XXVI
Wenn nur die Ungewißheit nicht gewesen wäre! Aber nein, keine Ungewißheit mehr, es war schreckliche Gewißheit. Josefine fühlte es an dem stummen Händedruck, mit dem der Oberstleutnant sie begrüßte, als er ihr auf dem Hof begegnete: er hatte Mitleid mit ihr.
Da waren einige Glückliche, die Nachricht von den Ihren bekommen hatten – sie hatte keine Nachricht von ihrem Sohn.
Nun war der zwölfte August schon herangekommen; wenn Peter noch lebte, hätte er ihr Kunde gethan, das wußte sie ganz genau. So suchte sie ein schwarzes Kleid hervor, sie mochte kein andres tragen. Stumm und starr that sie ihre Pflicht; die Verwundeten folgten ihr mitleidig mit den Blicken, aber wagten nicht, sie zu fragen.
So rastlos war Josefine noch nie umhergegangen, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett; ihre Füße waren dick geschwollen durch die Anstrengung, sie merkte es nicht. Die Nonnen baten: »Ruhen Sie doch!«Aber sie schüttelte stumm verneinend den Kopf. Wie konnte sie ruhen?! Wieder von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.
Es ging auf den Abend des dreizehnten August, die warme Dämmerung senkte sich bereits auf die Ahornbäume im Kasernenhof; der lag ganz still, nur ein paar Wärter huschten in die Küchen.
Doch jetzt eine laute, klagende Frauenstimme, die bis hinauf zu Josefine drang. Und dann des Oberstleutnants dringendesZureden:
»Gnädige Frau, hier ist er nicht, ich versichere Sie! Gnädige Frau, beruhigen Sie sich doch! Sie regen sich unnütz auf, er ist nicht hier!«
Zwei ängstliche Mädchenstimmen baten:
»Liebe Mama, hier ist er nicht, du hörst es ja! Mama, komm doch nach Haus, bitte, bitte! Papa wird ja Nachricht schicken! Komm doch, Mama, bitte!«
»Gnädige Frau, wie können Sie nur zweifeln? Wäre er hier, ich müßte es doch wissen!«
»Aber Leute sind doch hier, die mit ihm in der Schlacht waren, Verwundete! Die haben ihn gekannt. Ach, sie müssen ihn ja kennen!« Der laute Klageton wurde noch lauter: »Die will ich fragen!«
»Gnädige Frau, so sehr ich bedaure, der Eintritt ist nicht gestattet – besonders so spät – ich – gnädige Frau bemühen sich vielleicht morgen früh noch einmal –«
»Ichmußsie fragen! Gleich, jetzt!«
Josefine zuckte zusammen – das war Verzweiflung! Jetzt hörte sie auch schon eilende Schritte auf der Treppe– da gab’s kein Zurückhalten – die Thür zum ersten Zimmer wurde aufgerissen, fast stürmte eine schlanke Dame herein. Sie schlug den Schleier zurück, und ihre großen, dunklen, wie Irrlichter flackernden Augen fuhren über die Betten hin. Sie sah Josefine.
»Ist hier mein Sohn, mein Eugen?«
»Die gnädige Frau sucht ihren Sohn. Der Leutnant vom Werth war mit bei Spicheren,« sagte der Oberstleutnant erklärend und blinzelte der Pflegerin zu. »Er ist nicht hier, gnädige Frau – darf ich bitten?« Er bot der Dame den Arm, um sie wegzuführen.
Aber sie beachtete es nicht. Wie auf Flügeln eilte sie immer weiter, die Betten entlang, über jedes Lager beugte sie sich; mit einem Laut jammernder Enttäuschung fuhr sie jedesmal zurück, aber sie eilte weiter, weiter, durch alle Stuben, durch den Krankensaal im Offizierskasino, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.
Den weinenden Töchtern und dem zugleich verwirrt und ärgerlich dreinblickenden Oberstleutnant blieb nichts übrig, als ihr zu folgen.
Auch Josefine folgte, mechanisch, wie hingezogen – die Frau suchte ja ihren Sohn!
Am letzten Bett drehte sich Frau vom Werth um.
»Er ist nicht hier!« schrie sie in einem herzzerreißenden Ton, und dann fiel ihr flackernder Blick auf Josefines schwarzes Kleid.
Auge in Auge sahen sich die beiden Mütter.
»Sie sind in – Trauer?« sagte Frau vom Werthstockend, und im Ausdruck des Entsetzens krampften sich ihre Züge zusammen. »Um – wen?«
»Um meinen Sohn!«
»Um Ihren Sohn?!«
Mit einem Wehlaut fiel die elegante Dame Josefine in die Arme; sie schluchzte herzbrechend:
»Mein Eugen war mit bei Spicheren, wir haben keine Nachricht, mein Mann ist hingereist, er sucht ihn – o, mein Gott, mein Sohn!«
Josefine blieb stumm, aber sie zitterte am ganzenLeib – daswar die schöne Frau vom Werth, die reiche Frau vom Werth? Jetzt so arm wie sie! Das war die Cäcilie von Clermont, die einst mit ihr auf der Schulbank gesessen?! Sie suchte und fand keine Ähnlichkeit mehr, alle Schönheit war weggeweint.
»Kennen Sie mich noch?« flüsterte sie traurig. »Ich bin die Josefine Rinke.«
»Rinke – Josefine – Rinke – ah, Fina, Finchen!« Die unglückliche Frau rang die Hände. »Ach Fina, was ist uns geschehen!«
Sie löste sich auf in Thränen. Aber Josefine konnte nicht weinen.
Vergebens hingen sich die Töchter – schöne, schlanke Mädchen – an ihre Mutter. Sie stieß sie von sich: »Mein Eugen, mein Sohn!«
Endlich ließ sich Frau vom Werth von Josefine fortführen; diese leitete sie die Treppe hinunter. Unten im Hof, unter den wispernden Ahornbäumen, unter denSternen, die blaß heraufzogen, standen sie kummervoll noch wenige Augenblicke zusammen.
»Mein Sohn, mein Eugen!« ächzte Frau vom Werth, als sie, halb ohnmächtig, von ihren Töchtern gestützt, an die wartende Equipage wankte.
Der Oberstleutnant schlug den Schlag zu und wischte sich den Schweiß ab: Gott sei Dank, daß das vorüber! –
Am nächsten Morgen veröffentlichte die Zeitung die, freilich noch längst nicht abgeschlossene, erste offizielle Verlustliste des neununddreißigsten Regiments:
›Tot .... Verwundet .... Vermißt .... Summa ....‹
Die Summa war groß.
Unter den Toten war Füsilier Peter Conradi verzeichnet; unter den Vermißten Sekondeleutnant Eugen vom Werth.
Aber auch der war tot; kurze Zeit darauf stand folgende Anzeige in allen Blättern:
›Den Heldentod für’s Vaterland starb, infolge einer am 6. August im Gefecht bei Spicheren erhaltenen schweren Verwundung, unser einziger, inniggeliebter SohnEugen Ernst August vom Werth, Sekondeleutnant im Niederrheinischen Füsilierregiment Nr. 39.Die tieftrauernden Hinterbliebenen.‹
›Den Heldentod für’s Vaterland starb, infolge einer am 6. August im Gefecht bei Spicheren erhaltenen schweren Verwundung, unser einziger, inniggeliebter SohnEugen Ernst August vom Werth, Sekondeleutnant im Niederrheinischen Füsilierregiment Nr. 39.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen.‹
Herr vom Werth hatte den Sohn gefunden. In einem Lazarett war der gestorben. Der gebeugte Vater hatte seinen Stammhalter unter unsäglichen Mühen mit in die Heimat geschleppt. Ob es wirklich Eugen war? Man hatte den Sarg nicht mehr öffnen dürfen. Aber so hatte die unglückliche Mutter wenigstens nun denschwachen Trost, auf dem Grabe Blumen pflegen und sie mit ihren Thränen begießen zu können.
Wo der Peter begraben lag, das konnte der Mutter niemand sagen. Und wenn sie hingeeilt wäre und hätte mit ihren Nägeln die blutgedüngte Scholle des großen Totenackers aufgerissen – sie hätte ihn nicht gefunden.
»Er ist im ewigen Leben,« sprachen Schwester Eustachia und Schwester Daria, die Mägde Christi, und ihre Oberin, Mutter Clara, die mit Josefine zusammen pflegten.
»Wär’ et dir so lieber, Fina?« tröstete der Invalide und wies auf sein fehlendes Bein.
»Finken, ich reis’ hin,« versicherte Schnakenberg, »so wie et irjend anjeht. Wat de vom Werth kann, kann ich auch. Un wenn ich ihm auch nit mitschlepp’, de Peter, ene schöne Stein laß ich ihm da setzen.«
»Du has noch einen Sohn,« sagte Bruder Friedrich, »verjiß dat nit! Un de wird jroß wachsen in der neuen Zeit – wer mit Thränen sät, wird mit Freud’ ernten!«
Und der Kleine schmiegte sich an sie:
»Mutter, ich bleib’ bei dir!«
Trost, so viel Trost! So viel mitleidsvolle Blicke, so viel teilnehmende Händedrücke – so viel schwarze Kleider, wie sie selbst eins trug, rings umher! Und doch kam in ihr Herz kein Friede. Ihr Sohn tot, von den Franzosen erschossen – gemordet! Ihr schöner, blonder Junge von diesen Bestien! Eine Wut überkam sie gegen die rotbehosten Horden, gegen den Napoleon, der all dies Unglück verschuldet. Auf der Straße sangen die Knaben Spottlieder:
›Was kraucht denn da im Busch herum?Das ist der Herr Napolium –‹
›Was kraucht denn da im Busch herum?Das ist der Herr Napolium –‹
›Was kraucht denn da im Busch herum?Das ist der Herr Napolium –‹
›Was kraucht denn da im Busch herum?
Das ist der Herr Napolium –‹
Das that ihr wohl. Und als ein paar französische Offiziere, die, den Arm in der Binde, spazierten, von der Straßenjugend belästigt und beschimpft wurden, hätte sie sich auch bücken und einen Stein aufraffen mögen. ›Was wollt ihr hier, ihr Räuber, ihr Mörder – Brot, Obdach, Pflege?! Krepiert! Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen Peter!‹ Sie fühlte einen wilden Haß in sich, eine brennende Wut. Alles in ihr empörte sich, wenn sie sah, daß es Leute gab, die verwundete Franzosen, besonders Offiziere, in ihre spezielle Obhut und Privatpflege nahmen. Sie stimmte lebhaft denen bei, die darüber murrten; mußten nicht die Franzosen warten, zurückstehen, bis erst alle, alle Deutsche versorgt waren?!
Und es kamen deren so viele: Preußen, Bayern, Sachsen, Hessen, Württemberger, Hannoveraner, und so manch’ rheinischer Jung’! Man hatte geglaubt, unendlich viele Betten zur Verfügung zu haben, aber immer waren es deren noch nicht genug; aus dem Arresthaus wurden Arrestanten zum Exerzierplatz geführt, um dort schnell Matratzen fertigen zu helfen. Allerorten sammelte man Geld, Kleidungsstücke, Lebensmittel. Die reichen Hammer Bauern fuhren ganze Wagen voll Gemüse und Kartoffeln bei der Kaserne vor, und auch vom Wochenmarkt kam ein hochbepackter Karren an, zu dem selbst das ärmste Bäuerchen von den Eiern seiner wenigen Hühner, von der Butter seiner einzigen Kuh beigesteuert. Es galt alle die langsam der Genesung Entgegengehenden zukräftigen, und alle die rasch dem Tod Verfallenden noch zu erquicken.
Täglich ging Josefine zur Mutter Brenzen, der Apfelkönigin, die das schönste Obst der Stadt vor Konditor Geislers Thür feil bot. Da thronte die Alte, die Füße auf dem Stovechen, Winter und Sommer in’s gleiche graue Umschlagetuch gehüllt, den mit schwarzen Bartstoppeln reichlich umsetzten Mund brummig geschlossen. Sie war berüchtigt grob. Aber jetzt lächelte sie und zeigte ihren einzigen Stockzahn: »Für Euer’ Kranken? Da!« Und sie legte noch drei extragroße, herrliche Trauben auf das Pfund obenauf und steckte ein paar Handvoll der erlesensten Spalierbirnen in Josefines Ledertasche. »Nehmt et nur, freut mich, wann ’t de Junges schmeckt – bis morjen!«
Manchem im Wundfieber Durstenden that so die alte Brenzen wohl. Die Augen der Kranken leuchteten auf, wenn Josefine mit den Früchten kam; besonders die Augen der Franzosen glänzten: Ah, Früchte, Früchte! Fast so schön wie zu Hause in Frankreich! Aber Josefine ging an den Feinden vorbei; für alle hatte sie nicht genug.
Mit dem französischen Fahnenträger in der Feldwebelstube ging es schlecht; beide zerschmetterten Arme hatte man ihm amputiert, und seine Schußwunde durch die Backe drohte brandig zu werden. Grausam entstellt, lag er regungslos; er klagte nicht, er konnte ja nichts sagen, nur seine Augen sprachen aus dem verschwollenen Gesicht und folgten sehnsüchtig der Traube, die Josefine täglich seinem Nebenmann reichte. Sie hatte sich wenig mehr um ihn gekümmert und seine Pflege fast ganz denNonnen überlassen – wozu sollte sie ihr längst vergessenes Französisch wieder hervorholen?!
Heut kam die Nonne gelaufen: »Ach, Frau Conradi, haben Sie keine Traube mehr? Ich glaube, der Franzos’ möchte gern eine; er sah Ihnen so nach, die Thränen kamen ihm in die Augen.«
Josefine hatte nur noch eine Traube, und diese letzte war für einen andern bestimmt.
»Er wird bald sterben,« setzte die Nonne hinzu.
Da ging Josefine und holte die Traube, zögernd, fast widerwillig. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Gier sah ihr der Franzose entgegen und bewegte die trockenen Lippen:
»Des rai – des rai –!«
Das war nur ein unartikuliertes Stammeln, mehr ein Wunsch als ein Wort. Eine große, saftige Beere drückte Josefine ihm in den mühsam ein wenig geöffneten Mund; und so fort, alle Beeren, bis die Traube nur noch ein leeres Gerippe war. Mit einem Seufzer und einem gehauchten ›merci!‹ schloß er die Augen.
»Der arme Junge,« sagte Schwester Daria, »wer weiß, zu Haus hat er vielleicht einen Weingarten gehabt!«
Arm, ja, aber es gab doch noch mehr arme Jungen! Josefine hätte ihm am liebsten kein Mitleid gegönnt, und doch ging sie nun morgens und abends zu ihm und erquickte ihn mit dem Saft einer Traube. Das war fast das einzige, was er zu sich nahm. Er wartete schon immer, er lauerte darauf, das merkte sie wohl. Aber sie sprach nie zu ihm, das konnte sie nicht über sichgewinnen. Ihr Peter, ihr Peter! – Sein blutiger Schatten reckte sich auf zwischen ihr und diesem da.
Am dritten Abend gab sie dem Fahnenträger wieder seine Traube, da sah er sie an, so bittend, so herzbeweglich, so über alle Maßen traurig, daß sie sich über ihn neigte. Zum ersten Male erwiderte sie seinen Blick.
Und sein Auge schweifte von ihrem schmerzversteinerten Gesicht hinunter über ihr schwarzes Trauerkleid; mit großer Willensanstrengung hob er ein wenig den Kopf und nickte:
»Pau–vre mère!«
Was, was hatte er gesagt?! Sie saß wie erstarrt, ganz erschrocken. Meinte er sie, oder dachte er an seine Mutter?! Sie wußte es nicht, es war auch gleich. Arme Mutter – arme Mutter – da sprang ihr plötzlich etwas wie ein Reifen vom Herzen, und lang entbehrte, heftige Thränen stürzten ihr jäh aus den Augen und blendeten ihren Blick.
Das war nicht mehr der feindliche Fahnenträger, ein verhaßtes, französisches Gesicht – das war nur ein Sohn, auch einer Mutter lieber Sohn!Pauvre mère– das hatte sie getroffen in innerster Seele.
Mühsam ihr Schluchzen bezwingend, blieb sie an seinem Bett sitzen noch bis gegen Mitternacht. Sie sah, es ging zu Ende. Die Stunden schlichen, das Lämpchen an der Wand brannte trübselig, als wollte es erlöschen, matte Fliegen kreisten langsam oben an der getünchten Decke. Sie hatte ihr Taschentuch gezogen und wischte ihm ab und zu den Schweiß von der Stirn; dann öffnete er jedesmal die Augen und sah sie an.
»Ma–man!«
Es war nur ein Hauch. Sie fröstelte und zitterte und weinte.
Endlich mußte sie doch gehen, die Nonne, die die Nachtwache hatte, kam und trieb sie fort. Langsam schritt sie über den Kasernenhof heim; kaum konnte sie voran, so schwer trug sie – aller Mütter Leid lag ja auf ihr.
Die Ahornbäume rauschten einen Trauerchor. Als sie das schwere Kasernenthor öffnete, gähnte die Straße dunkel wie ein Grab. Verstummt die Vaterlands- und Siegeslieder, nur der Nachtwind wimmerte um die Ecken eine klägliche Melodie. Es klang wie weinen.
Als sie am nächsten Morgen mit dem frühesten ihre Traube in die Kaserne brachte, war der junge französische Fahnenträger tot. Er war einer der ersten, der draußen an der Duisburger Chaussee auf dem erweiterten Kirchhof begraben wurde.
Und andre folgten ihm nach.
*
Der große Sieg bei Mars la Tour war errungen. Wieder hatten die Glocken geläutet, Raketen geknattert, der Oberbürgermeister vom Balkon des Rathauses herab ein dreimaliges Hurra auf König und Heer ausgebracht, und wieder hatte Platz für Verwundete not gethan, und die Tonhalle mit ihren Festsälen war zum neuen Lazarett eingerichtet worden, und auch die Maler hatten ihren Malkasten geöffnet.
Und wiederum ein glänzender Sieg: bei Gravelotte!Jubelruf und Klageschrei erklangen zugleich – die braven Neununddreißiger hatten bei Gravelotte wieder heran gemußt, und wenn der Tod auch ihre Reihen nicht niedergemäht wie bei Spicheren, manch einer hatte dran glauben müssen. Der zweiundzwanzigste August brachte sieben Schiffe mit Verwundeten, zwei darunter ganz voll Turkos und Zuaven. Aber die Bürger rannten nicht mehr hin, die Schwarzen anzugaffen; nun hatte man deren genug gesehen, arme Kreaturen, die dankbar waren für einen Trunk und einen Bissen Brot.
In der Kaserne war schon manches Bett leer geworden; manch einer, der darin gelegen, war wieder in’s Feld gerückt, manch andrer auch als kriegsuntüchtig in die Heimat entlassen und mancher an einen ganz stillen Ort verzogen. Nun waren die siebenhundert Betten wieder frisch gefüllt, abgerechnet all die Passanten, die nur einen Tag ausruhten, um dann, frisch verbunden und gelabt, weitergeschafft zu werden.
Wer hatte noch Kraft zum Pflegen?! Alle. Keiner war müde.
Auch Josefine nicht; noch war kein Tag, an dem ihre Füße sie nicht getragen, ihre Arme versagt hätten. Ihr Saal im Kasino lag voll, ihre Blocks auch; und unter allen hatte sie nun zwei alte gute Bekannte zu pflegen: Unteroffizier Schmidt und den jungen Hucklenbruch, den bei Gravelotte die Kugel in die Brust getroffen hatte.
Bett an Bett lagen jetzt die beiden Rivalen, die sich einst gemieden; aber es war nicht der Zufall, der das so gefügt, Schmidt hatte flehentlich darum gebeten. Warensie doch beide am selben Tag verwundet worden. Beide hatten sie unsäglich lange Stunden, unweit von einander, auf dem Schlachtfeld geschmachtet, bis es Schmidt gelungen war, auf allen Vieren zu dem schon bewußtlosen Kameraden hinzukriechen und ihm aus der Feldflasche, die er einem toten Tambourmajor aus der starren Hand gewunden, ein paar Tropfen einzuflößen. Dann hatte auch ihn das Bewußtsein verlassen; Seite an Seite waren sie beide hinübergeschlummert in die starre Unendlichkeit, bis sie, doch wieder erwachend, sich im gleichen fliegenden Feldlazarett fanden. Beide wurden sie mit dem gleichen Transport heimwärts geschafft. Und die ganze furchtbare Reise hindurch hatte Schmidt, dem ein kleiner Granatsplitter am Kopf noch lange nicht alle Schneid genommen, den nach Luft ringenden Hucklenbruch, dem der Atem durch ’s Kugelloch in der Lunge pfiff, in halbsitzender Stellung gehalten. Die wenigen Stunden Schlaf hatte der arme Junge an seiner Brust gefunden.
»’ne faule Sache,« flüsterte Schmidt bekümmert Josefine zu, die in halb schmerzlicher, halb freudiger Erregung des Wiedersehens an sein Bett geeilt war, und wies mit dem Blick hinüber nach dem Nebenmann. Der lag, wächsern und still, in seinen Kissen, bis auf’s letzte erschöpft vom Transport, vom Betten, Untersuchen und Verbinden.
Das Herz im Leibe drehte sich Josefine um. Wie oft hatte der Hucklenbruch seelenvergnügt in ihrem Lädchen gesessen, und nun mußte er so daliegen!
»Ja, denn man lieber jleich weg,« flüsterte Schmidt.Und dann sah er Josefine ganz seltsam an; seine sonst so kecken Augen wurden feucht und nachdenklich.
»Ich hab’ Ihnen auch noch was zu bestellen, Frau Conradi, ’nen –« er zögerte und strich sich verlegen den Schnurrbart – »’nen Jruß!«
»Von wem?« Warum fragte sie noch? Ach, sie wußte ja von wem! Es konnte nicht anders sein, sie empfand es am wilden, rasenden Schlagen ihres Herzens, jetzt kam etwas, ein Gruß, ein Gruß von – von –! Ihre Kniee brachen, unwillkürlich sank sie am Bett nieder und faltete die Hände krampfhaft: »Och Jott, vom Peter!«
Der Verwundete nickte. Die Botschaft wurde ihm nicht leicht, seine Stimme klang aufgeregt:
»Da – aus meinem Rock, jeben Se mal her – aus der Brusttasche – so, mein Notizbuch. Ich habe nämlich – was Jeschriebenes für Sie – ’nen Zettel – ich habe immer höllisch drauf ufjepaßt.«
Sie konnte das Notizbuch nicht gleich finden, ihre Hände zitterten zu sehr.
Nun kniete sie wieder am Bett, und Schmidt machte umständlich das Büchelchen auf, suchte umständlich darin. Sie hielt den Atem an und riß die Augen auf: was würde sie lesen?! Daß er tot war, daß wußte sie ja – aberwiewar er gestorben, wie?!
Dauerte das Suchen denn Stunden lang?! Eine Ohnmacht wollte sie ankommen, ihre Lippen bebten, ihre ganze Gestalt; kein Wörtchen konnte sie lallen. Aber jetzt– jetzt, gleichsam aus weiter Ferne schlug Schmidts Stimme an ihr Ohr:
»Er starb wie ein Held!«
Da seufzte sie tief auf, als sollte der Atem ihre befreite Brust sprengen, und riß gierig den Zettel an sich. Laut schrie sie auf: das war ihr Zettel, ihres Vaters Zettel, den sie dem Sohn in letzter Stunde zugesteckt beim Ausmarsch!
Und er hatte das Vermächtnis angetreten.
Da stand: ›Über alles die Ehre!‹ und darunter gekritzelt, mit Blut:
›Liebe Mutter, adjüs.‹ – – –
»Ehre, wem Ehre jebührt,« sagte Schmidt. »Der Junge war ’n janzer Kerl, bis zum Tode!«
Josefine drückte dankbar die Hand, die ihr den Zettel überbracht, dies Teuerste, was sie von nun an in ihrem Leben hatte.
Viele Tage trug sie das verknitterte, vergilbte, blutbefleckte Papier auf ihrer Brust. Da lag es und gab ihr ungeahnte Kraft; aber dann schloß sie es doch in die Truhe, in ihr Nähkästchen, zu den Andenken ihrer Jugend und Ehe. Jetzt hatte sie den Talisman nicht mehr nötig, sie war ruhig geworden in sich. Nicht mehr von der steinernen Ruhe jener ersten Zeit, nein, Gott sei Dank, sie konnte weinen! Aber in ihre Thränen mischte sich das Gefühl des Stolzes: mein braver Sohn! –
Von ihren Kranken empfing Josefine besondere Zeichen des Vertrauens.
»Schreiben Sie an meine Mutter,« bat mancher Soldat.
Und so saß sie denn an den Betten und ließ sich in die Feder diktieren von schwachen Stimmen, aber von Herzen, die jetzt doppelt stark empfanden für die Mutter daheim.
Und wunderliche Antworten liefen ein aus Nord und Ost und Süd und West des weiten Deutschen Reiches. Aber immer, trotz der lächerlichsten Orthographie, trotz aller Verquickung, las man’s heraus, das in Angst und Liebe und Sehnsucht gestammelte: ›Mein lieber Sohn!‹
»Werte Frau,« sagte Unteroffizier Schmidt eines Tages – er war schon in der Besserung und schluffte bereits in Filzpantoffeln bis zum Bett des Westfalen –, »werte Frau Conradi, würden Sie für mir nich auch mal ’n kleenes Briefchen schreiben?«
»Jern.«
»Na, nämlich« – er zupfte schon wieder an seinem Schnurrbart und versuchte ihm den früheren kühnen Aufwärtsstrich zu geben – »na, da ich nu doch mal kein Glück bei Sie habe« – er sah ihren ernsten Blick und nickte – »nehm’ ich ja nich übel, is ja jetzt janz natürlich, und denn auch schon von wejen Hucklenbruchen – wär’ mir wirklich penibel! Na, nämlich, ich habe mir’s jeschworen, als mir die Kugeln man so um die Ohren pfiffen, und die Kameraden um mich ’rum fielen, in Schwaden, wie jemäht: ›Junge, Junge, wenn de ’rauskommst, wirste ’ne alte Schuld wieder jutmachen!‹ Denn die Schramme da am Schädel rechnet nich, die is balde heil, und ich mache noch mal los. Also: ich habe da nämlich en Mächen zu sitzen, an de Panke wohnt se, jroßer Staat ist jeradenich mit se zu machen, arm is se man, und auch lange nicht so hübsch wie Sie, werte Frau! Na – aber se hat nu mal ’nen Jungen von mir! Also, haben Se die Jüte, werte Frau, schreiben Se schon man los: ich wer’ ihr heiraten. Es drückt mir’s Herz ab, ich kann nich warten, bis ich alleene schreiben darf. Die Aujuste wird jeheirat’t stantepe, sowie der Krieg ’rum is. Denn, wissen Se, so in ’n Krieg wird einen janz schnurrig zu Mute. ’s is lange nich so, als wie die Leute sich denken. Un mit die Bejeisterung is det allens Mumpitz. Un mit den Haß auf den Feind auch. Davon weiß man jarnischt in der Schlacht, man weiß von sich selber so jut wie jarnischt; was befohlen wird, wird jemacht: einfach rin! Muß ’t nu mal sind, denn man los! Das können Sie mir jlauben. Aber an die Juste schreiben Se man, bitte!«
*
Die Firma S. Sternefeld am Alleeplätzchen hatte annonciert, fettgedruckt, die halbe letzte Seite im Blättchen allein für sich in Anspruch nehmend:
›Fahnen, Fahnen!
Fahnen in allen Größen, Fahnennessel, Flaggentuch und so weiter.‹
Wer noch keine Fahne im Besitz hatte, rannte heute eilig hin und kaufte; die große Eingangsthür klappte den ganzen Tag – ’raus – ’rein, ’rein – ’raus.
»Sie wünschen?«
»Fahnen, Fahnen!«
»Schwarz-weiß?«
»Nein, schwarz-weiß-rot!«
Ein Meer von Schwarz-weiß-rot hatte sich über die Stadt ergossen. Zu jeder Bodenluke, zu jedem Mansardenfenster heraus steckte bald eine lange Stange; und lustig flatternd und sich freudig blähend im frischen Herbstlüftchen, klatschte das schwarz-weiß-rote Tuch gegen das untere Stockwerk. Das klang wie Wellenrauschen, wie Musik einer stürmischen Brandung: Sedan, Sedan!
Überall flaggte und wimpelte es. Der Jägerhof, das Rathaus, die Kaserne, das Theater, die Kirchen, die Schulen, die Thore, die Rheinbrücke, selbst der alte Jan Willem hatten geschmückt. Um alle Dächer rauschte es, durch alle Lüfte sauste es: Sedan, Sedan!
Große Flaggen, kleine Flaggen, schmale Wimpel, breite Wimpel, kostbares Tuch, dünner Nessel, verwaschener Kattun, Papierfähnchen – aber strahlender Sonnenschein lachend über alle, und übermütig dreinharfender Wind: Sedan, Sedan!
Wer freute sich nicht?! Die Verwundeten setzten sich auf in ihren Betten und horchten mit gespanntem Ohr. Der Rhein brauste es, Kanonen donnerten es – wer hätte gedacht, daß die je solchen Jubel künden könnten –: Sedan, Sedan!
›Gefangennahme des Kaisers Napoleon.
Kapitulation der Armee Mac Mahons bei Sedan!‹
Was wollten die Franzosen nun noch?! Ihr Kaiser gefangen, ihre größte Armee gefangen! Nun mußte es Friede, Friede werden!
Gegen Mitternacht war die erste Kunde nach Düsseldorf gekommen, atemlos hatte ein Depeschenbote sie in die schon schlummernde Stadt getragen. Vorbei war der Schlaf, vorbei die Ermüdung; die Leute stürzten aus ihren Häusern, auf den Straßen und Plätzen fanden sie sich zusammen, sie schüttelten sich die Hände, sie küßten und umarmten sich, sie lachten mit weinenden Augen: nun kam der Friede!
Leuchtend stand ein Stern am Himmel, und plötzlich fingen alle Glocken der Stadt an zu läuten – fromme Stimmen in heiliger Nacht.
Am kommenden Morgen zogen unzählige Schulkinder durch die Straßen; Maler Camphausen mit seinem weißen Bart hatte sich an die Spitze der rosigen Jugend gestellt und marschierte voran mit dem Trommlerchor. Und die bekränzten Knaben und Mädchen schmetterten aus hellen Kehlen:
›Es braust ein Ruf wie Donnerhall –‹
In allen Kirchen Gottesdienst, von allen Orgeln Dankeshymnen. In’s Beten klang Jubel hinein: ›Der Kaiser, der Kaiser gefangen!‹
In der Kaserne war ein Faß Bier aufgelegt – die Liebesspende eines begeisterten Bierbrauers – es trank davon, wer trinken durfte; und andre stießen mit Wein an.
Herr Schnakenberg kam auch gerannt mit ein paar ganz besonderen Bouteillen unter’m Arm: alter Rheinwein,firn und golden wie Harz. »Wat Extras, Finken, für dein’ Kranken,« flüsterte er der Stieftochter zu und steckte ihr die Flaschen unter die Schürze. »Hurra, wir haben ihn, den Napolium!«
Sie freuten sich alle. Als Josefine zum Mittagessen nach Hause kam, hatte der Invalide das ganze Schaufenster beflaggt und zugleich einen merkwürdigen Geschäftssinn dabei entwickelt. Zu Fähnchen hatten die bunten Kriegstaschentücher gedient: Weißenburg, Wörth, Spicheren, Mars la Tour, Gravelotte – sogar König Wilhelm und der Kronprinz, Moltke und Roon, selbst der von Bismarck hatte dran glauben müssen. Nicht allein die Straßenjugend stand vor so viel Pracht, auch Leichtverwundete, die draußen schon umherspazieren durften, kamen herein und kauften.
»No, wenn alle wat thun, können wir doch nit ganz müßig sitzen,« brummte Ferdinand, als die Schwester ihn belobte. Und dann fing er wieder an, auf sein Bein zu fluchen: wenn das nicht schon weggeschossen wäre, wäre er ja überhaupt mit ausmarschiert. Aber er begann nicht mehr seine alte Geschichte: ›Wir hatten die fränkische Saale überschritten –‹, die bekam man seit einiger Zeit nicht mehr zu hören; er war klein geworden im großen Krieg, und der Geruch des Lazaretts, der Hauch der vielen Leiden, den die Schwester aus der Kaserne mit herüberbrachte, ließen sein eignes, mißvergnügtes Gejammer ganz verstummen. Er war begierig darauf, zuweilen mit ihr herüberzugehen und ihr bei kleinen Diensten für die Kranken hilfreiche Hand zu leisten.
Auch der Junge durfte ab und zu mit der Mutter kommen. Er lernte jetzt Französisch und war ein guter Schüler; so konnte er als Dolmetscher dienen, wo ihre paar Brocken nicht ausreichten. Mancher Franzose streichelte ihm über den Kopf: »Ah, merci, mon petit, Dieu vous bénisse!« Fritz hatte viel Freunde unter den Feinden.
Aber waren denn diese armen Kranken wirklich Feinde? Was konnten sie für den Krieg? Die – gar nichts! Waren sie nicht weggerissen aus ihrer Familie, vom Pflug, vom Webstuhl, vom Maschinenrad, von all dem, was sonst ihr Leben ausgemacht, nur gehorchend dem Befehl? Es wollte Josefine nicht aus dem Sinn, was ihr der ›helle Berliner‹, wie die andern den Schmidt neckend nannten, gesagt hatte: ›Mit der Begeisterung ist das Mumpitz und mit dem Haß auf den Feind auch.‹ Und liebten die Franzosen ihr Vaterland nicht auch? Es sollte sehr schön in Frankreich sein. Mußte es ihnen nicht weh thun, wenn die Kanonen Sieg donnerten und die Glocken Freude läuteten und alles Volk jubelte?!
Unten auf dem Kasernenhof, unter den Ahornbäumen spielte heut nachmittag die Musik. Da stand, was Beine hatte, und schrie Hurra. Selbst die Nonnen waren an die Fenster geeilt. Das erste Eiserne Kreuz war nach Düsseldorf gekommen, hierher in die Kaserne!
Und der Glückliche, dem es verliehen wurde für besondere Bravour, war Unteroffizier Schmidt. Ja, das war einer! Der hatte gesagt, als sie die vom Feind besetzte Waldhöhe stürmten und der Zugführer zusammenbrach: ›Nu, Kinder, druf wie Blücher! Aber erst wer’ ik mirnoch eene in’s Jesicht pflanzen!‹ Und er hatte seine Stummelpfeife angesteckt, und dann war’s losgegangen wie ein Donnerwetter, daß der Feind wich.
Der Oberstleutnant hatte es sich hübsch ausgedacht, diesen allgemeinen Freudentag dem Tapferen zu einem besonders festlichen zu gestalten.
Im Kreise standen das Wachtkommando und die Blessierten – Franzosen waren auch darunter – und in der Mitte stand Schmidt.
Josefine lugte hinunter – wie schneidig der Schmidt bereits wieder war, trotz des verbundenen Kopfes in voller Uniform! Und der Oberstleutnant umarmte ihn und heftete ihm selber das Eiserne Kreuz auf die Brust. Eine Nonne trat in den Kreis und kredenzte dem Helden Wein. Der Oberstleutnant stieß mit ihm an, hob dann sein Glas und hielt eine Ansprache. Die Rede schloß:
»Ein Hoch dem Braven, der hier unter uns steht! Ein Hoch unsrer Armee, die Frankreich in den Staub gezwungen! Ein Hoch Seiner Majestät, unserm Heldenkönig!«
Man verstand jedes Wort oben in den Krankensälen, deren Fenster geöffnet waren. Das war ein jubelndes Rufen und Schreien, ein Hoch und Hurra, und die Musik stimmte an: ›Heil dir im Siegerkranz!‹
Josefine schloß das Fenster. Es lagen hier so viel Schwerkranke, fast lauter Franzosen. Aber auch durch die geschlossenen Scheiben drang deutlich die markige Musik. Dort im Bett, nahe dem Fenster, hatte sich der junge Juwelier aus Paris ganz nach der Wand gekehrt und dasKissen mit beiden Händen gegen die Ohren gedrückt. Was hatte er nur? Erschrocken sah Josefine nach ihm hin, sein Körper zuckte unter der Decke wie im Krampf. Jetzt schlug ein unterdrückter Laut an ihr Ohr – er schluchzte: »Oh ma patrie, ma pauvre patrie!«
Da schlich sie hinaus, sie mochte ihn nicht ansprechen, sich gar nicht bemerklich machen –oh ma patrie!– nicht seine schmerzliche Scham belauschen.
Draußen auf der Treppe begegnete ihr Schwester Daria, die atemlos vom andern Block herüberkam:
»Frau Conradi, ach, da sind Sie ja! Mit dem Hucklenbruch geht es wieder so schlimm.«
»Wieder ein Blutsturz?« fragte Josefine erschrocken.
Die Nonne nickte: »Es ist als nach Ihrem Herrn Pastor geschickt. Derweilen betet unsre Mutter Clara mit ihm.«
Auf den Fußspitzen schlich Josefine zu Hucklenbruch herein. Man hatte den Armen schon seit ein paar Tagen ganz allein gebettet, in dem Raum, der einst der Feldwebelwohnung als Küche zugehört. Jedes Geräusch hatte dem Leidenden Pein gemacht. Aber jetzt standen die Fenster nach dem Hof weit offen, die schöne Nachmittagssonne flutete voll herein und die Musik und das Singen – der Sterbende wurde all dessen nicht mehr gewahr.
»Höher – höher!« hauchte er nur noch mit verlöschender Kraft.
Kissen auf Kissen stopften sie ihm hinter den Rücken; noch immer nicht hoch genug, noch immer keine Luft.
»Höher – höher!«
Da setzte sich Josefine auf den Bettrand und nahm den nach Atem Ringenden stützend in ihren Arm.
Hucklenbruch war ein guter, evangelischer Christ. Ob er seine letzte Stunde nahen fühlte, wer weiß? Aber er hatte plötzlich Verlangen geäußert nach dem Abendmahl. Es waren ja noch nicht allzuviele Jahre, seit er’s mit seinen Eltern zum erstenmal genommen, zu Bielefeld in der Kirche, im langen Konfirmandenrock, das Myrtensträußchen im Knopfloch.
Nun kam der Geistliche.
»Nehmet hin und esset – das ist mein Leib – der für euch gegeben wird –«
Feierlich klangen die Einsetzungsworte, getragen von der heraufschallenden, festlichen Musik. Aber der danach Begehrende konnte den Leib des Herrn nicht mehr empfangen, das Schlucken versagte.
»Nehmet hin – und trinket alle daraus –«
Wohl neigte der Geistliche sich über das Bett und hielt dem Sterbenden den Kelch an die Lippen, aber der Wein verschüttete; der bleiche Mund streifte nur des Kelches Rand. Hucklenbruch merkte das nicht; ein verklärter Ausdruck lag auf seinem blutleeren Gesicht, mit dem jetzt verblaßten Sommersprossensattel über der scharf gewordenen Nase. Seine Augen waren ganz nach oben gekehrt.
Vor seinen Ohren spielte leise die Orgel der Bielefelder Kirche: ›Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd’ der Welt.‹ Da war eine große, andächtige Gemeinde – immer neue wallten zum Altar, immerneue – aber er hatte schon genossen, er war nun wohl vorbereitet. Und Vater und Mutter führten ihn fort – heim.
Unten auf dem Hof setzte die Musik einen Augenblick aus. Der Geistliche breitete die Hände zum Segen und sprach das Amen. Neben der würdigen Oberin lag die junge Daria auf den Knieen. Auch die Nonnenhände hoben sich empor: »Amen, Amen!«
Strahlender und strahlender vergoldete der warme Sonnenschein Stube und Bett und den Sterbenden.
Rauschend hub die Musik von neuem an, höchster Jubel stieg zu höchsten Höhen:
›Heil dir im Siegerkranz,Heil König dir!‹
›Heil dir im Siegerkranz,Heil König dir!‹
›Heil dir im Siegerkranz,Heil König dir!‹
›Heil dir im Siegerkranz,
Heil König dir!‹
*
Bis in die sinkende Nacht Jubel. Musik, Transparente, Illumination, bengalische Flammen. An den Rheinufern loderten Feuertonnen, und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen wallten. Das knatterte und knallte, blies und fiedelte, jauchzte und frohlockte. Fünfzehnhundert Träger schwangen ihre Fackeln; greller Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster, wie bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser. Hin zum Jägerhof wallte der endlose Zug, und Fürst und Fürstin von Hohenzollern traten auf den Balkon. Das Volk grüßte hinauf, und sie grüßten hinab. DerFürst brachte dem König und der Armee ein donnerndes Hoch, ein dreifach donnerndes Hurra antwortete.
Im Hofgarten reckten die Bäume ihre schon herbstlichen Blätter in’s Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Ein letzter, sommerlicher Hauch strich säuselnd durch’s hohe Gras. Der Herbst war vor der Thür, der Winter würde kommen, Schnee und Eis bringen, aber was machte das?! Träume standen auf, frühlingsfrische, hoffnungsgrüne Träume. In den Wipfeln rauschte es von: ›Friede, Friede!‹