Zweites Kapitel.

Schlussvignette, Kapitel 1

Zweites Kapitel.

Es war schon ziemlich dunkel geworden, als die Ennemoserin mit ihrem Schützling aus der Stadt in der Richtung gegen die Innbrücke ging. Die alte Frau wanderte mit rüstigen, weit ausholenden Schritten und fast schweigend ihren Weg. Neben ihr trippelte die Sophie in ihren Knabenkleidern und ohne Schutz gegen den Regen, den ihr der Wind in das braune Gesichtchen und in die aufgelösten, durchnäßten Haare peitschte.

Das Kind merkte es kaum. Sie sah mit neugierigen, forschenden Augen auf die Ennemoserin. Und dann wieder spähte sie lauernd umher. Besah sich die kleinen, freundlichen Bauernhäuser von Kramsach und malte sich aus, wie viel Schönes es wohl da drinnen zu ergattern gäbe, wenn sie dort einmal bei Gelegenheit einen Besuch abstatten würde. Sie berechnete in aller Geschwindigkeit, wo man in diesem oder in jenem Haus sich wohl am geschicktesten einschleichen könnte. Ob vorne bei der Haustür oder rückwärts über einen Gartenzaun, oder ob eine Kletterpartie durch eines der kleinen, sauber geputzten Fenster sich vielleicht besser verlohnen würde.

So wanderten die beiden, den Talkessel des langgestreckten Dorfes Kramsach durchquerend, hinüber nach dem stillen, welteinsamen Mariathal.

In einer engen Schlucht hart an dem Bach steht die stattliche Kirche mit dem Kloster und einigen Häusern. Brausend durchzieht die Brandenberger Ache das Tal. Hoher Bergwald erhebt sich zur einen Seite des Baches, während knapp hinter dem Gotteshaus ein dichter Buchenwald sachte ansteigend sich viele Stunden den Berg entlang und bis tief hinein ins Brandenbergertal erstreckt. Als ob hier die Welt ein Ende hätte, so still und abgeschieden ist es. Eine eigene Welt, so recht ein Ortfür fromme Frauenherzen, die ihr Leben dem Herrn geweiht haben.

Ein kleines, altes Frauenkloster ist der Kirche angebaut. Von außen sieht es grau und nüchtern und ein wenig baufällig aus. Der Friedhof trennt es von der Kirche, und doch verbindet ein gedeckter Gang das Gotteshaus mit dem Heim der frommen Frauen.

Nur wenige Bewohnerinnen beherbergt das Klösterlein. Einige Schwestern und mehrere kleine Mädchen, die unter dem Schutz der Nonnen erzogen werden sollen. Es wäre auch nicht Platz für viele in dem einstöckigen, langgestreckten Gebäude, das seinen Eingang vom Friedhof aus hat. Gegen den Friedhof führen auch die Fenster des Klosters.

Im Innern des Klosters sind niedere, gewölbte Gänge, alte knarrende Holztreppen und Türen, ausgetretene Dielen, die bei jedem Schritte ächzen und stöhnen, als seien sie es müde, die jahrhundertelange Bürde der Menschen zu tragen. Die Bürde der Menschen, die mit leichten Tritten auf weichen Sohlen fast unhörbar durch die niedern Gänge wandeln oder mit sachten, schlürfenden Füßen müde und verdrossen und doch gottergeben aus den dunkeln Winkelgängen kommen, die zu den einzelnen Zellen führen, um hinüber in die Kirche zu gehen.

Die kleine Sophie sah verwundert zu der Ennemoserin auf, als diese jetzt vor der Pforte haltmachte und mit raschem Griff an der Glocke zog. Der Friedhof, das lange graue Haus mit den vergitterten Fenstern, die in unmittelbarer Nähe emporragende stattliche Kirche, das alles machte auf das Kind einen seltsamen Eindruck.

„Wohnst du da?“ fragte die Sophie die Ennemoserin.

„I nit, aber du darfst dableiben, wenn du brav bist!“

Einen Augenblick war es der Sophie, als ob sie ihre kleine Hand, welche die Ennemoserin ergriffen hatte,gewaltsam losreißen müßte, um davonzulaufen. Weit, weit fort von hier. Fort von dem garstigen Haus und dem unheimlichen Friedhof mit den vielen Kreuzen. Aber da öffnete sich schon von innen die Tür, und eine kleine, dicke Klosterschwester, die ein Kerzenlicht in der fleischigen Hand hielt, erschien im Türrahmen.

„Grüß Gott, Schwester Salesia!“ sagte die Ennemoserin mit ihrer lauten, harten Stimme.

„Ja ... ja ... die Ennemoserin! Grüß Gott, Ennemoserin!“ machte die Schwester. „Ja, was führt denn Ihnen zu uns? Noch so spät auf die Nacht?“ fragte sie verwundert.

Die Schwester Salesia mochte ungefähr sechzig Jahre zählen. Sie hatte ein gutmütiges, freundliches Gesicht und ein paar helle Augen, die so sonnig und strahlend waren, als ob ihre Besitzerin immer beim Lachen wäre. Das runde, rosige, fast faltenlose Gesicht bewirkte, daß sich das Kind sofort zu der Klosterschwester hingezogen fühlte, trotz der Ungewöhnlichkeit der Umgebung und trotz der eigenartigen Klostertracht.

„Um Unterkunft tät’ i halt recht schön bitten!“ sagte die Ennemoserin. „Nit für mi, aber für das Kind da. Ihr sollt es behalten und einen ordentlichen Menschen draus machen!“

Die Ennemoserin war jetzt mit dem Kind in die Halle des Klosters eingetreten. Und die Schwester schob mit kräftiger Hand den Riegel vor die Tür, daß es krachte.

Die kleine Sophie sah sich in dem niedern, gewölbten Raume um, der vom Schein der Kerze und von einer brennenden Ampel matt erleuchtet war.

Eine Vorhalle war es in der Größe eines mittleren Zimmers. Links von der Haustür führte eine breite, etwas steile Holztreppe nach dem obern Stockwerk. Rechts davon zweigte ein langer, dunkler Gang ab. Dem Kinde erschien dieser Gang besonders unheimlich. In seinerlebhaften Phantasie kam es ihm vor, als führe dieser dunkle Gang in einen entsetzlichen Kerker, wo undurchdringliche Finsternis herrschte.

Namenlose Angst überfiel das Kind. Vielleicht war es das erstemal im Leben dieses halbwilden Mädels, daß sie es ernstlich mit der Angst zu tun bekam. Mit großen, erschreckten Augen sah das Kind zu der Klosterschwester auf, die in der einen Hand das Kerzenlicht hielt, während sie ihr mit der andern freien Hand liebkosend die Wangen streichelte.

„Also dableiben möchtest, Mädel?“ frug sie mit einer guten, leicht asthmatischen Stimme. „Ja, sag’ amal, Mädel, wie heißt denn nur?“

„Sophie!“ erwiderte das Kind leise.

„Sophie! Ja, da hast freilich an schönen Namen!“ lobte die Schwester und hüstelte etwas rauh und schwer. „Recht schön. Also Sophie ... Und wie heißt denn nacher noch?“ fragte sie.

Das Kind sah trotzig zu der Klosterschwester auf. „Meine Mutter schreibt sich Zöttl!“ sagte sie laut und mit einem Anflug ihrer gewöhnlichen Frechheit.

„So, so ... mhm! mhm!“ Die Schwester bekam einen richtigen, etwas länger dauernden Hustenanfall. „So, so ...“ machte sie dann schwerfällig und führte die Ennemoserin und deren Schützling durch eine Tür gegenüber der Eingangspforte in ein kleines Wartezimmer.

„Gehen’s einer da, Frau Ennemoser,“ forderte sie auf, „und tuan’s a bissel Platz nehmen! I geh’ grad derweil die Schwester Oberin holen. Es dauert nit lang. I renn’, so g’schwind i kann! Weißt, Sophie ...,“ sagte sie zu dem Kinde und machte ein Gesicht, als ob sie ihr etwas ganz Besonderes mitzuteilen hätte ... „i bin nimmer so jung, wie du bist. Es ist nimmer weit her mit meine Beiner. Und wenn wir zwei Fangen spielen, dann g’winnst du! Glaubst das?“

Das Kind mußte unwillkürlich lachen. Die Schwester hatte so etwas Lustiges: An die konnte man sich gleich gewöhnen.

„Wie heißt denn die?“ frug die Sophie die Ennemoserin, als die Schwester fortgegangen war und die beiden Ankömmlinge in dem kleinen Raum allein gelassen hatte.

„Das ist die Schwester Salesia!“ erklärte die Ennemoserin. „Sie ist a guate Seel’, und prächtig zu brauchen im Kloster. Ist Pförtnerin und Meßnerin und Gärtnerin. Hat no viel zu tuan für ihr Alter.“

Das Kind verstand wenig von den Ämtern der Schwester. Es interessierte sie auch gar nicht weiter. Viel mehr bewunderte sie das Zimmer, in dem sie sich gegenwärtig mit der Ennemoserin befand. Völlig wie in einer Kirche sah es hier drinnen aus. Der Raum war durch eine große Ölampel nur matt erleuchtet. Und dem Kinde war es, als läge ein feiner Duft von Weihrauch in der Luft.

Es war nicht oft der Fall gewesen, daß die kleine Sophie eine Kirche betreten hatte. Karrnerleut’ sind keine Kirchenbesucher. Und die Kinder der fahrenden Leute jagt man davon, wenn man sie in Kirchen erwischt ... wegen der Opferstöcke. Denn es ist oft vorgekommen, daß sie für den Inhalt derselben ein gar zu großes Interesse bezeigten.

Ein paarmal hatte die Neugierde das Karrnerkind doch in eine Kirche getrieben. Ganz heimlich hatte sie sich hineingeschlichen. Sie wußte, daß sie das eigentlich nicht durfte. Und sie wußte, daß Gaudenz Keil es den Kindern streng untersagt hatte, in einer Kirche zu stehlen.

Es hatte ihr gut gefallen in den Kirchen, und sie wäre am liebsten überall herumgegangen, um sich alles ganz genau zu besehen. Aber das wagte sie doch nicht recht. Man hätte sie dabei erwischen können und davonjagenoder gar einsperren. Wenn sie hundertmal nicht die Absicht gehabt hätte, zu stehlen. Einem Karrnerkind glaubt man nicht. Das wußte sie.

So besah sie sich denn die Kirchen von einem ganz verborgenen Winkel in der Nähe des Eingangs, so daß sie zu jeder Zeit behende die Flucht ergreifen konnte, falls man sie entdeckte.

Es gefiel ihr in den Kirchen. Der hohe, freie Raum, die großen farbigen Fenster mit ihren Glasmalereien, die vielen Bilder und Statuen, die glänzenden Leuchter, der Geruch der Blumen, des Weihrauchs und der verlöschten Wachskerzen übten auf die Sinne des Kindes einen ungewöhnlich feierlichen Eindruck aus.

Und feierlich wie in der Kirche erschien es dem Kinde auch hier in der kleinen Wartestube des Klosters.

Die Ennemoserin hatte sich breit auf einen der hochlehnigen Polsterstühle gesetzt. Aufrecht, steif und kerzengerade saß sie da, wie eine hölzerne Statue. Die Sophie saß neben ihr, am Rande des Stuhles, wie ein Vogel auf einem Sprießlein seines Käfigs.

Mit klugen Augen schaute das Kind neugierig umher. Die beiden sprachen jetzt kein Wort mehr miteinander. Bis die Schwester Oberin kam in Begleitung der Schwester Salesia. Die Pförtnerin hielt nun statt der Kerze eine große Stehlampe in der Hand, die sie auf den ovalen Tisch in der Mitte des Zimmers stellte.

Die Oberin war eine hohe, schlank gewachsene Frau. Nicht mehr ganz jung. Aber mit einem gesunden, runden Bauerngesicht, eckigen Bewegungen und mit Augen, die nicht recht zu ihrer sonstigen Erscheinung paßten. Es waren helle, scharfe Augen. Augen, die einen klaren, wissenden Blick hatten, energisch und selbstbewußt schauten, und dann wieder demütig und unentschlossen. Die Schwester Oberin hielt ihre Augen meistens gesenkt und hatte die Hände wie zum Gebetfromm ineinander gefaltet, als befände sie sich im steten Zwiegespräch mit ihrem Gott.

Die Ennemoserin erhob sich, als die Oberin eintrat, und hieß auch das Kind aufstehen.

„Gelobt sei Jesus Christus!“ grüßte die Oberin mit leiser, sanfter Stimme, die in einem seltsamen Gegensatz zu ihrer derben Erscheinung war. Dann gab sie der Ennemoserin die Hand und bat sie, Platz zu nehmen. Die Sophie setzte sich ungebeten. Baumelte mit den Füßen und besah sich jetzt im hellen Lampenschein ihre Umgebung.

Freundlich und sauber schaute es in dem Wartezimmer aus. Für Sophies Geschmack zu sauber. Denn hier drinnen war alles hell und weiß. Weiß die Vorhänge an den beiden Fenstern und weiß die Überzüge der Polsterstühle. Weiß die gehäkelte Decke, die auf dem ovalen Tisch lag. Und weiß die kleinen Schutzdeckchen, die an die Lehnen des grünen Sofas geheftet waren. Auch die Hauben der beiden Klosterfrauen waren weiß.

Es war das erstemal in ihrem Leben, daß die Sophie eine Klosterfrau in unmittelbarer Nähe betrachten konnte. Ab und zu hatte sie ja auf ihren Streifwegen eine solche begegnet. Sie war ihr aber immer in weitem Bogen ausgewichen. Die großen weißen Hauben mit den dreieckigen Flügeln kamen ihr so unsagbar häßlich vor, daß sie dieselben gar nicht näher anschauen mochte. Noch eine Art Nonnen kannte das Kind. Das waren solche mit langen schwarzen Tüchern, die ihnen nach rückwärts vom Kopfe hingen, während das Gesicht nur durch ein weißes Stirnband abgeschlossen wurde. Diese gefielen ihr schon weit besser. Allerdings hatte sie auch vor ihnen eine eigene Scheu und wich ihnen aus, wo sie nur konnte.

Mit einer Nonne gesprochen hatte die Sophie noch nie im Leben. Und jetzt hatte sie mit einem Male sogarzwei Klosterschwestern in ihrer nächsten Nähe. Und noch dazu solche mit garstigen weißen Hauben, die sie gar nicht leiden mochte.

Das Kind lehnte sich bequem in dem Sessel zurück, legte das dunkle Köpfchen mit den beiden nassen Zöpfen auf die linke Seite, hielt sich mit den Händen an ihrem Sitz fest, als wäre sie zu Pferd, und baumelte unruhig mit den Füßen hin und her.

Die Schwester Salesia machte sich an der großen Ölampel zu tun. Goß aus einer Kanne, die in einem Winkel des Zimmers verborgen stand, Öl nach und putzte das Licht zurecht.

Das Kind besah sich die Schwester ganz genau, und sie gefiel ihr immer besser. Trotz der garstigen Haube und dem häßlichen Gewand. Denn das Kleid der Schwester mißfiel dem Kind gleichfalls. Es war dunkel und unförmig. Ein faltiger, weiter Rock und eine dunkle, ebenso weite Schürze. Eine Bluse von derselben Farbe, von der man jedoch mit Ausnahme der weiten Ärmel gar nichts sehen konnte, da ein breiter, steif gestärkter Kragen sie zur größeren Hälfte verdeckte. Um die Mitte hatten die Klosterschwestern einen weißen, dünnen Strick geschlungen, der seitwärts in einem Knoten neben einem großen Rosenkranz mit Kreuz herunterhing.

Die Oberin unterhielt sich mit der Ennemoserin im gedämpften Ton so leise, als fürchteten die Frauen, durch den Laut ihrer Stimmen die heilige Ruhe des Klosters zu stören.

Die Ampel, an der die Schwester Salesia sich zu schaffen machte, hing vor einer lebensgroßen Christusstatue, die das heilige Herz Jesu purpurrot leuchtend und mit einem goldenen Strahlenkranz umgeben als Sinnbild der unendlichen Liebe des Heilands auf der Brust trug.

Das Kind hatte noch wenig von Gott gehört undwußte auch nicht, was die fromme Statue darstellen sollte. Aber sie ahnte, daß es Gott sein sollte, und war so vertieft in ihre Betrachtung, daß sie gar nicht darauf merkte, was die beiden Frauen an ihrer Seite verhandelten.

Es war ihr jetzt auch gleichgiltig; denn je mehr sie sich hier umsah, desto besser gefiel es ihr. Und als die Schwester Oberin sich erhob, sie bei der Hand nahm und ihr erklärte, sie dürfe von jetzt an hier bleiben und das Kloster solle nun ihre Heimat sein, war sie ganz damit einverstanden.

Das beklemmende Gefühl, das sie anfangs beim Betreten des Klosters ergriffen hatte, war geschwunden, und willig folgte sie den beiden Klosterfrauen in das Innere des Hauses, nachdem sie sich von der Ennemoserin mit kurzem Gruß verabschiedet hatte.

Es war jetzt schon spät an der Zeit. Die Zöglinge des Klosters gingen gerade von einer Schwester geführt durch den gedeckten Gang zur Kirche hinüber. Alle in gleichen, einförmigen, grauen Kleidern, mit runden, schwarzen Kragen und ohne Hüte. Sie verbeugten sich tief vor der Oberin und warfen neugierige Blicke auf das Kind. Dann gingen sie schweigend in Reih’ und Glied der Kirche zu. — — —

Es war ein eigentümliches Gefühl, mit dem die kleine Sophie abends in ihrem sauberen, weiß bezogenen Bette lag. In einem großen, langen Saal war es. Bett an Bett, nur durch kleine Zwischenräume voneinander getrennt, standen die Lagerstätten der Kinder in zwei Reihen nebeneinander. Ungefähr zwölf Betten mochten es sein. Und am Ende des Saales hatte ein Bett Platz gefunden, das zu beiden Seiten mit Vorhängen verhüllt war. Dort schlief eine der Schwestern, der die Aufsicht über die Zöglinge anvertraut war.

Lange konnte die Sophie kein Auge schließen. Eswar ihr alles so ungewohnt und fremd. Bisher hatte sie ihr Lager auf einem elenden Lumpenhaufen gehabt in dem fahrenden Haus des Karrners. Hatte sich mit den Geschwistern Tag für Tag gerauft und gebalgt um eine Decke oder ein Kissen.

Ein Höllenspektakel war das an jedem Abend gewesen. Ein Geschrei und Geheul und Gezeter, bis der Vater mit dem Stock und mit wilden Flüchen zwischen die kleinen Raufbolde dreinfuhr. Dann duckten sie sich und gaben Ruhe. Dumpf war es in dem kleinen Schlafabteil des Wagens. Eng und dumpf. Aber die Sophie schlief vortrefflich und vollständig traumlos bis zum Morgen, wo neuer Höllenlärm sie weckte.

Wie ganz anders war es heute in dem freundlichen und sauberen Schlafsaal des Klosters. Tiefer Friede und heilige Ruhe. Nichts regte sich.

Etwas wie abergläubische Furcht überkam das Kind. Sie setzte sich in ihrem Bette auf und sah hinüber zu dem großen Madonnenbild, vor dem ein schwaches rotes Licht brannte. Und wieder schaute sie auf die schlafenden Mädchen an ihrer Seite, die ruhig und gleichmäßig atmend dalagen und auf ihren weißen Kissen aussahen wie Engelsköpfe auf kleinen weißen Wolken.

Langsam und in dumpfen Schlägen schlug die Uhr von dem Turme zu Mariathal die zehnte Stunde.

Mit leisen, unhörbaren Schritten kam eine junge Klosterschwester, ging von Bett zu Bett und blieb dann vor der kleinen Sophie stehen.

„Kannst nit schlafen, Kind?“ frug sie flüsternd.

„Naa!“

„Fehlt dir was?“

„Naa!“

„Hast Heimweh?“ frug die Schwester weich und beugte sich über das Kind.

„Ja!“ sagte die Sophie heiser, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Heimweh ... und bist ein Karrnerkind?“ frug die Schwester verwundert. Dann aber erinnerte sie sich daran, einmal gehört zu haben, daß gerade diese Menschen eine brennende Sehnsucht nach der weiten Welt hätten, die ihnen Glück und Heimat war.

„Armes Kind!“ sagte die Schwester voll inniger Teilnahme, setzte sich an den Bettrand und ergriff die kleinen braunen Hände der Sophie. „Armes Kind! ’s wird schon wieder besser!“ tröstete sie. „Mußt halt beten. Kannst beten?“

„Naa!“

„Nit?“ Die Schwester ließ ganz erschrocken die Hände des Kindes fahren. „Nit beten, nit einmal das Vaterunser?“

„Naa!“

„Und das Ave Maria?“

„Naa!“ Das Kind sagte es zögernd. Es hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß sie etwas nicht kannte, was sie wissen sollte. Und sie fühlte, daß dieser Mangel ein großer sein mußte, weil die Schwester so erschreckt tat.

„Soll ich’s dich lehren, das Vaterunser?“ frug die Schwester.

„Ja!“

Da erhob sich die junge Klosterschwester, faltete die Hände des Karrnerkindes und machte ihm das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne.

Und dann betete sie mit ihm, jedes Wort betonend, halblaut das Vaterunser im Schweigen der Nacht, in dem stillen Saale, während die andern Kinder ringsumher ruhig unter ihrer Obhut schliefen. Betete mit dem halbwilden braunen Mädel, das in dem Frieden des Klosters seine Zuflucht gefunden hatte, das Vaterunser von der ersten bis zur letzten Bitte.

Und die Sophie sprach Wort für Wort nach, bis im gedämpften Flüsterton die letzten Bitten des heiligsten Gebetes der Christenheit von ihren jungen Lippen durch den nachtstillen Saal gingen. Neben dem ruhigen Atmen der schlafenden Kinder und gemeinsam mit der leisen, weichen Stimme der jungen Klosterschwester ... „Und vergib uns unsere Schuld, als auch wir vergeben unsern Schuldigern. Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Amen.“

Schlussvignette, Kapitel 2


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