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Der alte Peter Zillges konnte sich nicht in die jetzige Welt finden.

»Et es nu als bald Zeit for mich, Mutter,« sagte er zu seiner Frau. »Wat haben se dann aus Düsseldorf jemacht?! Dat es doch uns jut alt Düsseldorf nit meh! Dat se aus ’m Kapellchen unnen in der Straß’ en Tabaksmajazin jemacht han un nachher ene Peerdsstall, dat es schon schreckelich, aber dat mer nu for de neue Promenad’ langs der Kanal ›Königsallee‹ sage soll, nach dem neuen König, dem Friedrich Wilhelm dem Vierten, dat will mich nu janz un jar nit im Kopp. Wat jeht uns de Mann an?! De es in Berlin, mir sin hie am Rhein. Ich sag’ ›Kastanienallee‹. – Un dann de neumodsche Eisebahn! Die es dem Deiwel sein Kutsch’. Kann mer nit laufen bis im Jesteins? We dat nit meh kann, de soll zu Huus bleiwen. Wat soll dat noch all werden? Bis Elberfeld fahren jetzt als de Leut’!«

Bürger Zillges war grämlich geworden. Ein paarmal schon hatte er sich in den neuangelegten Straßen verlaufen, und auch der Hofgarten, in dem er so gern spazierte mitseinem kaffeebraunen Leibrock angethan und den Kniehosen, mit der gefälteten Hemdenkrause und dem mehrfach verschlungenen Tuch unter den Vatermördern, war ihm verleidet. Hatten doch freche Kinder, die seiner Tracht nicht mehr gewohnt, hinter ihm drein gespottet und seinen Hut, den hohen mit der breiten Krempe, durch den Wurf mit einem Erdkloß beschmutzt.

Die Wirtschaft ging auch längst nicht mehr so flott. Das junge Volk suchte andre Lokale auf von modischerem Geschmack, in denen die Fensterscheiben höher, die Wände tapeziert und die Stubendecken nicht durch Balken verunziert waren. Einsamer wurde es im ›Bunten Vogel‹, ganz einsam.

Nur die Enkelkinder brachten Leben; Frau Josefine Cordula dankte allabendlich ihrem Schutzpatron dafür. Da standen sie jeden Sonntag, in aller Frühe schon, in der Wirtsstube aufgepflanzt in stattlicher Reihe und streckten die Hände verlangend aus nach dem Korinthenblatz, den die Großmutter verteilte.

Obenan die Josefine, hochgeschossen für ihre elf Jahre und doch breit in den Schultern und gewölbt in der Brust. Viel schmächtiger nahm sich der Wilhelm aus, aber wie hübsch! Backen wie Milch und Blut, von schönen Locken umringelt, und Augen so blau, daß die Großmutter, schaute sie hinein, wähnte, in den Himmel zu blicken.

Der Friedrich und der Ferdinand und der jüngste, das Karlchen, hatten nichts Besondres an sich, die waren Jungen, wie andre auch: dick, laut und gefräßig. Den ganzen Tag trieben sie sich auf der Straße herum, machten›Schellemännkes‹ an allen Thüren, uzten die beiden Stadtoriginale, den scheelen Ludwig und das Rosinchen, und patschten durch jede Pfütze. Die Mutter verwies ihnen nichts, war doch der Vater streng genug.

Der Feldwebel wurde immer strenger. War er zu Haus, wagten die Knaben keinen Muck. Das Mittagessen verlief stets wenig erfreulich. Die Mutter schöpfte den Jungen auf, so viel sie wollten: »Laß die Kinder doch satt kriejen.« Aber der Feldwebel schrie: »Satt, ja, aber nicht den Wanst vollstopfen zum platzen! Das giebt faules Fleisch. Ruhe – giebt nichts mehr!«

Die drei Jüngsten scheuten den Vater; aber Wilhelm fürchtete ihn.

Wilhelm war ganz seiner Großeltern Kind, kam kaum noch in die Kaserne, und auch dann nur, wenn der Vater nicht zu Hause war; lieber lauerte er stundenlang in einem Versteck, bis er den fortgehen sah. Der hatte so eine Art, ihn durchbohrend anzustarren, daß er den Blick nicht aushalten konnte und verwirrt die Augen niederschlagen mußte.

Rinke machte sich Gedanken über den Jungen – warum sah ihm der nicht gerade in’s Gesicht? Hatte er was auf dem Gewissen? Es war Zeit, daß er unter strenge Zucht kam: ordentlich hoch nehmen, stramm ’ran!

Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem›Bunten Vogel‹.Wilhelm, der vor der Thür spielte, sah den Vater kommen, lief, nichts Gutes erwartend, rasch in’s Haus, die Treppe hinauf, bis auf den Söller und versteckte sich im Taubenschlag.

Die Großeltern Zillges waren durch den seltenen Besuch des Schwiegersohns nicht angenehm überrascht.

»Wat – de Willem wollen Se uns wegholen?« grämelte der Alte, »so mir nix, dir nix? Den kriejen Se nit!« Und dabei schlug er, heftig werdend, auf den Tisch. »Oho, de Peter Zillges läßt sich so ’schwind nit auf Seit däuen.[4]Sie sind wohl auch neumodsch? Wenn et heißt, einen aus’m Dreck trecken,[5]dann es mer jut – wat war de Jung’ for ene erbärmliche Krott! – äwer dann hat mer nix meh bei zu duhn, dann heißt et: mach dich ab! Eja, de Neumodschen, dat sin de Richtigen, die haben kein Tippelchen Pietät!«

Rinke wollte aufbrausen, aber dann besann er sich – hatte der Alte nicht recht? Die Großeltern hatten das Kind, das immer gekränkelt, zu einem gesunden Jungen herausgepflegt, und nun, da sie Freude an ihm hatten, wollte er ihn ihnen wegnehmen?! Unschlüssig drehte er an seinem Schnauzbart.

Frau Josefine Cordula ersah ihren Vorteil; sie legte sich auf’s Bitten. »Ne, dat werden Se uns doch nit anduhn, Rinke, dat Se uns jetzt de Jung’ wegnehmen? Wir sind alt un einsam, de Willem es unser Freud’ – ne, wenn ich denk’, de Willem sollt’ nit meh bei uns sein –!« Die Tropfen fingen an, ihr aus den Augen zu rinnen, und auch Zillges schneuzte sich heftig.

Es ging dem Feldwebel gegen den Strich, jetzt aufsein Vaterrecht zu pochen – was hatten die alten Leute doch alles an dem Jungen gethan! Es wollte freilich in seinem Herzen kein rechter Dank aufkommen, doch überwand er sich und reichte seiner Schwiegermutter die Hand.

»Na, dann behalten Sie ihn, bis« – sein Gesicht verfinsterte sich wieder, mit dem Soldatwerden war’s doch bei dem Jungen Essig – »bis er in die Lehre kommt. Aber ich bitt mir’s aus: seien Sie strenger, viel strenger; der Bengel pexiert was, nich gerade ansehen kann er einen ja.«

»Pexieren – dat Jüngesken?! Och du lieber Jott! Angst hat de,« platzte die Großmutter heraus, »Angst vor Ihnen!«

»Angst – vor mir?!«

Der Feldwebel war betroffen. Angst sollte sein Sohn vor ihm haben? Angst – warum denn? Seine Kinder hatten Angst vorihm? Angst vor ihrem Vater?! Das wollte ihm nicht aus dem Sinn. In brütenden Gedanken ging er heimwärts.

Auf dem Kasernenhof begegnete ihm Josefine, Karlchen an der Hand. Er hielt sie an. »Josefine,« sagte er und sah ihr forschend in das offene Gesicht, »sag mal, hm« – die Worte wollten nicht leicht heraus, es würgte ihn etwas in der Kehle – »hm, sag ehrlich, hast du – hm – hast du Angst vor mir?«

»Wat jefällig?« Sie verstand ihn gar nicht.

»Ob du – Angst vor mir hast?«

Nun lachte sie hell auf: »Ne!«

»Na, siehste!« Sein Gesicht erheiterte sich; aber nichtfür lange. Es trug wieder den finsteren Ausdruck, als er allein auf seinem Lieblingsplatz am Fenster saß. Niemand war oben, alle fort, auch Frau Trina; der offengebliebene Kleiderschrank zeigte da, wo sonst ihre Mantille und ihr Hut hingen, eine leere Stelle.

Über den Exerzierplatz kam Glockenschall, von all den vielen Kirchen der Stadt läutete es; das war ein mächtiges Hallen und Widerhallen, stärker denn sonst, ein Dröhnen und festliches Rufen. Aha, morgen war wohl katholischer Feiertag?

Durch das halb geöffnete Fenster stahlen sich linde Frühsommerlüftchen und strichen dem Feldwebel mit schmeichelnden Händen das heiße Gesicht. Er schloß die Augen. Wie im Traum hörte er wohlbekanntes Klappen sich in den Glockenchor mischen, die Kerle klopften ihre Montur aus. Und nun sang einer, ein hoher Tenor:

»Köln am Rhein, du schönes Städtchen,Köln am Rhein, du schöne Stadt,Und darinnen muß ich verlassen,Mein’ herzallerliebsten Schatz!«

»Köln am Rhein, du schönes Städtchen,Köln am Rhein, du schöne Stadt,Und darinnen muß ich verlassen,Mein’ herzallerliebsten Schatz!«

»Köln am Rhein, du schönes Städtchen,Köln am Rhein, du schöne Stadt,Und darinnen muß ich verlassen,Mein’ herzallerliebsten Schatz!«

»Köln am Rhein, du schönes Städtchen,

Köln am Rhein, du schöne Stadt,

Und darinnen muß ich verlassen,

Mein’ herzallerliebsten Schatz!«

Ein zweiter pfiff eine andre Melodie; Rinke kannte sie wohl: das war das alte Lied von der Katzbach! Unwillkürlich spitzte er die Lippen und pfiff mit:

»Hei, das war eine Lust, hei, das war eine Hatz,Wie wir packten die französische Katz’An der Katz, an der Katz, an der Katzbach.«

»Hei, das war eine Lust, hei, das war eine Hatz,Wie wir packten die französische Katz’An der Katz, an der Katz, an der Katzbach.«

»Hei, das war eine Lust, hei, das war eine Hatz,Wie wir packten die französische Katz’An der Katz, an der Katz, an der Katzbach.«

»Hei, das war eine Lust, hei, das war eine Hatz,

Wie wir packten die französische Katz’

An der Katz, an der Katz, an der Katzbach.«

Und ein dritter hub dröhnend an, mit kräftigem Baß:

»Patriot, schlag ihn tot,Bonapart’, den Erzkujon« –

»Patriot, schlag ihn tot,Bonapart’, den Erzkujon« –

»Patriot, schlag ihn tot,Bonapart’, den Erzkujon« –

»Patriot, schlag ihn tot,

Bonapart’, den Erzkujon« –

Zwei, drei Stimmen fielen lustig mit ein:

»Mit der Picke, in’s Genicke,Daß er kriegt die Schwerenot!«

»Mit der Picke, in’s Genicke,Daß er kriegt die Schwerenot!«

»Mit der Picke, in’s Genicke,Daß er kriegt die Schwerenot!«

»Mit der Picke, in’s Genicke,

Daß er kriegt die Schwerenot!«

Hastig schlug der Feldwebel das Fenster zu, er mochte nichts mehr hören. Ihm war schwer zu Mut. Also, der Wilhelm sollte ihn fürchten – sein Kind sich vor ihm fürchten?! Und Krieg gab’s auch nicht! Nun schrieb man das Jahr 41, und fast ein Jahr war’s her, daß er mit der Josefine hier gesessen und sie ihm das Rheinlied vorgelesen. ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein‹ – da hatte er gemeint, nun ginge es gleich los.

Was hatten die Leute doch alles gefaselt von der ›Erhebung des Vaterlands‹?! Keine Waffe hatte im Ernst geklirrt: man exerzierte und manövrierte nur zum Spiel. Und von der ›Erhebung‹ hörte man kein Wort mehr. Alles still, alles ruhig, wie versunken in bleiernen Schlaf.

Der alte Soldat lächelte bitter – und er hatte gehofft! Warum nur? Wenn sie ihn nun totgeschossen hätten?! Dank für die Ehre! Tapfer gekämpft und tapfer gestorben für König und Vaterland – giebt’s einen besseren Schluß?!

Er räusperte sich und fuhr sich durch die Haare – viel graue Fäden drin! Ja, wenn die Vierzig erst überschritten sind, geht’s schnell abwärts. Was hatte der Garnisonprediger am Sonntag gesagt?

›Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist‹ – – –

Würde sein Leben auch einstmals köstlich gewesen sein?! Mit einem unruhigen Blick sah er umher. Derlange Tag hatte sich noch nicht geneigt, goldne Sonne beschien die Wände – noch war es Zeit, noch konnte das Köstliche kommen! Aber hoffentlich bald, bald!

Da ging die Thür. Frau Trina kam zurück mit Gesangbuch und Rosenkranz. Ihre Augen waren gerötet, als hätte sie geweint.

Ihr bekümmertes Gesicht fiel ihm auf. »Käthe,« rief er.

»Wat dann? Willste jett?« Mit einem unsicheren Blick sah sie an ihm vorbei.

»Komm mal her!«

»Ich hab’ jetzt kein Zeit!« Sie stülpte den Hut ab und wischte sich verstohlen über die Augen.

Argwöhnisch betrachtete er sie: kam wohl wieder aus der Beichte? »Was ’s denn los? Hast ja geflennt?«

»Ich –? Och ene!« Sie lachte gezwungen und wollte in die Schlafkammer.

Aber schon war er bei ihr undfaßte ihr Handgelenk.

Glühend rot werdend, schüttelte sie ihre Hand. »Laß mich doch! Autsch!«

Hatte er sie denn so fest gedrückt? Unwirsch ließ er sie los.

Gebetbuch und Rosenkranz rasch auf den Tisch legend, schlug sie beide Hände vor’s Gesicht. »Wat hab’ ich en Leid, wat hab’ ich en Leid!« schluchzte sie.

»Na, na – Käthe!« Er war wirklich erschrocken und bemühte sich, ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen. »Na, was ’s denn los? Nu red’ schon ’nen Ton!«

»Och – och,« wimmerte sie und weinte immer heftiger, »och Jesus! Dat Leid! Wat hab’ ich dann auf dieserWelt? Jar nix, ich muß mich plagen alle Tag. Un wenn mer denkt, dat mer nachher nit emal in de ewige Seligkeit kömmt! Un uns’ arm’ Kinder, wat können die dafor?! Och, och, die müssen auch brennen im Fegfeuer!« Jammernd rang sie die Hände. »Jesus Maria, un ich bin schuld dran!«

Fast war’s ihm lächerlich, ihr Gebaren war so komisch, aber er brachte doch kein Lachen heraus. Er ärgerte sich: kam sie ihm schon wieder mit ihren überspannten Mucken?! Sich bezwingend, versuchte er, sie zu beruhigen: »Na, na, Käthe, wird so schlimm nich sein, gieb dich zufrieden!« Er wollte seinen Arm um ihre Schultern legen, sie riß sich los.

»Bleib mer vom Leib! Du bis an allem Verdruß schuld!« Ihre thränenüberströmten Wangen glühten, in ihren sonst so gutmütigen Augen flammte ein Strahl auf, der fast dem Haß glich. »Hab’ ich dich nit e so vielmals jebeten, du sollst de Kinder wenigstens richtig taufe lassen, so wie et sich jehört?! Ne, kein’ Ohren haste jehabt, du bis en Preuß’, du has kein’ Jlauben, kein’ Relijon – nu hammer et Unjlück!« Mit erneuter Stärke erhob sich ihr Gejammer: »Un ich bin schuld, un ich bin schuld dran!«

Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen, unwillkürlich zuckte seine Hand – verrücktes Weibsbild! Da fiel sein rollender Blick auf den Rosenkranz, auf das Buch. Wie Weihrauchduft stieg’s auf aus dessen Blättern. »Wo kommste her?« fragte er rauh.

»Aus der – der Kirch’ – aus der Beicht!«

»Aha! Daher bläst der Wind? Haben sie dir wieder ’nen Floh in’s Ohr gesetzt – na, natürlich! Und ich sagedir, die Kinder werden schon in die Seligkeit kommen, wenn’s unser Herrgott für sie an der Zeit hält. Da haste dich jetzt nich drum zu scheren!« Er stampfte mit dem Fuß auf und setzte dann bitter hinzu: »Und was uns beide anbelangt, na, wo wir mal nach’m Tode hinkommen, wird wohl ziemlich wurscht sein.«

Mit einem ungeduldigen Seufzer, der einem Stöhnen glich, kehrte er sich von ihr ab; sie benutzte die Gelegenheit, um in die Schlafkammer zu schlüpfen.

Schweren Tritts ging er zu seinem Platz am Fenster zurück. Jetzt war er wieder allein und doch nicht allein, ihm war, als hätten die Wände das Schluchzen des Weibes eingeschluckt und gäben es nun wider in einem langgezogenen, spottenden Echo. Jedes Wort: ›Du bist an allem Verdruß schuld – du Preuß’ ohne Glauben – du – du‹ – warum sagte sie es nicht gleich gerade heraus: ›Du hast mich unglücklich gemacht!‹ Unglücklich?! Ach was, der ging’s ja gar nicht so tief – heut unglücklich, morgen kreuzfidel! Wer doch auch so sein könnte! Auf – nieder, wie ein Stehaufmännchen, das die Buben aus Hollundermark schneiden. Aber dazu mußte man hier zu Lande geboren sein, mit der Muttermilch ihn in den Leib gekriegt haben, den bequemen Leichtsinn!

*

Der Feldwebel saß schon eine Viertelstunde, ohne sich zu rühren, ohne den starren Blick des Auges, der immer auf einem Punkt der Diele haftete, zu mildern.

Ein Trappeln auf dem Flur wurde laut.

Josefine kam heim mit den Geschwistern; mit Hallo jagten sie sich draußen und stürmten nun in die Stube. Erschrocken fuhren die Knaben zusammen und duckten sich – da saß ja der Vater! Nur Josefine lief auf ihn zu.

Bemerkte er sie denn nicht? Fast beleidigt zupfte sie ihn: »Vater!«

»Ich wollte, es gäbe Krieg,« murmelte er. Und dann fuhr er auf: »Wer da – ah du! Na, Josefine?«

Sie lachte ihn an.

Da fiel’s ihm auf, wie sah sie denn aus? Das ganze Haar in Papilloten gedreht, ein Wickel neben dem andern.

»Nanu, was hast du denn angestellt?« Verwundert tippte er sie auf den Kopf.

»Jarstig, jelt, Vater? Aber morjen, da sollste ens kucken, da werd’ ich aber auch dafor fein jemacht!« Jubelnd schlug sie die Hände zusammen. »Lauter Löckskes, de Jroßmutter hat se mer eben einjedreht! Un en weiß’ Kleid mit lauter Säumcher! Un ene blaue Kranz krieg’ ich auf de Locken! Ich trag’ dat Herz Jesu auf’m Kissen!«

»Was – was trägst du?« Plötzlich aufmerkend sah er sie an. »Was redste für Unsinn? Herz Jesu – weiß Kleid – blauen Kranz – wozu – weswegen?«

»No, morjen is doch Fronleichnam! Prozession nach’m Calvarienberg an der jroße Kirch’.« Ganz bestürzt sah sie ihn an. »Dat weißte nit? Wer am besten in jeder Klass’ is, darf wat tragen. Eine aus der unterstenKlass’ trägt et Lämmchen, en janz Jroße trägt en Fahn’, un ich« – mit stolz leuchtendem Gesicht reckte sie sich vor ihrem Vater – »ich krieg’ et Kissen!«

Er hatte sie ausreden lassen, jetzt fuhr er auf mit einem Fluch; erschrocken prallte sie zurück, er rannte sie fast über den Haufen.

»Frau!« Da stand er, die Fäuste geballt, das Gesicht fahl. Und als Trina nicht gleich hörte noch einmal: »Frau!«

Jetzt kam sie.

Er schrie sie an: »Weibsbild, verdammtes, denkste, du kannst Schindluder mit mir spielen? Oho, untersteh dich!« Mit wilden Augen sah er sie an.

»No, wat is dann als schon wieder?« rief sie halb trotzig, halb kleinlaut.

»Ich sag’ dir, ich bin kein Esel, du machst mir kein X für ein U. Was treibst du hinter meinem Rücken für Allotria – he?« Er packte in seiner Wut das erste beste, was ihm unter die Hände kam – das Gebetbuch war’s – riß es vom Tisch und warf es ihr vor die Füße. Die Blätter flogen.

Zitternd bückte sie sich und las ihre geweihten Palmzweiglein, ihre bunten Heiligenbildchen zusammen. Sie wußte selbst nicht, woher ihr der Mut kam, sie war empört: »Au, meine Bildches, wat fällt dich ein?«

Er riß ihr die Bildchen aus der Hand und zerfetzte sie. »Da – da! Und ich sag’ dir, jetzt hat’s en Ende, das alle Morgen in die Messe-rennen und das im Beichtstuhl-hocken! Jetzt weiß ich, warum du heulst! In denOhren liegen sie dir: katholisch sollen die Kinder werden! Katholisch wollt ihr die Josefine machen! Keinen Schritt geht sie mit zur Prozession! Mir allein hast du zu parieren – verstanden? Nich gemuckt. Und nu: in die Küche! Geh an deinen Herd, koch, die Kinder wollen essen.«

Sonst drückte Trina sich gern, wenn Rinke schalt, heute blieb sie wie angewurzelt stehen.

Er drehte ihr den Rücken. Die Knaben, die scheu an der Thür gehorcht, hatten sich verkrochen; nur Josefine stand da, unbeweglich, und sah den Vater starr an. Sie war ganz blaß geworden.

Er rief sie zu sich, langsam kam sie. »Josefine,« sagte er in etwas gemäßigterem Ton, »geh, wickel dir das Haar aus, komm mir so nich mehr unter die Augen!« Und als sie gehen wollte: »Halt! Heut war’s das letzte Mal, daß du zu den Ursulinerinnen gegangen bist, verstanden? Ich wer’ denen das Handwerk wohl legen!« Die Wut flammte wieder in ihm auf: »Weg mit dem Firlefanz!«

Er selber griff ihr in die Haare und zerrte ihr einen Papierwickel heraus; es mußte weh thun, aber sie rührte sich nicht.

»Ich verbiete dir auch, nach der Ratingerstraße zu gehen – hörst du, von heut ab! Keinen Schritt dahin – hörst du? Antwort!«

»Ja.«

»Und mir allein hast du zu gehorchen – mir allein, hörst du?« Eisern klang jedes Wort. »Niemand anderm, auch nicht – auch nicht deiner Mutter – denn –«

Jetzt zuckte das Kind zusammen, Frau Trina hatte ein wimmerndes Schluchzen hören lassen.

Mit einem Ruck riß sich Josefine vom Vater los und warf sich mit einem lauten Aufschrei der Mutter an den Hals: »Mutter, wein’ nit! Wein’ doch nit, ich hab’ dich auch lieb! Och ’n doch, Mutter, ich hab’ dich lieb – Mutter, Mutter!«

»Josefine!« Der Feldwebel rief, aber vergebens. Zum erstenmal in ihrem Leben gehorchte ihm die Tochter nicht.

»Josefine!«

Sie schüttelte nur verneinend in leidenschaftlichem Weinen den Kopf an der Brust der Mutter, um die sie, wie zum Schutz, ihre beiden Arme schlang.

»Josefine!« Es klang fast bittend.

Sie rührte sich nicht.

Da rief der Feldwebel nicht mehr. Ein paar Augenblicke stand er, wie vor den Kopf geschlagen, dann stolperte er zur Thür. Im Finstern tappte er die Holzstiege hinunter, und in’s Finstere lief er hinaus. – – –

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