück ...
Der alte Rat Leonhard war gleichfalls bei der Rede des Kaufmanns im Saale anwesend und hatte andächtig zugehört. Recht andächtig. Den Kopf auf die eine Seite geneigt, die Hände fest in der Tasche, als müsse er das Geld, das er da drinnen trug, vor einem unvorhergesehenen räuberischen Überfall beschützen, so stand der alte Herr da und sah mit stechenden, scharfen Blicken zu dem Redner hinüber.
Als der jubelnde Beifall verrauscht war und die näheren Beratungen begannen, da machte sich der alte Herr aus dem Staub, so schnell er konnte, und ging hinüberins Herrenstübel, wo Frau Maria Buchmayr einsam und verlassen saß.
„Schon da, Herr Rat?“ fragte die Wirtin etwas erstaunt. „Hat’s Ihnen nit g’fallen drüben?“
„Naa!“ sagte der alte Herr energisch. „Gar nit!“
„Hat denn der Patscheider nit schön g’redet?“ forschte die Wirtin neugierig.
„Der hat mir zu schön g’red’t, Frau Buchmayr. Zu schön, sag’ ich Ihnen!“ Der alte Herr hob warnend seinen knochigen Zeigefinger. „Das ist nit alles echt ... wenn einer so schön red’t. Sagen’s ... ich hab’s g’sagt, Frau Buchmayr! Nit alles echt ... nit alles echt!“ nickte er dann noch ein paarmal bekräftigend vor sich hin ...
Als die Herren später in der Nacht auseinandergingen, drückte der Doktor Rapp dem Patscheider warm die Hand. „Sie sind doch a ganzer Kerl, Patscheider!“ lobte der Rechtsanwalt. „Das muß Ihnen der Neid lassen. Ich sag’s nit gern. Das wissen’s ja!“ setzte er scherzend hinzu.
Johannes Patscheider brach in ein dröhnendes Gelächter aus und klopfte dem Rechtsanwalt gönnerhaft auf die Schulter. „Ha! Ha! Ha! Ha! Herr Doktor, das geben’s gut! Ausgezeichnet! Und weil’s von Ihnen kommt, das Lob, drum freut’s mich um so mehr. Übrigens ...“ der Patscheider sah den Rechtsanwalt einen Augenblick von der Seite her lauernd an, „das Hauptlob verdient Ihre Frau. Nit ich!“
Es war etwas in dem Blick Johannes Patscheiders, das dem Rechtsanwalt mißfiel.
„Ja, meine Frau! Da haben’s recht!“ stimmte er bei. „Wenn die sich was in den Kopf setzt, dann muß sie’s auch erreichen.“
„Um jeden Preis!“ sagte der Kaufmann wie für sich.
Die beiden Herren waren ein Stück des Weges miteinandergegangen. Durch die Lauben bis zum Burggraben, da, wo die breite Museumsstraße in den Burggraben mündet. Der Mond stand im vollen Zeichen und sandte sein mildes Licht über die Innsbrucker Altstadt. Lachte freundlich herunter vom sternenbesäten, glitzernden und funkelnden Nachthimmel auf die düstere, alte Franziskanerkirche mit ihrem zum adeligen Damenstift und zur Hofburg führenden angebauten Torbogen und erhellte mit kaltem, frostigem Glanz die leicht beschneiten Bergspitzen der Nordkette.
Valentin Rapp fühlte ein inneres Unbehagen, als er neben Johannes Patscheider in erzwungen gemächlichem Gang einherschritt. Er war froh, daß sich ihre Wege nun trennten.
„Grüßen’s mir die Frau recht schön, Herr Doktor!“ sagte der Patscheider, da sie voneinander Abschied nahmen.
„Danke, Herr Patscheider!“ erwiderte Doktor Rapp trocken. Es störte ihn abermals etwas im Tonfall des andern. Was war es nur? War er schon so nervös geworden in den letzten Monaten, daß er überall Arges witterte?
„Sie, Herr Doktor ...“ Johannes Patscheider hielt die Hand des Rechtsanwaltes einen Augenblick in der seinen.
„Ja?“
„Wir sind, solang’ wir’s denken, doch immer Gegner gewesen. Nit wahr?“ sagte der Kaufmann.
„Freilich!“ gab der Advokat zu. „Und wollen’s auch bleiben! Hoffentlich noch recht lange!“ sprach er mit etwas erkünstelter Heiterkeit.
„Das hab’ ich aber nit sagen wollen!“ erwiderte der Patscheider. „Ich hab’ g’meint ... wir könnten uns versöhnen ... ausgleichen ...“
„Ich mich mit Ihnen?“ Jetzt lachte Doktor Rapp wirklich herzlich heraus. „Solang’ ich leb’, nit! Das ist g’wiß!“ sagte er lustig. „Wenn Sie mich in den letzten Jahren auch heruntergedrückt haben ... es dauert nimmerlang ... dann spiel’ ich wieder die erste Geig’n!“ drohte er übermütig.
„So?“ Der Patscheider warf einen derart stechenden Blick auf seinen Gegner, dem er an Körpergröße um Kopfeslänge überlegen war, daß es dem Rechtsanwalt fast wehe tat. „Meinen’s, daß Sie das je erreichen, Herr Doktor?“ fragte der Kaufmann herausfordernd.
„Natürlich! Das werden wir schon sehen! Ich hab’ ja nix gegen Ihnen persönlich einzuwenden, Herr Patscheider ... aber wenn Sie noch weiter da regieren wie bisher ...“
„Aber Sie regieren nit! Das weiß ich!“ sagte Johannes Patscheider brutal.
„Lassen wir’s drauf ankommen, Herr Patscheider!“ forderte ihn der Rechtsanwalt kampfeslustig heraus.
„Ich rat’s Ihnen nit!“ sprach der Kaufmann drohend. „Bleiben’s lieber der ... der Sie sind ... und grüßen’s mir Ihre Frau!“
„Zum Donnerwetter noch amal!“ entfuhr es dem Rechtsanwalt jetzt zornig. „Was haben’s denn immer mit meiner Frau?“
„Was soll ich denn haben?“ tat der Patscheider unschuldig. „Einen Gruß schick’ ich ihr. Ist das vielleicht dem Herrn Gemahl nit recht?“
„Recht oder nit recht!“ erklärte Doktor Rapp mit Bestimmtheit. „Jedenfalls verbiet’ ich mir den Ton, den Sie da anschlagen, Herr Patscheider!“
„So sind’s doch nit so aufgeregt, Herr Doktor!“ beruhigte ihn der Patscheider in seinen sanftesten Tönen. „Man möcht’ schon meinen ... Sie wären auf mich eifersüchtig?“
„Ich ... auf Ihnen!“ Der Rechtsanwalt lachte ein lautes, hartes, gezwungenes Lachen, das durch die öde, menschenleere Straße unangenehm widerhallte.
„Haben auch keine Ursache, Herr Doktor! Nicht immindesten Ursache ... versichere ich Ihnen!“ beruhigte ihn der Patscheider, und seine Stimme hatte für das gereizte Ohr des Advokaten einen widerlich speckigen Klang. Es war ihm, als entspränge dieser Ton einem Gefühl gesättigten Genusses ...
Den Rechtsanwalt Valentin Rapp trieb die Unruhe der Eifersucht durch die mondhelle, klare Oktobernacht. Mit heißem, blutüberfülltem Kopf ging er, so rasch er konnte, dem Rennweg zu. Ein kalter Wind fächelte erquickende Kühle um seine glühende Stirn.
Was hatte der Patscheider nur? Hatte er ...? Sollte Sophie ...?
Doktor Rapp wagte diesen Gedanken nicht zu Ende zu denken. Er ging immer hastiger und aufgeregter den breiten Weg entlang, der zum Inn hinüberführte. Dann folgte er dem Lauf des Flusses bis hinunter zur Kettenbrücke.
Welkes Laub raschelte müde unter seinen festen Tritten ... stöhnte auf wie im letzten Todeskampf ... und leise plätscherten die Wellen des Flusses. Silbern und hell und gleißend sah das Wasser aus in dem Mondlicht ... so gleißend und lockend ... wie das Weib des Rechtsanwalts.
Immer wieder mußte Valentin Rapp an Sophie denken. Mußte an sie denken ... wie sie ihn geliebt und umschmeichelt hatte all die Jahre seiner Ehe. Wenn sie gelogen hätte ... Wenn es wahr wäre, daß Sophie ihn betrog ... wenn ...
Und wieder konnte Doktor Rapp den Gedanken nicht fassen. Eine fürchterliche Wut war über den Mann gekommen. Ein Zorn und eine Empörung, die ihn zu allem fähig machten.
Doktor Rapp wußte jetzt nur das eine ... er durfte nicht nach Hause gehen ... jetzt nicht. Erst mußte er ruhig werden und wieder klar denken können.
Es dauerte ein paar Stunden, bis der Rechtsanwalt sein Heim am Saggen betreten konnte.
Lautlos und sachte gab er den Schlüssel ins Schloß, und leise wie ein Verbrecher schlich er sich in seine Wohnung.
Ganz sachte ... unhörbar ... ohne Laut ... Sie durfte ihn nicht entdecken ... die Ehebrecherin.
Wie eine fixe Idee hatte es den Mann befallen. In seiner erregten Phantasie stellte er sich vor, daß er sein Weib noch in dieser Nacht mit einem Buhlen überraschen müsse.
Und wenn? ...
Dann würde er sie erwürgen ... mit seinen beiden Händen. Das wußte er.
Vorsichtig, Fuß an Fuß setzend, schlich er sich von Zimmer zu Zimmer, überall hin ... ohne Licht. Bis er vor ihrem Bett stand ... ganz nahe ... dann lauschte er. Lauschte mit eingezogenem Atem. Und konnte nichts hören ... gar nichts.
Vielleicht war sie gar nicht da ... war fort ... fort ... bei ...
Der Rechtsanwalt mußte sich bei diesem Gedanken den Kopf halten und stöhnte laut auf vor innerer Qual ...
Dieses Stöhnen beunruhigte die Träume des schlafenden Weibes. Sie reckte sich und seufzte tief ... wie von einem Alp bedrückt.
Nun wußte Valentin Rapp, daß sie da war. Dies brachte ihn wieder zu ruhiger Überlegung. Mechanisch tastete er sich zum Schalter der elektrischen Lampe und drehte auf.
Der plötzliche Lichtschein weckte die Frau aus ihrem Schlaf. Verwundert schlug sie die Augen auf.
„Du ... Valentin!“ Sie lachte müde und schlaftrunken. „Bist jetzt erst kommen?“ frug sie leise.
Valentin Rapp gab keine Antwort. Er starrte wie hypnotisiert auf das in weißen Kissen ruhende Weib, das schon wieder sachte eingeschlafen war.
Eine große, mit gelbem Seidenschirm verhängte Ampel warf einen feinen Schein auf die schlafende Frau. Sophie Rapp lag da mit geschlossenen Augen und hatte den einen Arm über ihren Kopf geschlungen. Der Arm war entblößt, und mit ihm war ein Teil ihres Nackens sichtbar. Das Licht der Ampel vertiefte die Farbe ihrer bräunlichen Haut und ließ sie glatt und glänzend erscheinen wie Atlas. Das dunkle, aufgelöste Haar fiel ihr auf die halbentblößten Schultern, und ein weicher, friedsam ruhiger Zug lag auf dem sonst so lebhaften Gesicht. Die vollen üppigen Lippen waren leicht geöffnet, als sehnten sie sich nach Küssen, die sie der Müdigkeit und dem Schlaf entreißen sollten.
Als ob er sein Weib noch nie im sanften Schlummer gesehen hätte, so fest und eindringlich betrachtete Valentin Rapp jetzt die Schlafende.
Es war ein kleiner, intimer Raum, in dem das Ehepaar schlief. Geschnitzte Zirmholzmöbel in gotischem Stil waren in dem Zimmer. Ein großer, hellgelber Baldachin breitete sich an der Zimmerdecke über den beiden, knapp aneinandergestellten Betten. Dünn und zart rieselten feine weiße Spitzenvorhänge zu beiden Seiten der Betten herab, die in der Mitte des Zimmers standen. Ihnen gegenüber führten zwei hohe, breite Fenster ins Freie. Jetzt waren sie mit weißen Spitzenvorhängen auf gelbem Grund verhüllt.
Bei Tag hatte man von diesen Fenstern eine herrliche Aussicht auf das Vorgebirge der Nordkette. Sah den breiten Innfluß und die sacht ansteigenden Wiesen und Wälder. Sah aus dunklem Baumgrün den spitzen, zierlichen Turm der Weiherburg und sah die großen und kleinen Villen, die verstreut an dem Bergabhang lagerten.Und weiter wanderte der Blick bis zu dem stattlichen Dorfe Mühlau ...
Noch immer stand Valentin Rapp regungslos am Bett seines Weibes und versuchte, in ihren Zügen zu lesen.
Und wieder schlug Sophie ihre dunklen Augen auf und sah jetzt mit schelmischem Lächeln zu dem Gatten empor.
„Gehst heut’ nimmer schlafen?“ frug sie ihn dann. Es lag ein wohlig müder Ton in ihrer Stimme.
„Ja!“ Valentin Rapp sagte es kurz und rauh. Dann trat er ganz nahe an sie heran und fragte barsch: „Sophie ... was ist’s mit dir und dem Patscheider?“
Als wenn eine Viper sie gestochen hätte, so jäh schnellte das Weib bei der Nennung dieses Namens aus ihrer ruhigen Lage empor.
„W—w—a—a—s hast g’sagt?“ Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen an.
Valentin Rapp biß die Zähne aufeinander, um seine Frau nicht anzufallen. Aber er ballte seine Fäuste krampfhaft ... bereit, sie wie die Krallen eines wilden Tieres dem Weib ins Fleisch zu setzen.
„Was hast du mit dem Patscheider g’habt?“ frug er mit fester, gebieterischer Stimme.
„Der Patscheider ...“ Sophie hielt sich den Arm vor die Stirn wie ein Kind, das Züchtigung fürchtet, und sah flehend zu dem Gatten auf.
„Red’ ... Weib? Was ist?“ fuhr sie der Rechtsanwalt an. Nur mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft konnte er noch an sich halten.
„Ich ... ich versteh’ ... dich nit!“ stotterte Sophie angsterfüllt. „Ich ... ich ...“
„Also war’s etwas ... red’?“
Der Zweifel, der in dieser Frage lag, gab Sophie einen Schimmer von Hoffnung. Er wußte es also nicht bestimmt. Da konnte sie leugnen. Mußte lügen ... um seinetwillen und um ihretwillen.
„Wie du mich erschreckt hast ... Valentin ...“ sagte sie jetzt leise. Es lag ein fast kindlich weicher, rührender Ton in ihrer Stimme. „So mitten in der Nacht ... und aus dem Schlaf heraus ... Und so grob bist mit mir, Valentin!“ klagte sie leise und legte sich wieder in ihre Kissen zurück. Ein krampfhaftes Zucken bebte um ihre Lippen.
„Du sollst mir antworten!“ sagte Valentin Rapp fest. Er war jetzt doch unwillkürlich milder geworden in seinem Ton.
„Manndi ...“ Sophie tastete mit leicht zitternden Händen nach der Hand des Gatten. „Wie kannst du mich nur so etwas Dummes fragen!“ sprach sie mit sanftem Vorwurf.
„Der Patscheider ...“
„Komm ... Mannderl ... laß den Patscheider! I will nix mehr hören von ihm! Es tut mir weh!“ sagte Sophie weinerlich. Und sie heuchelte nicht. Es tat ihr weh, diesen Namen zu hören.
„Er hat von dir geredet ...“ stieß Valentin Rapp hervor.
„Der Schuft!“ schimpfte sie und krümmte sich wie im Ekel zusammen.
Mit unsicherem Blick sah Valentin Rapp auf sein Weib. Daß sie mit so ehrlichem Abscheu von dem Patscheider sprach, beruhigte ihn.
„Also ... war nix ...?“ frug er nach einer kleinen Pause.
Sophie schüttelte den Kopf. „Nein!“ sagte sie gepreßt.
„Ist’s wahr?“ Mit festem Blick sah er der Frau in die Augen. Sie hielt den Blick aus.
„Ja!“ sagte sie laut und bestimmt.
„Dann hat er mich bloß ärgern wollen ... der Schuft!“ machte der Rechtsanwalt erleichtert.
„Freilich, das wird’s sein!“ gab Sophie mit tonloser Stimme zu. „Nur ärgern!“
„Das will ich ihm aber ankreiden ... dem ...“ drohte Valentin Rapp empört.
Frau Sophie Rapp hatte noch lange zu tun, um das Klopfen ihres Herzens zu beruhigen. Sie mußte ruhig werden ... so ruhig, daß sie mit Leichtigkeit auch die letzten Zweifel aus der Seele des Gatten verscheuchen konnte.
Schlussvignette, Kapitel 19