Zwanzigstes Kapitel.
Es war nur eine momentane Beruhigung, die Sophie Rapp bei dem Gatten erreicht hatte. Die Zweifel und das Mißtrauen setzten sich fest in seiner Seele, nagten an ihm und quälten ihn unausgesetzt bei Tag und bei Nacht.
Noch öfters stellte der Rechtsanwalt seine Frau zur Rede, fragte sie in Güte und versuchte durch Strenge die Wahrheit zu ergründen. Denn er fühlte es, daß Sophie ihn in jener Nacht belogen hatte. Wie ein Aal war sie ihm entschlüpft und hatte ihn dann schließlich mit echt weiblicher List besiegt.
Doktor Rapp ahnte es mit Bestimmtheit, daß er hintergangen worden war. Und dieses Gefühl einer fortwährenden Unsicherheit reizte ihn, machte ihn unruhig und hart und in einem so hohen Grade mißtrauisch, daß er jetzt jedem Wort, das Sophie sprach, eine andere Bedeutung unterlegte.
Er peinigte sie unaufhörlich mit seiner Eifersucht. Verfolgte und beobachtete sie auf Schritt und Tritt. Sie war jetzt ganz und gar unfrei geworden. Mußte ihm Rechenschaft ablegen über jeden Weg und sogar über verdächtige Blicke, die er bemerkt haben wollte. Wie ein gehetztes Wild, geängstigt und bedrückt ging Sophie herum.
Sie wagte es jetzt nur äußerst selten mehr, Felix Altwirth aufzusuchen. Und dann waren es jedesmal nur kurze, flüchtige Besuche in den späten Vormittagsstunden. Sophie hatte Angst vor dem Gatten. Sie wußte, daß es ihr nur durch die allergrößte Vorsicht gelingen würde, ihn wieder in seine alte Unbefangenheit zurückzuversetzen. Noch nie war sie ihm so treu gewesen wie in dieser Zeit. Treu selbst in ihren Blicken und in ihrem ganzen Gehaben.
Es war gut für Felix Altwirth, daß er gerade jetzt sovollauf mit dem Plan der Nationalgalerie beschäftigt war. Das zerstreute ihn, lenkte ihn ab, und er empfand die Trennung von Sophie nicht in dem Maße, wie es wohl sonst der Fall gewesen wäre. So fügte er sich willig in Sophiens Anordnungen und quälte sie nicht mit trüben Stimmungen. Bei seiner leicht erregbaren Natur wäre das sonst nicht ohne die heftigsten Verzweiflungsanfälle vorübergegangen.
Sophie hatte Felix von dem veränderten Gemütszustand ihres Gatten berichten müssen. Sie hatte es ihm sagen müssen, daß nur die größte Vorsicht imstande wäre, den Verdacht, den Valentin Rapp nun einmal gegen sie gefaßt hatte, wieder zu mildern.
„Weißt, Felix,“ hatte Sophie gesagt, „wenn du jetzt vernünftig bist und dich drein fügst, dann wird alles wieder recht. Wirst sehen, es geht schnell vorbei bei ihm, und dann können wir wieder glücklich sein und wieder füreinander leben!“ tröstete sie ihn.
„Es ist aber hart, Sophie!“ sprach Felix traurig. „Dich so nahe zu wissen ...“
„Meinst, mir wird’s leicht?“ frug sie ernst. „Es muß halt sein. Damit nix herauskommt. Denk’ nur, wenn ...“
„Hast du Angst, Sophie?“ frug Felix besorgt.
Sophie schaute mit unsicheren Blicken auf den Maler. Sie hatte Angst vor dem Gatten, wollte es Felix aber nicht eingestehen.
„Angst?“ Sie zuckte die Achseln. „Angst grad nit ...“ erwiderte sie ausweichend. „Aber stell’ dir das Höllenleben vor neben einem eifersüchtigen Mann! Das wär’ ja für die Dauer nit zum Aushalten.“
Sophie wußte es selber nicht, warum sie Felix ihre Angst nicht eingestehen mochte. Vielleicht war es im Unterbewußtsein ein Gefühl, daß sie es verhüten wollte, den Geliebten gegen den Gatten aufzureizen. Und das wäre sicher der Fall gewesen, wenn Felix eine Ahnungvon dem eigentlichen Sachverhalt gehabt hätte. Auch von jenem nächtlichen Auftritt mit ihrem Gatten hatte sie Felix kein Wort erzählt.
So waren einige Wochen vergangen, und Sophie begann erleichtert aufzuatmen. Sie sah, daß Valentin Rapp ruhiger wurde, wieder mehr derjenige, der er früher war.
Aber Mißtrauen und Zweifel zerstören die Seele eines Menschen wie ätzendes Gift. Fressen sich tiefer und tiefer, und der leiseste Anlaß genügt, die Verheerung, die sie angerichtet haben, offen zutage treten zu lassen.
So war es mit Valentin Rapp. Er war nur scheinbar ruhig geworden. Nur zum Schein tat er, als hielte er das für wahr, was Sophie ihm sagte. In Wirklichkeit aber glaubte er ihr nichts mehr.
Es war ein qualvoller Zustand der vollständigen Zerrüttung und des seelischen Zwiespaltes, in dem sich Valentin Rapp jetzt befand. Ein Zustand, der ihn oft für Augenblicke an den Rand des Wahnsinns brachte. Und in einem solchen Zustand von Wut und Verzweiflung ging der Rechtsanwalt hin und erstand sich eine Waffe. Er konnte nicht anders ... er mußte es tun.
Erst dann, als er die Waffe hatte und sie stets bei sich trug, war er ruhiger geworden. Es war ein kleines blitzendes Ding. Ein Dolch. Fast zärtlich barg ihn Valentin Rapp in der inneren Brusttasche seines Rockes.
Es war ihm zur fixen Idee geworden: Nie wieder wollte er sich von diesem scharfen, glitzernden Ding trennen ... bis er die volle Gewißheit hatte von der Schuld oder Unschuld seiner Gattin.
War sie schuldig ... dann ... die Waffe war gut und seine Hand sicher. Mit ihrem Blut sollte Sophie die Schande sühnen, die sie ihm angetan hatte.
Jene Unterredung, die Valentin Rapp mit dem Patscheider gehabt hatte, wollte ihm nicht mehr aus demKopf. Immer von neuem mußte er an den widerlichen Ton denken, mit dem Johannes Patscheider von Sophie gesprochen hatte.
Was konnte es nur sein, das zwischen diesen beiden vorgefallen war? ... Valentin Rapp erinnerte sich an den unverkennbaren Abscheu, den Sophie gehabt hatte, als er ihr den Namen dieses Mannes nannte. Das war ehrlich gewesen. Und trotzdem log sie. Valentin Rapp fühlte es deutlich, daß sie log.
Er sah es an dem demütigen Blick ihrer Augen, die ihn oft so angsterfüllt anschauten, als wollten sie ihn um Vergebung bitten. Warum kam das Weib nicht zu ihm? Warum gestand sie ihm nicht die Schuld? Warum ...?
Hätte er ihr wirklich verziehen? Er hätte ihr nicht vergeben. Das gestand sich Valentin Rapp offen ein. Nie ... niemals im Leben ... hätte er Sophie eine Schändung seines Namens verziehen.
Er liebte dieses Weib rasend ... noch immer ... trotz allem. Er hatte sie aus der Niedrigkeit zu sich erhoben. Er hatte ihr alles gegeben, was ein Mann dem Weibe bieten kann. Er hatte ihr freudig und gern seine Freiheit zu Füßen gelegt. Nur um sie für immer zu besitzen, hatte er auf eine tatenreiche und erfolggekrönte Laufbahn verzichtet.
Erst jetzt ... in diesen einsamen, selbstquälerischen Stunden kam ihm dies alles zum Bewußtsein. Er sah es jetzt erst, wie der stolze Aufstieg, den er sich als Ziel gesteckt hatte ... langsam ... ganz langsam, aber stetig ... abwärts gegangen war. Seit den ersten Jahren seiner Verheiratung waren der Einfluß und das Ansehen, das Valentin Rapp in der Stadt besaß, allmählich geschwunden. Warum wohl?
Valentin Rapp dachte nach ... immer mehr und mehr ... Und da er nachdachte, erinnerte er sich an viele kleine Einzelheiten, denen er damals, als sie sichereigneten, keinen Wert beigemessen hatte. Sie hatten aber trotzdem ihre Bedeutung gehabt. Denn Valentin Rapp hatte keinen einzigen seiner ehrgeizigen Pläne verwirklicht gesehen.
Der Rechtsanwalt dachte auch an die vielen zarten und unzarten Mahner, an jene, die ihm die Augen hatten öffnen wollen und denen er die Tür gewiesen hatte. So glücklich war er in seiner Ehe gewesen, daß ihn nichts in seinem Glauben an die Treue seines Weibes hatte erschüttern können. Und ohne die geringste Bitterkeit hatte er es mit angesehen, wie sein alter Gegner Johannes Patscheider immer mächtiger geworden war.
Valentin Rapp hatte sich einmal dazu berufen geglaubt, zu den hervorragendsten politischen Führern des Landes zu zählen. Und die Leute in Innsbruck hielten ihn nicht nur im hohen Maße dazu befähigt, sondern sie wußten es auch, daß er würdig und schneidig wie selten einer die Interessen des Landes hätte vertreten können. Das war damals gewesen ... vor Jahren, ehe Doktor Rapp die Sophie Zöttl zur Frau genommen hatte.
Als es einige Jahre später zu den Wahlen kam ... da trat ein anderer, ein Fremder, an die Stelle, die Valentin Rapp hätte einnehmen sollen. Der Rechtsanwalt hatte sich bei dieser Niederlage nicht viel daraus gemacht. Er war eine Kampfnatur und war überzeugt davon, daß er sich und seine Ideale mit der Zeit doch noch durchsetzen würde. Und wenn nicht ... dann machte es eben auch nichts. Die Hauptsache blieb es, daß er als Mensch glücklich geworden war. So glücklich und zufrieden, wie er es von andern selten im Leben erfahren hatte. Und all das Glück verdankte er dieser einen Frau ... die sein alles auf Erden ausmachte.
Valentin Rapp hatte sich nie nach einem Kind gesehnt. Sophie war ihm alles und ersetzte ihm alles. Und jetzt ...jetzt zermürbte der nagende Zweifel an ihrer Treue sein Gehirn und brachte ihn dem Irrsinn nahe.
Hatten jene warnenden Mahner doch recht gehabt? War Sophie tatsächlich eine Treulose, eine schamlose Ehebrecherin? War sie so niederträchtig, falsch und gemein, daß sie ihn Jahre hindurch betrog und belog ... und ihm Liebe heuchelte?
Wie konnte das Weib ein solches Spiel durchführen? War es überhaupt möglich bei der Ursprünglichkeit ihres Temperamentes, daß sie ihm Liebe gab, ohne sie zu fühlen? Das konnte nicht sein. Unmöglich. Sie mußte ihn ja lieben. Gerade sie ... dieses wilde, triebhafte Weib.
Triebhaft? War sie das wirklich? Ja ... sie war es. Doktor Rapp hatte ja damals in der ersten Zeit der Ehe selbst Angst bekommen vor diesem elementaren Ausbruch ihrer Natur. Er glaubte, sie durch seine Klugheit eingedämmt zu haben. War das Täuschung?
Valentin Rapp fühlte es immer deutlicher, daß es nur einen einzigen Ausweg gab aus dieser Hölle seiner seelischen Zweifel und Qualen. Er mußte Gewißheit haben, ob Sophie rein oder sündig war.
Mehr als einmal hatte er ihr eine Falle gestellt. War fortgegangen und dann unvermutet wieder zurückgekommen. Sie glaubte ihn verreist, und er schlich heimlich in der Nacht um sein Haus und lauerte auf den Verrat, den sie nun an ihm begehen würde. Aber Sophie war standhaft. Sie ahnte die Gefahr und mied sie.
Erst nach mehreren Wochen, als Valentin Rapp sich ruhiger gab, wurde Sophie kühner.
Es war im Dezember ... die Zeit kurz vor Weihnachten. Valentin Rapp hatte eine geschäftliche Reise zu machen. Eine Reise nach Wien. Sophie wußte schon längst von dieser Fahrt und freute sich auf die Freiheit dieser Tage, wie ein eingesperrter Vogel sich aus seinem Käfig sehnt.
Sie wußte es, daß es sich um die Vertretung in einem Prozeß handelte, der einige Tage dauern konnte.
Als der Gatte von ihr Abschied nahm, fragte ihn Sophie im gleichgültigsten Ton: „Sag’, Mannderl, wie lang bleibst denn aus?“
„Höchstens zwei Tag’. Übermorgen in der Nacht komm’ ich!“ erwiderte Doktor Rapp.
Sophie atmete auf. Zwei Tage ... es war wenig. Aber sie würde ihre Freiheit genießen!
Der Rechtsanwalt beobachtete seine Frau mit argwöhnischen Blicken. Er sah, daß sie zu Boden schaute, und er glaubte später in ihren dunklen Augen einen Schimmer von aufleuchtender Freude zu bemerken.
Die Falle war also gut. Übermorgen wollte er kommen ... sagte er. Der Prozeß in Wien war aber erst in zwei Tagen fällig.
Mit großer Zärtlichkeit und Liebe nahm Sophie auf dem Bahnhof zu Innsbruck Abschied von dem Gatten. Sie sah, wie Valentin Rapp den direkten Wagen nach Wien bestieg. Und sie winkte ihm mit ihrem kleinen feinen Spitzentaschentuch so lange nach, bis der Eilzug ihren Blicken entschwunden war.
Dann lief sie, so schnell sie konnte, hinauf nach Wilten, in die Wohnung der Altwirths. Alle Abkürzungswege benützte sie, um nur so rasch als möglich bei dem Geliebten zu sein ...
„Felix ...“
„Ja ... Schatz!“
Sie lagen sich in den Armen und konnten sich kaum fassen vor Freude.
„Heut’ nacht ... Felix ...“ flüsterte Sophie heiser vor Erregung. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. So sehr sehnte sie sich nach dem Geliebten.
„Nach Mitternacht?“ frug Felix leise.
„Um eins. Sei pünktlich!“ ...
Es war eine finstere Nacht. Neumond. Die Sterne glitzerten am schwarzen Firmament unruhig und unstet. Ab und zu fegte ein heftiger Windstoß mit ungestümer Gewalt dem einsamen Wanderer frostige, schneidende Luft ins Gesicht. Den Pelzkragen aufgestülpt und den weichen, dunklen Hut tief in die Stirn gedrückt, so legte Valentin Rapp in der kalten Winternacht zu Fuß den Weg von Hall nach Innsbruck zurück.
In Jenbach schon war der Rechtsanwalt umgekehrt. Hatte den nächsten Zug nach Innsbruck benützt und war abends in Hall angekommen. Von dort wanderte er bei Nacht zu Fuß, um von keinem Bekannten gesehen zu werden.
Doktor Rapp war innerlich ruhig geworden. Fast ohne jede Aufregung, mit einer Art kühlen Interesses sah er den Stunden entgegen, die er nun auf seinem einsamen Beobachtungsposten verbringen würde. Er wußte ... wenn er auch heute nacht und morgen noch vergebens auf diesem Posten stand, daß er dann wieder ruhig und zufrieden leben konnte wie bisher.
Diese beiden Nächte sollten ihm die Entscheidung bringen über sein ferneres Leben. Und sie würden sie auch bringen. Valentin Rapp fühlte das klar und deutlich. Und deshalb war diese große Ruhe über ihn gekommen.
Als der Rechtsanwalt durch den Bogen des Bahnviaduktes schritt, der die nach Mühlau führende Straße überspannt, da hörte er die Uhren der Türme von Innsbruck elf Uhr schlagen. Eine nach der andern. Die einen in hellen, kurzen Tönen und die andern in langsamen, feierlichen Schlägen, als wollten sie den Lauf der Zeit eindämmen, auf daß er nicht so schnell verrinne.
Elf Uhr ... Es war Zeit ... noch viel Zeit. Doktor Rapp würde noch lange warten müssen ...
Unwillkürlich schlug der Rechtsanwalt jetzt eine langsamere Gangart ein. Fast gemächlich ging er den Restdes Weges. Die Hände auf dem Rücken, als mache er nur zu seinem Vergnügen einen nächtlichen Spaziergang.
Er achtete nicht auf die eisige Luft, auf den starken Wind, der ihm schneidend durch die Kleider fuhr. Er ging weiter ... immer gerade aus ... bis zur Kettenbrücke ...
Viele Hunderte von blitzenden Lichtern erleuchteten die schlafende Stadt. In dem heftigen Wind schienen sie unruhig zu flackern, als trieben sie mit den Milliarden glitzernder Sternchen droben am Nachthimmel ein lustiges Wettspiel.
Auf der Kettenbrücke blieb Doktor Rapp stehen. Es war so still und ruhig da ... kein Mensch ... kein Laut ... nichts. Fast etwas Unheimliches lag in dieser Stille und bedrückte den einsamen Wanderer. Das Dunkel der Nacht lastete schwer auf der Stadt. Trotz der weißen Schneedecke und den flackernden Lichtern war es dem Rechtsanwalt, als brütete eine tiefe Traurigkeit über der Stadt. Oder erschien es ihm nur so ... weil er selber so traurig war ... so unsagbar traurig ...
Je näher er seinem Hause kam, desto langsamer ging Doktor Rapp. Und ganz ruhig war er ... ganz ruhig ... Er mußte ja ruhig sein ... ruhig und geduldig ... und warten ... noch lange ... lange Stunden vielleicht.
Valentin Rapp ging langsam und immer langsamer auf sein Haus zu. Als er es sah, umschlich er den Garten der Villa, die sein eigen war, wie ein Dieb. Lauerte und spähte umher ... Er sah nichts. Gar nichts.
In einem Zimmer des ersten Stockwerkes brannte ein Licht. Es war das Wohnzimmer. Und droben im Giebel war noch ein Fenster beleuchtet. Das war am andern Ende des Hauses. Das Mädchenzimmer. Sonst überall Dunkel.
Im Erdgeschoß des Hauses regte sich nichts. Die Mieter waren alte Leute und liebten die Nachtruhe.
Einige Male umschlich der Rechtsanwalt sein Haus. Dann gab er sich einen Schwung, kletterte über den nicht sehr hohen Eisenzaun des Gartens und ließ sich sachte und lautlos zur Erde gleiten. Er hatte den Schlüssel des Gittertores bei sich, aber er scheute den Lärm, den das Öffnen desselben vielleicht verursachen konnte.
Langsam und sorgsam stapfte er durch den Schnee des Gartens dem kleinen Gartenhäuschen zu. Morgen würden sie die Fußspuren sehen, dachte er. Vom Gartenhäuschen aus konnte er den Eingang der Villa genau im Auge behalten, und er sah auch das erleuchtete Fenster des Wohnzimmers. Konnte beobachten, wie lange Sophie noch wach war.
Was sie wohl jetzt gerade tat? Vielleicht las sie oder schrieb an ihn? Einen ihrer kleinen, zärtlichen, stillosen Briefe, die ihm immer so viel Freude bereitet hatten. Doktor Rapp stellte sich sein Weib vor, wie sie droben saß, einsam, und an ihn schrieb. Er sah sie, wie sie mit ernsthaftem Gesicht über dem Papier saß und kritzelte. Sie sah so drollig ernsthaft aus, wenn sie schrieb. Zog die Stirne kraus und preßte die Lippen zusammen. Wie ein Kind.
Eine große Sehnsucht nach Sophie überkam den Rechtsanwalt bei diesen Gedanken. Am liebsten wäre er jetzt zu ihr hinaufgegangen, um sie bei ihrer einsamen Tätigkeit zu überraschen. War sie denn einsam? Vielleicht war sie es nicht ... vielleicht ...
Deshalb war er doch hierher gekommen zu so später Stunde, um sich Gewißheit zu verschaffen. Und nun fingen die quälenden Fragen schon wieder an.
Doktor Rapp hatte sich auf eine der hölzernen Gartenbänke gesetzt, die den Winter über in dem Häuschen untergebracht waren. Und jetzt wartete er ... wartete ...
Er hörte jeden Stundenschlag der Uhren. Es war immer eine und dieselbe Turmuhr, die als erste denVerlauf einer Viertelstunde ankündigte. Dann kamen die andern. Eine nach der andern, in melodischer, abgestimmter Harmonie.
Wie langsam die Zeit verrann ... endlos ... Und draußen der kalte Wind in seinen unruhigen Stößen.
Und immer noch das Licht im Wohnzimmer? Warum ging sie nicht schlafen ... warum?
Und wieder kämpfte die Sehnsucht nach dem Weibe mit dem lauernden Verdacht.
Wenn sie nun doch unschuldig war?
Wie ein freudiger Schreck durchzuckte es den Mann.
Er würde Wache halten hier unten und dann ... dann ... morgen ... nicht heute ... dann würde er zu ihr kommen als ein Reuiger. Niederknien würde er sich vor ihr und ihr alles bekennen. Und sie würde ihn in ihre Arme nehmen, weich und lind, und würde ihn küssen ... küssen ... wie nur Sophie küssen konnte.
Vom Turm schlug der helle Glockenton halb ein Uhr. Das Licht im Wohnzimmer erlosch. Gott sei Dank! Valentin Rapp atmete auf. Nun ging sie schlafen.
Es war alles dunkel im Haus. Kein Laut. Und wieder harrte Valentin Rapp und sah abwechselnd bald auf die dunklen Fenster seiner Wohnung und bald auf den Garteneingang hin. Erwartungsvoll ... dann immer gleichgültiger.
Valentin Rapp fröstelte. Es fiel ihm ein, daß er noch kein Obdach hatte für die heutige Nacht. Später ... dann würde er nach Pradl gehen. Da kannte er einen Gastwirt, der verschwiegen war. Der Rechtsanwalt hatte ihm einmal Gutes tun können. Seither war ihm der Mann ergeben.
Ein Uhr ...
Horch ... Etwas regte sich ... Der Glockenschlag hatte den einsamen Mann im Gartenhaus aufgeschreckt. Oder war es ein Laut gewesen, ein Ton?
Sorgfältig spähte Valentin Rapp durch die Dunkelheit. Es war ihm, als wäre oben im ersten Stock ein Fenster geöffnet worden. Er konnte es nicht sehen ... es war zu dunkel.
Aber jetzt ... jetzt hörte er etwas ... Es war keine Täuschung. Von der Straße her kam der gedämpfte Tritt eines Mannes. Der hartgefrorene Schnee knirschte leise ... Die Schritte kamen näher und näher ... Valentin Rapp hielt den Atem an vor erwartungsvoller Spannung. Er spähte hinaus in die Dunkelheit, in die Richtung, woher der Schall der Tritte kam.
Der Schein eines Lichtes fiel in den Garten. Plötzlich ... unvermittelt. Erschreckt sah Valentin Rapp auf.
Da ... da ... er sah es deutlich. Im Rahmen des offenen Fensters ihres jetzt hell erleuchteten Wohnzimmers stand Sophie und sah in den Garten hinab. Einen Moment nur. Aber Valentin Rapp war es, als müßte sie ihn gesehen haben. Unwillkürlich drückte er sich nach rückwärts noch tiefer in das Innere des Häuschens hinein.
Es war wieder dunkel droben. Die Schritte von der Straße her kamen näher. Mit dem Aufgebot seiner ganzen Nervenkraft horchte der Rechtsanwalt. Er hörte, daß der Mann draußen sich jetzt langsam heranschlich. Er konnte den Fremden nicht sehen ... er hörte ihn nur, wie er leise und vorsichtig näher kam.
Dann hörte er den Schlüssel ... hörte das Öffnen des Tores und das Geräusch des wieder zuschnappenden Schlosses.
Und dann wieder die leise schleichenden Tritte und das Öffnen der Haustür. Sicher und wie selbstverständlich hatte der Fremde seinen Weg gefunden. Er mußte ihn gut kennen.
Das Fenster im ersten Stock klirrte leise. Sophie hatte es also wieder zugemacht.
Doktor Rapp konstatierte das alles mit einer Ruhe, über die er sich selbst wunderte. Nun war er wieder ganz ruhig geworden. Unheimlich ruhig. Er mußte es ja auch sein. Nun hatte er ja die Gewißheit ... die Erlösung aus der Qual des Zweifels. Und nun mußte er handeln ... abwarten, bis die beiden da droben sich vollkommen sicher fühlten. Er konnte ja jetzt warten ... jetzt noch viel mehr als zuvor ...
Es war eine heiße Liebesnacht für Felix und Sophie. So heiß und glühend hatten sie sich beide schon lange nicht mehr geliebt wie heute.
Wie in einem tollen Rausch verbrachten sie die Zeit.
„Sophie ...“
„Felix ...“
Es war der Ausbruch eines neuen, unendlichen Vergehens ineinander ...
Und leise durchschlich Valentin Rapp die dunklen Räume seiner Wohnung ... von Tür zu Tür ...
Er hatte die Schuhe ausgezogen und tastete sich nun sachte und lautlos vorwärts.
An der Tür des Schlafzimmers machte er halt. Er horchte ... Er hörte das unterdrückte Flüstern erregter Stimmen.
Valentin Rapp spürte einen wehen, stechenden Schmerz. So sehr hatte er dieses Weib geliebt ... so ehrlich und warm. Und sie betrog ihn ... die Dirne!
Das schwere Blut stieg ihm jäh zu Kopf, und ein Zittern und Beben befiel ihn ... Ruhig ... er mußte ruhig sein ... nur jetzt noch ... bis er sie getroffen hatte.
Schwer atmete der Mann ... fast keuchend. Und drinnen schmiegte sich Sophie innig an die Brust des Geliebten ... umschlang ihn mit ihren weichen Armen und küßte ihn.
„Felix ... lieber ... lieber Felix! Weil ich dich nur wieder hab’ ... dich ... du ...“
Vorsichtig öffnete Valentin Rapp die Tür seines Schlafzimmers ...
Das matte Licht der Ampel mit dem gelben Seidenschirm fiel auf das Weib, das in den Armen ihres Buhlen lag.
Valentin Rapp schaute nicht auf den Mann. Er sah nur sie ... das Weib ... die Dirne. Er sah sie in ihrer ganzen Schande. Und mit geballten Fäusten stürzte er sich auf sie wie ein gereiztes Tier und züchtigte sie. Ohne ein Wort zu sagen ... jäh und plötzlich riß er sie aus den Armen ihres Geliebten. Zerrte sie zu Boden und schlug ihr ins Gesicht. Brutal ...
„Dirne!“ stieß er keuchend hervor. „Jetzt hab’ ich dich!“
Zitternd krümmte sich das Weib unter den Schlägen des Mannes. Sie fühlte sie nicht. Sie hatte nur eine Angst ... Felix. Nur an ihn dachte sie ... nicht an sich.
Felix war mit jähem Schreck emporgefahren. Einen Augenblick starrte er wie betäubt auf den Mann ... Dann sah er, wie Valentin Rapp in blinder Wut auf das Weib einhieb ... brutal und roh ... Und jeder Schlag durchzuckte ihn ... peitschte ihn auf und versetzte ihn in namenlose Wut.
Von rückwärts fiel er dem Rechtsanwalt in den Arm, umkrampfte ihn mit Macht, um Sophie zu befreien.
„Rette dich ... Sophie ...“ rief er ihr zu. „Schnell ... vorwärts ...“
Aber Sophie rührte sich nicht. Wie betäubt lag sie auf dem weichen Teppich und hielt die Hände vors Gesicht.
Doktor Rapp befreite sich mit einem kräftigen Ruck und schleuderte Felix in eine Ecke des Zimmers, daß er zu Boden fiel. Die Aufregung hatte Valentin Rapp Riesenkräfte verliehen.
„Zuerst kommt sie dran ... dann du ... Bube ...“ schrie er jetzt vor Wut brüllend.
Jäh schnellte das Weib empor ... von Angst getrieben. Aber nicht um sich ... sondern um Felix.
„Fort ... fort ... Felix ...“ rief sie ihm mit schriller Stimme zu. „Fort ...“
Doktor Rapp hielt das Weib gepackt. Fest ... an der Kehle ... Die Zähne knirschten ihm ... dann ...
Sophie sah den Dolch in seiner rechten Hand ... Scharf glitzerte das Ding ... da ... sie schrie auf.
„Felix ... hilf ... Felix!“ Es war wie ein Todesschrei.
Und dann wand sie sich unter seinem Griff. Kämpfte mit ihm ... hielt ihm den Arm mit der Kraft der Verzweiflung ... Er durfte nicht stechen ... sie wollte leben ... leben ...
„Hilf, Felix! Hilf!“ schrie sie verzweifelt.
Felix Altwirth hatte den Mann angefallen, und mit wuchtigem Schlag hieb er ihm den Dolch aus der Hand. Die Waffe fiel zu Boden ...
Der Rechtsanwalt ließ von dem Weibe ab ... Jetzt standen sich die beiden Männer als Todfeinde gegenüber.
Sie kämpften miteinander ... stumm und wortlos ... Sie kämpften um die Waffe ... Es war ein kurzer, heißer Kampf ... Da ... Felix lag zu Boden ... er hatte die Waffe ... Der Rechtsanwalt sah es nicht, daß er zum Stich ausholte.
Valentin Rapp wälzte sich in blinder Wut über seinen Gegner ... er beugte sich über ihn ... ein Ruck ... Felix drückte den Dolch, den er fest in der Hand hielt, in die Brust des Mannes ...
„Ah ...!“ Es war ein Stöhnen ... ein unterdrückter Schrei, der sich dem Munde des Rechtsanwaltes entrang. Die Hand hielt er an die Brust gepreßt ... die Augen geschlossen ... den Kopf nach hinten. Dann fiel er mit Gepolter zur Seite. —
Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starrte das Weib auf ihren Gatten ... sie konnte sich nichtrühren ... kein Glied bewegen ... Sie sah das Todeszucken des Mannes, und sie hörte sein Röcheln ... Sie hielt den Atem an ... starrte ... wollte schreien ... um Hilfe rufen ... und konnte nicht. Sie sah nur immer hin auf das Opfer, das zu Boden lag ... Ein Dehnen ... ein Recken ... Dann ... dann war er ruhig ...
Und nun löste sich die lähmende Spannung in Sophiens Gliedern. Langsam und lautlos kniete sie sich nieder ... und auf den Knien kroch sie zu dem Gatten hin ... langsam ... von Angst und Entsetzen erfüllt ... Sie tastete ihm mit zitternder, fieberheißer Hand ins Gesicht ... er bewegte sich nicht und hatte die Starre des Todes.
Sachte ließ sich das Weib an der Seite der Leiche nieder und bettete den Kopf des toten Mannes in ihren Schoß. Und dann weinte sie ... leise ... fast lautlos ...
In einer Ecke des Zimmers stand Felix. Das Entsetzen über seine Tat hatte ihn betäubt ... er konnte es noch nicht fassen ... Tot ... Er hatte den Mann getötet ... ein Mörder ... nun war alles vorbei ...
Eine tiefe, unheimliche Stille herrschte in dem kleinen Raum. Sie konnten einander nicht in die Augen schauen ... die beiden Schuldigen ... sie starrten nur immer wie gebannt auf das wachsbleiche Gesicht des Toten.
Mit sanftem Druck hatte Sophie dem Gatten die Augen geschlossen ... Sie konnte diesen brechenden Blick nicht mehr sehen. Es tat ihr so wehe ... wehe ...
Sie hatte ihn lieb gehabt ... die Frau ... ehrlich lieb. Und sie war ihm dankbar gewesen ... und trotzdem hatte sie ihn betrogen ... betrogen ... weil sie nicht anders konnte.
Zögernd und scheu näherte sich Felix.
„Sophie ...“ flüsterte er heiser.
Sophie sah zu ihm auf. Ruhig und ohne Vorwurf. Aber ihre Tränen rannen unaufhörlich über die todbleichen Wangen.
„Ja ... Felix!“ sprach sie mit schluchzender Stimme.
„Nun ist alles aus!“ sagte Felix gebrochen. „Jetzt ... ich werd’ mich stellen müssen.“
„Du?“ Entsetzt starrte ihn das Weib an. „Flieh’!“ stieß sie wild hervor.
Felix schüttelte den Kopf. „Nein!“ sagte er. „Das nützt nichts. Sie bekommen mich doch.“
Ein eisiger Schauder durchfuhr den halb entblößten Leib des Weibes. „Ins Gefängnis ...“ stieß sie hervor. Sie krümmte sich zitternd und sah mit scheuem Blick auf Felix. „Ins Gefängnis ...“ wiederholte sie.
„Leb’ wohl ... Sophie ...“ sagte Felix tonlos. „Daß das so ein Ende nehmen muß.“ Er hielt ihr die Hand hin. Unverwandt und mit angsterfülltem Blick schaute das Weib zu dem Mann empor.
„Warum gehst du ...“ stieß sie hervor. „Bleib’!“
„Es ist besser, wenn ich geh’ ... Sophie. Deinetwegen ...“ fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.
Sophie erhob sich. Dann bettete sie sanft und weich das Haupt des toten Gatten auf ein Kissen, das sie herbeiholte. Ganz allmählich gewann sie ihre Fassung wieder. Sie zitterte noch an allen Gliedern ... aber sie konnte wieder ihre Gedanken sammeln.
Und nun stand sie da in ihrem weißen Nachtgewand und streckte sich im namenlosen Schmerz. Fest preßte sie die vollen Lippen aufeinander, die so blaß und blutleer waren wie ihr totenbleiches Gesicht.
„Felix ...“ Sie sah ihn mit großen, wehen Augen an. „Du weißt, daß ich dich lieb hab’?“ frug sie.
„Sophie ...“ Jetzt kniete sich Felix vor ihr nieder ... umschlang ihren Leib mit beiden Armen und preßte seine Lippen auf ihre Hände.
„Siehst, Felix ...“ fuhr Sophie leise flüsternd fort ... als wollte sie den Toten nicht aus seiner Ruhe stören ... „Den da hab’ ich auch lieb g’habt. Sehr lieb ... Abernit so wie dich ... anders ... Und jetzt ... jetzt ist er nimmer ... Und du ... du bist auch nimmer ... und alles ... alles ist meine Schuld ... Ich weiß es ... ohne mir ... wär’s nit so weit kommen!“ Sie griff sich mit der Hand gegen die Stirn, als müßte sie sich besinnen. Dann fuhr sie mit flüsternder und bebender Stimme zu reden fort. „Ich hab’s Elend über euch gebracht ... über dich und ihn ... und hab’ euch doch gern g’habt ... so gern ...“
Der Ton ihrer Stimme tat Felix so weh, daß er aufschluchzte vor Leid. Sie fuhr ihm zärtlich über den Kopf und streichelte ihn.
„Ich will’s gutmachen ... Felix ...“ sagte Sophie kaum hörbar. „Ich bin die Schuldige ... niemand soll’s wissen ... daß du’s getan hast.“
„Sophie ... du ... das geht nicht ... unmöglich. Ich bin’s gewesen, und ich trag’s auch!“ Mit jähem Schreck war Felix emporgefahren und sah scheu und verstört auf das Weib, das nun in ruhiger und gefaßter Haltung vor ihm stand.
Sie hatte den Kopf tief gesenkt und ließ die Arme müde und matt herabhängen. Wie eine ganz andere ... eine demütige, ergebungsvolle Frau kam sie dem Mann jetzt vor, und mit achtungsvoller Ehrfurcht hörte er auf die Worte, die sie leise flüsternd sprach.
„Nein, Felix ... ich muß es sein ... laß mich ... ich bitt’ dich drum ...“ Sophie faltete die Hände und sah ihn flehend an. „Für mich ist’s Leben doch aus ... ich mag nimmer sein ... Jetzt nimmer ... jetzt ... wo alles zu Ende ist und ich so glücklich war.“
„Glaubst du, daß ich noch leben könnte ... daß ...“ stieß er hervor.
„Ja ... du mußt leben ... Felix!“ sagte Sophie fest und beinahe gebieterisch. „Du mußt arbeiten und für andere leben. Schaff’ und werd’ groß!“
Leise und ehrerbietig küßte der schuldige Mann die Hand des sündigen Weibes. Und noch einmal fuhr sie ihm liebkosend über das tiefgebeugte Haupt. Dann nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, mit derselben mütterlichen Gebärde, wie sie es so oft getan hatte, neigte sich tief über ihn und küßte ihn lange und innig ... Es war wie ein letztes, unendliches Versinken ineinander.
Dann riß sie sich gewaltsam von ihm los. „Geh’ ... jetzt ... Felix ...“ bat Sophie leise und wandte sich mit müder Gebärde von ihm ab. „Geh’ ... es soll dich niemand hier sehen. Kein Mensch soll’s je erfahren ... daß du’s getan hast. Geh’ ...“ bat sie nochmals, da sie sah, daß Felix noch zögerte. Aber sie schaute den Mann, der ihr das Höchste geworden war auf der Welt, mit keinem Blick mehr an. Sie hatte nicht mehr den Mut dazu.
Lautlos und unhörbar schlich sich Felix von dem Ort seiner Tat. Schlich hinaus in die Dunkelheit und Stille der Nacht.
Lange noch stand Sophie regungslos in der Mitte des Zimmers und starrte auf die Tür, durch die Felix gegangen war. Fort ... nun war er fort ... Sie hatte ihn wohl zum letztenmal gesehen ...
Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des Weibes. Allein ... nun war sie allein ... ganz allein ...
Mit unsicheren, ängstlichen Blicken sah sie zu der Leiche hinüber die am Boden lag. Wie unheimlich es hier war. Ein eisig kalter Schauer durchfuhr ihre Glieder ... es fror sie ... Es war kalt in dem Zimmer ... still und kalt ... wie in einer Totengruft.
Mit vorsichtig zögernden Schritten schlich sich Sophie zu der Stelle hin, wo ihr toter Gatte lag. Ganz nahe kam sie heran ... ganz nahe ... Und dann kniete sie nieder. Kniete sich zu ihm und fuhr ihm mit bebenderHand tastend und suchend über den leblosen Körper, als müßte sie doch noch ein Lebenszeichen in ihm entdecken.
Nichts ... alles still ... alles tot.
Und immer tiefer beugte sie sich über ihn, und ihre Augen erweiterten sich immer mehr vor Angst ... je länger sie auf den Toten starrte.
Es war ihr ... als ob ein Fremder, ein Unbekannter vor ihr liegen würde.
„Valentin ...“ Sie flüsterte es ganz leise. „Valentin!“ Jetzt sagte sie es lauter.
Der Ton ihrer Stimme erschreckte sie. Es hallte so unnatürlich wider ... so hohl und dumpf in der tiefen Stille des engen Raumes.
„Valentin!“ Nun schrie sie das Wort heraus.
Alles still ... nichts regte sich. Doch ... Dem geängstigten Weibe schien es, als ginge ein leichtes Zittern durch den Körper des toten Mannes. Mit starrem, gebanntem Blick sah sie auf die Leiche. Sollte er ... regte er sich ... sollte er nochmals zum Leben erwachen?
Sophie wagte es jetzt nicht mehr, neben ihm zu sein. Ein abergläubischer Schrecken durchrüttelte sie ... peitschte sie empor ... so daß sie wie gehetzt in das andere Ende des Zimmers flüchtete.
Wie trüb das Licht der gelben Ampel brannte ... Und wie düster und beklommen es in dem kleinen Raum war ...
Horch! Rührte sich da nicht etwas ... ein Laut ... ein Atmen ...
Mit zusammengekrümmten Gliedern schlich das Weib an der andern Seite des Doppelbettes entlang ... schlich ... leise ... auf nackten Sohlen. Mit hochklopfendem Herzen horchte sie ... horchte ...
Wie unheimlich es hier war. Und wie ruhig ... wie tot.
Und immer länger starrte sie ... sich gewaltsam an dem Rande des Bettes festhaltend ... zu dem Toten hinüber. Je länger sie schaute ... je länger sie mit eingezogenem Atem angestrengt horchte und nichts hörte als den Schlag des eigenen, wild pochenden Herzens ... desto mehr steigerte sich ihre Furcht und ihr Entsetzen vor dem Toten.
Der kalte Schweiß stand dem zitternden Weibe auf der Stirn. Und dann rannte sie wie von Furien gepeitscht fort ... hinaus aus dem Zimmer ... hinüber in das gleiche Zimmer, wo sie vor wenigen Stunden noch am offenen Fenster auf das Kommen des Geliebten gelauscht hatte.
Licht ... Nur Licht ... Sie mußte sehen ... und frische ... erquickende Luft schöpfen.
Wie eine Erstickende ... so lechzte das Weib nach Luft. Sie riß die Fenster auf ... Das Klirren der Scheiben erschreckte sie.
Die eiskalte Luft, die ihr entgegenströmte, schneidend und unbarmherzig, machte sie erzittern. Aber sie tat ihr gut. Unwillkürlich wurde sie wieder ruhig. Was nun? ... Sophie sah sich im Zimmer um. Sie war allein ... ganz allein. Da war niemand mehr, der für sie dachte und für sie sorgte. Allein ... und wieder diese beklemmende Angst ...
Warum war sie jetzt allein? Warum war er ... Felix ... fortgegangen? Warum? ... Sie hielt sich mit zitternden Händen die Stirne. Sie mußte denken ... ihre Gedanken sammeln.
Ja. So war’s. Sie hatte Felix fortgeschickt ... und er war gegangen. Er hatte das Opfer angenommen, das sie bringen wollte.
Warum es ihr mit einem Male nur so schwer wurde? Sie hatte sich ja so stark gefühlt ... so stark und nun ... nun war sie so todtraurig.
Und wieder schüttelte sie die Angst. Ihre Zähne schlugen aufeinander, und ihr Körper krümmte sich zusammen. Und jetzt horchte sie ... horchte mit der ganzen Spannung ihrer überreizten Nerven auf die Schritte, die nun kommen würden ... um sie zu holen.
Nein ... Sie durften sie nicht holen ... Sie durften sie nicht finden hier. Fort ... fort ... nur fort ...
In fliegender Hast raffte das Weib seine Kleider zusammen. Zog sich an ... so rasch sie konnte, und steckte sich das Haar zurecht. Dann warf sie ein großes, dunkles Tuch über Kopf und Schultern und eilte hinaus ... hinaus ins Freie.
Ließ alles offen stehen ... Tür und Riegel ... Sie sollten den Toten gleich sehen ... wenn sie kamen.
Durch die einsamen Straßen hallte ihr flüchtender Schritt und gab sein Echo zurück von den Reihen der Häuser.
Von Straße zu Straße rannte sie, angstgetrieben. Bis in den dämmernden Morgen hinein.
Allmählich regte sich das erste Leben des beginnenden Tages. Vereinzelt eilten Arbeiter zu ihrem Tagewerk.
Von den Fenstern der dunklen Häuserreihen fiel ab und zu ein schmaler, verträumter Lichtschein auf die Gestalt des gehetzten Weibes.
Immer irrte sie herum ... von Straße zu Straße ... und kam doch stets in dieselbe Gegend zurück.
Auf dem Viadukt der Eisenbahn fuhr rasselnd ein Zug der Stadt entgegen. Und in der Ferne tönte das müde, schlaftrunkene Gerassel eines holperigen Wagens.
Der Tag erwachte ... schon dämmerte das erste Grau im Osten.
Da nahm Sophie Rapp ihre ganze Kraft zusammen. Esmußtesein. Fest zog sie das Tuch um sich ... ganz fest ... und dann eilte sie ... so schnell ihre zitterndenFüße sie zu tragen vermochten, hinein in die Stadt.
Todbleich im Gesicht und mit einer Stimme, die heiser und hohl klang, sagte Frau Sophie Rapp in dem nüchternen, kleinen Amtszimmer der Polizei, daß sie in der heutigen Nacht während eines Streites ihren Gatten ermordet habe.
Schlussvignette, Kapitel 20