Drittes Buch
XIX
Auf den Düsseldorfer Gemüsemarkt schien prall und stechend die Herbstsonne. Wenn auch die Bauern über Mangel an Arbeitskräften beim Gemüsebau schwer gestöhnt hatten, diese letzten feuchten, treibhauswarmen Septemberwochen hatten dem Kappes noch gut gethan, ganze Karren voll herrlicher Kohlköpfe waren heute von Dorf Hamm her in die Stadt gerumpelt; schon am frühen Morgen weckte das unablässige Rollen der Räder die Bürger aus dem Schlaf: aha, Markttag!
Um den alten Jan Willem drängten sich die Marktleute; in der Mitte, am Standbild, waren die begehrtesten Plätze, da hatten die reichsten Bauern eine Leinenbedachung über ihre Körbe aufgeschlagen, oder unter großen, von Wind und Wetter mißfarben gewordenen Schirmen leuchteten die hellen Kopftücher der Weiber. Ein ganzes, fast unübersehbares Feldlager von Körben und Kiepen; einzelne Vorposten weit hinausgeschoben bis in die auf den Markt einmündenden Straßen. Am Burgplatz eine mehrreihige Auffahrt von Wagen und Karren.
Zwischen Körben und Kiepen durch schlängeln sichdie Käufer: einfachere Bürgersfrauen, Kinder an Hand und Rock, Dienstmädchen in Gedruckskleidern und Siamosenschürzen, feine Damen, die sich von der Magd den Korb tragen lassen, behagliche Rentner, die gern das neueste vom Jahr essen und sich über die Preise orientieren, Handwerker, die ihre heute zu Hause in Anspruch genommene Ehehälfte vertreten, junge Leute, Maler augenscheinlich, die das Marktbild studieren, und Offiziersburschen in blau-weiß gestreiftem Drillich. Ein lebhaftes Gewimmel, ein anpreisendes Rufen und stetes Gesumm. Viele Farben: frisches Grün der Gemüse, leuchtendes Weiß der Eier und der sauberen Buttertücher, köstliche Reife herbstlicher Früchte, rot, gelb und blau; ein tiefgefärbter Himmel und goldener Sonnenglanz. Aber auch viel Schwarz – Trauerkleider – ein düsterer Unterton in der reichen Skala der Farben.
Die ersten Hasen waren heut zu Markt gebracht worden, und in den Körben lagen hochaufgeschüttet mit zart-duftigem Anhauch die ersten Zwetschgen. »Wie pure Honig,« versicherten die Marktweiber, »probiert ens, Madam, dat es jett Leckers!«
Aber doch lockten sie wenig Käufer. Manches Auge blickte zwar begehrlich, manche Kinderhand zupfte an der Mutter Rock, aber nur die Rheinkadetten, die vom Strom herangebummelt kamen, ließen sich von den Pflaumen in die Mütze messen. So billig wie dies Jahr, kamen sie sonst nicht zu Obst, es galt heuer rein gar nichts, denn niemand wollte es kaufen. Aber sie aßen mit Behagen: nur nicht bang, eine ›Bangbüx‹ kriegt sie am allerersten!Nur dreist sie auf’s Korn genommen, – piff, paff, trara – da hat sie keine Courage, einen anzupacken!
Arm in Arm dahinstapfend, sangen die kräftigen Kerle:
»Eins, zwei, dreiWir sechsundsechziger MusketiereSchießen mit Blei!«
»Eins, zwei, dreiWir sechsundsechziger MusketiereSchießen mit Blei!«
»Eins, zwei, dreiWir sechsundsechziger MusketiereSchießen mit Blei!«
»Eins, zwei, drei
Wir sechsundsechziger Musketiere
Schießen mit Blei!«
Sie waren fast alle diesen Sommer mit im Krieg gewesen. Da am Rathaus baumelten noch die Guirlanden: ›Den Siegern von 66!‹ Noch prangten unter welken Kränzen die Tafeln mit den Schlachtennamen: Langensalza, Kissingen, Hammelburg, Gitschin, Nachod, Königgrätz. Und Sieger über hunderttausend Österreicher sollten sich vor ein bißchen Cholera fürchten?!
Die Zwetschgenkerne im Bogen auf’s Pflaster spuckend, nahmen die Rheinarbeiter ihren Weg zu irgend einer Schifferkneipe, um, nebst einem Cholerabittern, noch eine neue Gurke oder einen grünen Hering zu verzehren.
Fast ängstlich schauten die Bürger ihnen nach: O je! Morgen früh würde man im Blättchen wieder von neuen Erkrankungen lesen; in der Ritterstraße, in der Liefergasse und auch hinter der Ratinger Mauer, da hatte die Cholera so recht ihr Nest. Daß das Volk auch nicht klug wurde, sich Choleraleibbinden anschaffte und mit Suppen und ordentlicher Fleischkost nährte! Freilich, das Fleisch war jetzt unverschämt teuer, für Arme schier unerschwinglich. Nette Zustände das! Nicht allein, daß die Cholera einem das Behagen störte, nun munkelte man auch noch von Rinderpest; allenthalben hatte die Polizei die Viehställe geschlossen.
Ach ja – mancher Bürger schüttelte ärgerlich den Kopf, – all das Malheur kam von dem Krieg, dem unseligen Bruderkrieg! Wie konnte der König Wilhelm auch dem Premierminister, dem von Bismarck, so ganz und gar sein Ohr schenken?! Waren die Österreicher denn nicht deutsche Brüder, und die Hannoveraner, die Hessen, die Nassauer, die Sachsen, die Bayern erst recht? Aber dem von Bismarck war eben alles egal; ›Blut und Eisen!‹ hieß dessen ganze Politik – wär’ der nur, wo der Pfeffer wächst!
Ach, keine Hoffnung, der von Bismarck stand fest, den traf selbst eine Kugel nicht; der war gepanzert.
Und was hatte es genutzt, daß die Bürgerschaft von Köln und Düsseldorf und Krefeld, Dortmund, Duisburg, Iserlohn, Elberfeld-Barmen und noch vieler andrer Städte seinerzeit dem König Adresse auf Adresse geschickt:
›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen schwerlich entbehren kann.‹
›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen schwerlich entbehren kann.‹
All diese Rufe, die Bitten und Klagen waren ungehört verhallt. Die widerwillige Haltung der einberufenen Landwehrmänner und der, schon wieder aus ihrer Familie und ihrem Erwerb herausgerissenen Reservisten wurde nicht beachtet. Der von Bismarck hatte gesprochen, und seine mächtige Stimme übertönte alles:ein preußisches Deutschland! Jawohl, so war’s, so stand’s im Blättchen: Deutschland sollte mittels des Zündnadelgewehrs zu Großpreußen gemacht werden! So, dafür also hatte man seineSöhne in den Kampf schicken müssen? War’s nicht genug, daß jetzt jährlich weit über sechzigtausend Rekruten ausgehoben wurden? Daß man die Reservedienstpflicht von fünf auf sieben Jahre erhöht, die Stärke der Regimenter verdoppelt und sogar noch zehn neue kostspielige Kavallerieregimenter eingestellt hatte? Mußte denn auch gleich die neue Heeresmacht ausgenutzt werden? Blut und Eisen, jawohl, aber Handel und Wandel mußten darunter leiden. Was verschlang solch ein Heer, solch ein Krieg für schönes Geld! Dafür hatte man wahrhaftig nicht seine paar Sparpfennige auf die hohe Kante gelegt. Aber der von Bismarck sagte, wenn man ihm kein Geld gäbe, würde er schon sehen, wo er sich’s nähme.
Was hatten denn nun die kolossalen Ausdehnungen der Eisenbahnlinien, die man zu Beginn des Jahres so freudig begrüßt, die direkte Verbindung von Rheinland und Westfalen mit Berlin, Holland, Belgien, Frankreich, der Anschluß der rheinischen Industrie an den Welthandel, für Wert? Der von Bismarck machte Krieg, und aller Verkehr stockte; die Ausfuhr von Produkten, im Wert vielleicht von Millionen, war wie abgeschnitten. Die Rheinschifffahrt, die gerade so herrlich florierte, wurde lahm gelegt mit einem einzigen Federstrich; nur bis Koblenz durften die Schiffe aufwärts fahren, Bingen schon war Feindesland.
Und wenn es nun auch noch einmal ›jut jejangen hatte,‹ was die Düsseldorfer als einen schwachen Trost empfanden, Preußen gesiegt und seine Grenzen erweitert hatte, was lag an solch ein paar Schnippelchen Land?! Wenn die Zeitungen auch posaunten vom Jubel beim Einzug derrückkehrenden Truppen, – wo jubelte man? In Berlin vielleicht – hier nicht. Und was auch geschrieben wurde von der großen Armee, ›furchtbar im Krieg, edel nach dem Sieg,‹ von derVolksarmee– das Volk hatte gar nichts damit zu thun! –
Mancher Bürger blieb in solche Gedanken versunken stehen, mitten im lebhaften Marktgetriebe, und schaute mürrisch zu den dürren, rasselnden Kränzen am Rathaus hinauf. Wär’ auch Zeit, daß die heruntergenommen würden, verschimpfierten ja die ganze Fassade!
Die Marktpolizei schritt durch die Reihen und schnüffelte in die Körbe; einer zeternden Bauernfrau wurde ein Korb konfisciert – hier noch einer, dort noch einer – fort mit dem unreifen Zeug, den Cholerapflaumen! Gleich fünf, sechs Körbe auf einmal wurden hinunter zum Rhein geschleppt und in die Flut geschüttet.
Das Publikum blickte unwillig: die armen Weiber! Cholerapflaumen?! Ach was, die Cholera kam von was ganz anderm, die paar Pflaumen verschlimmerten nicht mehr viel daran. Eingeschleppt war die aus dem schlechtbeköstigten Heerlager, aus den schmutzigen böhmischen Dörfern, vom wüsten Schlachtplan, dem von Gewittergüssen durchweichten Acker und aus den überfüllten Lazaretten. Die Cholera schlich dem Krieg nach als sein Schatten.
Das Wegschütten des Obstes hatte alle Gemüter erregt. Das unheimliche Gespenst der Seuche machte sich plötzlich auf dem Markt breit, mitten im hellsten Sonnenschein, und ließ sein düsteres Gewand zwischen den Körben und Kiepen schleppen.
Überall fanden sich Bekannte zusammen, die einen neuen schrecklichen Fall besprachen: in der Liefergasse, in einem der alten Häuser mit den engen Höfchen, hatte die Cholera sämtliche Bewohner ergriffen.
Eine dicke Dame, die den Longshawl nachschleppte, schlug die Hände zusammen:
»Och Jott, och Jott, ne, et is heutzutag ja jar kein Pläsier mehr zu leben!«
Das Dienstmädchen, das mit dem Korb hinter ihr ging, zupfte sie.
»Frau Schnakenberg, Se schleppen Ihr Duch!«
»Och Jott, och Jott!«
Die dicke Dame arrangierte sich und zog umständlich ihr kostbares Tuch herauf, das Mädchen mußte ihr dabei behilflich sein.
Viele Bürger sahen ihr nach. Da war manch einer unter ihnen, der die behäbige Dame schon gekannt, als sie noch, jung und ledig, bei den Eltern im ›Bunten Vogel‹ war und noch nicht den Feldwebel Rinke geheiratet und sich in der Kaserne hatte plagen müssen. Das sah man der wahrhaftig nicht an, daß die so viel durchgemacht: Damals, neunundvierzig, der Mann sich erschossen, und der Sohn, der Wilhelm, ausgewiesen und verschollen! Ja, ja, Zillges’ Trina hatte einen guten Docht, aber freilich, – wenn man schon an die sechzehn Jahre Madam Schnakenberg heißt, das konserviert – keine Sorgen und ein neues Haus in der Königsallee!
Wen Frau Trina traf, pflegte sie einzuladen:
›Besuchen Se uns doch ens auf en Tass’ Kaffee. Dabesehen Se sich mal unser neu’ Haus, jradüber vom Exerzierplatz. Jott sei Dank, mer sieht de nit vor lauter Bäum’. Wer haben in der Küch’ en Wasserleitung, et Mädchen braucht jar nit nach der Pump’ zu laufen. Wer haben auch nur eine Stock aufjesetzt, da braucht mer nit so viel Treppen zu rennen. Sieben Zimmeren, dat is ja lang Platz jenug für mich un den Hendrich!‹
Ja, die hatte ihr Glück gemacht! Der Schnakenbergs Hendrich war ein guter Mann; schon als sie noch Mädchen war, hatte der sie poussiert, und als er nun bald nach des Feldwebels Tod Witwer wurde, da paßten der Witwer und die Witwe ganz schön zusammen. Und was der Schnakenberg immer noch für Geld verdiente! Das Geschäft hatte er freilich längst nicht mehr, aber rheinische Industriepapiere, Bergwerksaktien und Köln-Mindener Eisenbahnprioritäten, die warfen von Jahr zu Jahr mehr ab. –
Frau Trina war mit ihrem Los zufrieden. Wenn nur der ›Verdruß‹ mit den Kindern nicht gewesen wäre! Auf die Wiederkehr ihres Wilhelm hoffte sie immer noch vergebens. Und mit der Josefine, das war doch auch ein ›Angang‹, daß die nun schon Witwe war und mit den Kindern dasaß! Und nun gar der Ferdinand, dem sie im Krieg das eine Bein abgeschossen!
»Och Jott, och Jott!«
Ein Schatten flog über Frau Schnakenbergs rundes Gesicht, und ihr freundlicher Blick trübte sich. Da zupfte das Mädchen sie wieder von hinten:
»Madam, se verkaufen als bald de letzte Has – wer haben kein Aussuche meh.«
»O jemmich! ’schwind, Drückche, ’schwind!«
Ganz entsetzt fuhr Frau Schnakenberg auf, alles andre vergessend. Wenn sie nun keinen leckeren Hasen mehr bekam?! Der Ferdinand, der morgen aus dem Mainzer Lazarett wiederkommen sollte, würde freilich nicht bei ihr wohnen, sondern bei der Josefine, aber zu einem guten Mittagessen wollte sie ihn doch gleich einladen. Und was Extras sollte er kriegen, hatte er doch lange Jahre nur ›Kasernenfraß‹ gehabt! Die Mehlsuppen auf der Militärschule zu Annaburg, der ewige Reis in der Unteroffiziersmesse zu Mainz, und nun erst gar das verschimmelte Brot im Krieg und zuletzt die magere Lazarettkost! Dem sollte es jetzt bei der Mutter gut schmecken!
Und mit Schaudern dachte sie plötzlich an die knappen Mahlzeiten in der Feldwebelwohnung zurück, und wie sie sich nur im ›Bunten Vogel‹ dann und wann regaliert. Ein Jammer, daß der ›Bunte Vogel‹ nicht in der Familie geblieben, daß die alte Frau ihn gleich damals, in dem Unglücksjahr, verkauft hatte! Mit Verlust natürlich, gerad’ daß die Enkel eine Kleinigkeit gekriegt; die Hauptsumme war dem Klösterchen zugefallen, wo sich Mutter Zillges hatte verpflegen lassen bis an ihr seliges Ende.
Du liebe Zeit, was war das alles schon lange her! –
Und doch war es eigentlich, als sei alles erst gestern gewesen. Die Jahre waren einförmig über Düsseldorf hingerollt. Siebzehn lange Jahre – man schrieb heut achtzehnhundertsechsundsechzig – aber das Bild der Stadt war dasselbe geblieben. Ein paar neue Straßen vielleicht waren dazugekommen, aber auch sie harrten noch, ungepflastert,der letzten vollendenden Hand. Große Pläne ruhten zwar im Rathaus: der Stadtrat überlegte den Bau einer festen Rheinbrücke, auch von einem neuen Theater war schon einmal die Rede gewesen. Doch vor der Hand schob man solche Projekte noch hinaus, erst mußte man den Krieg verdauen, der einem so über den Kopf gekommen war, unerwünscht wie ein Schneesturm im Mai.
Noch guckte der alte Jan Willem am Markt auf das alte Theater, das selbst die eingefleischtesten Düsseldorfer eine Rumpelbude nannten. Noch hatten die Maler ihre Akademie im linken Flügel des alten Schlosses. Noch behalf sich die evangelische Gemeinde mit den zwei in engen Höfen versteckten Gotteshäusern, und längs der Kasernenstraße dehnte sich noch immer der schmucklose, einförmige Bau der Kaserne, von deren Mauern schon Putz abfiel.
In denselben sauberen, behäbigen Häusern saß noch dieselbe saubere, behäbige Bürgerschaft wie damals; über den Klingeln standen noch dieselben Namen wie früher. Mit geschlossenen Augen hätte sich einer zurechtfinden können, und wäre er auch noch so lange nicht durch die Stadt gewandert. Dieselben Hörtchen innen an den Fenstern, dieselben Spiönchen außen an den Fenstern, dieselben Kaufläden, dieselben Wirtschaften in Gassen und Gäßchen, fast dieselben Menschen auf dem Bürgersteig.
Dieselben mächtigen Glocken riefen von St. Lambertus, St. Andreas, von der Jesuiterkirche und der Maxpfarre; aber da mengten sich jetzt noch neue, dünnere Stimmchen ein: die Schwestern vom armen Kinde, die Kreuzschwestern in Christi Hilf, die Clarissen, die Franziskanessen, dieFranziskaner und Dominikaner, die Mägde Christi und andre mehr verstärkten den Chor. Es bimmelte von Klöstern und Klösterchen. Deren Zahl war gewachsen.
Auch die Bäume waren gewachsen; die Kastanien der Königs-Allee breiteten gewaltige, schattende Kronen, die Linden am Schwanenmarkt sandten ihren süßen Duft weit über die stillen Wasser des Lopohl und des Schwanenspiegels und mischten ihr sommerliches Rauschen mit den Klängen des Waldhorns, das ein Künstler der Militärkapelle drüben in dem kleinen Konzertgarten blies. Wanderte man über die Alleestraße zum Hofgarten, so blieb man unausgesetzt unter einem grünen Dach; und der Hofgarten selber war ein dichter, dunkler, heimlicher Wald, dem kein Bäumewegschlagen mehr anzumerken war. – –
›Ach, was die Bäume gewachsen sind!‹ Das war Josefines einziger Gedanke gewesen, als sie nach Jahren zum ersten Male wieder altbekannte Wege wandelte. Sie war wie betäubt; sie hatte gar nichts andres denken können, als immer nur: ›Ach, die Bäume, die Bäume!‹ Die waren wie die Menschen. Die sie jung gekannt hatte, standen nun in der Vollkraft des Lebens, Bäumchen waren emporgeschossen zu Bäumen, und wiederum schlanke Bäume hatten sich in knorrige Stämme gewandelt. Nicht jeder Baum war mehr da, sie vermißte hier einen und dort einen; sie hatte gar nicht gewußt, daß ihr eines jeden Standort so eingeprägt war.
Josefine war als Witwe zurückgekehrt. Im März des vergangenen Jahres hatte sie ihren Mann verloren. Bei stürmischem Wetter hatte Conradi sich im Dienst erkältet;abgemattet, fiebernd schon, kam er nach Hause, ein Stechen in der Brust plagte ihn. An einer Lungenentzündung war er gestorben. Nun hatte Josefine neben den Kindergräbern ihrer beiden kleinen Mädchen, die ihr die Diphtheritis genommen, draußen auf dem Vohwinkler Kirchhof noch ein drittes, ein großes Grab.
Es war ein trauriges Jahr, das die Witwe noch in dem Vohwinkler Häuschen verbrachte. Sie wußte nicht, sollte sie fortgehen, sollte sie hier bleiben. Die Mutter schrieb freundlich: ›Komm doch hiehin!‹ Bruder Friedrich, der in Essen bei Krupp angestellt war, meinte auch gleich: ›Du wirst doch nach Düsseldorf ziehn?‹
Gewiß, das wäre natürlich gewesen! Auch regte sich eine leise Sehnsucht in ihr; aber sie konnte sich doch nicht dazu entschließen. Der Vater tot, die Mutter an einen andern Mann verheiratet und ihr dadurch fremd geworden, – auch dort nichts wie Erinnerungen! War es nicht besser, hierzubleiben, wo alles sie an siebzehn friedliche, ruhige Jahre gemahnte? Wo der Apfelbaum im Gärtchen, in dessen Schatten sie all ihre Kinder gewiegt, reiche Blütenknospen zeigte und so viele der rotbackigen Früchte verhieß, an denen Conradi sich immer von Herzen delektiert?!
Und sie blickte zurück in ihre Ehe.
Anfangs hatte sie oft und viel Heimweh gehabt, manchen Abend vor der Thür gestanden und sehnsüchtig weggeschaut über die Felder. Dort, zwischen den ragenden Fabrikschornsteinen, die sich wie hohe Maste in’s Himmelsmeer reckten, dort, in abendsonnenverklärter Ferne, lag Düsseldorf. Und sie hatte geseufzt.
Aber dann wurden die Kinder geboren, – erst der Peter, dann das Gretchen, dann das Mariechen und zuletzt, als die beiden blonden Mädchen schon wieder Engel geworden, noch der Fritz, des Onkel Friedrich Patenkind. Ihre Tage waren ausgefüllt gewesen.
Doch nun, da sie einsam im Ehebett lag, da der Frühlingssturm mit Sausen durch die Nacht fuhr und schaurig gegen die Fenster der Schlafkammer heulte, mußte sie so sehr an die Vaterstadt denken. Wenn sie wieder altbekannte Straßen gehen, die Kaserne wiedersehen, mit der Hand an diesen Mauern entlang streichen könnte, die ihr einst ein großes Glück umschlossen! Ja, heim, heim – der Rhein rauschte, Glockenstimmen riefen. Nun wußte sie’s, hier im Bergischen Land hatten ihr immer die großen Glocken gefehlt; es war doch etwas Eignes um deren Klang, um die weihrauchduftenden, dämmrigen Kirchen mit den farbenglühenden, legendenbedeckten Fenstern, mit den segnenden Heiligen, mit den rosenumkränzten Märtyrern, mit dem lächelnden Jesuskind und mit Maria, der Gottesmutter, die so jung und schön!
Eine wahre Begier überkam Josefine, ihre Fingerspitzen in das Weihwasserbecken an der Thür von St. Lambertus zu tauchen, wie sie’s als Kind oft gethan. Ob endlose Prozessionen noch ebenso wie früher durch die Straßen wallten und um den Kalvarienberg bei der großen Kirche zogen?! Berückende Musikklänge – betäubende Weihrauchnebel – betendes Murmeln, sich fortpflanzend von Mund zu Mund – alt-köstliche Kirchengewänder – feuriges Rot der Chorknaben, unschuldvolles Weiß derMädchenengel, strahlendes Gold der Stolas – wie würden der Peter und der Fritz da gucken! Besonders der Peter, der sah so gern was Schönes. Die armen Jungen, die kannten ja nur die nüchterne Sonntagspredigt in der kahlen, getünchten Vohwinkler Kirche, zu der sie regelmäßig mit dem Vater gegangen waren.
So reifte allmählich der Entschluß zur Übersiedlung in ihr. Mit fast freudiger Unruhe betrieb sie dann die Vorbereitungen. Bruder Friedrich stand ihr bei, er kam die letzten Tage sogar ganz herüber, und was sie nicht mitnehmen konnte oder wollte, verkaufte er ihr.
Er war ein rechter Praktikus. Das hatte wohl keiner gedacht, wie er damals als Junge zum Schlosser in die Lehre kam, daß der’s mit seinen krummen Beinen noch einmal so weit bringen würde. Nun war er schon mehr, als ein gewöhnlicher Arbeiter, und der Krupp bezahlte ihm guten Lohn. Sogar gespart hatte er sich schon etwas, und er wollte es gern der Schwester vorstrecken, wenn sie, auf seinen Rat, einen Laden in Düsseldorf aufmachte. Josefine fiel bei diesem Anerbieten eine Last vom Herzen: Gott sei Dank, dann brauchte sie von der reichen Madam Schnakenberg nichts anzunehmen! Nicht, daß die Kinder der Mutter böse waren, aber etwas Fremdes war da.
Im Mai bezog Josefine das Lädchen an der Bastionstraßenecke, gerade der Kaserne gegenüber – wo konnte es denn auch anders sein? – und der Friedrich half es ihr einrichten mit allerlei Utensilien zum Soldatengebrauch: mit Pfeifen und Tabak, mit Cigarren und Streichhölzern, mit Taschentüchern und Reservistenstöcken, mit Seife undWichse und jeglichem Putzzeug, auch mit Knopfgabeln und mit Tinte und Briefpapier. Und er machte ihr auch Mut.
»Wer heutzutag auf’ dem Posten is früh un spät, de kömmt auch voran,« sagte der Bruder.
Auf dem Posten sein, ja das wollte sie; hatte sie sich doch schon Gedanken gemacht, ob sie mit der geringen Pension und den bescheidenen Zinsen, die das kleine Vermögen ihres Mannes und ihre eignen paar hundert Thaler großmütterliches Erbteil abwarfen, in der teuren Stadt bestehen könne.
Von Dank für alle seine Mühe und Arbeit wollte der Friedrich nichts wissen, auch nicht einmal für das der Schwester vorgestreckte Kapital.
»Du jiebst et mir ja wieder, Fina, paß ens auf, eine paar Jahr! Zinsen kannste mir ja zahlen, Jeschäft is Jeschäft! Ich rechen’ so: Krieg kriejen wir diesen Sommer sicher un jewiß, dann sollste ens sehn, dann jeht et dir im Kleinen, wie dem Krupp im Jroßen. Rückt die Armee in’t Feld, braucht se auch Ausrüstung, un ob et nu Stiefelschmier’ is oder en Kanon, dat bleibt sich janz jleich.« –
Friedrich hatte recht gehabt. Als Josefine heut am dunklen Herbstabend ihr kleines Lädchen schloß und die Kasse nachzählte, konnte sie zufrieden sein. Man hatte ihr fast den Laden gestürmt. Die letzten Reserven waren entlassen worden, keiner unter ihnen hielt den Ausmarsch aus der Garnison und den Einmarsch in die Heimat für möglich, ohne Stock in der Hand. Und bunte Sacktücher – gelb mit roten Rändern, die Schlacht von Königgrätz schwarz draufgedruckt, – war sie eine Menge losgeworden; denndas waren schöne Andenken für die Mitdabeigewesenen und interessante Anblicke für die Zuhausgebliebenen.
Die müde Frau gähnte und pustete dann die Lampe aus, die über der kleinen Theke von der Decke herabhing. Es war schon so spät, aber noch bis vor kurzem hatte die Thürglocke gebimmelt; jetzt endlich war Zapfenstreich geblasen und alles still geworden. Die Kaserne drüben streckte sich dunkel, nur in der Wachtstube flinzelte noch Lichtschein.
Es war Josefine eine Freude, daß die Hauptwache nicht mehr wie früher am Burgplatz, sondern hier gerade gegenüber war. So genoß sie täglich das militärische Schauspiel, und nachts auch weckte sie das ›Heraus‹ beim Nahen der Ronde. Dann lag sie lauschend mit gefalteten Händen, hörte, wie die Wache in’s Gewehr trat, und fühlte sich nicht mehr verlassen.
Mit heißen Wangen stieg Josefine die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Im ganzen Haus war’s schon dunkel, nur in der Kammer, die ihre Knaben innehatten, brannte noch Licht.
Sie guckte hinein. Der Kleine schlief, aber Peter saß noch über den Tisch gebeugt und hörte die Mutter gar nicht. Ärgerlich trat sie näher.
Gewiß pinselte der wieder! Ob er denn seine Schulaufgaben auch fertig hatte? Dafür ließ sie ihn wahrhaftig nicht noch auf die teure Realschule gehen, daß er jedes freie Blättchen in seinen Heften verschmierte!
Sie sah ihm über die Schulter.
Herrjeh, das war ja der Kalvarienberg an der Lambertuskirch’!Genau so guckte der Gekreuzigte, wie hier auf dem Blatt! Nun konnte sie doch nicht mehr böse sein, er hatte das zu schön gemacht.
Leise legte sie ihm die Hand auf. Da schrak er zusammen und ließ den Tuschpinsel fallen. Rotwerdend, streckte er beide Hände über seine Malerei.
»Jleich, jleich, Mutter, jleich mach’ ich ja schon meine Aufjab’, schimpf nit!«
Was? Noch nicht die Schularbeiten gemacht?! Das war ihr doch außer’m Spaß. Zornig hob sie die Hand zum Schlag, aber Peter fing die auf und hielt sie fest.
Bittend sah er ihr in’s Gesicht.
»Ärjer dich nit,« schmeichelte er, »dann siehste jarstig aus. Ich kann doch nix dafor! In Vohwinkel war nit viel zu besehen, aber hier so viel, och, schrecklich viel! Bilder in allen Schaufensteren!« Seine Augen leuchteten auf. »Kuck emal, is dat nit fein?« Er hielt ihr vergnügt lachend sein Blatt hin. »Un nu mal’ ich noch dat alte Schloß, un den Rhein – dicke schwarze Wolken drüber un en Stücksken Blitzblau derzwischen – ich hab’ et so jesehen! Hau, dat war schön! Kauf mir doch noch ene Tuschkasten, aber ’ne bessere, Mutter, bitte, so ’ne richtige Farbkasten von Schönfeld! Bitte, Mutter, bitte!«
»Ne,« sagte sie, »da denk’ ich ja jar nit an, dann thuste für die Schul’ rein nix mehr.«
»Och, die Schul’,« stieß er heraus und hob mit einem Ruck den Kopf. »Wat soll ich dann noch da? Nimm mich doch eraus, Mutter, da lern’ ich ja doch nix. Kauf mir lieber ene Farbkasten, ich will Maler werden!«
»Unsinn,« sagte sie. »Leg’ dich hin un schlaf’! Morjen weck’ ich dich janz früh, dann lernste noch.«
»Aber ene Farbkasten schenkste mir,« bettelte er, »’ne Farbkasten, Mutter, thu et doch! Bitte, bitte!«
»Ne,« sagte sie wieder und ging aus der Thür. Aber ihr Herz klopfte.
Woher der Peter nur die Lust am malen hatte? Von Conradi nicht; von ihrem Vater sicher auch nicht. Von ihr selber auch nicht, sie konnte ja keinen geraden Strich machen. Aber verstehen konnte sie ihn. Und doch würde sie ihm keinen Farbkasten schenken. ›Erzieh’ die Kinder zu was Ordentlichem‹, hatte Conradi noch in letzter Stunde mit verlöschender Stimme gesagt, – – ach Gott, der Junge hatte zu früh seinen Vater verloren!
Heute schlief Josefine lange nicht ein, trotz aller Müdigkeit. Sie wußte, nebenan in der Kammer lag ihr großer Junge im Bett und weinte wie ein kleines Kind. Er fühlte so lebhaft, den Schmerz ebenso wie die Freude. Er war ja ganz ihr Sohn.