Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Feierlich läuteten die Glocken der Stadt das Christfest ein. In langsamen, getragenen Tönen, mächtig und gewaltig, freudig und traurig zugleich. Denn es gab viel Trauer in den Familien der Stadt. Der Tod hatte Einkehr gehalten in den Mauern und sich seine Opfer unter den jüngsten der Menschenkinder geholt. Mit würgender Hand hatte er gewütet und die kleinen Lieblinge aus den Armen ihrer Mütter gerissen.

Es gab viel Trauer in der Stadt ... Und da, wo noch Lust und Freude herrschten, da lauerte die Angst in den Augen der Mütter, die um das Leben ihrer Kinder bangten.

Weicher Schnee fiel in dichten, großen Flocken sachte zur Erde, vermischte sich mit der unendlichen weißen Decke, die nun schon seit Wochen über das Tal gebreitet war. Eine heilige Stille, die zur Andacht stimmte, lag in der frischen Bergluft. Die kahlen Äste der Bäume seufzten mit leisem Knarren unter der neuen Schneelast und beugten ihre Arme, als wären sie dankbar für die überreiche Himmelsgabe. Wie in einem unermeßlichen weichen Teppich, so lautlos und tief sanken die Tritte der Fußgänger ein. Kein Luftzug bewegte den fallenden Schnee. Kerzengerade und dicht fielen die Flocken vom Himmel.

Mit weit ausholenden Schritten eilte Doktor Max Storf nach Wilten hinauf in die Wohnung der Altwirths. Frau Adele hatte ihn schon am frühen Morgen rufen lassen, da die kleine Dora an hohem Fieber erkrankt zu Bette lag. Mit banger Sorge harrte Adele der Ankunft des Freundes, der sie von der lähmenden Angst befreien sollte.

Als Doktor Storf das Zimmer betrat, saß Adele an dem Bettchen des Kindes und hielt dessen brennendheiße Händchen in ihrer eigenen Hand. Mit kurzem Gruß bot sie dem Arzt ihren Platz an.

„Herr Doktor!“ Sie sah ihm flehend in die Augen. „Sagen Sie mir die Wahrheit! Ist’s Scharlach?“

Der Arzt hatte mit ernster Miene das kleine Mädchen gründlich untersucht. Nun schüttelte er erleichtert den Kopf. „Gott sei Dank, nein!“ sagte er.

„Und? ...“ frug Adele zögernd, „sind auch keine Anzeichen? ...“

„Bis jetzt nicht. Eine heftige Angina!“ konstatierte Doktor Storf. „Ich hoffe, daß es dabei bleibt.“

Adele atmete erlöst auf. „Ich danke Ihnen, Doktor!“ sagte sie herzlich. „Ich hatte solche Angst ...“ gestand sie dann und fuhr dem Kind liebkosend über die glühenden Wangen.

„Dummes Mutti, liebes!“ sagte das kleine Mädchen dankbar. „Immer bangst du dich so! Wenn ich huste oder niese, dann wird gleich der Onkel Storf geholt!“ berichtete sie wichtig.

„Das ist schon recht von der Mama!“ gab Doktor Storf zur Antwort. „Kleine Mädchen machen öfters Dummheiten und erschrecken ihre Eltern durch schwere Krankheiten. Da ist’s gut, wenn der Doktor gleich zu dir kommt, Dora!“ scherzte er.

Die kleine Dora sah ihm mit ihren großen, fieberglänzenden, blauen Augen forschend ins Gesicht. „Du, Onkel Storf,“ fragte sie, „ist Scharlach eine böse Krankheit?“

„Ja, mein Kind! Warum fragst du?“

„Ach, weil die Elsa Müller in unserer Klasse Scharlach hat. Und da sind wir alle so erschrocken, weil wir denken, daß es sehr weh tut!“ erzählte sie bedeutungsvoll.

Die kleine Dora war jetzt schon ein großes Schulmädchen geworden und ging bereits den zweiten Winter zur Schule. Sie war aber noch immer dieselbe liebekleine Plaudertasche wie früher, als Altwirths noch droben bei der Weiherburg hausten.

Nun kam Felix Altwirth ins Zimmer und erkundigte sich besorgt nach dem Befinden des Kindes. Es lag eine gereizte, nervöse Angst in seinem Wesen. Doktor Storf beruhigte ihn.

„Kannst getrost sein, Felix! Kein Grund zu Besorgnissen!“ sagte er.

„Dora! Dorele!“ schmeichelte jetzt der Vater ganz glücklich dem Kinde. „Bist ein rechter Schlingel! Dem Papa solche Angst einjagen!“ schalt er sie im Scherz. „Es sollen ja tatsächlich mehrere Scharlachfälle mit tödlichem Ausgang vorgekommen sein?“ wandte er sich dann zu dem Arzt.

„Leider!“ stimmte Max Storf bei. „Die Krankheit tritt heuer bösartig auf.“

„Am liebsten ließe ich das Kind überhaupt nicht mehr zur Schule gehen!“ sagte Felix Altwirth aufgeregt.

„Oh, Papa! Lieber Papa!“ bat die kleine Dora flehend und sah ihren Vater ganz erschrocken an. Sie hatte sich im Bettchen aufgesetzt und hielt bittend ihre beiden Hände empor. Ihr goldblondes Haar fiel ihr in weichen Locken bis auf die schmalen Schultern herab, so daß sie in dem weißen Nachtkleidchen aussah wie ein lebender kleiner Engel. In ihrem hochroten Gesichtchen zuckte es wie von verhaltenem Weinen. „Wo ich so gern zur Schule gehe!“ bat sie. „Ich will ja gewiß brav sein und ruhig und will achtgeben! Tu mir nur das nicht an!“

Adele und Max Storf beschwichtigten gemeinsam das erregte Kind und versprachen ihm, daß sie gleich wieder zur Schule dürfe, sobald sie erst ganz gesund sei.

„Man muß in solchen Fällen Fatalist sein, Felix!“ sagte der Arzt. „Es bleibt nichts anderes übrig. Die Krankheit ist ja gefährlich und höchst ansteckend. Aberich kenne Fälle, wo ängstlich behütete Kinder ihr zum Opfer fielen. Kinder, die nie mit einem andern Kind in Berührung kamen. Und gerade solche Kinder, scheint es, bieten einen fruchtbaren Keimboden für derartige Krankheiten.“

Solange die kleine Dora krank lag, kam Doktor Storf täglich ins Haus. Mitunter sogar zweimal. Er fühlte es, daß es Frau Adele eine Beruhigung gewährte, wenn er bei dem Kinde Nachschau hielt. So kam er gern. Weniger als Arzt wie als Freund.

Und einmal traf er zufällig mit Frau Sophie Rapp zusammen. Es war eine flüchtige Begegnung in dem geräumigen Vorhaus der Altwirths. Adele geleitete den Freund bis an die Tür des Hausganges und plauderte fröhlich und angelegentlich mit ihm. Sie verstanden sich gut, diese beiden und wußten einander immer etwas zu erzählen.

Doktor Storf empfand eine tiefe Verehrung für die Frau seines Freundes, die sich, je näher er sie kennen lernte, immer mehr steigerte und befestigte. Je mehr er in der Seele dieser Frau lesen gelernt hatte, desto deutlicher empfand er es, daß gerade Adelens Wesen und Art die Ergänzung seines eigenen Charakters bildete. Diese ruhige, heitere, sich stets gleich bleibende Art, die von einer großen inneren Ausgeglichenheit zeugte, hatte er sich ja immer ersehnt.

Es war kein leidenschaftliches Aufflackern der Gefühle, das ihn zu Adele drängte. Es war die bewußte Erkenntnis, daß gerade Adele und er selbst in ihren ganzen Anlagen, in ihrem Geschmack und in ihrer Lebensauffassung wie füreinander geschaffen waren.

Mit keinem Wort verriet Doktor Storf sein innerstes Empfinden. Es war eine stumme, warme Huldigung, die er ihr darbrachte und die Adele fühlte und dankbar annahm.

Eine Weichheit des Denkens und Empfindens war über Adele Altwirth gekommen. Und der eisige Ring, der ihr warmes Herz wie ein fester Panzer umklammert hielt, löste sich allmählich. Ihr neu erwachtes Innenleben verschönte sie und machte sie unsagbar glücklich. Adele war ihrem Schicksal dankbar für das, was es ihr bestimmt hatte. Für die echte und ehrliche Freundschaft eines ritterlich denkenden Mannes, an dem sie einen Halt und eine Stütze gefunden hatte.

Mit scharfem, erkennendem Blick durchschaute es Sophie Rapp, wie es mit Adele und Max Storf stand. Es waren nur wenige Augenblicke, die sie die beiden zusammen sah. Aber sie, die Meisterin der Liebe, erkannte es, daß in den Gefühlen der beiden eine Glut schlummerte, die nur des Zufalls bedurfte, um zur Flamme entfacht zu werden.

Es war ein kurzer, scharfer, spöttischer Blick, mit dem sie den Arzt ansah. Dann wandte sie sich in ihrer heiteren Weise ruhig und ungeniert der Künstlersfrau zu.

„Ja, Frau Adele, daß man Ihnen einmal zu Gesicht kriegt!“ neckte sie die junge Frau. „Sonst sind’s ja immer verschwunden. Sperren Ihnen ein wie eine Heilige im Schrein. Aber freilich, wenn man so einen Besuch kriegt!“ Sie deutete neckisch mit dem Finger auf den Arzt. „Dann steigen auch die Heiligen aus ihren Höhen herab!“

Lustig und ausgelassen lachte sie. Wiegte sich, wie es ihre Art war, kokett in den Hüften und betrachtete abwechselnd bald Adele und bald den Doktor.

Max Storf sah verlegen auf Adele, in deren blasse Wangen ein leichtes Rot gestiegen war. Daß Sophie Rapp so resolut und mit so dreisten Händen in das zarte Gewebe ihrer Freundschaft griff, verletzte sie beide. Doktor Storf nahm, so rasch er konnte, Abschied vonden Damen. Sein Gruß klang gezwungen und etwas steif.

Adele wollte Sophie ins Atelier führen, aber Sophie lehnte ab. „Lassen’s mich doch zuerst einmal nachschau’n beim Dorele!“ sagte sie munter. „Es geht ihr besser, hab’ ich g’hört. Und da hab’ ich ihr ein paar Zuckerln mitgebracht. Die möcht’ ich ihr geben.“ Sie enthüllte eine hübsche Bonbonniere, die einen lieblichen Engel darstellte.

„Ach, wie schön!“ sagte Adele. „Der wird die Dora aber freuen!“ Und sie ging voran, um Sophie zu dem kranken Kind zu führen ...

„Jetzt sagen’s mir einmal, Frau Altwirth ...“ fing Sophie plötzlich ganz unvermittelt an, als sie beide wieder aus dem Kinderzimmer getreten waren. „Wie können denn Sie das aushalten? Ich mein’, das mit dem Doktor Storf?“ fragte sie neugierig und sah der blonden Frau forschend ins Gesicht.

„Ich verstehe Sie nicht, Frau Doktor!“ erwiderte Adele abweisend.

„Ah, geh’! Stellen’s Ihnen nit so!“ sagte Sophie. „Sie wissen recht gut, was ich mein’! Ein jed’s Kind kann’s ja sehen, daß der in Ihnen vernarrt ist! Und ... na ja ... ganz gleichgültig ist er Ihnen auch nit! Das hab’ ich schon g’sehen!“

„Doktor Storf ist mein Freund!“ wies Adele Frau Sophie in etwas hochfahrendem Ton zurecht. „Wie Sie dazu kommen, Unrat zu wittern ...“

Nun lachte Sophie hell und lustig auf. „Sie Patscherl, Sie! Wenn ich das tät’, dann wüßt’ ich ja, wie’s steht mit Ihnen. Aber das ist’s ja gerad’, was ich nit begreif’! Diese keusche Zurückhaltung!“ sagte sie in mokantem, pathetischem Ton. „Das hat ja gar keinen Zweck! Wenn er Ihnen g’fallt, so nehmen’s ihn doch!“

Adele war abwechselnd blaß und rot geworden beiden Reden dieser Frau. „Ich denke nicht daran!“ sprach sie energisch und abweisend. „Ich will mich rein halten, nicht der Spielball sein in dem Leben eines Mannes!“

Es lag eine tiefe Härte in ihren Worten. Sie wollte Sophie treffen ... aber sie traf sie nicht.

„Spielball?“ sagte Sophie mit ehrlichem Bedauern. „Wenn Sie das wirklich glauben, dann tun’s mir leid! Sie sind doch keine Klosterfrau und dürfen Ihr Leben genießen! Warum tun Sie’s nit?“

„Weil ich verheiratet bin und meinem Gatten Treue geschworen habe!“ sagte Adele fest.

„Treue?“ Sophie Rapp war auf einmal ernst geworden. „Frau Adele,“ sprach sie, „ist das wirklich der Müh’ wert, daß Sie Ihr ganzes Leben umsonst gelebt haben? Wollen Sie nit lieber ehrlich sein mit sich selber? Treue? ... Wissen Sie überhaupt, was Liebe ist? Glauben Sie nit, daß es Sie einmal reuen wird, daß Sie Ihr Leben vertrauert haben ... einem einzigen leeren Wort zulieb! Nein, Frau Adele, das ist nit recht! Das ist gegen die Natur!“

Adele Altwirth sah mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. Sie konnte nicht gleich die rechten Worte finden zu einer Erwiderung. Auch fühlte sie, daß das, was ihr Sophie Rapp da sagte, ein Körnchen Wahrheit barg.

Diese Lebensanschauung war ihrer eigenen vollständig entgegengesetzt. Sie war brutal egoistisch. Niedrig wollte Adele sie nennen. Aber bei dem bloßen Gedanken an diese Bezeichnung hielt sie inne. War es wirklich niedrig? War es gemein? War es nicht doch die ureigenste Stimme der Natur, die Sophie vertrat?

Vielleicht hatte die Frau da doch recht. Es war vielleicht nur mißverstandene Moral, eine Tugend, die in Wirklichkeit nur Eitelkeit und Feigheit war. Feigheit und Mangel an innerer Kraft, dasjenige auch durchzuführen,das man vor sich selber als sein persönliches Recht erkannt hatte.

Warum sollte nur das allein richtig sein, was durch althergebrachte Gewohnheit als ein Sittengesetz aufgestellt war? Sprachen nicht die vielen Tausende der unglücklichen Ehen gegen dieses Gesetz? Warum sollte der eine verkümmern und der andere in Überfluß schwelgen? Sprach sich nicht die Natur selbst dagegen aus? Und Sophie Rapp? War es wirklich ein so schweres Unrecht, das sie beging, weil sie dem eigenen Trieb folgte?

Sophie Rapp sah den Zwiespalt, der sich in der Seele des jungen Weibes abspielte. Frau Adele erbarmte ihr. Sie hatte ehrliches Mitleid mit der Frau, die so früh aufgehört hatte, Weib zu sein.

Sie dachte nicht daran, daß ja sie selber ihr den Gatten entfremdet hatte. Daß sie es war, die mit leichtsinnigen Händen diese Ehe zertrümmert hatte. Für Sophie galt nur das Recht der Liebe. Sie genoß in vollen Zügen. Warum sollten andere sich zurückhalten und nicht auch ihren Anteil an dem Glück haben?

„Das Leben ist kurz, Frau Altwirth!“ sagte Sophie über eine kleine Weile. „Und hat nit viel Schönes für die Menschen übrig. Wir müssen es uns selber schön machen, so gut es geht.“

„Ist das schön ... wenn ich meine Frauenehre mit Füßen trete?“ frug Adele herb.

Da neigte sich Sophie Rapp ganz nahe zu der blonden, hohen Frauengestalt, die neben ihr stand, und flüsterte ihr leise zu: „Das Schönste im Leben ist das Vergessen in Liebe! Es ist das einzige wahre und echte Gefühl, weil es die Natur gegeben hat. Wer diese Stimme nicht kennt, der hat sein Leben nicht gelebt!“

Adele Altwirth preßte fest die Lippen aufeinander. Ein Sturm von unterdrückter Leidenschaft tobte in ihremInnern. Warum wies sie dieser Frau nicht die Tür? Warum ließ sie es zu, daß sie in einer solchen Sprache mit ihr redete?

„Ich werde nichts bereuen!“ stieß Adele gepreßt hervor. „Ich werde mich nie erniedrigen!“

Sophie Rapp nahm die eisig kalte Hand der jungen Frau zwischen ihre brennend heißen Hände und sagte warm: „Vielleicht denken’s noch einmal anders, Frau Altwirth! Ich hoff’s ... für Ihnen! Aber merken Sie sich’s, wenn man ehrlich liebt ... wissen’s ... so recht heiß und von ganzem Herzen ... dann gibt’s nur ein Verlangen, nur ein Sehnen ... und das, Frau Adele ... das ist dann kein Wegwerfen nit! Das ist Menschenrecht ... weiter nix!“ —

Adele Altwirth stand noch lange, nachdem Sophie von ihr gegangen war, in dem Zimmer ... stand nachdenklich und mit sinnendem Blick da.

Diese Frau mit ihren Reden hatte alles aufgewühlt in ihr. Sie trug die Schuld daran, daß Adele nun viele schlaflose Nächte hatte. Nächte, die sie in heißem Ringen mit sich selber zubrachte, in denen sie mit Macht ankämpfte gegen eine Leidenschaft, zu deren voller Erkenntnis sie durch die Worte der Frau Sophie Rapp gekommen war.

Erst nach vielen Wochen hatte sie ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden, und sie konnte wie zuvor mit derselben unbefangenen Herzlichkeit Max Storf entgegentreten. Adele Altwirth war selig und stolz auf sich selber, daß sie den Sieg über die eigene Natur davongetragen hatte. Sie freute sich darüber wie über ein großes, unerwartetes Glück. Sie genoß dieses Glück, genoß die herzliche Freundschaft und Verehrung des Freundes und liebte ihr Kind, dem sie eine reine Mutter geblieben war, mit noch innigerer Liebe ...

Die kleine Dora war nun wieder ein ganz gesundes,frisches Mäderl geworden. Sie hüpfte herum, munter und heiter, und zwitscherte wie ein loser, übermütiger, kleiner Vogel in seiner goldenen Freiheit.

Der alte Rat Leonhard freute sich ganz besonders über seine lustige kleine Freundin. Seit die Altwirths in Wilten wohnten, hatte der Herr Rat eine kleine Veränderung in den Gepflogenheiten seines Lebens treffen müssen. Jeden Tag, den Gott gab, stand der Rat Leonhard vor den Toren der Schule und wartete geduldig, bis die kleine Dora herausgesprungen kam und mit ausgebreiteten Armen auf ihn zulief.

Daß der Rat Leonhard sie jeden Nachmittag von der Schule abholen müsse, das hatte sie sich von ihm ausgebeten. Sie hätten ja sonst gar nichts mehr voneinander, meinte sie schmollend. Und was die kleine Dora anzuordnen beliebte, das führte der alte Herr aus wie auf einen hohen Befehl.

Er freute sich von Tag zu Tag auf das Zusammentreffen mit dem Kinde und auf den kurzen Weg von der Schule bis zu ihrem Haus. Er freute sich immer auf die lose, schalkhafte Art, wie sie dem Kreis ihrer Mitschülerinnen behend entwischte und ihn dann wie ein junges, aus der Gefangenschaft entlassenes Tierchen ansprang. Mit beiden Armen umhalste sie ihn ungestüm, drehte sich mit ihm übermütig wie ein Kreisel herum und rief immer wieder: „Onkel Rat! Onkel Rat! Lieber, alter Onkel Rat!“

Diese ungestüme Zärtlichkeit bereitete dem alten Junggesellen eine innige Herzensfreude. Er lebte ganz in der Welt des Kindes, kannte ihre Freundinnen und ihre kleinen Gegnerinnen in der Schule. Wußte von ihren Aufgaben und von ihren Lehrerinnen. Alles erzählte sie ihm. Plapperte ununterbrochen, bis sie sich dann vor ihrem Haus trennten. Denn die Wohnung der Altwirths betrat der Rat Leonhard nur höchst selten.Er hatte keinen Wunsch mehr, mit dem Maler Altwirth zusammenzutreffen.

Mit Frau Adele traf er sich im Winter jetzt öfters. Die kleine Dora hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß der Onkel Rat an den schulfreien Tagen mit ihr rodeln gehen müsse. Das tat sie nämlich leidenschaftlich gern. Jauchzte laut auf vor Lust, wenn der Schlitten über die Berghalde sauste. Und da es ihr so sehr gefiel, so glaubte sie, daß es ihrem alten Freund gleichfalls gefallen müsse. Aber trotz Doras Bitten und Betteln war der Rat Leonhard nicht zu bewegen, seine steifen, alten Glieder einer Rodel anzuvertrauen. Er ging mit, um Dora bei ihrer lustigen Schlittenfahrt zu bewundern und sich an ihrer Freude zu ergötzen.

So wanderten die drei, Adele Altwirth mit ihrem Töchterchen und der Rat Leonhard, ganz so, wie sie es in früheren Jahren getan hatten, gemeinsam auf einsame Bergabhänge, von wo dann Adele mit dem Kind hinunterrodelte.

Selig, jauchzend vor Freude und mit ganz blauem Gesichtchen saß das Kind vor der Mutter auf dem Schlitten. Die schneidend kalte Bergluft pfiff ihr um das sorgfältig vermummte Gesicht. Nur die Augen und das Näschen waren unter der dicken, hochroten Samthaube zu sehen.

Die drei durchstreiften jetzt einen andern Teil von der Umgebung der Stadt. Sie gingen jetzt nicht mehr hinauf zur Weiherburg, sondern trieben sich mehr auf der Wiltener Seite herum, nahmen die Richtung gegen Schloß Mentelberg und gegen das Oberinntal zu oder benützten die sachte abfallenden Schneegelände, die von der Brennerstraße herunter zur Stadt führten.

Da oben war es ganz besonders herrlich schön. So frei und weit schien die Welt da zu sein. Und die Nordkette in ihrer stolzen Pracht bedrückte nicht so wie drunten im Tal ...

So ging der Winter dahin. Und dem Winter folgten frühe Ostern, die heuer so zeitlich fielen, daß der Schnee im Tal sich mit Eile daran machte, dem sprossenden, nach Leben drängenden Grün der Wiesen zu weichen.

Das blonde kleine Mädchen der Altwirths freute sich auf den Osterhasen. Freute sich darauf wie noch nie. Immer schwärmte sie von den Osterferien, die nun kommen sollten, und von den weiten Wegen, die sie dann mit dem Onkel Rat machen würde. Überallhin, wo die liebe Sonne so warm und hell schien. Überallhin, wo schöne, frische Blumen wachsen würden, die sie alle, alle pflücken und dann sorgsam pflegen wollte. Sie hatte solche Sehnsucht nach Blumen, die kleine Dora ...

Ostern kam ...

Ein krankes Kind lag in schweren Fieberträumen ... Scharlach ... Es bäumte und wälzte sich auf seinem Lager und konnte kaum zur Ruhe gebracht werden. Und vor ihm kniete Adele in heißer Angst und betete. Sie betete zu Gott, daß er ihr das einzige und letzte Glück ... ihr Kind lassen möge. Sie betete mit Inbrunst wie sie noch nie gebetet hatte im Leben. Sie betete mit dem reinen Glauben ihrer Kindheit und voll Vertrauen ...

Die Tage schlichen dahin in endloser Qual. Einer um den andern ... Stunde um Stunde ... Minute um Minute ...

Adele geizte mit jeder Minute ... rang in ohnmächtiger Verzweiflung mit dem Würger ihres Kindes.

Sie wußte, daß es keine Hilfe gab. Doktor Storf hatte es ihr sagen müssen.

„Doktor ... helfen Sie ... retten Sie ...“ Wie eine Wahnsinnige hatte Adele ihn angefleht, war auf den Knien vor ihm gelegen und hatte seine Hand geküßt. „Doktor ... retten Sie ... ich darf mein Kind nichtverlieren ... Doktor ... es ist das Letzte, was ich habe im Leben!“

Und Doktor Storf war erschüttert davongerannt mit rasend schnellen Schritten. Fort ... fort ... wo er nicht helfen konnte ... fort ... um den Schmerz der geliebten Frau nicht mehr zu sehen. Noch nie war ihm sein Beruf so hart angekommen.

Einsam saß Felix Altwirth in seinem Atelier. Er konnte nicht arbeiten ... Die Angst lähmte ihm sein Denken ... machte ihn stumpf und apathisch. Er konnte nicht zu dem Kind gehen und das Ringen des jungen Lebens mit dem Tode sehen ... Warum mußte das kommen ... warum? ... War es eine Strafe für ihn? ... Aber warum mußte dann sie leiden ... Adele ... die doch schuldlos war?

In dem dämmerigen Zimmer des Kindes herrschte eine lautlose Stille. Die Vorhänge waren heruntergelassen und hielten die letzten Strahlen der scheidenden Sonne ab ...

Drunten auf der Straße, vor den verhüllten Fenstern des Kinderzimmers schlich der alte Rat Leonhard auf und nieder. Ganz traurig und gebeugt ging er, der alte Herr, und hatte gar keine Schrullen mehr. Sein jetzt schneeweißer Kopf war tief gesenkt, und in der Hand hielt der Herr Rat ein winziges Sträußchen der ersten Frühlingsblumen. Er hatte einen weiten Weg machen müssen, um sie zu finden. Es waren Schneeglöckchen und kaum erblühte Schlüsselblumen. Die wollte er seinem Liebling zum Gruße senden.

Sehnsüchtig sah der alte Herr zu den Fenstern empor. Wenn er doch hinauf dürfte ... Nur ein einziges Mal ... nur einmal noch im Leben das Lachen der kleinen Dora hören und ihr ins liebe Gesichtchen schauen ... in die guten, klugen Kinderaugen ...

Den alten Rat fröstelte es ... er stand schon langehier ... sehr lange ... und niemand kam, um ihm die Blumen abzunehmen ... Ob er doch hinaufgehen sollte, um Einlaß bitten? Er hatte es schon öfters vergebens versucht.

Niemand wurde eingelassen. Nicht einmal der Rat Leonhard. Der Arzt hatte strenge Absperrungsmaßregeln angeordnet.

Jetzt fing es schon an zu dunkeln. Und noch immer kam niemand von den Altwirths zu dem alten Herrn herab. Das Dienstmädchen wußte ja, daß er kommen würde ... Warum ließ sie ihn warten? ...

Von den Bäumen des Gartens, an den die Straße grenzte, wo der Rat Leonhard stand, sang eine Amsel ... ein kurzes, einförmig trauriges Lied ... und dann verstummte sie plötzlich. Und wiederum tiefe Stille. Nichts regte sich in der einsamen Straße.

Immer wieder eilte der alte Herr vor dem Haus auf und ab ... Sie mußten doch kommen und ihm von dem Kinde erzählen ... Bald ... Sehr bald ... Es konnte nicht mehr lange dauern ...

Da ... ein langsam verhallender Glockenton ... Sie läuteten zum Avegruß drüben in dem großen Stift zu Wilten.

Dem alten Herrn klang es wie das Läuten einer Totenglocke ...

Warum war das Sterben so schwer ... Warum? Oder war es dem Kinde leicht und erschien nur ihm, dem Alten, so hart?

Der Rat Leonhard bemerkte es gar nicht, daß ihm dicke Tränen über die runzeligen, welken Wangen fielen ... Er lief auf und ab ... immer schneller ... immer ungeduldiger ... rastlos ... und es fror ihn an dem lauen Frühlingsabend ...

In dem Zimmer des sterbenden Kindes war die lautlose Stille gewichen ... Adele hatte mit heißem Schreckendas nahende Ende erkannt. Sie sah es an dem fliegenden Atem des Kindes und hörte es an dem leisen Röcheln ...

Da hatte sie Felix rufen lassen.

In tiefer Bewußtlosigkeit lag das kleine Mädchen da. Sie rührte sich nicht. Gab kein Zeichen ...

Als Felix kam, wurde sie unruhiger ... Und dann mit einem Male schlug sie ihre fieberglänzenden blauen Augen auf. Voll und weit ... Und sah auf Vater und Mutter ... und lächelte ... lächelte so innig und schön, daß Adele glaubte, laut aufschreien zu müssen vor wehem Leid.

„Mutti ...“ sagte das Kind leise.

„Dora ... Dorele ...“ schluchzte Adele.

„Weißt du nimmer das Lied ... das schöne Lied ...“ sagte das Kind drängend.

„Welches Lied ... Dora?“ frug Adele mit zuckenden Lippen.

„Von Blumen und ...“ hauchte das Kind kaum hörbar.

Und dann neigte es sein Köpfchen ... ganz ... ganz wenig ... wie ein müder kleiner Vogel, der sich nach Ruhe sehnt ...

Und als der alte Rat, von banger Sorge getrieben, doch heraufgekommen war ... da legte er den ersten Blumengruß des Frühlings auf die gefalteten Hände des toten Kindes.

Schlussvignette, Kapitel 17


Back to IndexNext