Sechzehntes Kapitel.
In dem stillen, behaglichen Heim des Apothekers Tiefenbrunner herrschte heute ein reges Leben. Es war nicht oft der Fall, daß Frau Therese Gäste bei sich sah. Nur einmal oder zweimal im Jahr. Da bat sie alle jene Damen zu sich, denen sie eine Einladung schuldete.
Von Zeit zu Zeit kamen die Damen bald bei dieser und bald bei einer andern Bekannten zusammen. Es war immer derselbe Kreis von Damen, und es waren stets die gleichen Meinungen und Lebensauffassungen, die da geäußert wurden. Gute, gesunde Ansichten, allerdings etwas rückständig und spießbürgerlich. Das konnte auch gar nicht anders sein. Neue Elemente hatten so gut wie gar keinen Zutritt in diesem exklusiven Zirkel.
Ab und zu traf man bei der Frau Professor Haidacher eine fremde, unbekannte Dame. Die wirkte dann jedesmal wie eine Erscheinung aus einer andern Welt, die man kaum vom Hörensagen kannte.
Die Professorin war nicht so wählerisch in ihrem Umgang. Sie liebte es, mit neuen Menschen bekannt zu werden und ihre Ansichten kennen zu lernen. Wenn Frau Haidacher einmal eine wirklich nette Frau traf, so führte sie dieselbe gerne in ihrem Bekanntenkreis ein. Meistens waren das die Frauen von Berufskollegen ihres Gatten oder die Offiziersdamen der Garnison.
Frau Haidacher hatte die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, einen freieren und frischeren Zug in ihren Gesellschaftskreis zu bringen. Ein jeder dieser Versuche scheiterte jedoch stets kläglich. Die Damen waren wohl immer artig und freundlich gegen die Fremden, bewahrten aber doch eine so steife Zurückhaltung, daß ein herzlicher Ton unmöglich aufkommen wollte.
So kam es, daß Frau Haidacher gezwungen war,ihren Bekanntenkreis in zwei Teile zu trennen. Der eine bestand aus den Vertreterinnen der alten Familien der Stadt, der andere aus denen der eingewanderten Familien. Diese völlig verschiedenen Elemente einander näher zu bringen, sie gesellschaftlich zu vermischen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie lebten so ganz und gar getrennt voneinander, daß sie sich selbst nach vielen Jahren des gemeinsamen Aufenthaltes kaum dem Namen nach kannten.
Bei Frau Therese Tiefenbrunner war man stets vollkommen sicher, nur ganz intime Bekannte zu treffen. Frauen, von denen man alles haarklein wußte, deren Gesinnung einem genau vertraut war, die zu einem paßten und deren Familien, Väter, Großväter und Urgroßväter Innsbrucker waren und zum Teil eine Rolle in dieser Stadt gespielt hatten.
Es waren die Angehörigen der Patrizierfamilien Innsbrucks, die sich da trafen. Frauen, die stolz waren auf ihre bürgerliche Abkunft und die ihre gesellschaftliche Stellung um keinen Adelstitel vertauscht hätten. Sie waren Bürgerinnen, Töchter altangesehener Familien. Als solche fühlten sie sich, wollten nicht mehr sein und strebten nach keinem auch noch so hoch stehenden Bekanntenkreis. Die Gesinnung dieser Frauen war vererbt, pflanzte sich fort von den Eltern auf die Töchter und wurde von den Männern dieser Frauen bestärkt und genährt.
Ein stolzer Zug von Freiheit und Unabhängigkeit lebte in diesen Männern. Sie waren Männer, die aufrecht gingen, ohne Strebertum, selbstbewußt, zufrieden und selbstherrlich. Sie alle liebten die alte Stadt am Inn mit ehrlicher, aufrichtiger Begeisterung. Liebten sie, weil es ihre Heimat war, ein deutsches, berggekröntes Juwel, wie ein zweites wohl nicht mehr zu finden war. Und sie hielten diese Stadt hoch, ehrten sie und vertraten ihre Interessen nach bestem Wissen und Gewissen.
Diese starke Gesinnung der Männer spiegelte sich wider in der Art der Frauen. Da gab es keine unter ihnen, die auch nur das leiseste Verlangen gehabt hätte, aus ihrem Kreis herauszukommen. Sie waren zufrieden miteinander, klatschten manchesmal ein wenig unter sich und belächelten mit Nachsicht ihre Schwächen und Eigenheiten. Aber sie hielten fest und unerschütterlich zusammen und duldeten kein Eindringen eines fremden Elementes.
Wenn Frau Therese Tiefenbrunner eine Einladung gab, dann verursachte das jedesmal eine kleine Umwälzung in ihrem Hausstand. Die Tiefenbrunners hatten eine altmodische, aber recht gemütliche Wohnung am Innrain. Die Zimmer waren klein und für große Gesellschaften nicht geeignet. Da aber Frau Tiefenbrunner den Ehrgeiz besaß, genau so viele Damen auf einmal bei sich zu sehen, wie das die andern taten, so mußte jedesmal eine Umgestaltung ihrer Wohnräume stattfinden.
Da wurde gerückt und geändert, und die Möbel wurden umgestellt, bis der nötige Platz für so viele Menschen gefunden war. Alle die überflüssigen kleinen Gegenstände, die Tischchen, Truhen, Blumenständer und Vogelkäfige, welche die Zimmer so behaglich erscheinen ließen, mußten weichen, um nur der notwendigsten Einrichtung Platz zu machen.
Trotzdem waren die Damen so eng aneinander gepfercht wie die Sardinen in der Büchse. Sie unterhielten sich aber ganz vortrefflich, schwatzten und lachten miteinander, tranken Tee oder Kaffee und verzehrten den herrlichen Kuchen, den die Apothekerin selbst gebacken hatte.
Ungefähr zwanzig Damen hatte Frau Tiefenbrunner zu sich gebeten. Sie saßen alle um einen großen runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Und vor ihnen lagen wahre Berge der verschiedensten Bäckereienund delikaten Brötchen. Auf dem Büfett, das in seinem behaglichen Ausbau fast eine ganze Wand einnahm, standen große verkorkte Flaschen neben fein geschliffenen Weinkelchen und harrten geduldig des Augenblicks, in dem sie zur Erhöhung der allgemeinen Stimmung beitragen durften.
Ein fröhliches Plaudern und Lachen erfüllte den nicht sehr hohen viereckigen Raum des Zimmers. Wenn die Damen unter sich waren, dann konnten sie fast ausgelassen lustig sein, und von der ihnen sonst eigenen steifen Zurückhaltung war nichts mehr zu bemerken.
Frau Therese Tiefenbrunner strahlte vor innerer Zufriedenheit. Sie war froh, wenn es ihren Gästen gut bei ihr gefiel und diese den dargebotenen Genüssen nach Herzenslust zusprachen. Immer wieder bot sie den Damen an und nötigte sie mit etwas ungeschickter Aufdringlichkeit zum Essen und Trinken.
„Aber so essen’s doch! Nehmen’s doch, Frau Patscheider!“ Die Apothekerin hielt der Frau Patscheider, die neben ihr saß, eine große Platte belegter Brötchen hin. Das Dienstmädchen hatte sie gerade wieder neu gefüllt auf den Tisch gestellt.
„Ich bitt’ Ihnen, Frau Tiefenbrunner,“ lachte die Frau Patscheider, „ich kann ja schon bald nimmer schnaufen vor lauter Essen!“ Und sie biß herzhaft mit ihren gesunden weißen Zähnen ein großes Stück von dem Kuchen herunter, den sie in der Hand hielt.
„Kochen kann sie, unsre Apothekerin! Das muß man ihr lassen!“ rühmte die Frau Direktor Robler. „Nirgends in der ganzen Stadt kriegt man so einen guten Kuchen zu essen.“
„Und die Bröterln! Die erst!“ sagte die Frau Professor Haidacher und nickte der Apothekerin lustig zu. „So was Feins! Ich halt’ mich am liebsten bei die Bröterln auf. Her damit!“ kommandierte sie heiter.Die Apothekerin reichte ihr dienstbeflissen die Platte über den Tisch.
Zur Feier des Tages hatte Frau Tiefenbrunner ein schwarzes Kleid von ganz besonders schwerer Seide angezogen und sah darin sehr vorteilhaft aus. Es war merkwürdig mit Frau Therese Tiefenbrunner. Die Zeit vermochte ihr nichts anzuhaben. Blieb bei ihr stehen und ließ sie aussehen wie vor zehn Jahren.
Die Frau Baurat stellte innerlich diesen Vergleich an und war der Apothekerin fast etwas neidisch. Frau Tiefenbrunner war ja niemals eine schöne Frau gewesen. Sie war stets robust und von derber Gesundheit gewesen. Eine einfache, simple Frau, die sich immer gleich blieb und an deren Äußerem das Alter keine Verheerung anrichten konnte.
Frau Goldrainer gestand es sich ein, daß sie froh gewesen wäre, wenn sie sich wenigstens noch einen Schimmer ihres einstigen blühenden Aussehens mit in das Alter gerettet hätte. Aber das lag wohl nicht in ihrer Familie, beruhigte sie sich dann selbst. Die alterten alle rasch. Auch ihre Schwester, die Frau Doktor Storf, war eine schon vor der Zeit gealterte Frau geworden. Kein Mensch hätte geglaubt, daß diese blasse, verfallene, kleine Frau kaum Mitte dreißig zählte.
Frau Hedwig Storf war seit einiger Zeit bedeutend ruhiger geworden. Ihre Schwester bemerkte es mit Befriedigung, und sie kannte auch die Ursache dieser Besserung. Doktor Storf hatte seine Beziehungen zu Sophie Rapp nun vollständig aufgegeben, und die Frau des Rechtsanwaltes schien jetzt tatsächlich nur mehr für den Maler Altwirth zu schwärmen. Der Gedanke an Felix Altwirth war es bei der Frau Baurat, der sie die Rede auf den Maler bringen ließ.
„Da fallt mir grad’ ein, Frau Patscheider,“ sagte dieFrau Baurat, „Sie haben Ihnen ja gar noch nit einmal von dem Altwirth malen lassen!“
„Ich? Was fallt denn Ihnen ein!“ rief die Frau Patscheider entsetzt. „Da tät’ mir mein Mann schön kommen!“
„So? Warum denn?“ forschte die Baurätin neugierig.
„Mein Mann halt nix von dem Altwirth seiner Malerei!“ erwiderte die Patscheiderin ausweichend.
„Konsequent liebe ich den Mann!“ spottete Frau Haidacher mit lustigem Hohn.
„Aber Felix Altwirth ist ein großer Künstler!“ versuchte Hedwig Storf mit schüchterner Stimme den Freund ihres Gatten zu verteidigen. „Er hat jetzt so schöne große Bilder ausg’stellt!“
„Haben Sie die Ausstellung g’sehen?“ wandte sich die Frau Patscheider nicht ohne Bosheit an die Apothekerin.
„Nein!“ sagte Frau Tiefenbrunner mit Würde. „Wenn ich einmal mit einem Menschen fertig bin, dann bin ich fertig! Dann gehe ich auch nicht hin und beseh’ mir seine Kunstwerke.“ Das Wort „Kunstwerke“ betonte die Apothekerin doch nicht ganz ohne Stolz.
„Sie haben auch nix versäumt, Frau Tiefenbrunner!“ tröstete sie die Patscheiderin. „Mein Mann sagt ...“
„Aber,“ fiel ihr Frau Storf jetzt resolut ins Wort, „die Kritik ist doch ganz begeistert von den Werken!“
„Hm! Die Zeitungen!“ machte Frau Robler verächtlich. „Was die sagen, da kann man sich auch nicht darnach richten.“
„O ja!“ kam nun die Baurätin ihrer Schwester zu Hilfe. „Da muß ich schon bitten. Dazu ist die Kritik da, und die versteht’s auch!“ sagte sie mit einer Schärfe im Ton, die keinen Widerspruch zuließ.
„Die Hauptsache ist,“ stellte die Professorin fest, „daß der Altwirth jetzt ein Heidengeld verdient. Drei Bilder sollen ja schon wieder verkauft sein von der Ausstellung. Und die ist ja erst seit einer Woche.“
„Was das betrifft,“ meinte nun die Apothekerin, „so ist meinem Neffen, dem Maler Altwirth, dieser Erfolg schon zu vergönnen. Es kommt halt doch immer als das heraus, als was ich es gesagt habe ...“ behauptete Frau Tiefenbrunner mit bescheidener Würde. „Und ich hab’ immer gesagt zu meinem Mann ... Simon, hab’ ich gesagt, wirst sehen, unser Felix wird noch ein großer Künstler werden. Und der Simon hat mir auch geglaubt!“ versicherte die Apothekerin.
„Ich hätt’ ihm auch nit anders g’raten, dem Siemanndl!“ flüsterte die Professorin ihrer Nachbarin boshaft ins Ohr und stieß sie leise an, so daß diese vor unterdrücktem Lachen einen leichten Hustenanfall bekam.
Frau Tiefenbrunner sah mit vorwurfsvollem Blick in dem Kreis der Damen herum, die ihr jetzt alle aufmerksam zuhörten. „Es hat da in Innsbruck Leute gegeben,“ fuhr sie in ihrer langsamen Redeweise fort, „die für die Kunst des Felix Altwirth kein richtiges Verständnis haben aufbringen können. Aber das hat nix geschadet, wie Sie sehen, meine Damen!“ meinte die Apothekerin mit nachsichtigem Lächeln. „Und was ein Künstler ist, das bleibt halt eben ein Künstler!“ fügte sie weise hinzu.
„Besonders wenn sich eine Frau Doktor Rapp für so eine Kunst zu interessieren anfangt!“ sagte Frau Patscheider boshaft. Sie fühlte, daß die Apothekerin darauf ausging, ihren Gatten in den Augen der Damen herabzusetzen.
Frau Therese Tiefenbrunner parierte den Hieb. „Was das anbetrifft,“ fing sie langsam und gemächlich an, „so muß ich da schon sagen, daß ich es nicht unschön finden kann, wenn eine Dame ...“
„Dame!“ höhnte die Patscheiderin.
„Alsdann eine Frau,“ verbesserte die Apothekerin, „sich für einen Künstler und seine Kunst begeistern tut!“ FrauTherese Tiefenbrunner sah forschend in dem Kreise der Damen herum, um den Eindruck zu ergründen, den ihre Rede hervorgerufen hatte.
„Begeistern!“ machte die Patscheiderin. „Die und sich für die Kunst begeistern! Verliebt ist sie, und überg’schnappt ist sie, das närrische Weibsbild! Vor lauter Lieb’!“
Die Damen lachten hellauf. Sie gönnten es der Tiefenbrunnerin, daß die Patscheiderin sie so abfahren ließ. Sie kannten ja alle den Gesinnungswechsel der Apothekerin und wußten, daß sie jetzt, da der Erfolg für Felix Altwirth sprach, sich wieder zu ihm bekannte.
„Was glauben’s, was der jetzt eing’fallen ist!“ Die Patscheiderin machte ein hochwichtiges Gesicht. „Jetzt rennt das Weibsbild mei’m Mann nach.Mei’m Mann, sag’ ich Ihnen! Und wissen’s, warum? Weil sie sich einbildet, mein Mann,meinMann ...“ die Patscheiderin wies, so oft sie das Wort „mein“ betonte, mit dem Zeigefinger auf ihren vollen Busen ... „soll dem Felix Altwirth eine Galerie bauen. Natürlich, damit er da drinnen alleweil seine Bildlen aufhängen könnt’!“ sagte sie eifrig. „Aber mein Mann will nix wissen von der Sach’ und sagt, daß der Altwirth spinnt. Und das ist auch a so! Dem fehlt’s im obern Stübel. Ich hab’ schon immer erzählen g’hört, daß alle Maler spinnen. Wird der keine Ausnahm’ machen!“
Die Patscheiderin hatte sich in eine förmliche Aufregung hineingeredet und sah jetzt wie eine Siegerin auf die Runde der Damen, die zum Teil laut aufschrien vor Lachen.
„A Galerie! So was!“ sagte die Frau Robler kopfschüttelnd. „Ja, ja! Unser Herrgott hat halt verschiedene Kostgänger!“ spottete sie dann.
„Wo soll denn die Galerie hinkommen?“ forschte dieBaurätin neugierig. „Daß du davon nichts weißt?“ wandte sie sich vorwurfsvoll an ihre Schwester.
„Die kommt nirgends hin. Verlassen Sie sich drauf!“ erklärte die Frau Patscheider mit Bestimmtheit. „Wenn einmal mein Mann nein sagt, nacher bleibt’s auch dabei!“
Der Apothekerin war die Wendung, welche das Gespräch genommen hatte, entschieden unangenehm. Sie hatte einen ganz roten Kopf bekommen und meinte jetzt zu der Frau Baurat Goldrainer: „Überhaupt tu’ ich nit gerne sprechen von meinem Neffen, dem Maler Altwirth. Seitdem ich mich mit ihm überworfen hab’ ...“
„Ja, sagen’s mir einmal, Frau Tiefenbrunner,“ erkundigte sich die Frau Robler teilnehmend, „hat sie sich denn gar nit entschuldigt bei Ihnen, die Frau Altwirth?“
„Die?“ Frau Therese Tiefenbrunner blähte sich ordentlich auf in dem Bewußtsein schwer gekränkter Würde. „Die ... Wenn mir die da bei der Tür einer kommen tät’ ... wenn ...“
„Ah! Tun’s nit so, Frau Tiefenbrunner!“ lachte die Professorin. „Froh wären’s, wenn sie wieder zu Ihnen käm’ und ...“
„Da tun Sie Ihnen aber doch recht gewaltig täuschen, Frau Professor!“ sagte die Apothekerin jetzt ganz bissig. „Mit der Person will ich nix zu tun haben. Die ist an allem Schuld! Wenn die nit wär’ ...“ Frau Tiefenbrunner verdrehte, als ob sie einen großen Schmerz zu erdulden hätte, die Augen und zog dann ihr weißes Taschentüchlein heraus, um sich damit die ohnedies schon sehr trockenen Augenwinkel noch ein wenig trockener zu reiben.
„Hm!“ machte die Patscheiderin und zuckte verächtlich mit den Achseln. „Ist nit zu neiden, die junge Frau ... mitdemMann!“
Frau Therese Tiefenbrunner wurde jetzt lebendig. Sievergaß die ruhige Würde, die sie für gewöhnlich zur Schau trug, und fuhr die Patscheiderin sprühgiftig an: „Das sag’ ich Ihnen, Frau Patscheider. Mit der brauchen’s kein Mitleid nit zu haben. Das ist so ein hochnasig’s, eingebildetes Ding ...“
„Nein! Das ist nit wahr!“ warf sich die kleine Frau Storf zur Verteidigerin auf. „Frau Altwirth ist eine gute und auch eine gescheite Frau!“ versicherte sie und gab ihrer schüchternen Stimme einen festen Klang. „Die kennen Sie nur nit!“
„Ich will sie auch gar nicht kennen!“ sagte die Apothekerin obstinat. „Und was die Gescheitheit von der anbetrifft, so glaub’ ich kaum, daß sie’s jetzt gelernt hat, wie man ordentliche Kartoffel rösten tut. Der Felix, das können’s mir glauben, der hat auch sein Kreuz mit ihr. Und was für eins!“
Frau Tiefenbrunner seufzte schwer und laut hörbar, als sie von dem Hauskreuz des Felix Altwirth sprach. „Überall fehlt’s da in der Wirtschaft!“ erzählte sie weiter. „Was ich da überall hab’ nachschauen müssen! Nit glauben täten Sie mir’s, wenn ich’s Ihnen auch erzählen tät’. Keine Knöpf’ in die Hosen, Löcher in die Strümpf’ ... so große!“ Frau Tiefenbrunner beschrieb mit beiden Händen einen Kreis, der beiläufig den Umfang eines Suppentellers hatte. „Dann, wenn ich zu ihr kommen bin und bei die Pfanndeln in der Küch’ nachg’schaut hab’ ...“ Frau Tiefenbrunner machte jetzt noch nachträglich ein ganz entgeistertes Gesicht vor lauter Entsetzen. „Wenn Sie die Pfannen g’sehen hätten, Frau Patscheider ...“ wandte sie sich nun mit ihrer Erzählung an diese, „wie die ausg’schaut haben! So was täten Sie nit für möglich halten. Innen drein, da waren’s geputzt, als wenn a Katz oder a Hunderl sie ausg’leckt hätt’. Aber ausg’waschen haben die nit ausg’schaut, sag’ ich Ihnen. Und außen erst!“ Frau Tiefenbrunner schlugdie Hände über dem Kopf zusammen. „Kohlrabenschwarz sein die g’wesen! Rußig und dreckig und ...“
„Ja mei!“ Die Patscheiderin zuckte sehr geringschätzig die Achseln und tat sehr wissend. „Das beweist noch gar nix!“ sagte sie, die Apothekerin in ihrem Wortschwall unterbrechend. „Gar nix, sag’ ich Ihnen! Deshalb kann die Frau Altwirth doch a g’scheite Frau sein, wie die Frau Doktor Storf behauptet.“
„Das mein’ ich auch!“ stimmte die Baurätin bei. „Und daß es ihr Mann so treibt mit der Frau Rapp, das find’ ich einfach eine Gemeinheit!“
„Und ich kann Ihnen sagen, Frau Baurätin,“ widersprach jetzt die Apothekerin, „daß mich in meinem ganzen Leben noch nie etwas so gefreut hat, als wie mir das vom Felix und der Sophie zu Ohren gekommen ist. Das g’schieht dem Weibsbild, der Adele, vollkommen recht! Der Simon hat’s auch g’sagt!“ fügte sie zur Bekräftigung ihrer Ansicht hinzu.
„Sie, Frau Tiefenbrunner,“ ergriff nun die Professorin das Wort, „jetzt will einmal ich Ihnen etwas sagen! Sind Sie in Ihrem Zorn und Haß nit so ungerecht gegen die junge Frau! Ich kenn’ die Frau Altwirth so wenig, daß ich eigentlich nit reden kann über sie. Aber es g’fällt mir vieles an ihr, was ich hab’ beobachten können.“
„Ja, mir auch!“ stimmte die Patscheiderin eifrig bei. Sie freute sich, daß sie die Apothekerin ärgern konnte mit ihrem Lob über die Frau des Malers. „Und wenn sie nit gerade die Frau vom Felix Altwirth wär’, dann hätt’ mein Mann nix dagegen, daß ich mit ihr verkehren tät’. So gut g’fallt sie mir!“ behauptete sie.
„Was hat denn Ihr Mann gegen den Altwirth einzuwenden?“ forschte die Professorin erstaunt.
„Es ist doch auch ein Innsbrucker!“ sagte die Frau Robler.
„Natürlich!“ stimmte die Baurätin bei. „Da kann manschon verkehren damit! Man weiß ja, wo er her ist!“ beruhigte sie dann selber ihr Gewissen.
„Mein Mann halt nix vom Altwirth seiner Malerei!“ sagte die Patscheiderin hochfahrend. „Das hab’ ich Ihnen schon g’sagt. Und deshalb will er auch nix weiter zu tun haben mit ihm!“ erklärte sie im bestimmten Ton.
Es trat für einen Augenblick Schweigen ein in der Gesellschaft. Die Apothekerin ärgerte sich innerlich so wütend, daß sie in ihrer Aufregung eine Schale Kaffee nach der andern hinunterstürzte. Sie wußte gar nicht, daß sie es tat, sondern schluckte und schluckte nur immer krampfhaft, bis ein lustiges Lachen der Professorin sie darauf aufmerksam machte.
„Um Gotteswillen, Frau Tiefenbrunner! Sie trinken uns ja den ganzen Kaffee weg!“ rief die Professorin neckisch und zwinkerte der Apothekerin schalkhaft zu. „Krieg’ ich noch ein Schalerl, oder darf ich jetzt einen Wein trinken?“
„Einen Wein natürlich!“ sagte die Apothekerin und erhob sich geschäftig, um dem Dienstmädchen beim Verteilen der Gläser behilflich zu sein.
Die heitere, harmlose Art der Professorin hatte bewirkt, daß Frau Therese ruhiger geworden war. Und nicht ohne Dankbarkeit schenkte sie jetzt der Frau Haidacher als der allerersten von dem guten Tropfen ein. Das war eigentlich gegen das herkömmliche Zeremoniell. Denn da ging’s in solchen Fällen strenge zu, je nach Alter und Rang der einzelnen Damen.
Die Frau Direktor Robler stocherte mit der Gabel nachdenklich in dem Kuchen herum, der vor ihr auf dem Teller lag, und sagte zu ihrer Nachbarin laut, so daß es alle hören konnten: „Der Patscheider ist doch ein recht g’scheiter Mann! Mein Mann sagt’s immer, wenn wir den nit hätten in Innsbruck, nacher wär’s g’fehlt!“ sprach sie anerkennend.
„Ja, das ist wahr!“ bestätigte die Baurätin. „Viel’ haben wir nit wie den Patscheider!“
„Ja, aber der Doktor Rapp ...“ warf die Patscheiderin mit spöttischer Miene ein. „Der ist ja alleweil noch der G’scheiteste!“
„Nein. Jetzt nimmer!“ Die Frau Haidacher schüttelte ernst den Kopf. „Das mit der Sophie hat ihm doch etwas geschadet. Ist’s eigentlich nit wert, das Frauenzimmer!“ fügte sie bedauernd hinzu.
„Wär’ er ledig blieben!“ sagte die Patscheiderin bissig.
Frau Haidacher sah die Frau Patscheider einen Moment scharf an, dann meinte sie ruhig: „Ja ... fürihnwär’s auch besser g’wesen ... Aber für Ihren Mann ist’s besser so, wie’s ist!“
Die Frau Professor Haidacher spielte darauf an, daß der Einfluß und die Macht, die Valentin Rapp einmal in der Stadt besessen hatte, jetzt langsam, aber sicher im Abnehmen begriffen war ... und daß Johannes Patscheider heute mehr als je eine mächtige Stellung innehatte.
Schlussvignette, Kapitel 16