Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Was nun? Das Leben hatte seinen tollen Reigen zu Ende getanzt ... hatte Menschen zertreten und Blüten vernichtet. Was nun? Warum ertrug Adele noch die Last dieses Lebens? Was erwartete sie noch? Es war ja zu Ende jetzt ... alles zu Ende ... hoffnungslos.
Adele Altwirth wußte es selbst nicht, warum sie noch weiterlebte. Sie gab sich keine Rechenschaft darüber ... sie dachte überhaupt nichts mehr.
Wie eine lebendig Tote verbrachte sie die Tage. Ertrug die Nächte, die schlaflos waren und währten wie Ewigkeiten. Sie ertrug die Menschen, die zu ihr kamen und gute Worte sprachen. Sie antwortete ihnen ... aber sie verstand nicht den Sinn ihrer eigenen Rede. Sie war so ruhig ... so gefaßt ... so kühl und so unempfindsam geworden. Die Leute wunderten sich über sie und sagten ihr nach, daß sie kein Herz haben müsse.
Die Innsbrucker waren jetzt gut zu der Frau. Sie kamen alle zu ihr, um sie zu trösten. Sogar die Tiefenbrunnerischen waren gekommen. Hatten die alte Feindschaft begraben und wollten sich wieder der alleinstehenden Verwandten annehmen. Schließlich war sie doch die Witwe von Felix Altwirth, den Frau Therese Tiefenbrunner, wie sie jetzt immer wieder fest und feierlich erklärte, gleich einem eigenen Kind geliebt hatte.
Innerlich war die Apothekerin ja überzeugt davon, daß Adele die Hauptschuld an dem Tode ihres Mannes trug. Und trotzdem überwand sie sich und ging zu ihr hin. Bot ihr die Hand, und Adele erwiderte den Gruß mit leichtem Druck. Sie sprach nicht viel mit den Tiefenbrunnerischen. Nicht mehr und nicht weniger, als was sie mit allen den andern gesprochen hatte. Sie war auch gar nicht verwundert oder erfreut darüber, daßdie Verwandten zu ihr kamen. Es war ihr alles so gleichgültig.
Die Tiefenbrunners gingen von ihr fort mit dem unangenehmen Gefühl, eigentlich ein recht überflüssiger Besuch gewesen zu sein. Mit keinem Wort hatte ihnen Adele gedankt oder sie aufgefordert, wieder zu kommen. Sie war artig gewesen, ruhig und gefaßt und gab klare Antworten auf das, was man sie fragte.
Es war immer dasselbe, was die Leute von ihr wissen wollten. Immer die gleichen Fragen nach Felix Altwirths Ende. Und auch manchmal halb versteckte Anspielungen auf seine Beziehungen zu Sophie Rapp. Ob denn Adele gar keine Ahnung habe, warum er in den Tod gegangen sei? Ob er ihr denn keine Zeile hinterlassen habe ... keine Spur einer Aufklärung?
Nichts. Gar nichts. Immer wieder sagte es Adele. Immer wiederholte sie das gleiche.
Nichts. Sie wisse nichts ... habe keine Ahnung von der eigentlichen Ursache der Tat.
Adele sagte es so ruhig und selbstverständlich und überzeugend. Und sie glaubten schließlich alle daran, daß Felix Altwirth aus unglücklicher Liebe zu Sophie Rapp sich das Leben genommen habe.
Mochten sie es glauben. Es war Adele recht so.
Adele Altwirth wußte es, daß sie durch ihr Schweigen zur Mitschuldigen ihres Gatten geworden war. Wenn sie sprach, war Sophie Rapp frei. Aber sie konnte nicht sprechen. Sie hatte nicht den Mut, zur Anklägerin des Toten zu werden. Sein Geheimnis war gut verwahrt bei ihr. Sie würde den Weg der Wahrheit, den sie dem Lebenden gewiesen hatte, nicht gehen.
Zu niemandem hatte Adele darüber gesprochen. Zu keinem Menschen hatte sie auch nur eine Andeutung gemacht. Nicht einmal zu dem alten Rat Leonhard. Der war vielleicht der einzige von allen, welcher derWahrheit am nächsten kam. Aber er sagte nichts. Sprach seinen Verdacht nicht aus.
Warum sollte er das Andenken eines Toten schänden? Sophie Rapp war es in seinen Augen wirklich nicht wert, daß man sich um ihretwillen Skrupel machte. Das Weib hatte gesündigt genug und viel verbrochen. Der Rat Leonhard war felsenfest davon überzeugt, daß Sophie Rapp die Schuldige sei. Er hegte nur für sich den Verdacht, daß Felix von der Tat wußte oder vielleicht auch daran beteiligt war. Aber diese Mutmaßung behielt er für sich. Und auch Adelen gegenüber verriet er sich mit keiner Silbe, um sie nicht zu beunruhigen.
Wenn sie das Andenken ihres Gatten rein haben wollte, so war das ihre Sache. Ging keinen Menschen etwas an. Und um die andere, die Sophie Rapp, war kein Schade. Wirklich nicht. So hielt es der Rat Leonhard.
Er kam jetzt fleißig zu Frau Adele. Jeden Tag. Sie sprachen nie viel miteinander ... diese beiden. Aber sie verstanden sich. Noch genau so gut wie damals in den ersten Jahren des Elends droben auf der Weiherburg.
Auch Doktor Storf und Frau Hedwig kamen zu Adele. Als ob es die Frau des Arztes gewußt hätte, daß sie ihr bescheidenes Glück, welches sie nun genießen durfte, nur dem Takt und der Ehre dieser Frau verdankte, so rührend benahm sich die kleine Frau in dieser schweren Zeit. Sie sorgte für Adele, so gut sie konnte, lud sie zu sich ein und tat alles, um ihr Freude zu machen und sie aufzuheitern.
Und wirklich waren auch jene Stunden die einzigen, in denen das starre Gefühl in der Seele der einsamen Frau sich etwas zu lösen begann. Hier in diesem Kreise konnte sie wenigstens einiges sprechen. Konnte sprechen von ihrer Zukunft und von ihren Plänen.
Und doch war es ihr, als spräche sie dann von einerandern, einer fremden Frau. Von einer Frau, deren Schicksal sie eigentlich gar nicht interessierte. Sie sprach von ihr, weil sie sah, daß sie dadurch den Freunden eine Freude bereiten konnte.
Mit inniger Besorgnis hatte Max Storf die Wandlung wahrgenommen, die in Frau Adele vorgegangen war. Da er sie besser kannte als alle die andern, so fürchtete er für ihre Gesundheit. Er wußte, daß diese Kälte und Gleichgültigkeit unnatürlich waren und daß das Schwere, das sie erlebt hatte, imstande war, ihr ganzes Leben zu zerstören.
Noch nie war es zu einer Aussprache zwischen den beiden gekommen. Aber sie wußten und fühlten es trotzdem, daß sie einander noch immer alles bedeuteten.
Adele Altwirth war nicht trennend zwischen Mann und Weib getreten. Sie hatte ihre Macht über Max Storf dazu benützt, ihn seiner Frau wieder zuzuführen. Und wenn es auch kein großes Glück war, das die beiden Gatten jetzt zusammen genossen, so war doch ein Behagen und eine stille Zufriedenheit bei ihnen eingekehrt.
Frau Hedwig hatte keine Ahnung davon, in welchem Maße sie das alles Adele verdankte. Adele Altwirth hatte es im Laufe der Zeit verstanden, den Freund zu begütigen ... hatte es verstanden, die Schwächen, die er an seiner Gattin auszusetzen fand, zu beschönigen und ihn auf ihre guten Eigenschaften aufmerksam zu machen. Und ohne daß es Frau Hedwig bemerkte, übte Adele auch auf sie einen wohltuenden Einfluß aus. Wirkte auf sie ein, daß sie gar manches unterließ, von dem Adele wußte, es sei dem Freunde nicht angenehm.
So konnte Adele mit reinem Gewissen und ehrlichem Auge der Arztensfrau gegenübertreten. Sie konnte deren Freundschaft annehmen und die rührende Liebe und Anhänglichkeit genießen, die sie ihr jetzt zuteil werdenließ. Sie hatte nichts getan ... nichts gesagt, was ihr hätte ein Vorwurf werden können.
Sie hatte ihre Liebe zu dem Freunde bezwungen ... hatte gerungen und gekämpft und war rein geblieben.
Ob sie recht daran getan hatte? Manches Mal warf Adele sich selber diese Frage auf.
War es recht ... daß sie so entsagt hatte?
Hatten nicht vielleicht doch jene Frauen recht ... jene von der Art der Sophie Rapp ... die ihre Natur nicht bezwangen und ihrer Liebe lebten?
Daß Sophie Rapp trotz allem ein echtes Weib geblieben war ... ja sogar innere Größe und Seelenstärke besaß ... das wußte Adele nun mit Bestimmtheit. Nicht viele Frauen ... das wußte Adele ... hätten um ihrer Liebe willen ein so großes Opfer auf sich nehmen können.
Waren nicht jene Frauen ... zu denen sie selber gehörte ... in Wirklichkeit sehr arm zu nennen? Was hatte sie von ihrer reinen Frauenehre? Ein Leben ... umsonst gelebt ... ungeliebt und ungenossen.
Wie hatte Sophie Rapp damals zu ihr gesagt? ... Das Schönste im Leben ist das Vergessen in Liebe. Es ist das einzige wahre und echte Gefühl ... weil es die Natur gegeben hat. Wer diese Stimme nicht kennt ... der hat sein Leben nicht gelebt.
Das war damals gewesen ... vor einem Jahr.
Und jetzt?
Jetzt war sie eine einsame Frau ... liebeleer und überflüssig auf der Welt.
Ungenützt war sie ihre Bahn geschritten ... hatte redlich versucht, gut zu leben und gut zu sein. Und es war doch alles zum Unheil geworden.
Des Weibes einzig wahre Bestimmung ist es, die Ergänzung im Leben des Mannes zu bilden. Und diese Bestimmung hatte Adele Altwirth nicht erfüllt.
Ihre Ehe war eine Täuschung gewesen, ein Verkennender Gefühle. Sie wußten es beide nicht besser damals, weder sie noch Felix. Sie hielten die Neigung, die sie füreinander empfunden hatten, für Liebe. Und es war doch nur Freundschaft gewesen ... nichts anderes. Ein Aufflackern ihrer Sinne ... wie es Freundschaften zwischen den beiden Geschlechtern vorauszugehen pflegt.
Sie aber glaubten ... es sei die Liebe ... Es sei jenes heilige, übermächtige und starke Gefühl, das immer währt ... nie vergeht und stets gleich voll und tief und innig bleibt, ein Leben lang.
Jetzt aber hatte Adele die wahre ... große Liebe erkannt. Und sie wußte es auch, daß sie sich beide, Felix und sie selbst, in ihren Gefühlen getäuscht hatten.
Jetzt kannte sie das Verlangen und das Sehnen nach dem Manne. Und da sie es erkannte ... erwürgte sie das, was echt war in ihrer Natur ... entsagte und hielt sich rein.
War es recht von ihr? Immer und immer wieder regten sich dieselben Zweifel und Selbstvorwürfe. Adele war irre geworden ... irre an der Welt und an ihren Moralbegriffen und irre an sich selber.
Und noch ein Gedanke ... ein bitterer Vorwurf quälte die einsame Frau. War sie nicht doch mit schuld daran ... daß Felix in den Tod gegangen war?
War sie damals nicht doch zu hart gegen Felix gewesen? Hatte sie ihn nicht zu streng auf den Weg des Rechtes gewiesen? Sie hätte versuchen müssen, die Schuld mit ihm gemeinsam zu tragen ... die sie jetzt allein trug. Warum hatte sie es nicht getan? Warum?
Adele fühlte sich so unendlich müde jetzt ... Sie wollte nur ruhen ... ausruhen ... nicht mehr sehen und hören ...
Was sollte sie noch beginnen im Leben ... wo alles um sie herum tot war?
Der alte Rat Leonhard trat für Adele ein, als ob sieseine Tochter gewesen wäre. Sie ließ ihn handeln und befolgte ohne Widerspruch, was er für sie bestimmte. Der alte Herr bestand darauf, daß Adele fort sollte von Innsbruck ... fort von der Stadt, die ihr so viel Leid gebracht hatte ... Sie müsse gehen von hier ... gebot der alte Herr. Nur dann ... in gänzlich veränderter Lebenslage ... würde es ihr möglich sein, sich selber wiederzufinden. Und der Rat Leonhard bestand darauf, daß dies bald geschehe.
Er hatte Angst für die Frau, daß durch den bevorstehenden Prozeß gegen Sophie Rapp alle Erinnerungen in Adele aufs neue geweckt werden könnten. Auch Doktor Storf teilte diese Sorge und war froh, daß Adele sich in alles fügte, was man für sie vorkehrte.
Die Wohnung bei den Altwirths droben in Wilten wurde ausgeräumt. Adele sollte ihre Möbel zur Aufbewahrung geben und fortreisen ... weit fort und erst dann wiederkehren ... wenn sie sich eine neue Heimstätte gewählt hatte.
Adele Altwirth ließ die Freunde reden. Sie interessierte sich gar nicht für ihre fernere Laufbahn. Sie wollte nur Ruhe haben ... nichts als Ruhe.
So gleichgültig war ihr alles, was sie selbst betraf, daß sie nicht einmal wußte, wohin sie reisen würde. Wenn man sie fragte, so antwortete sie, nach München. Sie tat es ... weil sie diese Angabe von der Qual weiterer Fragen befreite. Aber sie konnte es sich nicht vorstellen ... daß sie schon in den allernächsten Tagen in München sein würde. Sie hatte keine Freude darüber und knüpfte keine Hoffnung daran. Es war ja so gleichgültig, wo sie sich aufhielt und was mit ihr geschah. So hoffnungslos gleichgültig.
Nicht einmal die Auflösung ihres Haushaltes hatte vermocht, sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Ohne Schmerzempfinden, ohne Bitternis und ohne Wehmutpackte sie die Sachen zusammen. Ordnete mechanisch dieses und jenes an.
Manche liebe Erinnerung kam da wieder zum Vorschein ... Erinnerungen an die kleine Dora. Die Tränen lösten nicht die Starrheit ihres Herzens. Es war, als ob jedes Empfinden in ihr gestorben wäre, als ob es keine Linderung und keine Heilung mehr für sie geben könnte.
Adele Altwirth packte mit großer Sorgfalt all die lieben Kleinigkeiten des Kindes ein ... wickelte die Puppen sorgsam in weißes Seidenpapier und umhüllte sie gewissenhaft. Sie bettete dieselben in eine Kiste ... eine nach der andern. Das geschah mit einer so selbstverständlichen Fürsorge, als ob die kleine Dora noch am Leben wäre, mit strengen, kritischen Kinderblicken neben der Mutter stünde und darauf achtete, daß den lieben kleinen Puppenkindern ja kein Leid geschehe.
Kiste stand jetzt an Kiste gereiht wohlgeordnet und wohlverpackt in der Wohnung umher. Die Möbel waren aus ihrem gewohnten Platz gerückt, die Vorhänge waren von den Fenstern genommen und alle die vielen Bilder in Kisten eingepackt. In großen Rollen lagen die Teppiche am Boden. Die Öfen in den Zimmern waren ohne Feuer, und die Türen der Zimmer standen offen, die Verbindungstüren der einzelnen Gemächer und jene, die auf den Hausflur führten.
Es war kalt und traurig in den Zimmern. Ohne daß eines der Fenster geöffnet gewesen wäre, herrschte doch eine frostige Zugluft. Die Schritte hallten laut und mißtönig wider in der leeren Wohnung, und die Stimmen der Leute, die da aus und ein gingen, um das zu zerstören, was einmal ein Heim gewesen war, gaben ein lautes, rauhes und unnatürliches Echo zurück.
Adele Altwirth hatte nun alles hergerichtet und zum Transport bereitgestellt. Einige Koffer, die sie mit aufdie Reise nehmen wollte, standen fast fertig gepackt in einem der halbleeren Zimmer. Morgen früh sollten die Männer kommen und alles zum Spediteur bringen. Und noch am gleichen Abend sollte sie von Innsbruck abreisen. So hatte es der Rat Leonhard angeordnet.
Der alte Herr war soeben bei Adele gewesen und hatte ihr dies alles mitgeteilt. Kurz und bündig und ohne Umschweife ... wie es seine Art war. Und trotzdem hatte er eine bange Sorge um die junge Frau. Sein Blick, mit dem er scharf beobachtend auf sie sah, hatte etwas Angstvolles in seinem Ausdruck.
„I weiß nit ... ob man Ihnen überhaupt allein reisen lassen kann ...“ sagte er in seiner gewöhnlichen mürrischen Art. „Sie schauen mir nit darnach aus ... als ob Sie überhaupt wissen täten, was Sie wollen!“ fügte er besorgt hinzu.
Adele lächelte wehmütig. „Doch ... Herr Rat ...“ sprach sie leise. „Ich soll nach München fahren ... haben Sie gesagt.“
„Ja ... und noch weiter fort, wenn möglich!“ sagte er energisch. Er entwickelte eine ganz ungewöhnliche Energie in dieser Zeit, der alte Herr. Er hätte es sich selber gar nicht zugetraut, wieviel Kraft und Interesse er noch imstande war, für ein anderes Wesen aufzubringen.
„Aber in München ... haben Sie da wohl jemand, der sich ein bissel um Ihnen bekümmert?“ fragte er dann neuerdings besorgt nach einer kleineren Pause. „Mir ist alleweil ... als wenn’s besser wär’ ... daß jemand mit Ihnen fahren tät’. Vielleicht ... wenn’s nit gar so weit wär’ ... dann könnt’ ich ...“ setzte er mit einiger Unsicherheit hinzu.
Eine Fahrt nach München und überhaupt eine Reise wäre für den alten Sonderling ein ganz ungeheures Unternehmen gewesen. Schon seit vielen, vielen Jahren war der Rat Leonhard nicht mehr aus Innsbruck hinausgekommen.Daß er jetzt diesen Gedanken in Erwähnung zog, bezeugte, in wie schwerer Besorgnis er wegen Adele war.
Adele Altwirth beruhigte den alten Herrn. Sie fühle sich ganz wohl ... sagte sie ... und würde sicher auf sich selber achten. Und in München habe sie schon ein paar Bekannte, zu denen sie gehen könne. Der Herr Rat solle sich ihretwegen keine Sorge mehr machen. Sie werde sicher ganz zurechtkommen und auch mit der Zeit wieder ganz ruhig werden. Aber Adele glaubte das alles, was sie sagte, selber nicht. Und der Herr Rat war auch nur für den Augenblick beruhigt.
Später ... als er von Adele gegangen war ... reifte der Entschluß immer mehr in ihm, für alle Fälle einmal einen Koffer bereit zu halten, um dann doch vielleicht mit ihr zu fahren. Vorderhand aber wollte er diesen heroischen Entschluß nicht auf die Spitze treiben. Dazu war ja morgen noch immer Zeit genug. Mußte nicht gerade jetzt sein ... beschwichtigte er sich selber.
Und dann schlich er ... in tiefes Nachdenken versunken ... langsam dahin. Den Kopf leicht zur Seite geneigt und die Hände am Rücken, und machte ein unsagbar verbissenes und zuwideres Gesicht ... der alte Herr ...
Es war am frühen Nachmittag, als der Rat Leonhard Adele verlassen hatte. Nun war sie allein in der halbleeren Wohnung und sah sinnend auf die Verwüstung, die in den letzten Tagen hier entstanden war.
Durch die kahlen, verstaubten Fensterscheiben lugte die Sonne. Suchte mit ihren Strahlen zu vergolden, was es an diesen traurigen Überresten noch zu vergolden gab. Sie fand nichts als das weiche, aschblonde Haar der jungen Frau. Und sie spielte mit ihm ... und wob einen feinen Strahlenkranz um ihr Haupt.
Bleich und müde saß Frau Adele in der Nähe desFensters, auf einem der vielen Stühle, die verstreut und in Unordnung umherstanden. Tief nach vorne gebeugt und die Arme auf die Knie gestützt ... so saß Adele lange Zeit und starrte immer vor sich hin ...
Doktor Storf war zu ihr gekommen, um sie in sein Haus zu bitten. Sie sollte bei den Storfs wohnen, solange sie noch in Innsbruck war. Jetzt stand er vor ihr und brachte fast demütig seine Bitte vor. Auch Adele hatte sich erhoben und sah mit einem langen, traurigen Blick auf den Freund. Es war ihr mit einem Male so seltsam schwer zumute.
„Wollen Sie nicht zu uns kommen ... Frau Adele?“ bat Max Storf neuerdings. „Jetzt ... heute können Sie doch nicht mehr hier bleiben in dieser Wüste.“ Er versuchte es, einen leichten, scherzhaften Ton anzuschlagen. Aber seine Stimme klang gepreßt, und sein Blick war unruhig und unsicher.
„Ich reise morgen abend ...“ sagte Adele ruhig.
„Morgen schon?“ Erschrocken und bestürzt sah sie der Arzt an. „Schon morgen ... können Sie nicht ... Adele ... ich bitte Sie ... noch ein paar Tage ...“ fügte er verwirrt und stockend hinzu.
„Ein paar Tage ... und dann ... wir müssen uns ja doch einmal trennen ... Max.“ Adele sagte das weich und innig. Es war das erste Mal, daß sie ihn bei seinem Vornamen nannte.
Doktor Storf sah mit tiefer Bewegung auf Adele. Es war ihm ... als müßte er die Frau fest in seine Arme schließen ... und sie schützend durchs Leben führen. Fast übermächtig stark wallte dieses Gefühl in ihm auf.
Er durfte es nicht tun. Er wußte es. Er mußte an sich halten ... die Zähne aufeinander beißen und überwinden. Aber er fühlte es klar und deutlich ... daß mit Adele das echteste Empfinden ... das reinste und beste, das er je für ein Weib gehegt hatte ... dahin ging.
Nun würde ihm nichts mehr bleiben als die Erinnerung. Er würde sein Leben weiterführen ... nur seiner Pflicht leben ... seiner Familie und seinen Kindern.
Sie sahen sich lange in die Augen. Sie sagten kein Wort und legten nicht einmal die Hände ineinander. Aber es lag eine ganze Welt in ihren Blicken ... eine Welt von Wünschen und Sehnen, von Leid und Entsagen.
„Dann wär’s ein Abschied ... jetzt ... Adele?“ sagte Max Storf leise, und seine Stimme bebte.
„Ja.“ Sie hauchte das Wort kaum hörbar. Starr und aufrecht stand sie vor ihm und mit einem Antlitz, das so bleich war und so regungslos wie der Tod.
Und wieder trieben die Strahlen der Sonne ihr loses Spiel. Lugten in alle Winkel und Ecken, hüpften auf und nieder und blieben an den beiden Menschen haften ... die jetzt für ewig im Leben voneinander Abschied nahmen.
Max Storf zog die weiße, noch immer schöne und wohlgepflegte Hand der blonden Frau an seine Lippen und küßte sie. Küßte sie lange und küßte sie innig. Und dann ging er.
Sie hatten kein Wort mehr miteinander gesprochen, und ihre Lippen ... die sich zueinander sehnten ... hatten sich nicht gefunden.
Als Max Storf gegangen war ... da war es Adele ... als hätte die Sonne sich versteckt ... als sei es mit einem Male dunkler und düsterer und noch trauriger geworden im Zimmer.
Morgen ... schon morgen abend würde sie fort sein von hier ... Sie sagte es leise ... kaum hörbar vor sich hin.
Morgen abend ... War es ihr denn leid, fortzugehen von dieser Stadt?
Adele Altwirth atmete tief. Sie fühlte ... wie sich ein schwerer Druck auf ihre Brust legte ... wie er sie drückte gleich einem Alp.
Es mußte wohl so sein ... Das Gefühl, das sie jetzt empfand ... schmerzte sie. Und eine Unruhe kam über sie und ein Sehnen ... eine große Sehnsucht nach ihm ... der jetzt von ihr gegangen war.
Sie hätte ihn zurückrufen mögen ... ihn bitten ... daß er sie zu sich nehme ... daß sie sich nimmer von ihm zu trennen brauchte.
Sie tat es nicht. Hielt an sich ... wie sie stets an sich gehalten hatte.
Aber es trieb sie fort von hier ... hinaus ins Freie. Sie konnte es nun mit einem Male nicht mehr aushalten in der öden ... zerstörten Wohnung.
Und Adele Altwirth ging in den hellen ... sonnenlachenden Wintertag. Ohne Ziel und ohne Zweck. Nur ruhig werden wollte sie ... die Gefühle niederkämpfen ... die so übermächtig in ihr geweckt worden waren. Nun wußte sie ... daß sie eine Lebende war ... nicht gestorben ... trotz allem Leide.
Adele Altwirth wanderte durch die stillen Straßen der Stadt. Es trieb sie ... noch ein letztes Mal die Wege aufzusuchen, die sie mit ihrem Kinde gegangen war. Noch einen letzten vollen Blick wollte sie auf die Stadt werfen ... die sie trotz allem lieb gewonnen hatte.
Sie wanderte hinüber zum Inn ... und hinauf zur Weiherburg. Vorbei an dem kleinen Häuschen, das einmal ihr Idyll gewesen war und ihr großes Leid gesehen hatte.
Und immer weiter ging sie ... immer höher empor. Und je weiter sie ging, desto leichter wurde es ihr. Fort ... Nur immer höher die Berge hinan.
Das Atmen wurde hier so leicht, und der schwere Druck löste sich allmählich von ihrer Seele. Nun war sie hoch oben ... hatte die Stadt tief zu ihren Füßen liegen.
Wie herrlich es hier oben war ... Wie frei und gottesnahe... Sie wollte weiter gehen ... viel weiter ... fort ... und nie mehr wiederkehren ... nie mehr ...
Drunten im Tal lag die Stadt. Tief und ernst und schweigsam. Die Schatten senkten sich auf sie hernieder ... machten sie noch ernster und stiller.
In nordischer Pracht erstand im Süden die stolze, spitze Zacke der Serles. Reckte sich in den blauen Abendhimmel hinein ... kalt und vornehm und majestätisch.
Und golden schien die Sonne im Westen. Küßte noch ein letztes Mal mit ihren Strahlen alle Berge und Spitzen, küßte die tief verschneiten Wälder und Bergdörfer und neigte sich langsam zum Untergang. Wie grüßend spielte sie noch mit dem blonden Haar der hochgewachsenen Frau ... die langsam ... aufrecht und gelassen weiterschritt ... der Fremde entgegen.
Schlussvignette, Kapitel 22