10

Oliver zog ein Taschentuch heraus, rieb das Schweißleder in seinem Hut damit ab, ebenso Mehl und Staub von seinem Gesicht, er bürstete seine Schuhe und seine Kleider und ließ Jörgen warten. Er wollte wohl Jörgen gerne merken lassen, daß er nicht mehr derselbe wie früher war, daß seine neue Stelle nicht die des ersten besten sei. Dann schließt Oliver die Lagerhaustür für diesen Tag ab; sie knirscht durchdringend in den Angeln, aber das ist ein freundlicher Laut für Oliver, der abendliche Schwanengesang einer Lagerhaustür. Er steckt den schweren Schlüssel in die Tasche, und dann ist er fertig.

Sie gehen heimwärts. Jörgen trägt ruhig seine Ölkanne und hört Olivers Reden zu, die einfach und eigentlich demütig, aber voller Prahlerei sind. „So, du willst dein Haus anstreichen?”

„Ja.”

„Du bist glücklich, daß du das selbst tun kannst. Ichmuß mir nun Maler nehmen, um meines anstreichen zu lassen, selbst hab' ich keine Zeit dazu.”

„Nein.”

„Aber ich kann nichts anderes sagen, es hat sich für mich recht günstig gewendet, ich kann anstreichen und aufputzen lassen, wie es gerade nötig ist. Es kostet zwar, aber da ist nichts zu machen.”

Jörgen hat etwas auf dem Herzen und sagt: „Wir müssen versuchen, unsere Jungen mehr daheim zu halten.”

„Die Jungen? Warum?”

„Gestern abend sind sie wieder draußen gewesen. Ich bin manchmal recht in Sorge um sie.”

„Um den Eduard und den Abel? Nein, Jörgen, das ist nicht nötig,” erwidert Oliver und fühlt sich überlegen. „Diesen Burschen geschieht nichts.”

„Sie kommen manchmal so sehr spät heim. Ich wünschte, du gäbest ihnen das Boot nicht.”

„Laß doch die Jungen!” sagt Oliver. „Als ich im Ausland fuhr und in allen Städten der Welt war, hab' ich überall kleine Jungen gesehen, die in einem Boot draußen waren. Du solltest auf den großen Ozean kommen, da springen sie vom Boot aus ins Wasser und schwimmen wie die Aale.”

„Aber dann lernen sie ihre Schulaufgaben nicht.”

Die beiden Väter besprechen die Sache verständig nach beiden Seiten hin, und Oliver ist überdies der erfahrenere von den beiden und ein Weltumsegler; Jörgen kann ihn wohl anhören. Aber plötzlich sagt Jörgen: „Ja, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß sie Fische stehlen.”

„Na,” sagt Oliver. Darauf kommt ihm wohl der Gedanke, daß Diebstahl unvereinbar mit seiner neuen Stellung sei, und er bleibt jählings stehen. „Stehlensie Fische?” fragt er.

„Nicht von den meinen, aber Martin auf dem Hügel klagt über sie.”

„Jetzt werd' ich mit den Jungen reden!” erklärt Oliver. „Jawohl, und dann soll auch ordentlich mit ihnen geredet werden.”

Diese beiden, der Fischer Jörgen und Oliver haben im Lauf der Jahre manches Gespräch miteinander geführt, und sie waren immer ohne einen Gruß und Gute Nachtauseinandergegangen; aber an diesem Abend sagt Oliver: „Willst du nicht bei uns hereinsehen?”

Jörgen ist langsam und als Geist betrachtet nicht schlagfertig: Was meinte denn der Nachbar, der Mann vom Lagerhaus?

„Ich weiß nicht, ob Petra vielleicht eine Tasse Kaffee und etwas Backwerk hat; wir könnten es ja probieren.”

„Nein, ich danke, aber es ist für heut' abend zu spät,” erwidert Jörgen auf diese Großtuerei.

„Na, ja ja. Nun, dann grüß daheim!”

So etwas hatte Jörgen noch nie gehört: daheim grüßen!

Als er heimkam, mußte er seiner Frau sein Erlebnis erzählen, und Lydia, die Kluge, war nicht faul, alles zu durchschauen. „Sie werden verrückt,” sagt sie. „Dies wäre ja einerlei, den Kaffee bezahlen sie wohl nicht mehr teuer, wenn sie ihn im Lagerhaus finden können; aber Backwaren! Und jetzt ist Petra selbst beim Schulvorsteher gewesen und hat gefragt, ob ihr Frank nicht Pfarrer werden sollte.”

Die tüchtige Lydia, sie war nicht ganz frei von Neid. Na, Petra hatte wahrlich Grund, stolz zu sein — es müßten nur die vielen braunäugigen Kinder sein, haha! Nein, das war wahrlich nicht der Mühe wert! Den grauen Mantel, den sie bekam, ehe sie verheiratet war, den konnte sie jetzt nicht mehr tragen, was man auch nicht erwarten konnte; aber eine verheiratete Frau sollte nicht wieder einen hellen rotbraunen Mantel haben, den sie eben jetzt von Frau Johnsen geschenkt bekommen hatte, das schickte sich nicht, sie machte sich ja lächerlich damit.

Arme Petra, alle waren hinter ihr her, sie war eigentlich ein unglückliches Geschöpf, ein angebundenes Stück Vieh, das die Fessel toll macht. Das schlimmste aber für sie selbst und für andere war, daß sie so ungenügsam und so unzufriedenen Sinnes war. Sie hatte nun ihr Heim und ihr Auskommen, hatte Mann und Kinder, da hatte sie sich doch nicht so schlecht gebettet, oder wie? War sie mehr wert? Hatte sie nicht alle Ursache, mit einem Manne wie Oliver, der zum Vorstand von Konsul Johnsens Lagerhaus emporgestiegen war, glücklich zu sein? —

Oliver tritt in seine Stube und hängt den mächtigen Schlüssel an seinen Nagel am Fensterpfosten. Er hat selbstdas Kleingeld für die Kuchen, die beim Bäcker geholt werden sollen, hergegeben; jetzt kommen sie auch auf den Tisch, jawohl, aber nicht viele, nicht ein Haufen für ihn, der der Versorger ist, außerdem benimmt sich Petra nicht im geringsten höflich, sondern legt die Kuchen auf den bloßen Tisch. Um ihr eine Lehre zu geben, nimmt Oliver seine Obertasse weg und legt die Kuchen auf die Untertasse, dann schaut er auf. Aber Petra ist nun verdrießlich und sagt: „Ich wußte nicht, daß du in Gesellschaft bist.” Oliver ist sich seiner Würde bewußt, streiten tut er nicht, wenn er es vermeiden kann; so gibt er den beiden kleinen Mädelchen jedem einen Kuchen, dann hat er noch einen für sich. Jawohl, Oliver ist naschhaft wie ein Frauenzimmer, er genießt sein süßes Kuchenbrot mit Behagen und trinkt Kaffee dazu, danach macht er sich zum Abendbrot tapfer an den Brotlaib und die Margarine.

„Was hatte denn Jörgen in der großen Blechkanne?” fragt Petra.

„Maleröl.”

„Was, will er anstreichen?”

„Das ist wohl seine Absicht.”

„Ja, manche Leute können anstreichen lassen und es hübsch bei sich machen!” sagt Petra.

Von Olivers Seite Schweigen. Kurz nachher nimmt sie wieder das Wort. „Der Mattis, der ist nun obenauf, er hat einen roten Briefkasten an seinem Haus.”

„Woher weißt du das?” fragt Oliver.

„Woher ich es weiß? Ich ging da vorbei, und da sah ich's.”

„Was hattest du in der Gegend zu tun?”

Petra spottet: „Ich werde dich wohl um Erlaubnis fragen, ob ich vor meine Haustür hinausgehen darf!”

„Warum hast du denn den Mattis nicht genommen?” fragt Oliver. „Dann hättest du ja jetzt einen roten Briefkasten.”

Von Petras Seite Schweigen.

Die Sache aber war die: jetzt war Oliver gut und dankbar gegen die Vorsehung für das Große, was er erreicht hatte, er philosophierte nicht mehr gottlos über sein Unglück und meinte, es sei Sünde und Schande, wenn andere es taten, der jetzige Oliver war geradezu ein glücklicherMensch. Aber der Schreiner Mattis, der war gleichsam das Gift in seiner Freude, und wenn dieser Mann aus der Welt draußen wäre, zum Beispiel mitten in der äußersten Finsternis, das wäre ein Glück! Hoho, wie komisch geistesschwach war doch Oliver, er sah den Schreiner im Zusammenhang mit seinem blauäugigen Mädelchen, wart' nur, er würde schon ordentlich aufpassen, wenn das Kind eine Pferdenase bekommen sollte!

Eigentlich war an dem Schreiner Mattis nichts auszusetzen, er stand nicht im Geruch, hinauszuschlagen. Dieser solide Mann, der jetzt Haus und Werkstatt hatte und mit einem Gesellen und Lehrling schaffte, „veränderte” sich nicht, er hatte keine Frau, war vollständiger Junggeselle. Es war, als hätte er zu sich selbst gesagt: „Nein, ich danke, ich hab' einmal eine lange Nase bekommen, diese Nase braucht nicht noch länger zu werden, das steht fest.” Jetzt hatte er Maren Salt als Haushälterin, und sie war wohl über vierzig und würde ihn nicht in Versuchung führen. Da stand er nun jahraus, jahrein in seiner Werkstatt, sägte und hobelte und hatte heruntergezogene Mundwinkel, sah auch mit der Zeit immer trauriger und einfältiger aus, aber er tat seine Arbeit.

Aber gerade das, daß Mattis sich nicht verheiratete, machte ihn in Olivers Augen verdächtig. Was hatte der Mann im Sinn, schlich er hinter Petra her? So oft des Schreiners Name genannt wurde, bekam Oliver einen Rückfall seiner Eifersucht.

„Kannst du mir sagen, was ein Briefkasten am Haus für ein Staat sein soll?” fragte er.

„Nun ja, es ist ein kleiner Schmuck und eine Aufmunterung. Nicht jedermann hat einen Briefkasten an seinem Haus.”

„O, ich, der weit in der Welt draußen gewesen ist, ich hab' vergoldete Briefkästen gesehen!”

„Vergoldete?”

„Ja, von oben bis unten vergoldet. Und mit einer Kaiserkrone darauf.”

Oje, aber Petra hatte schon tausendmal gehört, was Oliver in der Welt draußen gesehen hatte.

Es war gut, daß Oliver den Jungen das Boot nicht wegnahm. Hätte es einen Sinn gehabt, die Leute an ihrem Erwerb zu verhindern?

Die vier Bratfische, deretwegen es ein ehrenrühriges Gerede gegeben hatte, hatten die Jungen sehr richtig in Martins Fischkasten „gefunden”, und nun gingen sie selbst hin und gestanden es ihm. Aber sie hätten sie nur entlehnt, um ein Dutzend Bratfische aufzufüllen, die dem Doktorhause versprochen waren. Und bitte, hier sind die Fische wieder, wir bringen sie ganz von selbst, und wir werden dir ein andermal vier Stück dafür geben, Martin.

Der arme Martin wurde wahrhaftig so ehrlichen Leuten gegenüber etwas flau über seine losen Reden, er murmelte, es hätte ja nicht so sehr geeilt mit dem Zurückgeben.

„Doch,” sagten die Jungen, „hier sind die Fische, und wir danken schön für die Hilfe.”

Ja, Oliver hatte mit den Jungen geredet, wie er versprochen, das heißt, er hatte ihnen eine blanke Krone gegeben, damit sie die Sache wieder gut machen könnten. O, Oliver war nicht so dumm, er war auf seine Art gut gegen Kinder, und die Kinder liebten ihn dafür. Abel kaufte sogar manchmal Näschereien für den Vater.

Und wovon kaufte er denn? O, Abel verdiente Geld, er fischte.

Diese kleinen Jungen waren ordentlich tüchtig, sie waren ganz hingenommen von ihrem Gewerbe. Nicht Schulaufgaben und Lehrer wurden zwischen ihnen verhandelt, sondern ihr Geldbestand. Sie hatten ihre Rechnungen im Kopf: ein wenig hatten sie wohl einem Kameraden, der in einer Klemme war, vorgestreckt, ein wenig ging manchmal beim Spielen verloren, aber der Rest war da. Keiner von ihnen hatte wenig, sie hatten Silber und Scheine,aber sie hatten auch große Ausgaben. Eduard mußte für sich beständig Rauchtabak in Silberpapier halten, sonst würde er seekrank, behauptete er, und Abel war leider auch kein besserer Kerl, er hatte Auslagen für Sirupkuchen, für ein Pistol mit Zündplättchen, für Rotstifte, mit denen er auf die Hauswände schrieb. Das waren keine Kleinigkeiten; aber die Jungen waren fleißig und klebten förmlich an ihrem Boot.

Später, als die Schule sie im Ernst einfing, waren sie nicht mehr so sehr erpicht auf ihre Arbeit, es war eine Schande, wieviel Zeit und Kräfte sie auf ihre Aufgaben verwenden mußten. Sie hielten sich dafür schadlos, daß sie in der Stadt auf Erlebnisse ausgingen, und auf diese Weise gerieten sie auch in allerlei hinein. Ganz besonders hatten sie es auf zornige Gartenbesitzer abgesehen. Um freundliche Gartenbesitzer, wie den Postmeister und den Grütze-Olsen, kümmerten sie sich nicht, aber der Apotheker war ausgezeichnet. Im vorigen Jahre hatte er mit Salz nach ihnen geschossen, als sie eine Maus bis in seinen Garten hinein verfolgten, in diesem Jahr rächten sie sich dafür, sie scheuchten herzlos seine Hühner, rissen seine Flaggenschnur herunter und hielten seinen Garten vollständig frei von Obst.

Bei diesen Streichen hatten sie nun einen dritten Verschworenen bekommen, und dieser war überdies nur ein Mädchen, Klein-Lydia, eine rechte Range, aber eifrig und geschickt, besonders ein schlaues Füchslein, wenn es galt, auf dem Wachtposten zu sein und herannahende Gefahr zu melden.

Eduard war der größte von den dreien und auch am tüchtigsten im Pläne schmieden, aber Abel war leicht und mager und deshalb unentbehrlich beim Klettern und sich durch enge Löcher hindurchzuzwängen. Es kostete unendliche Mühe, herrliche schwarze Kirschen, die auf einem hohen Baum in des Apothekers Garten wuchsen, herunterzuholen, und wenn es gelingen sollte, mußte Abel auf das Dach des Nebengebäudes hinaufklettern und von da aus den Versuch machen. Es war ein später, aber mondheller Abend, alle drei waren auf ihrem Posten, Klein-Lydia steht mit spähenden Augen da, Eduard stützt die leeren Kisten, auf die Abel steigen soll, Abel selbst steigthinauf. Es kostet Zeit, das steile Ziegeldach zu ersteigen, aber Abel klettert mit den Nägeln; als er endlich rücklings auf dem First sitzt, muß er noch ein gutes Stück nach der Seite rücken, um zu den Kirschen zu gelangen — und als er dicht vor dem Ziel ist, räuspert sich das Füchslein leise. Klein-Lydia hat den Lichtschein gesehen, der durch eine sich öffnende Tür in der Apotheke fällt. Jawohl, so war's. Aber jetzt ist das Eichhörnchen am Ziel, und es wagt einen Augenblick zu zögern; das Füchslein räuspert sich laut — der Apotheker steht plötzlich drunten am Hinterhaus. „Aha!” schreit er. „Komm herunter, du Satan! Nun sollst du sehen!”

Aber der Apotheker war der, der sehen mußte.

Zuerst regnete es Dachziegel auf ihn herunter, das Eichhörnchen verläßt das Dach auf der andern Seite, verfolgt von einem Steingeröll, verfolgt von Erdschollen, die hinter ihm herunterrollen. Er gelangt nicht auf die leeren Kisten, sondern fällt auf ein Staket, das ihn aufspießt, von da springt er schließlich auf die Straße hinaus, als ein geretteter, aber blutender Mann. Zu allem andern kam auch noch ein Schuß Salz durchs Staket, das drang mit Glanz durch Abels dünne Hose. Aber am schlimmsten war doch das Spottgelächter des Apothekers.

Und wie lief es ab, als die Jungen ihr ausgeliehenes Geld zurückfordern wollten?

Da hatten sie zwei Kameraden, die in Not gewesen waren, geholfen und ihnen einen anständigen Kassenkredit eröffnet, doch die Zeit verging und verging, und die Schuldner machten keine Miene, ihre Schulden zu bezahlen. Da wurden sie auf Tag und Stunde vorgeladen, eine große Versammlung fand sich ein, die Sünder ebenfalls, da sie aber sehr eingebildete Jungen waren, lächelten sie ihre Gläubiger, um sie zu ärgern, nur an. Aber Eduard und Abel hatten sich nun einmal vorgenommen, die Sache ins reine zu bringen, im Notfall mit Gewalt.

Eduard kommt zuerst daran.

Er geht direkt auf Reinert zu. Dieser ist der Sohn eines Küsters und hat moderne Kniehosen an, und die Uhrkette seines Vaters baumelt auf seiner Weste — auf ihn geht Eduard zu, ganz ruhig, wie wenn gar nichts los wäre, ja es ist, als wolle er ihm zum Gruß die Handreichen. Aber da verbarg Eduard bloß eine teuflische List; plötzlich stößt er mit Arm und Faust zu und fährt kopfüber auf seinen Gegner los.

Die Versammelten wagen kaum zu atmen und sehen dem Auftritt mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; die beiden wälzen sich am Boden, sie kommen wieder in die Höhe und tanzen auf dem ganzen Platze herum, sie sprühen Funken gegeneinander. Dann, in einem unseligen Augenblick, entdeckt Reinert, daß er die Uhrkette verloren hat; alle miteinander suchen sie, und Klein-Lydia, das Füchslein, findet sie im Kies.

„Gib her!” schreit Reinert. Aber Klein-Lydia hat besseren Verstand, sie läuft damit zu ihrem Bruder hin, und Eduard steckt die Kette in seine Tasche. „Aha,” sagt die Versammlung.

Hätte nun Reinert besser Zeit gehabt, dann hätte er sich vielleicht die Kette zurückerobert, aber er muß augenblicklich zum Gürtler mit ihr, um nicht mit einer zersprungenen Kette nach Hause zu kommen. „Ich bezahle!” ruft er Eduard zu; „ich wollte dich nur ein wenig reizen.” Und die Versammlung bekundet mit lauter Stimme ihren Beifall zu dieser Entscheidung.

Jetzt waren das Eichhörnchen und ein lustiger, fester Kerl, der den Spitznamen der Zeichenstift hatte, an der Reihe. Aber als Reinert, des Zeichenstifts großes Vorbild, den Walplatz verlassen mußte, war niemand mehr da, um diesem den Mut zu stählen, er sah sich verraten und verlassen, und da murmelte er: „Ich bezahl' auch.”

Auf diese Weise gab es allerlei Erlebnisse, nicht alle so einfach und ehrlich, aber alle lehrreich und je nachdem entwickelnd wirkend.

Nun kam eine Zeit, wo Abel etwas in die Höhe schoß und ordentlich heißhungrig wurde, gleichzeitig verlor er alle Arbeitslust, er war in recht frühzeitigen Flegeljahren. Das war keine gute Zeit für Abel. Als er sein bares Geld aufgebraucht hatte, konnte er sich beim Bäcker privatim keine Eßwaren mehr kaufen, da verdingte er sich beim Stadtingenieur für die Abende als Laufbursche und zum Holzspalten. In diesem Dienst bekam er großen Geschmack an verstohlenen Fahrten in den Straßen, er hängte sich nur mit ein paar Zoll seines Körpers an einen Wagen,um jeden Augenblick abspringen zu können, falls er entdeckt wurde. Er, der sich früher nie um Pferde und Fuhrwerke gekümmert hatte, hörte jetzt das Rasseln eines Wagens schon von weitem und paßte ihm eifrig auf, denn es war gar keine so leichte Kunst, im richtigen Moment auf einen Wagen zu springen.

Bei Stadtingenieurs bekam er außer etwas Lohn jeden Abend noch herrliche große Butterbrote, die ihm ordentlich aufhalfen und seine Lebensgeister stärkten. In dieser Stellung blieb er einen Monat um den andern den ganzen Winter hindurch, und in dieser Zeit traf er zwar mit Eduard noch in der Schule zusammen, erlebte aber keine weiteren Abenteuer mit ihm. Dagegen erlebte er ein Abenteuer mit Klein-Lydia: als er zwölf Jahr alt war, freite er um sie.

Er hatte ja Klein-Lydia die ganze Zeit über als ein gutes Mädchen gekannt und sich recht an sie angeschlossen; jetzt war sie überdies seit kurzem außerordentlich hübsch geworden, und er glaubte zu bemerken, daß der Küstersohn Reinert in seinen Kniehosen um sie herumschwänzelte. Da nahm sich Abel vor, rasch zu handeln.

Es ist Sonntag, sie sind drüben beim Fischer Jörgen, die Hühner laufen auf dem kleinen Hofe um sie herum, Abel und Klein-Lydia plaudern miteinander. Sie trägt ein schönes gelbes Kleid, weil es Sonntag ist, er aber ist an dem Tag angezogen wie am vorhergehenden und wie an allen andern Tagen auch, aber an so etwas denkt Abel nicht. Sie erklärt ihm gerade, sie könne nicht begreifen, daß sich Grütze-Olsens Ragna noch etwas aus Puppen mache: „Wenn ich doch meine Puppe gar nicht mehr ansehe.”

Hier dachte nun wohl Abel, wenn sie so erwachsen geworden sei, dann sei es auch hohe Zeit für ihn zum Handeln, und so legte er ihr seine Herzensfrage vor. Obgleich er nun ganz offen redete und alles Nötige sagte, verstand ihn Klein-Lydia gar nicht, sondern mußte ihn noch einmal fragen. Das war Abels schlimmster Augenblick. Nicht weil er an ihrer Antwort zweifelte, sie würde gewiß gleich ja sagen, so sehr wie sie seither im Leben verbunden waren. Aber als sie sein Anliegen noch einmal gehört hatte, runzelte sie die Stirn und sagte nein. Glatt nein!

Er sah sie forschend an, ob sie auch nüchtern sei.

Klein-Lydia dachte nach und überlegte wohl hin und her: der Freier tat ihr leid, ja wahrhaftig! Sie waren gute Freunde gewesen, und hatten sich gut gekannt, aber sich mit ihm verloben — nein! Allerdings war er ein Junggeselle, in dieser Beziehung stand nichts im Wege, aber sich wirklich mit ihm verloben — nein!

O die Frauen! Leider stand es so, daß er vorläufig, um eine Familie zu gründen, nichts anderes hatte, als seinen Laufdienst beim Stadtingenieur; aber er konnte ja steigen, was hinderte ihn daran, zu steigen? Und überdies sollte sie nicht übersehen, daß er mit ganz reellen Absichten vor ihr stand, Gott mochte wissen, in was sie mit dem Reinert in Kniehosen hineingeraten konnte! Aber die Frauen! „Nein!” sagte sie also und schüttelte den Kopf.

„Ja ja,” erwiderte er nur.

Da stand er wie begossen, und er war nicht einmal gefaßt genug, fortzugehen, am liebsten wäre er in den Boden versunken. Was hätte er tun sollen? Die Mütze hätte er abnehmen sollen und sich verbeugen — mein Fräulein! Nun mußte er aber doch etwas sagen, ein paar Abschiedsworte, um so mehr, als sie wohl nicht in Grund und Boden verdorben war. „Ja ja, leb wohl!” sagte er. Und als er ihr noch für alles danken wollte, konnte er es nicht, er fühlte, daß sich sein Gesicht verzerrte; ach, und wie er Klein-Lydia bedauerte wegen all des Kummers und des Elends, dem sie mit Reinert sicher entgegenging!

Dieses Erlebnis versetzte seinem Lebensmut einen schweren Schlag. Jetzt halfen nicht einmal mehr die Butterbrote beim Stadtingenieur, er wurde mager, war verfroren und zu allem unlustig, er versteckte sich in dunkle Winkel und verzehrte sich in Mutlosigkeit und Schwermut. Das waren die schwersten Wintermonate, die er je erlebt hatte. Schule und Hausaufgaben — ja, mit Maßen, gerade noch genügend! Fischerei — keine Spur! Niemand, dem er sich hätte anvertrauen können, allein in der Wüste zwischen Trümmern und Leid. Und Klein-Lydia, machte sie keine Annäherungen? Hatte sie ihn so bald vergessen? Es sah so aus, sie schien ihm auszuweichen. Nichts wäre leichter für sie gewesen, als merken zu lassen, daß auch sie tiefbetrübtsei; aber nein, nie kam sie eiligst dahergelaufen und warf sich reuevoll vor ihm auf die Knie.

Er bat seinen Vater, ihn doch gleich konfirmieren und dann auf die Kriegsschule gehen zu lassen. Der Vater spottete auch nicht über sein Kind, sondern beriet sich mit ihm darüber; aber es sei noch etwas zu früh, sagte er, gar nicht so sehr viel zu früh, nur ein wenig, es müßten noch einige Monate hingehen, und einige Monate, die vergingen wie im Flug. Abel werde schon sehen! Jetzt sei es gleich Frühling, und dann dürfe er mit Vater an Ostern oder an Pfingsten eine weite Fahrt machen.

Aber Abel machte sich nichts aus einer weiten Fahrt, er saß am liebsten in einem Winkel am Land und brütete. Was für eine Verwendung hatte er nun für Meer und Boot und Eier von den Brutplätzen und für Treibholz und Abenteuer? Er war weit, weit weg von all dem, eingefangen von einer schweren Windstille, der arme kleine Kreuzer.

Er kämpfte sich durch den Winter hindurch. Daheim hielt er sich gerade nur die Nacht auf, am Tage hatte er Schule und ab und zu eine todlangweilige Aufgabe zu machen, am Abend versah er seinen Dienst beim Stadtingenieur. Der kleine Streiter, gut, daß er es durchmachte! Frank, sein Bruder, ging ja seinen geraden Weg ohne jegliche Schwenkung — welch ein Unterschied zwischen den Brüdern! Er war fortgesetzt ein tüchtiger Schüler und behauptete seinen Freiplatz, er war das Licht, alle sahen seinen Glanz, und alle begriffen, daß dies etwas Außergewöhnliches war. Welch ein Unterschied zwischen den Brüdern, es war, als seien sie gar nicht von demselben Stamm. Jawohl, Frank hatte dieselben Eltern, aber wahrlich, seine Eltern schienen nicht mit ihm verwandt zu sein. Auch daheim in der Stube war er eigen, sehr wählerisch, sehr ernst und fleißig, gegen Abel tat er unerträglich erwachsen: „Das solltest du in diesem Alter wissen,” konnte er im Ton eines Schulmeisters sagen. Er hatte die Gewohnheit angenommen, Abel unnötig deutlich gewisse Höflichkeiten einzuprägen: „Wenn der Lehrer in die Klasse hereinkommt, mußt du aufstehen und grüßen, und wenn du das getan hast, darfst du nicht stehen bleiben, sondern mußt dich wieder setzen.” — „Affe!” sagte Abel.

Als Frank sein Examen in der Mittelschule gemachthatte, handelte es sich darum, was er tun solle. Was er nun tun solle? Dasselbe wie vorher, was sonst! Konnte man hingehen und das scheinende Licht auslöschen? Das würde nicht mit dem guten Willen des Betreffenden geschehen. Aber während Franks Schicksal entschieden wurde, rieten ihm der Schulvorsteher und der Doktor mit andern jungen Leuten, die auch zuviel studiert hatten, einen stärkenden Ausflug ins Gebirge zu machen. Ehe er abzog, wog er seine Reisetasche auf einer Wage, nahm da etwas weg, legte dort etwas dazu, um das richtige Gewicht zu bekommen; er wog auch seine Schuhe in der Hand und fand sie unerlaubt schwer.

Wäre nun Abel auch so fleißig gewesen und hätte sich halbtot studiert, so hätte er bei diesem Gebirgsausflug auch nicht fehlen dürfen, er hätte ihm außerordentlich gut getan und ihn tüchtig gekräftigt. Aber Abel war nicht von der Art, nein, das war er nicht, und zur Zeit war er überdies in Leid und Untätigkeit versunken.

Eines Tages sagte Eduard zu ihm, nun müßten sie wieder hinausrudern, es kämen große Merlanschwärme dahergezogen. Abel zeigte sich niedergedrückt und zu nichts aufgelegt, der Kamerad brauchte eine ganze Stunde, um ihn zu überreden. Und trotzdem ging Abel nicht ohne weiteres mit. Die Sache war nämlich die: Abel fiel es über die Maßen schwer, eine Verbindung abzubrechen und von einem Ort Abschied zu nehmen; und wenn er jetzt wieder mit Fischen anfangen sollte, dann mußte er seine Stelle beim Stadtingenieur aufgeben. Er hatte da eine elende Bezahlung bekommen, und er hatte wenig Geld, aber es hatte in diesem Haus dicke Butterbrote gegeben, und alle waren freundlich gegen das Eichhörnchen gewesen; konnte Abel da einfach hingehen und Lebewohl sagen? Er wußte, er konnte es nicht tun, ohne daß sich ihm das Herz im Leibe umdrehte, und so schob er es von einem Tag zum andern hinaus.

Da wurde Eduard böse und sagte, er werde schon einen andern Kameraden finden.

„Ach so! Aber wo willst du ein Boot hernehmen?” fragte Abel.

Ja, da wurde Eduard wieder zahm; denn es handelte sich ja um Abels Boot — Olivers Boot.

Und zum erstenmal seit langer Zeit konnte nun Abel ein wenig triumphieren, konnte er nun auf der Straße erwachsen ausspucken und sich als mehr denn ein Nichts fühlen. Das konnte Eduard ganz gut tun, diesem Bruder von Klein-Lydia.

Überdies hing Abel ja auch an seinem alten Kameraden, und als er sich die Sache ordentlich überlegt hatte, machte er ernst und verabschiedete sich bei Stadtingenieurs. Es wäre auch einigermaßen gut abgelaufen, wenn ihm nicht die Hausfrau gar so mütterlich die Hand gedrückt und gesagt hätte: „Armer Abel, du hast so eine kleine magere Hand!” Ganz geblendet von Tränen kam er auf die Straße hinaus.

„Hoho!” rief ihm da einer zu, „hast du da drinnen Haue bekommen?” Es war der Zeichenstift.

Dann saß er also wieder auf der Ruderbank und kam allmählich wieder zu sich. Seht, er war die reine Landratte und ein ganzer Pferdeknecht geworden, jetzt legte er dem Boote Zaum an und fuhr dieses, und wenn ein ordentlicher Seegang war, saß er wieder mit zwei Zoll Körper auf einer scharfen Kante und balancierte. O ja, das waren wohlbekannte Dinge, die Kameraden hatten wieder das Leben vor sich und verdienten wieder Bargeld. Der Kaufmann Davidsen war ein neuer, netter Kaufmann, mit dem ließ sich gut handeln, er verkaufte ihnen herrliche Fischleinen und nahm dafür Fische als Bezahlung. Kein Fischer war jetzt besser ausgerüstet, als die beiden Jungen. Nachdem eine Woche vergangen war, konnte Abel einen Wagen sehen, ohne von ihm in Versuchung geführt zu werden.

Aber trotzdem quälte ihn die Erinnerung an Klein-Lydia noch lange; er machte Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen, und erwähnte sie niemals. Nein, aber er brachte Eduard dazu, von ihr zu sprechen, ihren Namen auszusprechen, wenn auch nicht mehr. Abel fragt:

„Ist das nicht Alice, die dort drüben geht?”

„Wo?”

„Dort. In dem gelben Kleid.”

„Nein. Es ist Klein-Lydia.”

In alten Tagen war er damit betraut worden, schwere Sachen für sie zu tragen, wenn sie Besorgungen gemachthatte und er ihr begegnete, jetzt war das vorbei, er bot sich auch nicht mehr dazu an. Laß sie laufen! Und besonders jetzt, wo die Tanzlehrerin wieder in die Stadt gekommen war und Klein-Lydia in die Tanzstunde ging, was Abel nicht tat; nun waren ihre Wege erst recht geschieden. Das Schicksal hatte eingegriffen.

Nach vierzehn Tagen dachte keiner von den beiden Jungen mehr an etwas anderes als ans Meer. Abels Kriegsschule konnte ganz gut sein, und sie besprachen auch diesen Plan miteinander; aber später hörten sie, daß eine Kriegsschule wieder gleichbedeutend mit Lehrern und Aufgaben war. O nein, wenn sie nur erst konfirmiert waren, dann verheuerten sie sich und gingen auf See. Das war das einzige für einen Mann.

„Wem sollen wir heute Fische liefern?” fragt Eduard.

„Heute nehm' ich das Bündel mit nach Hause,” erwidert Abel.

„Willst du keine verkaufen?”

„Nein. Mein Vater sagte, ich solle für heut abend zum Kochen mitbringen, weil Frank heimgekommen ist.”

Eduard sitzt eine Weile in Gedanken versunken da, dann sagt er: „So, ist er heimgekommen? Was meinst du, wenn Frank Pfarrer wird, dann kann er uns verdammen.”

„Uns verdammen? Kann er das?”

„Ja, denn dann lernt er das Beschwören.”

Frank wurde eine Art mystische und halb gefährliche Erscheinung für die beiden. Es hätte keinen Sinn, wenn man sich mit ihm überwürfe.

Was ist das für ein neuer Schild, der über Konsul Johnsens Kontortür angebracht wird? Wieder ein Schild oder ein Wappen, war er geradezu adlig geworden? Belgischer Konsul war er geworden.

Die Leute hatten wohl gemerkt, daß er mit etwas Besonderem beschäftigt war, nun war es also wohl das gewesen, nämlich noch einmal so viel zu werden, als die andern Konsuln am Ort.

Und das hatte sehr viel zu bedeuten: noch ein Wappen am Hause, Frau Johnsen noch einen Ring am Finger mit einem Stein darin!

Als der Schulvorsteher das neue Schild betrachtet und entziffert hatte, schlug er sich den Staub von seinem abgetragenen Rock weg und ging hinüber in das Doppelkonsulat. Wenn er jetzt die Gelegenheit benützte, eine Unterredung mit dem Herrn Konsul zu bewerkstelligen, so war das wirklich recht schlau gemacht.

Er gratulierte mit wohlgesetzten, ehrerbietigen Worten. Der Herr Konsul sei also von einer weiteren Regierung zum Vertrauensmann ausersehen worden.

O ja, allerdings. Übrigens sei da nichts als Arbeit und auch keine so kleinen Ausgaben mit verbunden. Aber man könne sich dem nicht gut entziehen. „Doch um auf etwas anderes zu kommen, so möchte ich Ihnen, Herr Schulvorsteher, für meine kleine Fia bestens danken. Ich bin froh, daß das Examen überstanden ist. Es hätte ja etwas besser ausfallen können, aber das ist nun nicht zu ändern, sie soll ja auch nicht Lehrerin werden.”

Sie sprechen weiter über dieses Thema: jawohl, Fia könnte gut Lehrerin werden, in mehreren Fächern andere unterrichten. Warum nicht? „Und nun Herr Konsul, komme ich zu Ihnen als dem Ersten in allem miteinander, ich habe ein Anliegen an Sie.”

„Nun?”

„Ein ernsthaftes Anliegen. Es handelt sich um einen Schüler, der in seiner glänzenden Entwicklung nicht aufgehalten werden und zugrunde gehen darf. Es ist Frank, der Sohn von Oliver.”

„Was ist mit ihm?”

„Sie haben ihn ein Jahr ums andere gekleidet, und Sie haben für die ganze Familie Ihre große Teilnahme bewiesen —”

„Durchaus nicht!” unterbricht ihn der Konsul.

Der Schulvorsteher sieht den Konsul verwundert an, dann sagt er: „Zuerst haben Sie seine Mutter gehabt —”

„Im Dienst. Jawohl, Petra, sie hat bei uns gedient.”

„Ja. Und dann haben Sie dem Vater sein Auskommen gegeben. Deshalb meine ich, Ihre Wohltaten gegen die Familie sind sehr groß und sehr zahlreich gewesen. Aber jetzt braucht Frank Hilfe, er braucht sie sofort höchst notwendig, helfen Sie ihm also weiter, Herr Konsul!”

Zuerst war der Konsul durchaus nicht entzückt über dieses Ansuchen, im Gegenteil, er runzelte die Stirne. Er war der Erste in der Stadt, jetzt war er so hoch gestiegen, als er überhaupt steigen konnte, und so hatte er wohl keine Lust, noch größer zu sein, als er war; deshalb sagte er:

„Wenn Sie meine Wohltaten aufzählen — wie Sie sie freundlicherweise nennen — meinen Sie dann, das sei ein weiterer Grund, wieder zu mir zu kommen?”

„Wir möchten so gerne den ersten Namen der Stadt obenan haben, dann versuchen wir es bei andern. Aber wir sind uns ganz bewußt, daß wir jetzt — ja, daß wir jetzt — die Hilfsbereitschaft eines Mannes mißbrauchen, dem es sehr schwer fällt, nein zu sagen.”

„Was soll denn der Junge werden?”

„Er kann werden, was er will, so fleißig und strebsam, wie er ist. Ganz besonders leicht fallen ihm die fremden Sprachen.”

Der Konsul überlegt, er starrt in die Luft und überlegt, dann tut er den merkwürdigen Ausspruch: „Es könnte mißverstanden werden, wenn ich der Familie noch weiter helfen würde.”

„Mißverstanden?”

Nun ändert der Konsul seinen Ton, der Schulvorsteherhat also nicht einmal etwas von einer gewissen Backpfeife gehört. Er sagt deshalb: „O ja, es wird geklatscht, man entblödet sich nicht. Es heißt, ich tue meine kleinen Wohltaten aus lauter Prahlerei,” sagt der Konsul.

So etwas hat der Schulmeister noch nie gehört, niemals. „Ach, aber darüber müßte ein Mann wie Sie, Herr Konsul, erhaben sein, himmelhoch darüber stehen müßten Sie. Alle besseren Elemente in der Stadt sind auf Ihrer Seite.”

Sie beraten weiter darüber, der Konsul ist immer noch nicht ganz beruhigt wegen möglicher Klatschereien, wegen der allgemeinen Beurteilung, aber schließlich gibt er nach und sagt: „Ja — eine Handreichung muß ich wohl gewähren.”

Jetzt war vielleicht der Schulvorsteher ein wenig unruhig geworden, aber er gibt seinem Gefühl in vorsichtiger Weise Ausdruck. „Tausend Dank, Herr Konsul, ich wußte es ja, daß ich nicht mit leeren Händen abziehen müsse. O, hier ist Gelegenheit für Leute von Macht, Größe zu zeigen. Sonst gehen diese ungewöhnlichen Anlagen für das Geistesleben und das Land verloren.”

„Ja, sagten Sie denn nicht, Sie möchten eine Handreichung?” fragt der Konsul.

„Doch. Allerdings, in einem Umfang, den Sie Handreichung nennen, Herr Konsul. Es handelt sich also um eine jährliche Unterstützung während der Studienzeit des Jungen.”

Nein, so weit zu gehen, daran hatte der Konsul wohl noch nicht gedacht. Er sagt: „Ach so!” und schüttelt den Kopf.

In diesem Augenblicke klopft es mit einer behandschuhten Hand an die Tür. Frau Konsul Johnsen tritt ein und sagt: „Entschuldige, ich gehe gleich wieder.”

Ach, war es nicht das Schlimmste, was dem Konsul widerfahren konnte, daß gerade jetzt seine Frau dazu kam! Und der Schulvorsteher mußte sie ja in seiner Einfalt sofort in den großen Plan über den Jungen Frank einweihen. „So,” sagte Frau Johnsen; „ach so,” sagte sie.

Aber gerade ihre Gegenwart sollte dem Plane zugute kommen. Auch Frau Johnsen hatte an diesem Tage, wo sie noch einmal so viel geworden war als andere Frauen,etwas Großes im Sinne, sie sah ihren Mann an und sagte: „Ja, hier wirst du wohl eintreten müssen.”

Da fühlte sich der Konsul merkwürdig erleichtert, er hatte also ganz einfach seine Frau als Verbündete bei einer Wohltat gegen die Familie Oliver. „Es ist ein großes Glück, wenn man eine verständnisvolle Frau hat,” sagt der Konsul. „Ich wollte gerne hören, wie du darüber denkst, Johanna.”

„O, die gnädige Frau kennen wir schon!” rief der Schulvorsteher aus.

Ertrug sie das nicht, ertrug sie so etwas nicht? Sie wurde ganz verdutzt und fragte: „Hat der Junge seinen Taufbund erneuert?”

„Er soll jetzt konfirmiert werden. Und dann soll er gleich aufs Gymnasium kommen; das ist die Absicht.”

Der Konsul fragt: „Wen wollen Sie außer mir noch für diese Sache gewinnen?”

„Die beiden Konsuln, Olsen und Heiberg —”

„Dafür bin ich nicht,” wendet Frau Johnsen ein.

„Nein, nein, vielleicht nicht. Dann hatten wir an Rechtsanwalt Fredriksen gedacht. Er ist der Besitzer von Olivers Haus, er müßte zu dem Zweck dieses Haus schenken können.”

Aber nun fühlte sich Konsul Johnsen durch die Haltung seiner Frau wahrhaftig so weit unterstützt, daß er die Achseln zuckte und sagte: „Ach, so ein Rechtsanwalt! Er politisiert immerfort und will in den Landtag gewählt werden. Mag er das weiter treiben, zu viel anderem taugt er wohl kaum.”

Dazu lächelte der Schulvorsteher und gab seine Zustimmung zu erkennen. Aber dann nennt er Henriksen, ja, sie wollten versuchen, auch Henriksen zu gewinnen.

„Welchen Henriksen?” fragt Frau Johnsen.

„Henriksen auf der Werft.”

„Na der!” ruft Frau Johnsen.

„Ja, darüber ist weniger zu lächeln,” sagt der Konsul, um seine Frau etwas zurückzuhalten.

Aber Frau Johnsen kann wohl heute nicht viel ertragen, und so erträgt sie auch keinen Hemmschuh, ihr Ausdruck wird kühl.

Der Konsul fährt fort: „Nein, das Entscheidende ist,daß gar nicht gesagt ist, was Henriksen überhaupt zum Weggeben hat.”

Frau Johnsen fällt ein: „Freilich, das wissen wir nicht. Aber wir haben auch keinen Verkehr mit ihnen.”

Der Schulvorsteher sitzt wie auf glühenden Kohlen, bis er die Sache wieder in Ordnung hat. Alle drei reden über Henriksens auf der Werft und stimmen miteinander überein, daß sie in ihrer Art ganz gute Leute seien, aber etwas aus dem Rahmen fallen, etwas unkultiviert seien, und daß der Mann gern ein Glas trinke.

„Nun,” sagt Frau Johnsen schließlich, „ich wollte mir nur rasch eine Banknote bei dir holen.”

Der Konsul tritt an seinen Geldschrank. „Eine?” sagt er fragend.

„Ja, wenn sie groß genug ist.”

Als Frau Johnsen gegangen ist, setzt sich der Konsul wieder und beratschlagt nun mit dem Schulvorsteher. „Eine jährliche Unterstützung, ja,” sagt er. „Das war es übrigens auch, was ich vorhin mit einer Handreichung gemeint hatte. Haben Sie schon mit dem Doktor über diese Sache gesprochen?”

„Ja. Und er will auch nach Kräften dazu beisteuern. Aber er hat wohl nicht viel.”

„Was wird er haben! Nein, nun hören Sie, ich kann es ebensogut gleich sagen: ich bestreite diese Ausgaben. Sie können heimgehen und ruhig schlafen, Herr Schulvorsteher.”

„Aa!”

„Ja, ich tu's,” sagt der Konsul, indem er aufsteht. „Ich werde diese Handreichung, diese jährliche Unterstützung allein bestreiten.”

Der Schulvorsteher stand auch auf und murmelte überwältigt: „Hier erkenne ich Sie wieder, Herr Konsul.”

Und seht, nun brauchte also der Junge Frank nicht wieder in seine Umgebung herabzusinken, nicht zurück in das Dunkel, aus dem er hervorgegangen war. Alles kommt in Ordnung, der Schulvorsteher konnte triumphieren, konnte jedes bessere Element auf der Straße anhalten und ihm die Neuigkeit berichten, er konnte persönlich zu Olivers hingehen und sie kundtun. Das war ein glücklicher Tag für ihn, es war, als habe er selbst einen wohlüberstandenenExamenstag noch einmal hinter sich, für ihn gab es keine größeren Freuden, als wenn er auf diese Weise Gutes tun und die Überlegenheit des Unterrichts und der Bücher feststellen konnte, das war sein Beruf und seine Leidenschaft. Eine Leidenschaft muß der Mensch haben, manche trotzen Feuer und Wasser, um Zeitwörter biegen zu dürfen.

Der Schulvorsteher begegnete einer Schar Schuljugend, die von einem Gebirgsausflug zurückkam. Die Schar war ermüdet von ihren Anstrengungen, mit wunden Füßen, sonnverbrannt, von bösen Ochsen und Bauern geärgert, kamen sie daher. Der Schulvorsteher wird schon von weitem erkannt, die Schar nickt ihm zu, begrüßt ihn. Die größten der Kinder sind ihn nun los, er hat die Tortur während der ganzen Zeit ihres Heranwachsens geleitet, aber es war nur zu ihrem eigenen Besten, er rüstete sie aus fürs Leben, rüstete sie aus für Ackerbau, Fischfang, Viehhaltung, Handel, Industrie, Kunst, Familienleben, Träume und Gottesverehrung; aber jetzt sind sie frei von ihm, sie haben ihr Examen hinter sich, nun sollen sie ihre Rüstung im Kampf erproben. Da gehen sie nun hin und verwahren gewissenhaft in ihrem kleinen Gehirn den Flächeninhalt der Schweiz, die Jahreszahlen der punischen Kriege, sie stürmen ins Gebirge mit folgender Naturwissenschaft im Herzen: Fische sind Wirbeltiere! Sie hinken heimwärts mit ihrer ersten Erfahrung von einem matten Blutumlauf. Der Schulvorsteher begegnet ihnen, begegnet diesen Kindern, für die es vielleicht viel besser gewesen wäre, wenn sie etwas vom wirklichen Leben gekannt hätten; er selbst ist ein alter Mann mit dem Gehirn eines Konfirmanden, er ist halbverhungert und abgerackert, sein Rock hängt an ihm herunter wie von einem Kleiderträger, der Aufhänger steht ihm im Nacken heraus; aber da schreitet er einher, der Vorsteher der Schule, der Vorsteher des großen steinernen Schulhauses.

„Nun, wie ist es euch auf dem Ausflug ergangen?”

„Soso, Ochsen, Bauern —”

„Darüber muß man erhaben sein, himmelhoch darüber erhaben. Wollt ihr eine erfreuliche Neuigkeit hören?”

„Ja, ja!”

„Frank kommt aufs Gymnasium!”

Einige von den Kindern sind so klug, zu tun, als seidies die erfreulichste Neuigkeit, die sie hören könnten, andere sind gleichgültig, einige neidisch. Seht, für den Reinert in Kniehosen ist es leicht, Freude zu bezeugen, er, der das von den Fischen weiß und überdies ausgesprochenes Sprachtalent hat! Frank in eigener Person ist nicht ohne Interesse für die Neuigkeit, sein sonnverbranntes Gesicht wird einen Augenblick noch dunkler, aber er sinkt nicht auf die Knie nieder. Nein, denn er hat auch früher schon Geschenke bekommen, es ist ihm die ganzen Jahre über von andern vorwärts geholfen worden, er ist nie gezwungen gewesen, selbst Auswege zu finden; es würde sich schon machen, alles würde schon in Ordnung kommen! Und jetzt sollte ihn eine besonders große Freude durchzucken? Frank durchzucken? Der Junge ist ja niemals froh gewesen, keinen einzigen Tag in seinem Leben. Er ist strebsam in der Schule gewesen und fühlte sich befriedigt, weil die Menschen seinen Fleiß und seinen Ehrgeiz hochachteten, das war alles. Nein, er kennt die leidenschaftlichen Ausbrüche nicht, er ist nie droben, hoch droben gewesen und dann heruntergestürzt, ist nie auf den Boden gesunken und wieder nach oben geschwommen, er hat sich keiner Gefahr ausgesetzt und hat nie etwas abzuwehren gehabt; anstatt sich aus einer Klemme herauszubringen, vermied er es, in eine hineinzukommen. Klug getan, aber erbärmlich getan. Gott hat ihn zum Philologen ausgerüstet.

Er verabschiedet sich von den andern und geht heim. Da bekommt er frische Fische zum Abendbrot, etwas, das ihm wahrlich not tun kann. Der Vater ist schon heimgekommen, Abel sitzt ausnahmsweise auch einmal im Schoße der Familie; der alte, ausgediente Kater schnuppert und läuft im Kreise herum, immer näher zum Fischgericht heran und miaut.

Es war, als sei etwas Fremdes in die Stube hereingekommen — Frank, als eine noch merkwürdigere Person denn sonst. Jetzt sollte er konfirmiert werden und dann fortreisen. Die Großmutter ist stumm darüber und ist gegen ihn schon wie ein sündiges Gemeindelamm gegen den Pfarrer. Vielleicht dachte sie, könnte es einmal von Nutzen sein — im Beichtstuhl.

Oliver sitzt am Tisch mit dem kleinsten Mädelchen auf dem Schoß und Petra mit dem vorjüngsten, dem blauäugigen;alle essen. Oliver ist wahrhaftig etwas niedergedrückt; er plaudert mit der Kleinen, um es etwas weniger feierlich zu machen: „Sie ist so klein,” sagt er, „und Vaters kleines Mädchen ist sie, sie ist nicht gefährlich und groß, nur ein liebes kleines Ding. Wem sein Mädelchen bist du? Vaters, ja das wußt' ich.” Dazwischen steckt er dem Kind eine Rübe in den Mund, sorgt aber sonst für sich selbst. O, Oliver kann tüchtig essen, wenn Petra ihm gegenüber nicht fest hinsteht. „Ja ja, für die heutigen Fische haben wir uns bei Abel zu bedanken,” sagt er.

Als ob das etwas Wichtiges und nicht etwas ganz Gleichgültiges gewesen wäre!

Petra ist von dem hingenommen, was dem Hause widerfahren ist, und sie bringt Frank dazu, ihr auf ihre Fragen Rede und Antwort zu stehen.

„Das Gymnasium,” sagt Oliver und nickt ihr zu, „ja, das ist der richtige Weg!” Aber er hat leider nicht Verstand genug, um das Thema weiter zu verhandeln, und sobald er gegessen hat, spielt er wieder mit der Kleinen und gibt ihr die weiße Engelsfigur als Puppe.

Seht, es ist jetzt nicht mehr viel übrig von den Zieraten auf der Kommode, sie sind zu oft als Spielsachen für die Kleinen benutzt worden, und was den kleinen Taschenspiegel im Messingrahmen betrifft, so ist der allerdings nicht den Weg alles Fleisches gegangen, sondern Oliver hat ihn ausgeführt, um sich im Lagerhaus darin spiegeln zu können. Das verdorbene Mannsbild, das Frauenzimmer, er betrachtete sich im Spiegel!

Er wartet, bis er besser zu Wort kommen kann, um etwas kund zu tun. Was kann das für eine Neuigkeit sein, die er mit sich herumträgt? Daß Johnsen am Landungsplatz doppelter Konsul geworden ist? Das auch, das ist das erste. Aber plötzlich sagt er zu Petra: „Sie redeten davon, daß bei Johnsens eine große Gesellschaft gegeben werden soll.”

Oliver kam ab und zu mit einem Auftrag für seine Frau heim, daß man sie bei Johnsens nötig brauche, Frau Johnsen habe gesagt, Scheldrup habe ein Wort darüber fallen lassen, auch der Konsul selbst hatte bisweilen eine Arbeit für sie. Manchmal hatte es nichts auf sich, es war ein „Mißverständnis” von Oliver gewesen, und eskam auch vor, daß es eine freie Erfindung von ihm war. Aber so oft Petra einen solchen Bescheid bekam, zog sie ihren Sonntagsstaat an und ging fort; das schadete niemand, und sie bekam jedenfalls eine Freistunde.

„Na, haben sie nun wieder Gesellschaft?” fragt sie.

„Es scheint so. Wenn er doch Doppelkonsul geworden ist. Du wirst es ja hören.”

„Dann soll ich wohl ein wenig helfen?”

„Ja. Und vielleicht sollst du heut abend auch das Kontor aufwaschen. Ich hab' es nicht so genau gehört.”

Petra geht. Die Großmutter bleibt bei den Kleinen, die Stube leert sich allmählich. Oliver schleicht seiner Frau nach und paßt eifersüchtig auf, ob sie auch wirklich zu Konsul Johnsens geht. Doch Petra ist an dieses Auflauern gewöhnt, sie weiß, sie hat ihn hinter jeder Straßenecke, und sie wehrt jedem Streit, indem sie weder nach rechts noch links ausweicht.

Auch Abel bleibt nicht zu Hause. Er hat einen herrlichen Peitschenstiel gefunden und ihn unter der Türschwelle versteckt. Jetzt holt er ihn hervor und betrachtet ihn, es ist ein aus Riemen geflochtener Peitschenstiel, sehr biegsam und ausgezeichnet, Abel weiß sofort, wozu er zu gebrauchen ist. Auf alle Fälle kann er ihn in der Hand tragen, ihn durch die Luft sausen lassen; er hat einen stattlichen Messingknopf. Abel kennt die Fuhrleute der Stadt und weiß so ungefähr, wer den Peitschenstiel verloren hat; aber leider ist er gerade nicht ehrlich aufgelegt und mag ihn darum nicht dem Besitzer hinbringen. Statt dessen geht er zum Fischer Jörgen.

Ach, daß er es nicht lassen kann, um dieses Haus zu kreisen, dieses Eden, aus dem er vertrieben worden ist! Daß Eduard auch nicht wo anders wohnt!

War das übrigens nicht Eduard, der soeben dort unten über die Straße gegangen ist? Und ist das nicht der Stadtingenieur, der ihm entgegenkommt? Abel kann doch nicht einfach an ihm vorbeilaufen, um seinen Kameraden einzuholen?

„Guten Tag, Abel!” sagt der Stadtingenieur. „Hör du, ich hab' den Verdacht, daß du es gewesen bist, der mir einige Male ein Bündel Fische an die Küchentür gehängt hat. Ich will dir die Fische bezahlen,” sagt er und zieht den Geldbeutel heraus.

„Das — nein —” sagt Abel stotternd.

„Was? Meine Frau ist überzeugt, daß du es gewesen bist.”

„Es sind nicht viele gewesen,” sagt Abel.

Der Stadtingenieur streckt ihm eine Krone entgegen, denn er hat selbst nicht viel zum Bezahlen. „Das war nett von dir,” sagt er.

Dann geht jeder seines Weges, und Abel lenkt seine Schritte dem Hause des Fischers zu. Seine Augen sind etwas feucht von den letzten Worten des Stadtingenieurs.

Die Hühner haben sich bereits aufgesetzt, und im hinteren Höfchen ist es still. Aber als Abel den Kopf hereinsteckt und Klein-Lydia sieht, ruft er auf gut Glück:

„Eduard!”

Klein-Lydia antwortet:

„Hu, wie du mich erschreckt hast, du Schreihals!”

„Ich wollt' nur sehen, ob Eduard nicht da ist.”

„Da komm her! Eduard ist eben wieder weggegangen. Er hat zu Hause gegessen und ist dann schnell wieder fort. Da komm her, hörst du!”

„Du bist selbst ein Schreihals!” sagt Abel plötzlich. — Ein Irrtum war ausgeschlossen, er selbst hörte seine Worte deutlich.

Klein-Lydia hatte unterdessen vor einem Stuhl mit Schreibsachen gekniet. Jetzt steht sie auf, und es ist nichts Böses mehr in ihr, sondern nur noch Reue über ihren übereilten Ausdruck. „Sei mir nicht böse!” sagt sie, und allem Anschein nach ist sie wieder auf dem Punkt, in Tränen auszubrechen.

Abel ist zu blöde, einen Versuch zu machen, sie geradezu zu trösten; aber er geht doch so weit, daß er fragt: „Was hast du da geschrieben?”

„Briefe! Da sieh her, was ich für Finger habe!” sagt sie und streckt ihm ihre tintengeschwärzten Finger entgegen. „Ach du liebe Zeit, wie ich ausseh'!” ruft sie und klopft sich den Sand vom Rock.

Jetzt ist alles wieder gut zwischen ihnen, und Klein-Lydia läßt ihr Mundwerk laufen. „Du kannst froh sein, daß du nicht so viele Briefe schreiben mußt. Kannst du Briefe schreiben?”

„Das weiß ich nicht.”

„Ich hab' so viele Freundinnen von der Tanzstunde her, denen ich schreiben muß. Was hast du denn da? Einen Stock?”

„Siehst du denn nicht, was es ist? Das ist ein Klopfer, zum Kleider ausklopfen.”

Lydia biegt ihn und macht zur Probe einen Schlag durch die Luft, dann nickt sie befriedigt: ja, der sei großartig.

„Du kannst ihn haben,” sagt er.

Und so geschieht es.

Sie reden von dem und jenem, und Klein-Lydia tut sehr reif und erwachsen; sie habe den Tag über so sehr viel zu tun und sei abends ganz erschöpft von all dem Nähen und Stricken und der Hausarbeit.

„Weißt du, was ich denke?” fragt sie.

„Nein.”

„Nun, es ist ja auch einerlei. Aber jetzt ruft mich meine Mutter bald, und dann ist es zu spät, wenn du mir etwas sagen willst.”

Dies kommt ihm sehr unerwartet, er ist ganz verdutzt. Was sollte er sagen? Was meinte sie?

„Ja!” rief Lydia plötzlich mit schriller Stimme zum Haus hinüber und lief hinein.

Aber Abel hatte gar nicht gehört, daß ihr gerufen worden wäre.

Wieder war es ein mißlungener Abend und ein wahres Elend. Ein paar Tage darauf aber war der Stadtkutscher seinem schönen Peitschenstiel auf die Spur gekommen und hatte sich ihn wieder geholt. Und so war es nun also mit Abel für immer aus und vorbei.

Die Jahre vergehen. Die Jugend wird konfirmiert, schießt in die Höhe und wird lang und groß, sogar ungewöhnlich groß, da die Mode zur Zeit sehr hohe Absätze unter den Schuhen verlangt.

Fia Johnsen war schon ebenso groß wie ihre Mutter; sie war braunäugig und von blasser Hautfarbe, ein schönes Geschöpf. Die Sommersprossen waren fast ganz verschwunden, und sie ließ einen langen Zopf den Rücken hinunterhängen. Die Leute hatten sie aufwachsen sehen, sie erinnerten sich noch gut an ihre Geburt, ja, sie hatten ein gutes Gedächtnis, und sie wußten auch noch, was sie bei ihrer Konfirmation angehabt hatte; nicht selten standen die Weiber am Brunnen und verbreiteten sich über all diese Herrlichkeit. Es sei nicht schlecht, Fia Johnsen zu sein.

Ihr Bruder Scheldrup Johnsen war in einem Lande nach dem andern, um zu lernen; seine Mitbürger verloren ihn von Zeit zu Zeit ganz aus dem Gesicht, aber Fia war zu Hause. Sie lernte tanzen und Klavierspielen und abstauben und niedlich sein. Sie zeichnete und malte gern, und vertiefte sich in die Zeitungen und Zeitschriften im Hause des Konsuls, auch hatte sie alle die vielen schönen Teller gemalt, die rund herum an allen Wänden des Eßzimmers aufgestellt sind. „Das Werk meiner Tochter!” pflegt der Konsul seinen Gästen zu sagen.

Zuerst wurde ihr Talent in der Schule und beim Zeichenlehrer der Stadt ausgebildet, dann kam sie in größere Städte und Hauptstädte und lernte mehr, und so oft sie wieder nach Hause kam, konnte sie selbst noch einsichtsvoller über ihre Teller lächeln. Jetzt war sie soweit, daß sie eigenhändig die Aussicht von ihrem Fenster und Teile des Gartens malte. Gut. Aber Fia war sehr jung undbedauerlich mager, durchaus nicht unterernährt, behüte, aber unentwickelt, ohne Muskeln, ohne Arbeit. Was sollte sie mit sich und ihrem Talent anfangen? Ihre Eltern hatten es dazu, sie zu Hause zu behalten oder ihr einen Aufenthalt auswärts zu gestatten, was ihr selbst lieber war. Und mochte sie sein, wie sie wollte, so war sie hübsch und einnehmend und nahm nie zwei Treppenstufen auf einmal, nein, niemals. Aber das war auch alles. Einen Lebensberuf hatte sie nicht nötig, ihr Talent war unnütz. Ihr Leben hatte keinen Ernst.

„Sie sollte eine richtige Arbeit haben,” sagt der Doktor.

Er sagt das schon seit mehreren Jahren und ärgert ihre Eltern damit. Arbeit? Was hätte ihre Tochter arbeiten sollen?

„Soll sie vielleicht Dienstmädchen werden?” fragt der Konsul.

„Dazu taugt sie nicht.”

„Nicht einmal dazu?”

„Nein. Aber streifen Sie ihr die Brillantringe ab und lassen Sie sie im Garten arbeiten.”

„Dazu hab' ich meine gelernten Gärtner. Die arme Fia ist ja immer sehr tätig; jetzt will sie eine Weile recht fleißig sein und dann eine Ausstellung halten.”

„Ach Gott!” sagt der Doktor.

Die beiden Herren sitzen in C. A. Johnsens Kontor, im Doppelkonsulat, und der Konsul kann also den Doktor nicht einfach stehen lassen und seiner Wege gehen. „Meine Tochter ist Ihnen mit ihrer Kunst noch nicht sehr lästig gefallen,” sagt er. „Hingegen haben sich einige Kritiker lobend darüber ausgesprochen.”

„Ja, das kennen wir. Aber was zum Teufel soll das Kind mit seiner Kunst, wenn es krank und elend ist?”

„Das verwächst sich.”

„Das ist keineswegs gewiß.”

Merkwürdig, daß sich Konsul Johnsen immer so viel von dem Doktor gefallen läßt! Daß er ihm auch in allen diesen Jahren nicht ein einziges Mal die Tür gewiesen hat! Die medizinische Autorität? Was hatte der Konsul vor andern damit zu tun? Natürlich stand der Doktor in der Stadt in ungeheuerem Ansehen, das wohl, aber konnte sich das mit dem Ansehen, das der Konsul genoß,irgendwie vergleichen? Wahrhaftig, es war für jedermann ein Rätsel, daß der Doktor es sich herausnahm, so von der Leber weg mit dem gewaltigen Manne zu reden.

Und gerade jetzt war eine Zeit, in der der Konsul Grund hatte, noch weniger als sonst Ärger hinunterzuschlucken: er hatte vorher schon genug davon. Er sagt darum so wenig verletzend wie möglich: „Wir Eltern wollen hoffen, daß die Vorsehung barmherziger gegen Fia sein wird, als Sie, Herr Doktor. Wollen Sie sich nicht eine Zigarre anstecken, ehe Sie gehen?”

„Doch gerne, wenn ich gehe. Wenn Sie das mit Fia richtig aufnehmen wollten, dann hätte sie die Barmherzigkeit der Vorsehung nicht besonders nötig. Wie ist es denn, soll sie nicht auch einmal heiraten?”

„Taugt sie dazu vielleicht zufällig auch nicht?”

„Ein Mann will eine Frau heiraten und nicht eine Malerin.”

Lächelnd sagt der Konsul: „Nun, dann muß sie sich eben später die Eigenschaften der verheirateten Frau erwerben. Das hat aber noch mehrere Jahre Zeit. Vorerst ist sie der Kunst beflissen.”

„Angenommen, sie hätte sich dieses Vergnügen nicht leisten können, so wäre sie genötigt gewesen, als Frau viel tüchtiger zu werden,” sagt der Doktor. „Und angenommen, sie könnte sich das nicht immer leisten?”

Wieder sagt der Konsul lächelnd: „Dann müssen Sie sie versorgen.”

„Sie hören doch, ich sage nur angenommen.”

Die Zudringlichkeit des Doktors war wirklich unerträglich, und wenn der Konsul gewußt hätte, warum er gerade heute so zudringlich war, so hätte er vielleicht dennoch — dennoch — seinem Gast die Tür gewiesen.

O, der neue Brillantring, den Fia bekommen hatte, der war's, der ließ der Frau des Doktors keine Ruhe mehr. Was sollte sie damit, so ein Kind? Eigentlich sollte sie noch in kurzen Röcken gehen, jawohl. Und was war aus dem armseligen kleinen Brillantring geworden, der der Frau Doktor schon seit vielen Jahren in Aussicht gestellt war? Ach, alles zusammen war so schwer und traurig! Das tägliche Leben bot auch gar keine Freuden, huhu!

Aber der Konsul weiß nichts von dem Kampf, den dieDoktorsleute miteinander ausgefochten haben, und er mußte wohl doch ein Körnchen Vernunft in dem gefunden haben, was der Doktor gesagt hat, denn er wurde nachdenklich. Er liebte Fia und wollte vor allen Dingen ihr Bestes, er war ein bißchen zu willfährig gegen sie, ihr Aufenthalt in den Städten wurde immer teuerer, aber das war notwendig zu ihrer weiteren Ausbildung: er konnte ihr keine Hindernisse in den Weg legen, sie hätte sich ja vor ihren neuen Bekannten und Freunden schämen müssen. In ihrer Güte hatte sie angefangen, den andern Malern Bilder abzukaufen, um ihnen zu helfen; aber da hatte der Vater Einspruch erheben müssen, die Ausgaben waren ohnedies groß genug, und sein Geldschrank war nicht unergründlich. Gut, Fia beugte sich und legte diesen Fehler ab, aber einige andere behielt sie in der Stille bei, einige ganz kleine, nur Lappalien gegen all die Tugenden, die sie schmückten. Wenn sie unter Fremden war, dann trat sie fein und gebildet auf, aber ein klein wenig zu sehr von oben herab. Sie ließ gerne durchschimmern, daß sie aus hochgebildetem Hause stamme und einen Millionär zum Vater habe. Das war halb Betrug und halb Selbstbetrug. Wenn sie das Postschiff nicht mehr erreicht hatte, konnte sie zu den Umstehenden sagen: „Wenn ich nur unser eigenes Dampfschiff hier hätte!” Ach, ihr eigenes Dampfschiff hatte anderes zu tun, als Fräulein Fia herumzufahren, und außerdem war es ein Kasten, der höchstens acht Meilen machte, im Durchschnitt nur fünf Prozent trug und zuweilen auch zwei verlor.

Und gerade jetzt verlor das Dampfschiff Fia wieder einmal.

Der gute Konsul war nicht immer ein guter Reeder, und Scheldrup befand sich gerade deshalb im Auslande, um die richtige Reederkunst zu lernen. Es stellte sich heraus, daß es ein Unterschied war, über ein Dampfschiff richtig zu verfügen, oder eine mit Tran beladene Galeasse über die Nordsee zu schicken, Kohlen zu holen. Fia brachte nicht auf jeder Fahrt einen Überschuß, und sie fuhr auch nicht immer ihre acht Meilen. Aber der Verlust war es nicht allein, Fia war auch noch auf andere Weise ein Kreuz. Eben jetzt gärte es unter der Mannschaft, die Leute klagten über die Kost und liefen davon, und derKonsul konnte nicht begreifen, warum dieselbe Kost nicht mehr so gut sein sollte, wie alle die vergangenen Jahre her. Und darüber ärgerte er sich.

Auch eine unglaubliche Nachricht ist zu ihm gedrungen, nämlich die, daß Kaufmann Davidsen auch Konsul geworden ist — allerdings nur einfacher Konsul, aber dennoch Konsul. Dann gab es ja gar keine Grenzen mehr. Davidsen, der vor zwanzig Jahren aus der Nachbarstadt hierher gezogen war und immer noch von den echten Eingeborenen als Auswärtiger angesehen wurde, der so manches liebe Mal selbst hinter dem Ladentisch stand, der den Kindern kleine Fischgeräte verkaufte, sowie großes Tauwerk und schweres Segeltuch für die Schiffe, alles einfachere Sachen, ohne Manufaktur und blanke Kurzwaren. Bei Johnsen am Landungsplatz trugen die Ladendiener gestärkte Kragen, bei Davidsen hatten sie die Ärmel aufgekrempelt und die Hände mußten Trossen handhaben können. Das war ja ganz schön, und Arbeit schändet nicht, aber das war doch kein Konsulatswesen und keine Repräsentation.

Hatte der Konsul sonst keinen Grund, sich zu ärgern? Doch, noch einen. Mit Oliver, seinem Lagerhausvorsteher, hatte es Widerwärtigkeiten gegeben. Wieso? Er hatte falsch gewogen. Zu seinem eigenen Vorteil? Keine Spur, zu dem des Konsuls. Das war ja ganz schön, treue Dienste schänden auch nicht; aber man darf doch nicht betrügen. Es war so zugegangen: der Schreiner Mattis hatte einen viertel Zentner Griesmehl holen wollen, und beim Auswägen hatte Oliver wohl vergessen, seinen kleinen Finger von der Wage wegzunehmen. Dieser kleine Finger mußte ein ordentliches Gewicht gehabt haben. Mattis schöpfte Verdacht, ging zu Grütze-Olsen und ließ nachwiegen. Richtig, wie er gedacht hatte: ein ganz bedeutendes Untergewicht.

Nun war ja das dümmste, was der Schreiner Mattis tun konnte, daß er mit dem Mehlsack den Laden verlassen hatte; er hätte sich vor die Stirn schlagen und seinen Geldbeutel „vergessen” haben müssen, um auf diese Weise einen von den Ladendienern mit sich ins Lagerhaus zu locken und das Gewicht nachzuprüfen. Aber Mattis war dumm und hitzig, er ging seiner großen Nase nach und fing gleich an zu donnern und zu blitzen; aber was solltedas helfen? Er lief von Wage zu Wage in der Stadt und ließ seinen Mehlsack nachwägen und erzählte überall warum. Schließlich kam er wieder zu Johnsen am Landungsplatz zurück, die Kleider voll Mehlstaub und rasend über alle Maßen.

Nun begab es sich, daß gerade auch Olaus vom Wiesenrain im Laden war, und Olaus war heute großartig. Voll von Branntwein, übervoll. Anfänglich war er stumpf und geistesabwesend, als er aber die Geschichte des Schreiners vernahm, entstand bei ihm plötzlich ein Bewußtsein auf neuer Grundlage, und er rief laut: „Was, falsches Gewicht?”

„Falsches Gewicht!” bestätigte der Schreiner. „Es ist bewiesen.”

Der Ladendiener und Berntsen, der Geschäftsführer, suchten ihn zu beruhigen: „Schreien Sie doch nicht so, der Konsul sitzt ja im Kontor!”

„Er soll nur herauskommen, ich hab' nichts dagegen,” sagte Mattis.

„Heraus mit dem Konsul!” schrie Olaus.

„Sieh her, Olaus, da hast du Tabak für deine Pfeife, und jetzt gehst du!” sagte der Ladendiener. „Kommen Sie, Mattis, gehen Sie mit mir!”

Sie gingen nach dem Lagerhaus.

Oliver nahm die Sache sehr nett auf und war äußerst nachsichtig gegen den rasenden Schreiner. Warum sollten sie denn Streit miteinander anfangen? Er mußte lachen. Meinte Mattis vielleicht, er, Oliver, werde auf ihn losstürzen wie ein wildes Tier? Er mußte wieder lachen. War etwas nicht in Ordnung, so war es ein Versehen gewesen, das konnte jedem vorkommen.

„Ich hab' es nicht zum erstenmal gemerkt,” sagt Mattis.

Oliver schielt zu ihm hinüber und sagt: „Was das betrifft, so reiß' das Maul lieber nicht so weit auf. Du könntest sonst am Ende Zeugen beibringen müssen.”

Berntsen wiegt nach und füllt das Fehlende in den Sack; er gibt gutes Gewicht. „So sollst du für Mattis wägen,” sagt er und schlichtete damit den Streit. „Das war nicht schön von dir, Mattis, daß du mit dem Sack in der Stadt herumgerannt bist; du hättest hier auf der Stelle dein Recht bekommen.”

„Ich war aber doch rasend, denn es war nicht zum erstenmal.”

„Und das hören Sie mit an, Berntsen!” sagt Oliver und verlangt Zeugen.

Aber Berntsen ist ein alter, gewiegter Kaufmann und verfährt klug und vorsichtig; Schreiner Mattis war kein schlechter Kunde, er war Handwerksmeister mit Lehrling und Gesellen. Er hatte ein Haus, wenn auch kein Heim, er hatte nur Maren Salt, jawohl, aber darum war Mattis doch nicht der erste beste, und jetzt war er auch noch in den Gemeinderat gewählt.

„Nimm dich in acht, Oliver!” mahnte Berntsen. „Soweit ich es beurteilen kann, hast du den Fehler gemacht, und du darfst nicht leichtsinnig mit dem Gewicht umgehen, das würde dir der Herr Konsul auch sagen.”

Damit war diese Sache erledigt.

Dem Konsul war die Geschichte mitgeteilt worden; er selbst war ja natürlich über jeden Verdacht erhaben, aber geärgert hatte er sich doch. So, man lief also in der Stadt herum und ließ nachwägen, was bei ihm gekauft worden war? Und daß sich jemand herausnahm, in seinem Laden zu schreien: „Heraus mit dem Konsul!” das war genau so, wie wenn die Matrosen auf derFiaüber die Kost klagten. Nein, der alte gute Geist war von der Erde gewichen, alles sollte gleichgemacht und alle Grenzen sollten verwischt werden; man drängte sich an ihn heran, man mischte sich in seine Angelegenheiten, ein Doktor bildete sich ein, in seiner Gegenwart alles sagen zu dürfen! Und dann die vielen Konsuln, die in jeder Straße emporschossen!

Der Doktor hätte also eine passendere Zeit und Stunde finden können, um die Geduld des Konsuls auf die Probe zu stellen.

Es klopft an der Kontortür, und da der Konsul keine Antwort gibt, so ruft der Doktor: „Herein!” Auch das erlaubt sich der Doktor. Vor wenigen Jahren noch hätte der Konsul dem sofort ein Ende gemacht, früher war er nicht so wehrlos gewesen, jetzt schien er irgendwie innerlich geknickt zu sein. Was in aller Welt hatte er zu fürchten? Wußte der Doktor etwas vom ihm, dieser Bezirksarzt und Quacksalber, hatte er irgendeine Waffe gegen den Doppelkonsul?

Herein tritt der Apotheker. Er ist klein und nervös, beinahe gänzlich bartlos, ein vermöglicher Mann, verheiratet, aber kinderlos, mit Junggesellenmanieren, er trug fleckige Kleider und roch nach Medikamenten und Tabak.

„Guten Tag!” sagt er.


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