Einundzwanzigstes Kapitel.
Doktor Rapp war tot ...
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch die Stadt. Gruppen von Menschen standen in den Straßen beisammen und besprachen aufgeregt den Fall. Doktor Rapp ermordet ... von seiner eigenen Frau.
Es gab viele, welche die ungeheuerliche Tat nicht glauben wollten. Denen man es immer und immer wieder versichern mußte, daß sich Frau Sophie Rapp wirklich selber der Polizei gestellt habe und daß ein Irrtum ausgeschlossen sei.
Eine solche Tat hätte man der Frau des Rechtsanwaltes niemals zugetraut. Wenn sie auch leichtsinnig war, für bösartig hatte sie kein Mensch in Innsbruck je gehalten.
Sogar der Richter hatte einen Augenblick Zweifel, als er die Frau zum erstenmal verhörte. Er sah sie fest und durchdringend an und zweifelte an ihrer Zurechnungsfähigkeit. Aber nur für einen Augenblick. Denn dann überzeugten ihn die klaren Antworten und das ruhige Benehmen der Frau, daß ein Zweifel ausgeschlossen sei. Sophie blieb dabei stehen, daß sie in einem Anfall von Wut und Zorn ihrem Gatten unversehens den Dolchstoß versetzt habe.
Es waren keine Zeugen da für die Tat. Die Hausbewohner hatten wohl Lärm und erregte Stimmen gehört, aber sie hatten sich nicht weiter darum gekümmert.
Das veränderte Benehmen des Rechtsanwaltes war ihnen schon lange aufgefallen, und sie hatten immer gedacht, daß es einmal zwischen den Ehegatten zu einem Auftritt kommen würde. Auch das Dienstmädchen bei Rapps sagte ähnlich aus.
Daß noch eine Person bei der Tat im Spiel sei, war bei dem eingehenden Geständnis der Frau gänzlich ausgeschlossen.Niemand hatte Felix Altwirth gesehen oder gehört. Und keines hatte die Stimme oder den Schritt eines Dritten gehört.
So blieb Felix Altwirth vom Verdacht befreit. Kein Mensch mißtraute ihm. Sie bedauerten ihn alle, die von seinen Beziehungen zu Sophie Rapp wußten.
Nur in der Seele eines einzigen Menschen hatte der Verdacht gegen Felix Wurzel gefaßt. Das war Adele Altwirth.
Eine beklemmende Angst war über sie gekommen. Von dem Augenblick an, als sie von der Schreckenstat erfuhr, peinigte sie die Furcht. Die war so stark, daß sie es nicht wagte, ihren Gatten anzusehen, um nicht die Wahrheit von seinem Gesicht lesen zu müssen. Auch Felix mied es, seine Frau anzuschauen. Er scheute sich vor ihr. Geduckt ... demütig und gequält schlich er umher.
Damals, in jener Schreckensnacht, war er noch stundenlang herumgeirrt, bis ihn das erste Leuchten des Tages in seine Wohnung trieb.
Adele hatte sein Kommen gehört. Sie wußte also, daß er fort gewesen war. Und sie sah sein bleiches, verzerrtes Gesicht und sah sein verstörtes Benehmen.
Erst spät am Tage hörte sie von dem Mord. Die Magd brachte ihr die Kunde. Die ganze Stadt spreche von nichts anderem als von der Ermordung des Doktor Rapp, berichtete sie. Und daß die Frau Rapp so grundschlecht sei, das habe ihr nicht einmal ihr ärgster Feind zugetraut.
„Aber ...“ sagte das Mädchen, „weil sie’s selber eing’steht und nit amal leugnet, so muß es wohl so sein. So a Weibsbild, a spottschlecht’s!“ ereiferte sich das nicht mehr ganz junge Dienstmädchen, das stets voll Freundlichkeit gegen Sophie gewesen war, wenn diese zu Felix kam.
Immer war Sophie gut und lieb zu dem Mädchengewesen und hatte ihr manche kleine Freude gemacht. Daran mußte Adele jetzt denken, als sie die empörte Rede hörte. Wie schnell doch die Gunst bei den Leuten verscherzt ist und wie wandelbar der Sinn der Menschen. Sie fragen nicht einmal nach der Ursache der Tat. Sie heben den Stein auf und steinigen die Sündige.
Warum wohl die Tat geschehen war. Der Gedanke überkam Adele und marterte sie. Eine namenlose Angst befiel sie ... eine unsagbare Furcht ... die den Gatten in den Augen der Frau zum Mörder werden ließ.
Sie wichen einander aus ... der Mann und die Frau. In den Räumen ihrer eigenen Wohnung vermieden sie es, sich zu treffen. Sie hatten beide Angst voreinander.
So waren einige Tage vergangen. Tage, die sich ausdehnten wie Ewigkeiten ... in denen die Stunden schlichen ... langsam ... traurig und voll Pein und Qual.
In Felix regte sich das Gewissen. Folterte ihn bis zum Wahnsinn. Immer mußte er an den brechenden Blick des Mannes denken, dessen Leben er vernichtet hatte. Aber noch schlimmer als jene Tat erschien ihm seine Feigheit.
Ja. Er war feige. In diesen einsamen Stunden der Qual und der Gewissensbisse gestand es sich Felix ehrlich ein. Er hatte das Opfer von Sophie angenommen aus Feigheit. Das war die nackte Tatsache. Er fürchtete sich vor den Folgen seines Verbrechens ... fürchtete sich vor der Schande und Strafe.
In seinem Innern erhoben sich leise, schmeichlerische Stimmen. Betörten ihn mit schönen, entschuldigenden Worten ... und trotzdem erkannte es Felix klar und deutlich, daß er ein Elender war ... ein Feigling.
Es trieb ihn hin ... zu bekennen ... seine Schuld auf sich zu nehmen und zu büßen. Er durfte doch das Opfer einer übergroßen Liebe nicht annehmen. Durfte nichtein zweites Leben vernichten ... das schuldlos an der Tat war.
Und wenn er sich stellte ... wenn er bekannte ... dann gab er nicht nur sich selber der Schande preis, sondern er zerstörte auch den ehrlichen Namen, den Adele vor der Welt trug. Durfte er das? Mußte er nicht um ihretwillen schweigen und die Qual der Reue für sich tragen?
Felix fühlte es, daß seine Frau ihm mißtraute. Er zitterte bei dem Gedanken, daß sie ihn zur Rede stellen würde und daß sie fragen würde. Dann würde er ihr die Wahrheit sagen. Das wußte er. Dann konnte er nicht lügen.
Einem Menschen ... ihr ... Adele, seiner Frau ... würde er beichten und bekennen. Und sie würde ihn reinsprechen ... würde ihn entsündigen und ihm die Last der Schuld tragen helfen.
Er sehnte sich geradezu nach dieser Aussprache mit Adele und wünschte sie herbei. Es würde ihm dann leichter werden ... viel leichter. Und oft war er nahe daran, zu Adele zu gehen und ihr alles zu bekennen.
Dann aber überlegte er wieder. War es wirklich so gewiß ... daß ihn Adele entsündigen würde? Sie ... die Reine ... an der kein Makel und keine Schuld haftete ... würde sie ihn verstehen und ihm verzeihen können? Und Felix Altwirth wußte es klar und bestimmt, daß ihm Adele nur einen Weg weisen würde ... den Weg der Wahrheit.
Er konnte ihn nicht gehen, diesen Weg. Je mehr die Stunden schwanden ... je langsamer die Tage dahinschlichen ... desto weniger fand Felix den Mut des Bekenntnisses.
In der ersten Aufwallung der Reue ... da hätte er es noch tun können. Damals ... ehe Sophie zu ihm gesprochen hatte. Aber dann ... als sie ihm mit rettenderHand den Ausweg wies, da klammerte er sich daran wie ein Ertrinkender.
Warum sollte das Leben zu Ende sein ... so zu Ende gehen? Es war doch nur ein Zufall gewesen ... diese unglückselige Tat. Nicht Vorsatz. Sollte er deswegen wie ein Verbrecher enden müssen?
Und Sophie? Er durfte nicht an sie denken. Im tollen Wirbel durchkreuzten die Gedanken sein Gehirn und marterten ihn. Wenn er nur einen vertrauten Menschen auf Erden hätte ... nur einen einzigen ... der ihn jetzt führen und leiten würde ...
In einem Anfall von Verzweiflung und Zerknirschung kam Felix zu Adele und beichtete ihr seine Schuld. Sagte ihr alles ... wie es gekommen war und daß er zum Mörder an dem Rechtsanwalt geworden war.
Es war am frühen Nachmittag. Hell und freundlich schien die Sonne durch die Fenster und lugte neugierig auf die schneeweißen Züge der blonden Frau ... die so steif und aufrecht und wie leblos in ihrem Stuhle saß, gleich einer Statue.
Sie hatte ja alles ... alles gewußt. Auch ohne daß der Mann es ihr gesagt hatte. Und trotzdem ... da waren doch immer Zweifel gewesen. Eine leise Hoffnung, an die sie sich klammerte ... daß alle ihre Angst doch grundlos sein konnte. Durch diese leise Hoffnung ... so schwach und gering sie auch war ... hatte Adele sich aufrecht gehalten.
Jetzt, da ihr Felix alles bekannte ... da auch der letzte Rest von Hoffnung geschwunden war ... da fühlte die Frau, wie etwas in ihrem Innern langsam erstarb.
Sie konnte nicht schreien ... sie konnte nicht beten ... sich nicht rühren. Es war kein Entsetzen in ihr und keine Anklage. Sie starrte nur vor sich hin ... mit leeren Blicken. Und war bleich und reglos und ohne Wort und Gefühl.
„Hast du kein gutes Wort für mich, Adele?“ bat Felix schüchtern über eine Weile. Er sah die totenähnliche Starrheit seiner Frau ... die er nicht deuten konnte. „Ich bin zu dir gekommen ... in meiner Not. Du sollst mich leiten ... mich führen.“
Aber Adele gab keine Antwort. Sie konnte ihre Gedanken nicht sammeln ... sie konnte nicht sprechen. Sie fühlte nichts als ein inneres Erkalten ... das ihr wehe tat.
„Adele ...“ Nun näherte sich Felix zaghaft der stillen Frau. „Kannst du so grausam sein? Kannst du mir nicht verzeihen?“ bat er leise.
Sie hörte gar nicht, was er sprach. Sie erlebte jetzt im Geiste jede Einzelheit jener Nacht, von der ihr Felix berichtet hatte. Und dann dachte sie an Sophie.
„Adele ...“ bat Felix noch einmal mit demütig schüchterner Stimme und sah angstvoll auf seine Frau. „Hast du kein Wort mehr für mich?“
Nun sah ihn Adele an. Leer und kalt war ihr Blick.
„Sophie ...“ sagte sie mit tonloser Stimme. „Hast du an sie gedacht?“
„Tag und Nacht denk’ ich an sie. Immerfort. Das treibt mich ja zum Wahnsinn ... dieser Gedanke ...“
„Und kannst doch weiterleben?“ frug Adele leise.
„Adele ...“ sprach Felix mit heiserem Ton. „Ist das alles, was du sagst? Ist das ... soll ich ...“ Er war jetzt vor sie hingesunken und barg seinen Kopf wie ein Verzweifelter in ihrem Schoß. Ein rauhes Schluchzen erschütterte seinen Körper. Er weinte ... weinte laut und ohne Tränen.
Allmählich wich die innere Starrheit von Adele. Sie sah auf den Mann, der hier in seinem wilden Schmerz vor ihr lag ... bei ihr Trost und Kraft und Zuflucht suchte.
Sie hatte kein Mitleid für ihn und keine Liebe. Aberein anderes Gefühl regte sich in ihr. Das war das Bewußtsein einer Pflicht. Sie wußte, daß sie dem Manne jetzt eine Stütze sein mußte.
Nicht seine Richterin durfte sie werden ... sondern der gute Kamerad, der ihn zu leiten und zu lenken hatte. Dieses Bewußtsein gab ihr Kraft und Stärke und ließ sie gut und ruhig zu ihm sprechen.
„Nein ... Felix. Das sollst du nicht ...“ sagte Adele jetzt mit klarer Stimme. „Jetzt nicht ...“ fügte sie leiser hinzu. „Dann ... später ... wenn du ruhiger geworden bist ... Dann gibt es für dich nur einen Weg ... den Weg zur Wahrheit! Und den mußt du gehen ... Felix ... mußt stark sein um ihretwillen ... wie Sophie es für dich gewesen ist.“
Und lange noch kniete Felix zu Füßen seiner Frau. Das trockene Schluchzen, das seine Brust erschüttert hatte, löste sich, und allmählich wurde er gefaßter.
Leise legte Adele ihre Hand auf das Haupt des Gatten. Er fühlte es und nahm es hin wie einen Segen.
Ob er den Mut zur Wahrheit finden würde?
„Willst du mit mir gehen ... Adele ...“ bat Felix leise. „Daß ich nicht so allein bin.“
„Ja ... Felix. Ich gehe mit dir. Ich verlass’ dich nicht!“ sagte Adele ruhig.
Es lag ein heiliger Ernst in ihren Worten. Ihre stille Sicherheit hatte einen tröstenden Einfluß auf den Mann. Und um vieles ruhiger war er jetzt in den nächsten Tagen. Ruhiger und gefaßter ...
Und wieder kamen die Tage der Weihnacht. Wieder läuteten die Glocken um Mitternacht ... riefen die Andächtigen zur Mette in der heiligen Christnacht.
Es war still bei den Altwirths. Kein Baum ... und kein Lichterglanz ... keine Festesfreude und keine Hoffnung.
Vor einem Jahr ... da lebte noch die kleine Dora ...das blonde Kind ... mit seinen sonnig blauen Märchenaugen.
Adele hatte heute nachmittag ein kleines goldglitzerndes Christbäumchen auf das Grab des Kindes getragen.
Und jetzt stand sie am Fenster ihres Wohnzimmers und sah hinaus in die sternenhelle, funkelnde Winterpracht des Himmels. Feierlich läuteten die Glocken um Mitternacht von der Wiltener Kirche herüber. Ernst und mächtig klangen sie ... anders wie bei Tage.
Friede auf Erden ... Die blonde Frau in ihrem schwarzen Trauerkleid sprach die Worte leise vor sich hin ... Friede auf Erden ... Friede den Menschen, die eines guten Willens sind ...
Sie wollte eines guten Willens sein ... wollte den Frieden auf Erden halten, so gut sie es vermochte.
Mit ruhigem Blick sah Adele in das sternenfunkelnde Glitzern des Nachthimmels. Sie dachte an ihr totes Töchterchen ... und eine große, übergroße Sehnsucht nach dem Kind erfüllte sie.
Jetzt ... nachdem alles so gekommen war ... fühlte sie nicht mehr jene tiefe Trauer um den Verlust des Kindes. Wie eine Erlösung war es fast. Wie gut, daß das Dorele hatte sterben dürfen! Die einsame Frau neidete ihrem Kinde die Todesruhe.
War denn das Leben wirklich wert, gelebt zu werden? Es brachte ja doch nur Jammer und Unglück.
Seit ihrer Aussprache mit Felix hatte Adele es versucht, milder und gerechter über den Gatten zu denken. Sie wußte, daß sie recht getan hatte, ihm den Weg der Wahrheit zu weisen. Aber nun fühlte sie mehr Mitleid mit ihm ... Mitleid mit der hilflosen Schwäche dieses Mannes.
Sie hatte ihn mit keinem Wort und mit keinem Blick zur Erfüllung seiner Pflicht gemahnt. Er sollte erst ruhig werden ... ganz ruhig und dann handeln.
In dieser einsamen Christnacht stieg der ganze Jammer ihres zertretenen Lebens in Frau Adele auf. Aber sie klagte nicht an. Sie suchte zu verstehen, und sie verzieh dem Gatten.
Ein warmes, echtes Mitleid mit Felix hieß Adele in das Schlafzimmer ihres Mannes gehen, um nach ihm zu sehen. Sie wollte ihm jetzt ... in dieser heiligen Weihnacht gute, verzeihende Worte sagen. Warme Worte ... die sie noch vor wenigen Tagen nicht hatte sprechen können.
Als Adele das dunkle Schlafgemach des Gatten betrat ... war das Zimmer leer. Sie drehte das Licht auf. Das Bett lag unberührt. Felix war nicht da gewesen.
Eine innere Unruhe bemächtigte sich der Frau. Ließ sie die Nacht bis zum Morgen durchwachen. Was war es nur? Warum war Felix fortgegangen? Immer mehr wuchs die Sorge in dem Herzen der Frau.
Als auch die ersten Stunden des Tages ihr keine Kunde von dem Manne brachten ... da eilte sie in ihrer Angst zu ihrem alten Freund, dem Rat Leonhard. Der mußte ihr helfen ... ihr beistehen.
Es geschah nicht oft, daß der Rat Leonhard Besuch bekam. Und zu so früher Tagesstunde schon gar nicht. Er war just fertig geworden mit seinem Frühstück und gerade zum Ausgang gerüstet, als Adele hastig, erregt und kreidebleich seine kleine altmodische Junggesellenbude betrat.
Ziemlich verdutzt sah sie der alte Mann an. In seiner Zerstreutheit vergaß er sogar, ihr einen Platz anzubieten. Er wäre auch in einige Verlegenheit gekommen, wohin er sie hätte sitzen lassen können.
Da lagen überall Sachen umher. Bücher, die schon ganz verstaubt waren, lagerten aufgestapelt auf den paar Rohrstühlen und zeugten davon, daß der Rat Leonhard wohl eine ansehnliche Zahl guter Bücher besaß,daß er sich aber noch nie dazu hatte entschließen können, Ordnung unter ihnen zu halten. Auch ein großer Bücherschrank stand an der Längsseite der einen Wand zu Füßen des bescheidenen Bettes.
Es war alles vollgeräumt in dem Zimmer und so wenig Platz, daß zwei Leute sich kaum darin bewegen konnten. Ein altes, schon ganz verblichenes und herabgekommen aussehendes Sofa war belegt mit Kleidern und Wäsche. Der Tisch war vollgekramt mit vielerlei Sachen, die in harmonischer Ruhe und Eintracht beieinander lagen. Pfeifen, große und kleine, Tinte und Schreibzeug, daneben die Überreste eines Frühstücks, Tassen, Teller mit Brotkrumen und Brot und Butter. Kleiderbürsten, Tabaksasche, Federkiele und Hühnerfedern, Briefpapier und eine Wasserflasche breiteten sich in wahrhaft künstlerisch genialer Unordnung auf dem Tische aus.
Das Zimmer des Herrn Rates besaß nur ein breites Doppelfenster. Und obwohl draußen die Sonne hell und freundlich schien und die Luft klar und frisch war, so war es hier drinnen doch dumpf, stickig und düster.
Der Rat Leonhard liebte es nicht, viel Luft und Sonne in sein Gemach einzulassen. Er war für strenge Absperrung der Luft und betrachtete dies als eine Vorsichtsmaßregel gegen den verderblichen Einfluß des Südwindes, der die Stadt den größten Teil des Jahres beherrscht und die Nerven vieler Bewohner foltert.
Hinter dem Kleiderschrank, der in einer Ecke des Zimmers stand, war eine große Bilderkiste. Sie war so breit und massig, daß der Kasten ziemlich weit in das Zimmer hereingerückt stehen mußte, um für sie Raum und Platz zu schaffen. Dadurch machte das Zimmer selbst in seinen besten Zeiten einen unordentlichen und unaufgeräumten Eindruck. In der großen Kiste aber befand sich das Bild von Felix Altwirth,das der Herr Rat damals nach jener verunglückten ersten Ausstellung in Innsbruck erstanden hatte.
Als Adele das Zimmer des alten Herrn betreten hatte, wußte es der Rat Leonhard sofort, daß etwas ganz Außerordentliches vorgefallen sein mußte.
Es war lange her, daß er die junge Frau gesehen hatte. Fast solange, als das Dorele tot war. Nur einige Male hatten sie sich bald darauf am Grabe des Kindes getroffen und gesprochen. Und das nur flüchtig.
Der alte Mann wich Adele aus. Er scheute sich davor, ihr Ratgeber zu werden. Denn nun wußte er, daß er keinen Grund mehr anzugeben hatte, warum Adele bei dem Gatten bleiben sollte, im Falle sie ihn deswegen befragen würde.
Er hatte sich schon immer gewundert, der alte Herr, daß Adele jetzt nach dem Tode des Kindes noch bei Felix geblieben war. Und doch hatte er es im stillen gutgeheißen. Auch er empfand es wie einen Segen für Felix Altwirth, solange die Frau in seiner Nähe weilte.
In den Tagen der allerersten Aufregung nach der Ermordung des Doktor Rapp hatte der Rat Leonhard ein unbestimmtes Gefühl, als ob er zu Adele gehen müßte, um nach ihr zu sehen. Er unterließ es aber. Wozu sich einmischen? Vielleicht kamen sich die beiden Gatten jetzt in dieser für Felix zweifellos schweren Zeit näher ... lernten sich mehr verstehen ... wenn kein störendes drittes Element dazwischen trat.
Störend aber war in den Augen des alten Herrn jeder Mensch, ob Mann oder Frau, der auch nur den Versuch machte, vermittelnd auf Ehegatten einzuwirken. Die mußten von selber wieder den Weg zueinander finden. Auch die beste Absicht eines Fremden konnte mehr verderben als nützen.
So blieb der Rat Leonhard den Altwirths fern. Gingnicht zu ihnen, sondern wartete auf den Zufall, der ihn wieder mit Adele zusammenführen würde.
Und jetzt war Adele zu ihm gekommen. Voll heißer Angst und Sorge war sie gekommen und bat ihn, ihr beizustehen in ihrer Bedrängnis.
Der Rat Leonhard warf einen kurzen, stechenden und forschenden Blick auf die junge Frau. Er sah, daß sie ihm nicht alles gesagt hatte, daß sie den eigentlichen Grund ihrer Angst ihm nicht gestehen wollte.
Da sie nicht von selber redete, drang er auch nicht in sie. Er wirkte nur mit guten Reden beruhigend auf sie ein und bat sie, wieder nach Hause zu gehen und dort auf ihren Mann zu warten.
„Vielleicht ist er schon daheim ... wenn Sie kommen!“ versuchte er sie zu trösten. „Was soll ihm denn auch passiert sein? Sie sind halt noch alleweil ein bissel aufgeregt. Wunder ist’s ja keins!“ machte er dann.
„Helfen Sie mir ... Herr Rat ...“ bat Adele flehend. „Er kommt nicht wieder. Ich weiß es!“ sagte sie angstvoll.
„Jetzt gehen’s nach Haus!“ befahl der alte Herr kategorisch. „Und überlassen’s alles andere mir! Ich werd’ schon für alles sorgen ... und dann ... später ... komm’ ich nachschauen ... wie’s geht.“
Der Rat Leonhard hatte selber das Gefühl, daß es besser sei, in Adele nicht Hoffnungen zu erwecken, an die er selbst nicht glaubte. Sie mußte es ja wissen, warum ihre Angst und Sorge so begründet waren. So ging denn der Rat Leonhard und veranlaßte alles Nötige, um über das Verschwinden des Malers Altwirth Erkundigungen einzuziehen.
Aber erst am nächsten Tag wußte man es mit Bestimmtheit, was geschehen war. Droben im Mittelgebirge ... in einem der schönen, herrlichen Wälder, die sich von Natters gegen das Oberinntal erstrecken, da hatten sie den Maler Altwirth erschossen aufgefunden ...
Die Frau Therese Tiefenbrunner erfuhr die Nachricht am Vormittage des zweiten Weihnachtstages. Ahnungslos wandelte sie am Arme ihres Gatten durch den Hofgarten mit langsamen, bedächtigen Schritten. Sie hatte ein neues schwarzes Kleid von schwerem, kostbarem Seidenstoff an. Das mußte sie heute zum ersten Male spazieren führen. Sie mußte dabei sorgsam darauf achten, was wohl die andern der ihr bekannten Damen Neues an Hüten, Pelzen und Kleidern aufzuweisen hatten.
Der Hofgarten war in den Vormittagstunden der Sonn- und Feiertage der Treffpunkt der Innsbrucker vornehmen Welt. Im Sommer spielte da die Musik in dem viereckigen luftigen Pavillon, der den Mittelpunkt des Gartens bildet. Da hüpften und sprangen die Kinder ein und aus. Und im bunten Durcheinander bewegte sich hier alt und jung im frohen, heiteren Geplauder. Andere wieder standen abseits und ließen bei den Klängen der Musik die Reihen der Menschen vorbeiziehen. Oder sie zerstreuten sich auf den weiten und gutgepflegten Wegen der schönen, blumengeschmückten und von alten Bäumen flankierten Gartenanlagen.
Im Winter ging es im Hofgarten nicht so lebhaft zu. Da benützte man ihn mehr als Durchgang zu der großen Promenade, die draußen am Rennweg vor dem Theater war. Dort spielte die Stadtmusik, oder die Militärkapelle ließ mit Schneid und Schmiß ihre lockenden Weisen ertönen. Und im lebhaften Geplauder traf sich hier alles, Zivil und Militär, jung und alt, Kinder und Greise. Wie ein fröhlicher, lustiger Bienenschwarm war’s. Auf und ab ... in Reih und Glied ... Lachen und Schäkern ... heimlicher und offener Flirt.
Wem’s zu bunt wurde hier draußen am Rennweg, der flüchtete aus dem Gewimmel hinein in den stilleren Hofgarten. Die mächtigen Bäume da drinnen breitetenihre weiten, schneebedeckten Äste wie schützend über die im Winterschlaf ruhende Erde. Und so heimlich und still war’s da drinnen, trotz der vielen Fußgänger, die jetzt die sonst einsamen Wege belebten.
Die Frau Baurat Goldrainer und die Frau Professor Haidacher hatten sich auch in den Hofgarten hereingeflüchtet. Sie kamen dem Ehepaar Tiefenbrunner gerade entgegen, und auf ihren Gesichtern war ehrliche Bestürzung und Teilnahme zu sehen. Die Frau Goldrainer war eine von den ersten gewesen, die von dem Ende des Malers Altwirth erfahren hatte. Und nun wollte sie der Apothekerin ihr Beileid aussprechen und erkannte auf den ersten Blick, daß diese noch gar keine Ahnung von dem Unglück hatte.
Die Apothekerin, die zuerst ein recht vergnügtes Gesicht machte, als sie die beiden Damen begrüßte, sah jetzt recht hilflos drein und wußte gar nicht recht, wie ihr geschah.
„Beileid ... sagen Sie ... Frau Goldrainer?“ fragte sie verwundert. „Ich muß schon sagen ... daß ich ...“
„Ja, wissen’s denn noch nix ... Frau Tiefenbrunner?“ fiel ihr die Frau Goldrainer ins Wort. „Ihr Neffe ... der Felix Altwirth ...“
„Der Felix?“ machte der Apotheker.
„Was ist denn mit dem Felix?“ frug die Apothekerin mit einem Gemisch von Neugierde und Schrecken.
„Tot. Erschossen!“ sagte die Frau Goldrainer.
Nun wurde es der Apothekerin tatsächlich schwindelig. Sie mußte sich fest an ihren Mann halten. Es drehte sich alles vor ihren Augen wie ein Wirbel.
„Tot?“ sagte sie ganz fassungslos.
„Tot?“ wiederholte der kleine Apotheker, und ein nervöses Zucken ging über sein Gesicht. „Täuschen Sie sich auch nicht, gnädige Frau? Wir wissen ja noch gar nichts davon ...“
„Nein. Leider täusche ich mich nicht!“ sagte die Frau Goldrainer ehrlich betrübt. „Gestern abend haben sie ihn erschossen aufgefunden im Wald droben bei Natters.“
„Selbstmord?“ fragte Simon Tiefenbrunner und sah ängstlich auf die Damen.
„Ja. Selbstmord!“ bestätigte die Baurätin. „Erst heut’ in der Früh’ ist die Sache bekannt g’worden in der Stadt ...“ erzählte sie dann weiter. „Auch seine Frau hat noch nichts gewußt davon. Jetzt ist meine Schwester bei ihr droben!“ berichtete sie noch.
„Die arme Frau Adele!“ sagte Frau Haidacher mitleidig.
Frau Therese Tiefenbrunner raffte sich zusammen. Die bloße Erwähnung dieses Namens brachte wieder Lebendigkeit und Frische in ihren Körper.
„Die? Die braucht Ihnen nit leid zu tun, Frau Haidacher!“ sprach sie erregt. „Wenn die nit g’wesen wär’ ...“
„Tun’s der Frau nicht Unrecht, Frau Apotheker!“ unterbrach sie die Professorin energisch. „Mir scheint eher ... daß eine andere die ganze Schuld trifft ... eine ... die wir einmal haben unter uns dulden müssen. Die Mörderin!“
Frau Haidacher sagte das hart und mit einem ehrlichen inneren Abscheu. Jetzt erst glaubte sie es zu verstehen, warum sie sich damals innerlich so abgestoßen von Sophie gefühlt hatte. Sie hielt sich für die einzige, die es instinktiv geahnt hatte, daß Sophie Rapp einmal zu jeder schlechten Tat fähig sein werde.
Simon Tiefenbrunner, der Apotheker, sah ratlos von seiner Frau auf die Professorin und von dieser auf die Frau Goldrainer. Er begriff nicht recht, warum die Damen sich über die Schuld und Unschuld der einen oder der andern ereifern konnten. Schließlich war doch der Felix schuld an allem, wie’s gekommen war. Der war ja immer ein unklarer Kopf gewesen.
Und das sagte der Apotheker jetzt auch den Damen und begann ihnen, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, eine lange Rede zu halten. Aber diese fand ein rasches Ende dadurch, daß Frau Therese mit einem Male so laut und fassungslos zu schluchzen anfing, als habe sie soeben die Kunde von dem Tode eines eigenen Kindes erfahren.
Schlussvignette, Kapitel 21