Dreizehntes Kapitel.
Wie ein Wirbelwind so eilig sauste Frau Sophie Rapp durch die weite Halle des neuen Saales, der so kahl und zugig und unlustig war, daß die junge Frau unwillkürlich fröstelnd die schöne, breite Pelzstola, die sie um den Hals geschlungen trug, enger an sich drückte. Es roch nach Farbe und Kalk in dem Raum, der hoch und düster war und wohl nur bei festlicher Beleuchtung einen gastlichen Eindruck machen konnte.
Sophie behagte es gar nicht da drinnen, und so eilig hatte sie es, daß die Wirtin vom Weißen Hahn mit dem hastigen Gang der jungen Frau kaum Schritt zu halten vermochte.
„Wissen’s, Frau Buchmayr,“ sagte die Sophie fröhlich, „viel Zeit hab’ ich nit für Ihneren Saal. Aber aus alter Freundschaft hab’ ich doch herschauen und mir die Sach’ ein bissel betrachten wollen. Schön ist er und groß ist er und kalt ist er, der Saal!“ foppte sie dann die Wirtin und schaute lachend und heiter um sich. „Und schöner einrichten müssen Sie ihn noch. Das wär’ doch gar nix!“ fügte sie in neckischem Tadel hinzu und deutete auf die vielen Farbentöpfe und Pinsel, die am Boden verstreut waren und einzelne farbige Spuren zurückließen.
Am äußersten Ende des Saales stand Felix auf einer Staffelei und malte eifrig. Er malte Blumen und Früchte in bunter Reihenfolge und kümmerte sich nicht um die Frauen, deren Stimmen durch den leeren Raum unnatürlich laut widerhallten. Nur einmal hatte er sich flüchtig umgedreht und dabei auf den ersten Blick die junge Frau Doktor Rapp erkannt. Sophie achtete nicht auf den Maler, der in einer dämmerigen Ecke des Saales arbeitete.
„Ja, freilich wird’s anders!“ verteidigte sich die Wirtin.„Ich hab’ ja jetzt den Maler, wissen’s schon, Frau Doktor.“
Es kam der Wirtin nun gar nicht mehr hart an, zu ihrer einstigen Kellnerin Frau Doktor zu sagen. Fast wie ein ferner Traum erschien es ihr oft, wenn sie die elegante, gut gekleidete Dame sah und daran dachte, daß diese einmal bei ihr im Dienste gestanden hatte.
Die Vergangenheit war so völlig entschwunden, daß Frau Buchmayr sich sogar durch den Besuch, den ihr die Frau Doktor Rapp machte, geehrt und ausgezeichnet fühlte. Die dicke Wirtin, die mit den Jahren noch immer schwerfälliger geworden war, ließ es sich nicht nehmen, die junge Frau selbst überall herumzuführen, um ihr eingehend alles zu erklären.
„Und Sie werden wohl doch nit fehlen, Frau Doktor, wenn wir den Saal einweihen tun. Nit wahr, das versprechen’s mir. Sie und der Herr Gemahl!“ meinte die Wirtin ungemein liebenswürdig.
„Natürlich kommen wir!“ versicherte die Sophie. „Da gibt’s nix, da muß ich dabei sein!“ lachte sie lustig. „Wann ist denn die Feier?“
„Heut’ in drei Wochen!“ sagte die Wirtin.
„Was? Schon!“ rief die junge Frau erstaunt. „Ja, ist denn bis dorthin alles fertig?“
„O ja, ich hoff’ schon!“ entgegnete die Wirtin. „Der Herr Altwirth hat mir bestimmt versprochen, daß er’s fertig macht.“
„Altwirth ... den Felix Altwirth meinen Sie?“ frug Sophie, die für einen Augenblick stutzig geworden war.
„Ja, den Maler Altwirth!“ nickte die Wirtin zustimmend. „Der malt bei mir den Saal aus.“
„Das ist doch nicht ...“ Sophie war neugierig näher gekommen und sah zu Felix Altwirth empor. Und auf einmal fing sie lustig und ausgelassen zu lachen an. „Ja, richtig ist er’s! Nein, so was! Und ich hab’ geglaubt,daß er ein Maler ist, und derweil streicht und pinselt er beim Weißen Hahn an die Wänd’ herum!“
Das lustige Lachen der jungen Frau gab ein fröhliches Echo in dem kahlen, getünchten, großen Raum. Verlieh ihm etwas Warmes, Belebtes und wirkte so erheiternd und ansteckend, daß Felix, der trotzig und ohne zu grüßen auf seiner Leiter stehen geblieben war, nun mit einem Male halb ärgerlich den Pinsel von sich warf und mit einem kühnen Sprung von den Stufen der Leiter auf den Boden setzte.
„Ah, da schauen’s her!“ neckte ihn die junge Frau weiter und machte ihm einen lustigen Knicks. „Und jetzt kommt er gar von seiner Höhe herunter wie ein Engerl. Aber a recht a großes, a ausgiebig’s!“ fügte sie schalkhaft hinzu. „Und beehrt mich mit einer Ansprache. Das hat er noch nie getan, der Herr Altwirth, seitdem er ein Maler geworden ist.“ Fröhlich und ungezwungen hielt sie Felix mit einer herzlichen Bewegung ihre Hand entgegen. „Grüß’ Ihnen Gott, Herr Altwirth! Das freut mich, daß uns der Zufall zusammenführt.“
Felix berührte verdrießlich und unwillig ganz leicht die fein behandschuhten Fingerspitzen und warf einen flüchtigen Blick auf die vornehme Erscheinung der jungen Frau.
Sophie trug ein eng anliegendes, dunkles Straßenkleid und einen großen, eleganten Federhut. Sie hatte sich nicht viel verändert in all den Jahren. Hübscher war sie geworden, rassig, und die volle, schöne Figur etwas zu üppig.
Mit dem scharfen, prüfenden Blick des Künstlers bemerkte es Felix. „Spotten Sie nur!“ sagte er dann ärgerlich. „Sie verhöhnen mich ja alle hier!“ setzte er mit einem gleichgültigen Achselzucken hinzu.
Frau Sophie Rapp sah ihm überrascht in das Gesicht. „Ich wollte Sie nicht kränken, Herr Altwirth ...“ sprachsie nun ernst. „Und es fällt mir eigentlich erst jetzt auf, daß diese Arbeit wohl nicht ganz zu Ihnen paßt.“
„Ja, das hab’ ich ihm auch g’sagt!“ bestätigte die Wirtin. „Damals, als er mich angangen hat drum. Nit wahr, Herr Altwirth?“
„Ja!“ sagte Felix trocken. „Aber lieber, als daß man verhungert, tut man eben alles!“ erklärte er laut und in bitterem Ton.
„Aber, Herr Altwirth ... Felix!“ rief da Sophie, und es lag so viel echtes Mitleid in ihrem Ausdruck, daß es dem Maler ganz warm ums Herz wurde. „So schlimm wird’s doch wohl nit sein?“
„Ja, so schlimm ist’s und noch viel schlimmer!“ kam es erregt von Felix’ Lippen. „So weit haben sie mich gebracht hier ... so weit, daß ich da oben steh’ und arbeite wie ein Handwerker.“
Sophie Rapp hatte mit ungewöhnlichem Ernst zugehört. Dann sagte sie mit einem leichten Vorwurf: „Nie sind Sie zu mir gekommen, Herr Altwirth! Haben sich nie blicken lassen bei mir, als ob ich nimmer existiert hätt’ für Ihnen!“
„Das haben Sie auch nicht mehr, gnädige Frau!“ erwiderte Felix leise und mit trotzigem Nachdruck.
Er hatte von Frau Therese Tiefenbrunner vieles gehört über Sophie. So viel, daß er sich beinahe schämte, weil er diese Frau einmal wie eine Heilige verehrt hatte. Und nie war es ihm auch nur entfernt in den Sinn gekommen, sie zu besuchen. Wozu an Vergangenes anknüpfen? Es hatte keinen Zweck, sagte er sich. Nur eine neue Enttäuschung würde es bedeuten und eine neue bittere Erfahrung mehr.
Jetzt, da er dieser Frau gegenüber stand, da sie ihm mit so viel ursprünglicher Heiterkeit und Güte über das Peinliche einer ungewöhnlichen Situation hinweghalf, tauchte in ihm etwas auf von jenem alten Gefühl, daser einst für sie gehegt hatte. Ein Gefühl der Dankbarkeit war es, daß sie ihm eine Demütigung ersparte.
„Das ist ja recht lieb von Ihnen!“ sagte jetzt Sophie lustig nach einer kleinen Pause des Nachdenkens. „Und deswegen sollt’ man Ihnen eigentlich bös sein. Aber ich will ein guter Kerl sein und alles vergessen. Da schlagen’s ein, Herr Altwirth! Aber herzhaft! Drucken’s nur mei’ Hand a bissel! Macht nix, wenn sie schmutzig wird!“ lachte sie, da sie bemerkte, daß Felix in einer gewissen Verlegenheit zuerst auf seine farbenbeklecksten Hände sah und dann auf den tadellos weißen Handschuh, der ihre große, gutgeformte Hand bekleidete.
Nun war das Eis bei Felix gebrochen. Frei und offen, wie er es schon lange nicht mehr getan hatte, sprach er mit Frau Sophie, die ihm teilnahmsvoll zuhörte. Es war merkwürdig ... Sie hatte jetzt auf einmal gar keine Eile mehr. Sie hatte sogar so viel Zeit übrig, daß sie Felix aufforderte, mit ihr ein bissel ins Extrazimmer zu kommen, damit sie doch wenigstens gemütlich miteinander plaudern könnten.
Die beiden Frauen gingen voraus, während Felix sich wusch und seinen Arbeitskittel gegen seinen gewöhnlichen Straßenanzug vertauschte.
Lange saßen die zwei, Felix und Sophie, dann allein nebeneinander. Recht lange. Und gleich einem alten Liebespärchen, das sich plötzlich wiedergefunden hat, plauderten sie und lachten und tuschelten sie wie vor Jahren. Felix erzählte der jungen Frau offen und unverhohlen, wie er es in früheren Zeiten getan hatte. Erzählte von seinem Leid und seinem Groll und von der ganzen Verbitterung, die ihm sein Dasein vergällte.
Mit großen, erstaunten Augen hörte die junge Frau zu. Nachdenklich stützte sie den Kopf in ihre Hand und sagte dann in einem warmen, innigen Ton: „Wenn ichdas alles g’wußt hätt’! So viel hätt’ ich Ihnen ersparen können. Wirklich viel!“ fügte sie leise und bescheiden wie entschuldigend hinzu. „Ganz g’wiß! Aber sehen Sie, es geht noch alles! Sie werden’s sehen! Das muß einfach anders g’macht werden!“ erklärte sie in ihrer alten, resoluten Weise. „Das wär’ nit aus! Und wissen’s was, damit fangen wir jetzt gleich an!“ Dann sprang sie plötzlich von ihrem Sitz auf, lebhaft und lustig, und ergriff Felix an beiden Händen. „Jetzt schauen’s mich einmal an! Aber gut!“ forderte sie ihn auf. „G’fall ich Ihnen?“
„Natürlich, gnädige Frau!“ stimmte Felix heiter bei. „Sie gefallen ja jedem!“
„Das will ich aber gar nicht!“ lachte sie und zeigte kokett ihre blendend weißen Zähne, die gegen das tiefe Braun ihrer Gesichtsfarbe ganz besonders abstachen. „Ich will wissen, ob ich recht schön werd’, wenn Sie mich malen tun?“ frug die junge Frau und wiegte sich herausfordernd in den Hüften. „Wissen’s, extra schön, meine ich. Sonst hilft’s nix. Denn nur, wenn Sie mich so schön malen, daß die andern Weiber einen Neid kriegen, dann sind Sie ein g’machter Mann. Sie wissen gar nit, was das ausmacht, wenn die Weiber aufeinander einen Neid kriegen. A jede möcht’ doch die Schönste sein, nit wahr? Und da kommen’s g’laufen zu Ihnen, scharenweis! Und bitten tun’s Ihnen, daß Sie’s nur ja malen tun. Sie werden’s sehen, ich kenn’ meine Leut’!“
Laut und lustig lachte Frau Sophie über ihren Einfall. Dieses Lachen übte auf den Mann, der vor ihr saß, einen solchen Zauber aus, daß er unbedingt mitlachen mußte. Und dann lachten sie beide wie Kinder und hielten sich an den Händen.
Die Wirtin, die wieder einmal in die leere Stube kam, um nachzusehen, schlich leise davon und ging hinaus in die Küche, wo sie es der Köchin erzählte, daß es dieSophie tatsächlich scharf auf die Männer abgesehen habe. Und der Altwirth da drinnen habe schon wirklich Feuer gefangen ...
Mit einem ganz andern Humor und als ein völlig aufrechter Mann kam Felix nach Haus. Glückselig erzählte er Adele von der Begegnung, die er mit der Frau des Rechtsanwaltes gehabt hatte. Er berichtete, daß Sophie Rapp gleich morgen zu ihm kommen würde zur ersten Sitzung, und daß er sich von dem Erfolg dieses Bildes viel für seine Zukunft verspreche.
Ein leises Unbehagen beschlich Adele bei der Erzählung ihres Gatten. Sie wußte es selbst nicht, was es war, und vermochte sich keine Rechenschaft darüber zu geben. Aber es war ihr unangenehm, daß Felix mit Frau Sophie Rapp zusammengetroffen war.
Sie konnte sich nicht darüber freuen. Beinahe wäre es ihr lieber gewesen, wenn Felix sein Handwerk beim Weißen Hahn wieder aufgenommen hätte. So sehr sie sich anfangs dagegen gesträubt hatte und so ungeheuerlich sie es gefunden hatte, so enttäuscht war sie jetzt, als ihr Felix erklärte, daß er der Wirtin „den ganzen Krempel hingeworfen habe“.
„Und der Herr Rat? Was ist’s mit diesem Auftrag?“ fragte Adele leise und beklommen und sah ängstlich auf ihren Gatten.
„Der Rat Leonhard muß eben warten!“ erklärte Felix in festem Ton. „Ich bin jetzt nicht in der Stimmung ihn zu malen. Ein Künstler muß seine Stimmung ausnützen. Frau Doktor Rapp mit ihrer lustigen Art ist jetzt gerade recht für meinen Seelenzustand. Adele, du wirst sie lieb gewinnen, diese Frau. Sie ist wirklich reizend!“ schwärmte er.
Adele Altwirth saß, wie es ihre Gewohnheit war, in weicher Haltung, mit weit nach vorn gebeugtem Oberkörper, und stützte einen Arm auf das Knie. Sinnendsah sie auf den Gatten, und eine unbestimmte, beklemmende Angst bemächtigte sich ihrer. Felix bemerkte es trotz der freudigen Erregung, die ihn beherrschte und in der er sich vollauf nur mit sich selber beschäftigte.
„Du, Adele ... du bist doch nicht etwa eifersüchtig?“ frug er über eine Weile unvermittelt, indem er vor seiner Frau stehen blieb. Er war in dem Wohnzimmer erregt auf und ab gegangen und machte nun ein zufriedenes und erwartungsvolles Gesicht.
Adele schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Felix ...“ sagte sie ruhig. „Ich dachte nur ... du weißt, es ist mir peinlich ... ich habe doch schon eine Anzahlung angenommen vom Rat Leonhard.“
„Ja, ja, ja,“ machte Felix ungeduldig. „Immer dieses gewaltsame Herabdrücken! Immer diese graue, graue Stimmung! Dieser Realismus! Diese unerträgliche Nüchternheit! Der Rat wird’s ja hoffentlich noch erwarten können, bis er zu seinem Bilde kommt!“
Adele erwiderte kein Wort mehr. Sie erhob sich lautlos von ihrem Sitz und ging hinaus in den kleinen Garten, wo ihr Töchterchen spielte. Und dann warteten sie beide, Mutter und Kind, und sahen die Anhöhe hinunter, über die der Rat Leonhard heraufkommen mußte ...
Es waren lustige Sitzungen bei dem Maler Altwirth, die nun folgten. Und immer länger dehnten sie sich aus. Ein regelrechter Flirt war zwischen Sophie und dem Maler entstanden. Adele sah es wohl. Sie bemerkte es nicht allein an dem völlig veränderten Wesen ihres Mannes, sondern auch an seinem Eifer, mit dem er bei der Sache war, und an der liebevollen Ausarbeitung des Werkes. Jeder Pinselstrich zeugte von einem eingehenden Studium, zeugte, daß der Künstler sein Bestes geben wollte und sein Bestes gab.
Adele Altwirth wußte es selbst nicht, was sie innerlich so unruhig machte. Denn sie war nicht nur unruhig,sondern in tiefster Seele unglücklich über die täglichen Besuche der jungen Frau Doktor Rapp.
War es Eifersucht? ... Adele Altwirth hatte in dem Wahn gelebt, daß sie über diese Empfindung erhaben sei. Sie hatte bisher mit ihrem Gatten in einem gegenseitigen selbstverständlichen Vertrauen gelebt. Und ihre ruhige Sicherheit fußte zum größten Teil auf der Grundlage einer gewissen Selbstachtung, auf dem Bewußtsein des eigenen Wertes.
Diese Selbstsicherheit hatte nun mit einem Male eine Erschütterung erlitten. Die auffallende Veränderung in Felix, sein ungewöhnlicher Fleiß und sein Schaffensdrang, die Freude und die Lust an seiner Arbeit und die fröhliche, strahlende Art, die sie so lange an ihm vermißt hatte, bewirkten eine zunehmende Angst in Frau Adele.
Felix war jetzt stets lieb und freundlich zu ihr. Sprach viel und hoffnungsfroh und kümmerte sich auch wieder um die kleine Dora, die in den letzten Wochen fast ganz unbeachtet von ihm geblieben war. Das Kind war ihm schon ausgewichen, und nur mit scheuen und etwas verschüchterten Augen hatte sie den Vater betrachtet, der ihr in diesen Wochen so fremd geworden war.
Sophie Rapp und Adele Altwirth wußten wenig miteinander anzufangen. Es war keine Abneigung, die sie einander fern hielt. Aber es war auch kein Gefühl der gegenseitigen Sympathie vorhanden, das eine Annäherung ermöglicht hätte. Adele war jedesmal froh und dankte es Felix, wenn er der höflichen Begrüßung zwischen den beiden Frauen ein rasches Ende zu bereiten suchte.
„Denken’s nur, Frau Altwirth,“ sagte die Sophie einmal, als sie neben der blonden Frau das kleine Atelier betrat, „Ihr Mann hat g’sagt, gleich wie er das Porträt fertig hat, will er mich noch einmal malen. Als Studie!“lachte sie heiter und sah kokett nach Felix, der schweigend hinter den Damen ging.
Es war ein schönes Bild, diese beiden großen und gut gewachsenen Frauen nebeneinander zu sehen und zu vergleichen. Adele schlank, weich und edel in jeder Bewegung, blond und hell und von ruhigem, sich gleichbleibendem Ernst. Und neben ihr die üppige Gestalt der dunklen Frau, lebhaftig und lustig und feurig, wie erfüllt von verhaltener Glut.
Gerade jetzt nahm Frau Sophie mit lebhafter Gebärde ihren Hut ab. Mit beiden Armen streckte sie sich, dehnte sich, als müsse sie gewaltsam gegen eine Überfülle von Kraft kämpfen, um sie einzudämmen. Hinter ihr stand Felix und wartete darauf, ihr galant den Mantel abzunehmen.
Sein Gesicht war leicht gerötet, und ein vibrierendes Beben zuckte um seinen vollen Mund, als er sich gegen Sophie beugte. Schmiegsam und graziös neigte sich die junge Frau ihm entgegen, sah ihm nur für einen Moment mit einem glühenden Blick in die Augen und wandte sich dann vollständig ruhig wieder Adelen zu.
Adele Altwirth hatte mit klugen, beobachtenden Augen gesehen, und sie erkannte mit einem Male, was der brennende Schmerz, den sie empfand, bedeutete. Sie wußte, es war nicht nur weibliche Eifersucht, sondern die Erkenntnis, daß sie nie in ihrem Leben dieses bebende Zucken um den Mund des Gatten gesehen hatte. Und es wurde ihr klar, daß es heißes, verlangendes Begehren nach dem Weibe war, in dessen lockende Netze er sich verstrickt hatte.
Still und ruhig, aber mit wehwundem Herzen nahm Frau Adele ihr kleines Töchterchen bei der Hand und ging mit ihr fort, weit hinunter über den Berg, fast bis Sankt Nikolaus. Dort trafen die beiden mit dem alten Rat zusammen, den Mutter und Kind nun alle zweigleich lieb gewonnen hatten. Sie nahmen ihn in ihre Mitte. Das Kind führte ihn bei der Hand, und Adele sprach zu ihm, als wäre der alte, wunderliche Sonderling, der mit verdrießlichem Gesicht, leise und geduckt, den Kopf leicht nach der einen Seite geneigt, einherging, ihr eigener Vater, der beste und einzige Freund, den die junge, blasse Frau besaß ...
In dem kleinen Atelier des Malers Felix Altwirth herrschte indessen eine schwüle Luft. Es war ein einfaches, schlichtes, fast ärmliches Zimmer, das sich Felix als seinen Arbeitsraum eingerichtet hatte. Einige Stühle standen da in künstlerischer Unordnung herum. Bilder und Zeichnungen, flüchtige Skizzen und Entwürfe hingen teilweise an den Wänden, teilweise waren sie in einer Ecke aufgestapelt. Ein Vorhang von hellgelbem, grobem Leinen verdeckte nur den obersten Teil des Doppelfensters. Der Flügel des einen Fensters war geöffnet. Eine laue, weiche Luft wehte herein und bewegte in leichtem Rhythmus den Vorhang.
Noch immer lagerte der Schnee auf Weg und Halde. Aber im Tal hatten die wärmenden Sonnenstrahlen ihn schon da und dort zur Schmelze gebracht. Es tropfte von den Bäumen und Dächern, und die kleinen, braunschwarzen, feuchten Zweige und Äste sahen dunkel und sehnsüchtig aus und reckten sich erwartungsvoll dem nahen Lenz entgegen.
Sophie Rapp saß in einem Lehnsessel in der Nähe des Fensters, leicht und bequem. Es war eine fast liegende Stellung. Ihren rechten Arm hatte die junge Frau als Stütze unter ihren Kopf geschoben, und ihre Augen hielt sie geschlossen, als verspüre sie ein unüberwindliches Ruhebedürfnis. In Wahrheit aber wollte sie mit Ruhe den Eindruck genießen, den sie auf Felix Altwirth machte.
Die einstige Neigung zu Felix war in Sophie wiedermächtig aufgelodert. Sie gab sich auch gar keine Mühe, diese neu erwachte Leidenschaft zu bezwingen. Im Gegenteil freute sie sich darüber wie über eine neue Sensation, nährte ihre Leidenschaft und tat alles, was sie konnte, um die Sinne des Mannes aufzustacheln. Sie wollte ihn reizen, bis er ihr verfallen war. Wie alle die andern, deren Liebe sie ersehnt hatte.
Felix Altwirth kämpfte tapfer gegen den Zauber, mit dem ihn Sophie umgarnte. Und mehr als einmal widerstand er den Lockungen der Sirene. Er wollte sich überwinden und seinem Weibe die Treue halten.
Trotz allen seinen Launen, trotz allen Vorwürfen, mit denen er Adele in schweren Stunden gequält hatte, war er sich ihres Wertes vollkommen bewußt. Hing mit achtungsvoller Liebe an ihr. War ihr dankbar für die Nachsicht, die sie mit ihm hatte.
Jedoch mit der sensibeln Empfänglichkeit des Künstlers war Felix Altwirth schon in ganz kurzer Frist dem Sinnenreiz erlegen, den Frau Sophie Rapp auf ihn ausströmte. Ihre Gegenwart wirkte auf ihn wie schwerer Wein, der ihm die Sinne zu umnebeln drohte.
Sie fühlte sein Beben und wußte, daß er sich nur mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft bezwang, um sie nicht an sich zu reißen. Und je stärker er sich zeigte, desto heißer entflammte sie, desto mehr begehrte sie ihn zu besitzen.
Es war ein stummer Kampf zwischen den beiden. Ein Kampf, in dem das Weib mit Bestimmtheit wußte, daß der Mann unterliegen würde ...
Wie Frau Sophie jetzt nachlässig in dem Lehnstuhl saß, öffnete sie ab und zu leicht die Augen und sah hinüber zu dem Manne, der anscheinend ganz vertieft in seine Arbeit war und nur den prüfenden Blick des Künstlers für sie übrig hatte. Aber Sophie sah die hektische Röte in seinem Gesicht und sah die leise bebendenLippen, die er fest wie im Schmerz aufeinander preßte. Seine großen blauen Augen leuchteten in unnatürlichem Glanz, und das Herz klopfte ihm zum Zerspringen.
Da plötzlich dehnte sich Sophie langsam und müde. Dehnte die halb entblößten, vollen Arme und reckte ihre Glieder weich und biegsam und mit den geschmeidigen Bewegungen eines schönen Raubtieres.
„Ach, Felix, wenn nit Sie’s wären ...“ sagte sie dann träge, „ich tät’ wirklich nit so lang da herhalten. Es wird wirklich schon a bissel fad’. Gehen’s, kommen’s zu mir da her a bissel! Gönnen’s mir a Ruh!“ bat sie mit leiser Stimme.
Felix warf seinen Pinsel beiseite und kam zögernd näher.
„Wir müssen das Licht ausnützen, gnädige Frau ...“ sagte er stockend und sah sie mit unsicherem Blick an.
„Ja, freilich! Ich weiß schon.“ Sophie tat, als ob sie schlafen wollte, und schloß die Augen. Dann sagte sie weich: „Ich will auch gleich wieder brav sein. Nur ein bissel plauschen!“ bat sie. „Ich schlaf’ sonst ein.“
Felix holte sich einen Hocker, den er in der Nähe stehen hatte, und setzte sich in einiger Entfernung der jungen Frau gegenüber.
Da richtete sich die Sophie empor, sah Felix mit einem seltsam aufleuchtenden Blick in die Augen und lächelte. „Daß Sie mir ja nicht zu nahe kommen ...“ sagte sie fast flüsternd.
Der laue Wind vom offenen Fenster her bewegte das weiße Spitzengeriesel, das den Ausschnitt ihres Kleides leicht verhüllte. Sie trug ein hellblaues Seidenkleid, das Hals und Nacken offen ließ. In feinem Farbenton vermischte sich das zarte Blau mit ihrer sametweichen braunen Haut.
Felix Altwirth biß sich auf die Lippen. Sophie sah,wie er leicht die Farbe wechselte. Sie lehnte sich noch behaglicher zurück, wandte ihm ein wenig ihr Gesicht zu und schloß dann abermals die Augen.
„Felix ...“ sagte sie leise über eine Weile.
Der Maler hatte die Blicke gewaltsam auf den Boden gerichtet, um sie nicht ansehen zu müssen.
„Gnädige Frau!“
„Wie wollen Sie mich denn dann eigentlich malen? Dann ... wissen Sie, wenn dieses Bild fertig ist.“ Sie legte eine eigene Betonung auf das Wort „dann“.
„Ich will Sie gar nicht malen!“ stieß Felix erregt hervor. Seine Stimme erschien ihr etwas heiser.
„So? ...“ sagte Sophie mit einem raschen Blick auf Felix.
„IchkannSie nicht malen. Ich ...“
„Nicht, Felix? ...“ frug sie weich.
„Nein!“ kam es rauh zurück.
„Felix! ...“ bat das Weib, und ihre Stimme hatte einen schmelzenden Klang. „Und wenn ich Sie bitte, wenn ich ...“
„Sophie ... spiel’ nicht mit mir!“ sagte der Maler drohend. Er hatte sich, seiner Erregung kaum mehr mächtig, erhoben und war wieder zu seiner Staffelei gegangen.
Auch Sophie war von ihrem Sitz aufgesprungen. Blitzartig, wie eine Natter, schnellte sie empor und hinüber zu dem Mann. Mit festem Druck ergriff sie seine beiden Hände. Sie drängte sich an ihn ... so nahe, daß ihr heißer Atem ihm wie eine verzehrende Flamme entgegenschlug. Ihre Augen senkten sich verlangend in die seinen, und ihr üppiger, nach Küssen lechzender Mund näherte sich dem seinen.
„Ich spiel’ nit mit dir, Mann!“ stieß sie erregt hervor. „Ich liebe dich!“
„Sophie!“ Wie ein Schrei kam es über die Lippen des Mannes. „Sophie!“
„Felix!“
„Du ... du ...“ stöhnte er.
Da umschlang sie ihn mit ihren kräftigen Armen.
„Ich hab’ dich ja gern ... du ...“ jubelte sie. „So gern!“
Seiner Sinne nicht mehr mächtig riß Felix Altwirth das Weib mit so rasender Glut an sich, daß es aufschrie vor Schmerz.
Sophie küßte ihn in wilder, gieriger Freude. Und unter seinen ungestümen Küssen, die ihr fast weh taten, flüsterte sie keuchend: „Ich hab’ dich lieb, Felix! Noch nie hab’ ich einen Mann so gern gehabt.“ Die Glut ihrer Leidenschaft loderte auf ihn über. Entfesselte seine Sinne, wie sie niemals entfesselt worden waren ...
Nun folgten selige Wochen für Felix und Sophie. Ein schönes, mächtiges Gefühl zufriedenen Glückes erfüllte den Künstler. Wie in einem Taumel lebte er. Lebte nur für Sophie und in Sophie. Sie war sein ganzes Denken und Empfinden, sein Begehren und seine Leidenschaft. Und in diesem Gefühl, das ihn zur höchsten Arbeitskraft anspornte, schuf er, wie er noch nie geschaffen hatte in seinem Leben.
Gleich einer Siegerin, stolz und frei und glückselig betrat Frau Sophie Rapp jetzt täglich am frühen Nachmittag das kleine Häuschen droben bei der Weiherburg. Auch in ihr war eine Wandlung vorgegangen. Was sie zum Spiel angezettelt hatte als einen neuen Zeitvertreib, das ergriff sie nun übermächtig. Erweckte ein neues, nie gekanntes Gefühl in ihr und erfüllte sie mit stillem, seligem Glück.
In dem Egoismus der Glücklichen, die nur noch für einander lebten, achteten Felix und Sophie nicht darauf, daß Adele und ihr Töchterchen jetzt stets das Haus verlassen hatten, noch ehe Sophie zu Besuch kam.
Die einsame blonde Frau begleitete nun oft stundenlang den alten Rat Leonhard auf seinen stillen Wegen. Er sprach nicht viel mit ihr, der alte Herr. Aber er gab sich alle Mühe, gut und freundlich zu sein. Es berührte ihn ganz eigentümlich, daß er, der wunderliche alte Junggeselle, in dem Leben eines andern Menschen noch so viel bedeuten sollte. Er fühlte es, daß er der jungen, fremden Frau ein Halt geworden war. Der einzige Halt in ihrer Not.
Ruhig und anscheinend zufrieden schritt die hohe blonde Frau neben dem kleinen alten Herrn. Sie achtete nicht auf seine Schrullen, tat, als bemerke sie dieselben gar nicht. Sie war nur zufrieden darüber, daß sie einen Menschen gefunden hatte, schweigsam wie sie selber war und doch voll warmer, echter Teilnahme.
Adele erzählte dem alten Herrn nichts von den täglichen Besuchen der Frau Sophie Rapp, und sie sprach ihm nichts von dem Kummer, der sie drückte. Nur einmal sagte sie ihm, daß sie daran denke, fortzuziehen. Sie und die kleine Dora. Fort nach München. Sie würde sich glücklicher fühlen in der alten Heimat, meinte sie.
Da blieb der Rat Leonhard plötzlich stehen auf seinem Weg und stieß die Spitze des grauen Regenschirmes heftig in die von der Sonne erweichte Erde.
„So? Fort wollen Sie?“ fragte er, und sein Gesicht bekam einen ganz verbissenen Ausdruck. „Davonlaufen!“ Er sah die junge Frau scharf an. „Davonlaufen ist keine Kunst. Das kann a jed’s. Aber aushalten, das ist die Kunst. Das kann nit a jed’s!“
Adele Altwirth war noch ein wenig bleicher geworden, als sie sonst war. Sie wußte es nun, der alte Herr erwartete von ihr, daß sie um ihres Kindes willen bei dem Gatten bleibe. Nicht ihr Glück stellte er voran, sondern das Glück des Kindes.
Der Rat Leonhard hatte ihr öfters aus den Erfahrungen seiner gerichtlichen Praxis erzählt. Sie kannte die hohen moralischen Anforderungen, die er an ernste Menschen stellte. Für ihn gab es nur eines: die Pflicht, Pflichterfüllung bis zum äußersten.
„A Kind, das ohne Vater aufwachst, ist für die Gesellschaft halb verloren!“ hatte er einmal gesagt. „Es braucht den Vater und die Mutter. Der Zusammenhang muß da sein. Sonst ist’s g’fehlt.“
Nach reiflicher Überlegung mußte Adele dem alten Rat beistimmen. So sehr sich auch ihr Innerstes aufbäumte, so sehr sie sich gedemütigt und entehrt fühlte, sie mußte aushalten ... aushalten um ihres Kindes willen.
Schlussvignette, Kapitel 13