Drittes Kapitel.
Sophie Zöttl, das Karrnerkind, befand sich nun schon seit Monaten in dem Kloster zu Mariathal.
Den endlos langen Wintertagen folgten die ersten Stürme des Frühlings. Lauer Regen weckte die schlafenden Triebe in der Natur. Unter der dichten Schneedecke, die allmählich zu schmelzen begann und ihr schönes, blendendes Weiß in ein schmutziges Gelb verwandelte, stahl sich aus der feuchten braunen Erde schüchtern saftiges junges Grün hervor. Die ersten Schneeglöckchen hoben ihre zarten Kelche, und in den Zweigen der Bäume zwitscherten die Vögel ihr lustiges, sehnsuchtsvolles Lied durch die aus der Winterstarre erwachte Welt.
Es kamen herrliche, sonnenhelle Tage. Tage von berückender Schönheit, mit einem tiefblauen Himmel und fast sommerlicher Wärme. Langsam schüttelten die Bäume des Tales ihren Winterschmuck von Wipfeln und Ästen, so daß sie sich dunkel und ernst von ihren höher gelegenen und noch immer schneeumhüllten Kameraden abhoben. Heiter und weiß grüßte von jenseits des Tales die scharfe Kante der Gratlspitz herüber nach Mariathal.
Die Zöglinge des Klosters durften sich jetzt viel im Freien aufhalten. Aus den Mauern ihres stillen Heims wanderten sie hinaus und ergötzten sich durch fröhliche Spiele im Garten und auf weiten Spaziergängen über die Felder von Kramsach und dessen Umgebung.
In schlichten Reihen, immer zwei und zwei, gingen die Mädchen in ihren schwarzen, halblangen Institutskleidern und mit den häßlichen runden Hüten, deren weiße Bänder im Winde flatterten. Mit frohen Gesichtern und munter plaudernd.
Niemand hätte die kleine Sophie wiedererkannt, das ausgelassene, wilde Karrnerkind, wie es jetzt an derSeite der Klosterschwester einherschritt in reinlichen Kleidern, mit sauber gekämmten Haaren, das lustige braune Gesichtel in ernsthafte Falten gelegt und die muntern dunkeln Augen sorgsam zu Boden gesenkt.
Gerade diese gezwungene Haltung des Kopfes und dieses gewaltsame Eindämmen ihres sonst so lebhaften Mienenspiels waren die auffallendsten Veränderungen an dem Kinde. Aber darauf hatte die kleine Sophie jetzt stets zu achten auf Geheiß der Oberin. Sie durfte nicht mehr neugierig umher schauen, weil sie sonst auf sündhafte Gedanken und Begierden kommen konnte.
Noch mitten im Winter war’s, als sie mit den andern Kindern heimgekommen war von längeren Spazierwegen, frisch und rosig gefärbt von der scharfen Winterluft und mit lachenden, glücklichen Augen. Die Schwestern hatten ihre Freude daran, besonders die Schwester Salesia. Die konnte sich stets herzhaft freuen mit dem jungen Volk und konnte fast noch übermütiger lachen als die kleinen Mädeln selber.
Die alte Pförtnerin war daher der besondere Liebling der Mädchen. Wenn sie von ihren Ausgängen heimkehrten und die Schwester Salesia ihnen die Pforte des Klosters öffnete, dann umringten sie sie stürmisch, redeten auf sie ein und erzählten, was sie da draußen gesehen und erlebt hatten. Und alle auf einmal wollten sie reden, und jedes hatte es noch wichtiger als das andere. Beruhigend mußte da die Schwester auf die junge Schar einwirken und sie gar oftmals auch mit einem derben Wort zurechtweisen, wenn die Mädchen allzu ausgelassen wurden.
Es waren keine großen Erlebnisse, von denen die Kinder zu berichten wußten. Lauter liebe Kleinigkeiten, die der Jugend ungeheuer wichtig erschienen. Niemand im ganzen Kloster verstand es so prächtig, auf die Interessen der Kinder einzugehen, wie die alte, gute Schwester Salesia.
Zwischen der Schwester und dem braunen Karrnermädel war es bald zu einer innigen Freundschaft gekommen. Die Schwester hatte gleich den richtigen Ton gefunden, und die kleine Sophie vertraute ihr bald alles an. Sie erzählte der Pförtnerin von ihrem früheren Leben. Von den Streichen, die sie und die kleine Brut ihrer Geschwister ausgeführt hatten. Und von den wüsten Streitszenen im Karrnerlager. Die Schwester Salesia hörte alles ruhig an. Eine neue Welt tat sich da vor ihren Augen auf. Eine Welt, die sie nicht kannte.
Schwester Salesia hatte erst spät den Schleier genommen. Sie hatte in ihrem langen Leben reiche Erfahrungen gesammelt. Viel Trübes war über dieses einsame Frauenherz gekommen. Aber sie hatte tapfer gekämpft, ganz still für sich. Niemand besaß eine Ahnung im Kloster, daß hier ein heißes Herz seinen Frieden gesucht und gefunden hatte. Und mit den Jahren wurde aus dem unruhigen, lebenshungrigen Mädchen die stets heitere und zufriedene Schwester Salesia.
Jene Welt der Karrner aber war der Schwester Salesia fremd geblieben. Das freie, ungebundene Leben dieser Menschen, das so ganz abseits von den gewohnten Sitten lag, und das sie jetzt aus den Schilderungen der kleinen Sophie kennen lernte, erschreckte sie. Sie war aber klug genug, nichts davon merken zu lassen; denn sie wußte, daß sie damit bei dem Kinde nur Unheil anrichten würde.
Das erkannte die Schwester Salesia mit ihrem gesunden Verstand klar und genau ... Das Kind hatte keine Ahnung davon, daß sein früheres Leben gegen Sitten und Moral verstieß. Die Sophie war es gewöhnt worden, dieses Leben als etwas Selbstverständliches zu betrachten und hinzunehmen.
Schwester Salesia hütete sich wohl, das Kind darauf aufmerksam zu machen. Sie wußte es, daß sie dadurch mit rauher Hand die kindliche Unbefangenheit des kleinenMädels zerstört hätte. Aber sie mußte es auch verhüten, daß die andern Kinder im Kloster etwas von den freien Sitten des Karrnerlagers erfuhren. Sie bat daher das Mädchen fast schüchtern: „Gelt, Kind, das, was du mir sagst, erzählst aber nit weiter! Gelt, versprichst mir das?“
Anfangs hatte die Sophie verwundert auf die Schwester geschaut. „Warum denn nit, Schwester?“
„Weißt, die Kinder und auch die Schwestern, die verstehen nix von der Welt. Da darf man solche Sachen nit reden!“ sagte die Schwester Salesia leicht verlegen.
Trotz aller Vorsicht und Güte war Sophie nachdenklich geworden. Warum durfte sie nichts von ihrem vergangenen Leben erzählen? Sie wußten es ja alle im Kloster, daß sie ein Karrnerkind war. Sophie bemerkte es gar wohl, daß sie den andern Kindern deshalb sehr interessant erschien. Sie hatten sie anfangs oft mit Fragen bestürmt, und sie hatte diese Fragen nicht beantworten dürfen. Darin war die alte Schwester Salesia unerbittlich gewesen.
Die kleine Sophie grübelte immer mehr nach. Etwas wie Scham beschlich sie. Nur wußte sie selbst nicht, worüber sie sich schämte. Aber sie fing an, immer ernsthafter nachzudenken, und dann fragte sie wieder die Schwester Salesia: „Darf ich’s der Schwester Oberin auch nit erzählen?“ Zögernd und etwas kleinlaut kam es über die Lippen des Kindes. Und fast angstvoll schaute sie auf die alte Schwester.
„Wohl, der Schwester Oberin schon. Der muß man alles erzählen!“ belehrte sie die Pförtnerin. Dabei vermied sie es aber, in die großen, forschenden Kinderaugen zu schauen. Die Schwester Salesia wußte es nur zu gut, daß in dem ganzen Kloster vielleicht niemand so ungeeignet war, ein mildes Urteil über die Schattenseiten der Welt zu fällen, wie gerade die SchwesterOberin. Das durfte sie aber dem Kinde nicht merken lassen.
Die alte Schwester kannte die Sehnsucht, die in jedem Menschen lebt. Die Sehnsucht nach Vollkommenheit, nach Reinheit und Größe. Dieses Sehnen schlummert in der Seele eines jeden Menschen. Unbewußt in der Brust des Kindes. Bewußt und oft zu brennendem Verlangen entflammt in den Herzen der Erwachsenen. Und die alte Schwester war klug genug, diese Sehnsucht in den zarten Herzen der Kinder zu hegen und zu pflegen. Sie wußte, daß es das Schönste im Leben ist, sich das felsenfeste Vertrauen auf den edlen Kern im Menschen so lange als möglich zu erhalten. Das felsenfeste Vertrauen auf das göttliche Saatkorn, das in jeder Seele keimt, und, wo es nicht verkümmert, herrliche Blüten und Früchte tragen muß.
Das Leben hatte dem Karrnerkind übel mitgespielt. Sophie hatte bisher nur die niedrigste Seite des menschlichen Daseins kennen gelernt. Sie haßte alle Menschen und traute ihnen nur Schlechtes zu. Erst hier im Kloster war sie langsam zu einem andern Glauben gekommen.
Sophie lernte es wohl, ihre Erzieherinnen zu lieben, und trotzdem fehlte ihr noch jener Begriff hoher Achtung vor den Menschen, der die Grundsäule aller gesellschaftlichen Ordnung ist. So baute denn die alte Klosterschwester ihre geistliche Oberin in der kindlichen Phantasie des Karrnermädels allmählich zu einer Idealgestalt aus. Lehrte sie die Oberin achten und lieben als eines der vollkommensten Wesen, die je gelebt hatten.
Das Kind hatte eine heilige Scheu vor dieser Frau. Es fühlte sich stets unbehaglich in ihrer Nähe und hätte es wohl nie übers Herz gebracht, mit der Oberin über seine Vergangenheit zu sprechen. Das wußte die Schwester Salesia, und darauf rechnete sie.
Sophie hatte noch nie eine Schule besucht. Ihre ganze Erziehung mußte von den allerersten Anfängen gründlich beginnen. Sie hatte keine Ahnung von einer geregelten Lebensweise und erregte in den ersten Wochen ihres Klosterlebens viel Heiterkeit unter ihren Mitschülerinnen. So befahl denn die Oberin, daß Sophie Zöttl hauptsächlich dem Schutz und dem Unterricht der Schwester Salesia anvertraut werde, bis sie fähig wäre, in eine regelrechte Schulklasse eingereiht zu werden.
Das war auch gut so für das Kind. Auf diese Weise bekam sie den Zwang des Klosterlebens nicht so stark zu fühlen, hatte mehr Freiheit als die andern und fühlte sich unter der milden Zucht der alten Schwester äußerst wohl und behaglich. Sie durfte der Pförtnerin bei den Arbeiten in der Sakristei helfen, durfte aus dem kleinen Treibhaus im Klostergarten Blumen holen für die Kirche und lernte die Blumen mit Liebe behandeln und pflegen.
So gewöhnten sich die Schwester und das Karrnerkind rasch und innig aneinander, und die alte Schwester Salesia kannte bald alle aus dem Karrnerlager. Kannte den weißblonden Tonl und die Benedikta. Sah den rohen Gaudenz, wie er die Peitsche unbarmherzig auf die halbnackten Körper seiner Kinder niedersausen ließ. Und sah auch Schips, den zottigen Köter, bellend und winselnd von einem zum andern laufen. Und dann wieder sah sie die Sophie, wie sie gleich einem kleinen, wilden Teufel um sich schlug, kratzte und biß. Und sie fühlte mit dem Kinde den ganzen ingrimmigen Haß gegen den Stiefvater. Sie wußte auch von des Kindes Schleichwegen, wenn es galt, etwas für das Karrnerlager zu stehlen.
Und für alles hatte die alte Schwester das milde Verstehen und Verzeihen einer gereiften Erkenntnis. Mit weiser, vorsichtiger Hand führte sie dieses wilde, jungeLeben in geregelte Bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für die Schwester Salesia und bedurfte äußerster Klugheit. Zu viel Strenge oder zu viel Nachsicht ... und alles konnte bei dem Kinde verdorben sein.
In wenigen Monaten hatte die Schwester wahre Wunder gewirkt. Sophie fühlte sich glücklich und war froh und heiter wie noch nie in ihrem Leben. Das Kind fühlte es: die alte asthmatische Schwester Salesia war ihr nicht nur Erzieherin und Lehrerin, sondern auch eine Mutter geworden. Und zum ersten Male in ihrem Leben hatte sie selbst ein warmes, echtes Gefühl der Zuneigung. Nein, nicht das erstemal. Denn den Tonl, das hellblonde Brüderl, das hatte sie doch innig lieb gehabt. Und nach dem Tonl sehnte sie sich auch manches Mal und erzählte es der Schwester, und die Schwester tröstete sie dann immer.
„Weißt, wenn der Gaudenz wieder nach Rattenberg kommt, dann schauen wir, daß wir den Tonl kriegen!“ stellte sie der Sophie in Aussicht.
Da lachte dann das braune Mädel über das ganze Gesichtel. Es war jetzt liebreizend anzusehen, dieses braune Zigeunergesichtel. Das Falsche, Verschlagene und Boshafte, das früher in diesen Zügen lag, war beinahe verschwunden. Die Wangen waren voller und dunkelrot geworden. Und auf jeder Seite zeigten sich beim Lachen zwei allerliebste kleine Grübchen. Die glattgescheitelten, pechschwarzen Haare, die das Kind jetzt in zwei Zöpfen um den Kopf geflochten trug, wollten sich der neuen Ordnung noch nicht recht fügen. Einige krause, widerspenstige Locken fielen trotz aller Pflege stets neuerdings eigensinnig auf die niedere, etwas zu breite Stirn des Kindes. Die lebhaften schwarzen Augen hatten noch immer den suchenden, wie auf Beute lauernden Blick und schauten unter den rassigen, etwas zu dicht gewachsenen Brauen und unterden langen schwarzen Wimpern fast ungewöhnlich groß aus.
„Ja, und dann, was fangen wir dann mit dem Tonl an? Dableiben kann er ja nit!“ gab das Kind zur Antwort, und sein Gesichtel war schon wieder ganz ernst geworden.
Die Schwester wußte Rat. „Den geben wir zum Herrn Pfarrer. Der Herr Pfarrer wird schon sorgen für ihn!“ beruhigte sie das Kind.
Damit war die Sophie sehr zufrieden. Zum Herrn Pfarrer hatte sie alles Vertrauen. Der hatte ja auch für sie gesorgt, daß sie ein ordentlicher Christenmensch geworden war.
Die Schwester Salesia hatte ihr alles erzählt. Sie hatte zwar nicht viel davon verstanden. Aber soviel wußte sie jetzt doch ... der hochwürdige Herr Pfarrer hatte es durchgesetzt, daß sie nun wie jedes Kind im Kloster ihre Dokumente besaß und daß sie auch einen Vormund hatte. Und das war der lange Schmied von Rattenberg. Und der Gaudenz Keil hatte von jetzt ab kein Recht und keine Gewalt mehr über sie, sondern nur der lange Schmied. Das gönnte sie dem Gaudenz vom ganzen Herzen.
Als es ihr die Schwester erzählte, war sie so froh darüber, daß sie mitten in der Sakristei herumhüpfte und auch die Schwester mit sich fortriß. Beinahe wäre die Schwester Salesia deswegen ernstlich bös geworden. Aber nur beinahe. Denn ernstlich, wirklich ernstlich böse werden, das konnte die Schwester nicht. Und mit der Sophie schon erst recht nicht. —
Die Oberin hatte dem schönen Freundschaftsbund zwischen der alten Schwester und dem Karrnerkind ein jähes Ende bereitet. Mit fester, rauher Hand war sie dazwischen gefahren und hatte den zarten Trieb des Guten in dem jungen Herzen des Kindes vernichtet.
Ganz erschrocken und verstört hatte das Kind damals auf die Oberin geschaut, und blutrot war sie geworden vor Scham. Gerade das, was die alte Schwester ängstlich bestrebt gewesen war zu verhüten, war nun geschehen. Zum ersten Male hatte Sophie ihre Abstammung als eine Schmach empfunden. Mit einem Male fühlte sie es deutlich, daß trotz aller christlichen Nächstenliebe, von der sie immer hörte, eine große und tiefe Kluft bestand zwischen ihr und den andern im Kloster.
Vor allen Kindern, öffentlich hatte sie die Oberin ein diebisches Zigeunermädel geheißen, das seinen Stand nicht verleugnen konnte und das nicht wert war, daß man sie unter die Schar der guten, wohlgesitteten Kinder aufnahm.
Und Sophie sah es deutlich, wie die Kinder alle von ihr abrückten. Sie fühlte es in jenem Augenblick ... da war kein Unterschied zwischen diesen frommen Menschen im Kloster und jenen Menschen, die dem Karrnerkind fluchend und schimpfend die Tür vor der Nase zugeschlagen hatten. Kein Unterschied zwischen jenen Menschen, die sie mieden, haßten und brandmarkten, als ob sie von ekler Krankheit befallen sei.
Warum haßten die Menschen das Karrnerkind? Sophie hatte nie darüber nachgedacht ... und wenn auch, sie hätte die Erklärung dafür doch nicht gefunden. Es war ihr auch im Kloster nie eingefallen, die Schwester Salesia darum zu befragen. Die Güte und Liebe ringsum verwischten die kränkenden Spuren von ehedem.
In jenem Augenblick der öffentlichen Demütigung aber überkam das Mädel wieder der alte, wilde Haß. Mit dunklen, haßerfüllten Augen sah das Kind auf die Oberin, die sie bis dahin wie eine Heilige verehrt hatte.
Warum demütigte sie diese Frau vor allen Kindern? Warum warf sie ihr ihre Abstammung vor als eine Schmach? Was hatte sie getan? Warum war es eineSchande, ein Karrnerkind zu sein? ... Die weichen Züge des Kindes verzerrten sich, und ihr frisches Gesicht wurde aschfahl vor innerer Wut, so daß sie für einen Augenblick ganz alt und häßlich aussah.
Das wilde Blut des Mädels tobte. Die kleinen Fäustchen ballten sich, und ihre Schultern spannten sich straff nach vorne. Genau so war es damals, wenn Gaudenz Keil in viehischer Bosheit das Kind reizte, bis sie ihn wie eine toll gewordene Katze anfiel. Auch diesmal hatte das Kind die Haltung, als wollte sie sich auf die Oberin stürzen.
Was hatte sie getan, daß man sie haßte und demütigte? Gar nichts hatte sie getan. Rein gar nichts. Nur erzählt hatte sie’s der Schwester Salesia, und alle Kinder waren dabei gestanden und hatten es mit angehört. Und waren dann in ein unbändiges Gelächter ausgebrochen, so daß alle Versuche der alten Schwester, das übermütige junge Volk zu beschwichtigen, vergebens waren und der ungewöhnliche große Lärm die Oberin herbeilockte.
Im Nu war alles still. Hoch und gebietend sah die Oberin im Kreise herum, und selbst die alte Schwester hatte unter den strafenden Blicken dieser Frau einen ganz roten Kopf bekommen. Scheu wichen die Kinder zur Seite und grüßten ehrfurchtsvoll.
Die Oberin schaute forschend auf die Mädchen. Mit kaltem, hartem Blick. „Wer ist die Schuldige?“ frug sie dann laut.
Niemand rührte sich. Keins von den Mädchen getraute sich, Antwort zu geben.
„Wer war die Ursache dieses Lärmes?“ frug die Oberin abermals mit harter Stimme.
Die Mädchen sahen scheu und verstohlen auf Sophie, aber keine nannte ihren Namen.
„Sophie, warst du’s?“ frug die Oberin etwas milder.
Das kleine Mädchen kam knicksend näher und stellte sich vor die Oberin hin. Mit schalkhaftem Lächeln sah sie zu der hohen, schlanken Frau auf.
„I bitt’, Schwester Oberin, ich war’s!“ sagte sie.
Es lag etwas Stolzes, Selbstbewußtes in dem Ton des Kindes. Die befriedigte Eitelkeit der ehemaligen kleinen Komödiantin, die ihrem Publikum gefallen hatte.
Die Schwester Salesia schaute ängstlich auf die Oberin. Sie wußte, daß diese Frau die Art des Kindes nicht verstand und sein Benehmen mißdeuten werde. Und sie wußte auch, daß ein unbesonnenes Wort des Tadels bei dem wilden, ungebärdigen Sinn des Kindes großen Schaden anrichten konnte.
„Was hast du getan, Sophie?“ frug die Oberin streng, aber ohne Härte.
„Ich?“ Das Mädel sah mit selbstgefälligem Lächeln auf ihre Mitschülerinnen. „Nichts hab’ ich getan, rein gar nichts!“
„Lüg’ nicht!“ gebot die Oberin streng. „Gib ehrlich Antwort, wenn man dich fragt!“
Da mischte sich die alte Schwester ein. „Sie hat halt dumm’s Zeug erzählt, Schwester Oberin. Sonst nix, nur a bissel dumm’s Zeug. Und die andern, die Gäns’, die haben g’lacht.“
Die „Gäns’“ fingen bei der Erinnerung an das dumme Zeug schon wieder zu kichern an. Mißtrauisch sah die Oberin auf die Schwester Salesia. Sie hatte es schon längst mit Unbehagen bemerkt, daß die Schwester das Karrnerkind auffallend bevorzugte, und sie sah es deutlich an dem verlegenen Gesicht der Schwester, daß sie ihr etwas zu verheimlichen suchte.
„Was hast du gesagt, Sophie?“ frug die Oberin streng und sah mit festem Blick auf das Mädel.
„Nit sagen!“ flüsterte ein größeres Mädchen, das in ihrer Nähe stand, ganz leise. „Nit sagen!“
Das feine Ohr der Oberin hörte die Warnung doch.
„Was sollst du nicht sagen, Sophie?“ frug sie mit kalter, lauter Stimme. „Rede!“
Sophie war jetzt tatsächlich verwirrt geworden. Sie sah das hilflose, bestürzte Gesicht der alten Klosterschwester, und sie hörte den heimlich warnenden Zuruf des Mädchens.
„Ich ... ich hab’ einen Hund g’sehen ...“ sagte sie jetzt leise und zögernd.
„Ja ... und ...?“ frug die Oberin, ohne ein Auge von der kleinen Sünderin zu lassen. „Und?“
„Nix!“ sagte Sophie über eine Weile.
„Sag’ die Wahrheit, Sophie Zöttl!“ gebot die Oberin.
Sophie sah sich hilflos um. Dort neben der Oberin stand ihre alte Freundin und hielt die Augen zu Boden gesenkt. Sie gab ihr kein Zeichen, was sie tun sollte. Und alle Kinder standen schweigend im Halbkreis um sie und sahen verlegen und etwas ängstlich drein.
„Sag’ die Wahrheit!“ gebot die Oberin.
„Ich hab’ zwei Hund’ g’sehen ...“ erzählte jetzt das Kind mit lauter Stimme. „Einen braunen, ein Dackel war’s, und einen großen zottigen. Den Dackel, den kenn’ ich schon lang, und den hätt’ ich gern mitg’nommen, wenn ich dürft hätt’. Aber die Schwester hat’s verboten.“ Dabei zeigte das Mädchen mit dem Finger auf die junge Klosterschwester, welche die Kinder bei den Spaziergängen beaufsichtigte. Die junge Schwester hatte sich schon die ganze Zeit her versteckt in eine Ecke gedrückt.
„Ist das alles, Sophie Zöttl?“ frug die Oberin streng.
„Nein, nit alles. Deswegen haben’s nit g’lacht, die Kinder.“ Das Mädchen wurde nun schon wieder selbstbewußter. Die Verlegenheit war geschwunden. Sie hatte eigentlich jetzt keine Angst mehr vor der Oberin. Die war ja gut, das wußte sie. Und die Oberin konnte es gewiß auch begreifen, daß man einen netten, kleinen, lustigen Hund zu stehlen wünschte. Und jetzt konnte sieihr auch das übrige erzählen. Dann würde sie die Oberin auch so zum Lachen bringen, wie die Mädchen. Und die Sophie erzählte es ganz genau, was sie den andern gesagt hatte. Erzählte, wie sie die beiden Tiere bei ihrem Spiel beobachtete. Und sie habe es nur bedauert, daß kein Weibchen dabei war. Sonst würde es kleine junge Hunderln abgeben.
Für einen Augenblick war die Oberin sprachlos. Sie war so empört über die Verderbtheit des Kindes, daß sie keine Worte finden konnte. Nur mühsam konnte sie ihre Aufregung niederkämpfen.
Dann aber brach das Unwetter los. Im hohen Zorn hieß sie das Kind ein diebisches Zigeunermädel, das nicht wert sei, mit den andern gesitteten Kindern zusammen zu leben. Wie Peitschenhiebe mitten ins Gesicht trafen die harten Worte das Kind.
Die Oberin sah die Veränderung, die mit dem Kinde vorging. Auch die drohende Haltung und die haßverzerrten Mienen entgingen ihr nicht. Sie war wieder eine kluge Frau und auch bestrebt, gerecht zu sein. Sie sah, daß sie mit ihren Worten das Kind tiefer getroffen hatte, als sie beabsichtigte. Aber sie empfand die Äußerungen des kleinen Mädels als etwas so unerhört Schamloses, daß sie es für ihre heilige Pflicht hielt, dieses verderbte Kind von den andern fern zu halten. —
Für die kleine Sophie fingen nun harte Zeiten an. Die Oberin nahm die Erziehung des wilden Karrnerkindes selbst in die Hand und verdarb mit ihrer Strenge alles, was die alte Schwester Salesia durch Güte und milde Nachsicht aufgebaut hatte ...
Eine Zeitlang ging Sophie im Kloster umher mit geducktem Köpfchen und unglückselig wie ein verprügeltes armes Tier. Und doch waren es nur Worte, die diese Änderung hervorbrachten. Das Kind hatte keine Strafe und keine Züchtigung im Kloster erfahren. Aber miteiserner Konsequenz bestand die Oberin darauf, daß ihre Befehle genau durchgeführt wurden. Mit Worten und nur mit Worten allein erreichte sie es, daß das Kind sich vorkam wie ein junger, armseliger Kettenhund, der schwer und keuchend an seiner Fessel zerrte.
Je mehr die Tage dem Frühjahr entgegen gingen, desto drückender empfand die Sophie das Leben im Kloster. Und als einmal die Ennemoserin kam, um Nachschau zu halten, da fing das kleine Mädel laut zu weinen an und bat, die Frau möchte sie doch mitnehmen. Hinaus aus dem Kloster, in die Freiheit. Es brauchte viel gutes Zureden, um das Kind zu beschwichtigen.
Am gleichen Abend jedoch hatte die Schwester Salesia noch eine Unterredung mit der Oberin.
Diese beiden Frauen waren sich nie nahe gekommen trotz der engen Gemeinsamkeit, in der sie lebten. Sie waren zu grundverschieden voneinander. Ernste Reibungen hatten aber auch nie stattgefunden.
Nur selten kam die Schwester Salesia jetzt mit ihrem Liebling zusammen. Denn Sophie war ihr Liebling geworden. Da machte sie kein Hehl daraus. Wenn sie das Kind jetzt sah, so bemerkte sie deutlich die Wandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen war. Sie sah, wie das Mädel den kleinen Kopf senkte und die lebhaften Augen in einem unnatürlichen Zwang zu Boden schlug. Und in dem guten alten Herzen der Schwester regte sich der Zorn. Sie mußte öfters an sich halten, sonst hätte sie der Oberin ernstliche Vorwürfe gemacht.
An jenem Abend nach dem Besuch der Ennemoserin konnte die Schwester sich nicht mehr überwinden. Vor dem Schlafengehen war’s, als die frommen Frauen gerade von der Abendandacht aus der Kirche kamen. Die Schwester Salesia war als Sakristanin die letzte in der Kirche und hatte diese abzuschließen.
Das tat sie jeden Abend. Mit einer behaglichen Ruheschlürfte sie durch den weiten Kirchengang, füllte das Öl ein in die rote Ampel vor dem Hochaltar und überdeckte den Altar noch vorsichtig mit einer schön gestickten, prunkvollen Decke. Das tat sie alles mit viel Umständlichkeit und Ruhe und schöpfte dabei mehr und tiefer Atem, als es trotz ihres asthmatischen Zustandes notwendig gewesen wäre.
Heute aber verrichtete die Schwester ihre kleine Pflicht mit einer Art nervöser Hast. Vorne im Chorstuhl bei dem Hochaltar kniete die Oberin und betete. Es war schon ganz dunkel in dem hohen Raum. Und nur der matte rote Schimmer des ewigen Lichtes ließ die Gegenstände in nächster Nähe undeutlich erkennen. Die weißen Hauben der beiden Frauen sahen wie riesige, gespenstige, weiße Fliegen aus. Die schlürfenden Schritte der alten Schwester hallten wider in der heiligen Stille des Gotteshauses.
Hin und her wanderte die Schwester und rasselte dann umständlich mit dem Schlüsselbund. Das harte, knarrende Geräusch der Schlüssel störte mißtönig die Stille und machte die Oberin aufschauen aus ihrer Andacht. Langsam erhob sie sich, schritt vor die Stufen des Hochaltars und kniete dort nochmals zu kurzem Gebet nieder.
Die Glocke der Turmuhr schlug die neunte Stunde. So schnell sie konnte, durcheilte die Schwester Salesia den Kirchenraum und wartete in der Nähe des Altars am Eingang zur Sakristei auf die Oberin.
In der Sakristei trafen die beiden Frauen zusammen. Mit kurzem Gruß, wie sie das stets zu tun pflegte, wollte die Oberin an der Schwester vorbeigehen. Aber Schwester Salesia griff nach ihrer Hand und bat mit leiser Stimme: „Auf an Augenblick, Schwester Oberin. Ich hab’ mit Ihnen z’reden!“
Sie waren aus der Sakristei in den gedeckten Klostergang getreten, der das alte Frauenkloster zu Mariathalmit der Kirche verbindet. Die Schwester Salesia verschloß nun auch die von der Sakristei nach dem Gang führende Tür, nachdem sie früher die Pforte von der Kirche zur Sakristei sorgfältig versperrt hatte.
Langsam schritten die beiden Frauen durch den dunklen Gang. Die alte Schwester hatte eine kleine Laterne angezündet, deren matter Schein nur spärlich in das tiefe Dunkel des engen, langen Ganges leuchtete. Die Holzdielen krachten unheimlich unter den sonst fast lautlosen Tritten der Frauen.
„Schwester Oberin ...“ begann die alte Schwester mit flüsternder Stimme ... „tuan’s mir’s nit verübeln, daß i no mit Ihnen reden möcht’.“
Die strengen Regeln des Klosters forderten es, daß nach der Abendandacht nichts mehr gesprochen wurde. Nur im Falle dringender Notwendigkeit war das Sprechen im leisen Flüstertone erlaubt.
Die Oberin hielt unnachsichtig an dieser Regel fest. Mit einem verwunderten, etwas unwilligen Blick sah sie auf die Schwester.
„Ich muß heut’ no mit Ihnen reden!“ fuhr die Schwester Salesia fort. „Es laßt mir koa Ruah nit. Ich hab’s schon immer tun wollen, aber ich hab’ mir no nie recht getraut.“
Nun schaute die Oberin ehrlich erstaunt auf die Schwester.
„Es ist wegen der Sophie ...“ sagte die Schwester Salesia mit Nachdruck. „Das Mädel ist ganz verändert. Es ist nit recht, wie Sie sie einzwängen tun!“
„Ich die Sophie einzwängen?“ frug die Oberin verwundert.
„Ja ... einzwängen tun Sie’s!“ behauptete die alte Schwester in unwilligem Tone. „Sie meinen’s nit so. Ich weiß es. Aber Sie verstehen die Kinder nit! Haben’s nit g’sehen heut’, wie sie g’weint hat? So ein Kind, dasan Freiheit g’wöhnt ist, das darf man nit mit Gewalt zurückhalten. Das ist wie ein junges freies Waldtierl, wie ein Vogerl, das no nit im Käfig war. Sie müssen ihr z’erst beibringen, daß ihr der Käfigg’fallt. Sonst ist’s g’fehlt!“
Ohne sie mit einer Silbe zu unterbrechen, hörte die Oberin die Schwester an. Dann sagte sie mit beinahe schüchterner Stimme: „Glauben Sie, daß die Sophie tatsächlich so unglücklich ist, wie sie sich heute gebärdet hat? Die Kinder haben Launen, ich kenne das. Man darf da nicht nachgeben!“ meinte sie überlegend.
Schwester Salesia stellte die kleine Laterne, die sie noch immer in der Hand trug, auf den Fußboden, richtete sich leise ächzend, wie es ihre Art war, wieder empor und stemmte eine Hand in die unförmliche, dicke Hüfte. Dann sagte sie mit etwas lauterer Stimme als bisher: „Schauen’s die Sophie an, Schwester Oberin ... wie die eingangen ist. Für der ihre Art ist Strenge nix. Da richten Sie nix aus damit. Das können’s mir glauben!“
Die Oberin sah nachdenklich vor sich hin.
„Sie ist ein verstocktes Kind!“ meinte sie dann sinnend. „Man wird nit klug aus ihr. Ich glaub’, sie ist verschlagen und sittenlos!“
„Naa! Schwester Oberin, das ist sie nit!“ sagte die Schwester Salesia in so lautem, überzeugtem Ton, daß die Oberin ängstlich abwehrte ...: „Pst! Silentium!“
„Ja! Weil’s wahr ist!“ knurrte Schwester Salesia mit leiser Stimme. „Sie kennen das Mädel nit und kennen die Welt nit. Aberichkenn’ sie, und Sie dürfen mir’s glauben, das Karrnerkind, das das Leben von der schlechtesten Seite g’sehen hat, ist trotzdem so rein und unschuldig geblieben wie Ihnere wohlbehüteten und verhätschelten Poppelen da herinnen, die glei’ versagen, wenn sie ihre Nasen in die Welt außi stecken. Weil das keine rechteArt ist, wie Sie die Mädeln erziehen. Weil Sie ihnen alles verheimlichen tun und ihnen nur vom Satan und vom ...“
„Schwester Salesia!“ unterbrach sie die Oberin strenge. „Es ziemt Ihnen nicht, mich zu unterweisen!“ Mit einem kalten, strafenden Blick sah sie auf die Schwester, die ganz klein und noch kugeliger zu werden schien.
Die alte Schwester schaute unsicher zu der hohen, schlanken Frauengestalt empor. „Sie haben recht!“ stimmte sie dann bei. „Es nutzt doch nix. Sie und ich, Schwester Oberin, wir zwei werden uns doch nit verstehen.“
„Ist auch gar nicht notwendig, Schwester!“ gab die Oberin mit kaltem Tone zur Antwort. Und kurz grüßend ging sie mit fast lautlosen Schritten durch den dunkeln Klostergang. — — —
Ein Gutes hatte diese nächtliche Unterredung trotzdem gebracht. Die Oberin überließ von jetzt ab die Sophie Zöttl wieder dem ganz besonderen Schutz der Schwester Salesia. Das Kind durfte wie vordem der Schwester bei der Arbeit helfen. Sie durfte viel im Garten sein und dort die Blumen und schmalen Gemüsebeete pflegen.
Und doch war Sophie eine andere geworden. Sie freute sich über die neugewonnene Freiheit, aber sie sehnte sich mit der ganzen Kraft ihres jungen Herzens hinaus aus dem Kloster. Hinaus in die ungebundene, unbeschränkte, vollkommene Freiheit.
Schwester Salesia sah diese Veränderung, die mit dem Kinde vorging, mit geheimer Angst. Und sie war doppelt lieb und gut zu dem Kinde.
„Schwester, warum darf i nit aus dem Garten gehen?“ fragte Sophie einmal, als sie beide zwischen den Beeten knieten und Unkraut jäteten. „Da drüben hinter der Friedhofmauer, da ist der Buchenwald so dicht. Ganzdunkel ist’s, weil die Blätter alle so goldig sind. Und so still ist’s da. Stiller wie in der Kirch’n drinnen. I möcht’ spielen in dem Wald!“
Mit sehnsüchtigen Augen schaute das kleine Mädel hinüber, wo der herrliche Buchenwald sich aufbaute, der hinter der Kirche von Mariathal sich noch viele Stunden den Berg hinan und taleinwärts erstreckt.
Das Mädchen erhob sich, dehnte und reckte ihre Glieder wie eine geschmeidige junge Katze und breitete die dünnen braunen Arme aus. Dann stellte sie sich auf die Fußspitzen und hob neugierig den schlanken Hals, als wollte sie so viel wie möglich von den verborgenen Schönheiten da draußen entdecken.
„Was möchtest denn spielen im Wald da?“ frug die Schwester sie über eine Weile.
„I?“ Das Mädel dachte nach. „I ... auf die Bäum’ tät’ i kraxeln und schauen, daß i ein Eichkatzel erwischen tät’. Oder i tät’ einmal probieren, ob i noch was kann von meiner Kunst, und tät’ a Vorstellung geben!“
„A Vorstellung den Eichkatzeln und den Vogerln im Wald, ha?“ frug die Schwester mit gutmütigem Spott. „Die werden aber viel verstehen vom Seiltanzen!“
„Ja, den Vogerln und den Eichkatzeln!“ sagte die Sophie trotzig. „Ihr da im Kloster wollt’s ja doch nix wissen von meiner Kunst!“ machte sie dann verächtlich. „Und ihr versteht auch nix davon!“
„Aber doch mehr als wie die Vogerln, ha?“ frug die Schwester.
Sophie hob die Schultern und machte ein ganz verstocktes, eigensinniges Gesichtel. Das tat sie jetzt häufig, wenn sie keine Antwort geben wollte.
Aber die Schwester sah es doch, daß sich das Kind unglücklich fühlte. Schwerfällig erhob sie sich von dem Gartenbeet, wo sie gerade Unkraut gejätet hatte, und ging zu dem Mädel hin.
„Hast recht Sehnsucht, Sophie? Möchtest fort von da?“ frug sie leise und mit zarter Stimme und fuhr mit leichter, liebkosender Hand über die dunkeln Haare des Kindes.
Sophie fühlte es, daß die alte Schwester die einzige sein würde im Kloster, die um sie trauern würde, wenn sie fortging. Aus ganzem Herzen sehnte sie sich fort aus der Enge des Klosters. Mit jedem Tag noch mehr. Aber sie fühlte es instinktiv, daß dieses Geständnis der Schwester Salesia wehe tun müßte. Und kränken wollte sie ihre alte Freundin nicht.
Sophie legte ihre beiden Arme um den Hals der Schwester Salesia und küßte sie stürmisch. Dann drehte sie sich mit ihr wie ein Wirbel im Kreise herum.
„Aber Schwester, Schwesterle, was glauben’s denn! Ich will nit fort. Von Ihnen schon gar nit! Nur da drüben ...“
„Ja ... ja ... so laß mi doch aus! Du Ungut du! Du sollst ja spielen da drüben! So gib doch a Ruh!“ keuchte die Schwester ganz außer Atem und krebsrot im Gesicht „I will schon reden mit der Oberin, ob sie’s erlaubt.“ —
Die Oberin gab ihre Einwilligung, und Sophie machte von der willkommenen Freiheit den ausgiebigsten Gebrauch. Stundenlang trieb sie sich in den Wäldern herum und kam bald nur mehr ins Kloster, wenn sie der Hunger dazu nötigte.
Je länger die Tage wurden und je kürzer und schwüler die Nächte, desto mehr trieb es das Kind hinaus in den Wald. Sie vergaß Zeit und Ordnung und überwand oftmals den nagenden Hunger oder nährte sich von den Beeren des Waldes.
Einmal, da hatte sich die Sophie weit hinaus ins Inntal gewagt. Sie war durch den Buchenwald gewandert mit flüchtigen Schritten, an dem Berg hinan und hinüber zu den drei Seen, die auf hügeligem Vorland eingebettetlagen, umgeben von Wäldern und anstrebenden Felswänden.
Wie ein verzaubertes Land, so herrlich schön kam dem Kinde diese Gegend vor. Es war ihr, als ginge sie gleich einem jener Märchenkinder, von denen die Schwester Salesia so schön zu erzählen wußte, in einem Paradiesgarten spazieren.
Still und ruhig lag das tiefe, grüne Wasser des klaren Bergsees. Es war ein herrlicher, klarer Hochsommertag. Schwül und heiß brütete die Sonne. Weit breitete sich das Inntal vor den Augen des Kindes, das wie im Traume wandelnd immer höher und höher stieg, bis die Nacht sich senkte.
Da suchte sich das Karrnerkind furchtlos und ohne Zagen sein Lager im weichen Moos unter einer Kiefer und schlief süß und traumlos, bis die ersten goldenen Morgenstrahlen sie weckten. Sie fühlte sich so frank und frei, so glückselig hier in Gottes weiter Welt. Und es kam ihr vor, als hätte sie noch nie im Leben einen so erquickenden Schlaf gehabt.
Vergessen war das Kloster in Mariathal mit seinen Regeln und Vorschriften und vergessen die Oberin mit dem ernsten, strengen Gesicht. Auch an die alte Schwester Salesia dachte Sophie jetzt kaum. Sie fühlte nur den einen großen Trieb in sich ... frei zu sein und zu wandern, so lange sie wollte und wohin sie wollte.
Erst nach einigen Tagen kehrte Sophie ins Kloster zurück. Sie tat es ungern, und es war lediglich eine Art Pflichtgefühl gegen die Schwester Salesia, das sie nochmals die Mauern des Klosters betreten hieß.
Innerlich beneidete sie jetzt die freien Kinder der Karrner. Wie schön hatten es die doch. Ihr altes Karrnerheim, die Mutter, die wilde Horde der Geschwister und Schips, der Hund, ja sogar der Gaudenz Keil, alle diese vertrauten Gestalten, die ihrem Gedächtnis allmählichentschwunden waren, tauchten nun wieder in ihrer Erinnerung frisch und lebensvoll auf. Sie beneidete ihre Geschwister ihrer Freiheit wegen.
Hätte es der Zufall gefügt, daß ihr in dieser Stimmung der Gaudenz Keil gerade begegnet wäre, die Sophie hätte sich ihm mit tausend Freuden wieder angeschlossen. In dem großen Drange nach Ungebundenheit vergaß sie alle Leiden ihrer Kindheit, oder sie erschienen ihr unbedeutend und nichtig.
Es brauchte viel gutes Zureden von seiten der Schwester Salesia, daß sich die Oberin noch einmal entschloß, die kleine Ausreißerin in Gnaden aufzunehmen. Aber von jener Stunde an übernahm sie wieder selbst mit fester Hand die Erziehung des Kindes. Sie fand, daß Güte und Nachsicht nicht geeignet seien, den wilden Sinn des Karrnermädels zu zähmen.
Und nun bekam Sophie die ganze Strenge und den eisernen Willen dieser Frau zu fühlen. Sie lernte es, sich zu fügen und sich zu beugen. Sie lernte, einem einzigen Blick aus den Augen dieser Frau zu gehorchen. Und sie lernte es, sich dankbar zu erweisen für ein Leben, das sie innerlich von Tag zu Tag mehr und mehr verabscheute. — — —
Abermals zog der Winter ins Land. Und die gleichförmigen Wintertage im Kloster wollten für Sophie kein Ende nehmen. Ein Tag schlich dahin wie der andere. Ereignislos, ohne Freude und ohne Glück. Und manchmal hatte Sophie das Gefühl, als müsse sie wie ein junges Raubtier an den eisernen Stäben ihres Käfigs rütteln.
Sophie Zöttl war ein hoch aufgeschossenes Mädel geworden, mit linkischen Bewegungen und eckigen Schultern. Ihr braunes Gesichtel hatte einen verschlossenen Ausdruck. Und die Augen bekamen jetzt immer mehr den heimtückischen, lauernden Blick der kleinen Karrnerin von ehedem.Sophie Zöttl haßte nun alles im Kloster. Sie haßte die Unterrichtsstunden und die Tageseinteilung. Sie haßte die Gegenstände und die Räume des Klosters. Und sie haßte die Menschen da drinnen und sogar die Schwester Salesia. Diese und die Ennemoserin machte sie dafür verantwortlich, daß sie noch immer im Kloster bleiben mußte. Und sie wollte nicht mehr bleiben. Um keinen Preis.
Alles Bitten half nichts. Die Ennemoserin und die Schwester Salesia waren sich darüber einig, daß der Charakter des jungen Mädchens erst im Kloster gefestigt werden mußte, bevor man sie den Gefahren der großen Welt aussetzen konnte.
Als Sophie sah, daß alles Bitten und Flehen vergebens war, wurde sie immer heimtückischer und verschlagener. Sie sann auf Mittel und Wege, alle im Kloster zu ärgern, wo sie nur konnte. Sie log und naschte und war widerspenstig bei jedem Gebot, wenn es nicht unmittelbar von der Oberin kam. Denn vor dieser hatte sie noch immer eine Art Respekt. Eine Scheu, ähnlich derjenigen, die sie früher vor der rohen Kraft des Gaudenz Keil besaß.
So wurde Sophie immer mehr zum Sorgenkind des Klosters. Es war, als ob alle edlen Instinkte, welche die alte Schwester durch ihre Herzensgüte wachgerufen hatte, mit einem Male vernichtet worden wären.
Je eigensinniger die Sophie wurde, desto härter und strenger wurde die Oberin. Sie wollte und konnte es nicht glauben, daß ihre Erziehung nur schlechte Früchte trug. Sie griff zu harten Strafen und erreichte damit, daß der Haß in dem Herzen des Kindes immer mächtiger aufloderte.
Mit der Zeit artete das Verhältnis zwischen der Oberin und dem Karrnermädel zu einem deutlichen stummen Kampfe aus. Sophie war bestrebt, alle Schlechtigkeitenzu begehen, die sie nur ersinnen konnte. Und das nur zu dem einen Zweck, die Oberin zu ärgern. Sie zerstörte sogar die Treibhausblumen für die Kirche und dachte gar nicht daran, daß sie dadurch die Schwester Salesia am meisten kränkte. Denn die Blumen waren ja die Pflegekinder und auserkornen Lieblinge der alten Schwester.
Im Frühjahr war’s, da fing die Sophie heimlich draußen im Garten eine Blindschleiche, tötete sie und legte das kalte Reptil der jungen Klosterschwester, welche die Aufsicht im Schlafsaal hatte, ins Bett. Es war dieselbe Schwester, die das Karrnermädel damals an ihrem ersten Abend im Kloster beten gelehrt hatte. Und Sophie hatte ihr auch stets eine Zuneigung bewahrt. Sie überlegte nicht, daß ihr toller Streich der Schwester Schaden bringen konnte, sondern malte sich in ihrer boshaften Rachsucht nur den Eindruck aus, den die Sache auf die Oberin machen würde.
Der Eindruck war übel genug, denn die junge Schwester trug einen solchen Schrecken davon, daß sie einige Tage hindurch krank in heftigem Fieber lag. Öffentlich wurde Sophie von der Oberin als die Schuldige gebrandmarkt. Mit kleinen, boshaft schielenden Augen, aus denen nur Haß und Abneigung sprachen, schaute das Mädel auf die hochgewachsene, schlanke Frau.
„Und du wirst doch niedergezwungen werden, Sophie Zöttl!“ sprach die Oberin mit fester Stimme. „Und wirst gehorchen und dich beugen, wie wir es alle tun!“ Es lag ein unerschütterlicher Wille in diesen Worten. Sie fühlte es selber, daß es ein langer und schwerer Kampf zwischen ihr und dem Mädel werden würde.
Die Oberin sollte diesen Kampf dann schließlich doch verlieren. Aus freien Stücken gab sie ihn auf. Das geschah, als Sophie durch ihre Streiche das Maß ihrer Sünden voll gemacht hatte.
In einem Anfall von beinahe teuflischer Bosheit schlich Sophie Zöttl in den Schlafsaal, wo das große Madonnenbild hing. Dort rückte sie sich einen Stuhl zurecht, holte einen Bleistift und zeichnete in das zarte, verklärte Antlitz der Gottesmutter einen großmächtigen Schnurrbart.
Als abends die Kinder den Saal betraten, sahen sie das entstellte Bild. Keines der Mädchen verzog eine Miene. Stumm und starr vor Entsetzen umstanden sie das entweihte Heiligtum.
Die junge Klosterschwester nahm Sophie wortlos bei der Hand und führte sie zur Oberin. Ohne zu fragen, wußten es alle im Saal, daß nur Sophie die Täterin gewesen sein konnte.
In dieser Nacht mußte Sophie ganz allein in einer Zelle schlafen. Sie schlief schlecht, und trotzdem träumte sie einen kurzen, schönen Traum von Freiheit und Glück.
Tags darauf ließ die Oberin die Ennemoserin zu sich rufen, und wortlos, ohne Abschied übergab sie das Karrnermädel der Frau.
Mit gesenktem Kopf und doch innerlich jubelnd folgte Sophie Zöttl der Ennemoserin in ihr kleines Heim nach Rattenberg.