Sechstes Kapitel.
Es blieb bei der Entscheidung der Frau Apotheker. Felix Altwirth mußte sich, ob er wollte oder nicht, mit dem Ernst seiner Lage vertraut machen. Tag und Nacht büffelte und studierte er und bläute sich die für ihn so trockene Materie seines Faches ein.
Oft hatte er das Gefühl, als könne sein Kopf nichts mehr auffassen, nichts begreifen und nichts behalten, was da vor ihm gedruckt und geschrieben stand. Mit beiden Fäusten stützte er dann seinen gemarterten Schädel. Wiederholte immer und immer wieder die gleichen Stellen und dachte doch in innerster Seele an ganz was anderes ...
Felix Altwirth machte seine Staatsprüfung und fiel zweimal durch. Es war schon das erstemal schrecklich. Nun war es aber der völlige Zusammenbruch.
Max Storf hatte den Freund von der Universität abgeholt. An dem todbleichen Gesicht des jungen Mannes erkannte er auf den ersten Blick, wie die Sache stand. Abermals durchgefallen. Ruiniert. Die ganze Existenz vernichtet.
Kein Wort konnte Felix Altwirth sprechen. Stumm und gleichgültig schritt er neben dem Freunde und beachtete gar nicht, daß dieser durch den alten Torbogen der Hofgasse einlenkte und die Richtung gegen den Weißen Hahn nahm.
Es war Spätherbst, und die Abende waren früh und kühl. Der dämmerige Schein der hereinbrechenden Nacht fiel über die hochgebauten, altersgrauen Häuser der Hofgasse. Die Lichter der Straßenlampen brannten noch nicht. Geschäftiges Treiben herrschte in der schmalen Gasse. Kinder tummelten sich umher, schrien und pfiffen oder trugen Milch oder Bier für den elterlichen Haushalt heim.
Schweigend schritten die beiden jungen Männer nebeneinanderher. Felix befand sich in einem Zustand so vollständiger Apathie, daß er wie willenlos dem Freunde folgte. Erst als sie im Hausflur des Gasthofes zum Weißen Hahn anlangten, fuhr er erschrocken zusammen.
„Da hinein ...“ machte er. „Du wirst doch nicht ... Ich kann nicht, Max! Laß mich, ich kann heute nicht unter Menschen gehen!“
Max Storf nahm mit festem Griff den Arm des Freundes und zog ihn gewaltsam mit sich fort.
„Es ist noch nicht spät, Felix. Es wird dir gut tun. Die Stammgäste kommen ja erst später.“
Im Herrenstübel war es gähnend leer. Eine Lampe erleuchtete den Raum nur sehr spärlich.
Der junge Arzt war dem Freund behilflich, den Hut und den Überzieher abzulegen. Gleichgültig ließ Felix alles mit sich geschehen. Es fröstelte ihn. Wie in einem Traumzustand befand er sich, aus dem er nie wieder zu erwachen wünschte.
Für Augenblicke kam ihm seine ganze Lage zum Bewußtsein. Durchgefallen, wieder durchgefallen! Was wohl jetzt mit ihm geschehen würde? Ob sich die Verwandten nun von ihm abwenden würden? Nur nicht nachdenken, nur jetzt nicht nachdenken!
Wie ein milder, alles verstehender Vater redete Max Storf mit guten Worten auf Felix ein. „Nimm’s nicht so hart, Felix. Du kannst ja nichts dafür. Es ging dir halt die ganze Sache gegen deine Natur. Vielleicht ist’s zu deinem Glück, daß es so gekommen ist!“
„Glück!“ Mit bitterem Hohn wiederholte Felix dieses Wort. „Glück! Als ob ich je ein Glück gekannt hätte im Leben!“
Und dann saßen die beiden jungen Männer schweigend nebeneinander, eine ganze Weile lang.
Erst nach geraumer Zeit kam Sophie ins Herrenstübel. Die Kellnerin von der Schwemme hatte sie darauf aufmerksamgemacht, daß im Herrenstübel Gäste seien. Die Schwemme befand sich auf der rückwärtigen Seite des breiten, gewölbten Hausflurs und war das Gastzimmer derjenigen Besucher des Weißen Hahn, die im sozialen Leben eine oder auch zwei Stufen niedriger standen als die Gäste des Herrenstübels.
Es geschah nicht oft, daß die Schwemmkellnerin ihrer Kollegin einen Gefallen erwies. Ganz im Gegenteil. Wenn sie ihr einen Possen spielen konnte, so tat sie es. Teils aus Neid auf deren bevorzugte Stellung und teils aus persönlicher Abneigung.
Die Sophie war daher äußerst erstaunt über die ungewohnte Liebenswürdigkeit der andern. „Bist ja heut’ gar amal nett zu mir, Kathl!“ meinte sie scherzend. „Wo muß i denn das hinschreiben?“
„Von mir aus, wohin du willst!“ erwiderte die andere schnippisch. Sie trug einige Biergläser in der Hand und stieß im Vorbeigehen mit Absicht an die Sophie an, so daß ihr der braune Saft über die blendend weiße Schürze spritzte.
„Macht nix!“ sagte die Sophie scherzhaft. „Bin jung g’nug. Das kann i schon aushalten!“
Dabei zeigte sie im Lachen die zwei Reihen großer, schöner, weißer Zähne, die in dem braunen, gesund geröteten Gesicht den Eindruck kräftigster Lebensfrische nur noch erhöhen halfen. Die Sophie wollte darauf anspielen, daß die Kathl sich schon den Dreißigern näherte, während sie selber ja noch in der ersten Blüte der Zwanziger stand.
Mit flinken Schritten lief sie dann ins Herrenstübel. „Ja, Herr Altwirth und der Herr Doktor!“ machte sie erstaunt und hielt den beiden die Hand zum Gruße hin. „Was ist denn das, daß Sie schon da sind so zeitlich?“
Die Sitzungen im Herrenstübel gingen immer erst vielspäter an. Vor sieben Uhr war noch wenig Leben in der Bude.
Ein feines Rot bedeckte das zarte Gesicht von Felix Altwirth, als er zu dem hübschen Mädchen aufsah, das vor ihm stand und ihn forschend anschaute. Seine großen, etwas träumerischen blauen Augen leuchteten auf. Es tat ihm wohl, ihr frisches, teilnehmendes Gesicht zu sehen.
„Ich hab’ Prüfung gemacht, Fräul’n Sophie ...“ sagte er dann zögernd.
„Ja ... und?“ Er glaubte etwas wie eine geheime Sorge in dem Klang ihrer Stimme zu vernehmen. „Wie ist’s denn ausgangen?“
„Wie die frühere auch. Durchgefallen!“ Der junge sprach es leise, kaum hörbar. Seine Stimme verschleierte sich, als habe er mit aufsteigenden Tränen zu kämpfen. Er hielt den Kopf tief nach vorne gesenkt, und in seinem weichen Kindergesicht zuckte es gewaltsam.
Sophie hatte mehr Licht gemacht. Der helle Schein fiel auf das blonde, volle Haar des jungen Mannes. Es lag etwas Rührendes in seiner ganzen Haltung. Fast noch etwas knabenhaft Unberührtes.
Wie er so da vor ihr an dem mit einem farbigen Tuch gedeckten viereckigen Tische saß, war es der Sophie, als hätte Felix Altwirth eine Ähnlichkeit mit ihrem toten Brüderchen, dem Karrnerbübel. Und ganz ähnlich, wie sie jenen so oft in seinem kindlichen Leid getröstet hatte, machte sie es nun mit dem durchgefallenen Prüfungskandidaten. Mit der ganz gleichen resoluten Energie, in demselben mütterlich tröstenden Ton sprach sie jetzt zu Felix, wie sie es in ihren frühen Kinderjahren so oft getan hatte.
Sophie Zöttl setzte sich auf die Bank an die Seite des jungen Mannes, ergriff mit warmem Druck seineeisigkalte Hand und hielt sie fest in der ihren. „Und jetzt, jetzt sind’s natürlich recht unglücklich! Statt daß Sie Ihnen freuen täten, daß Sie kein so langweiliger Beamter zu werden brauchen. Gelten’s? Und möchten wohl am liebsten gleich in Inn eini springen, ha? Und stellen Ihnen vor, wie schön ’s wär’, wenn man an jedem Ersten sein schäbiges G’haltel einstecken könnt’, wie man vertrocknen dürft’ vor lauter Aktenstaub. Und dann hinaus kommen tät’ aufs Land als k. k. Bezirksrichter. Ja, ja!“ nickte sie mit einem komisch ernsten Gesicht, als Felix sie unterbrechen wollte. „Es ist schon so, wie ich sag’! Und wenn man dann am Land draußen den großen Herrn spielen könnt’ ... und wenn man dann alt und katzgrau und so schäbig ist, daß si’ g’wiß koa Madel mehr nach einem umdreht, da darf man wieder in die Stadt z’ruck. Da kriegt man an schönen G’halt und bildet sich an Batzen drauf ein. Stackelt umanander, recht breit und recht behäbig, Bauch voran und die Füß’ auseinander, daß ja a anderer Mensch koan Platz mehr hat, da wo man selber geht. Denn am Land draußen, da hat man’s erst begriffen, daß man wer ist, und da bildet man sich nacher aa was ein drauf, weil man sonst nix hat, auf was man sich was einbilden könnt’. Ja, ja ... mei’ Lieber, so ist’s! Und das möchten Sie werden, akrat das? Aber z’schad sein Sie für so eppas, sag’ i Ihnen, viel z’schad dazu! Grad recht ist’s, daß Sie durchg’fallen sein. Justament recht ist’s, und mi g’freut’s. Jatz muß die Apothekerin nachgeben, ob sie will oder nit! Gelten’s, Herr Doktor?“
Felix Altwirth hatte bei dem Redeschwall des jungen Mädchens unwillkürlich lachen müssen. Sie hatte das alles mit so viel Entschlossenheit und drolliger Urwüchsigkeit gesagt, daß es ihn erheitern mußte.
Ein gutes Korn Wahrheit steckte ja in dem allen, was sie sagte. Diese ganze Schilderung des alternden Beamtenhatte er sich oft genug selbst gemacht, und mit Schaudern hatte er sich vorgestellt, wie wohl sein ganzes Leben da draußen am Land mitten unter den Bauern sich gestalten würde.
Vielleicht hatte die Sophie doch recht. Vielleicht war’s trotz allem nicht gar so schlimm, daß er durchgefallen war. Vielleicht durfte er nun doch sein Leben ... Ja, wenn nur die Tante und der Onkel nicht wären und seine Mutter. Seine Mutter ... die wußte ja noch gar nichts, wie’s um ihn stand.
Bei diesen Erwägungen machte Felix Altwirth ein recht trauriges Gesicht und unterdrückte nur mit Mühe einen Seufzer.
Auch Max Storf dachte an die Verwandten seines Freundes und sagte ziemlich mutlos: „Das stellen’s Ihnen doch leichter vor, als es ist, Fräul’n Sophie. Die Frau Apotheker ...“
„Ach was, die Frau Apotheker! Die nimm einfach i mir z’leihen. Der sag’s einfach i. Die kommt ohnedies heut’ auf d’Nacht her. Da kommt’s mir grad recht. Da red’ i damit!“ meinte die Sophie resolut.
Mit einem jähen Ruck war Felix Altwirth von seinem Sitz emporgeschnellt. „Was? Die Tant’ kommt? Ja da muß i gleich ...“ Und mit Blitzeseile hatte er nach seinem Hut und nach seinem Überzieher gelangt, um sich vor der ihm drohenden Gefahr zu flüchten.
Lachend hielt ihn Max Storf mit beiden Händen an den Schultern fest. „Ob du dableibst oder nit, du Hasenfuß! Vor einem Weib davon laufen, schämst di nit?“
„Nein, ich schäm’ mich nit! Bleib du und red’ mit ihr, wenn du die Schneid’ hast!“ Felix Altwirth mußte jetzt über sich selber lachen.
Die Erinnerung an seine Tante bewirkte, daß sich sein Humor entschieden besserte. Es war eine Art komischer Furcht, die er vor seiner Tante hatte. Er wußte, daßdiese Frau allein sein Schicksal in Händen trug. Diese Frau, der gegenüber er sich stets wie auf einem Vulkan befand. Keinen Augenblick fühlte er sich davor sicher, mit ihr ernstlich zusammen zu krachen.
Ihre bornierte Anmaßung, die Beschränktheit ihrer Lebensauffassung und ihre ungeheure Gönnermiene hatten ihn von jeher schon so gereizt, daß er es stets vorzog, mit dem Onkel zu verhandeln ohne Beisein von dessen Frau. Hauptsächlich aus diesem Grunde war er ursprünglich Stammgast beim Weißen Hahn geworden. Bis dann später ein neuer Anziehungspunkt hinzukam, der ihn dort fesselte. Das war seine heimliche Verehrung für Sophie Zöttl.
„Ich bleib’ schon!“ sagte der junge Arzt. „Und ich red’ auch mit ihr. Aber nit heut’, sondern erst morgen. Also heut’ ist wieder Damenabend?“ erkundigte er sich dann bei der Sophie. „Wer kommt denn alles?“
„Na also amal die Frau Apothekerin Tiefenbrunner, dann die Frau Patscheider, die Frau Direktor Robler, die Frau Professor Haidacher, die Frau Baurat Goldrainer und ihre Schwester ...“
Felix Altwirth hielt sich mit komischem Entsetzen die Ohren zu. „Um Gotteswillen hören’s auf, Fräul’n Sophie! Da wird einem ja ganz damisch bei die vielen Leut’. Da geh’ ich lieber!“
„Aber Sie wohl nit, Herr Doktor, hm?“ fragte Sophie mit schnippischer Anzüglichkeit.
„Nein, ich nit, ich bleib’!“ erwiderte der junge Arzt fest, aber doch mit einiger Verlegenheit in seinem Gesicht.
Die Sophie wußte es ganz genau, daß sich Doktor Max Storf nun schon seit einiger Zeit für Fräulein Hedwig Eisenschmied, die Schwester der Frau Baurat Goldrainer, interessierte. Daß der junge Arzt so bald schon seine Aufmerksamkeiten gegen sie auf eine andere übertragen hatte, das kränkte ihre weibliche Eitelkeit.
Sophie Zöttl war in gewisser Beziehung ein sehr verwöhntes Mädchen geworden und verlangte es, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß ihr sämtliche männliche Mitglieder der Stammtischgesellschaft huldigten. Sie hatte mit dem jungen Arzt ihr Spiel getrieben. Sie hatte mit ihm kokettiert, wie sie mit jedem kokettierte. Aber nicht lange. Max Storf eignete sich nicht, der Sklave eines Weibes zu werden oder sie in scheuer Anbetung zu verehren, wie sein Freund dies tat.
Der junge Arzt hatte sich eine warme Verehrung für die reine Frau bewahrt. Daß Sophie noch zu den reinen Frauen gehörte, das fühlte er. Er hatte keine Ahnung von ihrer eigentlichen Abkunft und hielt sie für ein Bauernmädchen aus dem Unterinntal.
Max Storf war Menschenkenner genug, um es zu wissen, daß ein wildes, ungezügeltes Temperament unter der scheinbar gleichgültigen Art des jungen Mädels lauerte. Ein Temperament, das er sich scheute zu wecken, das ihm für ein loses Spiel zu gefährlich schien und für ein ernstes Glück zu ruhelos und wild.
In Fräulein Hedwig Eisenschmied glaubte er das Mädchen gefunden zu haben, das ihm für ein dauerndes Glück sichere Bürgschaft bieten konnte.
Sophie bemerkte sofort den Umschwung in seinen Gefühlen. Da sie ihn nicht liebte, berührte es sie innerlich nur wenig. Einzig und allein gekränkte Eitelkeit war es, die sie veranlaßte, dem jungen Arzt schnippische und anzügliche Reden zu geben. Doktor Storf war kein Neuling in der Beurteilung und Behandlung der Frauen, und sein Takt, auch in diesem Falle, erregte die geheime Bewunderung von Felix ...
Es war schon beinahe halb acht Uhr abends, als Felix Altwirth das Stammlokal beim Weißen Hahn verließ. Gerade noch rechtzeitig, ehe er mit dem ersten der abendlichen Gäste im Hausflur zusammentraf.
Langsam schlenderte Felix die Anlagen des rechtsseitigen Innufers entlang. Er hatte den dunklen Hut tief in die Stirn gedrückt. Den Rockkragen des hellen Überziehers hatte er aufgestülpt und die beiden Hände in die weiten Taschen vergraben. So ging er mit lässigen Schritten seines Weges, ohne jemand zu beachten. Er kam noch immer früh genug nach Hause. Es eilte ihm gar nicht. Den bittern Reden und Vorwürfen seiner Mutter würde er ja doch nicht entgehen. Daß sie damit nicht sparen würde, das wußte er.
So nahe sich Mutter und Sohn in früheren Jahren gestanden waren, so tief war die Kluft zwischen ihnen geworden. Unüberbrückbar erschien sie dem Sohn. Wenn er nur fort könnte! Fort von hier ... weit fort!
In der Dunkelheit der Nacht bauten sich ihm die Berge der Nordkette auf wie die Riesenmauern eines Gefängnisses. Hoch, mächtig und erdrückend schwer. Da war kein Ausweg für Felix. Fast schien es ihm, als sei das gigantische Gebirge in seiner trotzig herben Unnahbarkeit ein Symbol für ihn.
Kein Ausweg! Sollte er tatsächlich hier in dieser Stadt ein kleines Schicksal zu Ende leben müssen? ...
Am Himmel war kein Stern sichtbar. Stockfinster war die Nacht und regenschwer die Luft. Immer weiter ging Felix Altwirth den Inn entlang ... viele Stunden ... weit hinunter ins breite Inntal. Erst der frühe Morgen brachte ihn heim zu seiner Mutter.
Schlussvignette, Kapitel 6