Eine Weile war ich der Schönen und meinem eigenen Herzen gegenüber auf der Hut und glaubte, daß Alles zwischen uns in dem gewohnten Geleise bleiben würde. Der Unterschied des Alters, der Widerspruch der Stellung und der Lebensaufgabe, die Verschiedenheit des Empfindens machten sich oft so scharf und einschneidend geltend, daß ich in eine trügerische Ruhe gewiegt und über die Natur meines Gefühls getäuscht wurde. Wie es mit ihr in dieser Hinsicht stand, war für meinen geringen Scharfsinn nicht zu entdecken. Der Verkehr mit mir unterhielt sie und regte sie angenehm an. Eine Fülle von Dingen, die sie mit ihren Kameraden nicht besprechen konnte, ihre Vergangenheit, die Bildung, die sie genossen, der Drang, ihre Kenntnisse auszubreiten, wünschten sich zu offenbaren und forderten ein Ohr und ein Herz für sich. Vermutlich wäre ihr der jüngere Freund der willkommenere gewesen, aber einen gewissenErsatz bot ihr doch auch der ältere Mann. Mit herzlichem Vertrauen, mit harmloser Heiterkeit trat sie mir entgegen, beinahe ganz streifte sie im Gespräch mit mir die Schauspielerin ab und zeigte sich als ein kluges, liebenswürdiges Mädchen, durch das Unglück geläutert und über viele Nichtigkeiten des gesellschaftlichen Treibens erhaben. Für mich hatte der Gegensatz ihres inneren und äußeren Lebens einen unbeschreiblichen Reiz. Niemals hatte das Komödiantische mich bisher anzuziehen vermocht; sorgfältig war ich einer persönlichen Bekanntschaft auch mit den berühmtesten Künstlern aus dem Wege gegangen; ich fürchtete das Unwahre in ihnen. Nun erschien mir unerwartet in Elsa eine Schauspielerin, an der das Herz wahr und nur die Maske eine Lüge war, deren echte Weiblichkeit sich halb wider Willen in eine phantastische Vermummung hatte hüllen müssen.
Wie lange die Dinge in dieser Weise ohne Entscheidung hätten fortlaufen können? Jetzt scheint es mir so, als hätte einzig der Zufall eine vorzeitige Krisis herbeigeführt, aber vielleicht war der Zufall nur der Drang und Trieb des Herzens. Auf die Dauer läßt sich ein sogenanntes Freundschaftsverhältniß zwischen einem Mann und einem Weibe, die beide keine Pflicht zurückhält und keine Neigung bindet, nicht aufrecht erhalten; der Unterschied der Jahre, der Stellungen wird mit jedem Tage im gemeinsamen Verkehr geringer; endlich tritt der entscheidende Augenblick ein, wo Beide einander in die Arme fallen oder das Eine erschrocken vor dem Anderen zurückflieht. – Wie war es nur möglich, daß wir uns dahin verirrten? Zwei ganz veränderte Gesichter starren sich an. Und was ist im Grunde geschehen? In dem Einen ist die Skala der Empfindung um ein Kleines gestiegen, und diese Steigerung hat in den Gefühlen des Anderen eine hochgradige Abkühlung erzeugt. Dies aber ist doch immer von natürlichen Gesetzen abhängig, die darum, weil uns ihre Wurzeln verborgen sind,nichts von ihrer Folgerichtigkeit und Verständlichkeit verlieren. Zwischen Elsa und mir indessen that sich etwas Unerwartetes, Seltsames auf.
In den zwei Monaten unseres Verkehrs war sie schon so vertraut mit mir geworden, daß sie kaum ein Geheimniß vor mir hatte und mir all ihren Aerger und ihr Vergnügen vor und hinter den Coulissen erzählte. Ich meinerseits versäumte beinahe keine ihrer Vorstellungen; anfangs hatte ich mich geschämt, so oft das Theater zu besuchen – ich glaubte, jeder im Saale müsse es mir ansehen, daß ich allein Elsa's wegen käme –, zuletzt nahm ich meinen bestimmten Platz mit gelassener Unbefangenheit ein. Der Reiz, sie zu sehen, war eben stärker, als der mögliche Verdruß, darüber geneckt zu werden. In Wirklichkeit achtete auch niemand sonderlich auf mich. Und wenn ich sie heiratete, dachte ich, würde es eben so wenig Anstand erregen. Ein halbes Dutzend Leute machten vielleicht ihre guten oder schlechten Witze über mich, nach vierzehn Tagen würde niemand mehr davon sprechen. Ist man einmal auf einem Abhang ins Gleiten gekommen, geht es immer schneller bergunter.
»Raten Sie, mit wem ich gestern zusammen war?« fragte sie mich eines Tages. »Sie merken mir nichts an, keine ungewöhnliche Aufregung, keinen stärkeren Herzschlag? Und dennoch – gestern in der Gesellschaft bei unserem Direktor, die ich nothgedrungen mitmachen mußte, habe ich Herrn von Lüttow getroffen.«
»Lüttow!« fuhr ich auf. Wohl hatte ich beständig an ihn gedacht, aber wie es der Zufall so fügt – in der großen Stadt waren wir uns Beide seit jenem Abend nicht wieder begegnet.
»Und nun wollen Sie wissen, wie Alles zugegangen,« sprach sie munter weiter. »Sie brennen vor Neugierde, lieber Freund. Ueber Erwarten gut und friedlich. Als ich seiner zuerst ansichtig wurde, glaubte ich in die Erde sinkenzu müssen. Eine Weile glich ich einer Bildsäule, so starr und regungslos stand ich da. Es brauste mir vor den Ohren; ich war nicht im Stande, ein einziges Wort zu äußern, einen einzigen Schritt zu thun. Aber ganz gegen seine Gewohnheit verhielt sich Lüttow still und ruhig; er machte mir aus einiger Entfernung eine tiefe Verneigung und begnügte sich während des Abends ein paar gleichgiltige Worte an mich zu richten. Auch als ich ging, drängte er sich nicht an mich heran: er blieb noch in der Gesellschaft, nur seinen finstern Blick fühlte ich auf mich gerichtet, als ich das Zimmer verließ. Dieser Blick verfolgte mich, bis ich in meinem Wagen saß; erst da hatte ich das vollkommene Gefühl der Freiheit und Sicherheit, allein gegen meine Befürchtungen gehalten, war dies erste Zusammentreffen harmlos genug. Was meinen Sie, lieber Freund, sollte endlich bei Lüttow der Verstand gesiegt haben? Zeit wäre es,« setzte sie mit einem ein wenig gefallsamen Lächeln hinzu, »er und ich – wir sind längst über die Kinderjahre hinaus.«
Ich weiß nicht – etwas in ihrer Erzählung gefiel mir nicht, etwas, das nicht ausgesprochen wurde und das mir doch in den Worten zu liegen oder darüber zu schweben schien. »Herr von Lüttow geheilt?« sagte ich mit größerer Schärfe, als die Sache verdiente. »Sie können es nicht im Ernste glauben, meine Freundin. Unter so vielen auf ihn gerichteten Augen konnte er sich Ihnen wohl nicht anders als in den vorgeschriebenen Formen der Höflichkeit nähern. Nein, so leichten Kaufs werden Sie nicht von ihm befreit werden. Er Sie aufgeben, um die er so viel gelitten, um die er eine Blutschuld auf sich geladen!« Ich redete mich in einen solchen Eifer hinein, daß sie mich mit dem erstaunten Ausruf beruhigen mußte:
»Aber, lieber Doctor, ich erkenne Sie nicht wieder! Habe ich Ihren Gelehrtenstolz beleidigt, weil ich die Möglichkeit einer Heilung ausgesprochen, wo Sie schon dasTodesurtheil gefällt haben? Ich bescheide mich, allein ich gestehe Ihnen aufrichtig, mir wäre es lieber, Lüttow würde ein vernünftiger Mensch und vergäße mich so völlig, wie man hienieden nur jemand vergessen kann, als daß er nach Ihrer Diagnose als Wahnsinniger vor meiner Thür sich erschösse.«
Mit einem Lächeln um ihre vollen Lippen hatte sie angefangen – nun endete sie doch wider ihren Willen mit so herben und traurigen Worten. Sie war bleich geworden und streckte die beiden Arme abwehrend weit von sich, als sähe sie das schrecklich häßliche Bild leibhaftig vor sich.
»Wie nur ein solcher Einfall in uns aufsteigt!« sagte sie dann und schüttelte sich.
»Ich bin trostlos über meine Ungeschicklichkeit,« erwiderte ich, und ich war es in der That; »vergeben Sie mir, Fräulein Themar. In dem Manne muß wohl ein Dämon stecken, daß man gleich in Verwirrung geräth, wenn man nur von ihm redet. Welcher Arzt hörte aber auch gern von seinem Kranken, daß er wieder in der Gefahr eines Rückfalls gewesen? Und so oft Sie ihm begegnen, besorge ich ein Unglück.«
»Natürlich,« meinte sie abgebrochen, »– als Arzt.« Plötzlich schaute sie mich groß an; es ging etwas in ihrer Seele vor, das nur als Wiederschein über ihr Gesicht blitzte und seinen Ausdruck erhöhte, dem sie jedoch keine Worte geben konnte oder mochte.
So blieben die drei Worte: »Natürlich, als Arzt« – in der Luft hängen – schwebende Fragezeichen, hinter einer Frage, die nur in einem Blicke – noch weniger, die nur in einem Hauche bestand. Das Gespräch wollte nicht mehr recht in Fluß kommen; Elsa's Stimme hatte einen eigenen, leise zitternden Ton – auf der Bühne sprach sie so, wenn ein Unerwartetes auf sie einstürmte, wenn sie sich mit einem plötzlichen Ereigniß, einer peinlichen Thatsache abzufinden hatte. Wie immer trennten wir uns mit freundlichemHändedruck; sie hatte eine starke, kleine Hand und eine besonders liebenswürdige Art, die des Anderen zu ergreifen – heute zum ersten Male war in ihrer Bewegung etwas Zögerndes; ihre Hand war feucht und ihre Augen wie verschleiert.
Mir selbst war nicht weniger bänglich und unheimlich. Woraus entsprang denn mein Uebereifer gegen Lüttow, woher dies Geschrei über eine Begegnung, die mir vor einigen Wochen noch ganz in dem Lichte, wie ihr selbst, erschienen wäre? Aus Eifersucht, alter Narr, aus Eifersucht! Das Netz war über mir zusammengezogen – das Netz ihres Liebreizes, ihrer Liebenswürdigkeit. Mit all meiner Klugheit saß ich gefangen. Weder die Jahre noch die Studien, weder die Erfahrungen noch die Erkenntniß von der Nichtigkeit und der Gefährlichkeit der Leidenschaft hatten mich vor dem Falle bewahrt. Und was wollte ich denn? Ihre Liebe gewinnen, sie heiraten, Lüttow den Zweiten spielen? Denn wie durfte ich Günstigeres hoffen als der jüngere, glänzendere Mann? Aber nicht diese Aussicht in die Zukunft war es, was mich zunächst bekümmerte und meinen Stolz auf das empfindlichste kränkte – ich hatte mich Elsa gegenüber verraten. Daher ihre Verwirrung, das Beben ihrer Stimme. Es war noch eine Güte ihres Herzens, daß sie mich nicht ausgelacht. Ein älterer Mann, ein Gelehrter, der einem Mädchen seine Liebe erklärt – wie lächerlich hatte ich das bisher gefunden; die Rache des Schicksals war gerecht – ich mußte mich in eine Schauspielerin verlieben. Dahin hatten mich schließlich meine Weisheit, mein Junggesellentum, meine Sicherheit, daß mir die Pfeile Amors nichts mehr anhaben könnten, geführt. Ich irrte an diesem Tage trotz des schlechten Wetters in den entlegensten Teilen des Parks umher, um von niemand gesehen zu werden. Ich fürchtete in meiner Wohnung jeden Besuch, das Gesicht des gleichgiltigsten Bekannten. Alle müßten mir meine Thorheit von derStirn ablesen. Gegen die Flamme, die in mir lohte, half freilich das Spazierengehen unter entlaubten Bäumen, auf feuchtem Boden, in Wind und Regen ebenso wenig, wie der Vorsatz, sie unter moralischen Betrachtungen zu ersticken. Nichts war leichter, als mich auszuschelten, als mir die unwürdige Lage, in die mich die Leidenschaft gebracht hatte, die Demütigung, die mir zweifellos noch vorbehalten war, in den schwärzesten Farben auszumalen; darum hörte die Hoffnung nicht auf, mir in das Ohr zu flüstern: wenn nun aber Elsa trotz alledem deine Hand annimmt, weniger aus Liebe – so eitel wirst du doch nicht sein, an ihre Liebe zu glauben! – als aus Freundschaft; wenn sie der Bühne und dieses unruhigen, unstäten Lebens müde, eine gesicherte Stellung, ein behagliches Dasein in Kreisen, die ihrer Bildung und Schönheit angemessen sind, einer ungewissen Zukunft und den mageren Lorbeern vorziehen sollte ... So hinüber und herüber, in einem wilden Durcheinander gingen Furcht und Zuversicht. Der heldenmütige Entschluß, sie die nächsten Tage zu vermeiden und auch das Theater nicht zu besuchen, der noch heldenmütiger ausgeführt wurde, änderte weder an dem Zustande meines Herzens noch an der Lage der Dinge das Geringste. Meine Bücher dünkten mich schal, meine Untersuchungen wertlos – ich sehnte mich nach ihrem Lächeln, nach einem Wort von ihr; das ersetzte mir nicht nur den ganzen Galenus – ich empfand zu meinem Schrecken, daß es mir schon zu meinem Leben notwendig geworden, wie der Sonnenschein meinen Palmen.
Uebrigens hatte ich mit meinem Enthaltungssystem die Rechnung ohne die Wirtin gemacht; ich hatte vergessen, daß ich nicht mehr allein im Kahne saß, sondern daß ein Zweites zu mir eingestiegen war. Als ich am dritten Tage nicht zu Elsa hinübergekommen war, ließ sie fragen: ob ich krank sei, ob mir ihr Besuch nicht ungelegen? Und da war sie schon, schöner als je. Ich schützte meine Studien vor,daß ich sie nicht besucht, eine schwierige Untersuchung. Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe, als brauche ich ihr keine weitere Entschuldigung oder Lüge zu sagen. Neugierig schaute sie sich in den vorderen Zimmern um.
»Ich hatte mir die Wohnung eines Gelehrten nicht halb so freundlich und so prächtig gedacht,« sagte sie. »Welch' schöne Blumen! Echte alte chinesische Vasen?«
»Das Geschenk eines Engländers, der lange Jahre Konsul im Reich der Mitte gewesen.«
Nun fragte sie nach diesem und jenem; ich kramte die Seltsamkeiten, Kunstsachen und Kunsttrödel aus, die ich besaß. Und dann ein Gespräch, das nicht abriß, wie ich sie erworben, an welchem Orte, von meinen Reisen – die Stunde flog nur so dahin. Sie hatte ihre frühere Harmlosigkeit wieder gewonnen und gab mir dadurch gleichfalls wenigstens den äußeren Schein der Ruhe und die gemessene Haltung.
»Und für wen haben Sie dies Alles gesammelt?« fragte sie plötzlich, ihren Kopf zurückwerfend »Für das Gewerbemuseum?«
Es lag so viel Schelmerei und Neckerei in der Frage, daß ich in demselben Ton antwortete: »Freilich, für wen sammelt ein Hagestolz, wenn nicht für das Allgemeine?«
Ein schräger Blick traf mich, und um ihre Mundwinkel zuckte es wie von einem verhaltenen Lächeln. »Da mögen Ihnen die Nachkommen Dank wissen.«
»Sie halten nicht viel davon, vom Nachruhm?«
»Eine mittelmäßige Schauspielerin und Nachruf! Spotten Sie nur! Ich bin eine Eintagsfliege und suche so viel Sonnenschein als möglich zu genießen. Bei Ihnen liegt die Sache anders; Sie leben nicht mit uns und für uns; die besten Gedanken und Stunden eines großen Gelehrten gehören den noch ungeborenen Geschlechtern. Ist es nicht eine Ironie des Weltgeistes, daß Darwin die Unsterblichkeitleugnet und für die Unsterblichkeit arbeiten muß? Für eine Zukunft, die er nicht absehen kann?«
Während sie so sprach, spielte sie mit einem japanischen Fächer, den ich einmal auf einer Auction in London gekauft hatte: zierlich in Elfenbein geschnitzt, mit phantastischen Drachenungetümen und Vögeln, sollte er ein hohes Alter besitzen.
»Wie hieß der Künstler, der ihn fertigte? Wo sind die Schönen hin, die sich mit ihm fächelten und ihn die Sprache der Liebe reden ließen?« meinte sie halb für sich hin, halb zu mir gewendet. »Niemand weiß von ihnen.«
»Aber die ursprüngliche Absicht des Künstlers,« entgegnete ich, »ist doch in Erfüllung gegangen und geht immer von neuem in Erfüllung; er wollte etwas Gefälliges für die Schönen schaffen, und seine Arbeit gelangt in Jahrhunderten immer wieder, nach den mannigfaltigsten Wechselfällen, aus einer schönen Hand in die andere; jede Nachfolgerin freut sich des zierlichen Werkes, wie die erste Besitzerin, und gedenkt unwillkürlich des Meisters und all ihrer Vorgängerinnen.«
Rasch wollte sie den Fächer in das Futteral zurücklegen, allein ich litt es nicht.
»Nun müssen Sie ihn schon behalten,« lachte ich und drückte ihn in ihre Hand.
»Muß ich?« scherzte sie, »dann bezahle ich ihn auch« – und ihre Wange schmiegte sich an meine Lippen ... So empfängt ein junges Mädchen die Liebkosung eines alten Verwandten. Ein unschuldiger Kuß ... Wären nur ihre Augen nicht gewesen, die wie durch einen leichten Schleier mich anschauten, halb mit einer Frage, halb mit einer Aufforderung.
Seitdem setzte sich unser Verkehr wieder in der früheren Weise fort. Keines wollte dem andern deutlich merken lassen, daß trotz der scheinbaren Gleichmäßigkeit unseres Benehmens unser Verhältnisse eine tiefgehende Aenderungerfahren hatte. Nur ein verstohlener Blick Elsa's, ein kurzer Seufzer, gewisse Wendungen der Rede, ein zärtlicheres Eingehen auf meine Eigenheiten und Ansichten, dann wieder ein beredtes Schweigen, ein Zusammenschauern, wenn ich sie berührte, ließen mich glauben, daß sie gegen meine Liebe nicht unempfänglich wäre, daß sie meinen Wünschen keinen unbesiegbaren Widerspruch entgegensetzen würde. Es waren eben so viele Brände, um die Glut meines Herzens noch mehr zu entzünden. Du bist ja noch kein Greis, sagten die Eitelkeit und die Begierde in mir, daß du nicht nach dem Besitz eines schönen Mädchens streben könntest, und über die erste Jugend und den ersten Liebestraum ist doch auch sie schon hinaus. Bitter genug hat sie die Wechselfälle des Schicksals erfahren, um nicht den heiteren Lebensgenuß in würdiger Stellung nach seinem vollen Werte zu schätzen.
So kleinlaut ich noch vor Kurzem gewesen, so mutig wurde ich jetzt. Mutig und unternehmend – wir waren in der Weihnachtszeit, und ich fühlte mich, mehr wie in der Jugend, zu abenteuerlichen Streichen aufgelegt. Unter so harten Entbehrungen und Kämpfen um das Dasein hatte ich die Jahre, die man die schönsten nennt, hinbringen müssen, daß ich kaum eine Jugend gehabt, wenigstens nichts von ihrem Sonnenschein genossen. Einmal hatte auch mir die Liebe gelächelt, einmal war auch ich in Arkadien gewesen – aber ich hatte das Glück nicht zu benutzen verstanden. Jetzt war es unnütz, nachträglich darüber zu grübeln, ob ich wie ein Thor oder wie ein Held gehandelt, ob ich mich mit der Kraft des Willens vor der Schuld bewahrt hatte oder vor der Leidenschaft aus angeborener Schwäche geflohen war. Die einzige Ausbeute, die ich von allen Arbeiten, Nachtwachen und Entsagungen heimgebracht, war ein Name in der Wissenschaft und ein Vermögen – zu spät erkannte ich, daß sie nicht im Stande sind, Glück zu gewähren. Nein, es sollte nicht zu spät sein!Ich wollte mich an die Tafel des Lebens setzen und seinen Wein kosten.
Das Weihnachtsfest bietet die leichteste und die ungezwungenste Annäherung auch denen, die sich bisher im Zwange der Gesellschaft ferner gestanden; unter dem Tannenbaum, im Glanz der Lichter, in dem Hauch der Kindheitserinnerungen, der mit dem Harzduft durch das Gemach zieht, finden sich Hände und Herzen gleichsam von selbst zusammen. In meiner Stube hatte freilich seit fünfunddreißig Jahren kein Weihnachtsbaum gestanden; ich pflegte mich jeden heiligen Abend, wenn die Pflicht mich nicht durch die feuchten Straßen, in Nebel und Regen, auf und ab von einem Krankenbett zum andern trieb, so tief ich konnte unter meinen Büchern zu vergraben. Hatte ich doch nicht einmal frohe Erinnerungen heraufzubeschwören. In Armut und Sorge war meine Mutter gestorben, ich hatte ihr keinen heiteren Lebensabend bereiten können; in weiter Ferne lebten mir die Geschwister – nun auch, so viel ich wußte, in wohlhabenden Verhältnissen, aber jenseit des Oceans, im Westen der Union. So war mir der Christabend nur dadurch ein anderer als die übrigen Abende im Jahre, daß sich an ihm mein Mißmut und meine Melancholie steigerten und das Weltelend mich in den Abgrund der Verzweiflung hinabzustoßen drohte.
Heute sollte es anders sein. »Ich lasse mir meinen Weihnachtsbaum nicht nehmen,« hatte Elsa gesagt. »Der Direktor ist in der Gebelaune und will uns Allen eine feierliche Bescherung bereiten, allein um neun Uhr bin ich wieder daheim und zünde mir mein eigenes Christlicht an. Sie sind feierlich dazu geladen, mein lieber, mein verehrter Freund!« Mir war das eine Botschaft wie aus Engelsmunde. Wie dereinst der römischen Welt, so schien auch mir eine Zeit des Friedens und der Fröhlichkeit anbrechen zu sollen.
Ungeduldig erwartete ich die neunte Stunde – ichglaube, mit klopfendem Herzen wie ein Kind. Und meine Hoffnung wurde nicht getäuscht. Nie habe ich einen schöneren Weihnachtsabend gefeiert, als diesen. Alles vereinigte sich, Elsa in die rosigste Laune zu versetzen. Ihre Kollegen, ihr Direktor hatten sie mit ausgesuchtester Liebenswürdigkeit behandelt; vor einigen Tagen war ein neues Schauspiel aufgeführt worden, und sie hatte darin einen so großen Erfolg gehabt, daß ihr Spiel und die Kunde, die sich davon in der Stadt verbreitet, der Neuigkeit während mehrerer Wochen volle Häuser zu versprechen schienen. Die Kleinigkeiten, die sie verschenkt, hatten den anderen eben so viele Freude bereitet, als ihr die Gaben, die sie empfangen. In ihrer Wohnung strahlte bald der bunt aufgeputzte Tannenbaum im hellen Lichterglanz. Mir schimmerte ihr Gesicht wie Frühlingssonnenschein. Sie trug ein blauseidenes Kleid, die blonden Haare fielen ihr lang ausgekämmt über Schultern und Rücken. In ihrer Heiterkeit und Geschäftigkeit hatte sie niemals bestrickender den ganzen Zauber ihrer Anmut entfaltet. Nachdem wir Beide uns an dem gegenseitigen »Aufbau« erfreut und satt gesehen, sie in jeder Kleinigkeit noch eine besondere Zierlichkeit entdeckt hatte, saßen wir dicht neben einander. Aus ihrer munteren Laune war sie allmählich ernsthafter geworden, unwillkürlich hatten sich unsere Hände zusammengefunden. »Heute komme ich mir wirklich wie die arme Schäferin vor,« sagte sie, »der ihre Pate, die Fee, einen ganzen Korb köstlicher Geschenke in den Schooß schüttet. Denken Sie nur, ich habe einen Gastspielantrag von dem Burgtheater in Wien erhalten – ich, armes Ding! Wer mir das vor einem halben Jahre geweissagt hätte! Ich muß aber seitdem eine vortreffliche Schauspielerin geworden sein, wenn ich dem Publikum und meinem Direktor glauben soll. Und wem verdanke ich dies glänzende Resultat? Wem anders als Ihnen, lieber Freund, Ihren Ratschlägen, Ihren Lehren!«
Darauf wußte ich kein Wort zu erwidern, ich hatteauch nur die erste Hälfte ihrer Aeußerung deutlich vernommen. Einen Antrag nach Wien! »Also wollen Sie uns verlassen?« rief ich aus.
»So weit ist es noch lange nicht,« erwiderte sie. »Ein Gastspiel ist noch kein Engagement – und wenn ich auch hier an einem zweiten Theater gefalle, werde ich auf einer ersten Bühne auch nur genügen?Tel brille au second rang, qui s'éclipse au premier.«
Nun mochte ihr doch wohl mein unruhiges Hin- und Herrücken auf dem Sopha auffallen; der Verschluß unserer Hände hatte sich gelöst, sie blickte zur Erde, zupfte an den Schleifen ihres Kleides und sagte endlich: »Oder verbieten Sie mir jeden Ehrgeiz? Meinen Sie, daß ich trotz alledem nur eine Mittelmäßigkeit bin und wohl daran thue, mich keiner schärferen Beurteilung auszusetzen?«
»Lästern Sie doch Ihr Talent nicht, Elsa,« brach ich ungestüm aus, in irgend einer Weise mußte sich meine Erregung Luft schaffen. »Warum sollte Ihnen das Höchste unerreichbar bleiben? Ich dachte, bei dem Gedanken, daß Sie fortgehen könnten, nur an unseren, an meinen Verlust.«
»Würde ich Ihnen fehlen?« fragte sie zurück und wandte mir plötzlich ihr Gesicht voll und ganz zu. Es war, als vereinigte sich der Glanz aller Kerzen und Lichter, so viel ihrer im Zimmer brannten, auf diesen schönen rosig überhauchten Zügen. Ihre Augen forschten in den meinen, und ihre halb geöffneten Lippen schienen eine Frage flüstern zu wollen, wenn ich ihnen nicht mit der Antwort zuvorkam.
»Wenn Sie wieder gingen, Elsa, warum es verschweigen? Ein schöner Stern würde mir damit unwiederbringlich von dem Lebenshimmel entschwinden. Und ich bin nicht mehr in den Jahren, wo man mutig das Erscheinen neuer Meteore erhofft. Ein Dunkel würde über mich hereinbrechen, doppelt so finster und trostlos als das vorangegangene, da ich mich an die Schönheit des Lichtes gewöhnt. Was uns zusammengeführt hat, ist mir mehr alsein bedeutungsloser Zufall. Sie haben mir eine Seite des Lebens erschlossen, die ich nicht kannte, deren Duft und Farbenschimmer mich nun entzückt – die ich ewig entbehren würde, wenn ich jetzt in mein Einsiedlertum zurücktreten müßte. Aber es ist selbstsüchtig, nur von mir und meinem Verluste zu reden, während Sie nichts verlieren, nichts einbüßen werden.«
»Glauben Sie?« sagte sie und stand auf. Sie ging einmal durch das Gemach, wie mit sich selbst kämpfend und nach Worten ringend, dann trat sie dicht vor mich hin, in einem prächtigen Schwunge flossen ihre Haare um sie. »Nein, Sie können mich nicht für so gleichgiltig und herzlos halten! Ich sollte einen Freund, einen so treuen, redlichen, uneigennützigen Freund nicht entbehren? Mich nicht nach seinem Umgang, seiner Belehrung, seiner Liebenswürdigkeit zurücksehnen? Warum spielen die stolzesten Männer so gern die bescheidenen? Denn Sie fühlen es so gut wie ich, daß Sie nicht zu der großen Schaar der Alltagsmenschen gehören, denen man ohne Neigung begegnet, und die man bis auf die Erinnerung vergißt.«
Vielleicht wurde nun doch, je länger sie sprach, die Schauspielerin in ihr mächtig, aber ihre Erregung, das höhere Rot ihrer Wangen, der lebhaftere Blick ihrer Augen gaben ihr etwas Unwiderstehliches. Wie hätte sie mich nicht hinreißen sollen, den das heimliche Feuer schon seit Wochen verzehrte? Wenn es je einen günstigen Augenblick für die Liebeserklärung eines älteren Mannes gegeben, so war es dieser, wo die gegenseitige Leidenschaftlichkeit den Unterschied der Jahre verwischte und in uns Beiden die Empfindung stärker sprach als die Ueberlegung. »Müssen Sie denn von uns gehen, Elsa?« begann ich. »Ist das Glück Ihres Lebens an die Verfolgung Ihrer künstlerischen Laufbahn gebunden? Reizt Sie die Unruhe des Kampfes mehr als die Heiterkeit des Friedens? Es mag ja eine tolle Aufforderung sein, einer jungen glänzenden Schauspielerinzu sagen: tritt vom Schauplatze deiner Triumphe zurück; und ich würde der Letzte sein, Ihnen einen solchen Vorschlag zu machen, wenn Sie mir nicht selbst gestanden, daß bisher Ihre Thätigkeit Ihr Herz nicht ganz ausgefüllt hätte, wenn ich nicht annehmen dürfte, daß Ihnen ein anderes Loos nicht auch wünschenswert erschiene –«
»O!« unterbrach sie mich, »ich habe Ihnen nicht verschwiegen, was mich auf die Bühne führte, aber ein erster Schritt auf den Brettern ist verhängnißvoll, allmählich wird zur Neigung, was anfänglich nur Notwendigkeit und dann Gewohnheit war, um so mehr, wenn die Verhältnisse, die unsern Entschluß bestimmten, dieselben bleiben und noch fortwährend ihren Einfluß ausüben.«
»Aber diese Verhältnisse sind nicht unüberwindlich, sind nicht unwandelbar,« rief ich. Was ich ihr nun weiter sagte, in welchen Worten ich ihr die Entstehung, das Wachsen meiner Neigung zu ihr, die Kämpfe, die ich mit meiner Leidenschaft bestanden, das Glück, das sie mir schenken, die Ruhe und die sichere Stellung, die ich ihr bereiten würde, aus meinem Herzen heraus schilderte, vermag ich nicht mehr niederzuschreiben. Ich kam mir selbst wie ein Besessener vor, eine höhere Macht oder mein erhöhtes Ich redete und handelte aus mir. Elsa atmete nur schwer, sie erwiderte nichts, bald sah sie von mir weg auf die Lichter des Tannenbaumes, bald blickte sie mich wieder freundlich an, als wolle sie mich dadurch ermuntern, weiter zu sprechen. Einmal entfuhr mir der Name Lüttow – daß es nur eine Sicherheit für sie gegen seine Verfolgungen gäbe, eine Heirat, die sie für immer von ihm trennen würde.
»Für immer!« murmelte sie halblaut und nickte, wie meine Meinung bestätigend, mit dem Kopfe; dann fuhr sie mit der Hand über die Stirn, als wolle sie einen bösen Gedanken verscheuchen. »Es ist wahr, ich muß mit ihm enden.« Und wieder versank sie in ihr Schweigen, wortlos und entschlußlos.
Sie mochte vielleicht eine Liebeserklärung, aber nicht eine Bitte um ihre Hand erwartet haben. Als ich nun aber, durch ihr Schweigen kühn gemacht, sie umfassen wollte, entzog sie sich mir hastig, sprang auf und eilte zum Fenster. Sie drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben und starrte hinaus. Hier und dort hell erleuchtete Fenster, gleichsam die Freude, die drinnen in den Zimmern herrschte, nach außen strahlend, im Gegensatz zu dem unheimlichen Schneegestöber, das der pfeifende Wind durch die Straße jagte. Ich war ihr gefolgt und an ihre Seite getreten. »Zürnen Sie mir?« fragte ich leise. Statt der Antwort gab sie mir ihre Hand. Ihre Augen waren wie umflort; war es tiefe Bewegung oder eine heimliche Angst – etwas hielt das Wort in ihrem Munde zurück.
»Daß Sie mich liebten, mein Freund,« brachte sie endlich wie mühsam hervor, »war nicht schwer zu erraten, nun aber –«
»Sie finden, daß ich ein Geck sein müsse, Ihnen in meinem Alter einen solchen Antrag zu machen.«
»Als ob ich ein Kind wäre, das die Jahre seines Freundes abzählt. Nein, ich bin bestürzt, verwirrt. Hand in Hand gingen wir in der Dämmerung einen uns nur halb bekannten Weg, allein ich vertraute sorglos Ihrer Führung, und statt mich zu fürchten, gefiel ich mir sogar in dem Halbdunkel. Ach, warum konnten wir nicht immer wie im Traum neben einander hergehen! Nun ist ein grelles Licht auf den Pfad gefallen und zeigt mir das Ziel.«
»Ein Ziel, das Ihnen unfreundlich und unwohnlich erscheint –«
»Das mich nur zögern läßt, es zu betreten. Sie verlangen nicht in dieser Stunde eine Entscheidung über mein Schicksal. Ich bin eben kein Mädchen, die mit einem Ja oder Nein Alles abgethan glaubt und die weiteren Folgen dem Vater oder dem Vormunde überläßt – ich stehe allein da, und Sie fordern den Beginn eines neuen Lebens vonmir. Was könnte ich Ihnen für die Sicherheit unserer beiderseitigen Zukunft bieten, zöge ich jetzt blindlings einen Strich unter meine Vergangenheit und Gegenwart?«
»Sie halten nur gutmütig den bittern Trank zurück, den mir Ihre Hand doch kredenzen muß.«
»Würde ich sie dann in der Ihrigen lassen?« fragte sie sanft zurück und lehnte ihren Kopf an meine Brust. Ihren Haaren entströmte ein feiner, berauschender Duft, heftiger preßte ich sie an mich und bedeckte ihre Stirn mit meinen Küssen. Augen und Lippen hielt sie fest geschlossen. »Und nun genug mit der Ernsthaftigkeit!« rief sie sich schüttelnd und hatte sich mir schon entwunden. »Wir wollen uns den Abend nicht durch Nachdenken und Grübeln stören, lieber Freund. Ich hatte einmal als Kind eine so prächtige Puppe zum Weihnachtsfeste bekommen, daß ich sie gar nicht anzufassen wagte. ›Nimm sie doch,‹ lachte die Mutter und wollte sie mir in den Arm legen. Aber ich blieb bei meiner Weigerung. So lassen Sie mich noch eine Weile Ihr kostbares Geschenk von ferne betrachten, es ist nicht der Geber, es ist die Gabe, die mir ein wenig Angst macht.«
Mit der Leichtigkeit und Anmut, in denen sich nun doch wieder die Schauspielerin verriet, wußte sie das Gespräch nach anderen Punkten zu lenken, ihre Stimmung und allmählich auch die meine zu verwandeln. Aus ihrem Wesen und Betragen glänzte mir ein Hoffnungsschimmer entgegen. Und hatte sie nicht Recht? Ich forderte nicht allein ihre Freundschaft, sondern auch ihre Zukunft, nicht nur ihre Hand, sondern auch ihre Freiheit und ihren Ruhm. In der That – ich hätte sie geringer schätzen müssen, wenn sie, ohne sich zu besinnen, in meine Bitte eingewilligt.
Freilich – als ich nicht mehr unter dem Zauber ihrer Gegenwart stand, nahm die Sache eine dunklere Färbung für mich an. Wohl mußte ich ihre Bedenken gelten lassen, aber – würde sie danach gefragt haben, hätte sie mich geliebt? So ungerecht sind wir; ich hatte mir Tage undWochen zur Ueberlegung und zum Austrag meiner Herzenskämpfe gestattet und wollte ihr nicht die kürzeste Frist gönnen. Gern oder unwillig, schließlich mußte ich mich darein ergeben. Die nächsten Tage schlichen in Hangen und Bangen, im Wechsel von Furcht und Hoffnung dahin; sie war viel beschäftigt, jeden Abend auf der Bühne, ich wurde von einer russischen Fürstin in Anspruch genommen, die mich zu konsultiren nach der Stadt gekommen war, ehe sie ihre Winterreise nach dem Süden antrat. So sahen wir uns nur flüchtig, zum Aussprechen war keine Muße gegeben. Und derselbe Drang, der mich zu meiner Erklärung fortgerissen, hielt mich jetzt zurück, ungestüm die ihrige zu verlangen. Zeit zu gewinnen, schien mir plötzlich in meiner Lage das Wünschenswerteste. Mindestens blieb mir dadurch das Herbste erspart, ihr Nein zu vernehmen, den Schmerz zu verbeißen und in der Entfernung von ihr nicht Vergessenheit, doch Trost zu suchen. Der Ernst ihres Gesichtes, ein gewisser träumerischer Zug, den ich in solcher Stärke noch nicht an ihr bemerkt, bewiesen mir hinlänglich, daß sie mit sich selbst nach einer Entscheidung rang. Wenn ich des Abends im Theater dem stürmischen Beifall zuhorchte, der ihre Darstellung begleitete, die Kränze und Blumensträuße zählte, die man ihr zuwarf, fühlte ich wohl, daß ich da einen ungreifbaren, kaum zu überwindenden Gegner hatte. Alle stimmten darin überein, daß sie noch nie so vortrefflich gespielt habe. Und dem Allen, ihrem Talente, diesen Triumphen sollte sie entsagen, um einem älteren Manne den Abend seines Lebens zu verschönen und ihre eigene Zukunft vor Stürmen und Schicksalsschlägen sicher zu stellen! Welche Thorheit, welche Dürftigkeit der Phantasie, welche Leere des Herzens mußte ich bei ihr voraussetzen! Sie aus diesem Glanz, aus diesem bacchantischen Taumel herausreißen zu wollen – ich hätte meine Werbung zu keiner ungelegeneren Zeit vorbringen können!
Gleichsam, um die Aussichtslosigkeit meiner Wünschemir grell vor das Bewußtsein zu führen, mußte mir da eines Nachmittags bei meinem Spaziergange durch die Siegesallee des Parkes Lüttow entgegenkommen und mich anreden. Er war in Gesellschaft, schlank und hoch und trotzig wie immer, aber er ließ, wie er mich erkannte, die Herren stehen, eilte auf mich zu und bot mir die Hand.
»Haben uns lange nicht gesehen, Herr Medicinalrat,« sagte er in seiner lauten, aber dennoch gewinnenden Weise. »Sie haben eine Wunderkur an Fräulein Themar vollbracht. Das ist jetzt all' ein Leben und ein Feuer in ihrem Spiel. Schauen Sie mich nicht so fragwürdig von der Seite an; ich rede im Ernst. Dies Mädchen ist eine große Künstlerin, es wäre ein Unrecht, sie der Kunst zu entführen und prosaisch zu heiraten. Ihr Genius hat sie richtig geleitet. Wollen Sie ihr sagen, daß ich aufrichtig alle meine Sünden gegen sie bereue?«
Zum Glück hatten sich jetzt seine Begleiter genähert, und ich konnte mit einigen allgemeinen verbindlichen Redensarten und mit der Zustimmung in sein Lob Elsa's mich losmachen. Was vor Wochen mich sowohl ihret- wie meinetwegen gefreut hätte, Lüttows Einkehr in sich selbst, wie ich es damals genannt hätte, ängstigte mich jetzt. Hoffte ich zu siegen, wo dieser Hartnäckigste der Menschen sein Spiel verloren gab? Wenn er den Triumph und den Rausch der Bühne für mächtiger hielt als seine Leidenschaft, was hatte ich dagegen einzusetzen? Dennoch teilte ich meine Begegnung mit Lüttow Elsa mit: es wäre mir unmöglich gewesen, ihr eine solche Mitteilung zu verschweigen. Sie wurde blaß, als ich seinen Namen nannte – wie ich dann zu Ende war, griff sie nach ihrem Herzen, und ein schwermütiges Lächeln spielte um ihren Mund: »Er ist ja sehr ruhig geworden!«
Irgend etwas in seiner Aeußerung hatte sie verletzt. »Wenn mein Spiel eine so beruhigende Wirkung auf erregte Nerven ausübt,« meinte sie, »sollten Sie es IhrenKranken als Heilmittel empfehlen, werter Freund. Im übrigen hat mich Herr von Lüttow niemals verstanden, weder meine Empfindungen noch meine Handlungsweise; er würde sonst wissen oder doch ahnen müssen, daß mich nie mehr als gerade in meinem Triumph das Gefühl meiner Unzulänglichkeit und die Sehnsucht nach der Stille beschlichen hat.«
Wie hoffnungsvoll klang das für mich! Und endlich mußte doch auch die Entscheidung fallen. Wie alle Spieler und unglücklich Liebende war ich in diesen acht Tagen abergläubisch geworden und hatte mir fest eingeredet, am Neujahrstage würde Elsa ihr Ja oder Nein sprechen. Mein Erstaunen, meine Verwirrung war darum nicht gering, als sie mir am Morgen des Sylvestertages sagte:
»Schelten Sie mich nur gleich tüchtig aus, als Arzt und als Freund. Wenn es noch Ablaßzettel gäbe, kaufte ich mir einen im Voraus. Ich will heut' Abend eine Thorheit begehen und das alte Jahr auf einem Maskenball beschließen. Meine Kollegen haben mir so viele lustige Geschichten von dem Balle erzählt, den das Balletcorps heute giebt, daß ich nicht habe widerstehen können. Ich werde im Domino hingehen und hoffentlich einen guten Tänzer finden. Nun, da sitz' ich, was muß ich thun, um die Sünde zu büßen?«
Anfangs war ich so betroffen, daß ich sprachlos vor ihr dastand, bis ihr helles Gelächter mich zur Besinnung brachte.
»Bin ich eine rückfällige Ketzerin, für die Sie gar keine Buße und Strafe wissen? Wollte ich nun meine Hexenmacht gebrauchen, müßte ich darauf bestehen, daß Sie mich begleiteten und mit mir in dieselbe Schuld verfielen. Bekennen Sie, daß ich großmütig bin, wenn ich allein die Verdammniß auf mich nehme.«
Wie verstimmt ich auch über ihre so unerwartet auftauchende Laune war, durch ein schroffes Dareinreden wagte ich meine Lage nicht noch mehr zu verschlimmern. MeinMißvergnügen war gewiß kein vernünftiger Grund gegen den Besuch eines Balles, und wenn schon der Liebhaber Einspruch gegen ihre Vergnügungen erhob, welche Beschränkungen ihrer Freiheit und ihrer Neigungen mußte sie erst von dem Gatten befürchten. Nach Kräften suchte ich einzulenken und riet ihr nur, sich nicht zu erhitzen, nicht zu heftig zu tanzen – Albernheiten, über die ich vor mir selbst errötete. Wie es nicht anders sein konnte, schieden wir ein wenig kühl und frostig. Wider meinen und ihren Willen war nun doch der Unterschied zwischen einer lebenslustigen, munteren Schauspielerin und einem alternden Gelehrten zur unerfreulichen Erscheinung gekommen. Ich pflegte sonst den Sylvesterabend im Kreise langjähriger Freunde, Wittwer oder Hagestolze, zuzubringen: heute lehnte ich ab, ich war zu verdrießlich und unzufrieden, um einen halbwegs erträglichen Gesellschafter abzugeben. Aber was nun mit dem langen Abend beginnen? Zu Hause bleiben, lesen, schreiben, die Rechnung des Jahres ziehen? Ein Alpdruck lastete auf mir, als müßten in der nächsten Sekunde die Mauern über mich hin zusammenstürzen. Vielleicht fiel es Elsa gar ein, im Domino und mit der Larve vor dem Gesicht Abschied von mir zu nehmen, ehe sie in den Wagen stieg. Ich glaubte das Rollen der Räder zu hören – jeder Schlag versetzte meinem Herzen einen Stoß. Ich blickte auf die Uhr – die neunte Stunde ging eben zu Ende, und sie spielte noch im Theater. Nein, ich wollte, ich konnte sie nicht erwarten; jetzt schalt ich sie herzlos, eitel, vergnügungssüchtig, und dann spottete ich mich aus, einen Gecken, einen Eifersüchtigen, wie es noch nie einen größeren und traurigeren gegeben. Unmöglich, in den engen, überheizten Zimmern auszudauern. Wenn auch ich auf den Ball ginge und sie beobachtete? Unsinn, ich auf dem Maskenball des Corps de Ballet! Wollte ich die lustigen Streiche der Jugend mit fünfzig Jahren nachholen? Inzwischen, inmitten all dieser Anklagen, Ausrufungen, ironischen Betrachtungenkleidete ich mich gesellschaftsmäßig an. Ich getraute mich dabei nicht, meinem Diener ins Gesicht zu sehen, aber der Gute vermutete meine bösen Gedanken nicht und wunderte sich nur, daß ich mich so früh schon auf den Weg zu meiner Sylvester-Gesellschaft machte. Auf der Straße war ich bald, aber mein Wille blieb zwiespältig wie zuvor. Als ich um die Ecke unserer stillen Straße in die belebtere Hauptstraße einbog, fuhr ein Wagen dicht an mir vorbei. Ich wußte, daß es der Wagen war, der sie aus dem Theater heimbrachte, und ich empfand eine gewisse Genugthuung, ihr entgangen zu sein. Sie sollte merken, daß ich auch ohne sie zu leben vermöchte. Und dabei schmachtete ich armseliger Thor nach ihrer Gegenwart, ihrer Rede und ihrem Lächeln. Nein – fahrt dahin, Stolz des Weisen und Würde des Alters, dahin ihr Entschlüsse der Entsagung! Ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut. Sehr wahrscheinlich werde ich morgen einen Thorenstreich zu bereuen haben, aber der Drang des Herzens will seine Befriedigung, gleichviel, um welchen Preis. Ein Maskengarderobe-Laden war leicht gefunden, ein dunkelblauer Domino, eine Maske erstanden – ich ließ eine Droschke kommen und fuhr nach dem im Parke gelegenen Ballhause. Der Pförtner schaute mich verwundert an, ich war der erste Ballgast. Von dem Kellner, der mir eine Flasche Wein brachte, erfuhr ich, daß die rechte Lustigkeit und das bunteste Maskengewühl erst kurz vor Mitternacht seinen Anfang nähme. Eines vor Allem that mir not: Gelassenheit, ich war sonst nahe daran, die auffälligste Erscheinung des Balles zu werden.
Allmählich füllten sich die Säle mit Charaktermasken und Dominos. Mir waren diese wie jene gleichgiltig, ich suchte nur die Eine zu entdecken. Unter Tausenden hätte ich geglaubt, ihren Wuchs, ihre Haltung, ihren Gang heraus erkennen zu müssen – nun zeigte sich die Sache doch schwieriger, die Stimme des Herzens schwieg. Hinauf undhinab drängte ich mich durch das Gewühl, wiederholt angeredet von Stimmen, die mir unbekannt waren, und mit einer Stimme antwortend, die den Anderen so fremd klang, wie ihnen die meine. Ohne Absicht war ich so in die Nähe zweier schwarzen Dominos gekommen, die Hand in Hand mit einander gingen. Leise streifte ich die Eine, sie achtete nicht darauf, aber im nächsten Augenblick hörte ich sie halblaut zu ihrer Begleiterin sagen: »Da ist er!« Die Musik übertönte das Uebrige, allein mir genügten die drei kurzen Worte. Es war Elsa, offenbar mit einer befreundeten Schauspielerin. Da ist er – nur sie konnte mit diesem eigentümlich zitterndem eindringlichen Tone reden. Da ist er – wen hatte sie gemeint? wen konnte sie meinen? Hatte sie mich eher entdeckt als ich sie? Hatte die unwillkürliche Berührung ihres Gewandes mich verraten? Oh, oh! grollte es dagegen in mir, täusche dich doch nicht länger! Nicht von dir war die Rede, nicht deinetwegen ging sie auf diesen Ball. Herunter die Maske und betrachte dein runzeliges, häßliches Gesicht in einem der vielen Spiegel, welche die Wände zieren. Und dann entfliehe diesem Raum, wohin du nicht gehörst, vergrabe dich in deine Höhle, vertrinke deinen Gram wie ein alter Satyr, oder noch besser, hänge dich auf, Medicinalrat, ehe du eine Figur für die Posse wirst!
Und nun fing eine tolle Jagd an. Ich suchte ihr auf den Fersen zu bleiben und zugleich den Unbekannten zu entdecken, den sie ihrer Begleiterin bezeichnet hatte. Einmal war ich dicht hinter ihr, dann schob sich wieder eine Menschenwelle zwischen uns. Zuweilen blickte sie sich um, als hätte sie die Empfindung, daß sie verfolgt würde. Aber sie beschleunigte ihren Schritt darum nicht. Sie anzureden wagte ich nicht, meine Stimme würde mich verraten haben. Plötzlich, als die Paare sich zum Tanz ordneten und das Ganze zu einem buntschimmernden, in einander wirrenden, rasenden Wirbel wurde, war sie mir entrückt. Weder unterden Tanzenden noch unter denen, die zuschauten, vermochte ich sie zu entdecken. Eine geraume Weile verlief so, mir stand die Zeit still. Ich lehnte mich an eins der hohen Fensterkreuze des Saales und starrte beinahe gedankenlos in das jubelnde, lachende, walzende Gewühl. Der Wein, die Hitze im Saal, die rauschende Musik, das Drehen hin und her vor meinen Augen hatten mir einen dumpfen Schmerz im Kopf, Ohrensausen und Schwindel verursacht: ich war in der That auf einen Hexensabbat verschlagen worden. Zu Ende – die Musik schweigt. Was ist das? Alle drängen sich zusammen, zischeln mit einander, rücken an ihren Masken, ziehen ihre Uhren. – Und da – zwölf laute, dröhnende, weithin hallende Schläge. Neujahr! Prost Neujahr! schreien sie wie die Besessenen. Champagnerpfropfen knallen – und Hurrah! Hoch! Das Orchester bläst einen Tusch. Trink, Brüderchen, trink! Das neue Jahr soll leben! Und die alten Flammen! Was wir lieben, rosa Domino! Die Masken werden abgenommen, überall lachende, grinsende, erhitzte Gesichter, flatternde Locken, funkelnde Augen – Bacchanten und Mänaden! Was soll ich unter ihnen? In ihren Lärm und Taumel mit einstimmen? Mich von ihnen foppen lassen? In diesem Tumult Elsa suchen und sie am Arme eines Andern finden? Nein, ich rette mich ... Da entsteht ein Laufen, ein ängstliches Durcheinander, ein herzzerreißender Schrei ... ich kenne diesen Schrei! Und zugleich der Ruf: »Zu Hilfe, ein Arzt, ein Arzt!« »Hier! hier!« schreie ich, reiße mir die Larve, den Domino vom Leibe und arbeite mich durch das Gedränge. Alle machen mir Platz, ich komme aus dem Tanzsaal in den Nebensaal. – »Sie stirbt mir unter den Händen!« jammert eine Frauenstimme aus einer der Nischen. – Auf dem Divan liegt Elsa besinnungslos in Krämpfen, ein junger Arzt ist schon um sie beschäftigt, der den älteren, ihm bekannten Kollegen mit Freuden begrüßt. An ein Fragen, wie Alles gekommen,ist hier nicht zu denken, es gilt zu helfen. Unseren Bemühungen gelingt es, mit krampfstillenden Mitteln die Gewalt des Anfalls zu brechen. In einer halben Stunde ist es möglich, Elsa mit ihrer Begleiterin in einen Wagen zu schaffen, ich fahre sie nach Hause. Gesprochen wird kein Wort zwischen uns, obgleich sie mich erkannt hat, schlaff ruht ihre Hand in der meinen. Während sie mit Hilfe ihrer Zofe und meines Dieners hinaufgebracht wird, eile ich in die nächste Apotheke, um noch einige Medicamente herbeizuschaffen. Die Bereitung dauert länger, als ich gehofft; als ich zurückkehre, finde ich Elsa schon im Bett, unruhig, in Fieberphantasien. Ihre Zofe ist bei ihr. – »Ich werde mich im Salon in einen Lehnstuhl setzen,« sage ich, »und mit Ihnen wachen. Weinen Sie nicht, wenn der Krampf nicht wiederkehrt, ist es noch nicht gefährlich. Ruhe und Eisumschläge.«
Und nun sitze ich bei einer mit einem großen grünen Schirm verdeckten Lampe, im Halbdunkel, in meinem Ballstaat, die ängstlich hin- und herflackernde Flamme des mir theuersten Lebens bewachend. Welch' eine Neujahrsnacht! Daß Lüttow bei dem Unglück mit im Spiel gewesen, daß Elsa von einer dämonischen Macht angezogen, nur seinetwegen auf diesen Maskenball gegangen, stand bei mir fest, aber alle diese Nachgedanken, diese ohnmächtigen, leise zwischen den Zähnen gemurmelten Verwünschungen beseitigten das Uebel, verscheuchten das Schreckgespenst eines tödlichen Herzschlages nicht. In kurzen Pausen trat ich an ihr Bett, um zu sehen, ob das Pochen des Herzens sich mindere, ob die einschläfernden Mittel ihre Wirkung thäten. Halb aufgerichtet saß sie in den Kissen, mit geschlossenen Augen, gelblichweiß im Gesicht, aus der matt brennenden Lampe fiel nur wie verloren ein Lichtschimmer über sie hin. Endlich schien sich ein leichter Schlummer auf sie herabzusenken. Ich schlich in das Vorderzimmer zurück.
Die unglückliche Uhr mit ihrem lauten Pendelschlaghatte die Dienerin schon aus dem Schlafgemach fortgenommen, jetzt wollte ich auch den Pendel anhalten, nicht das leiseste Geräusch sollte Elsa's Schlaf stören. Erst da fiel mir ein, daß ich zum ersten Male das unselige, geheimnißvolle Werkzeug dieser ganzen Verwickelung mit Augen sah. Diese Uhr hatte mich zuerst peinlich und unangenehm auf meine Nachbarin aufmerksam gemacht, ihr gleichmäßiger, rauher, heiserer Schlag hatte alle Wandlungen unseres Verhältnisses begleitet. Gab es einen magischen Zusammenhang zwischen dieser Uhr und unserer Freundschaft? Endete die Freundschaft, wenn der Pendel der Uhr still stand?
Entschlossen streckte ich dennoch die Hand aus und hielt ihn an; niemals hatte mir sein Geräusch unheimlicher geklungen. Eine altmodische Uhr, von Gold, Elfenbein und Ebenholz in dem Geschmack des Empire, mit vergoldeten Säulchen und einem Giebelfeld darüber, an den Ecken Adler sitzend, auf der Spitze eine Figur mit fliegendem Gewande, die wohl den Genius der Zeit darstellen sollte – Alles in strengen, harten Linien. Aber das Wunderlichste ist ein kleines auf Elfenbein gemaltes, in die Mitte des Giebels eingelegtes Bild. Ich nehme die Lampe, um es genauer zu betrachten: es ist in Miniatur ein Brustbild der Kaiserin Josephine. Ich will meinen Augen nicht trauen, ein Nebel täuscht mich, ein Lichtschein – ein Schatten, der gerade so oder so fällt, bringt die Wirkung hervor. Allein wie ich auch die Lampe halte, hoch oder niedrig, nahe oder fern, wie ich auch meinen Platz ändere: es ist der Kopf, das Gesicht Josephinens. Und je länger ich nun die Uhr, die still, unbeweglich auf ihrer Konsole steht, betrachte, kommt sie mir bekannt und immer bekannter vor, die Adler, den Adlern auf den französischen Fahnenstangen nachgebildet, der davonfliehende Genius – ich habe sie schon gesehen! Wo gesehen – wie gesehen! Die Lampe zittert in meiner Hand, kaum daß ich sie auf den Tisch ungefährdet zurücksetzen kann. Ist es denn möglich! Ich nähere michElsa's Bett ... »Sie schläft,« flüstert mir die Zofe zu. Mit dem Gesicht der Wand zugewendet liegt sie da, ruhiger atmend. Es ist, als ob wir die Rollen umgetauscht hätten, als ob ihr Leiden jetzt in meinem Herzen wohne ... wie von einem unsichtbaren Schlage getroffen, sinke ich in den Sessel.
Eine Uhr aus der Napoleonischen Zeit ... es giebt hundert, tausend Uhren aus jenen Tagen. Auch wohl mit dem Bilde der Kaiserin Josephine. Muß die Uhr da vor mir gerade dieselbe sein, die ich vor vielen ... vor dreiundzwanzig Jahren gesehen, in einer Lage, der meine jetzige, hier auf dem Sessel, im Nachtwachen bei einer schwer Kranken, auf das Genaueste gleicht? Eine Uhr, deren grausamer Stundenschlag mir damals verkündigte, daß ich den Augenblick des Glücks für immer versäumt? Ja wohl für immer, wenn sie nicht durch einen Zufall in Elsa's Hände gekommen, wenn sie ein Erbstück ist – das Erbe ihrer Mutter! Keinen Blick kann ich von der Uhr abwenden, es ist, als ginge jene ganze holde schmerzliche Vergangenheit noch einmal an mir vorüber, als tauchte in dem Halbdunkel des Gemaches ein vielgeliebter Schatten auf, den erst Elsa's liebliche Wirklichkeit aus meinem Herzen zu vertreiben vermochte, als gäbe die tiefe Stille und die ängstliche Spannung meines Geistes der Phantasie eine doppelte Gewalt. Halb träumte ich und halb erlebte ich ein unvergessenes Abenteuer noch einmal.
Ich sitze in einem prächtig ausgestatteten Zimmer, vor mir dieselbe Uhr auf einer marmornen Konsole, das große Fenster ist geöffnet, Lindenblütenduft haucht hinein, der süße Schauer einer Mondscheinnacht, durch die hohen Bäume des Gartens geht zuweilen ein sanftes Säuseln. Mir gegenüber liegt halb ausgestreckt angstvoll, übernächtig auf dem Sofa eine schöne blasse Frau, die Hände wie zum Gebet gefaltet – zu einem Gebet ohne Worte. Daneben ruht ihr Kind in Todesgefahr, ihr einziges, zweijährigesTöchterchen ... Ein Schul- und Universitätsfreund, ein reicher Gutsbesitzer in der Rheinprovinz, hatte mich eingeladen, einige Zeit auf seinem Gute zu verweilen; bei einem Besuche in der Hauptstadt hatte den treuen Kameraden mein krankhaftes Aussehen erschreckt: du gehst zu Grunde, wenn du keine Unterbrechung in deinen Studien und Arbeiten eintreten lässest, hatte er ärgerlich ausgerufen. Ich hatte seinen Bitten nachgegeben und war zu ihm gekommen. Seit zwei Wochen wohnte ich nun bei ihm, in herrlichster Lage, in der Nähe des schönen Stromes, mitten in den Weinbergen des Rheingaus; dem Ufergelände entlang reihten sich in mäßiger Entfernung von einander Städtchen, Dörfer, Landhäuser; Dampfschiffe, Segelboote, Nachen belebten beständig den Fluß, überall ein munteres, geschäftiges, wie vom Weinduft angehauchtes Treiben. Landschaft und Leute wirkten wohlthuend, erfrischend auf mich ein. Nicht nur ins Gesicht, die Junisonne schien mir auch in das Herz. Am Fuß des Hügels, auf dem sich das Haus meines Freundes erhob, stand eine kleine Villa inmitten eines großen Gartens, die hellen Fenster auf den Strom gerichtet. Sie gehörte einem der reichsten Kaufleute in der Hauptstadt der Provinz, der in jedem Jahre den Septembermonat darin zuzubringen pflegte: jetzt hielt sich seine Gattin mit ihrem Töchterchen in dem Landhause auf. Zwischen der Familie meines Freundes und der Frau Friederike bestand ein höflicher nachbarlicher Verkehr, näher war man einander nicht gekommen. Die Gattin meines lieben Wirts hatte für die feine, verzärtelte Städterin etwas zu derbe Formen, sie war schnell mit der Zunge wie mit der Hand, während Frau Friederike an sich hielt und in ihrer vornehm lässigen Weise Dinge und Menschen mehr von sich entfernte, als sie eifrig in ihren Kreis zog. Wir Männer redeten auf unseren Spaziergängen oft von ihr: bald begegneten wir ihr, wenn sie im Wagen einherfuhr oder mit ihrem Kinde an der Hand unter den Bäumen ihres Gartens auf- und abwandelte,den nur eine Hecke und ein niedriges Gitter von der Fahrstraße schied. Und niemand konnte Frau Friederike sehen, ohne sich noch einmal, wenn sie ihm vorübergegangen, verwundert nach ihr umzuschauen. Sie war eine Frau von wunderbarer Schönheit, eine Raphaelische Madonnenfigur mit einem leisen Zuge des Leidens im Gesicht, der halb eine körperliche Schwäche anzudeuten, halb die ungestillte Sehnsucht des Gemüts nach einer schöneren Welt auszudrücken schien. Sanftmütig, nicht von schnellem und scharfem Geiste, aber voll tiefer Empfindung schilderte sie mir der Freund; was ich von ihr sah und hörte, denn ein und ein anderes Mal war sie in dem Hause auf dem Hügel, wir in ihrer Villa gewesen, ergriff mich weit über den Grad des Eindrucks, den bisher noch ein weibliches Wesen auf mich gemacht hatte. Sie stand etwa in meinem Alter und behandelte mich, für eine so reiche und ausschließliche Dame, wie sie es war, mit besonderer Güte. Von dem Freunde erfuhr ich, daß sie nicht glücklich verheiratet sei. Also unglücklich? An einen Mann, der sie nicht verdient, der sie peinigt, einen Tyrannen? fragte ich erregt. Von dem Allen war nicht die Rede. Der Mann, in der Mitte der vierziger Jahre, behandelte sie mit der größten Achtung und Freundlichkeit, und auch ihr entschlüpfte niemals ein Wort des Verdrusses oder der Klage über ihn; sie paßten eben nicht für einander: sie eine schwebende Natur mit ätherischem Anfluge, er fest und hart in der Welt der Thatsachen wurzelnd, ohne Neigung, sich daraus zu erheben. Bei ihrer Stille und sanften Anmut mochte er kaum bemerken, daß die Uebereinstimmung ihrer Seelen fehle; die Zärtlichkeit, die sie entbehrte, bedurfte er nicht. So beschrieb mir der Freund das Verhältniß der beiden Gatten, und er wird wohl das Richtige getroffen haben; ich selbst habe den Mann nie gesehen.
Ein Unglücksfall verband mich dann inniger mit Friederiken. Eines späten Abends kam atemlos einer ihrerDiener herauf geeilt: das Töchterchen der gnädigen Frau sei erkrankt, der Arzt im nahegelegenen Flecken über Land gefahren, ich möchte mich des kranken Kindes annehmen. »Rette es,« rief der Freund mir zu, »hier geht für dich der Weg zum Ruhm!« Was dachte ich in jenem Augenblick an den Ruhm, an die Zukunft! Ich hatte nur Sinn für Friederikens Angst und Verzweiflung, ich flog den Hügel hinunter. Als ich dann vor ihr stand, ihr in das thränenüberströmte, schmerzvoll zuckende Antlitz blickte, ergriff mich eine unbeschreibliche, so noch niemals empfundene Bewegung, als ob ein neues Element in meinen Körper gekommen. Es war eine furchtbare Nacht; das Kind war von einem gefährlichen Anfall der Diphtheritis ergriffen worden, und mehr als einmal schwebte der Todesengel dicht an ihm vorüber – dicht, wie jetzt an Elsa! War ich in beiden Fällen die Hand, der sich das Schicksal bediente, ein und dasselbe Leben zu retten? Und beide Male zu meinem Verderben!
Diese Nacht mit ihren Schrecken hatte Friederike und mich einander mehr genähert, als eine langjährige gleichgiltige Bekanntschaft es gethan haben würde. In der gleichen Sorge enthüllte sich unabsichtlich das Innerste unseres Wesens, Jedes fand in dem Herzen des Andern etwas wie das Echo des eigenen. Die Krankheit des Kindes gestattete keine Trennung; kaum war der Anfall beseitigt, zeigten sich Spuren des Scharlachfiebers, das zwar nur leicht auftrat, aber die einmal in Angst versetzte Mutter nicht aus der erregten Spannung ließ. In ihrer freudlosen Ehe war die Tochter ihr einziger Trost, ihre einzige Freude; es schien ihr, als könnte sie den Verlust derselben nicht überleben. Ihr Gemahl befand sich gerade auf einer Geschäftsreise in England; er bat sie, ihm jeden Tag Nachricht von dem Befinden des Kindes zu geben, aber sie schalt es herzlos, daß er nicht ohne Zögern alle seine Geschäfte hatte fallen lassen und an das Lager der kleinenElsbeth geeilt war. Mein Gastfreund nannte das eine Uebertreibung der Mutterliebe; ich aber stimmte ganz mit Friederike überein: wenn nicht des Kindes, doch einer solchen Mutter wegen hätte der Vater kommen müssen; wie konnte man diesem Weibe gegenüber nur den leidigen Gelderwerb in die Wagschale legen! So geschah es, daß Friederike sich immer lebhafter und inniger an mich anschloß. Wenn ich mit ihr zusammen den Schlaf der Kleinen überwachte, ihre Besorgnisse und Kümmernisse anhörte, zu zerstreuen suchte oder meinen Teil daran forderte, ihr ein Buch vorlas, dem Kind ein Spielwerk mitbrachte, erfüllte ich in ihren Augen die Pflichten eines wirklichen Vaters; unmerklich schob ich den wahren Vater, den Entfernten, aus seiner Stellung. Ich that, was er hätte thun sollen, und da mein Alter und meine Gemütsart besser zu Friederikens Jahren und Ansichten stimmten, als die seinigen, galt ich ihr bald als der vorzüglichere Mann. Meine Empfindung für sie war die der reinsten Verehrung; ich sah und betete etwas in ihr wie das Ideal des Weibes an, eine Mischung von Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit, wie ich sie bisher nur in den Werken der großen Maler angestaunt hatte, ohne an ihre irdische Verkörperung glauben zu können.
Nicht wenig trug der Gegensatz, in dem Friederikens poesievolle Erscheinung zu der trockenen Prosa meiner gutmütigen Wirtin stand, dazu bei, diesen Glorienschein um ihr liebliches Haupt täglich zu erneuen. Wohl erkannte ich, daß die zugleich glänzende und reizende Umgebung Friederikens den Zauber ihrer Gegenwart verstärkte; nur zu gut wußte ich aus eigener trauriger Erfahrung, welche Feindin eines schönen Lebens, einer sich immer gleich bleibenden würdigen und anmutigen Haltung die Armut, die Dürftigkeit ist – aber vielleicht, sagte ich mir, ist das Glück auch das größte Verdienst. Wenn es solche auserwählte Wesen nicht gäbe, denen die gemeine Sorge um das tägliche Brot, die Anstrengung und Mühe des Kampfes umdas Dasein niemals den heitern Wechsel ihrer Tage und das gefällige Spiel der Erscheinungen stört oder trübt, wie armselig wäre die Erde! Sie sind in der Menschenwelt, was die schöne Landschaft in der Natur ist. Indem wir sie erblicken, fühlt sich unser Herz erfreut und erhoben, wie bei einem Blick von der Bergeshöhe in ein entzückendes Thal. Gemeine Seelen mögen sie beneiden, edlere begrüßen sie als den höchsten Ausdruck menschlicher Vollkommenheit. Ich konnte mir Friederike nicht anders als im Reichtum, inmitten wohlgeordneter Verhältnisse denken; der Harmonie ihres Wesens mußte die Ordnung und Sauberkeit des Aeußeren entsprechen.
»Du bist noch nicht weit und viel in der Welt umhergeschleudert worden,« meinte der erfahrene Freund bei meinem begeisterten Lob der schönen Frau, »und hast noch zu wenig Frauen in ähnlicher Lage kennen gelernt; du bist wie ein junger Mönch, der aus der Klosterschule seinen ersten Schritt ins Leben thut und überall Engel oder Teufel sieht.«
Nein – der Freund hatte Unrecht; hundert und aberhundert reiche und vornehme Frauen habe ich seitdem in nächster Nähe, mit und ohne Schleier gesehen, aber eine Friederike habe ich nie wieder gefunden!
Wohin mein Gefühl mich führen könnte – ich ahnte es nicht. Ohne Rück- wie ohne Vorgedanken überließ ich mich der Gegenwart. Ich weilte wie in einem verzauberten Garten. Gerade genug, daß die Sorge um das langsam genesende Kind noch an die Wirklichkeit erinnerte und mich immer wieder aus dem Labyrinth der Empfindungen zurückzog. So unendlich erhaben dünkte mich Friederike, daß ich fest überzeugt war, meine Augen würden nie anders als wie zu einem Heiligenbild zu ihr emporschauen. Und ahnungslos des Abgrunds, dem wir entgegentrieben, war auch sie in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft. Sie hatte nach einem Retter ihres Kindes gerufen und ihnin mir gefunden. Die Dankbarkeit, die sie jedem andern an meiner Stelle ebenso gewidmet haben würde, erhielt durch die Einsamkeit, in der sie lebte, durch den Unmut über die Hartherzigkeit ihres Gatten, durch die Aehnlichkeit unseres Wesens, wie ich glaube, eine wärmere Färbung. Darüber hinaus dachte und sorgte sie nicht. Erst als es zu spät war, blickte sie auf den Weg zurück, den wir gewandelt. Und niemals waren zwei Menschen einen lieblicheren dahingegangen. Als die fortschreitende Genesung des Kindes meine täglichen Besuche und noch mehr mein stundenlanges Verweilen in Friederikens Hause unnötig machte, hatten wir uns schon so sehr in diese Gewohnheit hineingelebt, daß uns das Aufhören derselben mehr erschreckt haben würde, als das Fortsetzen. Nach wie vor erschien ich am Morgen in der Villa, nach wie vor blieb ich am Abend. Ich war der Hausgenosse, dessen Erscheinen zu jeder Zeit nicht einmal der Dienerschaft mehr auffiel, der Hausfreund, den der Gemahl in seinen kurzen Briefen nie zu grüßen vergaß. Eine Weile bildete noch das Kind, die um sein Wohl und Wehe ausgestandenen Aengste und Beschwerden den Mittelpunkt unserer Gespräche, aber allmählich suchten sie andere Stoffe und Ziele. Wir lasen zusammen in unseren Dichtern, neben einander schritten wir durch die schattigen Laubgänge des Gartens oder schauten von der Terrasse auf den im Abendrot schimmernden Strom und die gegenüberliegenden Berge.
Es war, wie man nun will, unser Glück oder unser Unglück, daß für mich wie für Friederike eine zärtliche, schwärmerische, romantische Neigung noch eine ungekostete Frucht vom Baume der Erkenntniß war: sie hatte ohne Liebe, aber auch ohne Widerwillen ihrem Gatten vor fünf Jahren die Hand gereicht und in ihrem Lebenskreise Keinen getroffen, der ihr ein wärmeres Gefühl erweckt, dem sie ein größeres Vertrauen hätte schenken können, als eben ihm; mir war in harter, unablässiger Arbeit der Umgang mitMädchen und Frauen beinahe ganz verwehrt gewesen – ich hatte mit der Welt um das Dasein ringend keine Muße für Liebeständeleien, nicht einmal für eine Schülerliebe gefunden. Den Naturtrieb kannten wir beide; aber was die Liebe ist, war uns unbekannt wie der Apfel der Hesperiden. Wir hatten von idealischen Gefühlen bisher nur gelesen und geträumt, jetzt erlebten und erlitten wir selbst sie.
Welche Stunden! Hätten sie ewig dauern oder wir doch mit ihnen schmerz- und schuldlos in die Unendlichkeit versinken können! Freilich damals freuten wir uns jedes neuen sonnigen Tages, der uns aufstieg. Dieselbe Uhr, die mir jetzt regungslos gegenübersteht, der einzige Zeuge jener Vergangenheit, der letzte Rest, der von ihr geblieben, wie oft gebot uns ihr Weiser Trennung. Ein Erbstück noch von der Großmutter her, schmückte die altmodische Uhr das Lieblingszimmer Friederikens im Erdgeschoß. Von unseren Wandelgängen durch den Garten zurückgekehrt, sagten wir uns hier, wenn die Uhr die zehnte Stunde verkündigte, Lebewohl. Wie berauscht stieg ich dann den Hügel hinauf, um noch lange am offenen Fenster stehend auf die dunklen Wipfel ihrer Bäume herabzuschauen, die in ihrem Schatten sie, ihr Kind und ihr Haus einschlossen und verbargen. Ich hatte ihr meine ganze Jugendgeschichte erzählen müssen, bis zu dem Tage, an dem ich sie zum ersten Male gesehen, der für mich einen neuen Lebensabschnitt bezeichnete. Es war im Vollmondschein; wir gingen unter den Platanen hin und wieder, zuweilen fiel das Mondlicht auf ihr Gesicht, daß es wundersam erglänzte; unsere Hände suchten und verschränkten sich in einander ... da entfloh mir das erste Liebeswort. Sie zuckte zusammen, sie erwiderte nichts, aber sie duldete doch, daß ich ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Ich wollte vor ihr niederfallen, ihre Kniee umfassen – »Gotthold! Gotthold!« hauchte sie leise, und ihre Lippen berührten meine Stirn. Im nächsten Augenblick war sie entschwunden. Ich wagteihr nicht zu folgen; glückselig irrte ich unter den Bäumen hinauf und hinab. Als ich endlich in den Salon zurückkam, Abschied zu nehmen und meinen Hut zu holen, saß sie am Tisch und blickte ohne zu lesen in ein Buch. Bei meinem Eintritt fuhr sie empor – eine Sekunde standen wir uns so wortlos mit fliegenden Pulsen und glühenden Gesichtern gegenüber. »Gute Nacht, liebe gnädige Frau!« stammelte ich. Da warf sie sich heftig weinend an meine Brust, küßte mich unter Thränen und rief: »Nun gehe, gehe!« Und sie drängte mich zur Thür. Ein Klügerer oder ein Kühnerer würde geblieben sein und es auf eine nochmalige Abweisung haben ankommen lassen, aber ich war ein Neuling in der Liebe und zu gewohnt, jedem ihrer Winke zu folgen. Auch getraute ich mich in meiner Zaghaftigkeit gar nicht an mein volles Glück zu glauben und fürchtete, wenn ich fest danach griffe, würde es mir in leere Luft zerrinnen. Sie mich lieben! dies Götterbild sich zu mir herabneigen – nicht im verwegensten Traume hätte ich es gefordert, und nun war es Wirklichkeit. Was wollte, was konnte ich noch mehr wollen?
In jener Nacht nichts mehr, das große unverdiente Glück hatte alle geringeren Wünsche verschlungen. Denn im ersten Rausch einer schwärmerischen Jugendliebe erscheint die Seligkeit, wieder geliebt zu werden, als der Inbegriff alles Höchsten und Begehrenswerten; das Herz wagt sich noch gar nicht an den Gedanken, die Geliebte zu besitzen, heran. Nichts trübte mir darum den Vollgenuß jener Stunden. Am nächsten Tage fiel freilich der Schatten des Irdischen wieder auf unsern Weg. Mit seltsamer Scheu, wie ich sie bisher an der ihres Wesens und ihrer Rede so sicheren Frau noch nicht wahrgenommen, begegnete sie mir; sie vermied es, mit mir allein zu sein, und behielt ihr Töchterchen um sich, es bald an der Hand fassend, bald es auffordernd, auf dem Teppich zu ihren Füßen zu spielen. Viel früher als sonst verabschiedete sie mich, unter demVorwande, daß sie noch Briefe zu schreiben habe, und als ich sie anschaute und »Friederike!« rief, erwiderte sie meinen Blick mit so bittendem, so herzrührendem Ausdruck ihrer Augen, daß ich nichts anderes zu thun vermochte, als zu gehen. Lange brauchte ich nicht nach der Ursache ihres Benehmens zu suchen: gerade als ich aus der Gartenpforte ging, übergab der Briefträger dem Hausdiener einen Brief – »Ach! vom Herrn!« sagte der, nachdem er die Aufschrift angesehen. Und damit sank die Last, die ihre Seele bedrückte, auch auf die meinige. Sie war vermählt, einem andern hatte sie Treue gelobt – wir standen vor einer Schuld. Eine quälende Unruhe ergriff mich. Ich war unter dem kategorischen Imperativ der Pflicht erzogen worden und hatte danach mein Leben eingerichtet. Wollte ich aufrichtig sein, konnte ich nicht einmal sagen, daß es mir seelisch schwer geworden, bis dahin alle meine Pflichten nach Kräften zu erfüllen. Hart hatte ich arbeiten müssen, Lieblingsplänen entsagt, auf den schönen Schein der Welt verzichtet, statt frei und ganz mich der Wissenschaft hinzugeben, als Tagelöhner gedient: aber ich hatte das alles wie eine Bestimmung auf mich genommen und mich nicht lange mit unnützen Gedanken aufgehalten. Jetzt zum ersten Male entbrannte in meinem Innern ein harter Kampf. Der Scheideweg des Herkules war da. Die eine Erkenntniß führte die andere herbei; waren wir schon zur Hälfte schuldig geworden, wie lange konnte es währen, und wir wurden es in jedem Sinne! Weil wir wußten, daß wir an eine verbotene Frucht gerührt, mußte sie bald doppelt verlockend für uns werden. Nur die Flucht konnte mich davor bewahren, sie zu brechen. Aber Friederike fliehen! Für immer mich von ihr losreißen, jeder Hoffnung, sie wiederzusehen, zu entsagen: es war zu viel! Und mußte denn gleich das Aeußerste geschehen, konnte unsere Liebe nicht auch ferner rein im reinen Gewande bleiben?
So war ich denn am nächsten Tage wieder in der Villa.Wie wir beide uns ansahen – so hatten wir uns noch nie angesehen, auch damals nicht, als ich ihr meine Liebe gestanden.
»Sie wollten mich verlassen,« sagte Friederike nach den ersten in der Gegenwart der Dienerin und des Kindes gewechselten Begrüßungsworten, als wir allein waren, »ich habe die Nacht in schmerzlichen Gedanken durchwacht, und die Ahnung zerriß mir das Herz, daß Sie auf Flucht sännen, auf Flucht vor der Liebe und vor mir.«
»O Friederike, Sie allein haben über mich zu gebieten! Ein Wort von Ihnen heißt mich bleiben oder vertreibt mich. Sprechen Sie dies Wort; ich höre auf keine andere Stimme als die Ihrige, bei Ihnen liegt die Entscheidung meines Schicksals.«
»Kann ich dies Wort denn sprechen, Gotthold? Wie wäre ich darauf verfallen, daß Sie mich fliehen wollten, wenn ich nicht selbst den Gedanken unserer Trennung in mir erwogen hätte! Durch ein unlösliches Band bin ich mit einem Anderen verbunden – und doch kann ich Ihnen nicht sagen: verlaß mich. Wenn Sie von mir gingen – ich weiß nicht, was geschähe, aber selber mein Unglück zu vollenden, dazu fehlt mir die Kraft.«
»Und warum sollte ich Sie fliehen,« entgegnete ich in der Selbstbethörung der Leidenschaft, »da ich Sie wie eine Heilige verehre, da ich keinen andern Wunsch hege, als Sie glücklich und ruhig zu sehen« ... und was uns in solcher Lage noch weiter der Wahn, Meister unsers Willens zu bleiben, und die Hoffnung, daß die Seele so wie jetzt immer über die Begierden der Sinnlichkeit triumphiren werde, auf die Lippen legen – eitle, fadenscheinige Gründe, wenn sie nicht an eine Frau gerichtet würden, deren Herz nichts weiter verlangt, als bethört zu werden. So viel schwärmten wir einander von hingebender Freundschaft, von unentweihter Seelensympathie und platonischer Liebe vor, daß wir an jenem Abend überzeugt waren: wir würden amAbsturz nicht straucheln. »Wir haben einen Engel, der uns beschützen wird,« sagte Friederike und schloß ihr Töchterchen in ihre Arme, »ich habe es geboren, du hast es gerettet, lege deine Hand auf dies unschuldige Haupt, daß wir niemals vor diesem Kinde zu erröten brauchen.«
Mein Gastfreund mochte sich das Seinige von meinen Besuchen in der Villa denken, er gehörte in Liebessachen nicht zu den strengen Moralisten, sondern eher zu denen, die mutig ein gutes Glück erhaschen und festhalten, wo und wie es sich ihnen bietet. Unsere Gefühlsentzückungen würde er einfach als überwundene Romantik zurückgewiesen haben. So gab es niemand, der uns hätte raten können – als ob wir noch Rat angenommen! Wir waren eben in der Gewalt einer übermächtigen Leidenschaft, die mit uns ihr grausames Spiel trieb und uns bald mit heftigem Anreiz, bald mit dem Martyrium der Entsagung quälte. Eins nur war gewiß, in diesen vier Tagen war trotz aller guten Vorsätze unser Handdruck zärtlicher und unser Lebewohl länger geworden. Immer, wenn die Stunde des Aufbruchs schlug, hatten wir uns noch etwas zu sagen, immer schwerer wurde die Trennung. Wir hüteten uns wohl, unsere Stimmung in ein Wort zu fassen, aber statt dessen redeten die Blicke. Stumm und doch verständlich leuchtete in ihnen Frage und Antwort, ein schüchternes Verlangen, ein halbes Gewähren auf. Eines Abends war sie besonders erregt, in stürmischer Hast, voll wechselnder Launen – ich schob es auf die Schwüle der Luft, ein Gewitter zog von Süden her den Strom hinunter. Von den verschiedensten Dingen hatten wir gesprochen, wie wir uns einander schreiben wollten, daß ich aus der Hauptstadt nach ihrem Wohnsitz ziehen sollte, daß mir ihr Einfluß und der ihrer Verwandten bald eine auskömmliche Praxis dort verschaffen würde, von der Schönheit des Sommers, von der Kürze des Lebens, von der Bedürftigkeit des Menschen und der Unsterblichkeit der Seele, wie das Loos der Armen an Geist und Herzauf Erden das glücklichste wäre – alles wirr und kraus durcheinander, wie Menschen, die den Gegenstand, der sie einzig beschäftigt, nicht zu berühren wagen. Endlich faßte sie Mut: »Gotthold, am Sonntag trifft mein Mann hier ein –« und ihrer Gefühle nicht mehr Herrin, brach sie in ein wildes Schluchzen und Weinen aus.
»Dein Mann?« fragte ich zurück, nicht weniger entsetzt, als sie: das Unerwartete schlug mich nieder.
»Er ist heute in Ostende, morgen wird er in Köln sein – er will das Kind sehen.«
»Und du?«
»Und ich!« brach sie leidenschaftlich aus. »Ich bin das unglückseligste Weib. Einem Mann verbunden zu sein, sich ihm versprochen zu haben für Tod und Leben, den man nicht liebt, ist ein Elend, aber es ist erträglich, so lange man nicht liebt. Aber ich liebe dich – dich allein und kann nicht länger die Seine sein. Der bloße Gedanke erregt mir einen tödlichen Schauer, ich bin entwürdigt in seinen Armen.«
Mit entfesselten Haaren stürmte sie durch das Gemach, in dem Sturm, der ihr Innerstes aufwühlte, hatte sie all ihre sonstige Gemessenheit verloren. Zu der Spannung unserer Gemüter stimmte das Rollen des heranziehenden Gewitters und der Widerschein des fernen Blitzes.
»Giebt es etwas Bejammernswerteres als ein Weib?« fuhr sie heftig fort. »Sie ist die Sklavin, die Puppe, die Beute des Mannes, der sie erworben. Es fällt ihm nicht ein, nach den Bedürfnissen ihres Herzens zu fragen – genug, wenn er für sie sorgt, er ist dann schon der beste Gatte, dem sie Gehorsam und Treue schuldet.«
»Denke nicht mehr an ihn,« unterbrach ich sie, »wir sind beisammen, Friederike, ich liebe dich, keine Macht soll dich jetzt mir entreißen; die Liebe ist das höchste Gefühl, das uns gegeben ward, sie allein hat Recht vor allen anderen Gesetzen und Pflichten.«
Sie hatte eine Weile am Fenster gestanden und in das Blitzgefunkel hineingestarrt, jetzt umschlang ich sie mit meinen Armen.
»Durch dich lebe ich erst und soll dich nun aufgeben, Friederike, dich für immer verlieren, ohne dich je besessen zu haben, und dabei zu wissen, daß du mich liebst – sei mein! sei mein!« flehte ich.
In ihren Thränen war sie widerstandslos; das lange, seidene, sie umflutende Haar, das unter der Berührung meiner Hand leise knisterte, wie elektrische Funken, die Unordnung ihrer Kleidung machten sie noch verführerischer und begehrenswerter. »Mutter! Mutter!« rief es da nebenan – die Stimme des Kindes, das ein stärkerer Donnerschlag aus seinem Schlafe geschreckt hatte. Ich werde nie den Blick vergessen, mit dem mich Friederike bei diesem Rufe anschaute. Sie riß die Glasthür, welche den Salon von dem Nebenzimmer trennte, auf und kniete neben dem Bette Elsbeth's nieder. Und in demselben Moment hob die Uhr – dieselbe Uhr, die mir jetzt wieder gegenübersteht, aus und schlug die zwölfte Stunde. Die Glasthür stand offen, mit ihren Liebkosungen und tröstenden Worten hatte die Mutter das schlaftrunkene Kind bald wieder eingewiegt, das Wetter, das einen Augenblick über unsern Häuptern gestanden, schien sich fernab von uns nach dem jenseitigen Ufer hinüberzuziehen – noch hatte der Zeiger auf dem Ziffernblatt nicht zehn Minuten zurückgelegt, aber in uns beiden hatte sich ein Umschwung vollzogen. Schon damals wäre es mir nicht möglich gewesen, was in mir vorging, genau zu schildern, wie vermöchte ich es jetzt nach dreiundzwanzig Jahren! Ihre rührende Schönheit, die Schuldlosigkeit ihres bisherigen Lebens – und dagegen eine schuldvolle, ungewisse Zukunft, das Versprechen, das wir uns gegeben, die dunkle Furcht, daß der Augenblick des Glückes durch viele Stunden des Grames und der Reue gebüßt werden müßte, die letzte Regung der Tugend, die sich noch einmal, halbbesiegt im Kampf mit der Leidenschaft, aufrichtet – alles drängte sich mir wie auf einen Punkt, wie in einen Strahl zusammen, der mein Herz durchbohrte. Es war mir, als gingen auf dem Ziffernblatt der Uhr gespenstisch alle Stunden, die ich schon gelebt und die ich noch leben würde, vorüber – die ersten mit ernst ruhigem Gesicht, leicht beflügelte Gestalten, die andern, das Auge am Boden oder scheu sich umblickend, die Hände ringend, blaß und verstört, als wären die verfolgenden Furien auf ihren Fersen.