Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Die Innsbrucker hatten wenig Mitleid mit dem Schicksal der Sophie Rapp. Kein Mensch kümmerte sich um sie. Niemand suchte sie auf.
Nur die Ennemoserin war zu ihr gekommen. Gleich nachdem sie von dem Unglück erfahren hatte. Sie hatte die Pflegetochter aufgesucht in ihrer Schande und hatte mit ihr geweint. Denn Sophie Rapp konnte nicht viel sprechen. Sie weinte nur ... weinte ...
Die alte Frau hatte es nicht begreifen können und nicht fassen, wie das nur möglich war ... wie so ein Unglück hatte geschehen können. Wie konnte der Herrgott im Himmel droben so ein Übel dulden?
„Ennemoserin, du hast kein Glück mit Kinder!“ sagten die Leute in Rattenberg.
Es mußte wohl so sein. Sie hatte kein Glück mit Kindern ... die Alte.
Und noch fleißiger als bisher ging sie von jetzt an zur Kirche. Kniete dort und betete ... betete immerzu und unaufhörlich. Jetzt hatte sie noch ein sündiges Kind, für das sie die Gnade des Himmels erflehen mußte. Die Ennemoserin kümmerte sich um nichts mehr auf der Welt. Ihr ganzes Leben war nun ein einziges Gebet geworden ...
Sie hatten die Sophie Rapp zu jahrelanger Zuchthausstrafe verurteilt.
Ihre Richter waren nicht barmherzig gewesen, und sie hatte keine Barmherzigkeit von ihnen verlangt.
Mit niemandem war sie in Berührung gekommen während ihrer Untersuchungshaft ... hatte mit keinem Menschen gesprochen ... außer mit der Ennemoserin und mit ihrem Verteidiger.
Dieser war es auch, der ihr von dem Tode des Malers Altwirth sprach. Warum er es ihr sagte? Hoffte er ihrein Geständnis zu entlocken ... daß sie nicht allein beteiligt war bei der Tat?
Aber Sophie sagte nichts. Kein Wort. Wenn Felix tot war ... warum sollte sie den Toten verraten, wo sie für den Lebenden hatte leiden wollen?
Sie blieb ruhig. Ganz ruhig. Aber es war ihr recht ... daß Felix tot war. Sie freute sich über seinen Tod als über eine frohe Kunde. Es war ihr ... als hätte er ihr die letzte Botschaft seiner Liebe kund getan.
Auch davon sprach ihr der Verteidiger, daß Adele Altwirth heimlich von Innsbruck gegangen war. Und dann redete er lange und gut zu Sophie. Suchte zu ergründen, ob zwischen ihrer Tat und den Altwirths ein Zusammenhang bestände.
Nein. Sophie blieb fest. Sie war die Täterin. Sie ganz allein. Im Zorn hatte sie den Gatten ermordet. Niemand war dabei. Niemand wußte davon. Kein Mensch.
So mußte denn Sophie ihre Strafe antreten ... die Tat büßen, durch eine jahrelange Haft.
Es würde nicht lange dauern mit ihr ... das fühlte Sophie. Und sie freute sich darüber ... freute sich ...
Man hatte sie in die Strafanstalt gebracht ... hinunter in das Unterinntal ... in das alte freundliche Städtchen Schwaz ... Und sie war gern gegangen ... ganz gerne.
Nun lebte sie dahin in strenger Zucht ... in Schweigen, in Arbeiten und in Gebeten. Ganz für sich. Sie hatte an keinen Menschen Anschluß, und sie suchte auch keinen.
Aber eine Begegnung hatte sie ... die ihr lieb war und die sie freute.
Die Schwester Salesia war zu ihr gekommen ... steinalt ... aber noch immer rüstig. Und gut und frisch und munter. Bei dem Anblick der alten Schwester war es Sophie, als ob die Jahre ihrer Kindheit aufs neue für sie erstünden. Sie fühlte sich wieder zum Kinde werden ...und sie lernte wieder glauben und beten und auf Gott vertrauen.
„Kind ... Kind!“ meinte die Schwester mit mildem Vorwurf. „Daß du dazu gekommen bist ... dazu ... mit deinem wilden Blut?“
Langsam schlichen die Tage in der Anstalt und langsam die Wochen und Monate. Und immer war es derselbe Lauf des Tages ... immer dasselbe Einerlei ... Schweigen ... arbeiten und beten.
Und Sophie Rapp betete. Sie betete mit dem alten Glauben ihrer Kindheit. Sie betete um das Ende ... daß es bald nahe ... daß es sie mit jenen vereinigen sollte, die sie lieb gehabt hatte auf Erden.
Langsam strichen die Tage dahin. Endlos langsam. Dem Frühling folgte der Sommer und dem Sommer der Herbst.
Als der Winter seine rauhe Herrschaft angetreten hatte, als der Eiswind brauste durchs Tal mit Sturm und Macht ... und an den schwer vergitterten Fenstern rüttelte, als wünschte er, allen den reuigen und nicht reuigen Büßerinnen da drinnen die Freiheit wieder zu bringen ... da legte sich Sophie Rapp zum Sterben.
Sie hatte ihn schon lange gefühlt, den stechenden Schmerz. Sie wußte, daß er an ihrem Lebensmark zehrte ... daß ihre Kraft abnahm von Tag zu Tag. Eingefallen und hohlwangig sah sie aus und abgezehrt und mager. Aber ihre Augen leuchteten im unnatürlichen Feuer ... leuchteten von der Fieberglut, die ihr Leben vernichtete.
Nur mühsam konnte sie sich noch dahinschleppen, und ein bellender, trockener Husten erschütterte ihren verfallenen Körper.
Galoppierende Schwindsucht konstatierte der Arzt. Ihr Leben konnte nur mehr Tage dauern.
Der Priester kam, um ihr die letzten Sakramente zuspenden. Friedlich und wie verklärt lag Sophie Rapp in ihren Kissen. Sie war so glücklich und so zufrieden, daß es nun zu Ende ging.
Viele Stunden lang schlief sie. Dann bat sie ... daß man die alte Schwester Salesia zu ihr rufen möge.
Es war ein mäßig großes Zimmer, in dem Sophie lag. Rein und sauber, aber kahl und nüchtern. Ohne Schmuck und ohne Zierde. Ein großes Kreuz hing über dem Bette. Mit mildem, verzeihendem Blick sah der sterbende Heiland hernieder.
Das Bett stand frei in der Mitte des Zimmers. Nur das Kopfende war an die Wand gerückt. Ein kleines, weißgedecktes Tischchen war in der Nähe. Darauf standen eine große Wachskerze und ein Glas Wasser. Neben dem Bette hing ein kleiner zinnerner Weihbrunnkessel. Das war alles.
Zu Füßen des Bettes saß die Schwester Salesia und betete den Rosenkranz. Ihre Hände, die knochig und runzlig waren und vom Alter gegerbt, zitterten leicht. Ihre Lippen bewegten sich im lautlosen Gebete. Perle um Perle ließ die alte Schwester von dem Rosenkranz fallen und sah dabei mit einem Blick, der immer ängstlicher wurde, auf die Sterbende ... beobachtete jeden Zug und jede Veränderung in dem verfallenen Gesicht.
Wie jung die Sophie aussah. Noch immer jung und hübsch. Trotz allem. Das braune Gesichtchen war eingefallen und länglich geworden ... die Lippen waren voll und brennend rot ... zu rot.
Die alte Schwester mit dem rührend guten Gesicht, durch das jetzt viele ungezählte Furchen zogen, sah mitleidig auf das kranke Weib, das in heißen Fieberträumen wiederholt unruhig und schmerzhaft aufstöhnte.
Immerfort mußte die Schwester auf die Kranke sehen ... sie anschauen ... und in ihren Zügen die schwere Schuld lesen, die sie auf sich geladen hatte.
So waren die beiden ganz allein ... viele ... viele Stunden lang. Bis der Abend kam und eine junge Schwester die Alte ablöste, um die Nachtwache bei der Sterbenden anzutreten.
Noch nie hatte Sophie das Bewußtsein erlangt, seit die Schwester Salesia bei ihr war. Sie dämmerte nur so dahin oder warf sich unruhig und gequält im Bette herum.
„Schwester ...“ bat die alte Klosterfrau flüsternd ... „tun’s mir’s sagen ... wenn’s zu Ende geht mit ihr. Tun’s mich rufen. Wissen’s, ich hab’ sie als Kind kennt. Ist nit schlecht g’wesen ... die Sophie ...“ sagte sie mit zitternder Stimme. „G’wiß nit. Nur a bissel wild ... a bissel zu wild ...“ fügte sie entschuldigend hinzu.
In den Morgenstunden ... als die Glocken der Kirche zur Frühmesse läuteten, kam die junge Schwester, die alte Klosterfrau zu holen.
Sophie lag jetzt ganz ruhig da ... mit offenen Augen und bei klarem Bewußtsein. Sie fühle sich viel wohler, sagte sie.
Schwester Salesia hatte ihren Stuhl ganz nahe an das Bett gerückt und hielt die heiße, trockene Hand der Kranken in ihrer eigenen.
Im Zimmer brannte das schwache Licht einer kleinen Lampe. Der Schein fiel gedämpft auf Sophie, die jetzt mit einem fast verklärten Antlitz auf die Schwester sah.
„Schwester Salesia ...“ fing Sophie zu reden an ... „wirklich ... ist’s so weit?“ Sie zeigte mit einer matten Bewegung ihrer Hand auf die Wachskerze ... deren Bedeutung sie kannte. Es war die Sterbekerze ... hochgeweiht und gesegnet. Bei dem ersten Anzeichen des letzten Kampfes sollte sie entzündet werden.
„Still sein, Sophele ... Still sein ...“ begütigte die Schwester. Unwillkürlich und wie selbstverständlich kam ihr diese Anrede, die sie der Frau als Kind gegeben hatte.„Deswegen brauchst nit zu sterben, kannst schon wieder besser werden. Ganz gut ...“ tröstete sie. „Ganz wie’s unsers Herrn Willen ist.“
„Ich will aber gern sterben ... Schwester ...“ sagte Sophie ruhig. „Recht gern. Freu’ mich drauf ...“ fügte sie matt hinzu.
„Und hast so gern gelebt ...“ Die alte Schwester sagte es mit Wehmut.
Ein tiefer ... glücklicher Seufzer hob die kranke Brust der Sterbenden.
„So gern ... So unendlich gern ...“ flüsterte sie selig. Dann schloß sie die Augen und lag still und friedlich da.
Die alte Klosterschwester neigte sich lauschend über sie.
„Tu’ alle Sünd’ bereuen ... Sophie ...“ mahnte sie mit zitternder Stimme. „Tu’ dein Leben aufopfern ...“
„Schwester ...“ Voll und weit schlug Sophie die Augen auf und schaute auf die alte Schwester, die mit angstvollem Blicke sah, wie plötzlich fahle Blässe über das Gesicht der Kranken zog.
„Schwester ...“
„Kind ... wir wollen beten ...“ sagte die Schwester. „Beten zu unserer lieben Frau ... um eine glückliche Sterbstund’ ...“
„Schwester ...“ flüsterte die Kranke wieder ... „Kann man was bereuen ... das einen so glücklich g’macht hat?“
„Kind ... alle Sünden kommen vom Bösen ...“ Mit bebender Stimme sagte es die alte Schwester. Sie sah, daß die Schatten des Todes immer näher kamen, und ihr Herz klopfte aufgeregt und unruhig. Leise erhob sie sich und zündete die Wachskerze an. Rückte das Tischchen näher an das Bett, legte die Hände der Sterbenden ineinander und umwand sie mit ihrem eigenen Rosenkranz. Dann kniete sie nieder ... faltete die Hände und betete.
Der graue Morgen sah zu dem Fenster herein miteinem vollen Schimmer und mengte sich mit dem trüben Licht der dämmerigen Lampe und der Sterbekerze.
Sophie hatte die Augen geschlossen und lächelte. Lächelte innig und lächelte selig. Und ihre Lippen öffneten sich sehnsüchtig und verlangend.
„Und vergib uns unsere Schuld!“ betete die Schwester mit lauter, aber zitteriger Stimme.
„Schuld?“ hauchte Sophie mit stockendem Atem. „Schuld?“
„Tu’ beten ... Sophie ... bereu’ ...“ drängte die Schwester Salesia angstvoll. „Du hast dein’ Mann getötet ... bereu’ ...“
Und wieder seufzte die Sterbende. Aber sie sagte kein Wort. Sie lächelte nur.
„Und vergib uns unsere Schuld ... als auch wir vergeben unsern Schuldigern!“ betete die Alte mit zitternder Stimme.
„Und erlöse uns von dem Übel ...“
„Amen.“ Leise und gebrochen sagte es die Sterbende. Dann preßte sie die Hände ... die ihr die Schwester gefaltet hatte ... in einem letzten Krampf fest ineinander.
Und dann starb sie.
Als die Sonne des klaren Wintertages aufzog über die Berge des Unterinntals ... da bimmelte die Glocke in der Sträflingsanstalt zu Sankt Martin draußen vor der Stadt. Sie bimmelte kläglich und in wehen Tönen und erzählte ... von Sophie Zöttl ... dem Karrnermädel ... deren heißes ... leidenschaftliches Herz den letzten Schlag getan hatte.
Schlussvignette, Kapitel 23